Wie konnte das geschehen?

Rezension: Götz Aly: Wie konnte das geschehen?

Der Historiker Götz Aly kann auf ein illustres Werk zurückschauen und galt seit eh und je als „umstritten“, als einer, der gegen den Strich denkt. Bald wird er 80 Jahre und da wurde es Zeit, die große Summe zu ziehen, ein abschließendes Werk, ein Opus Magnum zu verfassen, und vor allem wurde es Zeit, die alles umklammernde Frage „Wie konnte das geschehen?“ klipp und klar zu beantworten. Das Vorhaben ist geglückt – an diesem Buch kommt niemand mehr vorbei!

Es leistet ein Mehrfaches: Es setzt nicht bei der Historie als Abstraktum an, sondern beim Menschen, beim Menschen im Allgemeinen, aber auch bei vielen ganz konkreten Menschen, es argumentiert mithin anthropologisch. Ecce Homo! Weiterlesen

Sloterdijks Kunst

Sloterdijk polarisiert. Die Kritiken seiner Bücher, im Feuilleton ebenso wie bei Amazon, legen Zeugnis davon ab. Halten die einen ihn für einen genialen und sprachakrobatischen Neudenker, so sehen die anderen in ihm einen Schwätzer und aufgeblasenen Besser- und Alleswisser. Am Grunde der Aversion liegt oft ein frustrierendes Lektürescheitern. Tatsächlich ist die Einstiegshürde hoch und tatsächlich kann man Sloterdijk ohne ironisches Zwinkern – und vielen Menschen fehlt der Zugang zur Ironie – nicht genießend lesen. Um trotzdem einige seiner Gedanken kennenzulernen, mag man zur Sekundärliteratur greifen. Die ist vergleichsweise noch immer gering – vermutlich ein Zeichen der intellektuellen Verunsicherung, aber auch des weitgehenden Ausschlusses aus der akademischen Gemeinde des „philosophischen Schriftstellers“. Weiterlesen

Huntington – 30 Jahre später

Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden. (Huntington)
„Wenn die Wirklichkeit die Ideologie widerlegt, so ist die Ideologie falsch, nicht die Wirklichkeit. Samuel Huntington wies 1996 in Kampf der Kulturen darauf hin, daß in Zukunft geistige und kulturelle Blöcke einander gegenüberstehen würden. Viele Idioten blickten damals allerdings nur auf Huntingtons erhobenen Zeigefinger und nicht auf das, worauf er hinwies. Die meisten dieser Idioten starren immer noch auf den Finger, obwohl die Realität dem amerikanischen Soziologen inzwischen recht gegeben hat.“ (Michel Onfray: Niedergang)

Vor drei Jahrzehnten, 1996, erschien eines der am meisten diskutierten und skandalisierten Bücher der Neuzeit: Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. In ihm entwarf er ein neues Paradigma des globalen politischen Zusammenlebens für die Zukunft. Anlaß genug, das Buch erneut zu studieren und abzuklopfen. Weiterlesen

Heideggers Heimkehr 47

Rezension: Hermann Heidegger: Heimkehr 47. Tagebuch-Auszüge aus der sowjetischen Gefangenschaft. Kaplaken 3, Antaios Verlag. Schnellroda 2007

Es gibt Bücher, die sollte man nicht besprechen. Denn das Sprechen über sie, behindert das Sprechen aus sich heraus und die Unmittelbarkeit solcher Zeugenberichte ist nie zu erreichen, aber schnell zerstört, zerquatscht.

Es muß jedenfalls ein Glücksfall für den Verlag gewesen sein, dieses handschriftliche Tagebuchmanuskript in die Hände bekommen zu haben. Das war ein würdiger Start des Projektes „Kaplaken“, Weiterlesen

Wo bleiben die Terroristen?

Despite the missteps of U.S. foreign policy, the terrorists‘ missteps have been even worse. That’s why I believe that our fears of terrorism are exaggerated. There just aren’t many terrorists, thank goodness.” Charles Kurzman

Um die Ecke denken, überraschen, nicht ausrechenbar sein … das hat mich schon immer fasziniert. Und wenn in einer Welt, in der wir permanent über die Tatsache stolpern, daß radikaler Islam Terrorismus in großer Zahl und quasi per Gesetz erzeugt, einer kommt und indirekt fragt: „Why are there so few Muslim Terrorists?“, warum es also eigentlich so wenige Terroristen gibt, dann hat er mich schon gebannt.

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Das Dorf als Heiler

Rezension: Michael Beleites: Dorf-Ethos. Für eine bodenständige Moral

Das Dorf ist anders. Zum einen ist es toleranter, zum anderen aber auch widerständiger. Dies ist die Ausgangsthese. Aber warum? Um diese eminente Frage zu beantworten, dockt Michael Beleites an zwei Theoriebausteine an, im Moralischen an Hans Küngs „Welt-Ethos“-Projekt und im Sozial-biologischen an sein eigenes „biologisch-ökologisches Umweltresonanz-Konzept“, und verbindet beide. Weiterlesen

Die Fülle der Leere

Rezension: Ernst Osterkamp: Poesie der leeren Mitte – Stefan Georges Neues Reich. Weiterlesen

Benedikt Kaiser: Der Hegemonie entgegen.

