Der Handschriftjunkie spricht

Man soll nicht sagen, ich hätte nicht beizeiten gewarnt – vor den Nachteilen der Computerei. Ich hingegen kann mit Recht sagen, man hat ja nicht auf mich gehört. Ich war als Rufer in der Wüste wie der biblische Johannes der Täufer (Jesaja 40,3).
Der hat garantiert nichts vorzuweisen als seine alten Sandalen, wird man gedacht haben. Die Begeisterung für das zugegeben faszinierende technische Gerät Computer überstrahlte locker meine Worte.
Vermutlich kommt meine Warnung noch immer zur Unzeit, und wer sie liest, wird schnöde die Lippen schürzen und denken, soll der ruhig weiterhin in der Wüste predigen, wenn ihm danach ist.

Klick dich durch meinen Ruf aus der Wüste des Jahres 1990, nicht als Johannes, sondern als …


Handschriftlicher Essay von Jules van der Ley zum Vobis-Highscreen-Computer, gestaltet 1990 von Luigi Colani

O, du Ausgeburt der Hölle! Soll das ganze Haus ersaufen?

Ich habe mich gründlich getäuscht. Als ich im Jahr 2005 das Bloggen für mich entdeckte, war ich begeistert von diesem neuen, wechselseitigen Medium. Ich glaubte, mit der Demokratisierung der Publikation habe eine neue Epoche begonnen – eine Befreiung des Denkens von der Fremdherrschaft durch die klassischen Medien. Im Internet sah ich die Chance für einen öffentlichen Diskurs in einer basisdemokratischen „Universität“, die keiner Zensur unterliegt und allen offensteht. Rückblickend wird mir jedoch klar, dass ich etwas Entscheidendes übersehen habe. Die Gesellschaft war auf diese neue Form der Öffentlichkeit nur unzureichend bis gar nicht vorbereitet.

Klassische Medien hatten über Jahrzehnte hinweg weder eigenständiges noch gemeinschaftliches Denken in der Breite gefördert; sie ermöglichten lediglich eine begrenzte Teilhabe am Diskurs, etwa in stark redigierten Leserbriefspalten. In diese von Einwegkommunikation geprägte Landschaft – hier der Sender, dort der weitgehend passive Empfänger – brachen zunächst Blogs und später Formen des Mikrobloggings ein. Plattformen wie Facebook oder Twitter machten es möglich, Gedanken ungefiltert und unmittelbar zu veröffentlichen – oft solche, die zuvor nur im privaten oder informellen Rahmen geäußert worden wären. Viele dieser Äußerungen tragen daher den Charakter des Unausgereiften: Sie entstehen schnell, ohne sorgfältige Prüfung, ohne das Durchdenken von Konsequenzen oder das Abwägen von Gegenpositionen. Die traditionellen „Filter“ des Schriftlichen – Reflexion, Struktur und Selbstkritik – werden dabei häufig umgangen.

Was die erweiterte Teilhabe am öffentlichen Diskurs betrifft, habe ich zudem unterschätzt, welche Wirkung Anonymität und digitale Distanz entfalten können. Nicht wenige Menschen scheinen damit emotional überfordert zu sein. Es entstehen Kommunikationsformen, die von Aggression, Enthemmung und Verantwortungsdiffusion geprägt sind. Aus dieser Dynamik heraus entwickeln sich Phänomene wie gezielte Diffamierung, Hassrede, sogar Drohungen oder spätpubertäre digitale Vergewaltigungen, wie jetzt am Fall Collien Monica Fernandes bekannt wurde, die im analogen Raum so kaum artikuliert werden würden oder wie im genannten Fall nur durch neue KI-Werkzeuge möglich wurden.

Meine anfängliche Zuversicht war von der Annahme getragen, dass ein offenes Kommunikationsmedium automatisch zu mehr Aufklärung, Verantwortungsbewusstsein und selbstständigem Denken führen würde. Im Einzelfall mag sich diese Hoffnung erfüllen. Insgesamt jedoch zeigt sich ein ambivalenteres Bild: Die neuen Möglichkeiten verstärken nicht nur reflektierten Austausch, sondern ebenso vorschnelle Urteile und destruktive Tendenzen.

Es bleibt daher eine offene Frage, ob es künftigen Generationen gelingen wird, die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit diesen Medien zu entwickeln. Ebenso denkbar ist, dass die Gesellschaft noch lange mit den Nebenfolgen dieser technologischen Entwicklung ringen wird. Das Internet ist kein per se emanzipatorisches Werkzeug – sein Nutzen hängt entscheidend davon ab, wie verantwortungsvoll wir mit ihm umzugehen lernen oder ob wir es wie einen verhexten Besen gewähren lassen, der sich unserer Kontrolle entzieht und dem wir mit unseren Mitteln nicht mehr beikommen können.
(Aus: Buchkultur im Abendrot)

Oben auf dem Lindener Berg

„Trag’ mich doch mal über den Lindener Berg“, sagte mein Rucksack. Es gibt auf dem Lindener Berg abseits der Kuppe einen Weg, an dem ich gerne sitze. Da wollte er hin und hat sich extra schwer gemacht, der Sachen wegen, die mir dort den Nachmittag versüßen sollten. Sachen und ein Buch. Quasi blind hatte ich nämlich in mein Bücherregal gegriffen und ein Büchlein genommen, das ich an meinem Lieblingsplatz lesen wollte. Ich gewähre ihm schon so lange Obdach, dass es sich mal nützlich machen könnte und noch einmal zeigen, was es zwischen den Buchdeckeln hat, dieses schöne Insel-Taschenbuch, dessen Inhalt ich wohl vergessen habe.

