Jugendgewalt – einst und heute

Vor 30 Jahren hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, in einer Leipziger Straßenbahn von sechs Skinheads erbarmungslos zusammengeschlagen zu werden.

Ostdeutschland hatte ein Skinheadproblem. Das war ein historischer Überhang aus der DDR, der durch die komplexen Nachwendeschwierigkeiten multipliziert wurde. Sie waren in  allen Städten präsent, aber sie wurden – wie wir aus Forschungen wissen – um die Jahrtausendwende allmählicher weniger.

Man bemängelte meinen Haarschnitt. Alles ging in Sekundenschnelle vor sich. Wie aus dem Nichts standen die Herren vor mir und konnten in Nullkommanix ohne jegliche aktive Provokation eine unerklärliche Wut generieren. Das blieb für mich das größte Wunder.

Alle Sitzplätze der Straßenbahn waren nach einem kleinen Straßenfest besetzt, darunter ein Schwarzer und ein Transsexueller, aber es traf den mutmaßlich Linken. Man erkannte ihn am langen Haar. Ich stand hinten am Rückfenster, wie es seit je meine Art ist. Im abgetragenen Jägerrucksack hatte ich einen Band Karl Marx – ich kam aus der Deutschen Bücherei.

Zwei Dinge, so scheint mir, retteten mich: die sofort blutende Nase, die ein gewisses Bedürfnis befriedigte, und die Geistesgegenwart, mich wie ein Sack auf den Boden plumpsen zu lassen und trotz mehrerer Springerstiefeltritte in Leib und Kopf, reglos liegen zu bleiben. Man nannte mich „Zecke“ und auch der Name „Auschwitz“ fiel, und man ließ erst ab, als einer mich tot wähnte und ein anderer bereits am Rucksack riß, um mich auch noch zu berauben. Ich betete zum heiligen Karl, sich gut zu verstecken, und wurde erhört.

Als die sechs den Waggon fluchtartig verlassen hatten, kamen drei weinende Studentinnen auf mich zu und halfen mir auf. Dutzende Augenpaare schauten mich an, keinem ist es auch nur in den Sinn gekommen, helfend beizuspringen. Wer eine solche Szene erlebt hat, weiß, daß all diese moralistischen Aufschreie nach „unterlassener Hilfe“ oder Selbstverteidigungsphantasien Schwachsinn im Quadrat sind: Man kann in diesen Situationen nicht helfen, sofern man nicht akribisch auf sie vorbereitet ist! Die vielleicht 40 Menschen haben sich verhalten wie – Menschen! Kein Vorwurf!

Dann stand ein Krankenwagen da, mit Blaulicht und in rasender Fahrt und in Sirenengeheul eingetaucht, fuhr man mich in ein Krankenhaus zur Untersuchung und Tomographie. Ich kam ohne schwerere Verletzungen davon, nur dauerte es ein paar Jahre, bevor ich eine Glatze wieder ohne erhöhten Puls sehen konnte. Man nennt das wohl „Trauma“.

Ich bekam einen Blick für diese Leute, überall sah ich sie schon aus der Ferne, studierte ihre Gesichter, ihre Kleidung, ihre Bewegungen – ich begann, über sie zu lesen. Doch nach und nach wurden sie weniger sichtbar und verschwanden nahezu.

In Leipzig, am Morgen danach, als ich nach Hause fahren wollte, wurde ich – keine 12 Stunden später – erneut Zeuge einer Gewalttat. Am Perron gegenüber stritten sich vier Männer lautstark. Was sie sagten, konnte ich nicht verstehen. Plötzlich zog einer ein Messer mit fester Klinge aus der Tasche und stach seinem Gegenüber, mit blanker Wut in den Augen, in den Kopf. Zum Glück rutschte die Klinge am Schädelknochen ab und zog, am Ohr vorbei, nur eine blutige Scharte. Die zwei anderen rissen dem Mann das Messer aus der Hand – und umarmten ihn. Danach besah man sich sie Wunde, befand, daß es nichts Gefährliches war, hielt ein Taschentuch darauf, verbrüderte sich gegenseitig und ging, Arm in Arm, davon.

