Titanic
Die Ghiblisierung der Kunst
Ein 19 Meter hohes Wandbild verschwand, als vor gut 15 Jahren in der Velberstraße des hannoverschen Stadtteils Linden eine Baulücke geschlossen wurde, ein Graffito, das die Künstlergruppe „strebtvorwaerts“ im Juni 2011 auf die gesamte Brandmauer des Hauses, Velberstraße 6, gemalt hatte. Auf einer Wandfläche von 220 Quadratmetern war ein von Kurt Schwitters inspiriertes Wandbild entstanden. Sein Entwurf orientierte sich an Formenraster und Farbschema des Schwitters-Gemäldes „Undbild“ aus dem Jahr 1919. Sich im Malprozess auf ein vorgegebenes Farbschema zu reduzieren, ist in diesem Fall eine Verneigung der Maler vor der künstlerischen Leistung ihres Vorgängers.
Wer zugreifen kann auf die gesamte Farbpalette, die unser Sonnenlicht hergibt, muss sich beschränken, doch beschränken heutige Maler ihre Farbwahl allein aus wirtschaftlichen und künstlerischen Gründen. In der Antike kam die Farbe Purpur nur den Königen zu, im Christentum war Purpur zudem den Kardinälen vorbehalten. Noch im Mittelalter durften Künstler teure und symbolträchtige Farben wie Purpur (Violett), kräftiges Rot (Scharlach), Indigo-Blau und Goldgelb nur für den Adel, die Kirche und hohe Stände verwenden. In der heutigen Zeit finden sich nur Reste exklusiver Farbverwendung, beispielsweise in der Handschrift. Der einfache Schreiber nutzt Schwarz oder Blau, der Sachbearbeiter schreibt Rot, der Vorgesetzte Grün.
Darüber hinaus ist Farbverwendung in unserem Kulturkreis völlig demokratisiert. Jeder hat Zugriff auf jede ihm erschwingliche Farbe. Malen bedeutet Farbe zu formen. Am Beispiel des Schwitters-Graffito zeigt sich eine Beschränkung. Die Malergruppe „strebtvorwaerts“ hätte nicht einfach das Undbild auf die Wand kopieren dürfen. Das Urheberrecht schließt die Kopie aus wie auch die willkürliche Veränderung des Werks. Der Literaturwissenschaftler Heinrich Bosse hat dafür den Begriff „Werkherrschaft“ geprägt. Ein Verstoß gegen die Werkherrschaft wäre auch die Vergrößerung des im Original 35 mal 28 Zentimeter großen Undbildes auf 220 Quadratmeter. Letztlich sind davon auch die mit Kunstwerken bedruckten Tassen, T-Shirts und derlei Firlefanz betroffen, den man in Museumsshops kaufen kann. Es ist immer die Erlaubnis des Werkschöpfers oder der nachfolgenden Rechteinhaber erforderlich, zumindest bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers ein Werk gemeinfrei wird. Farbschema und Formenraster eines Bildes sind losgelöst vom Original schwer zu identifizieren, also tendenziell gemeinfrei, aber ist es auch ein Stil?
Am Stil eines Meisters zu lernen, war lange Zeit Teil der künstlerischen Ausbildung. Immer hat sich der Lehrling am Werk des Meisters geschult. So habe ich es auch als Zeichner getan. Die Titanic-Redaktion hat Ende der 1970-er Jahre ein Cartoon von mir abgelehnt, weil es stilistisch zu nah an den Cartoons von FK Waechter war. Gut 15 Jahre später druckte man ein Cartoon von mir (siehe unten). Ich hatte mich wohl vom Vorbild gelöst und einen eigenen Stil entwickelt. Zuvor hatte ich den Zeichenstil FK Waechters analysiert und adaptiert, auch seinen leicht surrealen Humor. In meinem späteren Stil ist die Vorlage noch präsent, doch er enthält eigene Anteile.