Es ist „Phaicon 1, Almanach der phantastischen Literatur“, herausgegeben von Rein A. Zondergeld aus dem Jahr 1974. Bevor jemand fragt, ob Zondergeld wirklich ohne Barmittel war: Der Literaturwissenschaftler lehrte an der Universität Göttingen und war Herausgeber von Anthologien und Lexika zur phantastischen Literatur. Den fälligen Strafzettel der Namenwitzpolizei akzeptiere ich sofort.

Puh! Was bin ich heute langsam unterwegs. Jedes Wort ein Fußstapfen. Es ist aber auch heiß auf dem Lindener Berg, und die Sonne brennt derart, dass ich nicht geradeaus gehen kann, sondern mich von Schatten zu Schatten hochschlängeln muss. Ich kannte mal einen, der tat’s genau umgekehrt, suchte jeden Flecken Sonne, denn er war in seinem früheren Leben Bergmann gewesen und hatte sich zu lange und zu tief unter Tage bewegt. Die Bäume, dachte ich später, spenden sich selber Schatten. Doch des Menschen Schädel ist nicht groß genug. Ich sah auf Aachens Straßen zwei hübsche Fräuleins, die sich wie selbstverständlich mit Schirmen schützten. So eine soll nicht dehydrieren. Das Vertrocknen kommt früh genug.

Das Gras, das letztens noch so üppig wucherte, ist verdorrt unter der Sonne, und auch das eine oder andere dürre Blatt segelt in den Staub. Aber was? Leichtfertig habe ich das Büchlein ausgepackt. Flugs wird seinem Leim die Feuchtigkeit entzogen, und einige Lagen brechen auseinander. Das würde der Remscheider Erfinder Emil Lumbeck nicht glauben, nach dem die probate Form der Klebebindung „lumbecken“ genannt wird. Alle Taschenbücher sind so gebunden, das heißt, gelumbeckt. Gemeinhin sorgt nämlich immer noch eine Restfeuchte im Leim dafür, dass die Bindung elastisch bleibt.

Was aber eigentlich mein Thema sein sollte: Alle Gedanken der Aufsätze im Büchlein über phantastische Literatur waren von Menschen gedacht und geäußert worden, die längst tot sind, und trotzdem erfrischten sie auf dem Lindener Berg meinen Geist. Wie ist das möglich? Wie können mir Gedanken von Toten so lebendig entgegentreten, und das auch noch aus einem Büchlein, das lieber zerfallen will, als seine Form zu wahren? Das, meine lieben Damen und Herren, ist doch das Mysterium – und im besten Sinne phantastisch.

Nachdenken im Gras

Einst kam zu Konrad Adenauer
ein bitterarmer Eifelbauer.
Sank auf den Rasen, fraß das Gras.
Der Kanzler staunend fraget: „Was?
Sag‘ an, was hat das zu bedeuten?
Er war stets freundlich zu den Leuten.
Da sprach der Mann: „So arm, ich bin,
da reicht mein wenig Geld nicht hin.
Drum muss ich essen hier das Gras.“
Der Kanzler sprach, „da weiß ich was:
Komm einmal mit zur Kanzlerwiese!
Die ist viel saftiger als diese.“
(Adenauer-Witz, gereimt von mir)

Als ich beim verunglückten Pfingstausflug im hohen Gras lag, habe ich zwar den Gedanken vor Augen gehabt, nicht aber den Begriff Neolithische Revolution gekannt. Einer unserer Vorfahren muss vor etwa 10000 Jahren auf die Idee gekommen sein, nicht etwa Gras zu fressen wie die Witzfigur, sondern die Samen der Gräser abzusammeln und sie als Nahrung zu benutzen. Das dürfte kaum für ein Butterbrot gereicht haben. Nötig war die Idee, vom wilden Gras die kräftigsten Samen zu nehmen und sie im Folgejahr wieder auszusäen. Eventuell waren mehrere Fruchtfolgen nötig, um das Gras auf diese Weise zu domestizieren. Irgendwann hatte der geduldige Vorfahr, vielleicht war es auch eine Vorfahrin, ein Gras gezüchtet, das größere Erträge brachte und somit den Namen Getreide (Mittelhochdeutsch getregede, eigentlich „das [von der Erde] Getragene“) verdiente.

