Rachel O’Donoghue, HonestReporting, 1. Februar 2026
„Israelisches Militär räumt angeblich 70.000 Tote in Gaza ein, nachdem es zuvor die Angaben des Gesundheitsministeriums angezweifelt hatte“, titelte CNN. Die israelischen Streitkräfte hätten in einem Briefing für israelische Journalisten „eingestanden, dass im Gaza-Krieg etwa 70.000 Palästinenser getötet wurden und die Zahlen des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen weitgehend korrekt sind.“
Ähnliche Meldungen, die jeweils behaupteten, das israelische Militär habe nun die Opferzahlen der Hamas akzeptiert, erschienen schnell in großen Medien wie Reuters, BBC, The Guardian und The Times.

Die Behauptung verbreitete sich ebenso schnell in den sozialen Medien. Altbekannte israelfeindliche Kritiker griffen die Schlagzeilen auf und präsentierten sie als angeblichen Beweis dafür, dass Israel während des gesamten Krieges über zivile Opferzahlen gelogen habe. Mehdi Hasan etwa behandelte die Zahl als Bestätigung – wobei er praktischerweise übersah, dass er Israel zuvor beschuldigt hatte, mehr als 100.000 Menschen im Gazastreifen getötet zu haben, also eine weit höhere Zahl als jene, die er nun akzeptiert.
Auch Piers Morgan verstärkte die Behauptung, indem er einen Link zum Bericht von Haaretz weiterverbreitete und erklärte: „Seit über zwei Jahren haben die meisten meiner pro-israelischen Gäste wütend die Opferzahlen des Gesundheitsministeriums in Gaza bestritten und gesagt, sie seien völlig übertrieben. Jetzt hat die IDF akzeptiert, dass sie korrekt sind.“
Kurz darauf veröffentlichte das israelische Militär eine Art Klarstellung. In einer direkten Antwort an Morgan schrieb IDF‑Sprecher Nadav Shoshani auf X, dass „die veröffentlichten Details keine offiziellen Daten der IDF widerspiegeln. Jede Veröffentlichung oder jeder Bericht zu diesem Thema wird über offizielle und geordnete Kanäle erfolgen.“
Die Erklärung deutete darauf hin, dass das israelische Militär die Opferzahlen der Hamas nicht als offizielle Daten betrachtete.
Die gesamte Geschichte, die israelische Armee unterstütze die Hamas-Zahlen, geht auf Äußerungen einer ungenannten Quelle in einer Hintergrundbesprechung zurück, nicht auf die eines autorisierten Sprechers oder Experten für Opferzahlen und sollte nicht als offizielle Bestätigung der Hamas-Zahlen verstanden werden.
Doch selbst als diese Falschbehauptung die Schlagzeilen beherrschte, verschleierte sie das weitaus wichtigere Problem. Es ging nie darum, ob die Hamas-Zahlen „akzeptiert“ wurden. Das wurden sie nicht. Die Frage ist vielmehr, was diese Zahlen tatsächlich beinhalten – wer von wem und unter welchen Umständen getötet wurde.
Hinter den Zahlen
Die umfassendste forensische Untersuchung der Opferzahlen aus dem Gazastreifen wurde von Salo Aizenberg, Vorstandsmitglied von HonestReporting, durchgeführt. Er analysierte die vom Gesundheitsministerium in Gaza während des gesamten Krieges veröffentlichten Todeslisten. Seine neueste detaillierte Aufschlüsselung der Behauptung von 70.000 Toten finden Sie hier:
Um Aizenbergs Befunden zusammenzufassen: Das Gesundheitsministerium der Hamas meldet 70.125 Tote, doch seine Listen unterscheiden weder zwischen Zivilisten und Kombattanten noch zwischen Kriegsopfern und natürlichen Todesfällen oder zwischen durch die IDF verursachten Todesfällen und solchen, die auf Hamas oder andere interne Akteure zurückgehen. Während das Fehlen einer Kennzeichnung von Kombattanten in der Medienberichterstattung gelegentlich erwähnt wird, werden die übrigen Kategorien weitgehend ignoriert – als hätten natürliche Todesfälle und interne Gewalt während zwei Jahren Krieg im Gazastreifen einfach aufgehört zu existieren.
Natürliche Todesfälle sind daher in der Gesamtzahl enthalten. Vor dem Krieg verzeichnete der Gazastreifen im Durchschnitt etwa 6.800 natürliche und Säuglingstodesfälle pro Jahr. Im Jahr 2025 räumte die Hamas ein, dass einige der aufgeführten Todesfälle natürliche Tode seien, doch sie hat diese nie herausgerechnet. Eine konservative Schätzung veranschlagt rund 11.000 natürliche Todesfälle innerhalb der genannten Gesamtzahl.
Auch Fehler und Unstimmigkeiten bestehen weiterhin, darunter Fehlidentifizierungen, Personen, die in früheren Konflikten getötet wurden, sowie Patienten, die den Gazastreifen für medizinische Behandlung verlassen hatten, später aber als tot geführt wurden. Diese machen schätzungsweise 1.000 Fälle aus.
