Sprache und Sein – ein produktives Paradox

Lesen ist auf etwas zugehen, das gerade entsteht und von dem noch keiner weiß, was es sein ­wird … (Italo Calvino)
PDF: Sprache und Sein

Es gibt seit je eine Schere zwischen der Sprache und dem Sein, doch erst mit der Moderne beginnt diese sich in einem solch rasanten Tempo zu spreizen, daß es zunehmend schwie­riger wird, das Sein sprachlich bewältigen zu können, dem Sein zu ent-sprechen. Zu­nehmend werden die Menschen vom Sein überrannt – sie werden, im Verhältnis zu diesem, sprachlos. Dabei wird das überschüssige Sein erst vom Menschen in die Existenz gesetzt. Weiterlesen

Junger Mann mit 77 Jahren

In seinen „Stoischen Gangarten“ nennt Helmut Lethen zwei biographische, zwei zufällige Ereignisse, die in ihm eine „Wende des Denkens zur Schwermut“ ausgelöst und mithin ursächlich für das Verfassen dieses Buches wurden. Das eine war eine lebensbedrohliche Hirnblutung, die er im Mai 2022 erlitten hatte, das andere der Tod seines Freundes und Lehrers Hans-Thies Lehmann ein gutes Jahr darauf.

Da schreibt er den unscheinbaren Satz „Der Junge wurde nur siebenundsiebzig Jahre alt und starb im fernen Athen“. Mir gab es einen Stich! Weiterlesen

Erik Lehnert: Wozu Partei?

Rezension: Erik Lehnert: Wozu Partei? 

Eine Herangehensweise an eine Rezension ist es, den Gang der Gedanken nachzuzeichnen, durch Wiedergabe ausgewählter Passagen ein paar Höhepunkte oder typische Stellen zu markieren und das Ganze mit einigen wertenden Urteilen zu garnieren.

Hier geht das nur bedingt, das Buch ist zu aufgeladen, die klassische Besprechung müßte sich verheddern, den Rahmen ihrer Aufgabe sprengen, wäre letztlich vielleicht sogar länger als der zu besprechende Text. Wir müssen hier ganz im Abstrakten bleiben.

Lehnert argumentiert wie ein Maschinengewehr: Weiterlesen

Allahu Akbar – eine Klarstellung

Es scheint in der deutschen Presse und Öffentlichkeit ein Mißverständnis zu existieren, wenn es um die islamisch-arabische Phrase „Allahu Akbar“ geht. Zwischen ihr und dem Terror wird ein Kurzschluß herbeigeführt, der schlimme Folgen haben kann. Weiterlesen

Das Buch des Jahrzehnts: Bürgerkrieg und Romantik

Rezension: Thomas Schubert: Bürgerkrieg und Romantik im Realsozialismus.

Rudolf Bahro gilt als Mann von „nur“ zwei Werken. Für einen kurzen historischen Moment wurde „Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus“ weltbekannt – nur in der DDR, wo es verfaßt und die letztlich darin nach allen Regeln der marxistischen Kunst analysiert wurde, konnte man es nicht lesen. Im Westen war es ein Bestseller, verkaufte sich zu Hunderttausenden und wurde selbst von den marxistischen Granden Herbert Marcuse, Ernest Mandel und anderen als der wesentlichste Beitrag des zeitgenössischen Marxismus kenntlich gemacht.

Bahro versuchte zu begreifen, warum der „real-existierende Sozialismus“ so weit von jenem Zustand entfernt war, den Marx und Engels als geschichtsnotwendig entworfen hatten. Weiterlesen

Frauen und Kinder in Ungarn

Was in Ungarn sofort auffällt: Es gibt kaum ningelnde, nörgelnde, nervende Kinder. Zumindest habe ich noch kaum eines gesehen. In Deutschland jedoch genügen in der Regel fünf Minuten im Stadtzentrum oder einem Einkaufspalast, um gestreßten Müttern, die ihre Kleinen anblaffen, und weinenden, schreienden, zappelnden Kindern zu begegnen.

Mütter sind hier auffällig auf ihre Sprößlinge fokussiert. Weiterlesen

Antisemitismus. Frage und Versuch.

Rezension: Simon Kießling: Antisemitismus. Frage und Versuch.