In dieser naiven Entwicklungsvorstellung wird deutlich, welch gewaltige Kulturleistung im Übergang von wilden Süßgräsern zu Getreide steckt. Denn die Veredelung wilder Pflanzen durch Zucht, wie es nie zuvor gemacht worden ist, erfordert ein auf die Zukunft gerichtetes innovatives Denken, und zwar in Jahreszyklen. Wie war das den nomadischen Jägern und Sammlern möglich? Es muss zu jener Zeit ein großes Nahrungsangebot gegeben haben, dass sich ein Mensch die Zeit für das zunächst fruchtlose Experimentieren nehmen konnte. Indem er sich aus dem Kreis der Jäger ausnimmt, müssen ihn die anderen gewähren lassen, müssen ihn von der Jagd freistellen, damit er seiner Idee nachhängen kann. Obwohl man inzwischen davon ausgeht, dass auch Frauen mit auf die Jagd gegangen sind, wird dieser erste Ackerbauer eine Frau gewesen sein. Das planvolle Denken über Monatszyklen hinaus bringt die Neolithische Revolution, den Übergang des Menschen vom nomadischen Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern.

Jäger und Sammler haben sich nach dem überschaubaren Zyklus des Mondes gerichtet. Denn in hellen Vollmondnächten war die Jagd möglich. Der Mond ist das Gestirn der Frau, und in diesem Sinne soll auch das Denken und Fühlen der Menschen stärker von weiblichen Aspekten geprägt gewesen sein. Das änderte sich, als der Mensch sesshaft wurde. Für den Ackerbau ist der Jahreslauf wichtiger. Also wurde die Sonne zum prägenden Gestirn. Unter dem Einfluss der Sonne wurden die menschlichen Kulturen nüchtern und planvoll. Dieser Wandel in der Geisteshaltung ist leicht nachzuvollziehen. Man braucht nur zu bedenken, wie hell und manchmal grell die Sonne das Land bescheint und bis in den letzten Winkel ausleuchtet. Das Mondlicht dagegen taucht die Welt in ein Meer von Geheimnissen. Unter der Herrschaft des sanften Mondlichtes soll das Miteinander des Menschen glücklicher gewesen sein, habe ich mal gelesen oder gehört. Oder ich habe es mir ausgedacht 😉 Das Leben war von der Wärme der Frau geprägt. Erst mit dem Übergewicht der Sonne soll die Vorherrschaft des Mannes und ein Mehr an Unglück in die Welt gekommen sein.

Mit Dank an Christoph Lemmenhaupt

Der Zufall wollte es, dass mir Christoph Lemmenhaupt auf der Vortreppe der Pfarrkirche St. Aposteln zweimal begegnete. Das erste Mal geschah nach so langer Zeit, dass ich dachte, es wäre nicht nötig, mit ihm zu reden. Er aber hielt mich auf mit einem Faden seines Mantels, den er kürzlich im Kaufhaus X erstanden hätte. Er meinte den ganzen Mantel, nicht nur den Faden. Fäden führt das Kaufhaus X nicht mehr. Lemmenhaupt sagte, dort zu kaufen, davor könne er nur warnen, denn obschon erst zweimal getragen, löse sich am besagten noch neuwertigen Mantel eine Naht auf. In mir keimte sofort großer Widerwille, mit Lemmenhaupt über seine Mantelnähte zu sprechen.

Das Thema „Aufplatzende Nähte“ schien mir ungehörig zu sein, wenn man sich nur flüchtig kennt und gut 30 Jahre nicht gesehen hat. Zu meinem Unglück verstarb bald darauf ein guter Freund und um ihm die letzte Ehre zu erweisen, war ich gezwungen, St. Aposteln erneut zu besuchen. Als ich die Kirche nach einer tränenrührenden Trauerfeier verließ, traf ich auf der Vortreppe erneut auf Christoph Lemmenhaupt. Als hätte sich der Kerl seit unserer letzten Begegnung nicht fortbewegt, hätte dort herumgelungert und der Bettlerin ungehöriger Weise den Platz auf der Treppe streitig gemacht, stand er da, im Mantel selbstverständlich, denn es war lausig kalt, stand da im Weg und hielt mich auf. Obwohl ich eilig die Stufen hinunter stolperte, gelang es ihm, mir zu stecken: „Ich schreibe jetzt auch!“

Ich will nichts davon wissen, will es fürs Verrecken nicht lesen, dachte ich so laut es ging und eilte davon. Von Joseph Beuys wurde kolportiert, dass er seinen Studenten die Regel auferlegte, ihn nie zu bitten, sich ihre Werke anzusehen. Vermutlich wollte er nicht mit unfertigen Bildern zu tun bekommen. Genauso will ich keine fremden Gedankenfolgen in meinen Kopf lassen, vor allem keine von Leuten, die „jetzt auch schreiben.“ Die Süddeutsche Zeitung berichtet über eine psychologische Studie zum Thema Langeweile, “in der US-Psychologen zeigten, dass vor allem Männer sich lieber selber Elektroschocks versetzen, als auch nur 15 Minuten reglos auf einem Stuhl zu sitzen und nach interessanten Gedanken im eigenen Kopf zu suchen. Einem männlichen Studienteilnehmer war so langweilig, dass er sich in diesem Zeitraum 190 Schocks versetzte.“
Stutzig machte mich die Wendung „(…) nach interessanten Gedanken im eigenen Kopf zu suchen.“ Liegen die Gedanken einfach so im Kopf rum und man muss sie nur suchen und aufstöbern? Oder geht es wie im Selbstversuch des Robert Walser?

