Zum Reformationstag
„Muntzer, Karlstad et similis farinae homines mei sunt incarnati Diaboli.“[1] Luthers Urteil stand fest. Karlstadt (1480[2]-1541) sei ein „rottischer, stürmischer, schwärmerischer“, ein „Allstetter Geist“[3]. Und dieses Urteil blieb an dem Manne haften, der einst sein Kampfgefährte, Lehrer und Schüler und darüber in Verruf und fast in Vergessenheit geraten war.
Erst 350 Jahre nach Luthers Diktum begann Karlstadt wieder ins historische Bewußtsein zu rücken, als ihn Jäger[4] und vor allem Barge[5] wiederbelebten – aber auch sie waren prolutherisch. Gänzlich vergessen war sein Denken freilich nie – es wirkte subkutan in Wiedertäufer-Bewegungen, im Pietismus weiter und noch Walentin Weigel berief sich darauf[6].
Die Reformationsforschung hat in den letzten Dekaden enorme Fortschritte gemacht, Karlstadt wurde neu bewertet und mit dem Abschluß der Kritischen Gesamtausgabe in neun voluminösen Bänden[7], dürfte bald eine zweite Renaissance zu erwarten sein. Immerhin hatte schon die Literatur das enorme Potential dieser wendungs- und ereignisreichen Figur entdeckt, allen voran A.O. Schwedes „Der Widersacher“[8]. Auch in der neueren Luther-Biographik tritt Karlstadt prominenter hervor, bildet mitunter sogar das heimliche Zentrum des Reformator-Lebens[9]. Die Reformation drehte sich um Luther, aber Luther kreiste bis 1525 wesentlich um Karlstadt.

Beider Leben waren so komplex wie ihre Zeit[10], sie laufen in seltsamer Verquickung nebeneinander ab, mit auffälligen Parallelen und Abhängigkeiten und einem Hang zum gegenseitigen Übertrumpfen. Beide studierten zeitgleich in Erfurt, beide hatten eine schicksalhafte Romreise, die sie dem Papismus entfremdete, beide ein „Stotternheim-Erlebnis“[11], beide hatten dem Theologen Johann von Staupitz geistige Durchbrüche zu danken, waren stark von der Mystik, von Tauler und der „Theologia Deutsch“ beeinflußt, sie teilten auch ein entscheidendes Augustin-Erlebnis.
Karlstadt – von der Scholastik kommend, aber auch damals schon Originalität beanspruchend –, lehrte als Professor, Dekan und Archidiakon der Stiftskirche seit 1511 an der Leukora in Wittenberg. Er hatte Augustin erst durch seinen Doktoranden Luther kennengelernt[12]. Für den Augustinermönch war das eine feste Autorität, Karlstadt meinte, ihn widerlegen zu können, studierte ihn und mußte sich revidieren. Das war ein Charakterzug, den er Luther voraushatte: er neigte nicht zum Dogmatismus, änderte seine Position fließend, wollte lernen statt lehren, aber für ihn schien jede neue Erkenntnis zugleich einen Verkündigungsauftrag zu beinhalten.
Kaum hatte er sich zur frühlutherischen Theologie durchgerungen, heftete er ein halbes Jahr vor Luthers vermeintlicher Pioniertat gleich 152 Thesen an die Kirchentür – das erste reformatorische Dokument in Wittenberg. Luther war begeistert. Noch stark am Kirchenlehrer orientiert, rang sich der einstige Thomist fast zum sola-scriptura-Gedanken durch, schloß sich Augustins sola gratia[13] an, begann an der päpstlichen Autorität zu zweifeln, erklärte die Konzilien für fehlbar und allein den Glauben als Weg zur Rechtfertigung (sola fide) – das war in nuce ein komplettes Reformationsprogramm! Doch es mußte erst Luthers Ablaßkritik kommen, um das Faß zum Überlaufen zu bringen.
