Die wahre Herrin der Runneburg

Die Maus ist das wahre Wappentier der Runneburg. Die Maus und nicht der Fisch.

Die beiden Fische im Wappen der Stadt Weißensee versteht heute niemand mehr, ebensowenig wie den See im Namen. Einst hat er dort gelegen, die kleine Stadt in Thüringen, gleich neben Sömmerda, umschlossen und wohl viel Fisch geliefert. Aber man legte ihn irgendwann trocken – der Mensch eben.

Über den Menschen an und für sich und über viele Menschen im Konkreten konnte ich auf der Runneburg viel lernen. Die jährlichen Grabungen dort gehören zu den prägenden Erlebnissen in meinem Leben, so etwa wie die Militärzeit. Es begann noch vor der Wende als Studenten-Sommer und damals, im ersten Jahr, saßen wir noch im FDJ-Hemd um das legendäre Lagerfeuer, das unzählige Geschichten erzählen könnte und das wie ein steinzeitliches Feuer über Wochen und Monate nicht erlosch.

Und danach war ich jeden Sommer dort, manchmal nur zwei Wochen und manchmal bis tief in den Oktober hinein. Wir schliefen in Zelten oder ganz im Freien, wir ackerten, entdeckten, gruben und tranken unfaßbar viel. Die mittelalterliche Landgrafen-Burg sollte zuerst vor der Zerstörung gerettet werden. Sie stand auf glitschigem Lehm und drohte den Abhang hinabzurutschen, also gruben wir sie im ersten Jahr bis auf den Grundstein frei und legten Drainagen. In den kommenden Jahren wurde dann archäologisch gearbeitet.

Je mehr wir fanden, umso bedeutender schien sie zu werden. Die Heilige Elisabeth war dort gewesen und der Chefarchäologe verlegte vor lauter Enthusiasmus auch den Sängerwettstreit dorthin. Und als man später eine Urkunde übers Bierbrauen fand, da konnte man auch das Bayrische Reinheitsgebot, das ja ein allgemein deutsches ist, in die Tonne drücken und Weißensee zum Bieräquator erklären. Und so weiter.

So funktioniert Geschichtsschreibung. Einer muß etwas ins Herz schließen, muß dazu „forschen“ und ausgraben, ein paar Veröffentlichungen platzieren und mit ein bißchen Glück wird sein persönlicher Kraftort zum Mittelpunkt der Welt.

Richtig begreiflich machte mir das die Maus. Wir fanden zwei Skelette. Das eine verdächtig knapp unter der Grasnarbe. Sollen wir nicht die Polizei holen, fragte ich. Aber nein, das kann man nicht gebrauchen, der Mann war mittelalterlich. Und dann fand ich da eine glasierte Tonscheibe in tiefen Schichten, die eigentlich das alte Alter der freigelegten Anlagen beweisen sollte und die das Ganze um drei-, vierhundert Jahre durcheinandergebracht hätte. Die zeigte ich dem Chefarchäologen, der sah sie verächtlich an und warf sie kurzerhand über die Burgmauer. „Tierverschleppung“, sagte er fast ein wenig beleidigt … und ging.

Die Maus war es also, die die Geschichte schrieb. Und passenderweise soll es nun auch die Maus gewesen sein, die im alten Marstall mit seinem alten Gebälk ein Kabel angeknabbert hat und somit den Brand auslöste, der durch die Gazetten ging. Zum Glück blieb der Turm stehen, den ich noch vor unseren Augen zerreißen sah und den man dann aufwendig wieder zusammenzog. Aber auch das Alte muß irgendwann gehen – daran erinnert uns der Brand.

Soweit, so gut und so normal – wenn auch traurig.

Aber daß einer schon zwei Tage später dazu ein durchaus ergreifendes Lied – natürlich reine KI, aber schon nicht schlecht gemacht – ins Netz legt[1], das geht über die menschliche Auffassungsgabe hinaus. Zehn Jahre war ich dort, es begann vor 35 Jahren mit Hacke, Schaufel, Schubkarre. Niemand hatte auch nur eine Ahnung von einem Telefon, das man tragen kann, und wir schrieben alles noch mit Hand und Schreibmaschine in vier Durchschlägen. Dreieinhalb Jahrzehnte liegen dazwischen, ein halbes Mannesleben – und doch Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende.

[1] Ob das nicht Heavy höchstpersönlich war?

Alles Makulatur

Zuletzt erkennen auch immer mehr Marxisten und sonstige Ideologen, die im 20. Jahrhundert hängengeblieben sind, daß ihre abstrakten Debatten und Fragen in einem kaum bewußten kulturellen Resonanzraum stattfanden, der mit dem Großen Austausch vernichtet wird. (Martin Sellner)

Irgendwann im Herbst 2015, als die Meldungen sich überschlugen, tagtäglich neue phantastische Zahlen von Menschen, die die Landesgrenze meist unkontrolliert überschritten hatten, genannt wurden, dazu Bilder scheinbar endloser Menschenschlangen und –mengen, die auf Autobahnen oder über Felder liefen, an Grenzstationen in großen Trauben hängen blieben, während offenbar verrückt Gewordene die Massen mit Heilsgesängen, Blumen, Teddybären und Tonnen an Altkleidern empfingen, irgendwann in dieser Zeit, saß ich mit meiner Frau – mit der ich damals jeden Tag, jede Stunde dieses eine Thema immer und immer wieder und immer fassungsloser besprach – im Wohnzimmer, das vom Boden bis zur Decke mit einer wunderschönen Buchtapete – in sechs europäischen Sprachen – ausgekleidet ist, an der seit Jahren der Blick mindestens ein Mal am Tag liebe- und auch ein wenig vorwurfsvoll – Warum hast du keine Zeit mehr für Fontane? Wie lang willst du den Goethe noch hinausschieben? Du wagst es, über skandinavische Literatur zu schreiben und hast den Olav Duun noch immer nicht gelesen! … – entlang glitt, und sagte plötzlich zu ihr, auf die Regale weisend: Das ist alles Makulatur!

