Heideggers Heimkehr 47

Rezension: Hermann Heidegger: Heimkehr 47. Tagebuch-Auszüge aus der sowjetischen Gefangenschaft. Kaplaken 3, Antaios Verlag. Schnellroda 2007

Es gibt Bücher, die sollte man nicht besprechen. Denn das Sprechen über sie, behindert das Sprechen aus sich heraus und die Unmittelbarkeit solcher Zeugenberichte ist nie zu erreichen, aber schnell zerstört, zerquatscht.

Es muß jedenfalls ein Glücksfall für den Verlag gewesen sein, dieses handschriftliche Tagebuchmanuskript in die Hände bekommen zu haben. Das war ein würdiger Start des Projektes „Kaplaken“, Weiterlesen

Wo bleiben die Terroristen?

Despite the missteps of U.S. foreign policy, the terrorists‘ missteps have been even worse. That’s why I believe that our fears of terrorism are exaggerated. There just aren’t many terrorists, thank goodness.” Charles Kurzman

Um die Ecke denken, überraschen, nicht ausrechenbar sein … das hat mich schon immer fasziniert. Und wenn in einer Welt, in der wir permanent über die Tatsache stolpern, daß radikaler Islam Terrorismus in großer Zahl und quasi per Gesetz erzeugt, einer kommt und indirekt fragt: „Why are there so few Muslim Terrorists?“, warum es also eigentlich so wenige Terroristen gibt, dann hat er mich schon gebannt.

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Ist der Terrorismus rhizomatisch?

Der Philosoph Gilles Deleuze hat schon in den siebziger Jahren das Bild des Rhizoms entwickelt, in dem er ausdrücken wollte, wie postmoderne Organisationen verfaßt sind: Sie gleichen dem Wurzelwerk von Bäumen, weithin verästelt, und sie lösen damit die straffen Hierarchien herkömmlicher Institutionen ab. Solchen wuchernden Rhizomen gleichen nun die dschihadistischen Netzwerke (Gilles Kepel)

Gilles Kepel, den man auch in Deutschland gerne als Terrorexperten zitiert, hatte bereits in seinem umfänglicheren Werk von 2009 – „Die Spirale des Terrors. Der Weg des Islamismus vom 11. September bis in unsere Vorstädte“ – seine Vorliebe für den Poststrukturalismus bewiesen, denn dort wollte er den Terror im Paradigmenwechsel von historischer Faktizität (das reale Ereignis) zur historischen Fiktionalität (das mediale Ereignis) beschreiben. Weiterlesen

Es ist nicht zu halten …

Manchmal ertappe ich mich – spät in der Dunkelheit, wenn die Welt schläft und nur die Marder sich weit nach Mitternacht mit aufgeregten Schreien durch die Gassen jagen –, wie ich beim zweiten Glas des rubinroten „Primitivo“, der die Zunge ein wenig pelzig macht, im gelben Lichtkegel der Leselampe gedankenverloren im großartigen Magyar-Német Nagyszótár blättere – es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Markt – und mit selbstvergessenem Lächeln wundersame ungarische Wörter kaue und leise vor mich hin spreche, um ihr Geheimnis zu erlauschen.

Wie jener Dichter Lázár, den Sándor Márai in seinen großartigen „Wandlungen einer Ehe“ unter vier Protagonisten zum heimlichen Dreh- und Angelpunkt erkoren hatte. Weiterlesen

Für jeden kommt der Tag

Schon wieder der Buchengel. Eigentlich wollte ich nur einen x-beliebigen DDR-Roman lesen, was Leichtes, zur Unterhaltung und zum Erinnern vielleicht, zur Ablenkung und Neujustierung vor allem. Es hätte sonstwas sein können, aber da lag nun dieser Roman in der Bücherzelle, Autor unbekannt, aber vom „Verlag Sport und Technik“ herausgegeben, 1960, „Genehmigt vom Ministerium für Kultur der Deutschen Demokratischen Republik“ … was will man mehr?

Geht auch gleich ordentlich los, mit heulenden Luftschutzsirenen, „branstigen Qualmwolken“, U-Boot-Jargon. Weiterlesen

Gewalt im Westen und im Islam

Man kann die Geschichte des Abendlandes als eine Geschichte des (wenngleich nicht immer erfolgreichen) Versuchs schreiben, Gewalt zu minimieren. Im Hinblick auf islamische Gesellschaften wäre eine solche Perspektive absurd. (Manfred Kleine-Hartlage: Das Dschihad-System)

Als Manfred Kleine-Hartlage diese Zeilen in seinem ausgesprochen diskutablen Buch schrieb – 2010 –, da kannte er Steven Pinkers Monumentalwerk „Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit“ (engl.: The better Angels of our Nature. Why violence has declined) von 2011 (dt.: 2013) noch nicht. Es ist eines von zwei Grundlagenwerken, die rechte und konservative Narrative fundamental und vor dem Hintergrund großer Sachkenntnis in Frage stellen. Weiterlesen

Mythos Al-Andalus

Ich prophezeie der Philosophie eine andere Vergangenheit (Peter Sloterdijk)
Islam has a proud tradition of tolerance. We see it in the history of Andalusia and Cordoba during the Inquisition (sic!). (Barack Hussein Obama)

Die klassische Geschichtserzählung berichtet uns von einem Wunderland Al-Andalus. Inspiriert durch die romantische Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, werden die Jahre zwischen 711 und 1492 vornehmlich als Ideal einer toleranten islamischen Zeit, einer Blüte der Gerechtigkeit, der Multikulturalität und Diversität, des Pluralismus und eines friedlichen und sich gegenseitig befruchtenden Nebeneinanders von Islam, Judentum und Christentum, von Convivencia, bis hin zur Symbiose, dargestellt.

