Warum Orbán scheitern mußte

Rendszert váltottunk! Riefen die jungen Leute beim gestrigen Autocorso durch die Budapester Innenstadt – wir haben das System gestürzt (wörtlich: gewechselt). Damit stellten sie sich in die große Geschichte, die der Satz zitiert: den Fall der Mauer. Er enthält in seiner Hybris einen Großteil der Probleme, die zum Sturz Orbáns geführt haben, aber auch jener Probleme, vor denen Ungarn nun steht.

Die Geschichte ist offen, Prognosen sind wohlfeil, aber so viel kann man wohl sagen: Wenn Tisza mit ihrem Führer Péter Magyar nicht liefert, dann droht Ungarn ein politisches Vakuum, das im schlimmsten Fall zum Kollaps führen kann. Weiterlesen

Warum der Osten?

Selbstredend sind die Gründe, weshalb der Osten so anders als der Westen wählt, vielfältig. Einige davon sind, in aller Kürze und ohne wertende Reihung, folgende:

Es gibt noch immer die Ost-West-Schere und zwar in vielerlei Gestalt. Der Westen ist ökonomisch und materiell reicher, aber man spricht dort auch eine andere Sprache. Die DDR galt als geschlossene Gesellschaft, aber gerade dort wird oft offener gesprochen, zumindest auf der unteren Ebene. Dem anderen seine Meinung zu sagen, ist im Osten oft weniger ein Problem. Weiterlesen

Huntington – 30 Jahre später

Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden. (Huntington)
„Wenn die Wirklichkeit die Ideologie widerlegt, so ist die Ideologie falsch, nicht die Wirklichkeit. Samuel Huntington wies 1996 in Kampf der Kulturen darauf hin, daß in Zukunft geistige und kulturelle Blöcke einander gegenüberstehen würden. Viele Idioten blickten damals allerdings nur auf Huntingtons erhobenen Zeigefinger und nicht auf das, worauf er hinwies. Die meisten dieser Idioten starren immer noch auf den Finger, obwohl die Realität dem amerikanischen Soziologen inzwischen recht gegeben hat.“ (Michel Onfray: Niedergang)

Vor drei Jahrzehnten, 1996, erschien eines der am meisten diskutierten und skandalisierten Bücher der Neuzeit: Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. In ihm entwarf er ein neues Paradigma des globalen politischen Zusammenlebens für die Zukunft. Anlaß genug, das Buch erneut zu studieren und abzuklopfen. Weiterlesen

Wo bleiben die Terroristen?

Despite the missteps of U.S. foreign policy, the terrorists‘ missteps have been even worse. That’s why I believe that our fears of terrorism are exaggerated. There just aren’t many terrorists, thank goodness.” Charles Kurzman

Um die Ecke denken, überraschen, nicht ausrechenbar sein … das hat mich schon immer fasziniert. Und wenn in einer Welt, in der wir permanent über die Tatsache stolpern, daß radikaler Islam Terrorismus in großer Zahl und quasi per Gesetz erzeugt, einer kommt und indirekt fragt: „Why are there so few Muslim Terrorists?“, warum es also eigentlich so wenige Terroristen gibt, dann hat er mich schon gebannt.

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Wozu Politik? Vom Interesse am Gang der Welt.

Rezension: Erik Lehnert: Wozu Politik. Vom Interesse am Gang der Welt.

Erst als mir im Laufe der Lektüre der Sinn des „Wir“ aufging, bekam diese Schrift Brisanz. Wen meinte der Autor, wenn er von „wir“ sprach: uns alle? Die Deutschen? Oder die politisch Verbündeten? Nein, der Kreis muß noch enger, im Grunde genommen ganz eng gezogen werden – ohne daß er die größeren ausschließen würde.

2010 erschien dieser Kaplaken-Band – heute liest er sich natürlich ganz anders. Die Krise, von der Lehnert darin spricht, ist die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009, wo man für einen Augenblick den Eindruck gewinnen konnte, das westliche Wirtschafts- und Politsystem stehe auf tönernen Füßen. Seither hat es gravierende Einschnitte gegeben. Die eskalierende Migrationskrise hat die Karten neu gemischt, aus ihr ist eine neue wirkmächtige Partei entstanden und seit einem Jahr wirbelt Trump die „wertebasierte Ordnung“ durcheinander und nur wenige sehen den vorhergehenden Nexus mit Rußlands Überfall auf die Ukraine …

Kann das Buch vor diesem Hintergrund noch bestehen? Weiterlesen

Noch einmal Grönland

Aus aktuellem Anlaß lege ich diesen Artikel, der fast auf den Tag genau vor einem Jahr geschrieben wurde, noch einmal vor. Er ist noch wahrer und dringlicher als damals. Allein die politischen Reaktionen in Dänemark haben sich geändert: Verfiel man damals in ratloses Schweigen, will man heute quer durch die Parteienlandschaft bis aufs Messer kämpfen – was selbstredend nur rhetorische Entschlossenheit ist. 

