Schluss mit Firlefanz?

50 Jahre lang zum 1. Mai sind Radsportler über den Lindener Berg gebrettert, haben sich den kurzen giftigen Anstieg zum Ziel an der Lindener Sternwarte hochgequält. 40 Runden à zwei Kilometer waren zu fahren. Doch für 2026 hat der organisierende Radsportklub Concordia das Traditionsrennen abgesagt. Die Verwaltung der Stadt Hannover hatte die erforderliche Genehmigung erteilt, die Stadt wollte jedoch kein Geld für die notwendigen Absperrungen zuschießen. In Leserbriefen wird schnell der Schuldige benannt, der türkischstämmige grüne Oberbürgermeister Belit Onay. Er habe überall Geld versenkt, aber fürs Radrennen sei kein Geld da. Eine Elisabeth W. stellt gleich den ihr passenden Zusammenhang her: „es wird eine 3. Moschee in Hannover gebaut.“ Vermutlich lässt Onay das zu versenkende Geld in den Grundstein der neuen Moschee einmauern, der Schelm. So sind die Zeiten. Ein Andreas meint: „Fuer jeden Firlefanz ist in Hannover Geld da, nur hier leistet die Stadt noch nicht einmal Unterstützung. Zum Glück sind im September Kommunalwahlen.“ Dann ist aber Schluss mit dem ganzen Firlefanz. Einem wie mir wird der fehlen.

Ob ich den AfD-Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt in Hannover kenne, fragt der Mann, der meinem Gespräch mit einer jungen Türkin entnommen hat, dass ich nach Hannover zurückreise. Ich verneine, verweise auf Herrn Onay. Er ignoriert das, nennt einen mir unbekannten Namen und ergänzt: „Ein Bäckermeister. Der kommt aus unserem Dorf!“ Ach so. Ein Bäckermeister vom Dorf. Wird sich bestens auskennen mit den Problemen einer Großstadt. Der Mann, der mich angesprochen hat, ist ebenfalls einer „aus der Mitte der Gesellschaft.“ Als mein Taxi vorfährt, trägt er ungefragt meinen schweren Koffer nach draußen. Ein manierlicher Mann und Fan der AfD. Die werden sich alle wundern. Auch über den deutschnationalen Firlefanz.

Fluxus auf Stube 7

Ich weiß nicht, woher ich kulturelle Strömungen mitbekam. Auf dem Dorf ist man ja vom Hauptstrom abgeschnitten. Man dümpelt wie ein welkes Blatt in einer kleinen Bucht und wird von der Strömung nicht mitgenommen. Sie reicht nur, das Blatt kreisen zu lassen, bis es einen gnädigen Stoß bekommt und in den Strom zurückfindet. Als ich mit etwa 21 Jahren dann doch zur Bundeswehr musste, nachdem ich wegen eines Fußbruchs zurückgestellt worden war, hatte mich die neodadaistische Fluxus-Bewegung bereits infiziert. Joseph Beuys hatte mit einer simplen Zuckerrübe am Portal der Kölner Kunsthalle angeklopft und Einlass verlangt, um die hehre Kunst vom Altar zu stoßen.

In diesem Geist hatte ich mit Freunden auf dem Bacharacher Bahnhofsvorplatz ein simultanes Stück aus Maschinengeräuschen aufgeführt. Zwar hatte man mich in die Bundeswehr gezwungen, doch meinen subversiven Geist sollte man nicht bezwingen. Das Panoptikum skurriler Menschen bei der Bundeswehr war mir Anregung genug. Mein Stubenkamerad Schäfer, ein rachitisches Jüngelchen mit hängender Unterlippe, verstand sich auf ein Kunststück, das zirkusreif war, zumindest für einen Flohzirkus. Daraus ließe sich eine wunderbare Fluxusaktion machen, dachte ich.

