Fragment des Entlegenen| 2026 | No. 65/365

D A S . K O N Z E P T . D E R . S O Z I A L E N . E N E R G I E

Herr Eins lebt in A, Herr Zwei lebt in C, beide arbeiten in B.

Beide fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Treffen wir Eins und Zwei an ihrem Arbeitsplatz in B, dann unterscheiden sie sich in einem wesentlichen Punkt, den wir ihnen nicht ansehen:
Eins hat am Morgen eine Steigung bewältigt. Er hat also ein Energieguthaben. während Zwei eine Abfahrt gefahren ist und Somit eine Energieschuld hat. Am Abend profitiert Eins von seinem Energie-Guthaben und fährt ohne Kraftaufwand nach Hause, Zwei löst auf dem Heimweg seine Energiesehuld ein und fährt bergauf. Sollten sie sich eines Tages entscheiden, auf immer am Ort B zu bleiben, verlieren sich Guthaben und Schuld scheinbar, woran wir erkennen, dass Schuld und Guthaben zwar physikalisch begründet sind, jedoch nur durch die soziale Komponente wirksam wenden.
Energieschuld und Energieguthaben sind vererbbar. Wenn unsere Vorfahren z.B. in C leben, erben wir von ihnen das Guthaben, das uns per Fahrrad z.B. ohne eigenen Kraftaufwand von C nach A bringen kann. Wollen wir nach C zurück, müssen wir durch eigene Leistung das ererbte soziale Potential wieder auffüllen. Hieraus ergibt sich, dass Menschen um so mehr ererbte soziale Energie haben, je höher sie wohnen. Wenn eine Mutter ihr Kind auf der Spitze eines Berges zur Welt bringt, so gibt sie ihm ein hohes Energiepotential mit, das Resultat der Arbeitsleistung aller Vorfahren ist, die sich vom Ufer des Meeres bis zum Gipfel des Berges hochgearbeitet haben.

Aus dem Off – Das Abenteuer meiner Schwiegermutter

Auf dem Land hielt sich noch lange die Vorstellung, dass die Leute im übernächsten Dorf nichts zu essen hätten, also Not leiden müssten. Dem liegt vielleicht eine uralte Vorstellung zugrunde, dass über dem Ausland kein Segen liegt. Das Wort Elend stammt vom althochdeutschen „elilenti“ ab, was ursprünglich fremdes Land, Ausland meinte.

Meine Schwiegermutter lebte auf dem Dorf und besuchte uns in den 1970-er Jahren erstmals in Aachen. Nach allem, was sie sagte, bewahrte sie treulich die uralte Vorstellung, dass die Menschen im Ausland im Elend leben. Sie war nicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen, bis ich sie einmal in den falschen Zug gesetzt und versehentlich ins Ausland verschickt habe. Der D-Zug fuhr statt nach Köln nach Brüssel. Es war keine böse Absicht gewesen. Wir waren zu spät am Bahnhof angekommen, und ich war froh gewesen, dass der Zug noch dastand. Freilich entpuppte der sich nach dem Anrollen als der Zug in Gegenrichtung und riss zu meinem Entsetzen die gute Schwiegermutter nach Belgien davon.

Um sie vor einer langen, schrecklichen Fahrt ins tiefe Elend zu bewahren, rief ich von der Aachener Bahnhofsmission im wallonischen Bahnhof Welkenraedt an, dem ersten Bahnhof hinter der Grenze. Man verstand das Problem, denn in Welkenraedt wurde einst Deutsch gesprochen. In Welkenraedt wurde der Zug eigens für meine Schwiegermutter angehalten, und Beamte der königlich belgischen Eisenbahnen holten sie aus dem Waggon. Meine Schwiegermutter sollte sich noch Jahre tief beeindruckt zeigen: erstens von den prächtigen Uniformen belgischer Bahnbeamter, dann von der sprachlichen Eleganz und ausgesuchten Höflichkeit. Sie redeten meine Schwiegermutter nämlich an mit: „Madame in Schwarz“ (sie trug damals Trauerkleidung).