Hinsichtlich Nachahmung ist durch AI ein neues Problem entstanden, die Ghiblisierung des Stils. Studio Ghibli heißt ein japanisches Zeichentrickfilmstudio des japanischen Animezeichners Hayao Miyazaki, das für seinen lieblichen, harmonisierenden Zeichenstil bekannt geworden ist. Im deutschen Sprachraum kennt man den Stil von der Zeichentrickserie „Heidi“. Diesen Zeichenstil hat jetzt auch chatgpt gelernt und stellt ihn zur allgemeinen Verfügung. Wer will, kann ein eigenes Werk hochladen und es in den Ghibli-Stil umwandeln. Wer aber über gar kein eigenes Werk verfügt, weil er nicht zeichnen kann, kann chatgpt anweisen, ein Bild nach Sprachbefehl zu erstellen. Das unten gezeigte Ergebnis zeigt die Adaption einer eigenen Zeichnung:
- Originalzeichnung JvdL
- Ghibli-Stil von Chatgpt
Ist diese „Vergemeinschaftung des Stils“ ein Angriff auf das ästhetische Eigentum, wie der Literaturwissenschaftler Johannes Franzen im Merkur meint? Kann man Rechte an Linienführung und Farbstimmung, mithin am Zeichenstil besitzen? Die Ghiblisierung durch Chatgpt ist sicher die konsequente Fortführung der Demokratisierung formaler Mittel, die damit begann, dass Farben allgemein verfügbar wurden. Wo ist das Problem?
Chatgpt nutzt die Stilmittel aus dem Studio Ghibli perfekt, weil es an dessen Werken trainiert wurde. Es gießt über jede Darstellung die freundlich-süßliche Ghibli-Soße, auch über Inhalte, die nicht im Sinne ihres Schöpfers sind. Im Unterschied zu stilistischen Vorbildern im menschlichen Schaffensprozess entwickelt Chatgpt keinen eigenen Stil. Es wird bis ans Ende der Internettage weiter machen wie erlernt. Während menschliche Schöpfung ein nach oben offenes Rückkopplungsmodell ist, sich demgemäß entwickelt, kopiert sich chatgpt beständig selbst. Die „Vergemeinschaftung des Stils“ durch chatgpt bringt schöpferischen Stillstand. Wer sich damit zufrieden gibt, hat der Kunst nichts Wesentliches beizutragen.
Die religiösen Anspielungen in den Sprechblasentexten hat Chatgpt zensiert. Es ist ausgesprochen regide. (zum Blättern bitte klicken.)
- Original JvdL
- umwandlung in Ghibli Chatgpt
Im Kinderladen der Neuen Frankfurter Schule
Einige Jahre schon schrieb ich für das Satiremagazin Titanic, doch ich saß in Aachen, die Redaktion in Frankfurt, wodurch sich unser Kontakt auf Post und Telefon beschränkte. Gelegenheit zu einem Treffen ergab sich bei den Titanic-Buchmessenfesten. Im Oktober 1995 stand ich beim ehemaligen Chefredakteur Hans Zippert, als der zeichnende Dichter Robert Gernhardt auf dem Fest eintraf. Wir unterhielten uns eine Weile, doch dann zog ich mir Gernhardts Unwillen zu, weil ich an alte Pardon-Zeiten erinnerte, als er als Lützel Jeman den Cartoon „Schnuffi“ zeichnete. Da sagte Gernhardt: „Der Mann hat ein eisernes Gedächtnis!“, was klang wie ein Gedächtnis, das nicht vergessen will, was er selbst gern vergessen wollte.
Gernhardts Schnuffi-Cartoons erschienen in den 1960-er Jahren in der Rubrik „Welt im Spiegel“ (WimS), Untertitel Pro bono – contra malum“, auf einer Doppelseite mit Witzen, Cartoons und Nonsenstexten in der Pardon. Autoren waren Lützel Jeman (Robert Gernhardt), F. (Fritz) K. (Karl) Waechter und F. W. Bernstein (eigentlich Fritz Weigle). Zu Weihnachten bekam ich einen bei 2001 erschienenen Sammelband geschenkt, Reprints aller WimS-Ausgaben 1964-1976, ein „sehr breites, sehr hohes und sehr dickes Buch“ und, das wäre dem Text der „Handreichung“ hinzuzufügen, ein Buch, an dem ich mir einen Bruch heben könnte, also trotz der Leichtigkeit seines Inhalts ein sehr, sehr schweres Buch.