Wir setzten Schäfer auf einen Stuhl auf einem Tisch und hängten ihn mit einer Decke ab. Links von ihm baute sich Poldi in Bundeswehrstiefeln und enger Badehose auf. Über seinen Wanst spannte sich ein olivfarbenes Unterhemd, auf dem Kopf trug er einen Helm. Das G3-Gewehr über seiner Schulter komplettierte den Aufzug, doch im Gewehrlauf steckte eine rote künstliche Tulpe. Auf der anderen Seite stand im gleichen Aufzug Poldis Pendant. Ich habe seinen Namen leider vergessen. Er war ein schweigsamer junger Mann aus Ostfriesland, der einfach mitmachte, obwohl er nicht verstand, was ich ihm abverlangte.

Als alles vorbereitet war, ging ich auf den Gang und fing ein paar Rekruten ab. Drinnen gäbe es eine kostenlose Vorstellung, erklärte ich, allerdings würden immer nur drei gleichzeitig eingelassen. Im Nu bildete sich eine Schlange auf dem Flur der Baracke, bald bis zur Tür hinaus.

Waren drei Zuschauer eingetreten, schlugen Poldi und sein Mitstreiter die Decke zurück. Schäfer streckte eine lange, spitze Zunge heraus, zog an seinem linken Ohr – die Zunge schnellte in den linken Mundwinkel –, zog am rechten Ohr – die Zunge folgte. Er zog an der Haut über seinem Adamsapfel, und die Zunge schnellte folgsam in seinen Mund zurück. Die Präzision der Bewegungen war spektakulär und das Ergebnis langen Trainings. Dann fiel die Decke wieder über seinen Kopf, und die Zuschauer wechselten.

Nach einer Weile wurde ein Oberfeldwebel auf die Schlange aufmerksam. Er reihte sich ein, und als er alles gesehen hatte, fragte er sich, wie solche Geschehnisse zu behandeln seien. Bei den Nazis hätten schon die Tulpen in Gewehrläufen als Wehrkraftzersetzung gegolten. Aber heute – in Zeiten der Inneren Führung? Schwer zu sagen. Sicherheitshalber verbot er unser Happening.

Mönchengladbach

Jedes Mal, wenn ich Bahn fahre, wenn der ICE durch Vorstadtregionen fährt, deren Wohnhäuser nah der Gleisstrecke stehen, jedes Mal, wenn mein Blick auf ein Haus fällt, wundere ich mich, dass in diesem Haus Leben ist. Ich wundere mich, dass da gestern schon Leben war, dass da morgen Leben sein wird – ein Leben, von dem ich nichts ahne. Morgen und übermorgen wird wieder ein ICE an diesem Leben vorbeifahren, und wieder wird einer aus dem Zugfenster schauen, vielleicht etwas denken und sich wundern. Oder es ist einer, der wenig denkt, das Wundern nicht beherrscht, der nur achtlos aufschaut, danach den Kopf sinken lässt, um sich durch ein Zerstreuungsangebot in seinen Händen ablenken zu lassen.

Mein Zerstreuungsangebot ist ein Erinnerungsstück. Das hier ist Mönchengladbach. In einem Haus nah an der Straße, an dem wir vorbeifahren, lebte Poldi mit seiner Mutter. Poldi war ein wenig dicklich und von geringem Selbstbewusstsein, was er durch großspurige Gesten zu überspielen versuchte. Einmal habe ich ihn zu Hause besucht, denn Poldi war bei der Bundeswehr ein Kamerad, Wehrpflichtiger wie ich. Er hatte angeboten, mich von Mönchengladbach aus in seinem von Mama geschenkten Mercedes mitzunehmen, nach Delmenhorst, hoch im Norden.

Ich reiste zwanzig Minuten mit dem Zug an und klingelte bei der Adresse, die Poldi mir genannt hatte. Es war, ich schwöre, eine von außen harmlos wirkende Tür, wie Türen eben so sind in einem mehrstöckigen Wohnhaus.

