Irgendwann in der Antike hat ein zahnloses altes Mütterchen im Kaukasus in einen Sauerteig aus Weizenmehl gespuckt und damit die Fermentierung in Gang gebracht – für einen essbaren Kettenbrief, der bei uns aus unerfindlichen Gründen Hermann heißt. Man bekommt einen Hermannteig von guten Freunden, zusammen mit dem Hermann-Brief, in dem genau steht, wie der Teig behandelt werden will. Man muss ihn füttern und pflegen, dann wächst er, bis er geteilt und weitergegeben werden kann. Eine Schülerin erzählte mir in den 1990er Jahren, ihre Mutter habe 20 Jahre zuvor schon einen Hermann gehabt. Und wenn man bedenke, fuhr sie fort, „dass da so alte Zutaten drin sind …“
Dieser Gedanke erreichte mich zu spät. Tags zuvor hatte ich bereits leichtsinnig ein Stück Hermannkuchen gegessen. Da wurde mir plötzlich mulmig. Hatte ich mir ein uraltes Stück Weltkuchen einverleibt – oder hatte eine invasive Hefekultur bereits von mir Besitz ergriffen? Inzwischen, so die beunruhigende Vorstellung, ließen sich Moleküle des Hermannteigs womöglich in der gesamten Menschheit nachweisen.
Von solchen Weitergabe-Praktiken ist es nur ein kleiner Schritt zu den klassischen Kettenbriefen. Deren christliche Vorform ist der Himmelsbrief – gewissermaßen göttliche Luftpost: eine Offenbarung, die direkt vom Himmel gefallen sein soll. Zeitweise gingen Himmelsbriefe in so großer Zahl um, dass sie zur Plage wurden. Schon Karl der Große wandte sich in seiner Admonitio generalis von 789 gegen falsche und verderbliche Schreiben mit angeblich göttlichen Weisungen. Solche Texte sollten nicht gelesen, sondern verbrannt werden, damit sie das Volk nicht mit Lug und Trug überziehen.
Einen solchen Himmelsbrief besaß auch Aldebert aus Gallien, der zu Lebzeiten vom Volk als Heiliger verehrt wurde, während ihn Bonifatius als „betrügerischen Geistlichen, Irrlehrer, Schismatiker, Diener des Satans und Vorläufer des Antichrists“ bezeichnete. Aldebert, dem besonders viele Frauen nachliefen und dessen Nägel und Haare als Reliquien verbreitet wurden, verfügte angeblich über ein Schreiben von Jesus Christus selbst: Es sei in Jerusalem vom Himmel gefallen und vom Erzengel Michael aufgehoben worden.
Zu den von Karl verdammten Briefen gehört auch der Himmelsbrief Christi über die Heiligung des Sonntags. Er ist gegen Ende des 6. Jahrhunderts erstmals belegt und reicht bis ins 20. Jahrhundert hinein. Angeblich wurde er am Effrem-Tor in Jerusalem gefunden und von Hand zu Hand weitergereicht, bis er nach Rom gelangte. Der Brief droht mit der Vernichtung der Menschheit, falls die Sonntagsruhe nicht eingehalten werde – eine dritte und letzte Warnung. Jeder Priester, der ihn erhalte, sei verpflichtet, ihn abzuschreiben und weiterzuverbreiten. Spätestens hier zeigt sich deutlich: Der Himmelsbrief ist ein früher Kettenbrief.
Die Vorstellung, dass Gott sich in Briefen an die Menschen wendet, wurzelt im volkstümlichen Glauben an die göttliche Herkunft der Schrift und ist typisch für Kulturen im Frühstadium der Literalisierung.
“Der in der Luft hängende Himmelsbrief neigt sich dem zu, der Lust hat, ihn abzuschreiben. (…) Wer den Brief hat und nicht offenbart, der sei verflucht von der herrlichen Kirche Gottes.” (Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens).

De liebe Gott bedankt sich für Recycling-Schnupftücher
Auch in Zeiten vor Smartphone und Internet kursierten Kettenbriefe massenhaft – damals per Post. Sie versprachen Geld, Liebe oder Glück; wer sie nicht weitergab, dem wurden Strafen angedroht. Meist sollten sie siebenmal kopiert und weitergeleitet werden. Das erklärt den oft schlechten Zustand vieler Exemplare: Durch die mangelhafte Kopiertechnik waren sie mitunter kaum noch lesbar. Zeitweise wurde ihr Versand sogar verboten, weil die Zahl der Sendungen exponentiell anstieg. Wird die Kette nicht unterbrochen, ergibt schon 7 hoch 7 ein Aufkommen von 823.543 Briefen. Kettenbriefe, die Geld oder Sachwerte versprechen, funktionieren nach dem Schneeballsystem. Den Teilnehmern wird eine Liste präsentiert, deren oberster Eintrag zuerst bedient werden muss. Danach streicht man diesen Namen, setzt sich selbst ans Ende der Liste und gibt alles weiter. Theoretisch rückt man so nach oben – praktisch profitieren jedoch nur jene, die von Anfang an weit oben stehen, da Hunderttausende Teilnehmer nötig sind, bis man selbst dort ankommt.
Eine etwas spezielle Freundin erinnerte sich, sie habe einmal einen Kettenbrief weitergegeben, bei dem Unterhosen verschickt werden mussten. In solchen Fällen kann man froh sein, wenn die Kette irgendwo reißt – denn wer möchte schon, dass ihm der Postbote hunderttausend Unterhosen in den Briefkasten stopft?