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Die unsichtbaren Toten im Iran: Wie die weltweiten Foto-Agenturen ein Massaker vor aller Augen vertuschen

22. Januar 2026

David Katz, HonestReporting, 19. Januar 2026

Der Iran befindet sich inmitten einer der größten und brutalsten Repressionskampagnen der modernen Geschichte. Demonstranten werden erschossen, gefoltert, geblendet und hingerichtet. Der Internetzugang ist über lange Zeiträume gesperrt. Journalisten werden inhaftiert. Kameras werden beschlagnahmt.

Doch wenn man sich allein auf die Bilder der großen Nachrichtenagenturen verlässt, entsteht ein ganz anderes Bild. Die vorherrschenden Bilder aus dem Iran zeigen geordnete regierungsfreundliche Kundgebungen, uniformierte Polizeiformationen, symbolische Protestaktionen gegen den Westen und sorgfältig inszenierte Szenen mit Kindern. Was fehlt, sind die Bilder von Massenrepression, Blutvergießen und Angst, die laut unabhängigen Quellen täglich stattfinden.

Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis davon, wie und von wem visuelle Macht kontrolliert.

Die visuellen Torwächter

Bevor man den Iran selbst betrachtet, ist es entscheidend zu verstehen, wer die Bilder kontrolliert, die die Welt erreichen.

Zwei Agenturen dominieren heute den visuellen Zugang innerhalb des Iran: NurPhoto und die Agentur Anadolu.

Die in Italien ansässige Fotoagentur NurPHoto verbreitet täglich Tausende von Bildern über Partnerschaften mit Getty Images, Reuters und Associated Press. Anadolu ist die staatliche Nachrichtenagentur der Türkei und direkt mit der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan in Einklang steht. Beide Agenturen haben Zugang zum Iran, wo die meisten ausländischen Journalistinnen, Journalisten und Fotografen keinen Zugang haben.

Dieser Zugang ist an Bedingungen geknüpft.

Fotografen, die im Iran arbeiten, müssen von den iranischen Behörden akkreditiert, überprüft und überwacht werden. Jeder Fotograf, der Gewalt durch Sicherheitskräfte oder Proteste dokumentiert, riskiert Verhaftung, lange Haftstrafen oder Schlimmeres. Dadurch gelangen nur Bilder nach außen, die innerhalb der Toleranzgrenzen des Regimes liegen.

Trotzdem veröffentlichen internationale Nachrichtenagenturen diese Bilder routinemäßig unter neutralen Byline-Bezeichnungen wie „Stringer/Getty Images“, ohne den Leserinnen und Lesern offenzulegen, welche Zugangsbeschränkungen, Zensur oder politische Ausrichtung dahinterstehen.

Das ist kein Versagen eines einzelnen Mediums, sondern ein strukturelles Versagen des gesamten internationalen Systems der Bildverbreitung.

Dieses System funktioniert durch Kontrolle, nicht durch Überzeugung. Im Iran unterliegt die visuelle Medienlandschaft der Aufsicht des Ministeriums für Kultur und Islamische Führung sowie Sicherheitsorganen, die mit den Revolutionsgarden verbunden sind. Akkreditierung entscheidet über Überleben. Fotografen, die von den genehmigten Narrativen abweichen, werden verhaftet, verschwinden oder ins Exil gezwungen. In diesem Umfeld dient regimetaugliches Bildmaterial zwei Herren: Es macht Zerstörung für ein westliches Publikum „verdaulich“ und sichert gleichzeitig die vollständige Kontrolle darüber, welche Formen von Dissens, Gewalt und Repression sichtbar werden dürfen.

Das Massaker, das Sie nicht sehen

Unabhängige Menschenrechtsorganisationen und geleaktes Filmmaterial bestätigen, dass die Sicherheitskräfte des Iran während anhaltender landesweiter Proteste Tausende getötet und verstümmelt haben. Zu den Opfern gehören Frauen, Jugendliche und Kinder. Vielen wurden gezielt in die Augen geschossen.

Während der heftigsten Gewalt verhängte die iranische Regierung nahezu vollständige Internetsperren, wodurch Bürgerjournalismus und Echtzeitdokumentation unterbunden wurden. Telefone wurden beschlagnahmt. VPNs blockiert. Messaging-Plattformen deaktiviert.

Das Ergebnis war ein Informationsvakuum, das nur von denen gefüllt werden konnte, die bereits mit staatlicher Genehmigung agierten.

