Grundtvigs Begriff der Volklichkeit

 Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl?

Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), der Mann mit dem lustigen Bart, ist an Bedeutung kaum zu überschätzen.

© Den store danske

© Den store danske

Denkt man an Dänemarks Geistesgrößen, dann fallen Namen wie Kierkegaard oder Hans Christian Andersen, tatsächlich hat aber keiner die skandinavischen Geisteswelten derart durchsäuert wie der in Europa wenig bekannte Grundtvig. Sein Werk ist enorm, vielfältig und schillernd; ohne ihn gäbe es das heutige Skandinavien nicht, wäre Dänemark nicht die Vorzeigedemokratie und ein Wohlfahrtsstaat geworden – und ohne die Umsetzung seiner Idee der „Volklichkeit“ beherbergte es wohl auch nicht das seit Jahrzehnten „glücklichste Volk“ Europas. Weiterlesen

Volklichkeit

Die Volklichkeit
(Gedicht von N.F.S. Grundtvig)

Volklich soll nun sein das Ganze
rings im Land von Kopf bis Fuß;
etwas Neues ist im Werke,
selbst ein Tor es sehen muß;
aber kann es, kaum geboren,
das ersetzen, was verloren?
Weiß man wirklich, was man will,
mehr als „Brot und Zirkusspiel“?
Mit Verlaub zu fragen!

Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl? Weiterlesen

Unter der Wurzel der Fluß

Das beste Mittel, sich seiner nationalen Identität bewußt zu werden, ist, eine lange Zeit – in der Fremde zu leben.

Lang genug jedenfalls, um die erste Phase der Euphorie, der Freude am Neuen, Aufregenden, Unbekannten zu überstehen. Je besser man die Sprache beherrscht, umso deutlicher wird die Lektion, Weiterlesen

Die ungarische Erinnerungskultur

Um den Unterschied in der Gedenkkultur zwischen Deutschen und anderen einmal greifbar zu machen, lade ich meine Leser zu einem kleinen Spaziergang durch eine x-beliebige ungarische Stadt ein. Nehmen wir zum Beispiel Kecskemét oder Szeged … nein, zu groß, nehmen wir also Baja, ganz im Süden, eine unscheinbare Stadt mit weniger als 40 000 Einwohnern, die kaum jemand kennt, die keine größere historische Bedeutung hat, irgendwie eine ganz normale Stadt.

Ich zähle hier an die hundert Denkmäler. Allein das ist eine große Überraschung. Weiterlesen

Die moderne Nation

Die Nation ist ein hysterisches und panisches Informationssystem, das ständig sich selbst erregen, sich selbst stressieren, ja sogar sich selbst terrorisieren und in Panik versetzen muß, um sich selbst zu beeindrucken und um sich, als in sich selbst schwingende Streßgemeinschaft, davon zu überzeugen, daß es sie wirklich gibt. Ist ein solches nationales Informationssystem erst einmal hinreichend ausgebaut – können die Mehrheiten erst lesen, schreiben und sich selbst irritieren -, so ist die Nation imstande, sich von Tag zu Tag als selbstnötigende Einheit sinnlich konkret und doch auch gespenstisch abstrakt zu erleben und sich immer von neuem davon zu überzeugen, daß sie einen hinreichend starken Grund für ihre Existenz und ihre Kohärenz besitzt. Weiterlesen

Der staatliche Liebesentzug

Es gehört zu den fatalsten Ungleichgewichten der humanen Grunddisposition, daß Zuneigungen und Wertschätzungen unterschiedlich verteilt sind; und zu den schwersten menschlichen Kränkungen, daß eine genuine Liebe abgewiesen werden kann. Ein Großteil des Lebenselends, der Qual und der Gewalt, die sich Menschen einander antun, wurzelt in dieser Verletzung. Schon die griechischen Dramen waren voller derartiger Disparitäten, die zu endlosen Kriegen und fürchterlichen Gewaltorgien geführt haben. Weiterlesen

