Sauber getarnte Brötchen

Den weißen Ikea-Wäschesack in der Ecke meines Schlafzimmerh besitze ich schon länger. Jedenfalls hat er mich eines Nachts einmal überrascht. Ich war kurz vor dem Einschlafen. Da seufzte mein Wäschesack laut und vernehmlich „Tschirch!“ Nanu,Tschirch?, dachte ich. Das ist meines Wissens kein deutsches Wort. Ich kenne aber einen deutschen Germanisten namens Fritz Tschirch. „Kennen“ ist schon zuviel gesagt. Ich weiß nur von ihm, weil ein Freund und Kollege einst bei ihm in Köln studiert hat. Das gehörte Seufzen verwarf ich noch vor dem Einschlafen, denn bislang hat meines Wissens kein Ikea-Wäschesack etwas Wesentliches zur Germanistik beigetragen.

Im Sachbereich geschriebene Sprache müssen auch Mitteilungen von Brötchentüten skeptisch gesehen werden. Steht da „Mit Liebe ausgewählt“ war mir das schon Anlass von der Großbäckerei Schäfer’s zu erfragen, was da wohl von wem ausgewählt wurde und wie es bei dem Vorgang um Liebe bestellt ist. Ich fragte höflich: „Wählen ihre Mitarbeiter des Bäckereihandwerks aus Liebe zum Mehlsack unter einem Mehlsack-Angebot, das meine Vorstellung überschreitet?“, bekam aber von der Marketing-Abteilung eine nichtssagende Antwort. Immerhin haben sie darob den Aufdruck verändert. Jetzt steht da nur noch „Schäfer’s Mit Liebe backen – seit 1898.“ Wer wollte da widersprechen? Obwohl es gewiss mal Mitarbeiter gibt, die Montagmorgens einen Hals haben und sozusagen mit Hass backen.

Mir sind überprüfbare Aussagen lieber: „Ofenfrisch jeden Tag – Mehrmals täglich frisch gebacken.“ Sauber. Am 1.Mai kaufte ich notgedrungen beim türkischen Bäcker und bekam eine rundum in Tarnfarben bedruckte Brötchentüte, mit dem Aufdruck „Mach, was wirklich zählt – mach’s für dich. Und den Alltag, den du liebst. – Wehrdienst machen, Frieden sichern. – Bundeswehr.“ Zunächst war ich dankbar für die gefleckte Tarnoptik, als ich den Fußweg durch die Grünanlage machte. Eine weiß blitzende Brötchentüte hätte mich verraten können. Ein gezielter Blattschuss ins Brötchen wurde sauber verhindert. Aaaber die Botschaft? Was weiß denn eine Brötchentüte schon von der großen Politik? Ihr Streifgebiet ist zu klein, als dass sie einen Überblick gewinnen könnte. Selbst wenn ich mit ihr durch die Republik reisen würde, bliebe der Eindruck ausschnitthaft. Aber das würde ich eher nicht machen, um nicht in Verruf zu kommen. Am Ende titelt die Presse: „Der mit seiner Brötchentüte reist“ Also: Tüte halte Brötchen, aber sonst halte dich raus!

Schluss mit Firlefanz?

50 Jahre lang zum 1. Mai sind Radsportler über den Lindener Berg gebrettert, haben sich den kurzen giftigen Anstieg zum Ziel an der Lindener Sternwarte hochgequält. 40 Runden à zwei Kilometer waren zu fahren. Doch für 2026 hat der organisierende Radsportklub Concordia das Traditionsrennen abgesagt. Die Verwaltung der Stadt Hannover hatte die erforderliche Genehmigung erteilt, die Stadt wollte jedoch kein Geld für die notwendigen Absperrungen zuschießen. In Leserbriefen wird schnell der Schuldige benannt, der türkischstämmige grüne Oberbürgermeister Belit Onay. Er habe überall Geld versenkt, aber fürs Radrennen sei kein Geld da. Eine Elisabeth W. stellt gleich den ihr passenden Zusammenhang her: „es wird eine 3. Moschee in Hannover gebaut.“ Vermutlich lässt Onay das zu versenkende Geld in den Grundstein der neuen Moschee einmauern, der Schelm. So sind die Zeiten. Ein Andreas meint: „Fuer jeden Firlefanz ist in Hannover Geld da, nur hier leistet die Stadt noch nicht einmal Unterstützung. Zum Glück sind im September Kommunalwahlen.“ Dann ist aber Schluss mit dem ganzen Firlefanz. Einem wie mir wird der fehlen.

