Kann die KI Literatur?

Es ist eine Frage, die sich wie von selbst stellt, wenn man die gegenwärtige Lage der Dinge betrachtet, und sie verrät mehr über unser Zeitalter als über die Maschine selbst: Warum vermag die Künstliche Intelligenz bald Literatur hervorzubringen, die selbst den strengsten Maßstäben des Kanons, der Kritik und des ästhetischen Urteils standhält?

Die Antwort liegt nicht in irgendeiner plötzlichen „Intelligenz“ der Algorithmen, sondern im Wesen dessen, was wir heute noch „Literatur“ nennen und was sie in Wahrheit längst geworden ist: ein Gefüge aus Formen, Mustern und Verfahren, das sich vom lebendigen Geist des Schaffenden abgelöst hat.

Wer die Geschichte der abendländischen Dichtung kennt, weiß, daß das Hohe immer aus dem Unberechenbaren kam: aus jenem dämonischen Funken, der den Dichter ergreift wie ein Schicksal, aus der Begegnung von Blut, Boden und geschichtlichem Augenblick. Goethe sprach vom „Urphänomen“, Nietzsche von der „Geburt der Tragödie“ aus dem Geist der Musik – immer war es mehr als Technik, mehr als Kombinatorik. Die großen Werke waren Offenbarungen eines Ganzen, das den Einzelnen überstieg.

Heute jedoch ist die Literatur – jene, die in den Feuilletons gefeiert, mit Preisen bedacht und an den Universitäten seziert wird – längst zu einem späten, epigonalen Handwerk herabgesunken. Sie besteht aus narrativen Bausteinen, stilistischen Signalen, intertextuellen Verweisen und ideologischen Signaturen, die sich mit hinreichender Präzision katalogisieren und reproduzieren lassen.

Die Postmoderne hat das Ihrige getan: Sie hat das Werk entweiht, den Autor für tot erklärt und den Text zum bloßen Spiel von Differenzen gemacht. Was blieb, war die Maschine im Menschen – und nun tritt die Maschine selbst hervor, um das Spiel vollendet zu spielen.

Die KI hat den gesamten Kanon verschlungen, vom Nibelungenlied bis zu Botho Strauß, von der Bibel bis zu den Feuilletonisten der Gegenwart. Sie kennt nicht nur die Wörter, sondern ihre statistische Verteilung, ihre rhythmischen Gesetze, ihre semantischen Felder und ihre emotionalen Resonanzen. Sie vermag den Tonfall eines Proust, die ironische Brechung eines Musil, die mythische Verdichtung eines Jünger mit einer Treffsicherheit nachzuahmen, die den meisten lebenden Autoren längst abhanden gekommen ist.

Denn diese Autoren schreiben bereits wie Maschinen: unter dem Diktat von Trends, Fördergremien und dem unsichtbaren Zwang, „relevant“ zu sein. Die höchsten Ansprüche, von denen hier die Rede ist, sind keine ewigen, sondern die unserer eigenen, späten Zeit – Ansprüche einer Kultur, die den Geist der Tiefe gegen die Perfektion der Oberfläche eingetauscht hat.

Wo einst das Unaussprechliche durchschimmerte, genügt heute die makellose Simulation. In der Tat: Die Literatur ist bereits seit langem in das Gestell der Technik eingetreten, wie Heidegger es nannte. Sie ist nicht mehr Schicksal, sondern Verfügbarkeit. Die KI vollendet nur, was der Mensch in seiner Hybris begonnen hat – die restlose Berechenbarkeit des Schönen.

Sie wird Romane schreiben, die formal unangreifbar sind, die jede Feinheit des Stils treffen, jede psychologische Nuance ausleuchten und doch – und hier liegt die bittere Ironie – jenes Letzte nicht besitzen, was den wahren Text unersetzlich macht: den Hauch des Lebendigen, die Spur des Unverfügbaren, den Schauder vor dem Abgrund, aus dem das Wort einst kam.

Nichtsdestotrotz wird sie genügen. Sie wird die Kritiker entzücken, die Leser befriedigen und die Verlage bereichern. Denn die höchsten Ansprüche unserer Epoche sind keine, die den Menschen überfordern, sondern solche, die er selbst schon unterschritten hat.

