Das Ende der Termiten.

Rezension: Friedrich Reck-Malleczewen – Das Ende der Termiten. Ein Versuch über die Biologie des Massenmenschen. (1937). Kaplaken Band 48

Es empfiehlt sich – bevor man diesen scharfen Kaplaken-Band zu Hand nimmt –, Malleczewens „Tagebuch eines Verzweifelten“ und seine „Bockelson“-Chronik zu lesen, und bevor man die liest, sollte man wiederum die „Termiten“ kennen … Hier wird ein klassischer hermeneutischer Zirkel aufgebaut, die drei Bücher komplementieren und ergänzen einander und je besser man des Autors Gedankengänge kennt, um so besser erschließt sich das jeweilige Werk. Weiterlesen

Jean Paul: Zum 200. Todestag

Nicht von dieser Welt 

von Uwe Wolff (Angologe)

Flügel überall: Jean Paul (1763-1825) ist der Dichter der Freundschaft, der Liebe und der Engel. In keinem Werk der deutschen Literatur wuseln sie mehr herum, als in den Erzählungen und Romanen des Pastorensohnes aus Wunsiedel (Fichtelgebirge). Der hoch begabte Junge hatte einen wahrhaft enzyklopädischen Wissensdurst weit über die gelehrten Bücher hinaus. Die alten Sprachen lernte er bereits als Schüler mit jener Leichtigkeit, die seinen Lehrer erblassen ließ. Texte aus dem Alten Testament in hebräischer sowie griechische Texte des Neuen Testaments übersetzte er aus dem Stand ins Lateinische – die Wissenschaftssprache seiner Zeit.

Jean Paul war ein Überflieger. Weiterlesen

Magischer Moment in Halle

Es gab auf der Büchermesse „Seitenwechsel“ in Halle einen magischen Moment. Das heißt: Es mag mehrere solche Momente gegeben haben, aber ich war Zeuge eines solchen. Und er war – wie es für solche Momente konstitutiv ist – vollkommen ungeplant.

Vielleicht hat auch die Tatsache, daß viele rechte Denker offenbar ohne Uhr leben, damit zu tun. Weiterlesen

Wahnsinn! Büchermesse „Seitenwechsel“

Todmüde, die Augen brennen, die Stimme versagt, aber innerlich aufgewühlt – das Hirn arbeitet ununterbrochen, erinnert, legt zu spät leider ungesagte Worte in den Mund, schnittige Antworten, passende Fragen, sieht Gesichter, hört Stimmen …

Nachher braucht es einen Pálinka oder zwei, um es zu betäuben, aber zuvor noch ein schneller Eindruck von der Büchermesse „Seitenwechsel“ in Halle …, von der wir soeben zurückgekehrt sind. Alles nur hingerotzt, aus dem Affekt. Man müßte sammeln, notieren, Revue passieren lassen, sprechen, ordnen, um was Ordentliches draus zu machen. Das hier ist ein Schnellschuß, ein Schnappschuß, was gerade so einblitzt. Weiterlesen

Die Engel als Schlüssel zu Rilke

Rezension: Uwe Wolff: Tausend Nächte tief. Rilke und die Engel seiner Dichtung. 

Der Kulturbetrieb brummt zufrieden vor sich hin. Ob historische Ereignisse (Bauernkrieg), Todestage (Kafka) oder runde Geburtstage (Thomas Mann), fast schon routiniert wirft er ein gerütteltes Maß an Mono- und Biographien aus. So auch ein halbes Dutzend im Falle Rilke, anläßlich seines 150. Geburtstages; die meisten davon dickleibig, minutiös, geradlinig mit sattem Apparat und unzähligen Fußnoten. Sie nennen sich in der Regel „Eine Biographie“ und rekapitulieren meist das Altbekannte mit einem Schuß Abweichung, einer sogenannten „neuen Perspektive“.