Ob ich den AfD-Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt in Hannover kenne, fragt der Mann, der meinem Gespräch mit einer jungen Türkin entnommen hat, dass ich nach Hannover zurückreise. Ich verneine, verweise auf Herrn Onay. Er ignoriert das, nennt einen mir unbekannten Namen und ergänzt: „Ein Bäckermeister. Der kommt aus unserem Dorf!“ Ach so. Ein Bäckermeister vom Dorf. Wird sich bestens auskennen mit den Problemen einer Großstadt. Der Mann, der mich angesprochen hat, ist ebenfalls einer „aus der Mitte der Gesellschaft.“ Als mein Taxi vorfährt, trägt er ungefragt meinen schweren Koffer nach draußen. Ein manierlicher Mann und Fan der AfD. Die werden sich alle wundern. Auch über den deutschnationalen Firlefanz.

Mönchengladbach

Jedes Mal, wenn ich Bahn fahre, wenn der ICE durch Vorstadtregionen fährt, deren Wohnhäuser nah der Gleisstrecke stehen, jedes Mal, wenn mein Blick auf ein Haus fällt, wundere ich mich, dass in diesem Haus Leben ist. Ich wundere mich, dass da gestern schon Leben war, dass da morgen Leben sein wird – ein Leben, von dem ich nichts ahne. Morgen und übermorgen wird wieder ein ICE an diesem Leben vorbeifahren, und wieder wird einer aus dem Zugfenster schauen, vielleicht etwas denken und sich wundern. Oder es ist einer, der wenig denkt, das Wundern nicht beherrscht, der nur achtlos aufschaut, danach den Kopf sinken lässt, um sich durch ein Zerstreuungsangebot in seinen Händen ablenken zu lassen.

Mein Zerstreuungsangebot ist ein Erinnerungsstück. Das hier ist Mönchengladbach. In einem Haus nah an der Straße, an dem wir vorbeifahren, lebte Poldi mit seiner Mutter. Poldi war ein wenig dicklich und von geringem Selbstbewusstsein, was er durch großspurige Gesten zu überspielen versuchte. Einmal habe ich ihn zu Hause besucht, denn Poldi war bei der Bundeswehr ein Kamerad, Wehrpflichtiger wie ich. Er hatte angeboten, mich von Mönchengladbach aus in seinem von Mama geschenkten Mercedes mitzunehmen, nach Delmenhorst, hoch im Norden.

Ich reiste zwanzig Minuten mit dem Zug an und klingelte bei der Adresse, die Poldi mir genannt hatte. Es war, ich schwöre, eine von außen harmlos wirkende Tür, wie Türen eben so sind in einem mehrstöckigen Wohnhaus.

Als Poldi öffnete, fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, mich zu warnen. Ich betrat einen Urwald. Vom Boden die Wände hoch wucherten Pflanzen, klammerten sich sogar entlang der Decke, schlängelten sich die andere Wand hinunter, wo sie sich um ihrerseits aufstrebende Pflanzen wanden, sodass schon der Flur ein dunkelgrüner Höhlengang war. Er mündete in eine Lichtung, wo eine reich geschmückte und mit diversen Perlen- und Muschelketten behängte Kräuterhexe thronte: Poldis Mutter. Um den Hals trug sie einen schwarzmagischen Drudenfuß, was nichts weiter ist als ein verkehrt getragenes Pentagramm. Über eine schwarze Krähe auf ihrer Schulter hätte ich mich nicht gewundert. Die gesamte Szenerie war in schummriges Licht aus unklarer Quelle getaucht.

Poldi war froh, als er mich hinauskomplimentiert hatte. Ich tat so, als würde ich alle Tage solche Mütter sehen. „Kenn ick, weeß ick, hab ick ook zu Hause!“ Was dem Berliner recht ist …

Wir holten am Bahnhof noch Schäfer ab, ein rachitisches Jüngelchen mit hängender Unterlippe. Schäfer saß wie selbstverständlich auf dem Beifahrersitz, voller Stolz, in einem Mercedes unterwegs zu sein.

Wenn Poldi anfing zu drömeln und von anderen Autofahrern überholt wurde, sah ihn Schäfer vorwurfsvoll an, dass er diese Schmach zugelassen hatte. Poldi stieg folgsam aufs Gas, bis er wieder in seinen alten Trott verfiel. Ich auf der Rückbank sorgte mich vor dem unguten Pas de deux der beiden.