Madame in Schwarz wollte natürlich ein Andenken an ihre Irrfahrt. In der Bahnhofshalle von Welkenraedt hing ein verstaubter Schaukasten mit belgischen Biergläsern. „Madame“ gab nicht eher Ruhe, bis einer der Bahnbeamten den Schlüssel für den Schaukasten besorgte und ihr ein Bierglas übergab, wofür er sich selbstverständlich weigerte, Geld anzunehmen. Diese generöse Tat war allerdings mit langer Wartezeit auf den Vitrinenschlüssel verbunden gewesen. Es handelte sich bei der Vitrinenöffnung schließlich um einen Verwaltungsakt der staatlichen belgischen Eisenbahngesellschaft. Da müssen Formulare in allen drei belgischen Amtssprachen ausgefüllt werden, und es ist die Genehmigung von höherer Stelle erforderlich, dass der belgische König die Dokumente zur Übergabe eines verstaubten Bierglases aus dem Bahnhof Welkenraedt an eine deutsche Madame in Schwarz nicht siegeln muss.

Dank der beherzten Entscheidung des Bahnvorstands, den belgischen König außen vor zu lassen, konnten die Welkenraedter Bahnbeamten meine Schwiegermutter und ihr Andenken rechtzeitig und würdevoll zum Gegenzug nach Köln geleiten. Das war wiederum ein D-Zug, der eigentlich bis Aachen hätte durchrauschen müssen. Man hat ihn eigens für meine Schwiegermutter in Welkenraedt angehalten und sie stilvoll hineinkomplimentiert.

Das alles war für meine Schwiegermutter der Beweis, dass Ausland nicht gleich Elend sein muss. Es geht doch nichts über eigene Anschauung. Sie erst erweitert den Horizont.

Jünger der Schwarzen Kunst – Band 2 – Edelhandwerker

Mir war klar, dass nach diesem Eklat eine weitere Zusammenarbeit mit dem Junior kaum funktionieren konnte. Inzwischen hatte sich ergeben, dass im Betrieb meines Bruders eine Stelle frei geworden war, und so kündigte ich bei E. Thomas und wechselte in die Fahrscheindruckerei. In diesen letzten ruhigen Tagen im grafischen Gewerbe war es für einen Schriftsetzer leicht, eine Stelle zu finden. Mag sein, dass sich in den USA der Gewittersturm schon anballte, der uns mitsamt unserer Bleibuchstaben wegfegen würde. Aber in Deutschland ahnten wir nichts von den radikalen Umbrüchen, die die 1970-er Jahre bringen würden. In Ostdeutschland überlebte der Handsatz noch gut 20 Jahre länger.

Im Jahr 1967, schon als Schriftsetzergeselle, war ich in Düsseldorf auf der Fachmesse der Printmedien, der drupa (Druck und Papier), gewesen, wo als Sensation eine moderne Setzerei vorgestellt wurde, in der die Schriftsetzer im Sitzen arbeiteten. In diese Richtung schien die Entwicklung zu gehen, und wenn 1967 schon erste Fotosatzgeräte vorgestellt wurden, dann an einem kaum besuchten Stand irgendwo abseits der Besucherströme.

Inzwischen hatte ich einen ziemlichen Dünkel entwickelt, sah mich als eine Sorte Edelhandwerker, denn diese Haltung war unter Schriftsetzern üblich. Die Gesellen in meinem Neusser Lehrbetrieb hatten mir das vorgelebt. Hatte ich als schüchterner Jüngling vom Dorf begonnen, war ich nun das Gegenteil. Als junger Mensch neigt man zu Extremen, bevor sich eine gesunde Balance einstellt.

Der Schriftsetzerberuf galt historisch als „intellektuelles Handwerk“. Schriftsetzer kamen beruflich ständig mit Texten in Berührung, und nicht umsonst gab es das Abraham Lincoln zugeschriebene Zitat: „Die Druckerei ist das College des einfachen Mannes.“ Schriftsetzer waren politisch stark organisiert und eng mit Zeitungen, Aufklärung und Revolutionen verbunden. Tatsächlich sind viele spätere Politiker, Autoren, Revolutionäre und Gewerkschafter einmal Schriftsetzer gewesen, so Benjamin Franklin, Mark Twain, Joseph Pulitzer, Wilhelm Liebknecht, Kurt Tucholsky, Theodor Fontane, Björn Engholm u. v. a.

