Peter Sloterdijk denkt größer, räumlicher.
Unter Globalisierung etwa versteht er mehr als Vernetzung, grenzüberschreitenden Kapital- und Warenverkehr, kulturellen Austausch: Sie beginnt mit dem primordialen Globus, in den akustischen Sphären, den Klangkugeln der ersten Menschenhorden. Sie wird in frühen Kugelmeditationen in der Antike zur Theorie, die über die Reich- und Gottesreich-Lehren, mit der terrestrischen Globalisierung in der nautischen Expansion kulminierte und seit langem schon Realität ist. Wir befinden uns heute statt am Beginn der Globalisierung bereits in einer von zahlreichen komplexen Rückkopplungen und Asymmetrien geprägten post-globalisierten Phase.
Oder: Während man in der Ökologie vom „scheinevidenten“ Begriff Umwelt ausgeht und folglich beim Umweltschutz landet, entwirft Sloterdijk das Konzept der Sphären als immunologische Raumproduzenten: ein anderes In-der-Welt-Sein. In Religionen sieht er Übungssysteme, in Staaten Streßgemeinschaften undsoweiter.
Und so überschreitet auch sein Begriff der Selbstoptimierung geläufige Vorstellungen individueller Fähigkeitsverbesserungen durch Diäten, Coaching, Fitneß, Supplemente, Enhancing, Biohacking und dergleichen. Um das Wesen dieser Prozesse zu verstehen, ihre Vertikalität, gibt es im Moment kaum ein relevanteres Denken. Es schließt produktiv-überwindend an die bedeutendsten philosophischen Theoreme des letzten Jahrhunderts an, namentlich an Heidegger, Gehlen, Sartre und Foucault.
Selbstoptimierung wird bei Sloterdijk als Anthropotechnik gedacht. Das meint die gesamte Anthropogenese. Zuerst ist das ein paläopolitischer Prozeß, der lange vor den Hochkulturen einsetzte, der den Menschen auch nicht schon voraussetzt, sondern erst hervorbringt.[1]
In immer neuen Anläufen versucht Sloterdijk, eine Verbindung zwischen Heideggers Lichtung – die er als evolutives Produkt begreift – und paläontologischen Erkenntnissen herzustellen. Der Meister versuchte, vor die philosophische Anthropologie zu gelangen, aber Sloterdijk will mit einer weiteren Volte vor Heidegger beginnen: Die gebrauchsfertig ontologisch konstituierte Lichtung und der Mensch Heideggers werden von Sloterdijk erneut anthropologisch nach den Prozessen befragt, durch die der Mensch zu jenem Wesen erst wird, das Daseins-Status beansprucht.
Zudem will er auf ein Drittes, Höheres hinaus, der zweiwertigen Dichotomie von Leib und Seele entkommen: Ihr ist durch das Artifizielle in seinen zahlreichen Formen eine dritte ontologische Kategorie hinzugefügt worden. Letztlich wird die Geschichte des Menschen als Sphären-, als Verwöhnungs-, als Treibhaus-, als Inkubatorwesen, als „Immunologie“ entworfen, „als eine Serie von Versuchen, den menschlichen Brutkasten zu optimieren.“ Dies sei immer schon ein technischer, ein anthropotechnischer Vorgang gewesen. Die Anthropogenese könne nur im Wechselspiel mit diesen Techniken gedacht werden, sie schufen den Menschen als „Luxusphänomen“.
Homo Sapiens sei nur durch technogene Effekte entstanden, die „auf ihre eigene evolutive Drift zurückwirken“.
Ursächlich waren dafür vier „Paläopolitiken“, primäre Distanztechniken:
Die Insulation stellt einen Prozeß des In-die-Mitte-Nehmens der besonders vulnerablen Hordenmitglieder dar. Sie werden gegen feindliche Außenwirkungen „immunisiert“, eine erste Sphäre der Sicherheit, eine eigene Umwelt wird geschaffen.
Die Körperausschaltung beschreibt die erste technische Verwirklichung von Distanz, Differenzierung und Entlastung mit Hilfe von Würfen, Schlägen, Schnitten. In ihnen sind auch frühe Begriffe von Wahrheit angelegt: Wahr ist das, was trifft, paßt, nützlich ist, stimmt, standhält, sich einfügt, wirkt. „Damit tritt der evolutionäre Vorzug der Wahrheit vor Irrtum und Lüge auf die Bühne“.