Für eine kurze Weile gingen die beiden Reformatoren zusammen, zeitgenössische Quellen stellen sie auch zusammen dar, Karlstadt mitunter in führender Position. Mit seinen 95 Thesen übernahm Luther kurzzeitig die Führung im sich beschleunigenden reformatorischen Prozeß, die Verhöre beim päpstlichen Legaten Cajetan (Oktober 1518) und Nuntius Miltitz (Januar 1519) führten nur zur Verschärfung der Spannung, da hatte Karlstadt bereits den Streit mit Johannes Eck provoziert, der zur legendären Disputation auf der Pleißenburg (Juli 1519) führte.
Karlstadt machte aufgrund seiner pedantischen Art keine gute Figur und war dem Rhetoriker unterlegen – einmal mehr erwies sich seine scholastische Schulung als Hindernis. Auch konnte er sich aufgrund einer hartnäckigen Papsttreue – immerhin standen seine Pfründe auf dem Spiel – noch nicht auf Luthers Ablaßkritik einlassen, was schon 1516 zu Friktionen geführt hatte[14]. Ungeduldig riß Luther das Gespräch an sich und ließ sich zur Verteidigung einiger Positionen des Jan Hus hinreißen, ein Skandal, der ihm schließlich die Vorladung nach Worms (17.4.1521) einbrachte.
Da war Karlstadt schon nicht mehr dabei. Sich lang andeutende theologische und persönliche Diskrepanzen kamen zum Ausbruch. In der Frage nach der Autorität des Papstes lagen dem sogar biographische Prägungen zugrunde: Luther kämpfte vor allem in seiner Jugend gegen die übermächtige Vaterfigur[15], den er auch in seiner Theologie oder in seiner Teufelsfixierung sublimierte; Karlstadt hing an seiner Mutter und die war strenge Papistin. Nach Leipzig wandte sich Karlstadt verstärkt der Bibel zu.
Aus seinen Überlegungen zu Schrift, Geschriebenem und Beschreibendem ließe sich eine erste semiotische, strukturalistische Theorie filtern[16]. Er las über die Jakobusbriefe. Die hatten bei Luther keinen guten Leumund. Jakobus verbindet den Glauben mit den Werken, ein Gedanke, der Luthers Turmerlebnis, also die lichtvolle Erkenntnis aus Röm 1,17 – „Der Gerechte lebet aus Glauben“ – gleich doppelt widersprach, denn Paulus hatte sich Christus unterzuordnen. Vernunft war für den Juristen[17] ein wichtiges Hilfsmittel, für Luther war es die „Hure“, die den Glauben behinderte.
Schon 1520 reagierte Karlstadt auf die Abweisungen, Anfeindungen und Entfremdungen auch im familiären Kreis mit einem Gelassenheits-Konzept[18], das er auszubauen genötigt sein wird. Zuvor aber trat er mit einem ersten Bilder-Flugblatt innovativ auf. Luther hatte die Macht des neuen Druck-Mediums schnell begriffen und überschwemmte den Markt mit eigenen Schriften; in Zusammenarbeit mit Cranach war Karlstadt allerdings der erste, der die Macht der Bilder erfaßt hatte und ein Blatt vorlegte, daß man heute als Comic beschreiben könnte. Zu sehen waren zwei Fuhrwagen, respektive auf dem Weg in den Himmel oder die Hölle und den Reisenden wurden Gedankenblasen zugeordnet, in denen sich ihr Glaube, ihre Theologie aussprach. Die Gelassenheit war prominent vertreten, aber auch die Frage des freien Willens.
Was in Wittenberg geschah, als Luther auf der Wartburg saß, gehört zu den am häufigsten erzählten Geschichten. Die Bewegung radikalisierte sich rasant. Mit Gabriel Zwilling oder den Zwickauer Propheten traten noch entschiedenere Kräfte auf, die Luthers Gedanken weitertreiben und in die Tat umgesetzt sehen wollten.