Zurück blieb ein Dutzend geschockter, kopfschüttelnder Leipziger, die einmal mehr nur Zuschauer blieben, die das Geschehen aber nicht verstehen konnten, weil sie diese Menschen nicht verstehen konnten. Woher jene kamen, weiß ich nicht, aber ich nannte sie für mich selber: die Albaner.

Auch nach diesen schaute ich nun aus, wenn auch weit weniger intensiv.

Heute weiß ich, daß ich in kurzer Reihenfolge einen intensiven Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft Deutschlands machen durfte.

Sie mögen noch da sein, die baseballschwingenden Skinheads, aber ich sehe sie nicht mehr, mögen die Medien das alte Lied auch wieder und wieder singen. Junge intelligente Aktivisten mit ihnen zu vergleichen, spottet jeder Beschreibung.

Wenn sie tatsächlich wiederauferstehen, dann als Reaktion auf gewisse Ereignisse. Stattdessen lungern auch in meiner Stadt linke Antifa-Typen zusammen mit Punkern herum und werfen den Bürgern ihre Bürgerlichkeit vor und kontrollieren wohl auch nach Gesinnung. Kein Rechtsextremer geht heutzutage mit Glatze, Springerstiefeln und hängenden Hosenträgern dort vorbei.

Mehr noch aber fallen die Gruppen junger dunkelhäutiger Männer im Stadtzentrum auf, meist sauber getrennt zwischen Arabern, Afghanen, Nordafrikanern, Eritreern, Schwarzafrikanern und Osteuropäern. Die Spannung liegt in der Luft.

Diese Erinnerungen stiegen immer wieder auf, wenn ich in der Zeitung lesen mußte, was man seit Jahren tagtäglich – wenn man weiß, wo –  über sogenannte „Einzelfälle“ lesen konnte:

Vor ein paar Jahren hieß es noch: Aktuelle Studie zur Jugendkriminalität – Zahl der Straftaten steigt

Die Zahl der jugendlichen Gewalttäter stieg wieder, nachdem sie über viele Jahre gesunken war. Der Zusammenhang war evident und selbsterklärend. In Berlin etwa gab es im 2017 Jahr ca. 7000 jugendliche Straftäter – das sind tausende Straßenbahnerlebnisse!

Heute heißt es, die statistische Wahrscheinlichkeit nehme ab, ausgenommen eine bestimmte Gruppe – die Zeiten ändern sich, die Täter werden durchschnittlich jünger, und haben doch ihre Konstanten:

 

PS: Ein Jahr nach dem Vorfall erreichte mich die beruhigende Reaktion der Staatsanwaltschaft auf meine Anzeige – Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan:

 

 

Linke Liebe und richtige Liebe

Der aufrüttelnde – „Geschlechterrollen wurden in linken Kreisen höchstens pro forma in Frage gestellt“ – und bemerkenswert ehrliche – „ich stellte ihnen meine Vagina zur Verfügung, damit sie an und in mir ruhen und rasten konnten nach dem erschöpfenden Kampf gegen Nazis, die imperialistische Weltverschwörung und all die Bösen da draußen“ – Beitrag einer linken Feministin  führt mich down the memory lane, weckt Erinnerungen. Weiterlesen

Jugendgewalt – einst und jetzt

Vor 20 Jahren hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, in einer Leipziger Straßenbahn von sechs Skinheads erbarmungslos zusammengeschlagen zu werden.

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Die staatsgefährdende Gewalttat

Da ist er endlich, der rechtsextreme, fremdenfeindliche Terrorist! Hätte es ihn nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen. Oder hat man ihn erfunden?

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Dyskalkulie

Ich gestehe! Die Ankündigung der neuen Kriminalitätsstatistik habe ich mit Erleichterung zur Kenntnis genommen. Darin bereiteten uns unsere Medien vor ein paar Tagen sanft auf die harte Wahrheit vor. Nicht etwa der Tatbestand, daß es eine deutlich erhöhte Ausländerkriminalität gibt, befriedigt dabei, sondern die Überzeugung, doch nicht verrückt und irre zu sein. Schließlich hatte ich hier in verschiedenen Anläufen darzulegen versucht, daß die Masseneinwanderung – insbesondere junger Männer, insbesondere aus kultur- und bildungsfernen Bereichen … – zwangsläufig zu einer statistisch signifikanten Erhöhung der Verbrechensrate, insbesondere im Sexual-, Körperverletzungs- und Eigentumsbereich führen muß! Alles andere wäre der Leugnung der Gravitation gleichgekommen.