Diese Vorgänge sind Voraussetzung für die typisch menschliche Neotenie – das Phänomen des zu früh Geborenwerdens. Erst das „stabilisierte Gruppen-Treibhaus“ der Horde ermöglicht einen „technisch eingerichteten externen Uterus“, in dem die bereits Geborenen weiterhin die Privilegien Ungeborener genießen. Dadurch kann das hochgradig hilflose und unfertige Menschenkind etwa zwei Drittel seiner Frühentwicklung außerhalb des mütterlichen Schutzraums erleben.
Die Übertragung ist schließlich der Prozeß, durch den diese schützenden Raumqualitäten auf größere soziale Gebilde wie Völker, Nationen oder Religionen übertragen werden. Diese primären Anthropotechniken – die Distanz zur Umwelt schaffen, eigene Sphären erzeugen und Verwöhnungseffekte hervorrufen – wirken sich evolutionär aus und sind daher schon immer Gen-Techniken.
Autotechnische Veränderungen des eigenen Seins gehören somit zum apriorischen Wesen des Menschlichen. Über die Optimierung des Menschen läßt sich heute weniger Bestimmtes sagen als über die Optimierung des Hominiden. Der achsenzeitliche Fokus vergißt 99% der menschlichen Genese.
Der Mensch war gerade kein bewußtes Mängelwesen, kein wissentlich imperfektes Wesen. Zwar dockt Sloterdijk an Gehlens Analysen an, lehnt aber dessen „Miserabilismus“ ab, dreht die „Mängel“ ins Positive, denkt sie als Potenzen, als Überschuß an Möglichkeiten. Gehlen beschrieb den Menschen als ein biologisch unvollständiges, defizitäres Wesen, das im Vergleich zu Tieren mit mangelnden Instinkten, organischen Defiziten und einer offenen, überfordernden Umwelt ausgestattet ist.
Er benötige Institutionen als Entlastung und Kompensation. Familie, Staat, Recht, Moral, Religion, Sprache, Rituale sind stabile, überindividuelle Strukturen, die das Verhalten vorgeben, kanalisieren und automatisieren, sie schaffen Ordnung und Stabilität, schützen vor „Reizüberflutung“ der Weltoffenheit. Im Gegensatz zu Gehlen, der daraus die Erfordernis nach Disziplinierung, Ordnung, Zucht und Formierung ableitete[2], sieht Sloterdijk in Mangel und Weltoffenheit keine zu kompensierende Schwäche, sondern den produktiven Antrieb zur selbstgewählten Verbesserung und Überwindung:
Der Mensch ist für ihn kein Wesen, das durch äußere Institutionen entlastet und gezähmt werden muß, sondern ein aktives, asketisches, athletisches Subjekt, das sich durch Anthropotechniken bewußt aus seiner natürlichen Unvollkommenheit herausholt, sie in einen Überschuß an Möglichkeiten verwandelt und so eine offene, kreative und selbstverantwortete Existenz führt. Wo Gehlen Entlastung und Stabilisierung sucht, fordert Sloterdijk Anstrengung und Steigerung. Auch vor dem Hintergrund der Tatsache, daß der philosophischen Anthropologie eine verkappte Enttheologisierung des Menschen innewohnt.
Erst mit dem Fall aus der Mitte, die in der Renaissance zum prägenden Ausdruck und in Nietzsches Einsichten vollendet zur Sprache kam, wurde das Mängelbewußtsein evident, wurde also das Leiden an der eigenen Unvollkommenheit spürbar. Sloterdijk sieht darin das Potential zur Selbststeigerung: „Der Mensch, der aus der metaphysischen Mittellage entlassen ist, sofern er seine Lage recht versteht, ist zur Selbstverbesserung verdammt“, er muß „das Leben in der Immanenz als letzte Chance auffassen.“
Immanenz bedeutet das rein Diesseitige, ohne Ausweg ins Jenseits. Sloterdijk sieht hier eine radikale Chance: Das irdische Leben wird zur einzigen Arena der Erfüllung. Es gibt keine zweite Instanz – alles muß hier und jetzt geleistet werden. So verstandene Transzendenz hat nicht ein Jenseits zum Ziel, sondern das Jetzt: das Diesseits wird in ein höheres Diesseits transzendiert. Sich selbst übend zu formen und zu entwerfen, ist dem Menschen nicht wesensfremd, es gehört vielmehr zu seiner Natur, sich autotechnisch zu optimieren.