Dabei wird, ganz grob gesehen, von drei Phasen ausgegangen Weiterlesen

Tränen im Kino

Was ich letztens über das Kino, das amerikanische Kino im weitesten Sinne schrieb, das gilt offenbar nicht für alle. Das meint auch das Schluchzver- oder gebot. Quasi auf Befehl zu weinen, und zwar im Chor, in der Gemeinschaft, wenn der Regisseur es will, wenn der Filmdramaturg es befiehlt – oder zu lachen, zu trauern, wütend zu sein, erleichtert, die ganze Palette – ist nicht nur, wie Sloterdijk mal sagte, ein Zeichen der gemeinsamen Humanität, sondern vor allem ein Produkt der Hörigkeit, der Unselbständigkeit, der Entindividualisierung, wie sie unsere moderne Gesellschaft anstrebt – ob bewußt oder unbewußt, sei dahingestellt – und also verwerflich. Das moderne Bombastkino ist Hirnwäsche. Weiterlesen

Kriegspornographie

Der alte Fehler: abends noch Videos geguckt, die der Algorithmus präsentiert. Schaut man sich einmal etwas Spezifisches an, wird man schnell mit immer neuem Material konfrontiert. Und manchmal habe ich mir eben Kriegsvideos angeschaut, wirkliche Dramen, echtes Leid, realer Tod im ukrainischen Grenzgebiet. Weiterlesen

Warum ich (fast) keine moderne Literatur lese

Das möchte ich an einer alten Schwarte demonstrieren, mehr als 100 Jahre alt. Aber auch dieses Buch war mal neu und jung. Es lächelte mich seit vielen Jahren schon an. Ein schöner alter Umschlag, Titelblatt in Handschrift, Titel sehr aufgeladen und dann ist es ein Jesus-Roman und gerade zu Weihnachten greife ich gern zu einer Auffrischung.

Der Name des Autors kann jemandem, der mal im Antiquariat gearbeitet hat, nicht fremd sein Weiterlesen

Hiobsbotschaften aus Syrien und Rumänien

Syrien

Die politischen „Eliten“ in Deutschland haben den Schuß nicht gehört. Sie jubeln über den Sturz Assads in Syrien und sind nicht in der Lage, auch nur zwei Schritte vorauszudenken. Scholz spricht von „einer guten Nachricht“, Röttgen (CDU) spricht von einer „großen Befreiung“, in der Presse überschlägt man sich, die islamistischen Soldaten als „Rebellen“, „Freiheitskämpfer“ und „Revolutionäre“ zu adeln. Aller politische Verstand scheint verloren zu sein im Diktatoren-Furor. Ob Putin, Assad oder Trump a forteriori – alles neue Hitler, böse, bäh, muß weg, um jeden Preis.

Auch die Hoffnung auf rechter Seite, daß nun eine Million Syrer das Land verlassen werden, ist an politischer Naivität nicht zu überbieten. Weiterlesen

Über jene, die im Recht sind

Man muß sehr vorsichtig mit jenen Menschen sein, die recht haben. Zum Beispiel, große Niedertracht und Unbill traf sie: man hat ihnen die Früchte ihrer Arbeit geraubt, ihre Freiheit, hat ihre Liebsten getötet, und all dies wurde zu Unrecht von gierigen, gemeinen oder grausamen Menschen getan. Weiterlesen

Geschichte und kognitive Dissonanz

Noch ein Widerspruch, auf den hinzuweisen lohnt.

Man hört im momentanen Konflikt in Nahost oft das Argument, man müsse die gesamte Geschichte des Ringens beachten, wenn man die Handlungen der Protagonisten beurteilen wolle. Meist soll damit der Überfall der Hamas auf Israel „rationalisiert“ werden. Man meint dann, die „Kolonialisierung“, der Landdiebstahl, der überhaupt erst eine Staatengründung ermöglichte, vor allem aber das erbärmliche Leben der Millionen Palästinenser in den „Reservaten“ könne „irgendwie“ das Abschlachten rechtfertigen oder wenigstens erklären. Weiterlesen

Die Evidenz des initialen Bildes

Wenn ich sage, wir sollten den Bildern aus dem Nahen Osten mißtrauen, dann dürfte das bei Lesern dieses Blogs nur Gähnen hervorrufen. Auch dann, wenn ich ergänze: die Bilder beider Seiten, die der Palästinenser ebenso wie der der Israelis.