Am aufschlussreichsten an den offiziellen Bildern aus dem Iran ist nicht das, was zu sehen ist, sondern das, was systematisch fehlt. Es gibt keine Bilder von Sicherheitskräften, die in Menschenmengen schießen, keine Fotos von Massenverhaftungen, keine Dokumentation von Krankenhausfluren voller Verletzter, keine visuellen Aufzeichnungen von Erblindungen, Hinrichtungen oder nächtlichen Razzien, wie sie unabhängige Menschenrechtsgruppen berichten. In einem Land mit mehr als 85 Millionen Einwohnern, das landesweite Unruhen erlebt, ist das nahezu vollständige Fehlen solcher Bilder selbst ein forensischer Beleg. Visuelle Stille in diesem Ausmaß entsteht nicht von selbst. Sie wird erzeugt.

Bilder, die die Wirklichkeit ersetzen

In dieses Vakuum strömte ein stetiger Strom offiziell genehmigter Bilder.

Von Getty verbreitete Aufnahmen zeigen große regierungsfreundliche Kundgebungen in Teheran. Polizeispezialeinheiten stehen auf gepanzerten Fahrzeugen. Kinder in Militäruniformen halten Spielzeugwaffen. Plakate zeigen mit amerikanischen und israelischen Flaggen bedeckte Särge.

Diese Bilder sind keine neutrale Dokumentation. Sie sind ideologische Stellungnahmen.

Eine genauere visuelle Betrachtung zeigt durchgehend eingesetzte Gestaltungstechniken, die darauf abzielen, Größe zu übertreiben und gleichzeitig Isolation zu verbergen. Weitwinkelobjektive werden zugunsten komprimierter Perspektiven vermieden, die Körper dicht aneinanderreihen. Erhöhte Kamerapositionen entfernen den umgebenden Kontext und verhindern, dass Betrachter die Tiefe oder Auflösung einer Menschenmenge einschätzen können. Hintergründe werden häufig auf Fahnen, Banner oder gepanzerte Fahrzeuge reduziert, wodurch räumliche Bezugspunkte verschwinden, die sonst zeigen würden, wie begrenzt diese Versammlungen tatsächlich sind. Das sind keine neutralen kompositorischen Entscheidungen. Es sind Techniken, die eingesetzt werden, um den Anschein massenhafter Beteiligung zu erzeugen, wo diese nicht unabhängig verifiziert werden kann.

Die Präsenz von Kindern in diesen Szenen ist besonders auffällig. Sie sind keine spontanen Teilnehmer organischer Versammlungen. Sie werden platziert, arrangiert und ins Bild gesetzt, um Loyalität, Kontinuität und moralische Legitimität für das Regime zu vermitteln.

In den verbreiteten Bilderserien ist die Anzahl der unterschiedlichen Kinder auffallend gering. Dieselben Kinder tauchen immer wieder in verschiedenen Szenen, Outfits und vor unterschiedlichen Hintergründen auf, wobei ihre Positionen so verändert werden, dass eine breitere Beteiligung suggeriert wird. Der enge Bildausschnitt verhindert, dass die Betrachter erkennen können, ob diese Kinder von Gleichaltrigen umgeben sind oder allein inmitten von Sicherheitspersonal stehen. Diese Wiederholung dient als visueller Anker. Kinder vermitteln Unschuld, Kontinuität und moralische Legitimität. Ihre wiederholte Verwendung ist kein Zufall. Sie ist ein gezieltes Erzählmittel.

Was den Betrachtern verborgen bleibt, ist der Kontext dieser Ereignisse, die Angst, der Zwang und die Unterdrückung, die sich direkt außerhalb des Bildausschnitts abspielen.

Der Gaza-Doppelstandard

Der Kontrast zum Gazastreifen ist unmöglich zu übersehen.

Im Gazastreifen argumentieren internationale Medien unablässig, dass Israel ausländischen Journalisten vollständigen Zugang gewähren müsse. Jede Einschränkung wird als Hinweis auf Vertuschung dargestellt. Von lokalen Stringern gelieferte Bilder werden als zuverlässig behandelt, obwohl sie unter der Kontrolle der Hamas entstehen.

Im Iran ist das Gegenteil der Fall.

Ausländische Journalisten sind ausgeschlossen. Lokale Fotografen arbeiten unter der ständigen Gefahr von Verhaftung. Dennoch gibt es kaum anhaltenden medialen Druck, der Zugang, Transparenz oder Rechenschaft fordert.