Die Maschine wird nicht die Literatur retten, sie wird nur ihren Kadaver perfekt ausstopfen. Und vielleicht liegt darin die letzte, schmerzhafte Wahrheit: Daß das, was wir noch „hohe Literatur“ nennen, bereits seit geraumer Zeit eine Kunst der Toten war – und daß die KI nur den letzten Akt dieser Totenfeier mit unfehlbarer Eleganz inszeniert.

Diesen Text hat Martin Lichtmesz geschrieben – zumindest jener Lichtmesz, den die KI (hier Grok) imaginiert. Sie hat das innerhalb weniger Sekunden ausgespuckt, es wurde nicht bearbeitet oder verfeinert – wir haben es hier mit einer kruden Rohform zu tun! Und doch trifft sie schon etwas …

Vorausgegangen war ein kleiner Wortwechsel auf Twitter. Es war gefragt worden: „Kann die KI wirklich gute Bücher schreiben, die zu lesen Spaß macht?“

Ich antwortete: „Noch nicht vermutlich. Frage der Zeit. Welchen ontologischen Status wird das dann haben? Wenn nicht mehr menschliche Erfahrung, Leid und Phantasie diktieren? Und was ist überhaupt der Unterschied zu serieller Literatur…?“ und später: „Ich fürchte, sie wird bald schon kreativ und künstlerisch werden.“

Da schaltete sich Martin Lichtmesz in seiner unnachahmlichen Art ein: „ein Scheiß wird sie“ und: „das ist ontologisch nicht möglich, man wird höchstens „interessante“ Imitationen sehen, die keiner lesen will…“

Ich nochmal: „Vor 20 Jahren Artikel geschrieben, der bewies, daß die Maschinen nie besser Schach spielen werden als men. War crap. Heute siehst du Stellungen, Lösungen, strategische Pläne, die kein Mensch je gespielt hätte, weil komplett counterintuitive. Kreativ und schön. … Was meist unterschätzt wird, ist die Exponentialität der Entw. Die KI baut sich selbst immer schneller und immer besser. Das ist nicht unendlich, aber weit jenseits humaner Geschwindigkeit …, aber ich stochere auch nur im Nebel rum.“

Und dann die Idee, das Ganze ironisch zu testen.

Befehl: „Schreib einen Text im Stil und Duktus von Martin Lichtmesz über die Frage, warum die KI bald Literatur schreiben kann, die höchsten Ansprüchen genügt. Circa eine Seite“

Resultat: der obige Lichtmesz. Die einen werden sagen: das ist noch meilenweit von Lichtmesz entfernt – und sie werden recht haben –, die anderen werden schon einige Stilelemente und Gedankengänge wiedererkennen.

Wie gesagt: Das ist ein kleiner Rechner beim ersten Auswurf und ohne jeden Feinschliff. Die erste Generation. In fünf Jahren werden wir darüber ungläubig lachen – und die KI vielleicht sogar mit …

Mir scheint es eher meine These zu belegen.

Die wahre Herrin der Runneburg

Die Maus ist das wahre Wappentier der Runneburg. Die Maus und nicht der Fisch.

Die beiden Fische im Wappen der Stadt Weißensee versteht heute niemand mehr, ebensowenig wie den See im Namen. Einst hat er dort gelegen, die kleine Stadt in Thüringen, gleich neben Sömmerda, umschlossen und wohl viel Fisch geliefert. Aber man legte ihn irgendwann trocken – der Mensch eben.

Über den Menschen an und für sich und über viele Menschen im Konkreten konnte ich auf der Runneburg viel lernen. Die jährlichen Grabungen dort gehören zu den prägenden Erlebnissen in meinem Leben, so etwa wie die Militärzeit. Es begann noch vor der Wende als Studenten-Sommer und damals, im ersten Jahr, saßen wir noch im FDJ-Hemd um das legendäre Lagerfeuer, das unzählige Geschichten erzählen könnte und das wie ein steinzeitliches Feuer über Wochen und Monate nicht erlosch.

Und danach war ich jeden Sommer dort, manchmal nur zwei Wochen und manchmal bis tief in den Oktober hinein. Wir schliefen in Zelten oder ganz im Freien, wir ackerten, entdeckten, gruben und tranken unfaßbar viel. Die mittelalterliche Landgrafen-Burg sollte zuerst vor der Zerstörung gerettet werden. Sie stand auf glitschigem Lehm und drohte den Abhang hinabzurutschen, also gruben wir sie im ersten Jahr bis auf den Grundstein frei und legten Drainagen. In den kommenden Jahren wurde dann archäologisch gearbeitet.