Wenn einer diesen Massiven ein schmales Bändchen von 150 Seiten dagegenhält und dies als „Die Biographie“ apostrophiert, dann muß er der Meinung sein, einen, vielleicht den Schlüssel zu Werk und Person gefunden zu haben, Weiterlesen

Lektüren Oktober 2025

Einerseits zur Selbstdisziplinierung und -motivation, andererseits weil es einigen Leuten gefallen hat, beginne ich wieder mit den monatlichen Kurzbesprechungen der Leseliste. 

Joseph Roth: Hiob (1930)

Eigentlich eine Spätseptemberlektüre, aber weil sie mich so mitgenommen hat und so lehrreich ist, packe ich sie hier mit rein.

Dieses Buch habe ich zugleich gelesen und gehört und wenn man einen guten Vorleser hat, dann kann das den Eindruck potenzieren. Es braucht nur wenige Seiten, um zu begreifen, daß es ein Meisterwerk ist. Diese Geschichte um den Toralehrer Mendel Singer, dem das Schicksal scheinbar immer böse mitspielt, der alle seine Kinder verliert und schließlich auswandern muß, berührt überhaupt nur deswegen, weil ein Meister der Sprache sie bearbeitet hat. Da sitzt jedes Wort und jede Pause, das ist so tief ins jüdische Denken eingefühlt, Roth weiß exakt, wo er die Schrauben anziehen und wo er sie lockern muß … schon rein ästhetisch reißt es einen mit! Weiterlesen

Andreas Karlstadt – Luthers Nemesis

Zum Reformationstag

„Muntzer, Karlstad et similis farinae homines mei sunt incarnati Diaboli.“[1] Luthers Urteil stand fest. Karlstadt (1480[2]-1541) sei ein „rottischer, stürmischer, schwärmerischer“, ein „Allstetter Geist“[3]. Und dieses Urteil blieb an dem Manne haften, der einst sein Kampfgefährte, Lehrer und Schüler und darüber in Verruf und fast in Vergessenheit geraten war.

Erst 350 Jahre nach Luthers Diktum begann Karlstadt wieder ins historische Bewußtsein zu rücken, als ihn Jäger[4] und vor allem Barge[5] wiederbelebten – aber auch sie waren prolutherisch. Gänzlich vergessen war sein Denken freilich nie – es wirkte subkutan in Wiedertäufer-Bewegungen, im Pietismus weiter und noch Walentin Weigel berief sich darauf[6].

Die Reformationsforschung hat in den letzten Dekaden enorme Fortschritte gemacht, Karlstadt wurde neu bewertet und mit dem Abschluß der Kritischen Gesamtausgabe in neun voluminösen Bänden[7], dürfte bald eine zweite Renaissance zu erwarten sein. Immerhin hatte schon die Literatur das enorme Potential dieser wendungs- und ereignisreichen Figur entdeckt, allen voran A.O. Schwedes „Der Widersacher[8]. Auch in der neueren Luther-Biographik tritt Karlstadt prominenter hervor, bildet mitunter sogar das heimliche Zentrum des Reformator-Lebens[9]. Die Reformation drehte sich um Luther, aber Luther kreiste bis 1525 wesentlich um Karlstadt.

Beider Leben waren so komplex wie ihre Zeit[10], sie laufen in seltsamer Verquickung nebeneinander ab, mit auffälligen Parallelen und Abhängigkeiten und einem Hang zum gegenseitigen Übertrumpfen. Beide studierten zeitgleich in Erfurt, beide hatten eine schicksalhafte Romreise, die sie dem Papismus entfremdete, beide ein „Stotternheim-Erlebnis“[11], beide hatten dem Theologen Johann von Staupitz geistige Durchbrüche zu danken, waren stark von der Mystik, von Tauler und der „Theologia Deutsch“ beeinflußt, sie teilten auch ein entscheidendes Augustin-Erlebnis.

