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Ein orange-gelber Drache stand mit ausgebreiteten Flügeln, vor ihnen auf dem Platz in mitten einiger zur Unkenntlichkeit verbrannter Lyzarie. Er war mehr als doppelt so groß wie Turmalon und gab Acht darauf, dass sich niemand dem Tor näherte, durch welches die Gruppe zu entkommen gedachte.

Mit einem Sprung vom Absatz der Treppe, die durch den langen Schwanz des großen Drachen blockiert wurde, breitete Turmalon seine Flügel aus und erhob sich in die Luft. Der Gelbe sah zu ihnen auf, als sie über ihn hinwegflogen und Rianna glaubte ein Lächeln bei ihm zu erkennen, als er sie erblickte und zunickte.

„Wer ist das?“, wollte sie von ihrem Begleiter wissen und musterte eingehend den zweiten Drachen.

«Ein Freund!», antwortete Turmalon kurz, «Er wird es dir gleich selbst erklären.»

Ohne Zweifel half dieser Drache ihnen. Auf dem Platz vor dem Tempel, auf dem sich bei Riannas Ankunft noch unzählige Lyzarie tummelten, war nun, bis auf die Leichen, niemand mehr zu sehen. Allerdings entdeckte sie in den Gassen zwischen den Häusern einige verängstigte Gesichter die sich dort zu verstecken versuchten.

Rianna erinnerte sich an den Tag als sie Kaz‘Mordan erreichte. Damals vielen ihr, auf dem Weg zu ihrem nassen Gefängnis, viele bewaffnete und gerüstete Lyzarie auf. Daher wunderte sie sich wo diese nun waren. Niemand wagte es dem Drachen entgegenzutreten.

Einen Moment später erschien auch der Zwerg wieder, den Rianna zu ihrem Bedauern schon fast wieder vergessen hatte. Sie machte sich sorgen darum, wie er von dort unten wegkommen sollte und wollte bereits Turmalon darum bitten umzukehren, als der Zwerg die Stufen hinunter spurtete und förmlich auf den Rücken des gelben Drachen sprang. Dieser verlor keine Zeit, erhob sich ebenfalls in die Luft

Tief durchatmend war Rianna sich nun sicher, endlich wieder in Freiheit zu sein. Mit geschlossenen Augen genoss sie den Wind, der ihr entgegen wehte, und die Sonne, die ihr im Gesicht kitzelte. Nach einem überraschend kurzen Flug schreckte Rianna jedoch auf, als der für sie noch immer unbekannte Drache schon wieder landete und Turmalon es ihm gleich tat. Vor allem aber wegen des Ortes wo sie nun waren. Abermals fühlte Rianna sich an den Tag ihrer Ankunft in Kaz’Mordan zurückerinnert, als sie die Plattform betraten.

„Mir wäre es lieber wenn wir, so schnell es irgend möglich, aus dieser Stadt verschwinden!“, flüsterte Rianna besorgt zu Turmalon.

„Keine Sorge, hier oben kann uns nichts geschehen!“, versicherte der gelbe Drache, welcher ihre Bedenken offenbar mitbekommen hatte. „Wir brechen auf, sobald Gramil zurück ist.“

„Darf ich bis dahin erfahren, wer ihr seid?“, erkundigte Rianna sich neugierig. Schließlich wollte sie wissen, wem sie zu Dank verpflichtet war.

„Wie gesagt ist der Name meines Zwergischen Begleiters Gramil und ich bin …“, „… der Wächter höchst persönlich!“, unterbrach plötzlich Al’Askahra den Drachen, als diese wie aus dem nichts vor den Dreien erschien. „Es freut mich, dich endlich einmal wieder zu Gesicht zu bekommen. Deine letzten Besuche waren ja immer nur von sehr kurzer Dauer. Sodass mir meist erst bewusst wurde das du da warst, nach dem die Barriere neue Kraft geschöpft hatte!“

„Drakora!“, knurrte der Drache worauf Rianna ihn wegen dieses Namens überrasch ansah, „Ich bin erstaunt, dass du noch so viel Kraft besitzt, diese Gestalt so weit von deinem Körper zu manifestieren!“

„Drakora?“, wiederholte Rianna nachdenklich, da sie glaubte den Namen bereits gehört zu haben.