Mit „Welt im Spiegel“ wurde ich humoristisch sozialisiert. Es war die Doppelseite, die ich in der Pardon immer zuerst gelesen habe, und ich erinnere mich noch gut an eine bestimmte WimS-Ausgabe und an den Kölner Kollegen Heinz Kromscheidt. Er druckte an der großen Rotationsmaschine, stand mit seinen schulterlangen Haaren vor dem lärmenden Ungetüm wie ein Raubtierbändiger. Wir hatten uns angefreundet. Wenn seine Maschine still stand, kam er gelegentlich für einen kleinen Plausch in die Setzerei. Er hatte einen Sprachfehler, stotterte erbärmlich. Einmal glaubte er, in der Zeitschrift Pardon das Wort „Karwenmänner“ gelesen zu haben, kam in die Setzerei, mit dem Finger auf der aufgeschlagenen Doppelseite der WimS, um sich mit mir über die „Ka-ka-ka-kar-wenmänner“ zu amüsieren. Da stand aber nicht das seltsame „Karwenmänner“, sondern „Kaventsmänner“, was übertragen viel Großes und Dickes meinte. Eigentlich ist Kaventsmann der seemännische Ausdruck für eine Riesenwelle, so hoch und schwer, dass sie ein Schiff überrollen und zum Kentern bringen kann. Freilich war Kromscheidts Verlesung „Karwenmänner“ geeignet, uns in komplett imaginäre Sphären zu entführen, wo die Wogen der Fantasie ebenfalls hoch gehen, an Land schwappen und einen sich sicher wähnenden Beobachter mitreißen können.

Wir waren nämlich vom blödelnden Geist der WimS-texte und -cartoons infiziert. Was uns ein Jahrzehnt später im neuen Titanic-Humor begegnete, was, weil es einzigartig war und das Wort von der Neuen Frankfurter Schule rechtfertigte, das war in der WimS schon angelegt, steckte aber noch in den Kinderschuhen. Nie zuvor wurde den Dingen des Lebens so radikal der Sinn abgesprochen, wurden sie derart respektlos bis auf den blanken Buckel, Schmerbauch und Hängearsch entkleidet.
Mehrere olympische Schwimmbecken
Huhu, Wissenschaftsautor Christian Weber (SZ)!
In Ostgrönland ist ein Berg in einen Fjord gestürzt, meldeten Sie kürzlich in der Süddeutschen Zeitung (SZ). Der habe einen 200 Meter hohen Monstertsunami ausgelöst, dessen seismische Erschütterungen weltweit gemessen wurden. Im Artikel zitieren Sie einen Geologen: „Das Volumen des herabstürzenden Materials war enorm, mehr als 25 Millionen Kubikmeter“ und übersetzen: „Genug um 10 000 olympische Schwimmbecken zu füllen.“ Aha! 10.000 olympische Schwimmbecken – jetzt kann ich mir den Riesenberg richtig vorstellen. 1a veranschaulicht! Lernt man so tolle Vergleiche auf der Journalistenschule?