Dabei sind in diesem Zimmer nur die belletristischen Werke, fein säuberlich nach Nationen und Chronologie sortiert, versammelt. Oben, im „Arbeitszimmer“ – ich schreib’s in Anführungszeichen, denn richtige Arbeit sieht anders aus – stehen die Philosophen und rangeln um das letzte bißchen Platz in den Bücherborden, und im Schlafzimmer die Theologie, und im Vorraum die Geschichte, und ganz unten, im Flur, die geliebten englischen und italienischen Krimis, daneben die Comics, und im Zimmer meiner Frau die umfangreiche Sammlung der Bloomsbury-Literaten, und ins Haus der Schwiegereltern wurde noch manch anderes aus Platzmangel ausgelagert. Alles Makulatur.

Sie sah mich mit skeptischen, fragenden Augen an.

Was meinst du?

Glaubst du, man wird mit diesen Menschen aus Syrien, Afghanistan, Irak, aus Eritrea und Somalia, ja selbst mit den Kosovaren, Bosniern, Armeniern und Tschetschenen über Heidegger oder über Marx oder gar Herbert Fritsche[1], den kaum ein Deutscher noch kennt, über Rilke, den großen Gombrowicz [2] oder auch nur über Arthur Conan Doyle reden können? Meinst du, sie werden unsere Probleme teilen und erst recht unsere intellektuellen Fragen und verfeinerten Diskussionen, oder denkst du wirklich, daß sie unseren ästhetischen Sinn haben werden? Der einzige Weg, mit ihnen auf abstrakter Ebene zu diskutieren, wird sein, Arabisch zu lernen und sich ihrer Kultur zu bemächtigen.

Vor allem, kann man denn annehmen, daß sie sich mit unserer Geschichte identifizieren, daß sie sich den Holocaust anhängen lassen werden?

Nein, das ist vorbei. Wo sie sind, wird unsere Kultur und unsere Vergangenheit nicht mehr sein – es mag einzelne Ausnahmen, es mag auch hier und da Liebhaber des Unsrigen geben (und mit diesen zu sprechen, könnte spannender werden als mit den meisten Deutschen).

Es ist nur eine Frage der Zeit und der Demographie und all das hier wird verschwunden sein, wird sich vielleicht in einige Bibliothekskeller verzogen haben, wo ein paar Bebrillte noch den Staub von den Büchern blasen und es wie ein geheimes, vergangenes Wissen studieren werden.

Unsere Bücher haben auch kaum Antworten auf ihre, der Neuen, Probleme, man wird in ihnen wenig Hilfreiches finden.

Und dann: sie kennen keine Bücher, sondern nur ein Buch und auch wenn sie Bibliotheken haben sollten, sie enthalten alle nur den einen Satz – Gott ist groß – und seine Ausfaltungen.

Und schlimmer noch: selbst wenn es das demographische Problem nicht gäbe, allein die technische Entwicklung macht in rasendem Tempo fast alles unzeitgemäß und unverständlich …

Das alles ist bald obsolet, das alles ist bald Makulatur. Es hat auch keinen Sinn mehr, neue Bücher zu schreiben und diesem Überfluß an belanglos Gewordenem noch mehr hinzuzufügen.

[1] Über dessen philosophisches Denken ich damals gerade ein Buch schreiben wollte, aber die Sinnhaftigkeit verlor, angesichts der unmittelbaren Gewalt der Bilder.
[2] Über den ich zwei kleinere Aufsätze für die Gombrowicz-Blätter verfaßt hatte.

Peter Sloterdijks Selbstoptimierung

Peter Sloterdijk denkt größer, räumlicher.

Unter Globalisierung etwa versteht er mehr als Vernetzung, grenzüberschreitenden Kapital- und Warenverkehr, kulturellen Austausch: Sie beginnt mit dem primordialen Globus, in den akustischen Sphären, den Klangkugeln der ersten Menschenhorden. Sie wird in frühen Kugelmeditationen in der Antike zur Theorie, die über die Reich- und Gottesreich-Lehren, mit der terrestrischen Globalisierung in der nautischen Expansion kulminierte und seit langem schon Realität ist. Wir befinden uns heute statt am Beginn der Globalisierung bereits in einer von zahlreichen komplexen Rückkopplungen und Asymmetrien geprägten post-globalisierten Phase.

Oder: Während man in der Ökologie vom „scheinevidenten“ Begriff Umwelt ausgeht und folglich beim Umweltschutz landet, entwirft Sloterdijk das Konzept der Sphären als immunologische Raumproduzenten: ein anderes In-der-Welt-Sein. In Religionen sieht er Übungssysteme, in Staaten Streßgemeinschaften undsoweiter.

Und so überschreitet auch sein Begriff der Selbstoptimierung geläufige Vorstellungen individueller Fähigkeitsverbesserungen durch Diäten, Coaching, Fitneß, Supplemente, Enhancing, Biohacking und dergleichen. Um das Wesen dieser Prozesse zu verstehen, ihre Vertikalität, gibt es im Moment kaum ein relevanteres Denken. Es schließt produktiv-überwindend an die bedeutendsten philosophischen Theoreme des letzten Jahrhunderts an, namentlich an Heidegger, Gehlen, Sartre und Foucault.

Selbstoptimierung wird bei Sloterdijk als Anthropotechnik gedacht. Das meint die gesamte Anthropogenese. Zuerst ist das ein paläopolitischer Prozeß, der lange vor den Hochkulturen einsetzte, der den Menschen auch nicht schon voraussetzt, sondern erst hervorbringt.[1]

In immer neuen Anläufen versucht Sloterdijk, eine Verbindung zwischen Heideggers Lichtung – die er als evolutives Produkt begreift – und paläontologischen Erkenntnissen herzustellen. Der Meister versuchte, vor die philosophische Anthropologie zu gelangen, aber Sloterdijk will mit einer weiteren Volte vor Heidegger beginnen: Die gebrauchsfertig ontologisch konstituierte Lichtung und der Mensch Heideggers werden von Sloterdijk erneut anthropologisch nach den Prozessen befragt, durch die der Mensch zu jenem Wesen erst wird, das Daseins-Status beansprucht.

