Die Verteidigung des Fremden

Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze

Karl Heinz Bohrer versuchte zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder einen intrikaten Gedanken neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe. Weiterlesen

Links und Rechts

Als man mir kürzlich sagte: „Du unterscheidest immer so streng in links und rechts“, da stutzte ich verdutzt einen Moment und versuchte instinktiv den Vorwurf – der darin enthalten war – abzuleugnen. Aber es genügt, auf die Titelliste zu schauen, um zu sehen, daß ins Schwarze getroffen wurde.

Dabei glaubte ich doch – in der Selbstwahrnehmung –, ein ausgeglichener, vermittelnder, verhältnismäßig ideologiefreier Schreiber zu sein. Weder – als kurze „Denkbiographie“ – das marxistisch-dialektische Herkommen (von der leninistischen Periode abgesehen) oder Nietzsches Perspektivismus noch die intensive postmoderne Phase der Alldekonstruktion und auch nicht die weit umfassende Fundamentalontologie schienen für Ja-Nein-Dichotomien gemacht. Und nun das! Weiterlesen

Es ist nicht zu halten …

Manchmal ertappe ich mich – spät in der Dunkelheit, wenn die Welt schläft und nur die Marder sich weit nach Mitternacht mit aufgeregten Schreien durch die Gassen jagen –, wie ich beim zweiten Glas des rubinroten „Primitivo“, der die Zunge ein wenig pelzig macht, im gelben Lichtkegel der Leselampe gedankenverloren im großartigen Magyar-Német Nagyszótár blättere – es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Markt – und mit selbstvergessenem Lächeln wundersame ungarische Wörter kaue und leise vor mich hin spreche, um ihr Geheimnis zu erlauschen.

Wie jener Dichter Lázár, den Sándor Márai in seinen großartigen „Wandlungen einer Ehe“ unter vier Protagonisten zum heimlichen Dreh- und Angelpunkt erkoren hatte. Weiterlesen

Unter der Wurzel der Fluß

Das beste Mittel, sich seiner nationalen Identität bewußt zu werden, ist, eine lange Zeit – in der Fremde zu leben.

Lang genug jedenfalls, um die erste Phase der Euphorie, der Freude am Neuen, Aufregenden, Unbekannten zu überstehen. Je besser man die Sprache beherrscht, umso deutlicher wird die Lektion, Weiterlesen

Das fundamental Fremde des Fremden

Oh, East is East and West is West, and never the twain shall meet, Till Earth and Sky stand presently at God’s great Judgment Seat …

Einer, der es wissen mußte, war Rudyard Kipling (1865-1938) gewesen. In Indien geboren, im heutigen Pakistan gelebt, ein Weltreisender, der den Kontakt mit anderen Kulturen immer gesucht hatte. Man kennt ihn heutzutage fast nur noch wegen seiner Kinderbücher („Dschungelbuch“, „Kim“), zu Lebzeiten galt er als einer der Meister der Kurzgeschichten, für die er auch den Nobelpreis erhielt.

The return of Imray ist so ein Kleinod, Weiterlesen

Kein Weihnachtsbaum?

Besuch bei einer Freundin. Kein Weihnachtsbaum? – frage ich. Ach, – sagt sie –, keine Lust, keine Weihnachtsstimmung usw.

Sonst um die Zeit stand das Zimmer voller Nisser. Sie ist Dänin, 12, 15 Jahre älter als ich und strickt aus Passion. Darunter Nisser, Weihnachtsmänner, Dannebrog, Pullover alles. Diesmal aber will sie nicht so richtig. Die Kinder kommen nur für einen Nachmittag, sonst ist man zu zweit. Wozu der ganze Aufwand? Weiterlesen

Was heißt konservativ?