Karlstadt – von der Scholastik kommend, aber auch damals schon Originalität beanspruchend –, lehrte als Professor, Dekan und Archidiakon der Stiftskirche seit 1511 an der Leukora in Wittenberg. Er hatte Augustin erst durch seinen Doktoranden Luther kennengelernt[12]. Für den Augustinermönch war das eine feste Autorität, Karlstadt meinte, ihn widerlegen zu können, studierte ihn und mußte sich revidieren. Das war ein Charakterzug, den er Luther voraushatte: er neigte nicht zum Dogmatismus, änderte seine Position fließend, wollte lernen statt lehren, aber für ihn schien jede neue Erkenntnis zugleich einen Verkündigungsauftrag zu beinhalten.

Kaum hatte er sich zur frühlutherischen Theologie durchgerungen, heftete er ein halbes Jahr vor Luthers vermeintlicher Pioniertat gleich 152 Thesen an die Kirchentür – das erste reformatorische Dokument in Wittenberg. Luther war begeistert. Noch stark am Kirchenlehrer orientiert, rang sich der einstige Thomist fast zum sola-scriptura-Gedanken durch, schloß sich Augustins sola gratia[13] an, begann an der päpstlichen Autorität zu zweifeln, erklärte die Konzilien für fehlbar und allein den Glauben als Weg zur Rechtfertigung (sola fide) – das war in nuce ein komplettes Reformationsprogramm! Doch es mußte erst Luthers Ablaßkritik kommen, um das Faß zum Überlaufen zu bringen.

Für eine kurze Weile gingen die beiden Reformatoren zusammen, zeitgenössische Quellen stellen sie auch zusammen dar, Karlstadt mitunter in führender Position. Mit seinen 95 Thesen übernahm Luther kurzzeitig die Führung im sich beschleunigenden reformatorischen Prozeß, die Verhöre beim päpstlichen Legaten Cajetan (Oktober 1518) und Nuntius Miltitz (Januar 1519) führten nur zur Verschärfung der Spannung, da hatte Karlstadt bereits den Streit mit Johannes Eck provoziert, der zur legendären Disputation auf der Pleißenburg (Juli 1519) führte.

Karlstadt machte aufgrund seiner pedantischen Art keine gute Figur und war dem Rhetoriker unterlegen – einmal mehr erwies sich seine scholastische Schulung als Hindernis. Auch konnte er sich aufgrund einer hartnäckigen Papsttreue – immerhin standen seine Pfründe auf dem Spiel – noch nicht auf Luthers Ablaßkritik einlassen, was schon 1516 zu Friktionen geführt hatte[14]. Ungeduldig riß Luther das Gespräch an sich und ließ sich zur Verteidigung einiger Positionen des Jan Hus hinreißen, ein Skandal, der ihm schließlich die Vorladung nach Worms (17.4.1521) einbrachte.

Da war Karlstadt schon nicht mehr dabei. Sich lang andeutende theologische und persönliche Diskrepanzen kamen zum Ausbruch. In der Frage nach der Autorität des Papstes lagen dem sogar biographische Prägungen zugrunde: Luther kämpfte vor allem in seiner Jugend gegen die übermächtige Vaterfigur[15], den er auch in seiner Theologie oder in seiner Teufelsfixierung sublimierte; Karlstadt hing an seiner Mutter und die war strenge Papistin. Nach Leipzig wandte sich Karlstadt verstärkt der Bibel zu.

Aus seinen Überlegungen zu Schrift, Geschriebenem und Beschreibendem ließe sich eine erste semiotische, strukturalistische Theorie filtern[16]. Er las über die Jakobusbriefe. Die hatten bei Luther keinen guten Leumund. Jakobus verbindet den Glauben mit den Werken, ein Gedanke, der Luthers Turmerlebnis, also die lichtvolle Erkenntnis aus Röm 1,17 – „Der Gerechte lebet aus Glauben“ – gleich doppelt widersprach, denn Paulus hatte sich Christus unterzuordnen. Vernunft war für den Juristen[17] ein wichtiges Hilfsmittel, für Luther war es die „Hure“, die den Glauben behinderte.