Zudem will er auf ein Drittes, Höheres hinaus, der zweiwertigen Dichotomie von Leib und Seele entkommen: Ihr ist durch das Artifizielle in seinen zahlreichen Formen eine dritte ontologische Kategorie hinzugefügt worden. Letztlich wird die Geschichte des Menschen als Sphären-, als Verwöhnungs-, als Treibhaus-, als Inkubatorwesen, als „Immunologie“ entworfen, „als eine Serie von Versuchen, den menschlichen Brutkasten zu optimieren.“ Dies sei immer schon ein technischer, ein anthropotechnischer Vorgang gewesen. Die Anthropogenese könne nur im Wechselspiel mit diesen Techniken gedacht werden, sie schufen den Menschen als „Luxusphänomen“.

Homo Sapiens sei nur durch technogene Effekte entstanden, die „auf ihre eigene evolutive Drift zurückwirken“.

Ursächlich waren dafür vier „Paläopolitiken“, primäre Distanztechniken:

Die Insulation stellt einen Prozeß des In-die-Mitte-Nehmens der besonders vulnerablen Hordenmitglieder dar. Sie werden gegen feindliche Außenwirkungen „immunisiert“, eine erste Sphäre der Sicherheit, eine eigene Umwelt wird geschaffen.

Die Körperausschaltung beschreibt die erste technische Verwirklichung von Distanz, Differenzierung und Entlastung mit Hilfe von Würfen, Schlägen, Schnitten. In ihnen sind auch frühe Begriffe von Wahrheit angelegt: Wahr ist das, was trifft, paßt, nützlich ist, stimmt, standhält, sich einfügt, wirkt. „Damit tritt der evolutionäre Vorzug der Wahrheit vor Irrtum und Lüge auf die Bühne“.

Diese Vorgänge sind Voraussetzung für die typisch menschliche Neotenie – das Phänomen des zu früh Geborenwerdens. Erst das „stabilisierte Gruppen-Treibhaus“ der Horde ermöglicht einen „technisch eingerichteten externen Uterus“, in dem die bereits Geborenen weiterhin die Privilegien Ungeborener genießen. Dadurch kann das hochgradig hilflose und unfertige Menschenkind etwa zwei Drittel seiner Frühentwicklung außerhalb des mütterlichen Schutzraums erleben.

Die Übertragung ist schließlich der Prozeß, durch den diese schützenden Raumqualitäten auf größere soziale Gebilde wie Völker, Nationen oder Religionen übertragen werden. Diese primären Anthropotechniken – die Distanz zur Umwelt schaffen, eigene Sphären erzeugen und Verwöhnungseffekte hervorrufen – wirken sich evolutionär aus und sind daher schon immer Gen-Techniken.

Autotechnische Veränderungen des eigenen Seins gehören somit zum apriorischen Wesen des Menschlichen. Über die Optimierung des Menschen läßt sich heute weniger Bestimmtes sagen als über die Optimierung des Hominiden. Der achsenzeitliche Fokus vergißt 99%  der menschlichen Genese.

Der Mensch war gerade kein bewußtes Mängelwesen, kein wissentlich imperfektes Wesen. Zwar dockt Sloterdijk an Gehlens Analysen an, lehnt aber dessen „Miserabilismus“ ab, dreht die „Mängel“ ins Positive, denkt sie als Potenzen, als Überschuß an Möglichkeiten. Gehlen beschrieb den Menschen als ein biologisch unvollständiges, defizitäres Wesen, das im Vergleich zu Tieren mit mangelnden Instinkten, organischen Defiziten und einer offenen, überfordernden Umwelt ausgestattet ist.

Er benötige Institutionen als Entlastung und Kompensation. Familie, Staat, Recht, Moral, Religion, Sprache, Rituale sind stabile, überindividuelle Strukturen, die das Verhalten vorgeben, kanalisieren und automatisieren, sie schaffen Ordnung und Stabilität, schützen vor „Reizüberflutung“ der Weltoffenheit. Im Gegensatz zu Gehlen, der daraus die Erfordernis nach Disziplinierung, Ordnung, Zucht und Formierung ableitete[2], sieht Sloterdijk in Mangel und Weltoffenheit keine zu kompensierende Schwäche, sondern den produktiven Antrieb zur selbstgewählten Verbesserung und Überwindung:

Der Mensch ist für ihn kein Wesen, das durch äußere Institutionen entlastet und gezähmt werden muß, sondern ein aktives, asketisches, athletisches Subjekt, das sich durch Anthropotechniken bewußt aus seiner natürlichen Unvollkommenheit herausholt, sie in einen Überschuß an Möglichkeiten verwandelt und so eine offene, kreative und selbstverantwortete Existenz führt. Wo Gehlen Entlastung und Stabilisierung sucht, fordert Sloterdijk Anstrengung und Steigerung. Auch vor dem Hintergrund der Tatsache, daß der philosophischen Anthropologie eine verkappte Enttheologisierung des Menschen innewohnt.

Erst mit dem Fall aus der Mitte, die in der Renaissance zum prägenden Ausdruck und in Nietzsches Einsichten vollendet zur Sprache kam, wurde das Mängelbewußtsein evident, wurde also das Leiden an der eigenen Unvollkommenheit spürbar. Sloterdijk sieht darin das Potential zur Selbststeigerung: „Der Mensch, der aus der metaphysischen Mittellage entlassen ist, sofern er seine Lage recht versteht, ist zur Selbstverbesserung verdammt“, er muß „das Leben in der Immanenz als letzte Chance auffassen.“

Immanenz bedeutet das rein Diesseitige, ohne Ausweg ins Jenseits. Sloterdijk sieht hier eine radikale Chance: Das irdische Leben wird zur einzigen Arena der Erfüllung. Es gibt keine zweite Instanz – alles muß hier und jetzt geleistet werden. So verstandene Transzendenz hat nicht ein Jenseits zum Ziel, sondern das Jetzt: das Diesseits wird in ein höheres Diesseits transzendiert. Sich selbst übend zu formen und zu entwerfen, ist dem Menschen nicht wesensfremd, es gehört vielmehr zu seiner Natur, sich autotechnisch zu optimieren.