    „Ich kenne einen Schriftsteller, der, nachdem er sich Wochen hindurch vergeblich abgemüht hatte, einen geeigneten Stoff aufzutreiben, endlich auf den possierlichen Gedanken kam, eine Entdeckungsreise unter seine Bettstelle zu veranstalten. Das Ergebnis des waghalsigen und gefährlichen Unternehmens war jedoch, wie jedermann ihm, der es bewerkstelligte, zum voraus hätte sagen können, gleich Null.“ (Robert Walser, Das Zimmerstück)

Wenn aber die Gedanken nicht herumliegen wie Wollmäuse, (österreichisch Lurche), weshalb sie sich auch durch Elektroschocks nicht aufscheuchen lassen. Wo kommen sie her? Findet man sie durch Lesen fremder Texte? Oder ist man dabei wie ein Kalb hinterm Karren angebunden und muss durch die Karrenspur trotten? Schopenhauer bemüht ein mechanistisches Bild:

    „Das viele Lesen nimmt dem Geist alle Elastizität, wie ein fortdauernd drückendes Gewicht sie einer Springfeder nimmt, und es ist, um keine eigenen Gedanken zu haben, das sicherste Mittel, daß man in jeder freien Minute sogleich ein Buch zur Hand nimmt.“

Anders gefragt: Lag dieser Text in meinem Kopf herum und ich musste ihn nur abtippen wie ein Maschinenfräulein? Nein, er wurde entwickelt, ausgehend von meinem Unwillen, Texte gegenwärtiger Autoren zu lesen. Zuvor hatte ich in André Bretons kongenialer Anthologie „Schwarzer Humor“ geblättert und mich an der Skurrilität französischen Denkens des frühen 20. Jahrhunderts erfreut. Da bekam ich Lust zu schreiben und beobachtete, dass Gedanken sich entwickeln, indem sich der Aufmerksamkeitsfunke auf die Reise macht und durch die Schrift eine nachvollziehbare Spur legt.

So gesehen, gebührt Christoph Lemmenhaupt, seinem Mantel und seiner flüchtigen Bekundung herzlichen Dank.

Wissensvermeidung durch Betreuungsapplikationen

Bescheid zu wissen, ist eine elementare Weise, sich in der Welt zu orientieren.
– Einen Kuchen backen zu können, ohne in einem Rezept nachschauen zu müssen;
– einen Weg zu finden, weil er durch Wiederholung auf der Inneren Landkarte gespeichert wurde;
– einen Menschen mit Namen ansprechen zu können, weil er einem vertraut ist.

Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Es handelt sich um Weltwissen, nicht unbedingt um Wissen über die ganze Welt, sondern Wissen, das die unmittelbar erlebte Welt betrifft. Dieses Wissen wird eher nebenbei erworben. Das Kind lernt es über erwachsene Vorbilder oder fragt danach, weil durch bestimmte Ereignisse seine Neugier geweckt wurde. Durch klugen Transfer werden vergleichbare Erscheinungen einbezogen. Über die genannten Faktoren hinaus kann ein Kind sich Wissen anlesen, wenn ihm entsprechende Literatur angeboten wird. Das kann erzählende Literatur sein, aber auch Sachliteratur wie Anleitungen, Lexika, Nachschlagwerke, Beschreibungen oder Erfahrungsberichte. Das setzt die Fähigkeit voraus, beliebige Texte in Gebrauch zu nehmen, sie also für sich nutzbar zu machen.

Die Digitalisierung hat eine Fülle von Applikationen (apps) hervorgebracht, die Wissen überflüssig machen:
– Das Navigationssystem macht gleich zwei wissensbasierte Qualifikationen überflüssig, eine Innere Landkarte anzulegen und zu aktualisieren, eine gedruckte Landkarte lesen und interpretieren zu können;
– Digitale Abfragen ersetzen Nachschlagen, Lesen und Interpretieren von Wörterbüchern;
– Bus- und Bahnapps machen überflüssig, Fahrpläne zu lesen und zu interpretieren;
– Spracherkennung ersetzt schriftliche Eingaben;
– Kommunikation durch Bildschirmwischen, Beispiel die Dating-App Tinder;
– Auswählen verschiedener Angebote durch Tippen auf den Touchscreen;
– Schreiben per Bildschirm mit Sprachergänzungssystemen;
– …

Sprachergänzungssysteme reduzieren den Wortgebrauch auf die angebotenen Wörter. Die Spracherkennung scheint ein Erstarken des mündlichen Sprachgebrauchs mit sich zu bringen. Doch geht der Trend dahin, dass unvollständige oder verkürzte mündliche Eingaben reichen, dem Nutzer ein erfolgreiches Agieren zu ermöglichen. Auch die Geste als grundlegende menschliche Kommunikationsform erstarkt nur auf niedrigem Niveau. Das Schreiben durch Tastendruck ist ebenfalls verschlankte Gestik, kommt noch rudimentärer daher, wenn eine Tastatur auf dem Bildschirm simuliert wird. Das Angebot solcher Wissensvermeidungs-Apps wird noch größer sein als in obiger Liste erfasst, auf jeden Fall wird es ständig erweitert werden. Alles kommt daher als Erleichterung, macht aber Wissen und Qualifikation überflüssig.