Dieser Kaplaken-Band ist wesentlich! Simon Kießling scheint sich überhaupt nicht mit Platitüden abzugeben und nur dann das Wort zu ergreifen, wenn er was zu sagen hat, was andere noch nicht gesagt haben, und wenn er Kontroversen auslösen kann. So war das schon bei „Das neue Volk“, so ist es noch mehr bei „Antisemitismus. Fragen und Versuch.“ Es zeichnet auch den Verlag aus, diese gegen den Strich gebürsteten Gedanken zu veröffentlichen und gegen Kritik zu verteidigen. Weiterlesen

Grundtvigs Begriff der Volklichkeit

 Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl?

Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), der Mann mit dem lustigen Bart, ist an Bedeutung kaum zu überschätzen.

© Den store danske

© Den store danske

Denkt man an Dänemarks Geistesgrößen, dann fallen Namen wie Kierkegaard oder Hans Christian Andersen, tatsächlich hat aber keiner die skandinavischen Geisteswelten derart durchsäuert wie der in Europa wenig bekannte Grundtvig. Sein Werk ist enorm, vielfältig und schillernd; ohne ihn gäbe es das heutige Skandinavien nicht, wäre Dänemark nicht die Vorzeigedemokratie und ein Wohlfahrtsstaat geworden – und ohne die Umsetzung seiner Idee der „Volklichkeit“ beherbergte es wohl auch nicht das seit Jahrzehnten „glücklichste Volk“ Europas. Weiterlesen

Volklichkeit

Die Volklichkeit
(Gedicht von N.F.S. Grundtvig)

Volklich soll nun sein das Ganze
rings im Land von Kopf bis Fuß;
etwas Neues ist im Werke,
selbst ein Tor es sehen muß;
aber kann es, kaum geboren,
das ersetzen, was verloren?
Weiß man wirklich, was man will,
mehr als „Brot und Zirkusspiel“?
Mit Verlaub zu fragen!

Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl? Weiterlesen

Linke Liebe und richtige Liebe

Der aufrüttelnde – „Geschlechterrollen wurden in linken Kreisen höchstens pro forma in Frage gestellt“ – und bemerkenswert ehrliche – „ich stellte ihnen meine Vagina zur Verfügung, damit sie an und in mir ruhen und rasten konnten nach dem erschöpfenden Kampf gegen Nazis, die imperialistische Weltverschwörung und all die Bösen da draußen“ – Beitrag einer linken Feministin  führt mich down the memory lane, weckt Erinnerungen. Weiterlesen

H.C. Andersen zum 150. Todestag

von © Uwe Wolff

Weltruhm war dem wunderlichen Sohn eines armen dänischen Schusters wahrlich nicht in die Wiege gelegt. Aber eine Wahrsagerin hatte der Mutter prophezeit: „Ihm zu Ehren wird einst die Stadt Odense illuminiert werden.“ 1867 wurde Andersen Ehrenbürger von Fünens Hauptstadt. Weiterlesen

Martin Lichtmesz: Smarte Welt

Rezension: Martin Lichtmesz: Smarte Welt.

Dieser Tage konnte man eine Meldung aus Island lesen. Ein deutsches Kind war an der isländischen Küste in den Atlantikwellen ertrunken, und das, obwohl die Stelle als gefährlich bekannt war und Warnschilder darauf hinwiesen. Die Eltern konnten sich retten, mußten das Abdriften aber mit ansehen.

So ist der Mensch: er weiß vieles, kennt die Folgen und Gefahren – und macht es trotzdem. Weiterlesen

Unter der Wurzel der Fluß

Das beste Mittel, sich seiner nationalen Identität bewußt zu werden, ist, eine lange Zeit – in der Fremde zu leben.

Lang genug jedenfalls, um die erste Phase der Euphorie, der Freude am Neuen, Aufregenden, Unbekannten zu überstehen. Je besser man die Sprache beherrscht, umso deutlicher wird die Lektion, Weiterlesen

Ellen Kositza: Geschlecht und Politik

Rezension: Ellen Kositza: Geschlecht und Politik.