Begeistert streicht ein japanischer Tourist im Quadrangle der University of Oxford über den englischen Rasen. „Wie machen Sie das nur?“, fragt er den Gärtner. „Das ist ganz einfach. Man muß nur 100 Jahre lang jeden Tag den Rasen mähen.“

In einem Garten steht eine Fichte mit dickem Stamm. Sie mag 30 oder 50 oder 70 Jahre auf dem Buckel haben. Der Besitzer hat sie um die Hälfte gekürzt. Wie eine Wunde leuchtet die Schnittfläche, hilflos ragen die Äste rechts und links über den Stumpf hinaus. Weiterlesen

Die Pju

In diesen Fragen sollte man den Frauen trauen – den wahren, den echten Frauen, die mit Instinkt. Wenn es um den Nestbau geht, sind sie uns weit überlegen.

In England besuchten wir viele Male den örtlichen Trödelmarkt. Man konnte dort sehr viel über die Engländer lernen. Und natürlich auch hin und wieder ein Schnäppchen machen. Wer wollte, konnte davon auch leben. Weiterlesen

Die kleinen Freuden

Es gibt diese Momente im Leben, in denen eine unverhoffte Glückswelle das Innere des Menschen flutet. Ein kurzer Moment der Freude, des Glücks, der Stimmigkeit. Vielleicht haben nicht alle Menschen diese Gabe und selbstverständlich werden sie ganz in Abhängigkeit der Persönlichkeit und der individuellen Geschichte ausgelöst. Ich kenne Leute, deren Augen beginnen nur noch dann zu leuchten, wenn sie ein saftiges Steak auf dem Teller liegen sehen. Weiterlesen

Der Verlust des Dialektes

Heutzutage gilt man als Dialektsprecher schnell als dumm und ungebildet, auch in Abhängigkeit des Dialektes. Alles, was Sächsisch klingt, steht unter diesem Vorbehalt, der Berliner mag noch pfiffig klingen, der Kölner wohlgelaunt und der Bayer direkt. Im Grunde genommen hören wir aber kaum noch Dialekt, sondern fast nur noch Akzente, aber auch die gelten als dubios, zumindest in der Öffentlichkeit. Weiterlesen

Virtueller 15. März

Zum zweiten Mal in Folge wird der wichtigste ungarische Nationalfeiertag – der 15. März –, der an die revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 erinnern soll, in unserem kleinen Städtchen digital gefeiert.

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Wie Gott in Ungarn

Man kann in Ungarn sehr gut schlecht essen!

Die magyarische Küche ist kompromißlos und direkt, sie lehnt alle komplizierte Verfeinerung à la française und alle Leichtigkeit der cucina italiana ab. Ihre Hauptingredienzien sind Fett, Salz, Zucker, Alkohol und Paprika. Die Ungarn zahlen dafür einen hohen Preis – ein deutlich niedrigeres durchschnittliches Lebensalter – aber sie heimsen dafür auch einen großen Gewinn ein: puren Genuß!

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Tragik eines angekündigten Todes

Man kann im verkündigten Rücktritt von den königlichen Pflichten des Prinzen Harry und seiner Aktrice alles Mögliche sehen – um das zu ergründen, genügt eine Presseschau.

Ich sehe darin ein bedenkliches Symptom unserer Epoche: der Sieg der Freiheit über die Verantwortung und die Tradition.

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Mitteldeutsche Begegnungen

Den Sommer nutzen wir seit Jahren, um ein paar deutsche Kraftorte zu besuchen. Meist ist Weimar dabei, es kann aber auch Dresden sein, Eisenach, Naumburg, Freyburg, Querfurt …,  irgendwas mit -furt, -hausen oder -burg am Ende und meist im thüringischen oder anhaltinischen Bereich gelegen. Es ist fast egal, welchen Ort man besucht, die lange deutsche Geschichte wird dort in dieser oder jener Form greifbar werden, man wird gerade in dieser Jahreszeit von Sonne und Sommer förmlich vereinnahmt, überall riecht es nach Erde, nach Ernte, nach Reife und fast überall steht man unter einem weiten, blauen Himmel und schaut aufs Land und empfängt die Erfahrung der Größe.