Nebenbei: Weder Arbeit (Marx) noch Kommunikation (Habermas), sondern Üben, Trainieren ist die eigentlich menschenkonstituierende Tätigkeit. Deshalb gibt es auch keine Entfremdung: Das Ergebnis des Tuns bleibt im Übenden selbst verkörpert. Dies ist ein Hauptgrund für die vehemente Ablehnung Sloterdijks von links.

Autoplastische Optimierung geschieht in ko-evolutiven Prozessen zwischen Mensch und (Um)Welt, die beide „Koexistierenden physiologisch verändert“. Den Menschen „als Gattungswesen wie als Matrix von Individualiserungschancen“ kann es in der bloßen Natur gar nicht geben, da er sich selbst erst „unter der Rückwirkung spontaner Prototechniken und in ‚Wohngemeinschaften‘ mit Dingen und Tieren hat bilden können.“

Der Mensch ist also Ergebnis und Produkt, aber auch Erzeuger technischer Einwirkungen und zugleich von Wechselwirkungen mit den ihn umgebenden Dingen, Tieren und anderen Menschen, die er umgekehrt ebenso verändert; Mensch und Welt werden als gleichursprünglich gedacht. Er ist Resultat der Technik, Nutzer der Technik und Träger der Technik selbst – der Anthropotechnik. Er schafft biologische, soziale, symbolische Immunsysteme und wird von diesen erschaffen.

Damit will Sloterdijk den von Heidegger beobachteten Mangel der Anthropologie – daß sie den Menschen immer schon voraussetze, seine Seins-Struktur verfehle, Dasein als Seiendes mißverstehe[3] – aufheben und verwinden, er will beschreibend und analysierend – dem hermeneutischen Zirkel vergleichbar – in den anthropologischen oder „anthropotechnischen Zirkel“ hineinkommen. Es ist aufgrund der inhärenten Selbststeigerung ein circulus virtuosus.

Dieser einst evolutive Vorgang könne und müsse heute bewußt im gesamttechnischen Maßstab umgesetzt werden. Bisher sei vom Menschen geschaffene Technik meist Allotechnik gewesen, das bedeutet: gewaltvoll, herrschaftlich, ausbeutend, vernutzend, widerstandsbrechend und gegen die Natur gerichtet.

Diese solle durch die Homöotechnik ersetzt werden, eine „naturähnliche“ Technik, die sich an natürliche Mechanismen anlehnt, sich in diese einschleust und mit dem Lebendigen zusammenarbeitet – etwa durch biotechnologische Ansätze, die evolutionäre Erfolgsmuster nutzen. Unter diesem Gesichtspunkt wird auch die Gentechnik gesehen, was im Anschluß an seine „Regeln für den Menschenpark“ zu einem veritablen Skandal geführt hatte[4].

Könnte man aber „der Natur des Gens gehorchen“, könnte man „dem Leben gehorchen und seine Pläne verstehen“ und sich diesen einfügen, dann läge auch die genetische Optimierung – ein „Pfuschverbot“ garantiert – im positiven anthropotechnischen Bereich. In der Phase der Entfesselung (Atom, Gen) und der Selbstbewußtwerdung der anthropotechnischen Prozesse, müsse ein „Codex der Anthropotechnik“ formuliert werden, der wiederum erst ontologisch und logisch – das ist Teil von Sloterdijks Bemühungen – neu aufgeklärt werden müsse.

Der Philosoph begründet die Selbstoptimierung jedoch nicht primär ethisch, sondern anthropologisch-historisch als Konsequenz und Notwendigkeit der Natur-, der Gesellschafts- und der Technikentwicklung sowie der neuen Bewußtseinszustände.

Im Individuum macht sich das durch eine „Vertikalspannung“ bemerkbar, einen „Differenzstreß in Bezug auf sein eigenes Sein- und Werdenkönnen“. Diese kann in dreierlei Gestalt auftreten: als Differenz mit sich selbst und seinen Möglichkeiten, als Differenz zum anderen und als divine Höhenorientierung. Der Begriff der „Vertikalspannung“ ist in einer Zeit des Egalitarismus, in der „sich die Menschen nur noch in der Horizontalen unterscheiden“ hochgradig subversiv.

Den „tiefen“ oder vertikalen Anthropotechniken, den asketischen Übungen, spirituellen Disziplinen, Übung und Training, den Kulturtechniken schlechthin widmete Sloterdijk mehrere Bücher, aber auch den „flacheren anthropotechnischen Selbsteinwirkungen“ wie Pädagogik, Athletik, Prothetik oder Kosmetik widmete er seine Aufmerksamkeit – sie werden heute unter dem üblichen oder horizontalen Begriff der Selbstoptimierung verstanden. Sein drittes großes Hauptwerk „Du mußt dein Leben ändern“ (2009) legt davon Zeugnis ab[5].

Darin wird auch das Konzept des „operablen Menschen“ entworfen, der Operationen in zweierlei Gestalt an sich durchführt. Einerseits handelt es sich um Optimierungen, die man an sich selbst bewirkt, das „Sich-Operieren“, andererseits „Lebensverbesserungen“, die man als „Zeitgenosse avancierter Erfindungen und Dienstleistungen seitens anderer in Anspruch nehme“.

Der operable Mensch bewirkt also Optimierungen an sich selbst und ist zugleich auf Optimierungen durch andere angewiesen. Es kommt zur „auto-operativen Krümmung des Subjekts“, also die „Rückbeziehung des sich Operieren-Lassens auf das Sich-Operieren“. Dadurch entsteht eine „Passivitätskompetenz“, eine „Bereitschaft zum Sich-Operieren-Lassen im eigenen Interesse“.