Als Poldi öffnete, fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, mich zu warnen. Ich betrat einen Urwald. Vom Boden die Wände hoch wucherten Pflanzen, klammerten sich sogar entlang der Decke, schlängelten sich die andere Wand hinunter, wo sie sich um ihrerseits aufstrebende Pflanzen wanden, sodass schon der Flur ein dunkelgrüner Höhlengang war. Er mündete in eine Lichtung, wo eine reich geschmückte und mit diversen Perlen- und Muschelketten behängte Kräuterhexe thronte: Poldis Mutter. Um den Hals trug sie einen schwarzmagischen Drudenfuß, was nichts weiter ist als ein verkehrt getragenes Pentagramm. Über eine schwarze Krähe auf ihrer Schulter hätte ich mich nicht gewundert. Die gesamte Szenerie war in schummriges Licht aus unklarer Quelle getaucht.

Poldi war froh, als er mich hinauskomplimentiert hatte. Ich tat so, als würde ich alle Tage solche Mütter sehen. „Kenn ick, weeß ick, hab ick ook zu Hause!“ Was dem Berliner recht ist …

Wir holten am Bahnhof noch Schäfer ab, ein rachitisches Jüngelchen mit hängender Unterlippe. Schäfer saß wie selbstverständlich auf dem Beifahrersitz, voller Stolz, in einem Mercedes unterwegs zu sein.

Wenn Poldi anfing zu drömeln und von anderen Autofahrern überholt wurde, sah ihn Schäfer vorwurfsvoll an, dass er diese Schmach zugelassen hatte. Poldi stieg folgsam aufs Gas, bis er wieder in seinen alten Trott verfiel. Ich auf der Rückbank sorgte mich vor dem unguten Pas de deux der beiden.

Daran erinnerte ich mich in Mönchengladbach, derweil mich der ICE an ungeahnten Leben vorbeiriss.

Bibelkunde und Mickymaus-TV

„Das Neue Testament ist ja 800 Jahre nach Jesu Tod erst aufgeschrieben worden“, sagt einer der Raucher vor der Klinik. Der andere zuzzelt gleichgültig an seiner Fluppe und grummelt Zustimmung. Der erste fährt fort: „Da haben sich drei alte Männer zusammengesetzt und gefragt: „Was weißt du?“ „Was weißt du, Kamerad?“ „Was du?“
Das zu hören, gefällt mir. Wie aus dem Austausch ungenauer Erinnerungen mündliche Überlieferung entsteht, hat der Raucher anschaulich dargelegt. Es sind nicht mal besondere Männer, nur alte, die ja in vorschriftlichen Zeiten die Bibliotheken eines Volkes waren. Und wie man von mündlichen Kulturen weiß, sind die Erinnerungen menschlicher Bibliotheken durchaus dynamisch und einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Erst wenn Erinnerungen aufgeschrieben sind, verändern sie sich nicht mehr. Das Ergebnis: Heilige Schriften, in unserem Fall: die Heilige Schrift, Gottes Wort. Spätere Gläubige, die nichts mehr von den Entstehungsbedingungen wissen, kleben an den Bibelworten. Oder halten sogar Gott für den Autor, wie ein ZDF-Quiz-Moderator namens Ben Blümel. O-Ton Blümel: „Shakespeare – übrigens brutal erfolgreich – nach Gott mit der Bibel der zweiterfolgreichste Schriftsteller der Welt, unglaublich.“ Yo, unglaublich, was der Kerl sich zu faseln traut.

*
Einer bekommt eine Nachricht aufs Smartphone. Er schaut nach und sagt: „Aha, meine Frau bringt den Müll runter.“ Diese Szene sieht er auf dem Bildschirm in Echtzeit. Er zeigt es mir, und ich kann auch sehen, wie eine (seine) Frau an einem offenen Müllcontainer hantiert.
„Sie leert den Staubsaugerbeutel aus“, erklärt er.

„Warum wird Ihnen das in Echtzeit auf das Smartphone gespielt?“, frage ich und will gerade ansetzen mit der Frage, ob die gigantische Infrastruktur mit Sendemasten und Serverfarmen, die den Energiebedarf einer Kleinstadt haben, sowie der Ausbau und Betrieb von Glasfasernetzen, Rechenzentren, Kühlungssystemen, Notstromversorgungen, Frequenzlizenzen und die stetig wachsende Datenlast durch hochauflösende Bild- und Videoinhalte, ob diese ökologische Last gutzuheißen ist, damit er sehen kann, wie seine Frau 30 Kilometer weiter in einem Dorf bei Jülich den Staubsaugerbeutel entsorgt. Über diesen Wahn will ich mit ihm reden.

