Lektüren Januar 2026

Benedikt Kaiser: Der Hegemonie entgegen. (2025)

Benedikt Kaisers neues Buch richtet sich primär an die Neue Rechte und ihr Vorfeld, entwickelt aus seinem früheren „Solidarischen Patriotismus“ eine strategisch-taktische Ergänzung und – inspiriert von Antonio Gramsci – eine „integrale Strategie“ aus Metapolitik und Hegemonie, um kulturelle Gegenhegemonie aufzubauen. Trotz teils abstrakter, trockener und eklektischer Darstellung im Sinne der „Werkzeugkiste“ Foucaults, stellt das Werk einen wichtigen Meilenstein dar, an dem die Szene kaum vorbeikommt. Ausführliche Rezension hier. (8/10)

Peter Sloterdijk: Im selben Boot. Versuch über die Hyperpolitik. (1993) Weiterlesen

Das Buch des Jahrzehnts: Bürgerkrieg und Romantik

Rezension: Thomas Schubert: Bürgerkrieg und Romantik im Realsozialismus.

Rudolf Bahro gilt als Mann von „nur“ zwei Werken. Für einen kurzen historischen Moment wurde „Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus“ weltbekannt – nur in der DDR, wo es verfaßt und die letztlich darin nach allen Regeln der marxistischen Kunst analysiert wurde, konnte man es nicht lesen. Im Westen war es ein Bestseller, verkaufte sich zu Hunderttausenden und wurde selbst von den marxistischen Granden Herbert Marcuse, Ernest Mandel und anderen als der wesentlichste Beitrag des zeitgenössischen Marxismus kenntlich gemacht.

Bahro versuchte zu begreifen, warum der „real-existierende Sozialismus“ so weit von jenem Zustand entfernt war, den Marx und Engels als geschichtsnotwendig entworfen hatten. Weiterlesen

Der Seidelstein

Der Buchengel wars! Der führte mich auf die Insel. Dort gibt es einen klitzekleinen Bücherschrank, an den zu treten gewöhnlich umsonst ist – die besten Sachen sind seit langen von mir aussortierte und dort abgelegte Bücher –; denn was liest das Volk schon in einem sächsischen Provinzkaff? Dennoch, ich gehe … man weiß ja nie. Die Unkundigen stellen manchmal auch etwas ab, dessen Wert sie nicht erkennen.

Ein schmales Bändchen fällt mir in die Hände, ich lese den Titel, muß lächeln, stecke es ein und suche weiter. Zu Hause erst wird mir der Schatzcharakter bewußt. Weiterlesen

Ungarisch lernen?

Fortsetzung von: Eine Reise in die Jugend von J. Rempt

Ostdeutsche Erinnerungen an Ungarn II

Man kann über die Methoden der DDR-Pädagogik unterschiedlicher Meinung sein. Ein paar der damaligen psychologischen Kniffe spürte ich am eigenen Leib. Wir künftigen Auslandsstudenten wurden nicht einfach so aus unseren alten Klassen herausgerissen und nach Halle an die ehemalige ABF, die Arbeiter- und Bauernfakultät verpflanzt. Nein, schon damals wendete man die Technik des Teambuildings an. Eine Woche in einem Lager der FDJ im Harz sollte uns zusammenschweißen. Schweißtreibender Sport, gemeinsames Kochen in der Großküche, politische Berieselung in den Seminarbaracken, abends Kulturprogramm. Wir beäugten uns und schlossen erste Bekanntschaften. Es schien zu funktionieren. Weiterlesen

Ostdeutsche Erinnerungen an Ungarn

Im Oktober, als es um den Vergleich von Budapest und Berlin ging, deutete im Kommentar ein Leser an, daß er einst – noch zu DDR-Zeiten – in Budapest studiert hatte. Auf Ungarisch! Das mußte ein wahres Abenteuer gewesen sein und ein seltenes dazu. Was DDR, was Sozialismus, was Ungarn und der Osten war, mußte sich doch auch in diesen Erlebnissen versteckt halten. Heute ist er, J.Rempt, über sechzig Jahre alt und arbeitet als Landzahnarzt.  Ich bat ihn, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Hier sind sie, in vier Folgen.