Je mehr wir an uns technisch verändern können, umso mehr können wir das auch an anderen – und diese an uns. Das Subjekt wird mehr und mehr Objekt des Handels der anderen. Sartre, dessen Aufruf zur authentischen Selbstschöpfung und Freiheit nur oberflächlich Sloterdijks Projekt ähnelt, hatte das aktive Handeln an den sadistischen und die Passivität an den masochistischen Pol verschoben[6].

Sloterdijk wendet sich auch gegen diesen angstbesetzten Miserabilismus, die apriorische perverse Unterstellung dem anderen gegenüber und bemerkt, daß die moderne „auto-operative Krümmung des Raumes“, diese Distinktion unterläuft, daß das „Für-andere-Sein“ als „Handeln-Lassen der anderen“ jenseits dieser Affektlagen gedacht und bejaht werden müsse.

Das „Lassen“ ist ein Können und keines der mystischen und noch heideggerischen Gelassenheit als Weisheit mehr, die ein Warten implizierte, sondern muß affirmativ, aktiv und klug zwischen willkommenen (Sich-Informieren-Lassen, Unterhalten-, Bedienen-, Heilen-Lassen usw.) und unwillkommenen Passivitäten (Sich-Manipulieren-, Ausbeuten-, Täuschen-Lassen etc.) unterscheiden lernen.

Auch Foucault verweigerte sich der philosophischen Anthropologie und wird produktiv erweitert. Sloterdijks Paläopolitik vertieft und reformuliert Foucaults Biopolitik als uranfängliche Immunisierung und Lebensgestaltung aus prähistorischen Bedingungen, während seine Anthropotechnik-Theorie Foucaults „Sorge um sich selbst“ in eine umfassende anthropologische und technische Dimension hebt – mit Fokus auf „vertikale Spannung“ zur Selbstüberschreitung und im Gegensatz zu Foucaults horizontaler Machtanalyse[7]. Sloterdijk verwandelt Foucaults historische Dekonstruktion von Macht in eine spekulative, sphärische und optimistische Ontologie, die transformative Übungen betont.

Anthropotechniken haben eine sozio-immunologische Seite, die die Gemeinschaft, und eine psycho-immunologische, die das Individuum optimiert. In ihren paläopolitischen Formen sind die Vertikalspannungen weltöffnend, in ihren athletischen, übenden selbststeigernd, in beiden selbstoptimierend. Man kann nicht nicht üben oder sich optimieren, denn Nicht-Üben übt noch immer das Nicht-Üben ein.

Leicht gekürzt zuerst erschienen in: Sezession 130

Siehe auch: Wo befindet sich der Menschenpark?

Der Weg aus dem Menschenpark

25 Jahre Sloterdijk-Skandal 

u.v.a.

 Literatur:
Ausgewählte Übertreibungen. Gespräche und Interviews. 2013
Das Menschentreibhaus. Stichworte zur historischen und prophetischen Anthropologie. 2001
Im selben Boot. Versuch über die Hyperpolitik. 1993
Nach Gott. Glaubens- und Unglaubensversuche. 2017
Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger. 2001
Regeln für den Menschenpark.1999
Sphären III – Schäume. 2004
Was geschah im 20. Jahrhundert. 2016
[1] Siehe: Wo befindet sich der Menschenpark? Sezession 122
[2] „So ist der Mensch schon rein physisch angewiesen auf Disziplinierung, Zucht, Training, auf eine große Beanspruchung von oben her, die nicht etwa schon indirekt durch die bloße lebensnotwendige Arbeit gewährleistet zu sein scheint; denn überall sehen wir noch mehr ausgebildet, nämliche eine bis ins einzelne durchgeführte Ordnung von Regeln und Gewohnheiten der Lebensführung.“ (Studien zur Anthropologie und Soziologie. Neuwied 1963, S. 38
[3] So ergibt eine kritische Besinnung auf die Idee einer philosophischen Anthropologie nicht nur ihre Unbestimmtheit und innere Grenze, sondern sie macht vor allem deutlich, daß überhaupt Boden und Rahmen fehlen für eine grundsätzliche Frage nach ihrem Wesen. Daher wäre es auch voreilig, nur deshalb, weil Kant die
drei Fragen der eigentlichen Metaphysik auf die vierte Frage, was der Mensch sei, zurückführt, diese Frage als anthropologische zu fassen und die Grundlegung der Metaphysik einer philosophischen Anthropologie zu übertragen. Anthropologie begründet nicht schon deshalb, weil sie Anthropologie ist, die Metaphysik. (Martin Heidegger, Kant und das Problem der Metaphysik. § 37).
oder: Die für die traditionelle Anthropologie relevanten Ursprünge, die griechische Definition und der theologische Leitfaden, zeigen an, daß über einer Wesensbestimmung des Seienden »Mensch« die Frage nach dessen Sein vergessen bleibt, dieses Sein vielmehr als »selbstverständlich« im Sinne des Vorhandenseins der übrigen geschaffenen Dinge begriffen wird. Diese beiden Leitfäden verschlingen sich in der neuzeitlichen Anthropologie mit dem methodischen Ausgang von der res cogitans, dem Bewußtsein, Erlebniszusammenhang. Sofern aber auch die cogitationes ontologisch unbestimmt bleiben, bzw. wiederum unausdrücklich »selbstverständlich« als etwas »Gegebenes« genommen werden, dessen »Sein« keiner Frage untersteht, bleibt die anthropologische Problematik in ihren entscheidenden ontologischen Fundamenten unbestimmt. (Sein und Zeit. § 10)
[4] Siehe „Menschenpark“ – ein Essay und ein Skandal. Sezession 121.
[5] Im übenden Leben des spirituell-asketischen, des virtuosen oder des athletischen Typs wirkt der Agent auf dem kurzen Weg des täglichen Trainings selbstverbessernd auf sich ein. Auf dem Weg der Weltverbesserung hingegen wandelt er sich zum Anwender sachlicher Optimierungsmittel, die seinen ethischen Status allenfalls indirekt, obschon nicht unbedeutend modifizieren. Diese Unterscheidung betrifft unmittelbar die Art und Weise, wie die Forderung nach Veränderung des Lebens die Existenz des Einzelnen modifiziert. Wo der metanoetische Imperativ zum vollen Preis angenommen wird, gerät das Dasein unter eine steile Vertikalspannung: Sie prägt dem Leben die Passionsform des vom Einzelnen gewählten Bereichs auf – sei es die der „religiösen“, der artistischen, der politischen und zeitweilig auch der sportlichen Sphäre. Wird hingegen der Imperativ zum halben Preis mitgenommen, wie in den flacheren Ausprägungen von Aufklärung, Fortschrittsdenken und Gutmenschentum, setzt sich ein Daseinsmodus durch, der sich an Lebenserleichterung, Abbau von Vertikalspannung und Passionsvermeidung orientiert. (Du mußt dein Leben ändern, S. 587f.)
[6] Jean Paul Sartre: Das Sein und das Nichts. Kapitel 3.1 und 3.2
[7] Indem ich diese allgemeine Frage stellte, indem ich sie an die griechisch-römische Kultur stellte, schien es mir, daß diese Problematisierung mit einer Reihe von Praktiken zusammenhing, die ein beträchtliches Gewicht in unseren Gesellschaften gehabt haben: Man könnte sie die „Künste der Existenz“ nennen. Darunter sind gewußte und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen die Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stilkriterien entspricht. (Foucault: Der Gebrauch der Lüste. S. 18)