Seit Donald Trump seine grönländischen Träume veröffentlicht hat, steht das kleine Dänemark Kopf. Was aus diesen Plänen noch werden kann, steht vollkommen in den Sternen. Allein Trumps Äußerungen haben bereits eine Dynamik in Gang gesetzt, Energien freigesetzt, deren Folgen unabsehbar sind.

Aus welcher Perspektive man sie betrachtet – grönländischer, dänischer, amerikanischer, russisch-chinesischer, europäischer, politischer und geopolitischer … –, stets wird es komplex, zeigt Licht- und Schattenseiten, kann utopisch oder apokalyptisch oder dazwischen verstanden werden. Weiterlesen

Ist der Terrorismus rhizomatisch?

Der Philosoph Gilles Deleuze hat schon in den siebziger Jahren das Bild des Rhizoms entwickelt, in dem er ausdrücken wollte, wie postmoderne Organisationen verfaßt sind: Sie gleichen dem Wurzelwerk von Bäumen, weithin verästelt, und sie lösen damit die straffen Hierarchien herkömmlicher Institutionen ab. Solchen wuchernden Rhizomen gleichen nun die dschihadistischen Netzwerke (Gilles Kepel)

Gilles Kepel, den man auch in Deutschland gerne als Terrorexperten zitiert, hatte bereits in seinem umfänglicheren Werk von 2009 – „Die Spirale des Terrors. Der Weg des Islamismus vom 11. September bis in unsere Vorstädte“ – seine Vorliebe für den Poststrukturalismus bewiesen, denn dort wollte er den Terror im Paradigmenwechsel von historischer Faktizität (das reale Ereignis) zur historischen Fiktionalität (das mediale Ereignis) beschreiben. Weiterlesen

Warum die Deutschen?

In Ungarn gab ich gelegentlich ein paar Deutschstunden. Mein ausdauerndster Schüler war ein Mann von 80 Jahren, einst der Inhaber einer der größten Weingüter in dieser gottgesegneten Weingegend, promovierter Önologe.

Einmal wollte er die Deutsche Nationalhymne auswendig lernen und begann zu singen: „Deutschland, Deutschland über alles“. Er war überrascht, zu hören, daß man das nicht mehr singe, sondern nur noch „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Er fand das albern, man müsse doch auch einmal vergessen können … Weiterlesen

Erik Lehnert: Wozu Partei?

Rezension: Erik Lehnert: Wozu Partei? 

Eine Herangehensweise an eine Rezension ist es, den Gang der Gedanken nachzuzeichnen, durch Wiedergabe ausgewählter Passagen ein paar Höhepunkte oder typische Stellen zu markieren und das Ganze mit einigen wertenden Urteilen zu garnieren.

Hier geht das nur bedingt, das Buch ist zu aufgeladen, die klassische Besprechung müßte sich verheddern, den Rahmen ihrer Aufgabe sprengen, wäre letztlich vielleicht sogar länger als der zu besprechende Text. Wir müssen hier ganz im Abstrakten bleiben.

Lehnert argumentiert wie ein Maschinengewehr: Weiterlesen

Logik der Rettung

Jeder hat so seine Untoten. Für mich ist Rudolf Bahro einer: vor fast 30 Jahren starb er – in meinem Bewußtsein ist er so lebendig wie eh und je.

Das liegt im Grunde genommen an einem einzigen Buch, der „Logik der Rettung“, das ich – würde jemand danach fragen – ohne zu zögern, als das wichtigste Buch in meinem Leben bezeichnen würde, weil es eines der ganz wenigen Bücher ist, die direkt und unmittelbar mein Leben verändert haben. Wieder und wieder habe ich es durchgearbeitet und jede Lektüre ließ mich erschüttert zurück – das letzte Mal vielleicht vor 10,12 Jahren.

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Die Iden des Merz

Großes Theater im Bundestag. Wer die Brutusse waren, die Merz versuchshalber das Messer in den Rücken stachen, werden wir wohl nie erfahren. Persönlich würde ich mal bei Saskia Esken nachfragen, ob die was weiß.

Die ganze Szene ist ein treffendes Sinnbild für den rasanten Niedergang dieses Landes, das nicht nur ökonomisch und infrastrukturell rapide abbaut, sondern auch politisch mehr und mehr zur Lachnummer wird. Weiterlesen

Die Macht der Argumente und die Argumente der Macht

Fast jeden Abend höre ich eine halbe Stunde Radio und zwar während des Kochens. Verschiedene ausländische Sender, um ein wenig Sprach-Input zu bekommen. Oft P1 (sprich: Pe Et), den öffentlich-rechtlichen Informationskanal Dänemarks. Der hat gerade einen Skandal zu verkraften, denn im Fernsehen wurde eine schwer linkslastige Dokumentation ausgestrahlt, von einem marxistischen Ökonomieprofessor verantwortet, die den Dänen eine grönländische Kolonialschuld einreden will und dabei frei mit großen Zahlen jongliert. Die Öffentlichkeit ist ob der offenbaren Propaganda entsetzt und hinterfragt den Rundfunkbeitrag … wir kennen das zur Genüge. Weiterlesen

Dem Merz seine Unterschrift

Selbst die Unterschriften gehen verloren. Auf dem Einwohnermeldeamt sollte ich mein Autogramm für den neuen Ausweis auf einen Bildschirm schreiben – und scheiterte. Mußte drei oder viermal neu ansetzen, um was halbwegs Erkenntliches zusammenzubekommen. Der Computer hat mir die Handschrift gestohlen und mit ihr die schriftliche Einzigartigkeit und Individualität: meine Signatur.