„Oh wundere dich nicht meine Liebe!“, wandte Al’Askahra ein, „Im Laufe der Äonen die mein Leben bereits dauert hat man mir viele Namen gegeben. Und es werden ohne Zweifel nochmal so viele Folgen. Also verzeih mir, wenn ich sie mir nicht alle merke. Wobei ‚Feind des Blutes‘, so wie die Drachen mich nannten, natürlich sehr viel beeindruckender klingt als das, ‚Einigerin der Stämme‘, der Lyzarie! Wobei mich die Drachen eigentlich ebenfalls so hätten nennen können. Schließlich war es mein Verdienst, dass ihr eure Fehden untereinander beiseitegelegt habt um mir entgegenzutreten!“

Der gelbe Drache kommentierte dies lediglich mit einem verachtenden Schnauben, was Al’Askahra wiederum amüsierte und leise lachte.

Dann begann sich ihre Gestalt zu ändern. Vor ihrer menschenähnlichen Erscheinung tauchten nun drei kleinere Figuren auf. Doch schienen sie im Gegensatz zu Al’Askahra auf vier Beinen zu stehen. Erst als Rianna sich die Gestallten näher an sah, bemerkte sie die Flügel auf ihren Rücken und war davon überzeugt, dass sie Drachen darstellen sollten. Eine Art Leine, die Al’Askahra in der Hand hielt, führte zu je einem der Dreien.

„Nun zu der Frage des Wächters, woher ich denn noch die Kraft besitze“, fuhr Al’Askahra fort und erhob die Hand in der sie die Leinen hielt. Dadurch zog sie die Drachen in die Luft, die sich wild zu winden begannen, so als würde man sie langsam würgen. Einen Moment später, in dem alle wie gebannt auf die zappelnden Gestallten starrten, ließ Al’Askahra sie wieder zu Boden. „Als man mich hier einsperrte, waren ja drei deiner Artgenossen so freundlich mir Gesellschaft zu leisten. Es hat ein wenig Zeit und viel Überzeugungskraft gebraucht, aber nun sind wir unzertrennlich! Sie würden mir sogar das letzte bisschen Kraft, dass sie besäßen, überlassen wenn es mir irgendwie helfen würde. Aber keine Angst. Soweit würde ich es niemals kommen lassen. Schließlich möchte ja niemand dass sie von uns gehen!“

„Diese Vorstellung hättest du dir sparen können!“, erwiderte der Wächter unbeeindruckt. „Die Drei sind damals gestorben, als sie dich in deine letzte Ruhestätte befördert hatten!“

„Oh ich ruhe hier in der Tat und warte geduldig darauf, wieder frei zu kommen. Aber es wird gewiss nicht für immer und schon gar nicht mein letztes Stätte, an der ich sein werde. Irgendwann werden auch diese Mauern zerfallen oder es kommt jemand der mich befreit. So war es immer und so wird es auch in Zukunft immer wieder sein!“, prophezeite Al’Askahra voller Überzeugung. „Und was diese Drei hier angeht. Es gibt wohl nichts was sie sich mehr herbeisehnen als den Tot. Doch werde ich ihnen diesen Wunsch nicht so schnell erfüllen. Nicht solange ich hier eingesperrt bin!“

Noch immer starrte der Drache regungslos auf Al’Askahra herab.

„Nun gut. Wenn ich dich nicht überzeugen kann, dann vielleicht jemand der dir etwas näher steht!“, überlegte Al’Askahra und zwei der geisterhaften Drachen verschwanden wieder.

„Nyrn!“, erklang nun die tiefhallende Stimme des übriggebliebenen.

Schlagartig weiteten sich die Pupillen des gelben Drachen und japste erschrocken: „Vater!“ Sein Kopf senkte sich zu der Gestalt herab und betrachtete sie genauer.