Dieser Trend ist kaum oder gar nicht aufzuhalten. In die Zukunft gedacht, schafft er ein Heer dummer Nutzer und eine kleine Gruppe mächtiger Agenten der Betreuungsapplikationen, deren Brotherren die Welt beherrschen.

Von der Jugend zum Alter ist’s nur ein Katzensprung

Franz, Karl-Heinz, Theo und ich saßen bei Franz zu Hause im Wohnzimmer über dem Jugendherbergsverzeichnis, einer Deutschlandkarte und einem Notizblock und planten unsere Radtour aus dem Rheinland nahe Köln zum Bodensee. Auf dem Plattenspieler drehte sich Nancy Sinatras Single: „These Boots Are Made For Walkin.“ Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, aber dieses Gestern umfasst doch ein halbes Jahrhundert und ist nur geschrumpft, damits noch in meinen Kopf passt. Heute weiß ich, wie lustvoll ist es, eigene Jugenderinnerungen auszurollen, wenn man alt ist. Und selbst wenn man spürt, dass junge Menschen derlei Erzählungen nicht hören wollen, man will sie dem unwilligen Auditorium zum Trotz doch noch loswerden, denn Erzählen ist nicht nur das Entfalten einer geschrumpften und eingetrockneten Erinnerung, sondern ein wenig ist es Wiedererleben, als würde die geschrumpelte Erinnerung von neuem Lebenssaft getränkt, wieder geschmeidig und gleichsam rieseln Glückshormone durch die Adern und man möchte glauben, die Zeit wäre zurückzudrehen.

Vom Jungsein zum Altsein ist’s nur ein Katzensprung, was aber nur erkennt, wer den Hupfer schon gemacht hat. Als der isländische Skalde Egil [1] alt und fast blind war, ging er mit einem Freund über den Markt und stolperte, worauf ihn die Marktweiber auslachten. Da sagte Egil: „Minder verhöhnten uns die Weiber, als wir noch jung waren.“ Man bedenke: Die damals jungen Marktfrauen sind bald ebenfalls alt und hinfällig geworden und seit über tausend Jahren schon tot. Von Egil wissen wir noch aus der Egils-Saga [2], von den unbekannten Marktweibern tönt nur über das Jahrtausend hinweg ihr Lachen. Zu Egils Lebzeiten im 10. Jahrhundert stand das gut gegebene Wort hoch im Kurs. Seine Taten und Worte wurden lange Zeit mündlich tradiert, dann im 12. Jahrhundert aufgeschrieben und überliefert. Dass in unserer Zeit die Erfahrungen der Alten nichts gelten, ist ein Effekt der Schrift. In schriftlosen Kulturen sind die Alten die Bibliothek, was deutlich wird im oft zitierten Bonmot des malischen Ethnologen Amadou Hampaté Bâ:
„Mit jedem Greis, der in Afrika stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek.“
Schriftgebrauch geht einher mit der Abwertung der Alten, sie werden jetzt nicht mehr als kollektives Gedächtnis gebraucht. Schriftliche Aufzeichnungen bieten ein vergleichendes System, das den Schwächen der menschlichen Erinnerung nicht zu unterliegen scheint. Zwar warnt schon Platon, dass die Schrift nur „Scheinweise“ hervorbringe, aber das macht nichts in einer Zeit, die Scheinweisheit nicht hinterfragt.

Eine übers Bloggen entstandene Beziehung zu einer wesentlich jüngeren Frau hat mich aus dem Rheinland nach Hannover verschlagen. Nachdem diese Beziehung zerbrach, kannte ich in Hannover niemanden. Ebenfalls übers Bloggen lernte ich in Hannover einen Literaturstudenten kennen und geriet durch ihn in einen Freundeskreis von jungen Männern, die meine Söhne sein könnten. Ein ganzes Jahrzehnt traf sich die altersmäßig ungleiche Gruppe. Doch zum Schluss passte es nicht mehr, denn ich spürte, dass mein einziges Plus, das Mehr an Erfahrungen, Wissen und Lebensleistung nicht in dem Maße zählte, als dass es die leise Überheblichkeit der Jugend hätte kompensieren können.

Natürlich hat Altsein seine Vorteile und seine eigenen Glücksmomente. An seinem 80. Geburtstag wurde Salvador Dalí von Reportern gefragt, wie es wäre, 80 zu sein. Dalí sagte: „Morgens ohne eine Erektion aufzuwachen – ha! Köstlich!“

Was soll daran köstlich sein, werden sich die jungen Reporter gefragt haben. Sie haben noch keine Vorstellung von der wunderbaren Gelassenheit, von den Epikureern [3] Ataraxie (Unerschütterlichkeit) genannt, der Seelenruhe, die vielleicht durch Askese und Meditation zu erreichen ist, aber sich zuverlässig einstellt, wenn der Geschlechtstrieb nachgelassen hat.
Ein schwacher Trost.