Als der Lutheraner Melanchthon Ende 1521 eine Privatmesse in beiderlei Gestalt abgehalten hatte – es wurden Brot und Wein gereicht –, da kündigte Karlstadt zum Weihnachtstag die erste öffentliche evangelische Messe an, an der 2000 Menschen in der Schloßkirche teilgenommen hatten. Sie enthielt ein ganzes Bündel an Neuerungen: es gab keine Beichtpflicht zur Kommunion, der Prediger trat in Laienkleidung auf, er sprach Deutsch, die Elevation der Hostie wurde unterlassen und damit die Transsubstantiation in Frage gestellt, Hostie und Kelch gereicht, wurden von den Gläubigen sogar in die Hand genommen – was zu Schwächeanfällen geführt haben soll.
All das kann man auch als Versuch lesen, die wildgewordene Bewegung in feste Bahnen zu leiten. Kurz darauf hob der Prälat durch die Ehe mit einem 15-jähriges Mädchen das Zölibat auf und legte alle akademischen Titel ab, auf die er so stolz war.
Berühmt-berüchtigt wurde Karlstadts Schrift „Von Abtuung der Bilder“ (Jan. 25). Auch sie diente der Kontrolle, der gesitteten Abnahme der Bilder, in denen er Götzen vermutete, die vom Glauben ablenkten. Weniger bekannt ist ihr zweiter Teil, gegen die Bettelei gerichtet, die in nuce ein sozialpolitisches Programm enthielt. Darin der richtungsweisende Satz: „Dan vor allen sollen wir den unßeren helffen, und aller meinste sorg haben, wie die unßere ernert werden.“[19]
Doch zwangsläufig kam es zu Zerstörungsorgien. Da stieg Luther von seinem Berg herab und donnerte der Welt seine rhetorisch brillanten und psychologisch ausgeklügelten Invocavitpredigten entgegen, setzte sich kraftvoll wieder an die Spitze der Bewegung und nahm alle Neuerungen zurück, um sie in den folgenden Jahrzehnten kontrolliert meist wieder einzuführen.
Es gab zahlreiche Differenzen zwischen den beiden Hauptprotagonisten der frühen Reformation, in der Bilder- und der Abendmahlsfrage konnte es keine Kompromisse geben. Karlstadt flüchtete sich erneut in die Gelassenheit[20], baute ein bislang noch kaum wahrgenommenes eigenes Verständnis, ja ein geschlossenes System auf[21] und er zog die praktische Konsequenz und wurde Bauer. Darin scheiterte er, von Luther gejagt.
Während Karlstadt vom pfründebesessenen Karrieristen zu Gelassenheit, Askese und körperlicher Arbeit gefunden hatte, wurde aus dem spindeldürren Mönch Luther ein Wein, Weib und Gesang liebender feister Patron.
Karlstadt war der hellste Komet am reformatorischen Himmel, Luther setzte sich selbst als Fixstern, der bis heute leuchtet.
[1] Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. Tischreden Band 2 1531 – 1546. Weimar 1913, S. 308 (1531)
[2] Das Geburtsjahr ist umstritten und variiert von 1477 bis 1486. Mir scheint sein Altersvorsprung zu Luther einleuchtend.
[3] Wider die himmlischen Propheten von den Bildern und Sakrament (1525)
[4] C.F. Jäger: Andreas Bodenstein von Carlstadt. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformationszeit aus Originalquellen gegeben. Stuttgart 1856
[5] Hermann Barge: Andreas Bodenstein von Karlstadt. Band 1: Karlstadt und die Anfänge der Reformation / Band 2. Karlstadt als Vorkämpfer des laienchristlichen Puritanismus. Leipzig1905
[6] Siehe: Siegfried Wollgast: Philosophie in Deutschland zwischen Reformation und Aufklärung 1550–1650. Berlin (Ost) 1988
[7] Kritische Gesamtausgabe der Schriften und Briefe Andreas Bodensteins von Karlstadt. 9 Bände. Gütersloh 2017 – 2025
[8] Alfred Otto Schwede: Der Widersacher. Ein Karlstadt-Roman. Berlin (Ost) 1982. Auch die Grand Dame des ostdeutschen historischen Romans, Rosemarie Schuder, hatte sich hochbetagt in ihrem letzten Buch der Figur angenommen, leider künstlerisch mißlungen.