Die Weisheit der Sprache

Im Ungarischunterricht – wir schreiben das Jahr 2017 – wurde im Vorbeigang die Steigerungsform erörtert. Man brauchte sich nicht lange aufhalten, da es eine der wenigen grammatischen Prinzipien ist, die für den Ausländer unproblematisch sind – die üblichen Ausnahmen nicht berücksichtigt. Dem Adjektiv wird in der ersten Steigerung ein –bb angehängt, wobei die Lautharmonie beim Verbindungsvokal zu beachten ist und in der zweiten Form noch ein –leg vorangestellt.

rossz = schlecht,

rosszabb = schlechter

legrosszabb = schlechteste, am schlechtesten

noch mal:

= gut

jobb = besser (das lange O wird nun kurz)

legjobb = am besten, beste

„Halt mal, langsam bitte“, sage ich: lassan kerem.

„,Jobb‘ bedeutet ja nicht nur ‚besser‘, sondern auch ‚rechts‘.

Wie man an ‚jobbra‘ (nach rechts) erkennt“ … oder an „Jobbik“, der nationalistischen Partei rechts von Orbán, die damals immerhin 20% des Wahlvolkes hinter sich wußte. Offiziell heißt die Partei „Jobbik Magyarországért Mozgalom“ (Bewegung für ein besseres Ungarn) – das „Jobbik“ als Verkürzung ist also ein Wortspiel, in dem das Bessere und das Rechte anklingt.

Ich lächelte meinen Sitznachbarn an, ein Künstler, der einst der westdeutschen KP nahestand und nun erstaunt ist, „mit so einer rechten Socke“ reden zu können. „Na und?“, fragt er.

„Das ist die Weisheit der Sprache“, antwortete ich. Das findest du in allen europäischen Sprachen: „Right is right and left is wrong“. Da er nicht gleich schaltet, erkläre ich es ihm in drei Sätzen:

Deutsch:

rechts – recht, das Recht, richtig

links – eine linke Type, link ist unbeholfen und moralisch verwerflich

Englisch hast du gerade gehört. Dazu kommt noch das aus dem Lateinischen stammende „sinister“ (finster, unheimlich)

Italienisch:

rechts – destra; destramente – gewandt oder geschickt

links – sinistra; sinistramente – finster, düster; sinistrare – schädigen

Dänisch:

rechts – højre; en højreafviger ist ein Rechtsbrecher

links – venstre; „Venstrehåndsarbejde” etwa kann man mit “Pfusch” übersetzen

Russisch (krame ich zu Hause zusammen):

rechts – право; die правда („Prawda“) kennt jeder, sie nennt sich „Wahrheit“

links – левый; bedeutet u.a. auch in den slawischen Sprachen „falsch“, „verkehrt“

So kann man das durch alle europäischen Sprachen „durchdeklinieren“. Nur das Ungarische, als weltenferner Meteorit auf dem Vielsprachenkontinent fehlte noch und nun haben wir es: jó/jobb.

„Aber funktioniert es auch mit links?“, fragte ich die Lehrerin. „Hat ‚bal‘ eine negative Konnotation?“ Nein, sie schüttelt zuerst den Kopf und überlegt: „,baleset‘ heißt nur ‚Unfall‘“.

„Das ist genau, was zu erwarten war!“, rief ich. „,Unfall‘ ist das schreckliche Ereignis und das ist logischerweise mit ‚links‘ verbunden. Und ‚balek‘“ – ich hatte inzwischen selber im Wörterbuch nachgeschaut –, „und ‚balek‘ ist der ‚Trottel‘“.

Was zu beweisen war.

Selbstverständlich ist das alles nur ein Spaß. Erstens gibt es immer wieder politische Verwischungen.

So ist z.B. die „Venstre Parti“ in Dänemark eine liberalkonservative und die „Radikale Venstre“ eine linksliberale Partei.

Dann ist die Ursache dieser Unterscheidung augenscheinlich mit der anthropologischen Konstante der Rechtshändigkeit der meisten Menschen – unabhängig von den Kulturen, aber abhängig vom Aufbau unseres Hirns – verknüpft.

Vor allem stammen die Begriffe von einer eher willkürlichen parlamentarischen Sitzordnung im Anschluß an die Julirevolution 1830 in Frankreich. Dort saßen die Gegner der Monarchie auf der linken, die Traditionalisten auf der rechten Seite. Aus diesem Grunde heißt auch die „Venstre“ in Dänemark so – sie sitzt seit 1848 links obwohl sie rechts ist. Die Begriffe haben sich gehalten.