Derzeit warte ich darauf, dass mein Beinbruch verheilt. „Die Zeit heilt alle Wunden, aber macht auch alt“, hatte der Chirurg gesagt, nachdem er mir schreckliche sechs bis acht Wochen für den Heilungsprozess offeriert hatte. Jetzt bin ich in der unglücklichen Lage, auf das rasche Verinnen der Zeit zu hoffen, obwohl ich daran altern werde. Immerhin kann ich ein wenig der verplemperten Zeit sinnvoll nutzen und bloggen.

1) Skalde – (altnordisch skáld oder skæld „Dichter“) waren höfische Dichter im mittelalterlichen Skandinavien, vorwiegend in Norwegen und Island;

2) Die Egils-Saga – ist eine der wichtigsten Isländersagas, vermutlich verfasst zwischen den Jahren 1220 und 1240;

3) Epikureer – Anhänger einer philosophischen Denkrichtung, die auf den Lehren des antiken griechischen Philosophen Epikur basiert.

Mein Gewürzschrank und Joseph Beuys sein Mantel

Da ich nicht gut kochen kann, habe ich mehr Gewürze als ich benutze. Wenn ich in den Schrank schaue, in dem ich Gewürze und anderes Zeug aufbewahre, dann gehört er wie all die anderen Dinge in meiner Wohnung zu meiner Gegenwart. Doch eigentlich ist mein Gewürzschrank ein gut Teil Vergangenheit. Die Dinge weiter hinten, die irgendwann angeschafft, eingeräumt und dann vergessen wurden, von dem Mann, der ich einmal war, diese Gewürzdosen und –tüten werden jedes Mal, wenn ich hineinschaue, wieder gegenwärtig. Ich nehme den Pfeffer heraus, stelle ihn wieder zurück, schließe den Schrank, und schon ist alles gemeinsam wieder Vergangenheit.

So lagert sich Vergangenheitsschicht auf Vergangenheitsschicht. Pfeffer: Jüngere Vergangenheit; Wacholderbeeren: ältere Vergangenheit. Die Gegenwart besteht zu einem großen Teil aus vergegenwärtigten Vergangenheitsschichten unterschiedlicher Vergangenheitstiefe. So viele Dinge ragen aus der Vergangenheit hinauf in die Gegenwart. Daher findet man das Leben morgens genauso vor, wie man es am Abend verlassen hat. Im Kopf des Menschen ist es wie in meinem Gewürzschrank. Das eigene Ich besteht fast ausschließlich aus Vergangenheit. Oft kann man an einem Tag, in einer Woche, im Monat oder sogar in mehreren Jahren nichts hinzufügen, was die Macht der Vergangenheit in Kopf und Leben bricht.

Hat man zum Beispiel irgendwann eine Unterschrift geleistet, bindet sie einen vielleicht für ein halbes Leben. Welch ein mächtiges Instrument der Vergangenheit ist eine solche Unterschrift. In keinem Wort der Welt steckt soviel Kraft wie in der eigenen Unterschrift. Früher war es der Handschlag, der einen auf gleiche Weise band. Handschlag und Unterschrift, beides sind kleine Handlungen mit großen Folgen.

Es gibt also im Leben Handlungen mit schwerwiegenden Folgen und solche, die fast nichts bewirken, ganz unabhängig vom jeweiligen Aufwand. Das ziellose Herumlaufen in der Wohnung, das ich lange Zeit bei mir beobachtete, das ist eine Handlung ohne Folgen, zumindest sind mögliche Folgen nicht spezifizierbar.

aus: Joseph Beuys, Mysterien für alle, Kleinste Aufzeichnungen, Herausgegeben von Steffen Popp, Berlin 2015

„Zeit Konverter Mein Mantel Mantel“ hat Joseph Beuys notiert. Ich möchte gern glauben, dass er damit Ähnliches gemeint hat. So ein Mantel ragt durch die Zeit. Er wird angeschafft in einer Gegenwart. Eine Weile schützt er die Person gegen Kälte, Wind und Regen. Dann wird es wärmer. Der Mantel wird in den Schrank gehängt und bleibt lange Zeit unbeachtet, wird sogar vergessen. Die kalte Jahreszeit naht, man entdeckt ihn wieder „Ach, den habe ich ja auch noch!´“ So geht es Jahr um Jahr. Mit jedem abgelaufenen Zyklus hat sich der Mantel nur unwesentlich verändert, während sein Besitzer gealtert ist. Ein in der Vergangenheit angeschaffter Mantel konserviert den Zeitpunkt seiner Anschaffung. Mit seiner Nutzung wird er gegenwärtig. Da der Mensch von Dingen umgeben ist, die irgendwann einmal angeschafft worden sind, lebt er in diversen Vergangenheitsstufen. Wer ein fabrikneues Auto fährt, lebt in der technologischen Gegenwart. Gebrauchte Autos konservieren die Vergangenheit und zwingen die Nutzer in jene Zeit.