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Aaaber – Es geht ja nicht um Wasser, sondern um das Volumen eines Berges. Da will man doch die guten olympischen Schwimmbecken nicht mit Dreck zuschütten und die Medaillenhoffnungen der Schwimmer gleich mit. 25 Millionen Kubikmeter Bergschutt – Bitte, Christian Weber, veranschaulichen Sie korrekt! Wie viele Cornflakesschachteln wären damit zu füllen? Könnte man sie bis zum Mond stapeln? Und was ist mit dem Saarland?, fragt mit freundlichen Grüßen,
Ihre Bezugsgröße

Die Art der Bosheit II – Unter Gegenfüßlern
Das Wilhelm-Busch-Museum für Karikatur und Zeichenkunst im hannöverschen Georgengarten zeigt derzeit Cartoons des Zeichner-Duos Greser und Lenz. Seit Ende der 1980-er Jahre veröffentlichen sie regelmäßig im Titanic-Magazin. Nachdem Titanic im Heft 1/1996 ein Cartoon von mir veröffentlicht hatte, wuchs in mir wieder die Lust am Zeichnen. Beim Titanic-Buchmessenfest, sagte ich dem damaligen Chefredakteur Hans Zippert: „Ich würde gerne mehr für Titanic zeichnen.“ Zippert sagte: „Dann musst du zuerst Greser und Lenz beseitigen.“
„Ich weiß ja nicht mal, wie die aussehen.“
„Die zeige ich dir. Ich male ihnen ein Kreuz auf den Rücken.“
Obwohl mir Zippert so freundlich helfen wollte, blieben die Platzhirsche verschont, weil erstens Heribert Lenz ein sympathischer Zeitgenosse war und zweitens Achim Greser nie auf Buchmessenfesten auftauchte und sich damit trickreich seiner Beseitigung entzog. Also sah ich nur geringe Chancen, weitere Cartoons in der Titanic zu platzieren. Ich gab das Zeichnen auf und schrieb bis etwa 2006 nur noch für das Format „Briefe an die Leser.“ Dann verlor ich auch daran die Lust, weil es mir zu anstrengend wurde, mich intensiv mit Äußerungen dubioser Personen des öffentlichen Lebens zu beschäftigen. Wenn es etwas aus dem Fernsehen betraf, musste ich mir den Beitrag noch in der Mediathek aufrufen und den Quark genauestens dokumentieren, was wirklich sehr sehr unerquicklich war. Hier also mein Cartoon in der Titanic:
Zeichenfeder/Aquarellpinsel, Tusche laviert, veröffentlicht in Titanic 1/1996
Plausch mit Frau Nettesheim – Schmunzeln über die Kinzig-Murg-Rinne
Trithemius
Gestern habe ich durch Selbstbeobachtung ein neues Phänomen entdeckt, Frau Nettesheim.
Frau Nettesheim
Und das wäre?
Trithemius
In der Titanic-Rubrik „Briefe an die Leser“ las ich online folgenden Brief, über den ich sehr lachen musste:
Frau Nettesheim
Sie mussten lachen. Ist das Ihr neuentdecktes Phänomen?
Trithemius
Quatsch! Nachdem ich so lachen musste, las ich in Klaus Grafs Archivalia-Blog: „Ortenau-Website hat neue Heimat“, klickte den Link zur Ortenau-Website an und las: „Die Breite der Rheinebene in der Ortenau beträgt 10 bis 12 km. In die Niederterrasse hat der Rhein seinen Lauf gegraben. Entlang des Rheins verlief einstmals ein weiterer Fluß, in den Schutter, Kinzig, Rench, Acher, Bühlot (auch Sandbach genannt), Oos, Murg, Alb u.a. flossen und der nach seinen 2 größten Zuflüssen Kinzig-Murg-Rinne genannt wird und bei Hockenheim in den Rhein mündete. Einzelne Abschnitte dieses Flusses bestanden noch in historischer Zeit und wurden von den alamannischen Siedlern ausgespart. (…)“ Da hab ich zwar nicht schallend gelacht, aber musste schmunzeln, weil mir alles wie ein Witz vorkam.
Frau Nettesheim
Das würde den Ortenauern wohl kaum gefallen.
Trithemius
Aber denken sie, Frau Nettesheim, weil die Komik des Briefs der Eintrittspunkt meines Denkens war, las ich das Folgende auch als Witz. Es war quasi „Übersprung-Interpretation.“
Frau Nettesheim
Hat nicht der maltesische Kreativitätsforscher Edward de Bono schon etwas Ähnliches beschrieben? Ihr Übersprungseffekt ist die Beeinflussung eines Urteils durch vorherige Erfahrungen.