Daran erinnerte ich mich in Mönchengladbach, derweil mich der ICE an ungeahnten Leben vorbeiriss.

Als die Glocken nach Rom geflogen waren

Wie die Glocken nach Rom geflogen sind, habe ich nicht gesehen, obwohl meine Mutter meinen Blick in den bewölkten Himmel gelenkt hatte. „Da!“, sie hätte die Glocken gesehen, sagte sie. Weil sie mich auf dem Arm hielt, und weil wir Wange an Wange durchs Dachflächenfenster geschaut hatten, glaubte ich kaum, dass die Glocken über unser Haus geflogen waren, auch nicht, dass Glocken überhaupt fliegen könnten. Die Glocken wären in Rom, um beim Papst Milchbrei zu essen. So wurde auf dem Dorf erklärt, warum die Glocken der katholischen Kirche von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag schwiegen. Stattdessen zogen die Messdiener dreimal täglich mit Rasseln durchs Dorf.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war Messdiener. An einem Karfreitagmorgen durfte ich an seiner Statt mit dem Fahrrad unsere Straße bis zur Ortsgrenze hochfahren und die Rassel schwingen. Es hatte gerade geregnet. Ein milder Frühlingsregen war das gewesen. Die Natur hatte ihn bereitwillig aufgesogen. Ich erinnere mich an den erdigen Duft, der von der Straße aufstieg. Die uralte Römerstraße war in meiner frühen Kindheit noch nicht asphaltiert und von den Regentropfen feucht gesprenkelt. Ich wusste, dass meine Aufgabe wichtig war. Viele Leute hatten keine Uhr und takteten ihren Alltag nach dem Glockengeläut. So schwang ich die Rassel voller Inbrunst. Aus heutiger Sicht nichts Besonderes, doch für mich im Alter von fünf Jahren ein kleines Hochamt.

Aus meinem Tagebuch vom März 1997

(Der Beitrag ist eine Wiederveröffentlichung vom 25. März 2016)

Angeschlagene Beute und Beutegreifer

In Naturfilmen ist zu sehen, wie Raubtiere einer Herde folgen und sich das schwächste Tier aussuchen, um es zu schlagen und zu reißen. Dass es derlei auch unter Menschen gibt, habe ich gestern erlebt. Ich fühlte beim Nachhauseweg vom Supermarkt eine Form der Schwäche, die auf einen beginnenden Infekt hinwies.
Als ich an einer Menschengruppe an der Bahnhaltestelle vorbeiging, grinste mich ein stämmiger Mann an. Ich registrierte, dass er sich an meine Fersen geheftet hatte. Nach einer Weile sprach er mich an, hielt mir einen Euro hin und bat, dass ich ihn für den Parkautomaten wechselte. Da dachte ich: tatsächlich hat mich ein Beutegreifer ausgesucht.

Diese Leute gucken dir, während man wechselt, ins Portemonnaie und ziehen geschickt die Geldscheine heraus. Er hatte aber auch schlechte Karten. Auf dem gesamten Fußweg war mir kein Parkautomat aufgefallen. Außerdem wusste ich zuverlässig, dass ich kein Kleingeld bei mir hatte. So musste ich sein Ansinnen zurückweisen und dachte, so blöd bin ich nur einmal gewesen. Ich bin vor Jahre schon mal auf den Trick hereingefallen. Als mich nämlich nach einer Demo ein junges Paar aufhielt und nach einer Telefonzelle fragte. Die junge Frau müsse dringend telefonieren. Drum erbat der Mann sich Kleingeld zum Telefonieren, hielt eine Zweieuromünze hoch, ließ sie verlockend in der Sonne blitzten und trat nah an mich heran. Ich zog mein Portemonnaie hervor und wechselt seine Münze. Mir war irgendwie unangenehm, dass er so auf Tuchfühlung kam und in mein offenes Münzfach schaute. Aber ich dachte, „Hoch die internationale Solidarität!“ skandieren, aber wenn ausländisch wirkende Mitbürger in Telefonnot sind, blöde Gefühle zu haben, das geht nicht zusammen. Nach dem Geldwechsel entfernten sich die beiden in die falsche Richtung.