Je mehr wir fanden, umso bedeutender schien sie zu werden. Die Heilige Elisabeth war dort gewesen und der Chefarchäologe verlegte vor lauter Enthusiasmus auch den Sängerwettstreit dorthin. Und als man später eine Urkunde übers Bierbrauen fand, da konnte man auch das Bayrische Reinheitsgebot, das ja ein allgemein deutsches ist, in die Tonne drücken und Weißensee zum Bieräquator erklären. Und so weiter.

So funktioniert Geschichtsschreibung. Einer muß etwas ins Herz schließen, muß dazu „forschen“ und ausgraben, ein paar Veröffentlichungen platzieren und mit ein bißchen Glück wird sein persönlicher Kraftort zum Mittelpunkt der Welt.

Richtig begreiflich machte mir das die Maus. Wir fanden zwei Skelette. Das eine verdächtig knapp unter der Grasnarbe. Sollen wir nicht die Polizei holen, fragte ich. Aber nein, das kann man nicht gebrauchen, der Mann war mittelalterlich. Und dann fand ich da eine glasierte Tonscheibe in tiefen Schichten, die eigentlich das alte Alter der freigelegten Anlagen beweisen sollte und die das Ganze um drei-, vierhundert Jahre durcheinandergebracht hätte. Die zeigte ich dem Chefarchäologen, der sah sie verächtlich an und warf sie kurzerhand über die Burgmauer. „Tierverschleppung“, sagte er fast ein wenig beleidigt … und ging.

Die Maus war es also, die die Geschichte schrieb. Und passenderweise soll es nun auch die Maus gewesen sein, die im alten Marstall mit seinem alten Gebälk ein Kabel angeknabbert hat und somit den Brand auslöste, der durch die Gazetten ging. Zum Glück blieb der Turm stehen, den ich noch vor unseren Augen zerreißen sah und den man dann aufwendig wieder zusammenzog. Aber auch das Alte muß irgendwann gehen – daran erinnert uns der Brand.

Soweit, so gut und so normal – wenn auch traurig.

Aber daß einer schon zwei Tage später dazu ein durchaus ergreifendes Lied – natürlich reine KI, aber schon nicht schlecht gemacht – ins Netz legt[1], das geht über die menschliche Auffassungsgabe hinaus. Zehn Jahre war ich dort, es begann vor 35 Jahren mit Hacke, Schaufel, Schubkarre. Niemand hatte auch nur eine Ahnung von einem Telefon, das man tragen kann, und wir schrieben alles noch mit Hand und Schreibmaschine in vier Durchschlägen. Dreieinhalb Jahrzehnte liegen dazwischen, ein halbes Mannesleben – und doch Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende.

[1] Ob das nicht Heavy höchstpersönlich war?

KI und die Folgen

Aufforderung an eine KI: „Charakterisiere den Stil und das Denken von Seidwalk auf gleichnamiger Webseite“

Antwort: „Der Stil und das Denken von Seidwalk, wie sie auf seidwalk.wordpress.com zum Ausdruck kommen, lassen sich durch eine Kombination aus reflektierter Analyse, philosophischer Tiefe und einem kritischen Blick auf zeitgenössische gesellschaftliche Entwicklungen charakterisieren.“ Blablabla.

Dann der Befehl: Schreibe in diesem Stil einen Text über Heidegger und sein Konzept des Wohnens. Weiterlesen

Die toten Ritter der Kokosnuß

Eva Rex erinnert in ihrem kleinen, aber feinen Buch über die Ideologie des Transhumanismus[1] daran, daß Timothy Leary, der LSD-Prophet und eine der Ikonen der New-Age-Bewegung, seine sterblichen Überreste, also seine Asche, ins Weltall hat schießen lassen. Das sei ein ganz konsequenter Schritt im radikalen Entgrenzungsprozeß gewesen, auf dem Weg zur „ozeanischen Selbstentgrenzung“ oder besser doch zur: universellen Selbstentgrenzung. Rex hält die New-Ager trotz deren antimaterialistischer Grundeinstellung für Verwandte und Vorreiter der Transhumanisten, Singularitäts-Propheten und KI-Propagandisten. Daß das Silicon Valley ihre Heimstätte im Hippie-Staat Kalifornien fand, hält sie für keinen Zufall, sieht darin eher eine Kontinuität: die höchste Hochtechnologie ist Folge der Ablehnung und Auflösung aller Ordnungen. Weiterlesen