Trithemius
Hat er Ihr de Bono auch gesagt, dass es abhängt vom langsamen Fließen der Säfte? Nein. Das habe ich nämlich in einem anderen Zusammenhang entdeckt: Wenn ich glaubte, etwas verloren zu haben und zu Hause meinen Irrtum bemerkte, weil friedlich auf dem Tisch lag, was ich verloren glaubte, bei diesen Gelegenheiten habe ich beobachtet, dass sich zwar Erleichterung einstellt, aber das Verlustgefühl nicht sofort weicht. Offenbar werden bei einem vermeintlichen Verlust Botenstoffe ausgeschüttet, die sich erst langsam abbauen. Es ist plausibel, dass Botenstoffe sich über den Blutkreislauf langsamer bewegen als der Gedankenfunke von Synapse zu Synapse springt. Demgemäß sind unsere tiefen Gefühle langsamer als unsere Gedanken. Das gilt natürlich auch für die Anlässe der Heiterkeit. Die Botenstoffe der Heiterkeit werden nur langsam abgebaut und bewirken die Übersprung-Interpretation. Da sind sie platt, was, Frau Nettesheim?
Frau Nettesheim
Nicht ganz. Demnach hätten Sie das linguistische Psychodoping beschrieben.
Trithemius
Aber Vorsicht! Ist wie jedes Doping illegal.
Wundersames Titanic-Magazin [#Humorkritik]
Es gibt ja so Ideen, bei denen jeder spontan rufen mag:
„Ja, das ist es!“, die sich aber bei näherer Betrachtung als Ideen erweisen, die man besser für sich behält. Mindestens die Hälfte aller Werbespots beruhen auf solche Ideen.
In der Reha besuchte mich ein Freund aus Studientagen und brachte mir ein aktuelles Titanic-Magazin mit, dachte wohl, ich könnte eine professionelle Aufmunterung vertragen. Zuerst fiel mir auf, dass das Magazin auf dickerem Papier als früher gedruckt ist, so dass ich immer wieder dachte, ich hätte zwei Seiten zwischen den Fingern, und wenn es mir gelänge, die auseinander zu fummeln, spränge mich der bislang verborgene Witz an, würde mich quasi aus den Socken hauen.
Dass ich meine Socken anbehalten konnte, spricht schon mal für das dickere Papier. Ich will nichts Falsches behaupten, aber alles, was ich las, kam mir vor wie von einem KI-Programm geschrieben, das die Witze der Welt zusammengeklaubt hat und daraus künstlichen Humor generiert. Vielleicht war das Heft ein Test. Vielleicht wollten pfiffige Verlagskaufleute herausfinden, ob die treuen Titanicleser den Fake merken. Wenn keiner aufmuckt, ließe sich viel Geld sparen. Und wenn sich mal einer beschwert: „Ich musste nicht schmunzeln“, sagen die schlau: „Sie haben einfach zu viele Seiten überschlagen.“ Ehrlich gesagt, ist das eine von den Scheißideen, von denen eingangs die Rede war.
Fernsehen tut manchmal sehr sehr weh
Zufällig im Vorbeizappen bei „3nach9“ den Juso-Vorsitzenden Kevin Künert gesehen. Er schwärmte von den kulinarischen Genüssen im Hauptbahnhof von Hannover. In einem Laden im Untergeschoss gebe es „sehr sehr gute Brötchen mit Wurst drauf“. Und es sei bei ihm und seinem Freundeskreis „ein running gag, wir schicken uns immer Fotos, wenn wir bei diesem Laden sind und eh, es ist sehr lecker.“
Der Journalist Giovanni di Lorenzo fragte investigativ nach:
„Und ist das Mett oder Tartar?“
„Ich bin eher die Fraktion Mett (…).“
„Ist das der Realo- oder der Fundiflügel?“
„Das ist der Fundi-Flügel“ (…)
„Und mit Zwiebel oder ohne?“
„Selbstverständlich ohne Zwiebeln (…)“
Der Tagesschau-Nickautomat Judith Rakers grätschte dazwischen: „Stimmt das, Giovanni?“
Ich dachte, ihr seid ja noch viel größere Deppen als ich geglaubt hätte. Und was soll ich sagen, diesen Wortwechsel aus dem Untergeschoss der öffentlich-rechtlichen Fernsehunterhaltung musste ich mir heute mehrmals in der Mediathek anschauen, um ihn korrekt wiedergeben zu können. Wegen solcher Qualen habe ich im Jahr 2006 aufgehört, für die Titanic „Briefe an die Leser“ zu schreiben. Wir lernen: der Fundiflügel, den es eigentlich nur bei den Grünen gibt, aber das kann man als ZEIT-Herausgeber schon mal verwechseln, also der Kreis um den Jusovorsitzenden Kevin Künert mampft im hannoverschen Hauptbahnhof Mettwurstbrötchen und schickt sich von diesem weltbewegenden Ereignis gegenseitig Fotos aufs Smartphone.
