David Katz, HonestReporting, 19. Januar 2026
Der Iran befindet sich inmitten einer der größten und brutalsten Repressionskampagnen der modernen Geschichte. Demonstranten werden erschossen, gefoltert, geblendet und hingerichtet. Der Internetzugang ist über lange Zeiträume gesperrt. Journalisten werden inhaftiert. Kameras werden beschlagnahmt.
Doch wenn man sich allein auf die Bilder der großen Nachrichtenagenturen verlässt, entsteht ein ganz anderes Bild. Die vorherrschenden Bilder aus dem Iran zeigen geordnete regierungsfreundliche Kundgebungen, uniformierte Polizeiformationen, symbolische Protestaktionen gegen den Westen und sorgfältig inszenierte Szenen mit Kindern. Was fehlt, sind die Bilder von Massenrepression, Blutvergießen und Angst, die laut unabhängigen Quellen täglich stattfinden.
Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis davon, wie und von wem visuelle Macht kontrolliert.
Die visuellen Torwächter
Bevor man den Iran selbst betrachtet, ist es entscheidend zu verstehen, wer die Bilder kontrolliert, die die Welt erreichen.
Zwei Agenturen dominieren heute den visuellen Zugang innerhalb des Iran: NurPhoto und die Agentur Anadolu.
Die in Italien ansässige Fotoagentur NurPHoto verbreitet täglich Tausende von Bildern über Partnerschaften mit Getty Images, Reuters und Associated Press. Anadolu ist die staatliche Nachrichtenagentur der Türkei und direkt mit der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan in Einklang steht. Beide Agenturen haben Zugang zum Iran, wo die meisten ausländischen Journalistinnen, Journalisten und Fotografen keinen Zugang haben.
Dieser Zugang ist an Bedingungen geknüpft.
Fotografen, die im Iran arbeiten, müssen von den iranischen Behörden akkreditiert, überprüft und überwacht werden. Jeder Fotograf, der Gewalt durch Sicherheitskräfte oder Proteste dokumentiert, riskiert Verhaftung, lange Haftstrafen oder Schlimmeres. Dadurch gelangen nur Bilder nach außen, die innerhalb der Toleranzgrenzen des Regimes liegen.
Trotzdem veröffentlichen internationale Nachrichtenagenturen diese Bilder routinemäßig unter neutralen Byline-Bezeichnungen wie „Stringer/Getty Images“, ohne den Leserinnen und Lesern offenzulegen, welche Zugangsbeschränkungen, Zensur oder politische Ausrichtung dahinterstehen.
Das ist kein Versagen eines einzelnen Mediums, sondern ein strukturelles Versagen des gesamten internationalen Systems der Bildverbreitung.
Dieses System funktioniert durch Kontrolle, nicht durch Überzeugung. Im Iran unterliegt die visuelle Medienlandschaft der Aufsicht des Ministeriums für Kultur und Islamische Führung sowie Sicherheitsorganen, die mit den Revolutionsgarden verbunden sind. Akkreditierung entscheidet über Überleben. Fotografen, die von den genehmigten Narrativen abweichen, werden verhaftet, verschwinden oder ins Exil gezwungen. In diesem Umfeld dient regimetaugliches Bildmaterial zwei Herren: Es macht Zerstörung für ein westliches Publikum „verdaulich“ und sichert gleichzeitig die vollständige Kontrolle darüber, welche Formen von Dissens, Gewalt und Repression sichtbar werden dürfen.
Das Massaker, das Sie nicht sehen
Unabhängige Menschenrechtsorganisationen und geleaktes Filmmaterial bestätigen, dass die Sicherheitskräfte des Iran während anhaltender landesweiter Proteste Tausende getötet und verstümmelt haben. Zu den Opfern gehören Frauen, Jugendliche und Kinder. Vielen wurden gezielt in die Augen geschossen.
Während der heftigsten Gewalt verhängte die iranische Regierung nahezu vollständige Internetsperren, wodurch Bürgerjournalismus und Echtzeitdokumentation unterbunden wurden. Telefone wurden beschlagnahmt. VPNs blockiert. Messaging-Plattformen deaktiviert.
Das Ergebnis war ein Informationsvakuum, das nur von denen gefüllt werden konnte, die bereits mit staatlicher Genehmigung agierten.
Am aufschlussreichsten an den offiziellen Bildern aus dem Iran ist nicht das, was zu sehen ist, sondern das, was systematisch fehlt. Es gibt keine Bilder von Sicherheitskräften, die in Menschenmengen schießen, keine Fotos von Massenverhaftungen, keine Dokumentation von Krankenhausfluren voller Verletzter, keine visuellen Aufzeichnungen von Erblindungen, Hinrichtungen oder nächtlichen Razzien, wie sie unabhängige Menschenrechtsgruppen berichten. In einem Land mit mehr als 85 Millionen Einwohnern, das landesweite Unruhen erlebt, ist das nahezu vollständige Fehlen solcher Bilder selbst ein forensischer Beleg. Visuelle Stille in diesem Ausmaß entsteht nicht von selbst. Sie wird erzeugt.