Ich rief noch hinterher und zeigte in die Richtung, wo die Telefonzelle zu finden wäre, aber die beiden hatten es plötzlich sehr eilig. Zu Hause dachte ich, dass etwas an der Begegnung seltsam gewesen war, schaute in meine Geldbörse und siehe da, die Geldscheine aus dem hinteren Fach waren weg. Während ich ihm die Zwei-Euro-Münze gewechselt hatte, musste er die Scheine, 120 Euro insgesamt, herausgefingert haben. Was da klüger ist in mir als ich, hatte den Diebstahl bemerkt, mich aber nicht beizeiten gewarnt..

Trotz partieller Schwächung entkam ich diesmal dem Trickbetrüger, finde aber beachtlich, dass diese Leute spüren, wo sie zuschlagen können. Freilich, nach dem Verschwinden der Telefonzellen und Münzautomaten müssen sich sie sich neue Tricks ausdenken.

Über die unsichtbaren Regeln des Dazugehörens

Im Hof des Nachbarhauses stehen vier Männer nebeneinander. Einer ist gut, aber lässig gekleidet – vermutlich der Hausbesitzer. Ein Zweiter, noch recht jung, trägt Anzug und Krawatte, vielleicht ein Immobilienmakler oder Hausverwalter. Der Dritte erklärt etwas, ist wohl der Architekt. Der Vierte wirkt wie ein Gerüstbauer oder Handwerker. Er trägt einen schwarzen Bart und ist vermutlich türkischstämmig. Die Männer sprechen miteinander und bewegen sich dann, fast wie auf Kommando, zur Abtrennung des Nebenhauses – also in Richtung meines Küchenfensters, durch das ich sie beobachte. Der Handwerker zieht seine Zigaretten hervor und bietet sie den anderen an. Niemand greift zu.

Im Kulturkreis des Handwerkers gilt das gemeinsame Rauchen vermutlich noch als Ritual, das Einvernehmen stiftet. In den Milieus der anderen ist es dagegen verschwunden – viele sind Nichtraucher oder rauchen nicht mit Rücksicht auf die Situation. In diesem Fall lehnen die drei jedoch nicht aus gesundheitlichen Gründen ab, sondern um Distanz zu wahren. Der Handwerker ist in der Runde nur durch seine Funktionsrolle präsent. Die anderen besetzen Positionsrollen, die sie sichern und behaupten müssen.

Der junge Mann etwa verfügt nur über eine schwache Positionsrolle; seine Kleidung dient als Mittel, um Anerkennung zu erlangen. Der Architekt hofft auf einen Auftrag, was seine Position ebenfalls fragil macht. Nur der Hausbesitzer kann sich in seiner überlegenen Stellung gelassen zurücklehnen.

Für den Arbeiter aber bleibt sein Zigarettenangebot unbeantwortet – eine ausgestreckte Hand, die niemand ergreift. Die Geste verliert ihre symbolische Kraft, weil die stillen Regeln hier andere sind. Um das zu erkennen, müsste er sein Verhalten reflektieren und verstehen, wie stark soziale Interaktionen ritualisiert sind. Doch wer in seinem Handwerk sicher ist und im vertrauten Umfeld nie in Frage gestellt wird, hat selten Anlass, an sich zu zweifeln. Im Kontakt mit einem höheren Milieu stößt er damit an unsichtbare Grenzen.

Das kleine Schauspiel im Hof zeigt, wie stark soziale Rollen durch ungeschriebene Regeln geprägt sind. Rituale verbinden nur dort, wo die kulturellen Codes geteilt werden. Kleidung, Gesten und sogar das Annehmen oder Ablehnen einer Zigarette markieren Grenzen – zwischen Funktions- und Positionsrollen, zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss.

Tiefkühlmänner und Balkenfrauen

An der Kasse im Aldi sitzt eine neue Mitarbeiterin und albert mit ihrer Kollegin herum. „Das ist ja das Einzige, was Männer können“, höre ich sie sagen. Ich werde hellhörig – was Männer als einziges können, interessiert mich. Ebenso sehe ich mir genauer an, wer da über solche Fachkenntnisse verfügt. Sie ist recht hübsch, offenbar türkischstämmig, und hat sich über die Augen zwei pechschwarze Balken tätowieren lassen. Als ich zur Kasse vorgerückt bin, frage ich sie: „Was ist das Einzige, das Männer können?“
Sie lacht verlegen. „Eine Pizza reinschieben.“
Ich grinse. „Mist, jetzt habe ich glatt vergessen, Tiefkühlpizza zu kaufen.“