Schon 1520 reagierte Karlstadt auf die Abweisungen, Anfeindungen und Entfremdungen auch im familiären Kreis mit einem Gelassenheits-Konzept[18], das er auszubauen genötigt sein wird. Zuvor aber trat er mit einem ersten Bilder-Flugblatt innovativ auf. Luther hatte die Macht des neuen Druck-Mediums schnell begriffen und überschwemmte den Markt mit eigenen Schriften; in Zusammenarbeit mit Cranach war Karlstadt allerdings der erste, der die Macht der Bilder erfaßt hatte und ein Blatt vorlegte, daß man heute als Comic beschreiben könnte. Zu sehen waren zwei Fuhrwagen, respektive auf dem Weg in den Himmel oder die Hölle und den Reisenden wurden Gedankenblasen zugeordnet, in denen sich ihr Glaube, ihre Theologie aussprach. Die Gelassenheit war prominent vertreten, aber auch die Frage des freien Willens.

© Klassik Stiftung Weimar

Was in Wittenberg geschah, als Luther auf der Wartburg saß, gehört zu den am häufigsten erzählten Geschichten. Die Bewegung radikalisierte sich rasant. Mit Gabriel Zwilling oder den Zwickauer Propheten traten noch entschiedenere Kräfte auf, die Luthers Gedanken weitertreiben und in die Tat umgesetzt sehen wollten.

Als der Lutheraner Melanchthon Ende 1521 eine Privatmesse in beiderlei Gestalt abgehalten hatte – es wurden Brot und Wein gereicht –, da kündigte Karlstadt zum Weihnachtstag die erste öffentliche evangelische Messe an, an der 2000 Menschen in der Schloßkirche teilgenommen hatten. Sie enthielt ein ganzes Bündel an Neuerungen: es gab keine Beichtpflicht zur Kommunion, der Prediger trat in Laienkleidung auf, er sprach Deutsch, die Elevation der Hostie wurde unterlassen und damit die Transsubstantiation in Frage gestellt, Hostie und Kelch gereicht, wurden von den Gläubigen sogar in die Hand genommen – was zu Schwächeanfällen geführt haben soll.

All das kann man auch als Versuch lesen, die wildgewordene Bewegung in feste Bahnen zu leiten. Kurz darauf hob der Prälat durch die Ehe mit einem 15-jähriges Mädchen das Zölibat auf und legte alle akademischen Titel ab, auf die er so stolz war.

Berühmt-berüchtigt wurde Karlstadts Schrift „Von Abtuung der Bilder“ (Jan. 25). Auch sie diente der Kontrolle, der gesitteten Abnahme der Bilder, in denen er Götzen vermutete, die vom Glauben ablenkten. Weniger bekannt ist ihr zweiter Teil, gegen die Bettelei gerichtet, die in nuce ein sozialpolitisches Programm enthielt. Darin der richtungsweisende Satz: „Dan vor allen sollen wir den unßeren helffen, und aller meinste sorg haben, wie die unßere ernert werden.“[19]

Doch zwangsläufig kam es zu Zerstörungsorgien. Da stieg Luther von seinem Berg herab und donnerte der Welt seine rhetorisch brillanten und psychologisch ausgeklügelten Invocavitpredigten entgegen, setzte sich kraftvoll wieder an die Spitze der Bewegung und nahm alle Neuerungen zurück, um sie in den folgenden Jahrzehnten kontrolliert meist wieder einzuführen.

Es gab zahlreiche Differenzen zwischen den beiden Hauptprotagonisten der frühen Reformation, in der Bilder- und der Abendmahlsfrage konnte es keine Kompromisse geben. Karlstadt flüchtete sich erneut in die Gelassenheit[20], baute ein bislang noch kaum wahrgenommenes eigenes Verständnis, ja ein geschlossenes System auf[21] und er zog die praktische Konsequenz und wurde Bauer. Darin scheiterte er, von Luther gejagt.