Bilder, die die Wirklichkeit ersetzen
In dieses Vakuum strömte ein stetiger Strom offiziell genehmigter Bilder.
Von Getty verbreitete Aufnahmen zeigen große regierungsfreundliche Kundgebungen in Teheran. Polizeispezialeinheiten stehen auf gepanzerten Fahrzeugen. Kinder in Militäruniformen halten Spielzeugwaffen. Plakate zeigen mit amerikanischen und israelischen Flaggen bedeckte Särge.
Diese Bilder sind keine neutrale Dokumentation. Sie sind ideologische Stellungnahmen.

Eine genauere visuelle Betrachtung zeigt durchgehend eingesetzte Gestaltungstechniken, die darauf abzielen, Größe zu übertreiben und gleichzeitig Isolation zu verbergen. Weitwinkelobjektive werden zugunsten komprimierter Perspektiven vermieden, die Körper dicht aneinanderreihen. Erhöhte Kamerapositionen entfernen den umgebenden Kontext und verhindern, dass Betrachter die Tiefe oder Auflösung einer Menschenmenge einschätzen können. Hintergründe werden häufig auf Fahnen, Banner oder gepanzerte Fahrzeuge reduziert, wodurch räumliche Bezugspunkte verschwinden, die sonst zeigen würden, wie begrenzt diese Versammlungen tatsächlich sind. Das sind keine neutralen kompositorischen Entscheidungen. Es sind Techniken, die eingesetzt werden, um den Anschein massenhafter Beteiligung zu erzeugen, wo diese nicht unabhängig verifiziert werden kann.
Die Präsenz von Kindern in diesen Szenen ist besonders auffällig. Sie sind keine spontanen Teilnehmer organischer Versammlungen. Sie werden platziert, arrangiert und ins Bild gesetzt, um Loyalität, Kontinuität und moralische Legitimität für das Regime zu vermitteln.

In den verbreiteten Bilderserien ist die Anzahl der unterschiedlichen Kinder auffallend gering. Dieselben Kinder tauchen immer wieder in verschiedenen Szenen, Outfits und vor unterschiedlichen Hintergründen auf, wobei ihre Positionen so verändert werden, dass eine breitere Beteiligung suggeriert wird. Der enge Bildausschnitt verhindert, dass die Betrachter erkennen können, ob diese Kinder von Gleichaltrigen umgeben sind oder allein inmitten von Sicherheitspersonal stehen. Diese Wiederholung dient als visueller Anker. Kinder vermitteln Unschuld, Kontinuität und moralische Legitimität. Ihre wiederholte Verwendung ist kein Zufall. Sie ist ein gezieltes Erzählmittel.
Was den Betrachtern verborgen bleibt, ist der Kontext dieser Ereignisse, die Angst, der Zwang und die Unterdrückung, die sich direkt außerhalb des Bildausschnitts abspielen.