Der moderne Krieg wird vor allem mit Bildern geführt und nicht mit Bomben. Die Bomben besitzen nur eine unmittelbare Realität für jene, die unter ihren physischen Wirkungen leiden; entscheidender für den Krieg, seinen Fort- und Ausgang sind in der globalen Welt nicht die Taten, sondern die Bilder als Botschaften der Taten. Was nicht gefilmt, nicht registriert wurde, spielt keine Rolle, so wie ein an einer Person begangener Diebstahl, den sie nicht bemerkt, bedeutungs- und folgenlos bleibt, weil es kein Vermissen gibt. Weiterlesen

Wie sollten Rechte zum Krieg in Nahost stehen?

Der von der Hamas losgetretene und von Israel aufgenommene Kriegsvorschlag ist noch nicht mal richtig angenommen worden, da zerstreitet – wie vorausgesehen – das rechte Lager sich bis aufs Messer. Alte Freundschaften und Sympathien zerbrechen mit Bombenschnelle, rasch ist man mit gegenseitigen Vorwürfen bei der Hand und will sich am liebsten nie wieder begegnen.

Wie soll aber eine politische Kraft arbeiten können, wenn sie bereits an den einfachen historischen Gegebenheiten scheitert? Weiterlesen

Blutrunst

Wir stehen fassungslos vor den Berichten der Überlebenden jenes Abschlachtens von hunderten wehrlosen jungen Menschen auf einem Festival an der israelisch-palästinensischen Grenze. Die Mörder sind nicht zufällig auf die Feiernden gestoßen, nein, man hat sich diesen Ort bewußt gewählt, der Überfall wurde taktisch geplant und konzertiert durchgeführt. Das Ziel war: Töten! So viele Menschen wie nur möglich töten. Komplett unschuldige, harmlose, wehrlose Menschen. Weiterlesen

Israel oder Palästina?

Auf welcher Seite sollte man stehen? Diese Frage wird die Rechte – wie übrigens auch die Linke – immer zerreißen, sollte sie jemals eine Machtoption besitzen. Es ist eine jener drei, vier Grundsatzfragen, die für eine konzise Antwort zu komplex sind.

Die Komplexität ergibt sich nicht nur aus den weltanschaulichen Präferenzen oder der psychischen Konstitution. Letztere differenziert oft nach Leid- und Opfererfahrungen und stellt sich neben den Schwächeren, ist also wesentlich emotional verursacht. Weiterlesen

Rußland: Wut aus Liebe

Der Übersetzer und Romanautor Olaf Kühl beschrieb seine innere Affinität zum Ostslawischen verschiedentlich als unaufklärbares Schicksal. Die Liebe zum Russischen, später zum Polnischen war in ihm drin und man kann sie in seinen kongenialen Übersetzungen – allen voran Witold Gombrowiczs – spüren. Kühl war aber auch viele Jahre Rußlandreferent des Berliner Bürgermeisters und verfügt somit über intime politische Einblicke und er hat das Land viele Male bereist. Der Krieg gegen die Ukraine ließ ihn nun förmlich explodieren, in seinem Buch „Z“, das als „Kurze Geschichte Rußlands“ angekündigt wird, sammelt er all seine empirisch gewonnene Wut über die enttäuschte Liebe. Weiterlesen

Ein Buch, zwei Meinungen

Mittlerweile trudeln die ersten Stellungnahmen zu Albert Wass‘ neu übersetzten Roman „Gebt mir meine Berge zurück!“ ein. Sie werden hier kommentarlos aufgelistet, denn sie sind vielsagend, sie sagen nicht nur viel über dieses Buch, sondern auch über die Welt, in der wir leben.

Leserbrief: Das Buch hat mich sehr aufgewühlt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals ein Buch gelesen hätte, das mir so nah war. Es ist so schön und wahr und allgemein gültig und tief menschlich. Es liest sich wunderbar, auch wenn es gleichzeitig erschütternd ist, weil es deutlich macht, wie Menschen Spielbälle, eher Opfer von Systemen werden. Was mit den Siebenbürgern passiert ist, zeigt die ganze Tragik und Absurdität, die politische und damit auch Menschen gemachte Entscheidungen zur Folge haben. Welch eine Ungerechtigkeit, welch ein Leid! Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Ein Antikriegsbuch, zugleich voller Menschlichkeit und Unmenschlichkeit. Ich musste an meine Vorfahren denken. Die Familien meiner Eltern sind ja beide vertrieben worden. Entwurzelte Menschen ohne richtige Heimat, ohne eigene Kultur, denn die eigene Kultur mussten sie ja unterdrücken, vergessen, verleugnen…“ Weiterlesen

Orbáns Leseliste – Nationale Interessen

In seinem sehr lesenswerten großen Interview mit der “Budapester Zeitung” hatte Viktor Orbán auch einige Lesetipps verteilt, Bücher benannt, die ihn beeindruckt und beeinflußt haben. Der Zufall will es, daß ich die meisten davon im Hause habe. Es kann keine schlechte Idee sein, Orbáns Hinweis zu folgen, die Bücher zu lesen und vielleicht gelingt es uns dadurch sogar, seinem Denken, seiner politischen Grundüberzeugung näher zu kommen.
Heute: Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen

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