Während Karlstadt vom pfründebesessenen Karrieristen zu Gelassenheit, Askese und körperlicher Arbeit gefunden hatte, wurde aus dem spindeldürren Mönch Luther ein Wein, Weib und Gesang liebender feister Patron.

Karlstadt war der hellste Komet am reformatorischen Himmel, Luther setzte sich selbst als Fixstern, der bis heute leuchtet.

[1] Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. Tischreden Band 2 1531 – 1546. Weimar 1913, S. 308 (1531)
[2] Das Geburtsjahr ist umstritten und variiert von 1477 bis 1486. Mir scheint sein Altersvorsprung zu Luther einleuchtend.
[3] Wider die himmlischen Propheten von den Bildern und Sakrament (1525)
[4] C.F. Jäger: Andreas Bodenstein von Carlstadt. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformationszeit aus Originalquellen gegeben. Stuttgart 1856
[5] Hermann Barge: Andreas Bodenstein von Karlstadt. Band 1: Karlstadt und die Anfänge der Reformation / Band 2. Karlstadt als Vorkämpfer des laienchristlichen Puritanismus. Leipzig1905
[6] Siehe: Siegfried Wollgast: Philosophie in Deutschland zwischen Reformation und Aufklärung 1550–1650. Berlin (Ost) 1988
[7] Kritische Gesamtausgabe der Schriften und Briefe Andreas Bodensteins von Karlstadt. 9 Bände. Gütersloh 2017 – 2025
[8] Alfred Otto Schwede: Der Widersacher. Ein Karlstadt-Roman. Berlin (Ost) 1982. Auch die Grand Dame des ostdeutschen historischen Romans, Rosemarie Schuder, hatte sich hochbetagt in ihrem letzten Buch der Figur angenommen, leider künstlerisch mißlungen.
[9] Etwa in: Lyndal Roper: Luther. Der Mensch. Frankfurt 2016
[10] „Wir sehen, die verschiedenen Stände des Reichs, Fürsten, Adel, Prälaten, Patrizier, Bürger, Plebejer und Bauern, bildeten im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eine höchst verworrene Masse mit den verschiedenartigsten, sich nach allen Richtungen durchkreuzenden Bedürfnissen. Jeder Stand war dem andern im Wege, lag mit allen andern in einem fortgesetzten, bald offnen, bald versteckten Kampf“ Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg. (1850). MEW 7, S. 340
[11] Luther gelobte 1505 nach einem Blitzeinschlag der Heiligen Anna Mönch zu werden; Karlstadt wird 1511 von Straßenräubern überfallen und böse zugerichtet und „und tat das Gelübde, wenn er mich infolge ihrer Fürsprache aus der Todes not erlöste und genesen ließe, in der Stadt Rom ihnen ein Meßopfer darzubringen. Und siehe! Wie alle an meinem Leben verzweifelten, so wunderten sie sich bald über meine rasche und völlige Genesung.“ (Barge, Band 1, S. 50f.)
[12] Ernst Kähler: Karlstadt und Augustin. Der Kommentar des Andreas Bodenstein von Karlstadt zu Augustins Schrift „De spiritu et litera“. Halle (S.) 1952, S. 1-62
[13] Heil ist nicht durch Verdienst, sondern nur göttliche Gnade zu erlangen.
[14] Karlstadt drohte Luther sogar mit einer Häresieklage.
[15] Niemand hat das besser beschrieben als Jakob Knudsen in seinem Doppelroman „Angst“ und „Mut“. Jakob Knudsen: Angst – Mod. Martin Luther (1914). København 2014
[16] Vgl: Friedel Kriechbaum: Grundzüge der Theologie Karlstadts: eine systematische Studie zur Erhellung der Theologie Andreas von Karlstadts (eigentlich Andreas Bodenstein 1480-1541) aus seinen eigenen Schriften entwickelt. Hamburg 1967.
[17] Die Bedeutung des Juristen Karlstadt hat Ulrich Bubenheimer herausgearbeitet in: Consonantia Theologiae et Iurisprudentiae – Andreas Bodenstein von Karlstadt als Theologe und Jurist zwischen Scholastik und Reformation. Tübingen 1977.
[18] Missive von der allerhöchsten Tugend Gelassenheit. In: Kritische Gesamtausgabe der Schriften und Briefe Andreas Bodensteins von Karlstadt: Band III: Briefe und Schriften 1520. Heidelberg 2020, S. 383 ff. Darin noch die direkte Anrede an Mutter und Familie; Karlstadt sah sich in der Nachfolge von Mt. 10,34ff., 12,46ff. u.a.
[19] Flugschriften der frühen Reformationsbewegung (1518-1524), Band 2. Berlin (Ost) 1983, S. 1025
[20] Was gesagt ist: Sich gelassen. Was das Wort Gelassenheit bedeutet und wo es in Heiliger Schrift erscheint. In: Kritische Gesamtausgabe der Schriften und Briefe Andreas Bodensteins von Karlstadt: Band VI: Briefe und Schriften 1523. Heidelberg 2023
[21] Kriechbaum, S. 12