Er kommt mir zuvor. Erklärt, es habe der Plan existiert, in ihrem 1500-Seelen-Dorf 500 Asylbewerber unterzubringen. Deshalb habe er überall am Haus Kameras installiert.
„Und gab es schon Probleme mit den Asylbewerbern?“

„Nein. Die sind ja gar nicht gekommen. Wir haben das mit Eingaben verhindert.“
Es blieb das Mickymausfernsehen. Verrückt.

Der Handschriftjunkie spricht

Man soll nicht sagen, ich hätte nicht beizeiten gewarnt – vor den Nachteilen der Computerei. Ich hingegen kann mit Recht sagen, man hat ja nicht auf mich gehört. Ich war als Rufer in der Wüste wie der biblische Johannes der Täufer (Jesaja 40,3).
Der hat garantiert nichts vorzuweisen als seine alten Sandalen, wird man gedacht haben. Die Begeisterung für das zugegeben faszinierende technische Gerät Computer überstrahlte locker meine Worte.
Vermutlich kommt meine Warnung noch immer zur Unzeit, und wer sie liest, wird schnöde die Lippen schürzen und denken, soll der ruhig weiterhin in der Wüste predigen, wenn ihm danach ist.

Klick dich durch meinen Ruf aus der Wüste des Jahres 1990, nicht als Johannes, sondern als …


Handschriftlicher Essay von Jules van der Ley zum Vobis-Highscreen-Computer, gestaltet 1990 von Luigi Colani

Erkundung des fremden Planeten (56)

Vorweg ein leider anrüchiges Thema, das freilich in Worten verdünnt bei Ihnen ankommt, liebe Lesererin, weshalb es hoffentlich ohne Naserümpfen zu konsumieren ist:
Der Metabolismus der örtlichen Spezies erwartet, dass man regelmäßig biologische Abfallprodukte hinter sich lässt. Und man muss sich hernach säubern. Dazu hält man an den Örtlichkeiten gerolltes Papier bereit. Der Papierspender ist so an der Wand befestigt, dass man einen Arm – oder Tentakel – aus dem Rücken ausfahren müsste, um ihn zu erreichen. Da der Vorgang offenbar tabuisiert ist, sich also niemals öffentlich abspielt, weiß ich nicht, ob die heimische Spezies einen sonst verborgenen Tentakel am Rücken hat.

Freilich habe ich schon munkeln hören von einer Rasse von Installateuren, die durch das Universum marodiert und Planeten überfällt, um dort, wo es ihnen gefällt, Toilettenpapierrollenspender an die Wände zu schrauben, ohne Rücksicht auf die Anatomie der dort lebenden Arten zu nehmen. Wenn dieser Planet auch schon einmal von diesen Sanitär-Freibeutern heimgesucht worden ist, nehme ich die Vermutung mit den Tentakeln am Rücken zurück.

Anderes Thema: Ich habe beobachtet, dass die Erwachsenen die Dienstboten ihrer Kinder sind. Diese kommunizieren mit ihren Dienstboten in Einwortbefehlen: „Arm!“, „Hause!“, „Laufen!“, was sich mir als Fremdem nicht so leicht erschließt. „Arm“ bedeutet wohl: „Nimm mich auf den Arm, du dienstbarer Geist, und trage mich fort!“ „Hause!“ verstehe ich noch nicht. Es könnte ein Befehlswort sein, wie es in Wendungen vorkommt: „Sie hausen zu Hause wie die Vandalen.“ Will das Kind eventuell sein Zimmer verwüsten? Dagegen ist „Laufen!“ leicht zu deuten, denn es wird von einem Wesen geäußert, das sich auf dem Arm des Dienstboten befindet. Es wird dann auf den Boden gesetzt, wo es übt, sich selbstständig auf diesem Planeten zu bewegen. Doch meistens ersparen die kleinen Wesen sich das Laufen und lassen sich stattdessen in Sänften schieben oder fahren. Wenn sie allerdings „laufen“, müssen die Dienstboten mitgeführte Sänften auf dem Rücken tragen.