Während meiner Lehre hatte ich schon gemerkt, dass der Lack ab war. Zwar strebten viele Schriftsetzer nach Höherem, doch Anspruch und Wirklichkeit klafften mehr und mehr auseinander. Ich kannte nur einen Schriftsetzer, der sich hervortat: den Lintermann. Er war ein Lebemann aus unserem Dorf, arbeitete beim Kölner Stadt-Anzeiger und nebenher als Waffen- und Schussexperte beim WDR. Das war offenbar gut bezahlt, sodass Lintermann im Dorf den Neid beflügelte, indem er ständig mit den neuesten Porsche-Sportwagen umherfuhr. Doch die destruktive Energie, die er beim Schießen brauchte, richtete sich auch auf seine Autos. Eines nach dem anderen fuhr er zu Schrott.

Einmal hatte ich gerade ein Gipsbein, denn in der Fahrscheindruckerei war mir eine Rolle Rotationspapier auf den Fuß gefallen und hatte meine Zehenknochen zerbrochen. Ich war mit meinem Gehgips in der Kneipe „Bei Karl“, als Lintermann hereinkam und mich aufforderte, mit ihm nach Sinnersdorf zu fahren, wo man Schützenfest feierte und er ein paar Frauen kannte. Weil er mit seinem Porsche gerade wieder verunfallt war, fuhren wir mit einem VW Käfer. Unterwegs langte Lintermann zum Handschuhfach hinüber, nahm einen Colt heraus, hieß mich, die Scheibe herunter zu kurbeln und schoss vor meiner Nase mit scharfer Munition auf die Verkehrsschilder entlang der Landstraße nach Sinnersdorf. Er musste ja üben.

„Erst kürzlich sollte ich für einen Krimi einen großen Kristallspiegel zerschießen“, erzählte Lintermann, „und weil der Regisseur mit den Aufnahmen unzufrieden war, musste ich noch zwei weitere Spiegel zerschießen.“

Jahre später hörte ich, dass auch Lintermanns Hobby-Handwerk auf den Hund gekommen war. Da zeigte man im Fernsehen einen Bericht über Dreharbeiten eines Krimis. Vom Rand einer Kiesgrube wurde eine lebensgroße Puppe hinuntergeworfen, und aus dem Off ertönte der Regisseur: „Und jetzt schreien, Herr Lintermann!“

Mein Vorgänger in der Fahrscheindruckerei, die sich fälschlich Rotations- und Flachdruck GmbH nannte – denn man druckte ausschließlich im Hochdruckverfahren, was bedeutet, dass die druckenden Teile erhaben sind; Flachdruck wäre Lithografie/Steindruck und Offsetdruck –, war Herr Oster, ein liebenswerter Kölner im Rentenalter. Herr Oster arbeitete mich ein und kam auch noch eine Weile stundenweise, um sich ein Zubrot zu verdienen. Herr Oster liebte den Winter und hasste den Sommer.
„Ne, ne, Jules, dat is doch kei Wetter!“, sagte er, wenn er im Sommer schnaufend in die Setzerei kam.
„Da haben se Reäch, Herr Oster“, sagte ich, „man kütt janz in het schwetze.“
Der Sommer würde einmal sein Verderben sein, das wusste Herr Oster ganz sicher. „Sommer ist doch Scheiße“, fand er. Er ist dann auch im Sommer gestorben.

Aus dem Off – Jünger der Schwarzen Kunst , Band 2 – Unter dem Nordstern

Mein fünf Jahre älterer Bruder hatte nach seiner Zeit bei der Bundeswehr eine Stelle als Drucker in einer Kölner Fahrscheindruckerei gefunden. Ich wollte meinen Neusser Lehrbetrieb unbedingt verlassen und fand eine Stelle in der Kölner Berrenrather Straße bei der Buchdruckerei Ernst Thomas. Ich hatte bei der Stellensuche nur darauf geachtet, nah beim Betrieb meines Bruders zu arbeiten, denn er sollte mich morgens und abends in seinem Auto mitnehmen.

Die Druckerei E. Thomas war eine richtige Klitsche, ein typischer Handwerksbetrieb im Hinterhof. Er war untergebracht in einem langgestreckten Flachbau. Der Eingang war auf seiner Stirnseite. Man betrat das Büro, wo der Patron thronte, unterstützt von seiner Frau, die die Büroarbeiten erledigte. Der Boden im Raum dahinter war nachlässig gegossen, sodass man beim Durchqueren des Raums über Wellen aus erstarrtem Beton stolperte. Dort standen fest gegründet zwei Druckmaschinen, ein Heidelberger Tiegel und eine kleine Bauer-Schnellpresse. Sie wurden bedient vom Druckermeister Meisel. Meisel war auch Herr über eine Riege von Buchbinderinnen, die an einem langen Tisch mit dem Rücken zum Druckraum saßen. Wenn er nicht druckte, saß er als Hahn inmitten seines Hühnerhaufens und lumbeckte oder tat, was die Frauen auch taten, nämlich das Zusammenlegen irgendwelcher Drucksätze.