zuerst in gekürzter Form erschienen in: Sezession 126

siehe weitere Artikel zum Reformationstag:

Luthers Fundamentalismus

Luthers Angst und Luthers Mut

Der deutsche Bauernkrieg

Karlstadt – Luthers (ewiger) Widersacher

Luther – Prophet der Deutschen

Die Welt ohne Luther

Luther als Schicksal

Luther der Deutsche

Luther als Prinzip

Nachruf auf den Humanismus

Es macht gewisse Schwierigkeiten, tradierte Ideale, scheinbar altbewährte Theorien, gewohnte Ansätze, anerkannte Begriffe und liebgewonnene Klassiker in Frage gestellt zu sehen. Aber es kann nicht Sinn und Zweck sein, sich derartiger Dinge immer wieder nur neu zu versichern, sie zu rekapitulieren, ohne dabei noch den offenen Blick auf Anderes zu haben.

Denken beinhaltet von je her eine permanente Verunsicherung, ein In-Frage-Stellen, und es hört dann auf, wenn es zur Sicherung einmal angenommener Positionen dient. Weiterlesen

Helmut Lethen: Stoische Gangarten

Stoisches Staunen über sich selbst

Rezension: Helmut Lethen: Stoische Gangarten: Versuche der Lebensführung.

Wie ging der abgeschmackte Spruch mit dem Wein, der immer besser wird? Helmut Lethen ist 39er Jahrgang, das Herz ist schwach, der Kopf hatte einen schweren Unfall erlitten, aber das Hirn arbeitet besser denn je. In immer kürzeren Abfolgen veröffentlicht er ein Buch nach dem anderen und während die „Stoischen Gangarten“ gerade erschienen sind, stapeln sich schon die Bücher und die beschriebenen Blätter für das nächste Werk. Als wollte da einer – wie Scheherazade – gegen das Unabänderliche anschreiben. Wer schreibt, bleibt, wer erzählt, lebt.

Der Mund geht ihm auch deswegen über, weil Lethen einer der wenigen ist, die verstanden haben, daß grundlegende Zäsuren stattfanden: Weiterlesen

Den Koran lesen

I took up the Bible and began to read, but my head was too much disturbed with the tobacco to bear reading, at least that time; only having opened the book casually, the first words that occur’d to me where these: Call on me in the day of trouble, and I will deliver, and thou shalt glorify me. (Robinson Crusoe)
Ich fummelte wie ein Irrer in dem ganzen Klo rum. Und dabei kriegte ich dann dieses berühmte Buch oder Heft in die Klauen … Leute, das konnte wirklich kein Schwein lesen. Beim besten Willen nicht. (Die neuen Leiden des jungen W.)