[9] Etwa in: Lyndal Roper: Luther. Der Mensch. Frankfurt 2016
[10] „Wir sehen, die verschiedenen Stände des Reichs, Fürsten, Adel, Prälaten, Patrizier, Bürger, Plebejer und Bauern, bildeten im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eine höchst verworrene Masse mit den verschiedenartigsten, sich nach allen Richtungen durchkreuzenden Bedürfnissen. Jeder Stand war dem andern im Wege, lag mit allen andern in einem fortgesetzten, bald offnen, bald versteckten Kampf“ Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg. (1850). MEW 7, S. 340
[11] Luther gelobte 1505 nach einem Blitzeinschlag der Heiligen Anna Mönch zu werden; Karlstadt wird 1511 von Straßenräubern überfallen und böse zugerichtet und „und tat das Gelübde, wenn er mich infolge ihrer Fürsprache aus der Todes not erlöste und genesen ließe, in der Stadt Rom ihnen ein Meßopfer darzubringen. Und siehe! Wie alle an meinem Leben verzweifelten, so wunderten sie sich bald über meine rasche und völlige Genesung.“ (Barge, Band 1, S. 50f.)
[12] Ernst Kähler: Karlstadt und Augustin. Der Kommentar des Andreas Bodenstein von Karlstadt zu Augustins Schrift „De spiritu et litera“. Halle (S.) 1952, S. 1-62
[13] Heil ist nicht durch Verdienst, sondern nur göttliche Gnade zu erlangen.
[14] Karlstadt drohte Luther sogar mit einer Häresieklage.
[16] Vgl: Friedel Kriechbaum: Grundzüge der Theologie Karlstadts: eine systematische Studie zur Erhellung der Theologie Andreas von Karlstadts (eigentlich Andreas Bodenstein 1480-1541) aus seinen eigenen Schriften entwickelt. Hamburg 1967.
[17] Die Bedeutung des Juristen Karlstadt hat Ulrich Bubenheimer herausgearbeitet in: Consonantia Theologiae et Iurisprudentiae – Andreas Bodenstein von Karlstadt als Theologe und Jurist zwischen Scholastik und Reformation. Tübingen 1977.
[18] Missive von der allerhöchsten Tugend Gelassenheit. In: Kritische Gesamtausgabe der Schriften und Briefe Andreas Bodensteins von Karlstadt: Band III: Briefe und Schriften 1520. Heidelberg 2020, S. 383 ff. Darin noch die direkte Anrede an Mutter und Familie; Karlstadt sah sich in der Nachfolge von Mt. 10,34ff., 12,46ff. u.a.
[19] Flugschriften der frühen Reformationsbewegung (1518-1524), Band 2. Berlin (Ost) 1983, S. 1025
[20] Was gesagt ist: Sich gelassen. Was das Wort Gelassenheit bedeutet und wo es in Heiliger Schrift erscheint. In: Kritische Gesamtausgabe der Schriften und Briefe Andreas Bodensteins von Karlstadt: Band VI: Briefe und Schriften 1523. Heidelberg 2023
[21] Kriechbaum, S. 12
zuerst in gekürzter Form erschienen in: Sezession 126
siehe weitere Artikel zum Reformationstag:
Luthers Fundamentalismus
Luthers Angst und Luthers Mut
Der deutsche Bauernkrieg
Karlstadt – Luthers (ewiger) Widersacher
Luther – Prophet der Deutschen
Die Welt ohne Luther
Luther als Schicksal
Luther der Deutsche
Luther als Prinzip
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