Alles Makulatur

Zuletzt erkennen auch immer mehr Marxisten und sonstige Ideologen, die im 20. Jahrhundert hängengeblieben sind, daß ihre abstrakten Debatten und Fragen in einem kaum bewußten kulturellen Resonanzraum stattfanden, der mit dem Großen Austausch vernichtet wird. (Martin Sellner)

Irgendwann im Herbst 2015, als die Meldungen sich überschlugen, tagtäglich neue phantastische Zahlen von Menschen, die die Landesgrenze meist unkontrolliert überschritten hatten, genannt wurden, dazu Bilder scheinbar endloser Menschenschlangen und –mengen, die auf Autobahnen oder über Felder liefen, an Grenzstationen in großen Trauben hängen blieben, während offenbar verrückt Gewordene die Massen mit Heilsgesängen, Blumen, Teddybären und Tonnen an Altkleidern empfingen, irgendwann in dieser Zeit, saß ich mit meiner Frau – mit der ich damals jeden Tag, jede Stunde dieses eine Thema immer und immer wieder und immer fassungsloser besprach – im Wohnzimmer, das vom Boden bis zur Decke mit einer wunderschönen Buchtapete – in sechs europäischen Sprachen – ausgekleidet ist, an der seit Jahren der Blick mindestens ein Mal am Tag liebe- und auch ein wenig vorwurfsvoll – Warum hast du keine Zeit mehr für Fontane? Wie lang willst du den Goethe noch hinausschieben? Du wagst es, über skandinavische Literatur zu schreiben und hast den Olav Duun noch immer nicht gelesen! … – entlang glitt, und sagte plötzlich zu ihr, auf die Regale weisend: Das ist alles Makulatur! Weiterlesen

Sprache und Sein – ein produktives Paradox

Lesen ist auf etwas zugehen, das gerade entsteht und von dem noch keiner weiß, was es sein ­wird … (Italo Calvino)
PDF: Sprache und Sein

Es gibt seit je eine Schere zwischen der Sprache und dem Sein, doch erst mit der Moderne beginnt diese sich in einem solch rasanten Tempo zu spreizen, daß es zunehmend schwie­riger wird, das Sein sprachlich bewältigen zu können, dem Sein zu ent-sprechen. Zu­nehmend werden die Menschen vom Sein überrannt – sie werden, im Verhältnis zu diesem, sprachlos. Dabei wird das überschüssige Sein erst vom Menschen in die Existenz gesetzt. Weiterlesen

Heidegger in Gelb?

Prinzipiell bin ich Inhaltsleser, Inhalt geht vor Form. Aber es gibt Autoren, Bücher und Situationen, in denen sich das Verhältnis umkehrt.

Da hatte ich mir den Jakob-Böhme-Roman von Edith Mikeleitis bestellt und bekam ein Book-on-demand-Erzeugnis in aggressivem Orange, auf dessen Vorderfront eine „abstrakte Künstlerin“ mithilfe eines Nullachtfünfzehn Computerprogrammes eine Art Böhme-Fraktal gepappt hatte. Weiterlesen

Ein Buch aufschneiden

Man freut sich jedes Mal, wenn ein neues Buch ankommt. Mittlerweile wird es vom Syrer gebracht. Man geht auch kaum noch in ein Antiquariat zum Stöbern – d.h. wenn ich in einer anderen Stadt bin, in der es eines gibt, mache ich das natürlich und gehe quasi nie unbeschenkt heraus, aber das passiert eben nicht mehr oft und die Dichte der Antiquariate hat leider dramatisch abgenommen.

Diesmal ein seltener Glücksfall. Bestellt war Jakob Knudsen: Livsfilosofi, Weiterlesen

Autorität und Urteil

Hegel, nachdem er seinen Status als Gelehrter, Beamter und Ehemann gefestigt hatte, entwickelte, aus Gesundheits- und Bildungsgründen, auch um Freunde zu besuchen, eine bis dahin ungewöhnliche Reisefreude.

Er lehrte seit 1818 bis zu seinem Tode im Jahre 1831 in Berlin. Erste, kurze Reisen führten ihn nach Dresden (1820/1821), aber schon 1822 entschloß er sich zu einer längeren Fahrt nach Brüssel, seinen langjäh­rigen und treuesten Verehrer, van Ghert, aufzusuchen. Zwei Jahre darauf folgte eine Reise nach Wien, und 1827 schließlich erfüllte sich Hegel einen langjährigen Traum und reiste nach Paris, später noch einmal nach Prag und Karlsbad.