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Der Großmeister der Melancholie

Heute vor 30 Jahren starb – von eigener Hand – der große ungarische und europäische Autor, der Großmeister der Melancholie, Sándor Márai im Alter von 88 Jahren. Neben seinen zahlreichen Romanen schuf er als einer der wenigen ein umfängliches Tagebuch von bleibendem künstlerischen und historischen Rang. Ihm verdanken viele Leser unvergeßliche Stunden.

In letzter Zeit ertappe ich mich immer öfter – spät in der Dunkelheit, wenn die Welt schläft und nur die Marder sich weit nach Mitternacht mit aufgeregten Schreien durch die Gassen jagen –, wie ich beim zweiten Glas des rubinroten „Primitivo“, der die Zunge ein wenig pelzig macht, im gelben Lichtkegel der Leselampe gedankenverloren im gigantischen Großwörterbuch, dem Magyar-Német Nagyszótár blättere – es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Markt – und mit selbstvergessenem Lächeln wundersame ungarische Wörter kaue und leise vor mich hin spreche, um ihr Geheimnis zu erlauschen.

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Sezession mit Briefmarken

Hin und wieder bekomme ich Post von der „Sezession“. Und manchmal fragt mich jemand, was denn Sezession überhaupt bedeute. Man braucht nur den Briefumschlag hinhalten und sagen: „Siehst du, das ist Sezession.“

Und vielleicht sieht der Gesprächspartner das kleine Detail, das den Unterschied macht.

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Hintergründe eines Skandals

In der Lokalpresse wird der Wirt des „Lochbauer“ abgestraft. Auch Berichte können zerstören. Weiterlesen

Neue Grenzen der Zivilreligion

Vielleicht eine Petitesse, aber eine signifikante, die beim täglichen Presserundgang ins Auge fiel.

Ein beliebtes Argument der Integrationsproblemwahrnehmungsverweigerer-fraktion ist die Frage: „Und wo tangiert es dich?“, „Wie hat es denn dein Leben verändert?“, „Geht es dir etwa schlechter?“ und dergleichen. Besonders häufig hört man solches in netten, gut gemähten und getrimmten Eigenheimsiedlungen, in denen die Gardinen wackeln und die Telefondrähte glühen, wenn sich doch ein Mal ein Dunkelhäutiger dahin verläuft.

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Noch eine ungarische Familie

Im Frühjahr werden wir säckeweise mit Topinambur und im Herbst freigiebig mit frischen Goji-Beeren versorgt. Die Geberin ist eine angeheiratete Hefner, ein häufiger Name in dieser Gegend und in der, aus der ich komme. Nach dem Krieg wurden die Ungarndeutschen vertrieben und eine größere Gruppe hat es just ins Vogtland verschlagen – eine (Frau Reitzenstein) war Lehrerin an meiner Schule (S. 34) – zwei Nachfahren dieser Menschen gehörten in der Jugend zu meinen besten Freunden …, aber erst jetzt wird diese Geschichte ein Thema.

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Was ist deutsche Kultur?

Ein erbärmlicher Versuch

Der „Focus“ ist schon zu einem argen Wurschtblatt verkommen. Zusammen mit der Schwesterzeitung „Huffpost“, die mittlerweile zum Zentralorgan der Islamophilie mit klarem missionarischem Auftrag geworden ist. Propaganda! Ich scheue mich nicht, diesen Begriff zu verwenden. Vor allem wenn es konkret gegen die AfD und allgemein gegen Andersdenkende geht. Da wird jede Gelegenheit genutzt – mal mit dem Hammer, dann wieder etwas subtiler –, um exakt das zu tun, was man dieser Partei und ihren Anhängern vorwirft: zu hetzen und zu ängstigen.

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