Aus dem Off – Vom Gestank zum Wohlgeruch
„Du hast ja vorgestern den Watzlawick antanzen lassen, Trithemius“, sagte Coster. „Dabei erinnerte ich mich an sein populäres Werk Die erfundene Wirklichkeit.“
„Ich hab’s in den frühen 1980ern gelesen und fand, dass Watzlawick etwas von einem Taschenspieler hat, wenn er die Ursache von Wirklichkeitskonstrukten allein ins Individuum verlegt.“
„Unstreitig ist, dass jede und jeder Einzelne seine Idee von Wirklichkeit konstruiert. Aber man darf nicht vergessen, dass es hierbei nicht um Willensentscheidungen geht – und erst recht nicht um freie Willensentscheidungen.
Schon beim Säugling entscheiden die Eltern, welchen Teil ihrer Wirklichkeit, auf den sie sich verständigt haben, welchen Aspekt ihrer Wirklichkeit sie ihm präsentieren. Steht ihm die Mutterbrust nicht zur Verfügung, stopfen ihm manche Eltern einen Latex-Schnuller in den Mund. Andere tun das nicht, lassen aber zu, dass er ersatzweise am Daumen lutscht; wieder andere streichen ein Vergällungsmittel auf die Daumen und geben als Trostobjekt ein Stofftier.“
„Hab’s verstanden, Coster. Es geht um steuernde Einflüsse von außen. Meine Mutter erzählte, sie habe mich mal mit zur Feldarbeit genommen, und ich hätte im Feld meinen Schnuller verloren, deshalb zu Hause bitterlich geweint. Um mich zu trösten, erfand sie die Geschichte, eine Mäusemama habe den Schnuller gefunden und ihn für ihr Mäusebaby mitgenommen. Das habe jetzt aufgehört zu weinen und wäre getröstet, wenn die Mama mal nicht da ist. Daraufhin hätte ich den Verlust des Schnullers verwunden und nie mehr nach ihm verlangt.“
„Das führt uns pfeilgerade zur Inszenierung von Wirklichkeit durch andere. Es geschieht auf ursprüngliche Weise wie in der Geschichte deiner Mutter, also direkt vom Mund zum Ohr. Jahrtausende gab es nur diese direkte Weise der Inszenierung. In unserer Zeit ist eine indirekte hinzugekommen, nämlich die mediale Inszenierung.“
„Dazwischen aber gibt es noch das Hörensagen.“
„Sobald jemand Hörensagen oder eigenes Erleben niederschreibt, beginnt Geschichtsschreibung. Aber schaffst du, Trithemius, den Gedankensprung von diesen medialen Anfängen in die Gegenwart – und genauer in die von dir selbst geschilderte Gegenwart?“
„Nee, nee, so was mache ich nicht. Das ist nichts mehr für meine alten Knochen.“
„Tuppes“, sagte Coster, boxte meinen Oberarm und fuhr fort: „Du hast kürzlich zwei Lebenshaltungen skizziert: eine vornehm zurückhaltende, gezeigt an einem Zitat von Charles Dickens, und ihr Gegenteil, empfohlen durch den Begründer der Public Relations, Georg-Volkmar Graf Zedtwitz von Arnim. Was der Graf Unternehmen empfiehlt – ‚Tue Gutes und rede darüber!‘ –, ist über die mediale Inszenierung durch die Übergabe von Riesenschecks in unseren Alltag eingedrungen.“
„Da es immer wieder fotografisch präsentiert wird, bekommt es den Charakter des Normalen. Die Fotos inszenieren eine Wirklichkeit, in der diese Form der Selbstbeweihräucherung normal ist“, ergänzte ich.
Coster sagte: „Ich bin sicher, fast jede und jeder findet Selbstbeweihräucherung peinlich, interpretiert das Posieren für ein Scheckübergabefoto aber nicht als Selbstbeweihräucherung.“
„Sie meinen, Coster, wir leben in einer Wirklichkeit, in der Selbstlob nicht mehr stinkt, sondern durch mediale Dauerinszenierung zum normalen Ruch mutiert ist?“
„Ja, und in dieser Normalität kann man auch einen Selbstlob-Stinker zum Präsidenten wählen.“
Fragment des Entlegenen | 2026 | No. 59/365
Fragment des Entlegenen | 2026 | No. 58/365
Aus dem Off: Schweigen
„Man kann nicht nicht kommunizieren, sagt Watzlawick“, widersprach ich.
„Du und deine watzlawicksche Küchenpsychologie“, sagte Jeremias Coster. „Ich bezweifele, dass der Satz stimmt. Gemeinhin wird er so interpretiert, dass selbst die Verweigerung der Kommunikation, also Schweigen, in einer Kommunikationssituation gedeutet wird. Also kommuniziert nicht die schweigende, sondern die andere Person, die dem Schweigen Bedeutung zumisst und dem schweigenden Gegenüber eine Mitteilungsabsicht unterstellt. Sie kommuniziert mit sich. Nur lässt sich das nicht auf ein griffiges Axiom bringen, das sich jedem Spatzenhirn einprägt.“
„Dann will ich meins mal anstrengen: Man kann nicht schweigen, ohne dass andere das deuten.“
„Ja, so wäre es korrekt. Es trifft aber nur zu bei Leuten, für die Schweigen keine Grundhaltung ist. Meine Physiotherapeutin beispielsweise sagt von ihrem Bruder, dass er außer „Moin“ und „Jo!“ nicht viel sagt.“
„Ist aber trotzdem deutbar.“
„Als was?“
„Moin – als Zeichen, dass man den anderen wahrgenommen hat und sich der Gattung Mensch zugehörig fühlt.“
„Und Jo?“
„ein schlüssiger Kommentar zum allgemeinen Weltgeschehen und im Besonderen zum alltäglichen Dasein.“
„Im Sinne von: Es ist wie es ist?“
„Jo.“