Er nutzte diese Zeiten stets sehr intensiv, um Galerien, Theater und Opernvorstellungen zu besuchen und unterließ es nicht, seiner Frau davon in ausführlichen Briefen zu berichten. Diesen Briefen verdanken wir die Kenntnis darüber, was Hegel sah, wovon er beeindruckt, wovon er enttäuscht war, kurz, wir lernen sein ästhetisches Empfinden jenseits der theoretischen Schriften kennen. Das ist nicht unerheblich, gingen doch viele der Impressionen in seine Werke, insbesondere in die „Ästhetik“ ein.

Hegel zeigt sich hier als Kunstkenner von hohen Graden mit sehr feinem Sensorium und einem enormen Gedächtnis. Man darf nicht vergessen, daß Vergleiche von Kunstwerken, wie er sie hin und wieder anstellte, oftmals auf Erlebnissen basieren, die Jahre voneinander getrennt sind, an die heute alltäglichen Reproduktionen aber nicht zu denken war, zumindest nie mit photographischem Anspruch.

So erfahren wir etwa von seiner Begeisterung für Michelangelo, dessen Werke zu sehen, er, der stets unter den Reisestrapazen litt, nicht scheute, Umwege zu nehmen.

Am 9. Oktober 1822, während seiner Brüsselreise, schreibt er an seine Frau: „Ich habe, statt gerade aus zu fahren, der Begierde nicht widerstehen kön­nen, hier abzusteigen, um ein Denkmal, von Michelangelo verfertigt, zu sehen – von Michelangelo! Wo kann man sonst in Deutsch­land eine Arbeit von diesem Meister sehen?“ (Briefe Bd. 2, 358), und Tags darauf: „Also abends, nachdem ich an Dich geschrieben, auf dem Wagen nach Breda, – dort das herr­liche Werk von Michelangelo gesehen – ein Mausoleum. Sechs lebensgroße Figuren von Alabaster, weiß – ein Graf und seine Frau liegend im Tode, und von vier Figuren: Julius Caesar, Hannibal, Regulus und ein Krieger gebückt stehend an den vier Ecken des schwar­zen Steins, worauf jene liegen, und tragend auf den Schultern eben einen solchen schwar­zen Stein – herrliche, geistvolle Arbeit des größten Meisters“ (360).

Hegels Begeiste­rung ist noch in seiner großen Ästhetik zu spüren, wo er, um zu zeigen, daß die „christliche Skulptur“, insbesondere wo sie sich den Alten anschließt, „Vortreffliches zu leisten ge­wußt“, ausschließlich auf Michel­angelo rekurriert: „…vor allem aber hat mich das Grabmal des Grafen von Nassau zu Breda angezogen. Der Graf liegt mit seiner Gattin lebensgroß aus weißem Alabaster auf einer schwarzen Marmor­platte. Auf der Ecke des Steines stehen Regulus, Hannibal, Cäsar und ein römischer Krieger in gebeugter Stellung und tragen über sich eine der unteren ähnliche schwarze Platte. Nichts ist interessanter, als einen Charakter wie den des Cäsars von Michelangelo vorgestellt zu sehen. Für religiöse Ge­genstände jedoch gehört der Geist, die Macht der Phantasie, die Kraft, Gründlichkeit, Kühnheit und Tüchtigkeit eines solchen Meisters dazu, um das plastische Prinzip der Alten mit der Art der Beseelung, die im Romantischen liegt, in solcher pro­duktiven Eigentüm­lichkeit verbinden zu können“ (Ästhetik 167f.).

Selbst auf seiner Parisreise, er befindet sich auf dem Rückweg, ist die Erinnerung noch frisch. Erneut läßt er es sich nicht nehmen, eine Michelangeloplastik zu betrachten. „In Brüg­ge sah ich die höchst denkwürdigen, herrlichen Originalwerke von van Eyck und Hemling – und kann mich nicht genug freuen, diese Ansicht genossen und noch erreicht zu haben, – auch eine Maria mit dem Kinde in Marmor von Michelangelo. – Was alles in diesen Niederlanden ist! In ganz Deutschland und Frankreich ist kein Werk von Michelangelo, und in den Niederlanden ist dieses höchst großartige, ganz eigentümlich in hoher Ernstheit aufgefaßte und herrlich ausgeführte Bild der Maria und dann noch jenes unsterbliche, größe­re in Breda, das ich vor vier Jahren gesehen“ (Bd. 3, 200).