Die gleichen Nachrichtenagenturen, die in dem einen Konflikt auf Skepsis bestehen, akzeptieren in einem anderen vom Regime gefiltertes Bildmaterial ohne jede Nachfrage.

Der Unterschied ist nicht nur politischer Art. Er ist ein methodischer. Im Gazastreifen werden Bilder, die unter Hamas-Kontrolle entstehen, als Beweismaterial behandelt, verstärkt und emotional geframet, während Einschränkungen für ausländische Journalisten als Beweis für Vertuschung gelten. Im Iran hingegen, wo die Einschränkungen weitaus strenger und tödlicher sind, akzeptieren dieselben Agenturen staatlich genehmigte Bilder ohne vergleichbare Skepsis. Der Standard ist nicht Zugang. Es ist Bequemlichkeit.

Wie Nachrichtenagenturen Propaganda waschen

Dieser Prozess erfordert keine Koordination und keine Verschwörung. Er beruht auf Anreizen.

Nachrichtenagenturen brauchen Masse. Redakteure brauchen Bilder. Das ganze Jahr über, aber besonders in Phasen hoher Nachrichtenfrequenz, bevorzugen Agenturen Bilder, die visuell sauber, technisch stark und leicht zu betiteln sind.

Staatlich genehmigtes Bildmaterial erfüllt diese Anforderungen perfekt.

Sobald es verbreitet wird, normalisiert Wiederholung das Narrativ. Eine regierungsfreundliche Kundgebung wird zu „dem, was im Iran passiert“. Ein inszeniertes Kind wird zu „öffentlicher Stimmung“. Ein Plakat wird zur „nationalen Gemütslage“.

Kontext verschwindet. Verantwortung verflüchtigt sich. Das System macht weiter.

Sobald diese Bilder im Netzwerk der Nachrichtenagenturen akzeptiert sind, gewinnen sie durch Wiederholung exponentielle Autorität. Ein Foto mit der Zuschreibung „Stringer/Getty Images“ oder „Stringer/Reuters“ erscheint losgelöst von Herkunft, Zugangsbedingungen und asymmetrischem Risiko. Das Fehlen von Offenlegung wird Teil des Reinigungsprozesses. Leser erfahren nie, warum bestimmte Bilder existieren, während andere nicht existieren können. Was als staatlich gefiltertes Foto beginnt, wird durch Syndizierung zu einem globalen Stellvertreter für die Realität.

Was im Iran geschieht, ist nicht unsichtbar. Es wird aktiv ersetzt.

Globale Zuschauer sind nicht falsch informiert, weil keine Bilder existieren, sondern weil die existierenden Bilder gefiltert, ausgewählt und durch ein System verbreitet werden, das den Zugang über die Wahrheit stellt.

Die Geschichte zeigt, wenn massenhafte Repression in Echtzeit visuell verschleiert wird, dabb folgt Rechenschaft erst Jahrzehnte später – wenn überhaupt. Das Fehlen von Bildern mindert das Verbrechen nicht. Es verzögert die Anerkennung.

Das ist nicht nur eine iranische Geschichte. Es ist eine Warnung davor, wer kontrolliert, was die Welt zu sehen bekommt.

Selektives Schweigen: Das zweierlei Maß der Medien zu israelischen Überlebenden von sexueller Gewalt

3. Januar 2026

Sharon Levy, HonestReporting, 29. Dezember 2025

Glaubt allen Frauen – außer israelischen Frauen. Diese Botschaft sendet die Medienlandschaft immer wieder. Als vor einigen Jahren Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen Hollywoodstars erhoben wurden, standen die Frauen, die sich zu Wort meldeten, ununterbrochen in den Schlagzeilen – gefeiert für ihren Mut, trotz der Einschüchterungen durch ihre Täter zu sprechen. Doch wenn israelische Frauen und Männer über ihre Erfahrungen in der Gefangenschaft der Hamas oder über das berichten, was sie am 7. Oktober erlebt haben, sind die Medien deutlich leiser gewesen.

Wenn große Medienhäuser israelischen Überlebenden doch eine Plattform geben, wird ihre Geschichte entweder heruntergespielt, verschleiert oder von anderen online als erfundener Bericht verspottet.

Genau das geschah, als Romi Gonen, die 471 Tage lang in Gaza als Geisel festgehalten wurde, mit ihrer Geschichte über sexuelle Gewalt während der Gefangenschaft an die Öffentlichkeit ging. In ihrem Interview mit Israels Kanal 12 schilderte Romi die grausamen und wiederholten sexuellen Übergriffe, die sie durch Hamas-Täter erleiden musste.