Von dort ging es eine Stufe hinab in die fast quadratische Setzerei. Anders als der Druckraum hatte sie ein großes Fenster. Links vom Eingang hatte der Sohn der Druckereibesitzer seinen Arbeitsplatz, ein großgewachsener, linkischer junger Mann, der mir immer unsicher begegnete. Mir schien, ich wäre ihm nicht ganz geheuer, und irgendwann sagte ich etwas, das seine Befürchtungen bestätigte. Seltsam genug kam er immer erst mitten am Vormittag zur Arbeit, hüpfte irgendwie beschwingt die eine Stufe in die Setzerei, ganz zufrieden mit der Welt wie einer, für den mal gesorgt ist. Angeblich lernte er vormittags für die Meisterprüfung.

Ich stand seit acht Uhr früh an der Stirnseite des Raums, mit dem Rücken zum Geschehen in der Druckerei E. Thomas. Da war noch ein Lehrling, ein lustiges, aufgewecktes Kerlchen, dem die verblendeten Eltern den Namen Adolf gegeben hatten. Trotz dieser Hypothek auf den Schultern sprang er fröhlich herum und rief gelegentlich ganz unmotiviert aus, was er irgendwo aufgeschnappt hatte, nämlich: „Eidiewei und justamenta!“, was wohl richtig „Alldieweil und justamente!“ hätte heißen sollen. Er hatte soviel Freude an seinem Ruf, dass ich es nicht übers Herz brachte, ihn zu korrigieren. Ich glaube, er nahm mich sowieso nicht für voll, weil ich nicht viel älter war als er.

Hauptkunde und ein ständiger Quell meines Verdrusses waren die Nordstern-Versicherungen. Wenn ich etwas für dieses Unternehmen gesetzt hatte, sorgfältig und genau nach Vorlage, Briefbögen oder Visitenkarten zumeist, kamen die Korrekturabzüge mit unzähligen Korrektur- und Änderungswünschen zurück. Ich habe nie nach dem Gebäude der Nordstern-Versicherungen gesucht. So kamen die Korrekturabzüge aus dem Nirgendwo zu mir in die Setzerei. Und in den unwägbaren Tiefen des Nirgends saß offenbar ein schrecklicher Pedant, in die Welt gekommen, um alle zu quälen. Ein Mensch, der ohne Opfer wie ein Klappergestell war, erst aufging und zu einem feisten Bürohengst erblühte, sobald er jemanden hatte, dessen Lebensenergie er an- und abzapfen konnte.

Klar suchte ich nie nach seiner Wirkungsstätte, denn ich versuchte, ihn und seine pedantischen Änderungen nach Kräften zu ignorieren, damit er nicht die völlige Macht über mich gewann. Nur so war zu erklären, dass ich irgendwann dem völlig überraschten Junior die bittersten Vorwürfe machte: Ich fühle mich von ihm allein gelassen mit meinem Nordstern-Peiniger. Er habe mir die Nordstern-Versicherungen aufgehalst und würde sich hinfort einen schlanken Fuß machen. Ich weiß nicht, welche Unverschämtheiten ich ihm vorwarf. Aber ich sprach, wie es nicht meine Art ist und wie es mir eigentlich gar nicht zukam.

Der Nordstern-Verdruss allein hätte nicht zu meinem Ausbruch geführt. Meister Meisel hatte mich aufgestachelt. Ständig lag er mir in den Ohren, der Junior sei ein Faulpelz, der sich am Vormittag einen schönen Lenz mache, statt wie behauptet für den Meisterkurs zu lernen. Ich weiß nicht, wovon Meisel besessen war, aber es musste dieselbe finstere Energie sein, die auch meinen Nordstern-Peiniger antrieb. Der ich doch immer meinen eigenen Kopf hatte, ließ ich mich von Meisel benutzen. Mich beseelte sogar Genugtuung, als ich es dem Junior gegeben hatte. Dabei ließ er sich demütig von mir beschimpfen in einem hilflosen, irritierten Einvernehmen, dass er mir, indem ich das aufschreibe, aufrichtig leid tut.