Möglicher­weise trüben Zweifel etwas die Freude, denn Hegel weiß: „Das Marienbild in der Frauenkirche zu Brügge, ein vorzügliches Werk, wollen einige nicht für echt gelten lassen“ (Ästhetik 167), und so fällt denn das Urteil ein klein bißchen weniger emphatisch aus.

Vollends deutlich wird sein auserlesener Kunstgeschmack, aber auch sein analytisches Gespür, wenn man sich folgende Passagen eines Briefes an seine Frau vergegenwärtigt, den er im September 1821 in Dresden verfaßte, um seine Eindrücke von der Gemälde­galerie zu schildern. Besonders Hans Holbeins d.Ä. „Ma­donna mit der Familie des Bürgermeisters Meyer“ hat es ihm angetan, begeisterte ihn doch schon eine Kopie, die in Berlin zu sehen war und die er gemeinsam mit seiner Frau einst bewunderte. Er schreibt ihr: „Auf der Galerie war ich natürlich auch – und musterte die alten lieben Bekannten durch – vor­nehmlich war ich begierig auf das Holbeinsche Bild, wovon wir das Abbild in Berlin sahen…“ (2, 292). Bis ins kleinste Detail analysiert es der Kenner „und beachtete besonders die Umstände, die ich mir daselbst ausgezeichnet hatte, den Teint der mittleren Figur unter den drei weiblichen und die Nase des Bürgermeisters und das Kind auf dem Arm der Maria“ (292f.).

Das Original © Wiki gemeinfrei

Das Original © Wiki gemeinfrei

Die Analyse dient zur Schlußfolgerung: „In Ansehung jener beiden Um­stände war es mir sogleich klar, daß sie im Berliner Bild, so sehr es für sich genommen ein schönes Bild ist, von einem Schüler gemacht sind…“ (293). Mehr noch, alles bewogen, wagt er sogar ein Urteil: „Es ist mir gar kein Zweifel, daß das Berliner Bild eine mit Geschicklichkeit gemachte Kopie ist, in der aber vornehm­lich der Geist fehlt“.

Wozu nun dieser Exkurs, weshalb die Kenntnisgabe dieser doch scheinbar unbedeutenden Begebenheit aus dem Leben Hegels?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir das Gemeinsame der drei Ereignisse benennen. Was alle drei Kunstwerke, die beiden Michelangelos und das Bild von Holbein gemeinsam haben, ist, daß sie alle nicht echt sind. Was Hegel nicht wissen konn­te, die moderne Forschung brachte es an den Tag. Das „herrliche Werk von Michelangelo“, das Grabmal in Breda, stammt nicht von Michelangelo, sondern von einem unbekannten Meister; für die Marienskulptur in Brügge bestätigte sich der Verdacht „einiger“, zumindest ist die Urheberschaft fraglich, und auch das Original des holbeinschen Bildes, das im Übrigen vom jüngeren Holbein stammt, ist just jenes in Berlin, das, „dem vornehmlich der Geist“ fehle.

siehe auch: Die Autorität der Schönheit

Quellen:
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich:
 Ästhetik. Berlin/Weimar 1984
 Briefe von und an Hegel. 3 Bde. Bad Harzburg 1991

1984 ist schon lange Realität!

Wir haben nicht nur Big Brother (VS, Video-Überwachungen, GPS-Tracker, Onlinewerbung qua Kaufverhalten, Denunziationsportale etc.) Neusprech (gendern), Haßwochen (Haß gegen „rechts“ in Permanenz), Gedankenverbrechen („Die Sabotage des Meinungsbildungsprozesses muß unter Strafe gestellt werden“), Unpersonen (vom Dialog Ausgestoßene, Verteufelte, unsichtbar Gemachte), Zwiedenk („Haß ist keine Meinung“, „Wir brauchen mehr Migration, um unser Land besser zu machen“), sondern wir haben auch bereits die komplette Umwertung aller Werte und Begriffe: Krieg ist Frieden!; auf Strack-Zimmermannisch: Der Krieg muß intensiviert werden, um Frieden zu schaffen. Und Robert Habeck schreibt das Nachwort zur Neuübersetzung des Klassikers.

Unser dystopisches Dasein wird einem bewußt, wenn man z.B. dieses Bild sieht. Weiterlesen

 Die Welt der verlorenen Ideen

Spät abends zappe ich ein letztes Mal durch das ungarische TV-Angebot, will eigentlich gerade abschalten, da beginnt auf Duna-TV gerade eine Sendung über Károly Kós. Nach Mitternacht, aber jetzt gibt es keine Wahl mehr.