Robinson Crusoe, so erzählt uns Daniel Defoe, überlebte 28 Jahre auf einer einsamen Insel und dabei hat ihm – entgegen allen Popularisierungen – vor allem eines geholfen: die Bibel. Der Zufall (oder Gott?) wollte es, daß in einer der angeschwemmten Kisten auch das Buch lag, mit dem der junge Seemann zuvor noch keine Bekanntschaft geschlossen hatte. Im zweiten Jahr, während einer schweren Krankheit und seelischen Anfechtung, schlägt er es nach einem offenbarenden Traum auf und es spricht zu ihm. Weiterlesen

Ist der Terrorismus rhizomatisch?

Der Philosoph Gilles Deleuze hat schon in den siebziger Jahren das Bild des Rhizoms entwickelt, in dem er ausdrücken wollte, wie postmoderne Organisationen verfaßt sind: Sie gleichen dem Wurzelwerk von Bäumen, weithin verästelt, und sie lösen damit die straffen Hierarchien herkömmlicher Institutionen ab. Solchen wuchernden Rhizomen gleichen nun die dschihadistischen Netzwerke (Gilles Kepel)

Gilles Kepel, den man auch in Deutschland gerne als Terrorexperten zitiert, hatte bereits in seinem umfänglicheren Werk von 2009 – „Die Spirale des Terrors. Der Weg des Islamismus vom 11. September bis in unsere Vorstädte“ – seine Vorliebe für den Poststrukturalismus bewiesen, denn dort wollte er den Terror im Paradigmenwechsel von historischer Faktizität (das reale Ereignis) zur historischen Fiktionalität (das mediale Ereignis) beschreiben. Weiterlesen

Was ist ein Rhizom?

…was in Wirklichkeit nicht darstellbar ist, weil es ein Rhizom ist, eine unvorstellbare Globalität. Umberto Eco

Die Vokabel, die erstmals im vorab veröffentlichten Vorwort zu „Tausend Plateaus“ erscheint[1], dürfte zur mittlerweile bekanntesten, wenn nicht populärsten gehören, die fast schon identifikatorische Macht ausübt und damit beginnt, die Zwecke ihrer Schöpfer zu überwuchern. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb Deleuze den Terminus später nicht mehr aufnimmt. Spätestens seit Eco seinen Weltbestseller, die Zeichenwelt des William von Baskerville und das ominöse Labyrinth als Rhizom, rhizomförmig und Rhizom-Labyrinth kenntlich machte[2], dürfte der Begriff geläufig geworden sein, hat er die Grenzen esoterischer Kaderschmieden der Philosophie überschritten. Weiterlesen

Die Geburt des Feminismus aus dem Geist des Kynismus

„Ist es nicht eben diese Hipparchia, die, schon im frühen Morgen ihres Lebens vom Licht der Philosophie angestrahlt, aus der betäubenden Dumpfheit, worin die verpuppten Seelchen ihrer meisten Ge­schlechts­schwestern ihr Daseyn ver­träumen, zum Gefühl der Würde ihrer Natur erwacht ist?“ Wieland

Fast unbemerkt vollführt sich im kynischen Mantel eine metaphysische Revolution, der Diogenes Laertius nur wenige Zeilen zu widmen weiß. Es ist die einzige Lebens­beschreibung in seinem Monumentalwerk „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“, die eine Frau, eine Philosophin zum Gegenstand hat. Weiterlesen

Was ist Kynismus?

Die Freiheit ist ein so ätherisches Ideal, daß es der Versteifung bedarf. Arnold Gehlen
PDF: Was ist Kynismus?

Etwas stimmt in Raffaels Monumentalgemälde „Die Schule von Athen“ (1510) nicht. In diesem mit äußerster Akribie auf Symmetrie ausgerichteten Werk scheint das Gleichmaß gestört. Das Bild hat zwei Blickzentren. In der geometrischen Mitte stehen die Herrengestalten Platon und Aristoteles, rechts und links von ihnen diskutiert man eifrig in kleinen Gruppen, zu ihren Füßen jedoch herrscht eine beunruhigende Leere. Weiterlesen

Es ist nicht zu halten …

Manchmal ertappe ich mich – spät in der Dunkelheit, wenn die Welt schläft und nur die Marder sich weit nach Mitternacht mit aufgeregten Schreien durch die Gassen jagen –, wie ich beim zweiten Glas des rubinroten „Primitivo“, der die Zunge ein wenig pelzig macht, im gelben Lichtkegel der Leselampe gedankenverloren im großartigen Magyar-Német Nagyszótár blättere – es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Markt – und mit selbstvergessenem Lächeln wundersame ungarische Wörter kaue und leise vor mich hin spreche, um ihr Geheimnis zu erlauschen.