Derweil ich diese Worte schreibe, entstehen sie in meiner Gegenwart. Die zeitliche Distanz zur Veröffentlichung und bis zu dem Zeitpunkt, in dem er gelesen wird, bannt jeden in eine Gegenwart, die nun Vergangenheit ist. Es ist ja alles Illusion, vor allem die Gegenwart.

Mein Baum, dein Baum – Über Sprache und Verstehen

Ein Mangel unserer Sprache ist die fehlende Eindeutigkeit. Wir brauchen Gestik und Mimik des Sprechers als sprachbegleitendes Zeichensystem. Diese so genannten nonverbalen Zeichen lesen wir beim Sprecher intuitiv ab, verstehen sie ohne dass uns das bewusst würde. Das weist darauf, dass die nonverbalen Zeichen noch viel älter sind als unsere Lautsprache. Sobald sich die Sprache vom Sprecher entfernt, räumlich oder zeitlich, verliert sie ihre Eindeutigkeit, wird mehrdeutig und somit interpretierbar. Abstand erlaubt Urteile.

Besonders die Schrift bringt ja eine Entfernung vom Sprecher mit sich. Schon beim Aufschreiben entfernt sie sich vom Schreiber selbst. Denn was er zuvor gedacht oder gesagt hat, wird jetzt in ein Zeichensystem übertragen, steht ihm dann in Sätzen vor Augen und wirkt auf sein Denken zurück. Während ich das hier schreibe, halte ich immer wieder inne, lese, was da steht und beurteile es hinsichtlich der Klarheit und Verständlichkeit. Das wiederum wirkt auf mich zurück. Es ordnet meinen Gedankenfluss und regt neue Gedanken an. Zugleich ist ein Adressat immer mitgedacht.

Wenn wir beispielsweise einen Brief schreiben, dann berücksichtigen wir Zeitfaktoren. Wann hatten wir zuletzt Kontakt, was ist seither geschehen und was ist wichtig genug mitgeteilt zu werden? Gleichzeitig reflektieren wir das Verhältnis zum Briefpartner. Wie stehen wir zueinander, wie reden wir miteinander, wie ist der Verständnishorizont. Das alles ist fast unmöglich zu bedenken, wenn wir für unbekannte Adressaten schreiben. Dann löst sich die geschriebene Sprache völlig von uns ab und ist der willkürlichen Lesart von völlig Unbekannten ausgesetzt. Die Kommentare im Blog sind so ein Fall. Angeregt durch einen Text, der in einem Blog zu lesen ist, kommentiert man.

Manchmal kommentiere ich bei Leuten, die ich kaum kenne. Dabei ist mir aufgefallen, dass nicht alle Äußerungen so verstanden wurden wie ich sie gemeint hatte. In solchen Fällen sind Wörter und Worte wie Törchen zwischen Dir und mir. Diese Törchen ermöglichen die Teleportation von Kommunikation durch Raum und Zeit. Doch die Worte kommen möglicherweise anders aus dem Tor heraus als sie hineingegangen sind.

Ein konstruiertes Beispiel: Du lebst in einer Kultur, in der Bäume als etwas beinah Heiliges angesehen werden. Manche von euch suchen regelmäßig einen mächtigen Baum auf und umarmen ihn. Ich dagegen bin in einem Sägewerk aufgewachsen. Da habe ich täglich gesehen, wie aus Bäumen Bretter gesägt werden. Wenn ich dir jetzt das Wort „Baum“ schreibe, ist die lexikalische Bedeutung uns beiden klar, aber wir verbinden völlig unterschiedliche Gefühlswerte mit Bäumen. Also schicke ich das Wort Baum mit dem Gefühlsgehalt Balken und Bretter und du liest heiliger Baum.

Sprachwissenschaftlich heißt die lexikalische Bedeutung Denotation, die Gefühlswerte heißen Konnotation. Auch wenn die Denotation uns völlig klar ist, können die Konnotationen stark voneinander abweichen. Wir haben das zugegeben nicht sehr differenzierte nonverbale Zeichensystem der Emoticons, um unseren Worten Gefühlswerte mitzugeben. Trotzdem können die Konnotationen von Wörtern auch innerhalb einer Sprachgemeinschaft regional und unter den Angehörigen personal so stark variieren, so dass es ein Wunder ist, dass die Welt nicht von Missverständnissen brummt. Dass wir trotzdem überwiegend erfolgreich kommunizieren, verdanken wir der zunehmende Verfeinerung unserer Intuition.

Die Sprache des Menschen und warum ihm nicht zu helfen ist (aus den Papieren des PentAgrion)

Jedes Wort der Menschensprache ist seinem Wesen nach neutral. Deshalb ist die Menschensprache grundsätzlich ein perfektes Kommunikationsmedium. Jede Schriftsprache verfügt über Millionen Wörter. Ein Teil davon ist in Wörterbüchern verzeichnet und steht theoretisch jedem Sprecher zur Verfügung. Darüber hinaus kennt jedes Mitglied der Sprachgemeinschaft eine Fülle weiterer Wörter, die aus unterschiedlichen Gründen nicht lexikontauglich sind. In der Praxis ist der Sprachschatz dem Sprecher aber nur in Teilen zugänglich. Wollte jemand etwa zwei Millionen Wörter seiner Sprache sprechen und nehmen wir für jedes Wort die Zeit von drei irdischen Sekunden, dann wäre er (3 * 2 000 000) / 60 = 100 000 Stunden damit beschäftigt, was (((3 * 2 000 000) / 60) / 24) / 365 = 11.4155251 Erdjahren entspricht.