Kós war ein siebenbürgischer Bildhauer, Architekt, Schriftsteller, eine der herausragenden Figuren des Helikon-Kreises, jener Poeten-Elite aus Erdély, die neben Nyugat das zweite künstlerische Gravitationszentrum des Vorkriegsungarn war. Weiterlesen

Die Autorität der Schönheit

Freilich, ich werde einigen Lesern weh tun müssen. Das ist nicht zu verhindern, wenn man noch dem alten Ideal der Wahrheit anhängt und sich nicht dem neuen der alles nivellierenden institutionalisierten und politisierten Gerechtigkeit unterworfen hat.

Wir werden nun seit einiger Zeit zunehmend und flächendeckend mit Häßlichem konfrontiert. Weiterlesen

Das Verschwinden des Weiblichen

Wo wir stehen I

… in der Welt und speziell in Deutschland, das kann man oft am besten an Marginalien, Petitessen und Nebeninformationen sehen.

In Ungarn etwa war die Möglichkeit, daß in Deutschland eine „schwarze Transfrau“ oder  ein „binäres Modell“  zur „Miss Germany“ gekrönt werden könnte, noch eine Nachricht wert. Man wunderte sich dort.

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Zeitschriften – anbruch

Bevor man „anbruch“ aufschlägt – so meine Empfehlung –, sollte man sich der kommenden Ruhe und Ungestörtheit gewiß sein, es empfiehlt sich ein gemütliches Plätzchen, vielleicht des Nachts unter dem Schein der Schirmlampe, und wer kultivierte Laster pflegt, dem sei geraten, die Cohiba oder den Glengoyne 21 oder den Sümegi Cabernet Sauvignon 2016 oder was auch immer die verfeinerten Sinne edel reizt, bereit zu stellen, denn im „Magazin für Kultur & Künftiges“ wird ästhetisiert und philosophiert – und zwar auf hohem Niveau.

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Die deutsch-ungarische Differenz

Auf einer Festveranstaltung eines deutsch-ungarischen Unternehmens halten beide Direktorinnen eine Rede, zuerst die Deutsche, dann die Ungarin. Die erste spricht Deutsch, die zweite Ungarisch. Ich lasse mir die Rede der ungarischen Leiterin geben, denn natürlich habe ich beim Zuhören fast nichts verstanden. Nun, nachdem ich sie in aller Ruhe gelesen habe, bestätigt sich der erste Eindruck.

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Helmut Lethen – 80 Jahre

Von Lethen lernen

„Es ist ja auffällig, wie in Augenblicken der Depression die Linke zu den Konservativen schielt.“ Helmut Lethen

Müßte ich unter Helmut Lethens Büchern eines wählen, dann wäre das nicht sein Hauptwerk „Verhaltenslehren der Kälte“, worin er die Topoi der Gefühllosigkeit und Frostigkeit in den „Lebensversuchen nach dem Krieg“ systemisch nachzeichnet, es wäre auch nicht sein lehrreiches Buch über Gottfried Benn, das bewußt keine Biographie sein will, sondern ein szenischer Einfühlversuch in einen hermetisch sich absondernden Paradigmenmenschen und es wäre schließlich auch nicht sein neuestes Werk „Die Staatsräte“, selbst wenn man es als lobenswertes Gesprächsangebot an den politischen Gegner mißverstehen kann, nein, meine Wahl fiele ohne zu zögern auf das schmale autobiographische Bändchen „Suche nach dem Handorakel“ und ich möchte sogleich hinzufügen, daß man es exakt als solches lesen müsse, nämlich als ein eigenes Handorakel! Vor allem die Rechte täte gut daran, dieses erzlinke Brevier genauestens unter die Lupe zu nehmen.

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Paradoxes Twerken

Wie alle Absolutismen verstrickt sich auch der fundamentalistische Feminismus und ideologische Moralismus schnell in Selbstwidersprüche. Man kann sie tagtäglich wahrnehmen. Schauen wir uns den letzten Skandal an.

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Schach dem Schach

Ich könnte mich ärgern! Wieder jede Menge Zeit vertrödelt! Und zwar mit Schach!