„Wir begangen damals einen großen Fehler!“, erklang abermals die hallende Stimme, „Denn nun ist dies auch unser Gefängnis. Bitte ich flehe dich an und lass uns hier raus. Drakora hält uns am Leben und als Gegenleistung malträtiert sie unsere Körper und quält unseren Geist. Weder gewährt sie uns Erlösung durch den Tot, noch lässt sie es zu dass wir unsern Verstand verlieren um es einfacher ertragen zu können. Bitte las die Barriere fallen. Ihr könntet alle noch ein langes und unbeschwertes Leben führen. Bis Drakora genügend Kraft gesammelt hat um dem Gefängnis entkommen zu können werden noch viele Jahre ins Land gehen!“

Die Worte trafen Nyrn wie ein Stich ins Herz. „Es erschüttert mich zu tiefst, dich so etwas sagen zu hören!“, schnaubte er verachtend und zog sich wieder von der Gestalt zurück. „Du scheinst vergessen zu haben welches Leiden sie Damals über uns gebracht hat. Jetzt willst du, dass sich dies wiederholt?“

„Wenn das alles ist was dich sorgt, werde ich mein Wort, welches ich Turmalon gegeben habe mit vergnügen einhalten!“, meldete sich Al’Askahra lachend wider zu Wort. „Ich habe ihm versprochen euch Drachen in Frieden zu lassen. Zwar hat er sich an seine Bedingungen, die ich an dieses Wort gestellt habe, nicht gehalten. Aber ich könnte darüber noch einmal Hinwegsehen!“

„Ich gebe einen Dreck auf dein Wort!“, stelle Nyrn unmissverständlich klar. „Denn selbst wenn du dich daran halten würdest, wäre noch sämtliches andere Leben bedroht. Und in einer Welt, in der es nichts anderes als Asche gibt, kann niemand leben. Ich habe eine Verantwortung, bei der ich meine persönlichen Interessen nicht über die aller anderen stellen kann. Auch dann, wenn dies wirklich mein Vater gewesen sein sollte. Daher bleibt meine Antwort: Nein!“

„Dann wird es mir eine Freude sein, deinen Letzten Atemzug abzuwarten. Welcher ja nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen wird!“, prophezeite Al’Askahra hämisch und ließ auch die letzte Drachengestallt wieder verschwinden. Besorgt sahen alle zu Nyrn, der diese vorhersage jedoch einfach an sich abprallen ließ. „Glaub nicht, ich hätte nicht bemerkt wie die Häufigkeit deiner Besuche zunahm und die Barriere jedes Mal mit weniger Kraft neu errichtet wurde!“

„Schweig!“, brüllte Nyrn plötzlich aus voller Kraft, als wolle er Al’Askahras Worte Lügen strafen. Dabei wäre Rianna vor Schreck beinahe aus dem Sattel gefallen, wäre sie nicht daran festgeschnallt. Erst danach fiel ihr auf, dass Al’Askahra verschwunden war. Suchend blickte sie sich nach ihr um, konnte sie aber nirgends entdecken.

„Wo ist Al’Askahra hin?“, fragte Rianna verwundert und schaute besorgt zu Nyrn, der angesträngt nach Luft schnappte. Augenblicklich löste sie die Riemen an ihren Beinen und sprang von Turmalons Rücken, um zu dem anderen Drachen zu eilen. Bevor sie jedoch bei ihm angelangte, geschah etwas weswegen sie staunend stehen blieb.

Aus einem ihr nicht begreiflichen Grund begann der Körper des Drachen langsam zu schrumpfen. Erst verschwanden seine riesigen Schwingen. Dann wurden Hals, Schwanz, Arme und Beine nach und nach immer kürzer und schmächtiger. Ebenso verformte sich sein Kopf. Der wunderschöne Glanz seiner Schuppen verschwand und wurde durch dunkle Brauntöne ersetzt, die sich schließlich als Kleidungsstücke herausstellten, die nun von eine menschlichen Gestalt getragen wurden.

Nyrn kniete vorn übergebeugt auf dem Boden und rang weiterhin nach Luft, während er am ganzen Körper zitterte. Langsam näherte Rianna sich wieder dem nun sehr alt wirkenden Mann. Gramil hingegen, welcher die Geschehnisse vom Eingang der Höhle aus beobachtet hatte, eilte, mit unverständlichen Flüchen auf den Lippen, umgehend zu ihm. Er wollte dem alten Mann hochhelfen. Allerdings hielt dieser ihn, mit beiden Händen abwehrend, davon ab. Der Zwerg schien dies jedoch nicht akzeptieren zu wollen. Er schlug die Hände beiseite und griff Nyrn unter die Arme, um ihm auf die Beine zu helfen.