Allerdings waren „links“ und „rechts“ auch damals, als man sich setzte, schon bedeutungsvoll. Aber einer mußte schließlich links sitzen.

Ein Wunder, daß die „Sprachsoldaten“ noch nicht auf diese sprachliche Diskriminierung des Linken, des linken Typen, der linken Hand und der Linken, gekommen sind.

Sloterdijks Kunst

Sloterdijk polarisiert. Die Kritiken seiner Bücher, im Feuilleton ebenso wie bei Amazon, legen Zeugnis davon ab. Halten die einen ihn für einen genialen und sprachakrobatischen Neudenker, so sehen die anderen in ihm einen Schwätzer und aufgeblasenen Besser- und Alleswisser. Am Grunde der Aversion liegt oft ein frustrierendes Lektürescheitern. Tatsächlich ist die Einstiegshürde hoch und tatsächlich kann man Sloterdijk ohne ironisches Zwinkern – und vielen Menschen fehlt der Zugang zur Ironie – nicht genießend lesen. Um trotzdem einige seiner Gedanken kennenzulernen, mag man zur Sekundärliteratur greifen. Die ist vergleichsweise noch immer gering – vermutlich ein Zeichen der intellektuellen Verunsicherung, aber auch des weitgehenden Ausschlusses aus der akademischen Gemeinde des „philosophischen Schriftstellers“. Weiterlesen

Huntington – 30 Jahre später

Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden. (Huntington)
„Wenn die Wirklichkeit die Ideologie widerlegt, so ist die Ideologie falsch, nicht die Wirklichkeit. Samuel Huntington wies 1996 in Kampf der Kulturen darauf hin, daß in Zukunft geistige und kulturelle Blöcke einander gegenüberstehen würden. Viele Idioten blickten damals allerdings nur auf Huntingtons erhobenen Zeigefinger und nicht auf das, worauf er hinwies. Die meisten dieser Idioten starren immer noch auf den Finger, obwohl die Realität dem amerikanischen Soziologen inzwischen recht gegeben hat.“ (Michel Onfray: Niedergang)

Vor drei Jahrzehnten, 1996, erschien eines der am meisten diskutierten und skandalisierten Bücher der Neuzeit: Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. In ihm entwarf er ein neues Paradigma des globalen politischen Zusammenlebens für die Zukunft. Anlaß genug, das Buch erneut zu studieren und abzuklopfen. Weiterlesen

Lektüren Februar 2026

Theodor Fontane: Effi Briest (1895)

Komme mir im Grunde genommen albern vor, solche Bücher noch vorzustellen. Fontane ist Fontane ist Fontane. Sollte ohnehin jeder wissen. Habe hier parallel gehört und gelesen, die Komplettlesung Gert Westphals, dessen Lebens-Entelechie gewesen sein muß, Fontane laut vorzulesen: Westphal ist Westphal ist Westphal. (beide 10/10)

Ralf Konersmann: Außenseiter. Ein Essay (2025)

War sehr gespannt auf dieses Buch, saß als Student mal in einem Seminar bei ihm und habe mich später gewundert, daß er so bekannt wurde. Schien von den Göttern begünstigt: jung, attraktiv, intelligent. Weiterlesen

Heideggers Heimkehr 47

Rezension: Hermann Heidegger: Heimkehr 47. Tagebuch-Auszüge aus der sowjetischen Gefangenschaft. Kaplaken 3, Antaios Verlag. Schnellroda 2007

Es gibt Bücher, die sollte man nicht besprechen. Denn das Sprechen über sie, behindert das Sprechen aus sich heraus und die Unmittelbarkeit solcher Zeugenberichte ist nie zu erreichen, aber schnell zerstört, zerquatscht.

Es muß jedenfalls ein Glücksfall für den Verlag gewesen sein, dieses handschriftliche Tagebuchmanuskript in die Hände bekommen zu haben. Das war ein würdiger Start des Projektes „Kaplaken“, Weiterlesen

Braucht der Osten eine eigene Zeitung?

Gastbeitrag von Kevin Naumann

Das aktuelle Jahr steht im Zeichen der Landtagswahl am 6. Weiterlesen

Nationaler Rock in Ungarn

Jede Lebensphase hat ihre Musik. Drei Jahrzehnte lang, in Wellen der Intensität, vertrat ich die Ansicht, daß Musik, die es wert ist, gehört zu werden, eines leisten müsse: sie dürfe Welt nicht ausblenden, sondern müsse auf sie hinweisen. Sloterdijk hatte – da lag mein Musikgeschmack längst fest – diese Gedanken in „Weltfremdheit“ theoretisch untermauert.

Musik mußte erlitten werden. Weiterlesen

Wo bleiben die Terroristen?

Despite the missteps of U.S. foreign policy, the terrorists‘ missteps have been even worse. That’s why I believe that our fears of terrorism are exaggerated. There just aren’t many terrorists, thank goodness.” Charles Kurzman

Um die Ecke denken, überraschen, nicht ausrechenbar sein … das hat mich schon immer fasziniert. Und wenn in einer Welt, in der wir permanent über die Tatsache stolpern, daß radikaler Islam Terrorismus in großer Zahl und quasi per Gesetz erzeugt, einer kommt und indirekt fragt: „Why are there so few Muslim Terrorists?“, warum es also eigentlich so wenige Terroristen gibt, dann hat er mich schon gebannt.