Nach Abzug natürlicher Todesfälle und verbleibender Fehler bleiben rund 58.000 Tote übrig, die plausibel kriegsbedingt sind.
Nicht alle diese Todesfälle wurden von Israel verursacht. Dokumentierte Hinrichtungen durch Hamas, interne Gewalt, Schüsse bei Hilfsgüter-Unruhen und fehlgeleitete Raketen verursachten schätzungsweise 4.000 Todesfälle, die routinemäßig der IDF zugeschrieben werden.
Die von der Hamas selbst veröffentlichten Daten zeigen zudem ein auffälliges Verhältnis von 3:1 zwischen Männern im kampffähigen Alter und Frauen unter den Toten – ein starkes demografisches Indiz für umfangreiche Kombattantenverluste statt wahlloser Tötung von Zivilisten.
Die IDF schätzt, dass etwa 25.000 Hamas- und verbündete Kämpfer getötet wurden – eine Zahl, die mit den Gefechtsverläufen und der dokumentierten Notfallrekrutierung der Hamas übereinstimmt. Tausende Kombattanten tauchten in den Listen der Hamas überhaupt nicht auf.
Die Rekonstruktion der Daten ergibt rund 61.000 Todesfälle, die auf Handlungen der IDF zurückzuführen sind: etwa 25.000 Kombattanten und 36.000 Zivilisten – eine Aufschlüsselung, die in deutlichem Gegensatz zu Behauptungen steht, Israel betreibe wahllose oder überwältigende Tötung von Zivilisten.
Warum 70.000 so vertraut klingt
Es liegt eine bittere Ironie darin, dass die Medien nun plötzlich darauf bestehen, die Opferzahlen der Hamas müssten „von Anfang an zuverlässig“ gewesen sein – zumal dieselben Medien etwas mehr als ein Jahr zuvor, im Januar 2025, bereits Behauptungen verbreiteten, wonach im Gazastreifen 70.000 oder mehr Menschen getötet worden seien.
Diese früheren Behauptungen stammten nicht von der Hamas selbst, sondern von modellbasierten „Übersterblichkeits“-Schätzungen, die in The Lancet veröffentlicht wurden – einer Zeitschrift, die im Verlauf des Krieges wiederholt extrem spekulative Opfermodellierungen zum Gazastreifen publiziert hat. Eine dieser Studien schätzte 64.260 „Todesfälle durch traumatische Verletzungen“ zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 30. Juni 2024. Zu diesem Zeitpunkt meldete das Hamas-geführte Gesundheitsministerium in Gaza etwas mehr als 37.000 Tote.
CNN, das nun suggeriert, Israel habe seine Kritik an den Hamas-Daten irgendwie zurückgenommen, griff diese Schätzungen im Januar 2025 auf und berichtete, die Zahl der Toten im Gazastreifen könne „deutlich höher“ liegen als die Angaben des Ministeriums – basierend auf einer angeblichen Untererfassung von 41 %. Reuters meldete das. Ebenso The New York Times und NBC News. [Anmerkung: Deutsche Medien, allen voran der SPIEGEL, haben das genauso gemacht.]
Der Punkt ist nicht, dass dieselbe Zahl wieder auftaucht, sondern dass das zugrunde liegende Narrativ konstant geblieben ist, obwohl ihre Quelle wechselte – ohne jede Prüfung dessen, was die Zahlen tatsächlich messen, voraussetzen oder ausklammern.
Die Zahl wurde nicht erst in diesem Jahr bedeutsam oder außergewöhnlich hoch. Bereits mehr als ein Jahr zuvor wurde sie – aus einer anderen Quelle – herangezogen, um dieselbe Schlussfolgerung zu stützen: dass Israel überwältigend viele zivile Opfer verursacht habe.
Das ist die durchgehende Linie. Während des gesamten Krieges wurden von der Hamas gelieferte Zahlen und darauf basierende Schätzungen als grundsätzlich glaubwürdig behandelt, ohne ernsthafte Bemühungen, sie kritisch zu hinterfragen.
Drei Dinge, die man im Kopf behalten sollte
- Die von der Hamas genannte Gesamtzahl wirft alle Todesfälle in einen Topf – Kombattanten, Zivilisten, natürliche Todesfälle und interne Tötungen – und schreibt sie alle Israel zu.
- Rund 25.000 der Getöteten waren Kämpfer, und Tausende weitere Todesfälle wurden überhaupt nicht von Israel verursacht.
- Das Verhältnis von zivilen zu kämpfenden Toten liegt bei etwa 1,5:1, was bedeutet, dass auf jeden Kombattanten ungefähr eineinhalb Zivilisten kommen – ein Wert, der erhebliche Kombattantenverluste widerspiegelt und nach Maßstäben moderner urbaner Kriegsführung niedrig ist.
Das – nicht die verzerrten Schlagzeilen – ist es, was die Zahl „70.000“ tatsächlich aussagt.




















Kurz nach Veröffentlichung dieses Beitrags reagierte der Guardian und änderte die Unterüberschrift:
Grade zurück von einer weiteren Reise nach Sderot und mit Diskussionen mit israelischen Soldaten in der Aufmarschzone in der Nähe von Gaza, ist Oberst (a.D.) Richard Kemp, der frühere Kommandant der britischen Streitkräfte in Afghanistan, mit The Algemeiner zu einem Interview zusammengesessen.





Neueste Kommentare