Nebenbei: Weder Arbeit (Marx) noch Kommunikation (Habermas), sondern Üben, Trainieren ist die eigentlich menschenkonstituierende Tätigkeit. Deshalb gibt es auch keine Entfremdung: Das Ergebnis des Tuns bleibt im Übenden selbst verkörpert. Dies ist ein Hauptgrund für die vehemente Ablehnung Sloterdijks von links.
Autoplastische Optimierung geschieht in ko-evolutiven Prozessen zwischen Mensch und (Um)Welt, die beide „Koexistierenden physiologisch verändert“. Den Menschen „als Gattungswesen wie als Matrix von Individualiserungschancen“ kann es in der bloßen Natur gar nicht geben, da er sich selbst erst „unter der Rückwirkung spontaner Prototechniken und in ‚Wohngemeinschaften‘ mit Dingen und Tieren hat bilden können.“
Der Mensch ist also Ergebnis und Produkt, aber auch Erzeuger technischer Einwirkungen und zugleich von Wechselwirkungen mit den ihn umgebenden Dingen, Tieren und anderen Menschen, die er umgekehrt ebenso verändert; Mensch und Welt werden als gleichursprünglich gedacht. Er ist Resultat der Technik, Nutzer der Technik und Träger der Technik selbst – der Anthropotechnik. Er schafft biologische, soziale, symbolische Immunsysteme und wird von diesen erschaffen.
Damit will Sloterdijk den von Heidegger beobachteten Mangel der Anthropologie – daß sie den Menschen immer schon voraussetze, seine Seins-Struktur verfehle, Dasein als Seiendes mißverstehe[3] – aufheben und verwinden, er will beschreibend und analysierend – dem hermeneutischen Zirkel vergleichbar – in den anthropologischen oder „anthropotechnischen Zirkel“ hineinkommen. Es ist aufgrund der inhärenten Selbststeigerung ein circulus virtuosus.
Dieser einst evolutive Vorgang könne und müsse heute bewußt im gesamttechnischen Maßstab umgesetzt werden. Bisher sei vom Menschen geschaffene Technik meist Allotechnik gewesen, das bedeutet: gewaltvoll, herrschaftlich, ausbeutend, vernutzend, widerstandsbrechend und gegen die Natur gerichtet.
Diese solle durch die Homöotechnik ersetzt werden, eine „naturähnliche“ Technik, die sich an natürliche Mechanismen anlehnt, sich in diese einschleust und mit dem Lebendigen zusammenarbeitet – etwa durch biotechnologische Ansätze, die evolutionäre Erfolgsmuster nutzen. Unter diesem Gesichtspunkt wird auch die Gentechnik gesehen, was im Anschluß an seine „Regeln für den Menschenpark“ zu einem veritablen Skandal geführt hatte[4].
Könnte man aber „der Natur des Gens gehorchen“, könnte man „dem Leben gehorchen und seine Pläne verstehen“ und sich diesen einfügen, dann läge auch die genetische Optimierung – ein „Pfuschverbot“ garantiert – im positiven anthropotechnischen Bereich. In der Phase der Entfesselung (Atom, Gen) und der Selbstbewußtwerdung der anthropotechnischen Prozesse, müsse ein „Codex der Anthropotechnik“ formuliert werden, der wiederum erst ontologisch und logisch – das ist Teil von Sloterdijks Bemühungen – neu aufgeklärt werden müsse.
Der Philosoph begründet die Selbstoptimierung jedoch nicht primär ethisch, sondern anthropologisch-historisch als Konsequenz und Notwendigkeit der Natur-, der Gesellschafts- und der Technikentwicklung sowie der neuen Bewußtseinszustände.
Im Individuum macht sich das durch eine „Vertikalspannung“ bemerkbar, einen „Differenzstreß in Bezug auf sein eigenes Sein- und Werdenkönnen“. Diese kann in dreierlei Gestalt auftreten: als Differenz mit sich selbst und seinen Möglichkeiten, als Differenz zum anderen und als divine Höhenorientierung. Der Begriff der „Vertikalspannung“ ist in einer Zeit des Egalitarismus, in der „sich die Menschen nur noch in der Horizontalen unterscheiden“ hochgradig subversiv.