Wie jener Dichter Lázár, den Sándor Márai in seinen großartigen „Wandlungen einer Ehe“ unter vier Protagonisten zum heimlichen Dreh- und Angelpunkt erkoren hatte. Weiterlesen

Nutzloses Dienen

Rezension: Henry de Montherlant: Nutzloses Dienen.

Was haben wir hier? So zu fragen, beinhaltet schon das Eingeständnis, es nicht zu wissen. Es sind fünf kurze und sehr verschiedene Stücke – so viel können wir festhalten –, Essays, Reden und ein Brief an den Sohn. Sie entstammen einer umfänglicheren Sammlung gleichen Titels „Service inutile“, ein 200-Seiten Buch im Original. Hier haben wir eine kleine Auswahl, vielleicht ein Viertel davon.

Die Auswahl ist natürlich alles andere als willkürlich und egal, was man von den Beiträgen hält, „die suggestive Kraft der Parole Nutzloses Dienen“ rechtfertigt schon das Büchlein und „wer sie nicht spürt“ – schreibt Herausgeber Kubitschek im Vorwort ganz zu recht – der „kann das Büchlein gleich zuklappen und weiterverkaufen“ Punkt. Weiterlesen

Vortrag: Mehr Lenin wagen!

Alter weißer Mann versucht vor scharf gescheiteltem Publikum, Lenin schmackhaft zu machen. Am besten in doppelter Geschwindigkeit anzuhören.

Warum die Deutschen?

In Ungarn gab ich gelegentlich ein paar Deutschstunden. Mein ausdauerndster Schüler war ein Mann von 80 Jahren, einst der Inhaber einer der größten Weingüter in dieser gottgesegneten Weingegend, promovierter Önologe.

Einmal wollte er die Deutsche Nationalhymne auswendig lernen und begann zu singen: „Deutschland, Deutschland über alles“. Er war überrascht, zu hören, daß man das nicht mehr singe, sondern nur noch „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Er fand das albern, man müsse doch auch einmal vergessen können … Weiterlesen

Das thomistische Naturrecht steht rechts

Rezension: Steven J. Jensen: Das Naturrecht. Ein thomistischer Leitfaden für Einsteiger. 

Von den drei Konkretisierungen im Untertitel wird vor allem die dritte eingelöst: für Einsteiger. Wer eine theoretische Erläuterung thomistischer Ethik oder eine Übersicht über das Denken Thomas von Aquins erwartet, ist hier ebenso falsch wie der Leser, der unter einem Leitfaden ein Handlungsgerüst oder eine systematisch begründete Herleitung erwartet. Die ersten beiden nicht eingelösten Ansprüche scheitern letztlich am dritten. Weiterlesen

Sprache und Sein – ein produktives Paradox

Lesen ist auf etwas zugehen, das gerade entsteht und von dem noch keiner weiß, was es sein ­wird … (Italo Calvino)
PDF: Sprache und Sein

Es gibt seit je eine Schere zwischen der Sprache und dem Sein, doch erst mit der Moderne beginnt diese sich in einem solch rasanten Tempo zu spreizen, daß es zunehmend schwie­riger wird, das Sein sprachlich bewältigen zu können, dem Sein zu ent-sprechen. Zu­nehmend werden die Menschen vom Sein überrannt – sie werden, im Verhältnis zu diesem, sprachlos. Dabei wird das überschüssige Sein erst vom Menschen in die Existenz gesetzt. Weiterlesen