Sie soll ja eine Menge verraten, über Charakter, Stimmung, Selbstwahrnehmung, Typus und solche Sachen. Weiterlesen

Gedanken zu Grönland

Seit Donald Trump seine grönländischen Träume veröffentlicht hat, steht das kleine Dänemark Kopf. Was aus diesen Plänen noch werden kann, steht vollkommen in den Sternen. Allein Trumps Äußerungen haben bereits eine Dynamik in Gang gesetzt, Energien freigesetzt, deren Folgen unabsehbar sind.

Aus welcher Perspektive man sie betrachtet – grönländischer, dänischer, amerikanischer, russisch-chinesischer, europäischer, politischer und geopolitischer … –, stets wird es komplex, zeigt Licht- und Schattenseiten, kann utopisch oder apokalyptisch oder dazwischen verstanden werden.

Die dänischen Medien überschlagen sich. Weiterlesen

Hiobsbotschaften aus Syrien und Rumänien

Syrien

Die politischen „Eliten“ in Deutschland haben den Schuß nicht gehört. Sie jubeln über den Sturz Assads in Syrien und sind nicht in der Lage, auch nur zwei Schritte vorauszudenken. Scholz spricht von „einer guten Nachricht“, Röttgen (CDU) spricht von einer „großen Befreiung“, in der Presse überschlägt man sich, die islamistischen Soldaten als „Rebellen“, „Freiheitskämpfer“ und „Revolutionäre“ zu adeln. Aller politische Verstand scheint verloren zu sein im Diktatoren-Furor. Ob Putin, Assad oder Trump a forteriori – alles neue Hitler, böse, bäh, muß weg, um jeden Preis.

Auch die Hoffnung auf rechter Seite, daß nun eine Million Syrer das Land verlassen werden, ist an politischer Naivität nicht zu überbieten. Weiterlesen

Überwältigungskino

Jemand empfiehlt den Film „The Northman“, der sei gut. Ich schaue den Trailer und weiß, daß ich ihn mir nicht anschauen würde, vor allem nicht im Kino. Zu invasiv. Geschrei, Blut, Feuer, Gewalt, Mord, Totschlag, Hauen, Stechen, Kopfabschlagen am laufenden Band – und Nicole Kidman. Die lange Liste ihrer Filmographie beweist mir, daß ich noch keinen einzigen ihrer Filme gesehen habe – und trotzdem ist sie mir schon über. Sie hatte mal das Angebot für Woody Allen zu spielen, aber da sagte sie ab: dort hätte ich sie mir angesehen.

Diese typische amerikanische Mimik und Gestik sind mir zuwider: Weiterlesen

Viktor Orbáns Waterloo

Unter den zahlreichen aufsehenerregenden Ergebnissen der Wahl zum Europäischen Parlament – national und international –, ragt für mich das ungarische Ergebnis heraus. Hier haben wir es mit einem veritablen Erdbeben zu tun, das die gesamte politische Tektonik des Landes fundamental verändern kann. Weiterlesen

Die Macht der Tendenz

Viele irrige Entscheidungen beruhen auf der Verkennung der momentanen Lage. Aufgrund ihres psychischen Apparates tendieren Menschen dazu, sich ein falsches Bild vom Augenblicksmoment zu machen. Moment meint hier eher die Bewegung – nicht den, sondern das. Es gibt mittlerweile zahlreiche technische, statistische Hilfsmittel, doch die Psyche ist oft stärker und das Gedächtnis schwächer. Gedächtnis bräuchte man z.B., um sich der Hilfsmittel noch rechtzeitig zu erinnern, um sie zu Rate zu ziehen. Weiterlesen

Aufklärung und Sklaverei

Hampstead Heath im Frühjahr ist eine naturbunte belebende Oase im Großstadttrubel Londons. Der riesige Park im Norden der Stadt ist mehr als eine grüne Lunge, er beherbergt auch unerwartete Schätze. Plötzlich steht man vor einem opulenten Bau im klassizistischen Stil, der wie ein verzaubertes Schloß die Gegend überragt: Kenwood House. Weiterlesen

Die politischen Kannegießer

Hand aufs Herz: wer kennt den Begriff des „Kannegießers“ noch? Nicht der Beruf des Zinngießers ist gemeint, den die historisch Interessierten oder Besucher von Trödelmärkten vielleicht noch kennen, sondern seine metaphorische Bedeutung. Und unter denen, die ihn kennen: Wer weiß die Quelle?

Ich habe sie gerade gelesen, die Quelle. Der Begriff stammt von dem dänisch-norwegischen Dramatiker und Klassiker Ludvig Holberg (1684 – 1754). Sein zweites und populärstes Stück trug den Titel „Den Politiske Kandestøber“ (1722). Weiterlesen