Den „tiefen“ oder vertikalen Anthropotechniken, den asketischen Übungen, spirituellen Disziplinen, Übung und Training, den Kulturtechniken schlechthin widmete Sloterdijk mehrere Bücher, aber auch den „flacheren anthropotechnischen Selbsteinwirkungen“ wie Pädagogik, Athletik, Prothetik oder Kosmetik widmete er seine Aufmerksamkeit – sie werden heute unter dem üblichen oder horizontalen Begriff der Selbstoptimierung verstanden. Sein drittes großes Hauptwerk „Du mußt dein Leben ändern“ (2009) legt davon Zeugnis ab[5].
Darin wird auch das Konzept des „operablen Menschen“ entworfen, der Operationen in zweierlei Gestalt an sich durchführt. Einerseits handelt es sich um Optimierungen, die man an sich selbst bewirkt, das „Sich-Operieren“, andererseits „Lebensverbesserungen“, die man als „Zeitgenosse avancierter Erfindungen und Dienstleistungen seitens anderer in Anspruch nehme“.
Der operable Mensch bewirkt also Optimierungen an sich selbst und ist zugleich auf Optimierungen durch andere angewiesen. Es kommt zur „auto-operativen Krümmung des Subjekts“, also die „Rückbeziehung des sich Operieren-Lassens auf das Sich-Operieren“. Dadurch entsteht eine „Passivitätskompetenz“, eine „Bereitschaft zum Sich-Operieren-Lassen im eigenen Interesse“.
Je mehr wir an uns technisch verändern können, umso mehr können wir das auch an anderen – und diese an uns. Das Subjekt wird mehr und mehr Objekt des Handels der anderen. Sartre, dessen Aufruf zur authentischen Selbstschöpfung und Freiheit nur oberflächlich Sloterdijks Projekt ähnelt, hatte das aktive Handeln an den sadistischen und die Passivität an den masochistischen Pol verschoben[6].
Sloterdijk wendet sich auch gegen diesen angstbesetzten Miserabilismus, die apriorische perverse Unterstellung dem anderen gegenüber und bemerkt, daß die moderne „auto-operative Krümmung des Raumes“, diese Distinktion unterläuft, daß das „Für-andere-Sein“ als „Handeln-Lassen der anderen“ jenseits dieser Affektlagen gedacht und bejaht werden müsse.
Das „Lassen“ ist ein Können und keines der mystischen und noch heideggerischen Gelassenheit als Weisheit mehr, die ein Warten implizierte, sondern muß affirmativ, aktiv und klug zwischen willkommenen (Sich-Informieren-Lassen, Unterhalten-, Bedienen-, Heilen-Lassen usw.) und unwillkommenen Passivitäten (Sich-Manipulieren-, Ausbeuten-, Täuschen-Lassen etc.) unterscheiden lernen.
Auch Foucault verweigerte sich der philosophischen Anthropologie und wird produktiv erweitert. Sloterdijks Paläopolitik vertieft und reformuliert Foucaults Biopolitik als uranfängliche Immunisierung und Lebensgestaltung aus prähistorischen Bedingungen, während seine Anthropotechnik-Theorie Foucaults „Sorge um sich selbst“ in eine umfassende anthropologische und technische Dimension hebt – mit Fokus auf „vertikale Spannung“ zur Selbstüberschreitung und im Gegensatz zu Foucaults horizontaler Machtanalyse[7]. Sloterdijk verwandelt Foucaults historische Dekonstruktion von Macht in eine spekulative, sphärische und optimistische Ontologie, die transformative Übungen betont.
Anthropotechniken haben eine sozio-immunologische Seite, die die Gemeinschaft, und eine psycho-immunologische, die das Individuum optimiert. In ihren paläopolitischen Formen sind die Vertikalspannungen weltöffnend, in ihren athletischen, übenden selbststeigernd, in beiden selbstoptimierend. Man kann nicht nicht üben oder sich optimieren, denn Nicht-Üben übt noch immer das Nicht-Üben ein.
Leicht gekürzt zuerst erschienen in: Sezession 130
Siehe auch: Wo befindet sich der Menschenpark?
Der Weg aus dem Menschenpark
25 Jahre Sloterdijk-Skandal
u.v.a.