Ihr Blick wandert über meinen Einkauf – Gemüse, Olivenöl und Mozzarella für einen Auflauf – und sie scheint sich bei einem Vorurteil ertappt zu fühlen. Was sie über Männer kundtut, entspricht vermutlich ihren Erfahrungen. Frauen, die beim Discounter an der Kasse sitzen und sich zur Steigerung ihrer Attraktivität dicke Balken über die Augen tätowieren lassen, begegnen in ihrem Milieu eher Männern, die sich bekochen lassen. Im Notfall, wenn die dienstbare Frau nicht da ist, schieben sie eine Pizza in den Ofen.

Ich habe das sicher seit 15 Jahren nicht mehr getan. Davor allerdings, ich gebe es zu, ziemlich oft. Den Belag habe ich aber ergänzt – mit frischen Zutaten und ein paar Kräutern. Diese Form der „Verfeinerung“ brachte meine damalige Lebensgefährtin regelmäßig auf die Palme. Das war zu einer Zeit, als industriell hochverarbeitete Lebensmittel noch kein Thema im Feuilleton waren.

Ich zahle, packe den Einkauf in meinen Rucksack und schleppe ihn nach Hause. Später werde ich den Auflauf zubereiten. Danach wird es wieder ziemlich wüst aussehen in meiner Küche. Das ist der Vorteil der Tiefkühlpizza: Von ihr bleibt nur die Verpackung. Und selbst die kann man – theoretisch – direkt im Laden entsorgen. Dann allerdings verschwindet auch das schöne Verackungsbild. Es zeigt das kulinarische Vorbild: fotografiert von einem Food-Fotografen, zubereitet von einem Profikoch. Danach, wurde mir kürzlich im ZDF erklärt, werden sämtliche Zutaten dieses appetitlichen Vorbilds ersetzt – durch Dreck.

Schlechte Nachrichten für die Tiefkühlpizzamänner.

Am Ende bleibt Schwarzweiß

Auf der Liste der bescheuerten Friseursalon-Namen gehört „Haarscharf“ zu den harmloseren. Es gibt schlimmere Brainstormings-Unfälle, bei denen man einfach zu früh gerufen hat: „Das ist es!“, wobei ein gründliches Überdenken die Einsicht gebracht hätte:
… ist es eher doch nicht. Lieber die Findungsphase wiederholen.
Friseursalon „Haarscharf“ in meiner Nachbarschaft würde mir kaum auffallen, wenn nicht ein Fotoplakat im Fenster zeigen würde, dass die besseren Zeiten des Salons tief in der Vergangenheit liegen. Auf dem Weg in die Gegenwart ging dem Schaufensterbild des Friseursalons nämlich Farbe verloren, und das kommt so:

Fotoplakate wie das weiter unten gezeigte Bild sind im Vierfarbdruck-Verfahren gedruckt. Dieses noch heute gängige Druckverfahren wurde, man muss es nicht wissen, im Jahr 1732 vom Maler und Kupferstecher Jakob Christoph Le Blon erfunden. Seine Erkenntnis, dass sich alle Farben aus den Grundfarben Blau, Rot und Gelb mischen lassen, sogar Schwarz – als Summe aller Grundfarben fußte auf Newtons Farbtheorie. Goethe, der Newtons Farbtheorie für falsch hielt und mit Polemik überzog, hätte das bestritten.

Für den Vierfarbdruck wird die Vorlage mit verschiedenen Filtern fotografiert, so dass man vier verschiedene Druckplatten erstellen kann, eine mit den Gelbanteilen (Y=yellow), eine mit den Rotanteilen (M=magenta), eine mit Blau (C=cyan), eine mit Schwarz (K=key). Druckt man jetzt C, M, Y, K übereinander, entsteht die farbige Abbildung.


Ist eine derartige Abbildung lange der Sonne ausgesetzt, bleiben die Schwarz- und Cyan-Anteile noch recht gut erhalten, Magenta und Yellow verblassen so sehr, dass das Plakat unschön blaustichig wirkt. Zuletzt bleibt nur Schwarzweiß. Das liegt daran, dass zumeist Magenta am wenigsten lichtecht ist, gefolgt von Yellow, und dann mit einigem Abstand Cyan und Schwarz.

