Chaim Lax, HonestReporting, 26. Januar 2026
In den sozialen Medien scheint eine besondere Regel zu gelten: Alles Schlechte wird Israel angelastet.
Ob nationale Tragödie, Naturkatastrophe oder einfach nur ein persönliches Missgeschick – es gibt immer einen Schuldigen: den jüdischen Staat.
Dieses Phänomen hat sich in letzter Zeit verstärkt, da sowohl Israel als auch Israelis für so unterschiedliche Ereignisse wie Waldbrände in Südamerika, entgleiste Züge in Spanien und Gewalt bei Razzien gegen Einwanderer in den Vereinigten Staaten verantwortlich gemacht werden.
Israelis legen Waldbrände
Die Region Patagonien, die in Argentinien sowie Chile liegt, hat in jüngster Zeit schwere Waldbrände erlitten.
Und selbstverständlich bedeutet das für Kommentatoren in den sozialen Medien nur eines: Israel ist schuld!
Laut dem pro-israelischen Blog Elder of Ziyon gibt es eine seit Langem kursierende Verschwörungstheorie, wonach Juden angeblich planen, Teile Argentiniens und Chiles zu übernehmen, um dort einen eigenen Staat zu gründen. Jedes Jahr, so wird gesagt, taucht, wenn es in der Region brennt, diese Theorie wieder auf – begleitet von neuen Anschuldigungen, Juden / Zionisten / Israelis seien verantwortlich.
Dieses Jahr scheint keine Ausnahme zu sein: In den sozialen Medien kursiert eine breite Palette an Verschwörungen (alle mit Israel als Schuldigem) rund um die Brände, die in Südamerika wüten.
Mit zusammen fast 1,5 Millionen Aufrufen haben bekannte israelfeindliche Fake-News-Konten wie „Adam“ und „Sulaiman Ahmed“ die abwegige Verleumdung verbreitet, Israelis hätten die Brände gelegt.
Ein weitere Account mit fast einer halben Million Aufrufen postete, israelische Soldaten hätten das Gebiet kartiert, um Ausländern zu helfen, das Land nach dem Löschen der Brände billig aufzukaufen.
Sogar Desinformationsmotoren wie Press TV aus dem Iran und The Grayzone mischten mit und verbreiteten die Lüge, die Brände seien aus finsteren Motiven absichtlich von Israelis gelegt worden.
Der amerikanische Aktivist Shaun King benutzte auf geradezu lächerliche Weise einen Nachrichtenbericht über einen Israeli, der in einem chilenischen Park (wo es verboten ist) beim Zigarettenanzünden festgenommen wurde, als „Beweis“ dafür, dass Israelis die Brände gelegt hätten, die die Region verheeren.
Eine der absurdesten Behauptungen lautete, die Brände seien durch eine israelische Militärgranate ausgelöst worden. Natürlich ist es völlig logisch, dass jemand in der Lage ist eine Granate einmal um die halbe Welt und durch mehrere Grenzkontrollen zu schmuggeln ohne entdeckt zu werden. Logisch oder völlig grotesk – ein Beitrag mit dieser Behauptung erzielte auf X über fünf Millionen Aufrufe.
So absurd die Verschwörungstheorie auch sein mag: Solange sie Juden oder Israel beinhaltet, scheint es immer ein Publikum dafür zu geben.
Entgleiste Züge in Spanien: Veraltete Eisenbahnen oder zionistische Sabotage?
In der vergangenen Woche kam es in Spanien zu vier Eisenbahnunglücken. Eine teilweise Entgleisung führte zu einer Kollision zweier Züge, bei der 45 Menschen starben. Es folgten eine weitere Entgleisung, bei der ein Lokführer-Azubi ums Leben kam, ein Zug, der beschädigt wurde, nachdem er gegen einen Felsen prallte und ein entgleister Waggon, der mit einem Kran in Kontakt geraten war.
Diese Serie von Eisenbahn-Vorfällen in so kurzer Zeit hat die Aufmerksamkeit auf Spaniens veraltete Bahninfrastruktur, auf den seit 2020 gestiegenen Druck auf das System und auf die Frage gelenkt, wie Spaniens Investitionen in sein Schienennetz im Vergleich zu anderen europäischen Ländern dastehen.
Aber warum sich mit einer so tiefgehenden Analyse beschäftigen, was diese schreckliche Woche in der spanischen Eisenbahngeschichte verursacht haben könnte, wenn die Antwort doch offensichtlich ist: Die Juden waren’s.
Während ernsthafte Menschen versuchen herauszufinden, wie sich das nächste Zugunglück in Spanien verhindern lässt, sind die weniger ernsthaften Beobachter auf X zu der unanfechtbaren Schlussfolgerung gelangt, dass all diese Vorfälle von Israel verursacht worden seien.
Warum sollte Israel so etwas tun?
Natürlich, weil Spanien seit dem 7. Oktober 2023 ein lautstarker Kritiker der israelischen Kriegsführung gegen die Hamas im Gazastreifen ist.
Die Theorie besagt, dass Israel — während die Spannungen mit dem Iran zunehmen, die Hisbollah sich neu aufstellt und die Hamas sich wieder als Regierungsorgan etabliert — Zeit und Energie darauf verwendet habe, Agenten zu entsenden, die Gleise zu sabotieren, um Spanien für seine öffentliche anti-israelische Haltung zu bestrafen.
Natürlich ergibt das Sinn … solange man jeden Versuch kritischen Denkens konsequent vermeidet.