Auch wenn Benedikt Kaisers neues Buch längst von Linksintellektuellen diskutiert wird, ist seine intendierte Zielgruppe unzweideutig: die Partei und ihr Vorfeld. Er richtet sich also an „uns“. Das Buch verhält sich zu seinem „Solidarischen Patriotismus“ wie die strategische und taktische Handlungsanleitung zur weltanschauliche Grundlegung, wenn auch auf einem gewissen Abstraktionsniveau.

Erschien das erste bei Antaios, so deutet der Verlagswechsel zum Jungeuropa Verlag schon eine gewisse inhaltliche Verlagerung an. Selbstbewußt hat man sich dort vom „Schnellrodaer Kernfeld“ emanzipiert, geht jetzt von einer Doppelspitze innerhalb der Neuen Rechten aus und nimmt für sich in Anspruch, an die frühe Neue Rechte stärker anzuschließen, inklusive „Europaorientierung, Kapitalismuskritik und Westbindungsaversion“. Weiterlesen

Die Verteidigung des Fremden

Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze

Karl Heinz Bohrer versuchte zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder einen intrikaten Gedanken neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe. Weiterlesen

Die Partei und ihr Vorfeld

Rezension: Benedikt Kaiser: Die Partei und ihr Vorfeld. Kaplaken 91. Antaios Verlag, Schnellroda 2022

Eine Schrift, die am Rande des metapolitischen Terrains aufklärt. Und zugleich wohl so etwas sein soll, wie ein entree billet in interessierte Politikkreise. Denn dieser dritte Kaplaken-Band Benedikt Kaisers ist nicht nur an das gängige Sezessions-Milieu gerichtet, sondern direkt auch an die politischen Akteure in- und außerhalb der Partei. Es soll ein Leitfaden sein, eine strategische Anleitung und ein direkter Versuch, „das politische Bewußtsein des gesamten patriotischen Lagers“ zu heben. Weiterlesen

Benedikt Kaiser: Blick nach links

Rezension: Benedikt Kaiser: Blick nach links oder: Die konformistische Rebellion. Kaplaken 61. Antaios Verlag, Schnellroda 2019

Kaisers zweiter Kaplaken. Die fungieren – wie auch viele Artikel in der Sezession oder auf Sezession im Netz – als Aufmunitionierungen zu den umfänglicheren Werken. Hier in doppelter Hinsicht, denn vier der fünf Beiträge konnten Sezessionsleser die Jahre davor bereits lesen. Ihr gemeinsamer Nenner ist der Rückgriff auf aktuelle linke Theoriediskussionen oder vielmehr deren Abwesenheit.

Denn die Linke sei geistig erschöpft, vom eigenen Moralismus und Wokismus überrannt, nur noch einige wenige Leuchttürme seien relevant und lesenswert und die stehen im eigenen Gewässer bis zum Hals im Sturm und drohen davongeschwemmt zu werden. Weiterlesen

Prenzlau als große Metapher

Da springt einer und springt zu kurz. Jubeln die einen und sagen: tapfer, mutig, du bist gesprungen. Und kritteln die anderen: zu kurz, die Haltungsnoten waren nicht gut, du hast es nicht bis in unser Lager geschafft.

So in etwa waren die Reaktionen auf Simon Strauß‘ neues Buch „In der Nähe“ aus der konservativen bis rechten Ecke. Weiterlesen

Die Engel des Herrn Rilke

Rezension: Uwe Wolff: Tausend Nächte tief. Rilke und die Engel seiner Dichtung.

Der Kulturbetrieb brummt zufrieden vor sich hin. Ob historische Ereignisse (Bauernkrieg), Todestage (Kafka) oder runde Geburtstage (Thomas Mann), fast schon routiniert wirft er ein gerütteltes Maß an Mono- und Biographien aus. So auch ein halbes Dutzend im Falle Rilke, anläßlich seines 150. Geburtstages; die meisten davon dickleibig, minutiös, geradlinig mit sattem Apparat und unzähligen Fußnoten. Sie nennen sich in der Regel „Eine Biographie“ und rekapitulieren meist das Altbekannte mit einem Schuß Abweichung, einer sogenannten „neuen Perspektive“. Weiterlesen

Drei Geschenkempfehlungen

Lesen. Seit Jahr und Tag macht sich der Guggolz-Verlag durch die Veröffentlichung großartiger nordischer Literatur verdient. Ob Amalie Skrams gigantische Hellemyr-Tetralogie, die Meistergeschichten des verfemten Johannes V. Jensen, ob Tom Kristensens unerreichter Trinkerroman oder Tarjej Vesaas‘ feinselige „Vögel“ oder das einzigartige und wundersame „Straumēni“ des Letten Edvarts Virza …: alles Meisterwerke, alle feinfühlig übersetzt, alles perfekte Weihnachtsbeschenkungen, die einen Unterschied machen. Weiterlesen

Benedikt Kaiser: Querfront

Rezension: Benedikt Kaiser: Querfront. Kaplaken 49. Antaios Verlag, Schnellroda 2017

Wenn es eine Kongruenz zwischen Habitus, Optik, Sprache und Denken geben sollte, dann wäre Benedikt Kaiser das ideale Beispiel dafür: er sieht aus wie er spricht wie er schreibt wie er denkt wie er heißt … und vice versa. Weiterlesen

Ist der Terrorismus rhizomatisch?