Die Spur der Reden

Was sich anhand einiger Länder an den Stimmführungen andeutete, läßt sich auch an den Gesprächsinhalten aufzeigen: Wir leben noch immer in verschiedenen Kulturen und sind national und volklich – d.h. historisch, sprachlich, kulturell, territorial, ökonomisch und ethnisch – geprägt. Weiterlesen

Die Spur der Stimmen

Die weibliche Stimme ist zum einen das hörbare Zeichen ihrer Geschlechtsmerkmale, zum anderen selbst eines. Wer die Stimme einer Frau hört, weiß, daß ihm ein Wesen mit allen weiblichen Attributen gegenübersteht. Die wenigen Ausnahmen werden hier – entgegen der zeitgeistigen Ideologie ausgeklammert und nicht überbetont, was die einzig vernünftige Form ist, Wesentliches über die Realität in Erfahrung zu bringen.

Die aktuelle Dekonstruktion der Völker und Nationen scheitert bereits an den einfachsten Evidenzen. Weiterlesen

Denkanstoß – Martin Sellner

Die rechte Antwort auf die „Politik der Schuld“ ist eine positive, patriotische Leitkultur und eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte. Historische Verbrechen werden weder geleugnet noch verharmlost. Sie werden jedoch der „mystisch-religiösen“ Aura, die ihren politischen Mißbrauch ermöglicht, entledigt. Weiterlesen

Nationaler Block

Bei dem vor wenigen Wochen im Jungeuropa-Verlag erschienenen Büchlein des ungarischen Spindoktors Márton Békés handelt es sich um eine vorbildlich übersetzte (Georg Nachtmann), um ein Abschlußkapitel und ein Vorwort (Benedikt Kaiser) erweiterte Wiedergabe des kleinen Taschenbuches „Nemzeti Blokk“, das Teil einer Art Minibuchreihe ist, in der neue, aber grundlegende rechte Texte to go verlegt werden. Kaiser, Sellner, Kubitschek, Stein … haben es alle als Vorab-Klassiker angekündigt. Weiterlesen

Demokratie und Zeit

Die parlamentarische, die Parteiendemokratie hat ein Zeitproblem. Genau genommen sind es zwei Probleme. Sie ist zu langsam und zugleich zu schnell. In anderen Worten: ihr fehlt einerseits der lange Atem und gleichzeitig die Fähigkeit, schnell, situativ und radikal zu reagieren, wenn es notwendig ist.

Ihr verfassungsmäßig verankerter Zeitrahmen ist die mittlere Trägheit. Weiterlesen

Nationalfeiertag in Ungarn

Sándor Petőfi und das Nationallied

Er war der erste, der in den einfachen Menschen das Bewußtsein weckte, was es eigentlich bedeute, ein Volk zu sein. Was das Wort „Heimat“ bedeute. Und damit verbunden, das Wort „Freiheit“. Denn er konnte beide nicht voneinander trennen.  László F. Földényi

Schon Tage zuvor tauchen sie auf, die Nationalkokarden in den ungarischen Landesfarben. Zuerst auf den Märkten, dann in den Auslagen und Schaufenstern und schließlich an den Revers, Schals und Kragen der Menschen. Bald ist der 15. März, der Nationalfeiertag.

Ungarn hat mehrere davon, doch die Erinnerung an die Revolution von 1848 sitzt am tiefsten, auch wenn sie von allen Regimes und Regierungen immer wieder instrumentalisiert und umgedeutet wurde. Eine Umfrage Ende der 90er Jahre sah den 15. März mit mehr als 50% Zustimmung weit in Front, immerhin wollten viele noch den 20. August, den Sankt-Stephans-Tag als bedeutsamstes Ereignis sehen, aber nur 4% werteten den 23. Oktober hoch, der Tag, an dem 1956 der Ungarische Aufstand losbrach[1]. Weiterlesen

Lob des Nationalismus

Orbáns Leseliste IV

Als Viktor Orbán in seinem großen Interview in der „Budapester Zeitung“ nach Lektüretipps gefragt wurde, da fiel ihm zuerst Yoram Hazony ein. Dann berichtet er sogar von persönlichen Gesprächen mit dem israelischen Philosophen und Bibelwissenschaftler, die ihn sehr beeindruckt haben. Gleich zwei Bücher empfiehlt er dem Leser – „Nationalismus als Tugend“ wird hier deswegen ausgewählt, weil es seit zwei Jahren eine sehr gut lesbare deutsche Übersetzung gibt. Weiterlesen