Wer sich über den Dutt auf dem Kopf der Dame mit der schönen Frisur wundert, es ist mein Kopf, der sich heute Morgen im Schaufenster spiegelte. Das andere Plakat auf dem Weg in die schwarz-weiße Zukunft knippste ich an einer Tankstelle.

Sanitätshaus

Zwei schwerst adipöse Frauen, eine vor, eine hinter dem Tresen. Die sagt: „Dann kommen Sie morgen früh vorbei, um die Kompressionsstrümpfe anzuprobieren.“
„Wieso morgen früh?“
„Vormittags sind die Beine noch nicht so geschwollen von den Wassereinlagerungen.“
„Ich habe keine Wassereinlagerungen.“
„Die zeigen sich erst im Laufe des Tages.“
„Ich habe keine Wassereinlagerungen.“ Diese Klarstellung ist ihr wichtig, obwohl es ihr ja egal sein könnte, was die andere von ihr denkt. Sie wiederholt: „Ich habe keine Wassereinlagerungen. Ich brauche die Kompressionsstrümpfe nach einer OP.“

Die Verkäuferin fügt sich. Vermutlich hat sie vermeiden wollen, was zwangsläufig folgt. Sie muss die Anprobe jetzt mit der Kundin machen, obwohl sie alleine im Laden ist und ein weiterer Kunde schon wartet. Sie geht vor der anderen Richtung Nebenraum, wo eine Treppe zu sehen ist, und steigt die Stufen hinauf im Beistellschritt. Die beiden verschwinden. Derweil öffnet sich die Tür, ein älteres Paar betritt den Laden, steht eine Weile wartend vor der Theke. Der Mann nimmt einen Sanitätshauskatalog und blättert darin. Dann setzen sie sich zu mir auf die olivgrüne Sitzbankreihe gegenüber der Theke. Erneut geht die Tür auf.

Ein langer Mann Mitte 30 betritt den Laden, schiebt vor bis zur Theke und hält sich daneben an der Wand fest. Unter einer schmuddeligen Trainingsjacke trägt er ein T-Shirt von Hannover 96. Sein linker Fuß ist verbunden. Er steht vorne über gebeugt und schaut erwartungsvoll hinter den Tresen. Immer wieder rutscht ihm die Hand weg und er muss neuen Halt suchen. Nach gefühlt einer Stunde tut sich im Nebenraum etwas. Zuerst erscheinen die Beine der Verkäuferin. Die Frau steigt erneut im Beistellschritt die Treppe herab. Die Kundin folgt ihr. Sie nehmen wieder ihre Plätze hinter und vor dem Tresen ein. Die Verkäuferin füllt am Computer ein Formular aus. Es geht wohl um die Erstattung. Das dauert. Endlich geht die dicke Kundin. Der lange Mann sieht seine Chance und nennt sein Begehr.

„Sie sind aber noch nicht dran“, sagte die Verkäuferin und deutet auf uns. „Sind Sie der Nächste?“, fragt mich die Frau des Sanitätshauskatalogwälzers, was ihr eigentlich klar sein müsste, weil ich mich ja nicht erst materialisiert habe, nachdem sie gekommen ist. Ich trete vor und sage: „Ich hätte gern ein rotes Theraband.“ Der Bezahlvorgang ist so umständlich wie alles hier, weil der Formularcomputer auch der für die Zahlungsabwicklung ist. Als ich dieser Vorhölle entronnen bin, ist die Sonne untergegangen und ich denke, dass mein Bart wieder gestutzt werden muss.

Wer fit bleiben will, muss Zeit aufwenden.

Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?

Der Frühling sei die Zeit der Straßenspiele, schrieb ich im Frühling 2012, als ich das Thema Straßenspiele erstmals behandelt habe. Im Jahr 2025 klingt das wie Wunschdenken, denn zumindest in der Stadt sind nur noch selten Kinder zu sehen, die sich zum selbstständig organisierten Spielen treffen. In Belgien und den Niederlanden gibt es seit einigen Jahren den „nationale Buitenspeeldag“ (Draußenspieltag), an dem beispielsweise das belgische Fernsehen keine Kindersendungen ausstrahlt, um Kinder nicht ans TV-Gerät zu locken. Die landesweit organisierten Draußenspieltage bei unseren westlichen Nachbarn sind ein Aufbäumen gegen den Trend, dass die Zeit der Straßenspiele vorbei sein könnte.