Wüsste man, wie schwer es einem Ungeübten wie mir fällt, sich auf den Beinen genannten Stelzen – zu bewegen, bei dieser immensen Schwerkraft, würde man die Kinder das selbstständige Laufen lehren, mich hingegen in Sänften umherfahren. Und ich würde völlig sinnlos rufen: „Arm!“, „Hause!“, „Laufen!“ – und das alles immer wieder durcheinander, nur um zu erleben, wie meine Dienstboten auf diese Befehlswörter umherspringen. Freilich dürfte ich derlei nicht tun – wegen der drohenden Sensen, Dreschflegel und Fackeln.

Galaktisch müde

Bilanz: Ich bin so müde. Wäre meine Müdigkeit Hunger, könnte ich ein ganzes Pferd essen. So müde bin ich. Auch nach dem Aufwachen wird es nicht besser. An die hohe Schwerkraft dieses Planeten bin ich einfach nicht gewöhnt. Man muss hier aufgewachsen sein, um sich leichtfüßig bewegen zu können. Ich bin fremd. Gehören tue ich nicht hierher. Wie bewundere ich das leicht wippende, rasche Voranstreben der weiblichen Vertreterinnen der örtlichen Spezies. Trotzdem bemühe ich mich, die Gepflogenheiten zu übernehmen, um nicht aufzufallen. Ich vermeide zu stolpern und befleißige mich eines zügigen Schritts. Umso ärgerlicher, wenn es doch geschieht – wenn ich in einem unbedachten Moment auffalle.

Ich schmiere mir etwas, das hier Butterbrot heißt. Da kommt eine adipöse Vertreterin der örtlichen Spezies in roter Jacke auf mich zu, von der ich annehmen könnte, dass sie unter der Schwerkraft leidet wie ich. Sie lässt sich britzebreit neben mir nieder und fragt unvermittelt:
„Brauchen Sie Hilfe?“
„Sehe ich so hilfsbedürftig aus?“, frage ich besorgt.
„Ich frag ja nur.“

Muss sie aber nicht.

Geh zum Teufel, Ich-frag-ja-nur!

Ich will nicht auffallen. Am Ende rottet sich noch ein Mob zusammen, aus dem Sensen und Dreschflegel ragen, mit brennenden Fackeln, bereit, mich zu vertreiben – oder schlimmer noch: mich aus dem Weichkörper dieser Siedlung herauszubrennen. Vielleicht munkelt man schon hinter meinem Rücken, nennt mich einen sonderbaren Vogel von einem fernen Planeten. Und wer weiß, welche Krankheitserreger ich in mir trage – halbverhungerte Viren und Bakterien aus der Misere meiner Welt, die nur darauf warten, hier auf frische, kraftstrotzende Wirte zu stoßen.

Doch wenn man mich fragt: Unter diesen Schwerkraftverhältnissen sind meine mikrobiellen Kameraden kaum virulent. Sie hocken in stillen Winkeln meines Körpers und warten auf bessere Bedingungen. Den Gefallen werde ich ihnen nicht tun können.

Ich bin auf diesem Planeten gestrandet. Genauer: Ich wurde von einem galaktischen Kontrolleur hinausgeworfen, weil mein Fahrschein für diese Region des Kosmos nicht gültig war. Galaktische Beförderungserschleichung, lautete der Vorwurf – bevor der Tritt kam, der mich auf diesen Schwerkraftplaneten schleuderte.

Ergebnis: Ich bin müde.