„Las mich los! Du kannst mir jetzt nicht helfen!“, schrie er Gramil an und wiederholte es offenbar noch einmal auf Zwergisch, da er nur fragend angeblickt wurde.

Verärgert ließ ihn Gramil sogleich los und stapfte, abermals fluchend, beleidigt zurück zum Höhleneingang.

„Rianna, komm bitte zu mir!“, bat der alte Mann und sah dabei zu ihr auf.

„Nyrion!“, keuchte sie verblüfft als sie den Einsiedler aus ihrer Heimat wieder erkannte und ging einige Schritte zurück. „Du? Wie kann …“

„Ja Rianna, ich bin es!“, bestätigte der Mann, der vor wenigen Momenten noch ein Drache war und den sie, soweit sie sich zurückerinnern konnte, schon immer kannte. „Ich weiß dass du jetzt sehr viele Fragen hast und ich stehe wohl auch in der Schuld, sie dir alle zu beantworten. Aber das müssen wir auf später verschieben. Zuvor aber bitte ich dich zu mir zu kommen. Ich brauche deine Hilfe!“

Tief durchatmend gab Rianna sich einen Ruck und trat an den Mann heran. Tatsächlich hatte sie einige Fragen die ihr nun durch den Kopf gingen. So viele, dass sie nicht einmal wusste mit welcher sie anfangen sollte. Als sie dann aber unmittelbar vor ihm stand, schoss ihr nur eine Frage durch den Kopf: „Wie soll ich ihm helfen?“ Natürlich hätte sie ihm aufhelfen können. Doch hätte dies auch Gramil machen können. Über die Fähigkeit eine eventuelle Verletzung zu heilen, verfügte sie nicht. Diese könnte sie höchstens notdürftig versorgen. Allerdings erkannte sie auch hier keinen vernünftigen Grund, wieso der Zwerg dies nicht hätte erledigen können. Wobei sie sich fragte, ob eine Verletzung die … Nyrn als Drache erlitten hatte, während seiner Verwandlung verheilte.

Rianna ging vor ihm in die Hocke und begab sich so mit ihm auf Augenhöhe. Erleichterung und gleichzeitig Dankbarkeit zeigten sich in Nyrns Gesichtszügen, während sie noch immer verunsichert war.

„Ich bin froh zu sehen, dass es dir gut geht!“, meinte Nyrn lächelnd und blickte kurz über Riannas schultern hinweg zu Turmalon. „Das es euch beiden gut geht!“

Rianna blicke ebenfalls hinter sich zu dem schwarzen Drachen und fragte dann: „Du warst es der vor einigen Tagen mit mir gesprochen hat, oder?“ Sie wusste dass ihr die Stimme bekannt vor gekommen war, hatte sie aber nicht mit dem alten Einsiedler in Verbindung gebracht.

„Ja, das war ich!“, bestätigte Nyrn nickend.

„Und wer war diese Frau?“, wollte sie weiter wissen.

Nyrn schwieg einen Moment in dem sein Lächeln einer neutralen Miene wich und sagte schließlich: „Das wirst du noch früh genug erfahren. Aber Schluss jetzt damit. Für Fragen bleibt später noch genügend Zeit.“

Er erhob seine rechte Hand vom Boden und streckte sie Rianna entgegen. Diese wollte das Mädchen bereits mit beiden Händen ergreifen, doch wand Nyrn sich aus dem Griff und drückte ihr die flache Hand auf Höhe ihres Herzens gegen die Brust.

„Hab keine Angst. Dir wird nichts geschehen!“, versicherte Nyrn, da Rianna kurz zurückzuckte, als sich unter seiner Hand plötzlich eine ungewöhnliche Wärme in ihrem Körper ausbreitete. „Turmalon hat mir vorhin auf dieselbe Art geholfen und wie du siehst, geht es ihm gut.“

„Was geschieht gerade mit mir?“, wollte Rianna wissen, da ihr dennoch nicht behagte, was gerade geschah.