Einige Straßenspiele stammen aus tiefer Vergangenheit. Sie wurden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben, weshalb es Varianten gibt. Die Dominanz der Gegenwart unserer Tage könnte auch die Brücke zum Straßenspiel ist „Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?“ brüchig werden lassen.

Spielverlauf: Einer spielt den Häscher, und die anderen Kinder stellen sich in Reihe vor ihm auf. Der Häscher ruft: “Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?”
Die anderen rufen “Niemand!”,
Der Häscher: „Und wenn er kommt?“
Die Kinder: „Dann laufen wir!“ – laufen auf den Häscher zu und versuchen an ihm vorbeizukommen, ohne dass er sie berührt. Wer berührt oder eingefangen wurde, muss in der nächsten Runde den Schwarzen Mann spielen. Variante: Die gefangenen Kinder gesellen sich zum schwarzen Mann und müssen ebenfalls fangen. Hinweise auf das Spiel finden sich schon im DEUTSCHEN WÖRTERBUCH von Jacob und Wilhelm Grimm:

    „Haupts zeitschr. 3, 338.
    dort wird ein fangespiel der kinder verglichen, wobei eins nach dem rufe fürchtet ihr euch vor dem schwarzen mann? die andern zu haschen sucht. in Bremen ist ein kinderreim beim spiel:
    wer fürchtet sich vor schwarzem mann,
    vor räubern und soldaten?
    das könnte aber auch auf den teufel gehen oder eine spukgestalt unbestimmten characters, womit man kinder schreckt.“

Möglicherweise ist das Spiel in unsicheren Zeiten entstanden, war vielleicht ein didaktisches Hilfsmittel, den Kindern richtiges Verhalten bei einem Überfall auf das heimatliche Dorf beizubringen. Dann hilft nämlich keine schockstarre Furcht, sondern nur Laufen.

Andere Quellen bringen das Spiel mit der Schwarzen Pest in Verbindung. Dafür spricht die Variante, dass die vom schwarzen Mann berührten Kinder ebenfalls zu Häschern werden, weil sie durch Berührung angesteckt wurden.

    „Der Schwarze, der sich in den versammelten Reigen mischt und einen nach dem andern wegführt, ist der seine Schar stets vergrößernde Tod. Gleich dem Vortänzer, der im weltlichen Reigen an hundert Tänzer in langer Reihe hinter sich herführen und regieren kann, führt auf solchen bildlichen Darstellungen der Tod den Vortanz und zog die Reihen von Hunderten an hoher Hand hinter sich drein.“ (Volksliederarchiv)

Der schwarze Mann ist ein Hüllwort für den Teufel. Die Pest (Der schwarze Tod) ist in Europa erstmals im 14. Jahrhundert aufgetreten, der Teufelsaberglaube stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die Pest wird bis ins 19. Jahrhundert mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Zuletzt wurde das Motiv von Jeremias Gotthelf in „Die schwarze Spinne aufgegriffen“, einer Rahmennovelle, die auf Pestsagen zurückgeht. Der Teufel half in der Not, wurde um seine Belohnung betrogen und verwandelt sich in eine schwarze Spinne, die alle tötet, die von ihr berührt werden. Teufel und Spinne sind die Personifizierung der Pest. Weil die Menschen die Gottesfurcht vergessen, kommt die Spinne immer wieder frei und bringt neues Elend über Mensch und Vieh, ein Hinweis auf das mehrmalige Auflodern der Pestseuche. Man könnte deuten: Nicht den Teufel soll der Mensch fürchten, sondern Gott. Entsprechend wird die Furcht vor dem Schwarzen Mann im Spiel verneint.

In jüngster Zeit wird darum gestritten, ob eventuell eine rassische Diskriminierung vorliegt, wie Zeitungsberichte aus Finnland und der Schweiz zeigen. Es wird voreilig eine Umbenennung gefordert, die zwar nicht berechtigt ist, aber bezogen auf heutige Vorstellungen eine gewisse Plausibilität hat. Da kein Schwarzafrikaner gemeint ist, sondern der Teufel, könnte man die Proteste gegen das Spiel ignorieren, aber dagegen steht das Bedürfnis unserer Tage nach politscher Korrektheit. Ich bin gespannt, wann der erste Mann protestiert und eine geschlechtsneutrale Figur verlangt, etwa das furchtbare Es. „Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Es?!“

Hier eine im Teppichhaus Trithemius erstellte Verbreitungskarte. Weitere Nachweise willkommen.