Etwa 50 Kilometer südlich von Hannover liegt an der Leine das Städtchen Alfeld. Alfeld beherbergt ein Weltkulturerbe, nämlich die von Walter Gropius und Adolf Meyer entworfene Schuhleistenfabrik, das Fagus-Werk. Ich kenne zwar den Spruch: „Schuster bleib bei deinen Leisten!“, hatte mir aber nie Gedanken gemacht, welche Leisten gemeint sind. Ein Freund wurde mal am Leistenbruch operiert, aber wenn man gebrochene Leisten abstoßen könnte wie die Eidechsen den Schwanz, warum müsste nur der Schuster ermahnt werden, das zu lassen? Es muss eine andere Bewandtnis geben.
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Die dem menschlichen Fuß nachgebildeten Formstücke, über den das Schuhleder geschlagen wird, nennt der Schuster Leisten. Sie sind meistens aus Buchenholz gefertigt, was den Namen des Fagus-Werks erklärt, denn fagus ist Latein für Buche. Es gibt die Leisten in verschiedenen Größen und Formen. Sie sind im dortigen Schuhleistenmuseum ausgestellt. Aus dessen Shop stammt eine Tasse, aus der ich selten trinke. Sie ist mir zu eng und zu hoch, weshalb die enthaltene Flüssigkeit eine schier unergründliche Tiefe hat. Ich weiß nicht, was der Tassendesigner sich gedacht hat, weder an das Bauhaus-Ideal „form follows function“, noch an ein schönes Verhältnis von Höhe und Breite nach dem Goldenen Schnitt, sondern vermutlich an gar nichts. Der Mensch wollte nur eine ungewöhnliche Tassenform gestalten, und Bauhaus – oh, das ist ja ungewöhnliches Design.
Die schlanke Porzellantasse hat an ihrem Fuß den fast rundum verlaufenden Farbdruck einer stilisierten Darstellung der Schuhleistenfabrik. Im Himmel steht mit schwarzen Versalien in fetter Groteskschrift: „UNESCO-WELTERBE-FAGUS-WERK“ Der Henkel ist gefällig geschweift. Er kann zwei meiner Finger aufnehmen, wobei sich der Mittelfinger stützend unter den Henkel der Tasse legt. So verhindert man ihr Nach-vorne-Kippen. Vielleicht kaufte ich die Tasse aus Erleichterung, wieder im Erdgeschoss zu sein, denn auf den Etagen darüber war mir mulmig, weil der Boden aus schmalen Leisten Latten besteht, durch deren Ritzen man bis unten gucken kann. Wenn ich mich also gruseln will, trinke ich aus der Fagus-Tasse.
- Aufruf zu einem Mitmachprojekt:
Erzähle von deiner Lieblingstasse!
– Woher stammt sie;
– wie ist sie in deinen Besitz gekommen;
– was zeichnet sie aus;
– wie und warum benutzt du sie?