„Ich leihe mir ein wenig deiner Kraft!“, antwortete Nyrn ruhig.

„Er macht was?“, dachte Rianna und zuckte ein weiteres Mal zurück. Sie wollte sich von ihm lösen, konnte sich aber nicht mehr bewegen. Panisch rief sie nach Turmalon, das er ihr helfen sollte. Dieser reagierte sofort und erleichtert hörte sie die über den Boden klackernden Krallen des sich nähernden Drachen.

Behutsam strich er mit seiner Schnauze an ihrer Wange vorbei und sagte beruhigend: „Ich bin bei dir. Dir wird nichts geschehen!“

Einen Moment später löst sich Nyrns Hand wieder von ihrer Brust. Sogleich sprang Rianna nach hinten weg, da ihre Muskeln noch angespannt waren und sie sich nun wieder bewegen konnte. Dabei stolperte sie auf Turmalons Vorderpfoten.

Rianna strafte Nyrn mit einem entsetzten Blick wegen dem was er getan hatte. Weder seine noch Turmalons Worte hatten sie von der Richtigkeit dessen überzeugen können.

Langsam richtete sich Nyrn auf. Sowohl sein Zittern, als auch sein Ringen nach Luft hatte gänzlich nachgelassen. Schließlich sah er etwas verwundert zu Rianna, die sich unter Turmalon zu verstecken versuchte und begann herzlich zu lachen: „Du siehst mich an, als hätte ich dich gerade um zehn Jahre deines Lebens beraubt!“

Dann ging er zu ihr und reichte ihr eine Hand.

„Na komm schon!“, lachte Nyrn und suchte nach ihr unter dem Drachen. „Das war nichts was eine kräftige Mahlzeit und eine Nacht in einem bequemen Bett nicht wieder hinbekommen würden!“

Rianna schüttelte den Kopf. Nicht weil sie nicht wieder hervorkommen wollte, sondern weil sie sich gerade über die Lächerlichkeit bewusst wurde. Tage lang hatte sie es zugelassen das ein Dämon, der sicherlich nichts Gutes im Schilde führte,  ihren Kopf durchwühlte. Und nun sträubte sie sich so sehr vor einem Mann, der nur etwas Hilfe benötigte. Einem Mann, den sie zwar nur wenig aber dafür schon sehr lange kannte und immer sehr freundlich zu ihr war. Allerdings war er auch nicht das, was er vorgab zu sein. Wieder jemand der dies tat.

Rianna ergriff Nyrns Hand und ließ sich von ihm auf die Beine ziehen.

„Na siehst du, es ist alles in Ordnung!“, lächelte er sie freundlich an, was sie nur unsicher erwiderte.

„Aber wieso hast du das getan?“, wollte Rianna unbedingt wissen.

„Drakoras Worte versetzten mich in Rage. Ich wollte das Gegenteil ihrer Behauptungen beweisen und habe den Zauber, der ihr Gefängnis umgibt, erneuert. Zusätzlich habe ich eine zweite Barriere errichtet, welche es ihr für eine Zeitlang nicht mehr ermöglicht in Erscheinung treten zu können“, erklärte Nyrn. Doch verstand Rianna nur einen Teil von dem was er ihr zu sagen versuchte. „In meiner Wut habe ich jedoch all meine Reserven in diesen Zauber gelegt, um Drakora eines Besseren zu belehren. Deswegen habe ich mich von deinen bedient, denn sonst wäre ich vermutlich wieder für einige Zeit in Ohnmacht gefallen!“

Etwas Unverständliches in seinen Bart brummend, tauchte nun auch Gramil wieder auf. Mit sich führte er, zu Riannas Überraschung, ein Tier das sie als Vogelgreif zu erkennen glaubte.

„Unser Freund hier ist der Meinung, dass wir aufbrechen sollten!“, deutete Nyrn das Gegrummel des Zwergs, „Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. Allerdings müsste ich dich zuvor um einen weiteren Gefallen bitten!“

„Und um welchen?“, erkundigte sich Rianna, noch immer abgelenkt vom Anblick des exotischen Tiers.