Das ist nun gerade die Stärke dieses Spiels: daß man damit wunderbar Zeit vertrödeln kann. Diese hervorragende Eigenschaft war es sogar, die mich dazu verleitete, ein paar Jahre diesem Spiel zu opfern. Dem Spielen weniger als dem Spiel, und weiter als zu einem lausigen Turnierspieler der D-Kategorie habe ich es auch nie geschafft. Im Spielen selbst wollte ich nur das Spiel begreifen – und seine Macht.

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Der Auschwitz-Rap

Vom Rap verstehe ich so viel wie mein Großvater vom I-Phone – trotzdem würde ich mein Leben dafür einsetzen, daß er seine Meinung dazu frei äußern kann.

Gerade lese ich Stefan George. Vielleicht verzeiht man vor diesem Hintergrund eher die leicht aggressive Stimmung, in die mich die mediale Beschallung mit einem Thema versetzt, von dessen Existenz ich bisher – glücklicherweise – noch nicht einmal wußte. Weder kannte ich Kollegah und Farid Bang noch ahnte ich, daß es eine Echo-Verleihung gibt. Allerdings war mir bekannt, daß die Künstlerszene in ihren ausgezeichnetsten Exemplaren zum Moralismus neigt.

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Werther in Ungarn

Wir kommen gerade aus dem Theater. Eigentlich gehe ich nicht mehr. Kann diese dauernde Belehrung, das ewige Moralisieren, gepaart mit Verhunzung einfach nicht mehr ertragen: die Springerstiefel, die Uniformen, die nackten Brüste, dieses Dudududu, das macht man, denkt man, sagt man nicht, das verkappte AfD-Bashing, das wir-sind-bunt-Gelaber … vor allem aber die Erstarrung der schauspielerischen Leistung unter all diesen Vorgaben, die abgelebten Verkörperungen, die Wiederholung gekünstelter Mimik und Gestik und die ideologische Verfremdung oft bewundernswerter Texte.

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Der Ursprung der Welt

„Sich die nackte Frau als Weltwunder zu wünschen war ein Knabentraum.“ Karl Heinz Bohrer
“You stand on the brink of greatness. The world will open to you like an oyster. No… not like an oyster. The world will open to you like a magnificent vagina.” (Helen Sinclair in “Bullets over Broadway”)[1]

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Segen der Erde

„Den lange, lange sti over myrene og inn i skogene hvem har trakket opp den? Mannen, mennesket, den første som var her. Det var ingen sti før ham.”

Es gibt Bücher, die entziehen sich einer Rezension – wollte man ihnen gerecht werden, müßte man selber Bücher, vielleicht sogar ganze Bibliotheken vollschreiben. Die Bibel ist so ein Buch und Hamsuns „Segen der Erde“ ist auch so eines. Es ist wie eine Bibel. Alles, was ein Mensch wissen kann, alles, was für ihn wichtig ist, ist in diesem Buch enthalten.

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Stilleben

 

 

Alles Makulatur

Zuletzt erkennen auch immer mehr Marxisten und sonstige Ideologen, die im 20. Jahrhundert hängengeblieben sind, daß ihre abstrakten Debatten und Fragen in einem kaum bewußten kulturellen Resonanzraum stattfanden, der mit dem Großen Austausch vernichtet wird. (Martin Sellner)

Irgendwann im Herbst 2015, als die Meldungen sich überschlugen, tagtäglich neue phantastische Zahlen von Menschen, die die Landesgrenze meist unkontrolliert überschritten hatten, genannt wurden, dazu Bilder scheinbar endloser Menschenschlangen und –mengen, die auf Autobahnen oder über Felder liefen, an Grenzstationen in großen Trauben hängen blieben, während offenbar verrückt Gewordene die Massen mit Heilsgesängen, Blumen, Teddybären und Tonnen an Altkleidern empfingen, irgendwann in dieser Zeit, saß ich mit meiner Frau – mit der ich damals jeden Tag, jede Stunde dieses eine Thema immer und immer wieder und immer fassungsloser besprach – im Wohnzimmer, das vom Boden bis zur Decke mit einer wunderschönen Buchtapete – in sechs europäischen Sprachen – ausgekleidet ist, an der seit Jahren der Blick mindestens ein Mal am Tag liebe- und auch ein wenig vorwurfsvoll – Warum hast du keine Zeit mehr für Fontane? Wie lang willst du den Goethe noch hinausschieben? Du wagst es, über skandinavische Literatur zu schreiben und hast den Olav Duun noch immer nicht gelesen! … – entlang glitt, und sagte plötzlich zu ihr, auf die Regale weisend: Das ist alles Makulatur!

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