Der Gaza-Doppelstandard
Der Kontrast zum Gazastreifen ist unmöglich zu übersehen.
Im Gazastreifen argumentieren internationale Medien unablässig, dass Israel ausländischen Journalisten vollständigen Zugang gewähren müsse. Jede Einschränkung wird als Hinweis auf Vertuschung dargestellt. Von lokalen Stringern gelieferte Bilder werden als zuverlässig behandelt, obwohl sie unter der Kontrolle der Hamas entstehen.
Im Iran ist das Gegenteil der Fall.
Ausländische Journalisten sind ausgeschlossen. Lokale Fotografen arbeiten unter der ständigen Gefahr von Verhaftung. Dennoch gibt es kaum anhaltenden medialen Druck, der Zugang, Transparenz oder Rechenschaft fordert.
Die gleichen Nachrichtenagenturen, die in dem einen Konflikt auf Skepsis bestehen, akzeptieren in einem anderen vom Regime gefiltertes Bildmaterial ohne jede Nachfrage.
Der Unterschied ist nicht nur politischer Art. Er ist ein methodischer. Im Gazastreifen werden Bilder, die unter Hamas-Kontrolle entstehen, als Beweismaterial behandelt, verstärkt und emotional geframet, während Einschränkungen für ausländische Journalisten als Beweis für Vertuschung gelten. Im Iran hingegen, wo die Einschränkungen weitaus strenger und tödlicher sind, akzeptieren dieselben Agenturen staatlich genehmigte Bilder ohne vergleichbare Skepsis. Der Standard ist nicht Zugang. Es ist Bequemlichkeit.
Wie Nachrichtenagenturen Propaganda waschen
Dieser Prozess erfordert keine Koordination und keine Verschwörung. Er beruht auf Anreizen.
Nachrichtenagenturen brauchen Masse. Redakteure brauchen Bilder. Das ganze Jahr über, aber besonders in Phasen hoher Nachrichtenfrequenz, bevorzugen Agenturen Bilder, die visuell sauber, technisch stark und leicht zu betiteln sind.
Staatlich genehmigtes Bildmaterial erfüllt diese Anforderungen perfekt.
Sobald es verbreitet wird, normalisiert Wiederholung das Narrativ. Eine regierungsfreundliche Kundgebung wird zu „dem, was im Iran passiert“. Ein inszeniertes Kind wird zu „öffentlicher Stimmung“. Ein Plakat wird zur „nationalen Gemütslage“.
Kontext verschwindet. Verantwortung verflüchtigt sich. Das System macht weiter.
Sobald diese Bilder im Netzwerk der Nachrichtenagenturen akzeptiert sind, gewinnen sie durch Wiederholung exponentielle Autorität. Ein Foto mit der Zuschreibung „Stringer/Getty Images“ oder „Stringer/Reuters“ erscheint losgelöst von Herkunft, Zugangsbedingungen und asymmetrischem Risiko. Das Fehlen von Offenlegung wird Teil des Reinigungsprozesses. Leser erfahren nie, warum bestimmte Bilder existieren, während andere nicht existieren können. Was als staatlich gefiltertes Foto beginnt, wird durch Syndizierung zu einem globalen Stellvertreter für die Realität.
Was im Iran geschieht, ist nicht unsichtbar. Es wird aktiv ersetzt.
Globale Zuschauer sind nicht falsch informiert, weil keine Bilder existieren, sondern weil die existierenden Bilder gefiltert, ausgewählt und durch ein System verbreitet werden, das den Zugang über die Wahrheit stellt.
Die Geschichte zeigt, wenn massenhafte Repression in Echtzeit visuell verschleiert wird, dabb folgt Rechenschaft erst Jahrzehnte später – wenn überhaupt. Das Fehlen von Bildern mindert das Verbrechen nicht. Es verzögert die Anerkennung.
Das ist nicht nur eine iranische Geschichte. Es ist eine Warnung davor, wer kontrolliert, was die Welt zu sehen bekommt.



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