Fragt mich jemand nach meinem Namen, sage ich:
„Honokono“ – in eurer Sprache: „Von morgens bis abends müde.“

Druckerschwärze und goldene Wasserhähne

Na gut. Theo Lieven hat mir den Offsetdruck beigebracht, hat mit mir in der Dunkelkammer gestanden, mit der Reprokamera Druckvorlagen fotografiert, den Film auf eine dünne Aluminuumplatte kopiert, sie belichtet und hernach ausgewaschen bis auf den zu druckenden Teil, den gehärtet mit dem stinkenden roten Fluit, das mit dem Wattebausch aufgetragen wurde. Dann hat er die Druckplatte in die Rotaprint gspannt und mir gezeigt, wie man die Druckmaschine in Gang setzt, wie man das Papier in die Papierzuführung stapelt, wie man die Druckfarbe in den Farbkasten gibt, wie der Wasserbehälter befüllt wird. Bei allem scheute er sich nicht, sich die Finger schmutzig zu machen.

Alles bis zum Andruck hat er mir gezeigt, obwohl er lieber an seinem weißen Steinway-Flügel gesessen und von einer Karriere als Konzertpianist geträumt hätte. In Zukunft würde er zumindest das Klavier spielen können. Ich würde an seiner statt die kleine Druckerei betreuen. Denn ich brauchte Geld, um mein Studium zu finanzieren. Lieven brauchte dieses Einkommen nicht mehr.

Inzwischen betrieb er einen Handel mit Taschenrechnern, die er billig in Holland einkaufte und den Studenten der RWTH preiswert verkaufte. Das war so lukrativ, dass er sich vom Gewinn den Steinway-Flügel hat leisten können. Ich neidete ihm seinen wirtschaftlichen Erfolg nicht, sondern war glücklich, studieren zu dürfen, um Lehrer zu werden. Mein sozialer Aufstieg. Aber mich störte, dass Lieven in meinem erlernten Handwerksberuf wilderte. In der Zeit des Übergangs saß er in der Druckerei am Tisch und gestaltete Werbezettel für sein kleines Geschäft in der Pontstraße. Obwohl er kein Drucker war, nur angelernt, eigentlich war er Student der Mathematik, hatte er ein gutes Gespür für typografische Gestaltung. Er benutzte für die größeren Textzeilen seines Werbezettels die Futura, rubbelte sie von Letraset-Silikonbögen auf Papier. Das war das erste Mal, dass ich jemanden mit Letraset hantieren sah.

Dass ein Mathematikstudent, der sein Studium abgebrochen hatte, einfach Druckschrift benutzte, ausgerechnet die mir liebe Futura, fand ich ungehörig. Immerhin hatte ich eine dreijährige Lehre absolviert, um das zu dürfen. Ich hatte noch nicht realisiert, dass das grafische Gewerbe Anfang der 1970-er Jahre das Monopol auf den Gebrauch der Druckschrift verloren hatte. Erst viel später begriff ich, dass diese Szene in der Druckerei Teil eines weltweiten Wandels war. Derweil ich mein kleines Leben in Aachen lebte und ertragen musste, dass mein erlerntes Handwerk museal wurde, hatte in New York der Schriftdesigner Herb Lubalin ein ehrgeiziges Projekt verfolgt, nämlich die von den Schriftgießereien gehaltene Lizenzen auf einzelne Druckschriften allgemein verfügbar zu machen. Diese Demokratisierung der Druckschrift ist weitgehend sein Werk, wie ich hier schon mal geschrieben habe.

Auch Theo Lieven hatte seinen Anteil an der Demokratisierung der Druckschrift und wurde einer der Akteure im gewaltigen Umbruch des Grafischen Gewerbes. Als die Zeit der Homecomputer aufkam, erwuchs aus seinem Taschenrechnerlädchen das weltweit agierende Computerhandelsunternehmen Vobis. Damals in der Druckerei hatte er mir gepredigt, jeder, jeder könne in dieser Welt erfolgreich werden. In seiner Kindheit war er arm gewesen. Seine Familie hatte nicht mal fließend Wasser, sondern die Kinder holten Wasser mit der Zinkwanne vom Nachbarn. Später, so hörte ich, besaß er in Belgien eine Villa mit goldenen Wasserhähnen.