So ein Kaplaken-Bändchen hat höchstens hundert Seiten, Kleinformat, im Grunde ein längerer Aufsatz, in zwei Stunden gelesen, aber die darin behandelten Themen sind manchmal gigantisch groß – so ein Büchlein kann sie per se nicht ausfüllen.

So geht es auch mit Ellen Kositzas „Geschlecht und Politik“, das einen Riesenhorizont auftut und doch nur einen schmalen Pfad erschließen kann. Weiterlesen

Die ungarische Erinnerungskultur

Um den Unterschied in der Gedenkkultur zwischen Deutschen und anderen einmal greifbar zu machen, lade ich meine Leser zu einem kleinen Spaziergang durch eine x-beliebige ungarische Stadt ein. Nehmen wir zum Beispiel Kecskemét oder Szeged … nein, zu groß, nehmen wir also Baja, ganz im Süden, eine unscheinbare Stadt mit weniger als 40 000 Einwohnern, die kaum jemand kennt, die keine größere historische Bedeutung hat, irgendwie eine ganz normale Stadt.

Ich zähle hier an die hundert Denkmäler. Allein das ist eine große Überraschung. Weiterlesen

Die Geschichte der Zukunft

Die Geschichte der Zukunft und die Frage der Identität

Anthropologie ist jene Deutung des Menschen, die im Grunde schon weiß, was der Mensch ist und daher nie fragen kann, wer er sei. Denn mit dieser Frage müßte sie sich selbst als erschüttert und überwun­den bekennen. (Martin Heidegger)
Sicher gibt es bei Heidegger ein Bemühen, den Namen Nietzsche oder das „Wer ist Nietz­sche“ auf die Einheit der abendländischen Metaphysik, ja auf die Ein­zigkeit einer Grenzsi­tuation auf dem Gipfel dieser Metaphysik zu reduzieren. Und dennoch war die Frage „Wer ist X?“ seiner­zeit, auf Denker bezogen, eine seltene Frage; sie ist es noch immer, wenn man sie nicht in einem trivialen biographi­schen Sinn versteht. (Jacques Derrida)

Wie Alice das Wunderland durchstreift, gerät sie an eine blaue Raupe, mit der sie ins Ge­spräch kommt. Mit der Frage „‚Wer bist du?‘ erkundigte sie sich gelangweilt und mit schläfriger Stimme“. Alltäglicher und banaler kann ein Dialog kaum beginnen und doch: Weiterlesen

Das Ende der Kunst

Besonders unter Künstlern und Intellektuellen scheint die „Einwanderungsgesellschaft“ akzeptiert zu sein. Aber haben sich das unsere Gebildeten und Bildenden auch gut überlegt? Wissen sie – unter der Prämisse, daß die Zuwanderung zugleich eine deutliche Zunahme an Mitmenschen muslimischen Glaubens mit sich bringt, wissen sie also: Weiterlesen

Von Ungarn, von Orbán lernen?

Eine der besten Anschaffungen der letzten Jahre und ein Moment, wo ich den Fortschritt bejahen kann, war das Internet-Radio. Nicht mehr Wellen, die durch die Luft wabern, bringen den Sound, sondern kleinste Datenpakete werden am Ende wieder zusammengepackt und man kann was hören: alles ein noch größeres Mysterium. Statt Wellen nun ein Stream … Und zwar von überallher.

Wo man früher feintariert vor dem beängstigenden Katzenauge sich in Tirana, Straßburg, Hilversum oder anderen geheimnisvollen Orten einhören mußte Weiterlesen

Haddsch

 „So before I was nine I had learned the basic canon of Arab life. It was me against my brother; me and my brother against our father; my family against my cousins and the clan; the clan against the tribe; and the tribe against the world. And all of us against the infidel.“ (Leon Uris: Haj)

Wer sind diese Menschen, die in Massen aus Syrien, Irak, Afghanistan und dem Maghreb  unsere Straßen beleben?

Die arabische Seele zu ergründen, hatte sich der amerikanisch-jüdische Autor Leon Uris schon vor Jahrzehnten vorgenommen. „Exodus“ wurde ein gigantischer Welterfolg, noch interessanter in dieser Hinsicht ist freilich sein spätes Werk „Haddsch“. Weiterlesen

Sloterdijk-Vortrag in Schnellroda