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Habermas und Holocaust

„Man könnte so weit gehen und sagen, daß der ganze linksliberale Block aus undeutlichen Habermasianern besteht. Für diese große Mehrheit ist typisch, daß sie sich für eine verfolgte Minderheit hält und daß sie ihre fast nirgends angefochtene kulturelle Hegemonie im Stil von Notwehr gegen einen übermächtigen Gegner ausübt.“ Peter Sloterdijk

Fünf Wochen nach Björn Höckes Dresdner Rede, in der bekanntlich das Wort vom „Mahnmal der Schande“ fiel, haben sich die Wogen wieder geglättet. Das ist der Moment der Reflexion, der Einkehr und der Erinnerung. Denn Höckes Rede hat eine lange und vertrackte Geschichte, die Geschichte des „Holocaust-Denkmals“ oder, wie es offiziell heißt, des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“.

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Bautzen ist überall

Die Vermutung darf man zumindest aussprechen. Denn was in Bautzen der Kornmarkt, sind in Plauen der Tunnel, der Klostermarkt und der Altmarkt …

Das Stadtbild vieler ostdeutscher Kleinstädte ähnelt sich. Zentrale Plätze wurden nach der Wende umgestaltet, nicht selten wurde alte Struktur entfernt, um Raum für den Fortschritt zu schaffen – in Form von Konsumpalästen, Einkaufspassagen, ganzen Kaufländern. In Plauen trägt das Schmuckstück den euphemistischen Namen „Stadt-Galerie“ und wird im Volksmund „UFO“ genannt.

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Die Nazikeule

Vor fast 20 Jahren – damals waren im Osten Baseballschläger meist ausverkauft – hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, in einer Leipziger Straßenbahn von sechs Skinheads erbarmungslos zusammengeschlagen zu werden. Man bemängelte meinen Haarschnitt. Alles ging in Sekundenschnelle vor sich. Wie aus dem Nichts standen die Herren vor mir und konnten in Nullkommanix eine unerklärliche Wut generieren. Zwei Dinge, so scheint mir, retteten mich: die sofort blutende Nase, die ein gewisses Bedürfnis befriedigte, und die Geistesgegenwart, mich wie ein Sack auf den Boden plumpsen zu lassen und trotz mehrerer Springerstiefeltritte in Leib und Kopf, reglos liegen zu bleiben. Man nannte mich „Zecke“ und auch der Name „Auschwitz“ fiel, und man ließ erst ab, als einer mich tot wähnte.

Ich kam ohne schwerere Verletzungen davon, nur dauerte es viele Jahre, bevor ich eine Glatze wieder ohne erhöhten Puls sehen konnte. Man nennt das wohl „Trauma“.

Wenn heute wieder Menschen – wie in Wismar und Magdeburg – mit Springerstiefeln und Baseballschlägern malträtiert werden, weil sie in Deutschland einen Zufluchts- oder Zukunftsort sehen, dann gilt es wachsam zu sein. Das sind symptomatische Enthemmungserscheinungen, die die Gesellschaft nicht weniger gefährden als eine kopf- und ideenlose Flüchtlingspolitik. Politisch sind sie zudem sinnlos, weil sie gerade einen gegenteiligen Effekt haben werden: Nicht Abschreckung wird das Resultat sein, wie die Täter wohl hoffen, sondern erhöhte Wehrfähigkeit und Abschottung. Das sind fatale Schritte in die Destabilisierung der inneren Ordnung. Sie zeugen von erschreckender Empathielosigkeit und Dummheit.

Aber auch das gilt: Je stärker die inneren Spannungen werden, je länger die schlecht organisierte und planlose Einwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen anhält, die schon aus logistischen Gründen nicht „integriert“ werden können, umso voraussehbarer und statistisch wahrscheinlicher sind derartige Eskalationen. Ursache und Schuld muß man trennen und doch gehören sie zusammen.