Romi Gonen beschreibt Missbrauch in Gefangenschaft

Die westlichen Medien, die Israel so schnell – trotz fehlender Beweise – Verbrechen wie Völkermord vorwerfen, sind nun auffallend abwesend, sobald das Verbrechen sexueller Gewalt öffentlich wird, das eine ehemalige Geisel erlitten hat. Es ist äußerst enttäuschend, dass zum Zeitpunkt, da dies geschrieben wird, lediglich die Daily Mail und der Telegraph über Romis wichtige Aussage berichtet haben.

Die sexuellen Gewalttaten, die an Israelis am und nach dem 7. Oktober verübt wurden, sind seit den Tagen unmittelbar nach den Angriffen bekannt – dokumentiert durch Zeugenaussagen von Überlebenden, forensische Beweise, Augenzeugenberichte sowie Ermittlungen israelischer Behörden und internationaler Institutionen. Dennoch wird online und in den Medien, selbst wenn immer mehr Beweise von Überlebenden ans Licht kommen, all dies weiterhin als kontrovers behandelt, statt als Wahrheit.

Das ist kein Zufall. Es spiegelt ein beunruhigendes zweierlei Maß wider, bei dem israelischen Opfern jene moralische Klarheit verweigert wird, die man anderen routinemäßig zugesteht. Für Romi begann diese Verweigerung nicht erst in der vergangenen Woche mit der nahezu vollständigen Ausblendung ihrer Geschichte. Bereits vor einigen Monaten, als ihre Schwester Yarden Gonen mit Briahna Joy Gray, früher von The Hill, sprach und sie bat, israelischen Vergewaltigungsopfern zu glauben, reagierte Gray mit einem Augenrollen.

Dieser Moment brachte das Problem auf den Punkt. Wenn israelische Frauen über sexuelle Gewalt sprechen, begegnet man ihnen nicht mit Mitgefühl, sondern mit Misstrauen, Zynismus oder Abwertung. Was in jedem anderen Kontext sofort als Grausamkeit erkannt würde, wird normalisiert, sobald die Opfer Israelis sind.

Seit der Ausstrahlung von Romis Interview hat die Leugnung der sexuellen Gewaltverbrechen, die Hamas am und nach dem 7. Oktober begangen hat, deutlich zugenommen. Drop Site News etwa versuchte, den ersten Bericht von Amnesty International über sexuelle Gewalt am 7. Oktober zu diskreditieren (ein Bericht, der ohnehin verzögert veröffentlicht wurde, um die Israel-Hasser in den eigenen Reihen nicht zu verärgern), indem behauptet wurde, es seien „keine solchen Beweise“ für sexuelle Gewalt vorhanden. Nur wenige Wochen zuvor hatte Drop Site die Hamas-Leugnung sexueller Gewalt am 7. Oktober erneut verbreitet.

Ebenso veröffentlichte Drop Site ein Video erneut, in dem eine Journalistin, die im vergangenen Sommer an der Freedom Flotilla teilgenommen hatte, behauptete, sie sei während eines Transfers zwischen israelischen Gefängnissen vergewaltigt worden. Zeitpunkt und Authentizität dieser Behauptung werfen erhebliche Fragen auf, da sie genau zu dem Zeitpunkt auftauchte, als Romis Aussage öffentlich wurde. Die plötzliche Verstärkung einer unbestätigten Gegenbehauptung, die den Fokus von israelischen Opfern weg und zurück auf Anschuldigungen gegen Israel lenkt, kann nicht isoliert betrachtet werden.

Gleichzeitig sind inzwischen zwei Jahre vergangen, seit die New York Times ihren Bericht „‘Screams Without Words’: How Hamas Weaponized Sexual Violence on Oct. 7“ veröffentlichte – und erneut versuchen Social-Media-Influencer, die Untersuchung zu diskreditieren, indem sie sie als „Desaster“ und als „historisch beschämende israelische Propaganda“ bezeichneten.

Die Auslöschung israelischer Opfer sexueller Gewalt ist keine Neutralität. Sie ist Komplizenschaft – und die Botschaft ist eindeutig: Ihr Leid ist verhandelbar, ihr Trauma bedingt, ihre Glaubwürdigkeit dauerhaft angeklagt. Romis Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen, verdient dieselbe Empathie und Verstärkung, die anderen Opfern sexueller Gewalt selbstverständlich zuteil wird. Dass die Medien dies verweigern, ist eine moralische Entscheidung, kein selektives Versehen.


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