Orbáns Leseliste – Nationale Interessen

In seinem sehr lesenswerten großen Interview mit der “Budapester Zeitung” hatte Viktor Orbán auch einige Lesetipps verteilt, Bücher benannt, die ihn beeindruckt und beeinflußt haben. Der Zufall will es, daß ich die meisten davon im Hause habe. Es kann keine schlechte Idee sein, Orbáns Hinweis zu folgen, die Bücher zu lesen und vielleicht gelingt es uns dadurch sogar, seinem Denken, seiner politischen Grundüberzeugung näher zu kommen.
Heute: Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen

Weiterlesen

Viktor Orbáns Schal

Großes Aufsehen erregte mal wieder Viktor Orbán. Nach einem Fußballänderspiel besuchte er die Spielerkabine, um einen Veteranen – dessen Abschiedsspiel es zugleich war – zu begrüßen. Dabei hing ein Schal mit den nationalen Farben um Orbáns Schultern. Bisher alles normal. Auf dieser Devotionalie war allerdings mehr zu sehen: die Umrisse Großungarns. Weiterlesen

Patriotismus im reinen Sinne

Denkanstöße – Dobroljubow

Der Patriotismus im reinen Sinne als eine der generellen Formen, in denen sich die Liebe des Menschen zur Menschheit äußert, ist durchaus natürlich und berechtigt.

Weiterlesen

Denkanstöße – Sloterdijk VII

Wenn wir im folgenden von „Gesellschaft“ sprechen, bezeichnet der Ausdruck weder (wie im virulenten Nationalismus) einen monosphärischen Behälter, der eine abzählbare Population von Individuen und Familien unter einem politischen Wesensnamen oder einem konstitutiven Phantasma einschließt, noch (wie für manche Systemtheoretiker) einen unräumlichen Kommunikationsprozeß, der sich in Subsysteme „ausdifferenziert“.

Weiterlesen

Das ist nicht meine Mannschaft!

Gegen 19.30 Uhr hallte gestern ein lauter Schrei durch unser Viertel. Gerade hatte Raheem Sterling England gegen die Deutschen in Führung geschossen. Zu meiner Verblüffung mußte ich feststellen, daß der Jubel aus meiner Kehle kam.

Weiterlesen

Dänemark ist Europameister!

Seit 1992 träumen die Dänen davon, daß sich der nationale Wunschtraum noch einmal wiederholen könnte. Damals hatte eine Nachrückmannschaft, die noch nicht mal zur EM qualifiziert war, aber durch die Sanktion gegen Jugoslawien, ohne spezielle Vorbereitung, ins Turnier einsteigen konnte, sensationell den Titel geholt – man gewann im Finale gegen Deutschland. Die Namen der Spieler sind noch heute Legende.

Weiterlesen

Pál Telekis historische Tat

„At the Conference table we shall place a chair for Count Paul Teleki. That empty chair will remind all who are there that the Hungarian nation had a Prime Minister who sacrificed himself for that very truth for which we too are fighting.“ Churchill

Vielleicht kann man Geschichte mit einem beweglichen Knoten vergleichen, der sich anhand des Zeitstrahls fortbewegt, in sich verschiedene Stränge vereint und immer neue aufnimmt, aber auch jederzeit geöffnet werden kann. Jeder historische Augenblick vereint dialektisch alle drei Elemente – Verstrickung, Bewegung, Lösung – in sich, aber es gibt Zeitpunkte, in denen ein Element für das Auge des historischen Betrachters dominant und sichtbar wird. Dort kann man viel über Geschichte lernen, über den Kairos und die Folgen, wenn er verpaßt wird, aber selbstverständlich auch über die Unmöglichkeit Geschichte im je eigenen Sinne erfolgreich schreiben zu können.

Weiterlesen