Diese Verschwörung begann klein, hat aber inzwischen auf X deutlich an Fahrt aufgenommen.
Ein Beitrag, in dem behauptet wurde, „die Israelis haben angefangen, als Vergeltung für Spaniens Haltung zu ihrem Völkermord im Gazastreifen Züge entgleisen zu lassen und Menschen in Spanien zu töten“, erhielt über 800.000 Aufrufe und mehr als 41.000 Likes.
Ein anderer Account postete: „Ich sag ja nichts, aber ich würde das bis ins Letzte untersuchen, denn Israelis feiern die Zugunglücke ununterbrochen“ — und erreichte unglaubliche 2,5 Millionen Aufrufe sowie 132.000 Likes. Diese Reichweite übersteigt offenbar deutlich die üblichen Zahlen des Accounts.
Auch der Post der berüchtigten Hetzerin Susan Abulhawa, der eine israelische Schuld an dem Zugunglück insinuierte, erzielte beträchtliche Aufmerksamkeit – Hunderttausende Aufrufen und Tausende Likes.
Heutzutage scheint so, dass nichts so gut ist um hohe Reichweiten in sozialen Medien zu erzeugen wie eine gute alte antisemitische Verschwörungstheorie.
„Die Vereinigten Staaten von ICE-rael“
Die Tour der Verschwörungstheorien von Südamerika über Spanien endet in den Vereinigten Staaten, wo öffentliche Empörung über die Härte bestimmter Razzien der Behörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) gegen [illegale] Migranten und sogar damit verbundene Gewalt zu der weitverbreiteten Verschwörungstheorie geführt hat, Israel sei der treibende Faktor hinter der Brutalität dieser Einsätze.
Diese Verschwörungstheorie hat besonders an Fahrt gewonnen, nachdem ICE-Beamte im Januar 2026 in Minneapolis (Minnesota) bei separaten Vorfällen auf zwei US‑Amerikaner geschossen hatten.
Die Theorie lautet, dass ICE-Agenten aufgrund früherer gemeinsamer Trainingsprogramme von israelischem und amerikanischem Sicherheitspersonal ihre aggressiven Methoden von den Israelis gelernt hätten.
Die Verschwörung geht noch weiter und behauptet, die Existenz von ICE‑Außenstellen in Israel belege, dass ICE direkte Anweisungen vom jüdischen Staat erhalte. Folglich sei Israel — so die Theorie — verantwortlich für die jüngste Gewalt im Zusammenhang mit ICE-Razzien gegen Migranten.
Doch hier liegt der Haken: Ja, es stimmt, dass ICE in der Vergangenheit Trainings mit israelischen Kräften durchgeführt hat, aber die große Mehrheit der ICE-Agenten (einschließlich der vielen, die erst kürzlich zur Behörde gestoßen sind) hat keinerlei israelische Ausbildung erhalten. Ebenso gibt es keinerlei Belege dafür, dass die bei den Razzien angewandten Taktiken in Israel erlernt wurden. Es handelt sich um reine Spekulation, die sich an dem Körnchen Wahrheit festklammert, dass einige ICE-Agenten früher mit Israelis trainiert haben.
Und ja, ICE hat tatsächlich Außenstellen in Israel. Offensichtlich ein Zeichen für etwas Düsteres und Geheimnisvolles … das zufällig völlig offen auf der ICE-Website einsehbar ist. Und wissen Sie, wo ICE sonst noch Außenstellen hat? In 53 weiteren Ländern! Darunter Jordanien, Australien, Belgien, Kanada, Saudi‑Arabien, China und Dutzenden anderen weltweit. Und dennoch beschuldigt niemand ICE, Teil einer belgischen Verschwörung zu sein. Komisch, nicht wahr.
Doch ganz im Sinne des klassischen Mottos „Lass einer guten Geschichte nicht die Wahrheit im Weg stehen“ gibt es auf X reichlich Verschwörungstheoretiker und Akteure in böser Absicht, die bereitwillig die Verleumdung verbreiten, Israel orchestriere die Gewalt rund um die ICE‑Razzien.
Zu diesen Akteuren gehören einige große Namen in den sozialen Medien, darunter der Medienliebling und Terror-Apologet Hasan Piker (mit seinem superwitzigen „United States of ICE‑rael“-Post), der antisemitische Karikaturist Carlos Latuff und der berüchtigte britische Verschwörungstheoretiker David Icke.
Die falsche Verknüpfung von ICE-Razzien mit dem Nahen Osten ist leider nicht auf die dunklen Ecken der sozialen Medien beschränkt geblieben, sondern hat sich mittlerweile auch in den Mainstream-Medien verbreitet.
In einem kürzlich erschienenen Op-Ed für die New York Times versuchte der langjährige Kolumnist Thomas Friedman, ICE auf ungewöhnliche Weise sowohl mit der israelischen Armee als auch mit der Hamas zu vergleichen (letztere, weil sowohl ICE-Beamte als auch Hamas-Mitglieder in der Öffentlichkeit ihre Gesichter verhüllen). Zum Spaß fügte er noch seine übliche, klischeehafte Kritik an dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump hinzu.
Eine Erinnerung für Thomas Friedman, Hasan Piker, Carlos Latuff und unzählige andere Aktivisten beider politischer Lager: Nicht alles, was in den Vereinigten Staaten geschieht, steht in Zusammenhang mit Israel und dem Nahen Osten.



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