Glücklicherweise hat es mich nie nach goldenen Wasserhähnen verlangt. Mir fehlt das Talent zum Handel. Es muss einen anderen Sinn im Leben geben als das ständige Hökern und Verhökern von Gütern, ja selbst Kulturgütern, das auch nicht halt macht vor Oma ihr klein Häuschen. Näher liegt mir, was Ambrose Bierce in Des Teufels Wörterbuch über den Handel schreibt: „Handel; eine Art von Geschäft, bei dem A von B die Waren des C plündert und als Entschädigung B dem D Geld stiehlt, das E gehört.“

Vom linken Bürgersteig aus

Natürlich sieht die vertraute Welt anders aus, wenn man die Blickrichtung ändert. Ein Freund und Radsportkollege hat mich deshalb mal wie einen Depp aussehen lassen. Wir fuhren mit zwei uns fremden Hobbyradsportlern aus Köln. Die ausgeschilderte Strecke führte hoch zum Vennkreuz. Ich sagte dem jungen Kölner neben mir: „Den Anstieg fahren wir sonst immer herunter, wenn wir aus dem Venn kommen.“ In diesem Augenblick rief mein Freund: „Jules, sind wir hier schon mal gefahren?!“ Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er sich nie Fahrtstrecken merkte. Er verließ sich völlig auf mich. So geschah es, dass er gelegentlich entfernte Ähnlichkeiten sah, eine Abzweigung in einem Dorf, einen Kreisverkehr, einen Gasthof, die Flucht einer langen Straße, und glaubte dann, ganz woanders zu sein. Ich habe das immer amüsant gefunden und gedacht, dem wird nie langweilig, wie mir manche Wege schon mal langweilig geworden sind.

Als ich heute morgen vom Bäcker kam, blockierte ein Müllauto den Zebrastreifen. In meiner Ungeduld ging ich auf dem linksseitigen Bürgersteig zurück. Das vermeide ich sonst, denn wie mir der Orthopäde jüngst eröffnete, ist mein rechtes Bein minimal kürzer als das linke. Ich gleiche das schon lange unbewusst aus, indem ich immer rechte Bürgersteige gehe. Sie sind rechts höher, wegen ihrer Neigung zur Straße hin. Das ließ mich den Eingangssatz denken. Namentlich der Verlauf der hier schnurgerade sich erstreckenden Davenstedter Straße ließ mich mehr als zuvor denken, hinterm Horizont, da auf Höhe des Hafens, schwappt die See an die Kaimauer. Es ist ganz und gar nicht wahr, wie ich aus früheren Erkundungen weiß. Natürlich sieht die vertraute Welt anders aus, wenn man die Blickrichtung ändert. Das allein wird erfahren, wer diesen Satz von hinten liest: DIE LIEBE IST SIEGER.

Jenseits der vertrauten Wege

„Wenn ein Mensch geboren ist und erste Eindrücke empfängt, bilden sich diese in seinem Gehirn ab wie eine sich langsam modellierende Landschaft – mit Flussläufen, Tälern, Ebenen, Gebirgszügen und Einöden. Und je nach Heftigkeit der Eindrücke gewinnt die Landschaft an Lieblichkeit und Schroffheit mit all den Nuancen dazwischen. In dieser Landschaft ist von Tag eins ein Aufmerksamkeitsfunke unterwegs, mal gesteuert, als Reaktion auf einen Eindruck, mal frei in völliger Selbstvergessenheit, gleich einem Wanderer in seinem Universum. Wo er mal gewesen ist, hinterlässt er Spuren. Wenn er sie wiedersieht, sagen sie ihm: hier ist vertrautes Land.“

Coster saß auf der Bank vor der Hangwiese, mit dem Blick nach innen gewandt, als hätte er sich in seiner Schilderung verloren. Ich dachte, dass es gut wäre, ihn zu unterbrechen, damit er nicht völlig abdriftete. Darum sagte ich: „Vermutlich kreist der Wanderer am liebsten auf vertrauten Wegen.“
Coster schreckte auf: „Ja, darum müssen wir ihn dort herausholen, indem wir ihn mit neuen Eindrücken überraschen.“ Weiterlesen