Liegt das an schwammartiger Rückbildung von Gehirnsubstanz durch BSE?
Kinder in Afrika buddeln in 50 Meter tiefen Minen mit bloßen Händen nach Kobalt und anderen seltenen Erden für die Smartphone-Herstellung, damit Kevin Künert Bilder von seinem Wurstbrot in die Welt schicken kann. Die desgleichen barbarischen Bedingungen der tierquälerischen Billigfleischerzeugung für Wurstbuden in Bahnhofs-Untergeschossen wecken im ZEIT-Herausgeber di Lorenzo die brennende Neugier, ob Zwiebeln drauf kommen.
- „Sollen wir Ihnen den Weltekel einpacken oder geht der so mit?“
„Haben Sie Geschenkpapier?“
„Welches hätten Sie denn gern, das Schwarze oder das Rote mit Herzchen?“
„Keine Ahnung. Ach, lassen Sie nur, ich nehm‘ ihn für unterwegs.“
Kuriose Rituale (3) – Riesenscheck übergeben
Eines der albernsten Rituale in den Medien ist die Übergabe von Riesenschecks. Ich hatte mich schon in der Ausgabe 08/1993 des Magazins Titanic darüber lustig gemacht, die Fotos dazu aus diversen Zeitungen ausgeschnitten. Eine ulkige Hintergrundgeschichte: Als Lehrer hatte ich gute Beziehungen zur Aachener Presse. Während einer Projektwoche im Jahr 1994 hatte ich einen Redakteur der Aachener Zeitung in die Schule eingeladen. Im Kunstraum bewahrte ich in einer Schublade die DIN-A2 große Montage der Riesenschecks. Die fand ich, als ich für den Redakteur etwas aus der Schublade nehmen wollte. Ich zeigte sie ihm. Er fiel aus allen Wolken und rief: „Also, Sie waren das!“ (Der Beitrag war unter Pseudonym erschienen.)
Er berichtete, dass man sich in den beiden Redaktionen der Aachener Zeitungen gegenseitig verdächtigt hatte, die Satire gemacht zu haben, und man war darüber in Streit geraten. Man war sich aber schon vorher nicht grün. Ursprünglich hatte ich Fotos aus verschiedenen Zeitungen an die Titanic geschickt, hatte aber den Akteuren schwarze Augenbalken geklebt. Ein Titanicredakteur rief an und fragte, ob ich noch mehr Fotos hätte, denn man bekomme die Augenbalken nicht runter. Das Ersatzmaterial, stammte aber fast ausschließlich aus den beiden Aachener Zeitungen, mit dem Effekt, dass man sich gezielt vorgeführt fühlte und die Konkurrenz dahinter vermutete. Mit derlei unwägbaren Nebeneffekten muss der Satiriker leben, wusste schon Michail Soschtschenko:
- ”Der Beruf des Satirikers ist (…) geeignet, die Zeitgenossen regelrecht zu vergrätzen. Manche denken sich: Was soll das? Darf der denn das? Muss das eigentlich sein?”