Eine Reise in die Jugend

Ich erinnere mich an einen trüben Tag im Winter 1978. Die letzte Stunde sollte gerade beginnen. Unsere stämmige rothaarige Geschichtslehrerin kam nicht alleine. Der Kunstlehrer stakte hinterher. Er fungierte gleichzeitig als unser Berufsberater und Staatsbürgerkundelehrer. Die zwei langweiligsten Lehrer nebeneinander. Resignation und Müdigkeit machte sich in der Klasse breit. Weiterlesen

Warum der Osten atheistisch ist

Das Gespräch mit einem alten Mann, Jahrgang 39, ab 1945 komplett ostsozialisiert, bringt wieder in Erinnerung, daß man – wenn man über den weitverbreiteten Atheismus im Osten spricht – meist ein falsches Verständnis davon hat. Weiterlesen

Die „friedliche Revolution“

35 Jahre nach Fall der Mauer gilt die Frage, warum dieser Systemsturz friedlich ablief, noch immer als ungelöst. Mir hingegen erscheint das – aus ganz persönlicher Erfahrung – vollkommen evident und nur das Gegenteil, ein gewaltsamer, vielleicht sogar blutiger Umsturz, hätte mein Weltbild erschüttern können. So, wie ich es sehe, sehe ich es aus meiner ganz eigenen Perspektive. Weiterlesen

Lenin und die Wege des Herrn

Heute vor 100 Jahren erlitt Lenin seinen dritten oder vierten Schlaganfall und starb. Er war schon seit zwei Jahren nahezu arbeitsunfähig gewesen. Stalin nutzte die Lage, um den Zu- und Abgang zu Lenins Zimmer zu kontrollieren. Er hatte schnell begriffen, daß es zwei Wege zur Macht gibt: Man mußte sich als Fortsetzung Lenins darstellen können und man mußte die mittlere Beamtenschaft für sich gewinnen, also den Treibstoff und das Öl des Apparates. Weiterlesen

Das ist Fortschritt!

Während ich durch einen alten Band der Kant-Studien (Band XXIX, Heft 1/2) blättere, fällt mir eine kurze Bekanntmachung auf.

Wir befinden uns im Jahr 1924. Diese seinerzeit sehr verbreitete „Philosophische Zeitschrift“, begründet von Hans Vaihinger, bringt auf über 300 Seiten Abhandlungen zu Kant und die Psychologie, Kant und die Religion, die reine Rechtslehre, die deutsche Kultur, das Eherecht oder Kant als Naturwissenschaftler. Kant von vorn bis hinten und manch prominenter Name, wie Nicolai Hartmann oder Max Dessoir, arbeitet sich vor weitem Publikum an Kant ab. Weiterlesen

Berührung mit dem Weltgeist

Einmal in meinem Leben wurde ich unmittelbar von der Geschichte geküßt.

Das geschah irgendwann Mitte der 70er Jahre auf einem kleinen Fußballplatz in meiner Heimatstadt Auerbach im Vogtland. Der Platz hieß und heißt wohl auch noch „Siegeloh“ und die Legende sagt, daß es sich um eine Namensgebung der Nazis gehandelt haben soll – die Lohe des Sieges –, aber Genaues weiß man nicht.

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Heimo Schwilks weiches Herz

Tagebuchveröffentlichungen müssen sich rechtfertigen: der Verfasser sollte historisches Gewicht mitbringen, von Bedeutung sein und die von ihm notierten Ereignisse und Gedanken sollten selbstredend erzählens- und erhaltenswert sein.

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Dixie

Jeden Tag sterben Leute – man nimmt das zur Kenntnis und weiter geht’s. Dieser Tage verstarb ein Bekannter von mir als Ungeimpfter an den Folgen … na, ihr wisst schon. Zur Kenntnis genommen, Witwe bedauert, aber nicht wirklich nahe gegangen.

Aber dann gibt es Tode, die erschüttern einen, selbst wenn man den Menschen nicht persönlich kannte,  und von einem solchen habe ich soeben erfahren. Dixie Dörner war einer der großen Helden meiner wilden Jugend.

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Die ewige Rechte

Die mediale Aufarbeitung einiger ironischer Videos bekannter Kulturschaffender wirft mindestens zwei subtextuelle oder meta-mediale Fragen auf. Die eine ist die Frage nach Rechts.

Nur wenige der Delinquenten hatten bisher den Mut, für ihr eigenes Handeln offensiv einzustehen, dazu gehören ein Schauspieler namens Liefers und ein Regisseur Brüggemann. Viele andere haben den Schwanz eingezogen oder das schon längst eingeübte Reueritual vollzogen, das alten DDR-Zeitzeugen so unangenehm bekannt vorkommen sollte, müßte man darüber nicht jedes Mal laut lachen.