Der Philosoph Gilles Deleuze hat schon in den siebziger Jahren das Bild des Rhizoms entwickelt, in dem er ausdrücken wollte, wie postmoderne Organisationen verfaßt sind: Sie gleichen dem Wurzelwerk von Bäumen, weithin verästelt, und sie lösen damit die straffen Hierarchien herkömmlicher Institutionen ab. Solchen wuchernden Rhizomen gleichen nun die dschihadistischen Netzwerke (Gilles Kepel)

Gilles Kepel, den man auch in Deutschland gerne als Terrorexperten zitiert, hatte bereits in seinem umfänglicheren Werk von 2009 – „Die Spirale des Terrors. Der Weg des Islamismus vom 11. September bis in unsere Vorstädte“ – seine Vorliebe für den Poststrukturalismus bewiesen, denn dort wollte er den Terror im Paradigmenwechsel von historischer Faktizität (das reale Ereignis) zur historischen Fiktionalität (das mediale Ereignis) beschreiben. Weiterlesen

Nutzloses Dienen

Rezension: Henry de Montherlant: Nutzloses Dienen.

Was haben wir hier? So zu fragen, beinhaltet schon das Eingeständnis, es nicht zu wissen. Es sind fünf kurze und sehr verschiedene Stücke – so viel können wir festhalten –, Essays, Reden und ein Brief an den Sohn. Sie entstammen einer umfänglicheren Sammlung gleichen Titels „Service inutile“, ein 200-Seiten Buch im Original. Hier haben wir eine kleine Auswahl, vielleicht ein Viertel davon.

Die Auswahl ist natürlich alles andere als willkürlich und egal, was man von den Beiträgen hält, „die suggestive Kraft der Parole Nutzloses Dienen“ rechtfertigt schon das Büchlein und „wer sie nicht spürt“ – schreibt Herausgeber Kubitschek im Vorwort ganz zu recht – der „kann das Büchlein gleich zuklappen und weiterverkaufen“ Punkt. Weiterlesen

Das thomistische Naturrecht steht rechts

Rezension: Steven J. Jensen: Das Naturrecht. Ein thomistischer Leitfaden für Einsteiger. 

Von den drei Konkretisierungen im Untertitel wird vor allem die dritte eingelöst: für Einsteiger. Wer eine theoretische Erläuterung thomistischer Ethik oder eine Übersicht über das Denken Thomas von Aquins erwartet, ist hier ebenso falsch wie der Leser, der unter einem Leitfaden ein Handlungsgerüst oder eine systematisch begründete Herleitung erwartet. Die ersten beiden nicht eingelösten Ansprüche scheitern letztlich am dritten. Weiterlesen

Erik Lehnert: Wozu Partei?

Rezension: Erik Lehnert: Wozu Partei? 

Eine Herangehensweise an eine Rezension ist es, den Gang der Gedanken nachzuzeichnen, durch Wiedergabe ausgewählter Passagen ein paar Höhepunkte oder typische Stellen zu markieren und das Ganze mit einigen wertenden Urteilen zu garnieren.

Hier geht das nur bedingt, das Buch ist zu aufgeladen, die klassische Besprechung müßte sich verheddern, den Rahmen ihrer Aufgabe sprengen, wäre letztlich vielleicht sogar länger als der zu besprechende Text. Wir müssen hier ganz im Abstrakten bleiben.

Lehnert argumentiert wie ein Maschinengewehr: Weiterlesen

Das Buch des Jahrzehnts: Bürgerkrieg und Romantik

Rezension: Thomas Schubert: Bürgerkrieg und Romantik im Realsozialismus.

Rudolf Bahro gilt als Mann von „nur“ zwei Werken. Für einen kurzen historischen Moment wurde „Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus“ weltbekannt – nur in der DDR, wo es verfaßt und die letztlich darin nach allen Regeln der marxistischen Kunst analysiert wurde, konnte man es nicht lesen. Im Westen war es ein Bestseller, verkaufte sich zu Hunderttausenden und wurde selbst von den marxistischen Granden Herbert Marcuse, Ernest Mandel und anderen als der wesentlichste Beitrag des zeitgenössischen Marxismus kenntlich gemacht.

Bahro versuchte zu begreifen, warum der „real-existierende Sozialismus“ so weit von jenem Zustand entfernt war, den Marx und Engels als geschichtsnotwendig entworfen hatten. Weiterlesen