Ja, muss. Das krachend Blöde, das eitel Selbstgefällige, in diesem Fall die medial provozierte Schamlosigkeit des „Tue Gutes und sprich darüber!“, derlei mediale Inszenierungen müssen als das entlarvt werden. Die Aachener Presse war voller Fotos mit der Überreichung von Riesenschecks. Besonders oft sah man bei diesem Ritual den damaligen Oberbürgermeister Jürgen Linden. Dem ist die folgende Bildgeschichte gewidmet. Sie beginnt mit einem weiteren Ritual, dem gemeinsamen Drücken eines Startknopfes:
Von beleckten Buntstiften und zermanschten Kartoffeln
Kürzlich hat sich der Journalist und Titanic-Kollege Bernd Fritz das Leben genommen. Er wurde 71 Jahre alt und hat in seinem Leben Beachtliches geleistet. Den medialen Nachrufen war zu entnehmen, worin seine wichtigste Lebensleistung bestand. Er hat im Fernsehen an Buntstiften gelutscht und deren Farbe angeblich am Geschmack erkannt. Damit habe er sich ins „kognitive Gedächtnis der Deutschen gemogelt“, hat ein Fernsehmoderator namens Thomas Gottschalk der Bildzeitung gesagt. Ich kann bei Bild aus Gründen nicht nachschauen, habe deshalb aus der Stuttgarter Zeitung zitiert. Vielleicht stammt der Fehler von dort, denn sinnvoll ist in dem Zusammenhang doch nur das „kollektive Gedächtnis.“ Die Kollegen der anderen Blätter zitieren übereinstimmend denselben Quatsch. Vielleicht verstehen aber Gottschalck und die komplette Journaille nicht den Unterschied zwischen kognitiv und kollektiv. Zum Mitschreiben: „Kognitiv“ bedeutet grob „die Erkenntnis betreffend.“ Ein dressierter Affe kann erkennen, ob einer an Buntstiften lutscht. Eine derart schwache Verstandesleistung kann nicht gemeint sein. „Kollektiv“ bedeutet „gemeinschaftlich.“ Wie es das „kognitive Gedächtnis der Deutschen“ nicht geben kann, höchstens „eines Deutschen“, ist das „kollektive Gedächtnis der Deutschen“ zwar sinnvoll, aber ein Konstrukt, eine Metapher. Es gibt keine Entsprechung in der Dingwelt. Gemeint ist, woran sich eine Gemeinschaft erinnert. Diese Gemeinschaft scheint leider nur so verständig zu sein, wie ihre dümmsten Mitglieder, denn das „kollektive Gedächtnis“ speichert nur kindliche Sachen wie Buntstiftlutschen.
Anderes Beispiel: Wenn sich noch jemand an den Schauspieler Raimund Harmstorf erinnert, dann vermutlich, weil er in dem TV-Mehrteiler „Der Seewolf“ vom Dezember 1971 mit der bloßen Hand eine Kartoffel zerdrückt hat. Schon hatte das kollektive Gedächtnis Harmstorf auf die Rolle des Kraftmeiers festgelegt, obwohl später bekannt wurde, dass die Kartoffel gekocht gewesen war. Auch Harmstorf ist freiwillig aus dem Leben geschieden. Das Drehbuch dieser Tragödie haben die Bildzeitung und RTL geschrieben.
Am 2. Mai 1998 hatte die Bildzeitung in großen Lettern getitelt: „Seewolf Raimund Harmstorf in der Psychiatrie“ und weiter: „Mit aufgeschnittenem Handgelenk von der Polizei aufgegriffen.“ Die Falschmeldung war am Abend vom RTL-Magazin „Explosiv“ aufgegriffen und einem Millionenpublikum ins kollektive Gedächtnis gedrückt worden, ein schweres Stigma für einen Seewolf. „Das ist mein Todesurteil“, soll Harmstorf zu seiner Lebensgefährtin gesagt haben. Stunden später, am 3. Mai 1998, erhängte er sich. Die Einzelheiten hier.
Derzeit vernebelt man das kollektive Gedächtnis mit Warnungen vor Fake News im Internet. Es wäre zu wünschen, die Deutschen würden mal nachhaltig speichern, welches Drecksblatt die Bildzeitung ist, und sie nicht mehr kaufen, noch anfassen. Populäre TV-Moderatoren sollten sich schämen, sich von der Bildzeitung, der charakterlosen Mutter aller Fake News, zitieren zu lassen und Bundesinnenminister Lothar de Maizière sollte nicht ausgerechnet dort seine fragwürdigen Grundsätze unserer Leitkultur veröffentlichen. Nach dem gestalttheoretischen Prinzip: „Paarung wirkt auf die Partner“ lautet die Botschaft: Die Deutschen sind rundum unerfreuliche Menschen, nämlich kollektiv gewissenlos, sensationsgeil, blutrünstig, menschenverachtend, schlicht doof. Von solchen kulturellen Ideen möchte man sich schon aus kognitiven Gründen lieber nicht leiten lassen.