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Warum Sachsen?

PDF gesamt: Warum der Osten? Warum Sachsen?
Fortsetzung von: Warum der Osten?

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Warum der Osten?

„Die Identität von Subjekten läßt sich also deswegen vollständig nur über deren Geschichten vergegenwärtigen, weil diese Identität in ihrer synchronen Präsenz stets mehr enthält als das, was aus gegenwärtigen Bedingungen verständlich gemacht werden könnte. Anders formuliert: das, was einer ist, verdankt sich nicht der Persistenz seines Willens, es zu sein. Identität ist kein Handlungsresultat. Sie ist das Resultat einer Geschichte, das heißt der Selbsterhaltung und Entwicklung eines Subjekts unter Bedingungen, die sich zur Raison seines jeweiligen Willens zufällig verhalten. Eben deswegen ist das Subjekt im Verhältnis zu der Geschichte, durch die es seine Identität hat, auch nicht deren Handlungssubjekt, sondern lediglich das Referenzsubjekt der Erzählung dieser Geschichte.“ Hermann Lübbe

Warum der Osten? – Das ist eine Frage jener Art, von der Hermann Lübbe nachwies, daß „sie sich nur historisch erklären” lasse. Weil sich in ihr ein Relikt verbirgt, ein scheinbar funktionsloses Überbleibsel, ein Rest aus einer vergangenen Zeit, den das Wort „Widerstand“ recht gut trifft. Denn ernsthafter politischer Widerstand ist eine Seltenheit und eine Sünde in Deutschland geworden.

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Meine Naivität

Ich gestehe sie ein – sie wurde mir soeben erst wieder vorgeführt. In einem 15-minütigen Gespräch mit einem Buchhändler, einem ehemaligen Buchhändler.

Auf seiner Webseite hatte ich abends ein Buch bestellt. Morgens dann die Nachricht im Emailbriefkasten, daß es das Geschäft nicht mehr gäbe. Die Mail klang seltsam, ich wollte das Buch, also rief ich kurzerhand dort an.

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Das gespaltene Land

Maaz‘ Psychogramm speist sich aus zwei Kraftquellen: der Sorge um den seelischen Zustand des Heimatlandes und der jahrzehntelangen Arbeit mit psychoanalytischen Methoden. Aus dieser Vereinigung zweier scheinbar inkommensurabler Kategorien ergeben sich spannende und ungewohnte Einblicke, aber auch einige argumentative Schwierigkeiten.

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Das Orientbild der Digedags

Man kann die Bedeutung des „Mosaiks von Hannes Hegen“ für die vor allem männliche Jugend der DDR nicht überschätzen. Die 60er, 70er und 80er Jahre waren wesentlich geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Universum der drei Comic-Figuren Dig, Dag und Digedag. Jeden Monat stand man an den Zeitungskiosken Schlange, um das neue Heft zu erstehen. Meine früheste Erinnerung sieht mich mit meinem Vater am Kiosk warten, wo er das Heft 171 kauft: „Die Jagd nach dem Truthahn“. Ein Blick in die „Mosapedia“, ein eigens von Fans eingerichtetes Online-Lexikon, belehrt mich, daß das im Februar 1971 gewesen sein muß – damals war ich noch keine sechs Jahre alt.

Man darf die gewagte These aufstellen, daß die Pegida- und AfD-Generation durch das Mosaik geprägt wurde.

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Immobilienkäufe in Sachsen

Innerhalb weniger Stunden werde ich über zwei Arten von Immobilienkäufen aufgeklärt.

In der FAZ unterrichtet uns der Sächsische Verfassungsschutz, daß es in Deutschland sage und schreibe 146 Immobilien gibt, die Rechtsextremen gehören. Institution und Organ nehmen das zum Anlaß, zu erhöhter Wachsamkeit aufzurufen. Demnach müsse also die Gesinnung eines Käufers eruiert werden, bevor man sich auf den Verkauf eines Hauses oder Hofes einläßt. „Es ist aber auch Aufgabe der Gesellschaft, der Wirtschaftsverbände und der Kreditinstitute, einen genauen Blick auf die Käufer von Immobilien zu haben. Es darf da nicht länger weggeschaut werden.“

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Grenzen der Freiheit

Georges Perec hatte bekanntlich einen Roman geschrieben, in dem er auf den Buchstaben „E“ komplett verzichtete – das hätte er mal auf Ungarisch probieren sollen – aber dazu später.

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