In diesen 11 Jahren hätte er nicht kommuniziert, sondern nur Wörter geleiert. Im Regelfall geht der Umfang des Wortschatzes aber weit über zwei Millionen Wörter hinaus. Hinzu kommen Wörter aus den Dialekten, aus unzähligen Fachgebieten, aus Sonder- und Gruppensprachen, Augenblicksbildungen sowie private, idiomatische Ausdrücke. Diesen gewaltigen sprachlichen Ozean zu durchmessen, ist in einem Menschenleben praktisch unmöglich, auch wenn einer den Mund noch so voll nimmt.

Ein durchschnittlicher Sprecher beschränkt sich etwa auf 10.000 Wörter. Sie sind sein aktiver und passiver Wortschatz. Den letzteren benutzt er nicht, aber versteht die darin enthaltenen Wörter. Man sollte annehmen, dass der Mensch danach trachtet, seinen aktiven Wortschatz ständig zu erweitern, denn es brächte eine Verfeinerung der Denkgewohnheiten mit sich, würde mithin sein Denken und Handeln verändern, sein Urteilsvermögen schärfen, ihm ein tieferes Verständnis seiner Welt und seiner Mitmenschen bescheren und seine soziale Kompetenz erhöhen. Tatsächlich aber herrscht in allen Kulturen die Bestrebung, den Wortschatz einzuschränken. Bestimmte Wörter sind aus religiösen, moralischen oder politischen Gründen tabuisiert, bestimmte Wörter und Sätze nur besonderen Gelegenheiten, sozialen Situationen und sprachlichen Kontexten vorbehalten. Manche Wörter tauchen nicht in Fachliteratur auf, andere nicht in erzählenden Texten. Diese Gebrauchsweisen werden angestoßen von den Massenmedien und geraten meist ungefragt in die Alltagssprache. Nach der Herkunft der Sprachmoden wird selten gefragt, denn der Mensch lebt in einer Welt der Konventionen, kann sich kaum vorstellen, dass die Dinge anders betrachtet werden könnten, als er es üblicherweise tut, wie es alle tun.

Der Erweiterung des Wortschatzes steht eine Streitmacht von Verhinderern entgegen. Die geistige Trägheit hat viele Schutzheilige in Schulen, Hochschulen, in den Medien. All diese Sprachverhinderer setzten Normen, schlagen Pflöcke ein, wo nicht weiter gegangen und gedacht werden darf, weit vor den Grenzen des Denk- und Sagbaren. Diese geistige Unterdrückung geschieht nicht aus Bosheit, sie ist nicht das Werk einer weltweiten Verschwörung, sondern entspricht einem systeminhärenten Problem der menschlichen Sprache. Allen Sprachen ist zueigen, dass sie nur für die Kommunikation in kleinen Gruppen taugen, nur taugen, den unmittelbar überschaubaren Bereich zu bewältigen. In kleinen sozialen Gruppen sind die menschlichen Sprachen entstanden, und wie seine Sprache, so der Mensch. Er ist ein Gruppenwesen, versteht nur, was er in seinem unmittelbaren Bereich sehen, riechen, schmecken und hören kann. Seine Weltwahrnehmung formt sich danach, was er mit seinen Sinnen erfasst. Größere Zusammenhänge kann er demnach nicht gut begreifen, will sie auch nicht begreifen, weil sie ihn bei der Bewältigung seiner täglichen Pflichten stören.

Das Gruppenwesen Mensch aber findet sich in einem Staatswesen vor, von dem er nur über Fremdzeugnisse erfährt, also mittelbar über die Fernkommunikation durch die diversen sekundären Medien. Was er davon begreift, ist von Zufällen bestimmt und wird in der Regel nicht kontrolliert durch den Abgleich mit den Fakten. Denn viele der Informationen aus den Massenmedien werden erzeugt in sozialen Zirkeln, zu denen nur Medienvertretern eingeschränkten Zugang haben. Der mediale Einfluss auf den Einzelnen ist enorm. Die irdischen Massenmedien sind gigantische Manipulationsmaschinen, deren Macht täglich wächst. Sie sind die Denkfabriken, in denen der Inhalt der Köpfe erzeugt wird. Sie begründen die Ohnmacht des Menschen, denn wichtig und wirklich, das ist in seinen Augen nur, was den medialen Segen der Denkfabriken erfahren hat. Selten ist es sein eigenes Leben, wo er doch so gerne teil hätte und aufgenommen würde in die Sozialgemeinschaft des globalen, für ihn viel zu großen Dorfes. Seine Tiernatur treibt ihn dahin, wo die Musik spielt. Aber die Musik lockt ihn weg vom eigenen Herd, wo seine Aufmerksamkeit gefordert ist. Aus diesem Dilemma ist dem Menschen nicht zu helfen.

Von hier…