Literatur:
Ausgewählte Übertreibungen. Gespräche und Interviews. 2013
Das Menschentreibhaus. Stichworte zur historischen und prophetischen Anthropologie. 2001
Im selben Boot. Versuch über die Hyperpolitik. 1993
Nach Gott. Glaubens- und Unglaubensversuche. 2017
Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger. 2001
Regeln für den Menschenpark.1999
Sphären III – Schäume. 2004
Was geschah im 20. Jahrhundert. 2016
[1] Siehe: Wo befindet sich der Menschenpark? Sezession 122
[2] „So ist der Mensch schon rein physisch angewiesen auf Disziplinierung, Zucht, Training, auf eine große Beanspruchung von oben her, die nicht etwa schon indirekt durch die bloße lebensnotwendige Arbeit gewährleistet zu sein scheint; denn überall sehen wir noch mehr ausgebildet, nämliche eine bis ins einzelne durchgeführte Ordnung von Regeln und Gewohnheiten der Lebensführung.“ (Studien zur Anthropologie und Soziologie. Neuwied 1963, S. 38
[3] So ergibt eine kritische Besinnung auf die Idee einer philosophischen Anthropologie nicht nur ihre Unbestimmtheit und innere Grenze, sondern sie macht vor allem deutlich, daß überhaupt Boden und Rahmen fehlen für eine grundsätzliche Frage nach ihrem Wesen. Daher wäre es auch voreilig, nur deshalb, weil Kant die
drei Fragen der eigentlichen Metaphysik auf die vierte Frage, was der Mensch sei, zurückführt, diese Frage als anthropologische zu fassen und die Grundlegung der Metaphysik einer philosophischen Anthropologie zu übertragen. Anthropologie begründet nicht schon deshalb, weil sie Anthropologie ist, die Metaphysik. (Martin Heidegger, Kant und das Problem der Metaphysik. § 37).
oder: Die für die traditionelle Anthropologie relevanten Ursprünge, die griechische Definition und der theologische Leitfaden, zeigen an, daß über einer Wesensbestimmung des Seienden »Mensch« die Frage nach dessen Sein vergessen bleibt, dieses Sein vielmehr als »selbstverständlich« im Sinne des Vorhandenseins der übrigen geschaffenen Dinge begriffen wird. Diese beiden Leitfäden verschlingen sich in der neuzeitlichen Anthropologie mit dem methodischen Ausgang von der res cogitans, dem Bewußtsein, Erlebniszusammenhang. Sofern aber auch die cogitationes ontologisch unbestimmt bleiben, bzw. wiederum unausdrücklich »selbstverständlich« als etwas »Gegebenes« genommen werden, dessen »Sein« keiner Frage untersteht, bleibt die anthropologische Problematik in ihren entscheidenden ontologischen Fundamenten unbestimmt. (Sein und Zeit. § 10)
[4] Siehe „Menschenpark“ – ein Essay und ein Skandal. Sezession 121.
[5] Im übenden Leben des spirituell-asketischen, des virtuosen oder des athletischen Typs wirkt der Agent auf dem kurzen Weg des täglichen Trainings selbstverbessernd auf sich ein. Auf dem Weg der Weltverbesserung hingegen wandelt er sich zum Anwender sachlicher Optimierungsmittel, die seinen ethischen Status allenfalls indirekt, obschon nicht unbedeutend modifizieren. Diese Unterscheidung betrifft unmittelbar die Art und Weise, wie die Forderung nach Veränderung des Lebens die Existenz des Einzelnen modifiziert. Wo der metanoetische Imperativ zum vollen Preis angenommen wird, gerät das Dasein unter eine steile Vertikalspannung: Sie prägt dem Leben die Passionsform des vom Einzelnen gewählten Bereichs auf – sei es die der „religiösen“, der artistischen, der politischen und zeitweilig auch der sportlichen Sphäre. Wird hingegen der Imperativ zum halben Preis mitgenommen, wie in den flacheren Ausprägungen von Aufklärung, Fortschrittsdenken und Gutmenschentum, setzt sich ein Daseinsmodus durch, der sich an Lebenserleichterung, Abbau von Vertikalspannung und Passionsvermeidung orientiert. (Du mußt dein Leben ändern, S. 587f.)
[6] Jean Paul Sartre: Das Sein und das Nichts. Kapitel 3.1 und 3.2
[7] Indem ich diese allgemeine Frage stellte, indem ich sie an die griechisch-römische Kultur stellte, schien es mir, daß diese Problematisierung mit einer Reihe von Praktiken zusammenhing, die ein beträchtliches Gewicht in unseren Gesellschaften gehabt haben: Man könnte sie die „Künste der Existenz“ nennen. Darunter sind gewußte und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen die Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stilkriterien entspricht. (Foucault: Der Gebrauch der Lüste. S. 18)
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