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20 Jahre Mohammed-Karikaturen

Hans Kirk schrieb in seinem Roman „Der Sklave“, daß es genüge, einen Sklaven ein einziges Mal auszupeitschen – beim zweiten Mal würde schon das Zeigen der Peitsche ausreichen, den Gehorsam zu erzwingen. Die Mohammed-Krise oder Karikaturen-Krise vom Herbst 2005 bis Frühjahr 2006 war eine solche einschneidende Zäsur, nicht nur für das kleine Dänemark, sondern für ganz Europa und die westliche Welt. Der Westen hat sich darin selbst spiegeln können, sich im Innersten kennengelernt; man kann an ihr, in ihren komplexen Verwicklungen und unterschiedlichen Interpretationen das Wesen von Politik, Islam und Islamismus kenntlich machen. Weiterlesen

Lektüren Januar 2026

Benedikt Kaiser: Der Hegemonie entgegen. (2025)

Benedikt Kaisers neues Buch richtet sich primär an die Neue Rechte und ihr Vorfeld, entwickelt aus seinem früheren „Solidarischen Patriotismus“ eine strategisch-taktische Ergänzung und – inspiriert von Antonio Gramsci – eine „integrale Strategie“ aus Metapolitik und Hegemonie, um kulturelle Gegenhegemonie aufzubauen. Trotz teils abstrakter, trockener und eklektischer Darstellung im Sinne der „Werkzeugkiste“ Foucaults, stellt das Werk einen wichtigen Meilenstein dar, an dem die Szene kaum vorbeikommt. Ausführliche Rezension hier. (8/10)

Peter Sloterdijk: Im selben Boot. Versuch über die Hyperpolitik. (1993) Weiterlesen

Das Dorf als Heiler

Rezension: Michael Beleites: Dorf-Ethos. Für eine bodenständige Moral

Das Dorf ist anders. Zum einen ist es toleranter, zum anderen aber auch widerständiger. Dies ist die Ausgangsthese. Aber warum? Um diese eminente Frage zu beantworten, dockt Michael Beleites an zwei Theoriebausteine an, im Moralischen an Hans Küngs „Welt-Ethos“-Projekt und im Sozial-biologischen an sein eigenes „biologisch-ökologisches Umweltresonanz-Konzept“, und verbindet beide. Weiterlesen

Die Fülle der Leere

Rezension: Ernst Osterkamp: Poesie der leeren Mitte – Stefan Georges Neues Reich. Weiterlesen

Benedikt Kaiser: Der Hegemonie entgegen.

Auch wenn Benedikt Kaisers neues Buch längst von Linksintellektuellen diskutiert wird, ist seine intendierte Zielgruppe unzweideutig: die Partei und ihr Vorfeld. Er richtet sich also an „uns“. Das Buch verhält sich zu seinem „Solidarischen Patriotismus“ wie die strategische und taktische Handlungsanleitung zur weltanschauliche Grundlegung, wenn auch auf einem gewissen Abstraktionsniveau.

Erschien das erste bei Antaios, so deutet der Verlagswechsel zum Jungeuropa Verlag schon eine gewisse inhaltliche Verlagerung an. Selbstbewußt hat man sich dort vom „Schnellrodaer Kernfeld“ emanzipiert, geht jetzt von einer Doppelspitze innerhalb der Neuen Rechten aus und nimmt für sich in Anspruch, an die frühe Neue Rechte stärker anzuschließen, inklusive „Europaorientierung, Kapitalismuskritik und Westbindungsaversion“. Weiterlesen

Wozu Politik? Vom Interesse am Gang der Welt.

Rezension: Erik Lehnert: Wozu Politik. Vom Interesse am Gang der Welt.

Erst als mir im Laufe der Lektüre der Sinn des „Wir“ aufging, bekam diese Schrift Brisanz. Wen meinte der Autor, wenn er von „wir“ sprach: uns alle? Die Deutschen? Oder die politisch Verbündeten? Nein, der Kreis muß noch enger, im Grunde genommen ganz eng gezogen werden – ohne daß er die größeren ausschließen würde.

2010 erschien dieser Kaplaken-Band – heute liest er sich natürlich ganz anders. Die Krise, von der Lehnert darin spricht, ist die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009, wo man für einen Augenblick den Eindruck gewinnen konnte, das westliche Wirtschafts- und Politsystem stehe auf tönernen Füßen. Seither hat es gravierende Einschnitte gegeben. Die eskalierende Migrationskrise hat die Karten neu gemischt, aus ihr ist eine neue wirkmächtige Partei entstanden und seit einem Jahr wirbelt Trump die „wertebasierte Ordnung“ durcheinander und nur wenige sehen den vorhergehenden Nexus mit Rußlands Überfall auf die Ukraine …

Kann das Buch vor diesem Hintergrund noch bestehen? Weiterlesen

Die Verteidigung des Fremden

Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze

Karl Heinz Bohrer versuchte zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder einen intrikaten Gedanken neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe. Weiterlesen

Der Islam i s t auch Deutschland

Rezension: Murad: Heimwärts – Über den Islam in Europa.

Ein Widerspruch der islamischen Theologie, die uns angeht, ist dieser: Sie will uns den Islam als große Alternative zur säkularen, sinn- und transzendenzleeren westlichen Welt anpreisen, aber ihre wesentlichen Beiträge kommen nicht aus dem Nahen Osten, sondern aus dem Westen selbst, sind von Konvertiten oder von europäisch sozialisierten Gelehrten geschrieben, schöpfen also aus der europäischen Tradition, die sie verwinden wollen. Das europäische Kulturerbe wirkt noch in seinen Selbstüberwindungsversuchen mit und der geistige Schatz des Islam reicht für die meisten modernen Menschen nicht aus. 

Abdal Hakim Murad, geborener Timothy Winter, ist so ein hochgebildeter englischer Konvertit, der aus beiden Quellen schöpfen kann. Weiterlesen

Demographische Konvergenzen

Welches geheime Gesetz ist am Wirken, wenn parallel zum Rückgang der Geburtenraten fast überall in der Welt das Durchschnittsalter kontinuierlich steigt, die Menschen immer älter werden und man heutzutage den Rentnern das Alter nicht mehr ansieht?

Dieser Trend wird sich auch nicht ändern, wenn der industrialisierte Westen seinem wohlverdienten ökonomischen und auch geistigen Niedergang entgegengeht. Weiterlesen