„… meine Schülerin ist zusammen mit deinem Verlobten und zwei Spähern aus Horin auf der Suche nach dir und haben dabei bereits halb Eboria bereist!“, erklärte Nyrn. Zwar musste Rianna bei der Erwähnung von Aaron daran denken, wieso sie überhaupt erst in diesen Schlamassel geraten war und verdrehte genervt die Augen. Andererseits beeindruckte es sie, dass er ihretwegen eine solche mühe auf sich nahm. „In jedem Fall besitzt sie noch deine Drachenträne. Ich könnte über dich mit ihr in Kontakt treten und ihr mitteilen, dass du nun in Sicherheit bist und sie nach Horin zurückkehren können!“

„In Ordnung!“, stimmte Rianna umgehend zu. Sie wollte nicht, dass sich andere ihretwegen unnötig weiteren Gefahren aussetzten. „Was muss ich dazu tun?“

„Halte einfach nur still und vertraue mir!“, antwortete Nyrn mit ruhiger Stimme. „Den Rest werde ich übernehmen.“

Abermals legte er seine Hand auf Riannas Brust, was sie dieses Mal aber anstandslos zuließ.

«Ich hatte recht mit meiner Annahme und konnte Rianna in Kaz’Mordan finden. Ihr geht es gut und wir werden uns jetzt auf den Rückweg nach Horin begeben!»

„Zurück?“, fragte Rianna einerseits erfreut aber andererseits auch enttäuscht darüber, da sie noch gerne mehr von der Welt gesehen hätte. Zumindest solange dies nicht den Aufenthalt in einer Zelle beinhaltete.

„Es ist natürlich allein euer Beider Entscheidung wohin eure Wege danach führen und ob ihr sie weiter gemeinsam beschreitet!“, beschwichtigte Nyrn und nahm seine Hand wieder von Riannas Brust. „Es wäre mir aber ein Wunsch, wenn ihr beide mich zumindest bis Horin zurück begleiten würdet.“

Rianna und Turmalon sahen einander für einen Moment schweigend an.

„Ich habe zwar nicht gefunden wonach ich suchte, dafür aber etwas das nicht weniger Wertvoll ist!“, meinte der schwarze Drache und legte seinen Kopf über Riannas Schulter, worauf diese ihn umarmte. „Ich werde dich begleiten wo immer du hin gehst!“

„Ist das wirklich war?“, fragte Rianna freudestrahlend. Sie hatte den Drachen wieder losgelassen und sich zu ihm gewandt, um aus seinem Gesicht lesen zu könne ober es ihm tatsächlich ernst war. Beide blickten einander abermals in die Augen und wieder war es Turmalon der das Schweigen brach: „Natürlich ist es wahr! Außer du möchtest das nicht!“

„Selbstverständlich möchte ich!“, entgegnete Rianna froh jauchzend und umarmte den Drachen erneut, unter den wohlwollenden blicken von Nyrn und Gramil.

„So, nun sollten wir aber wirklich los!“, drängte Nyrn.

„Einverstanden! Doch bevor es auf dem Heimweg geht, werde ich Rak'Zunaih noch einen Besuch abstatten, damit er sich an seinen Teil der Abmachung hält!“, erklärte Turmalon, weshalb Rianna ihn entgeistert anstarrte.

„Was für eine Abmachung?“, erkundigte Sich Nyrn ebenfalls verblüfft.

„Ich sollte Rianna befreien, bevor sie Al‘Askahra in irgendeiner Weise helfen würde“, erläuterte der Drache, „Im Gegensatz dafür würde Rak'Zunaih mir die Drachenträne geben und wir hätten dann hingehen können wo immer wir wollen.“

„Das war alles?“, hakte Nyrn nicht gänzlich überzeigt nach.

„Nein!“, erwiderte der Drache kopfschüttelnd, „Aber ich war mindestens genauso überrascht wie du, dass er mir plötzlich meine Freiheit schenken wollte und konnte es kaum glauben. Doch er hatte mir sogar einige Ratschläge gegeben wie mir dies am besten gelingen würde!“

Nun schwieg Nyrn für einen Augenblick. Man konnte ihm regelrecht ansehen, dass er darüber sinnierte, was Rak'Zunaih verhalten bedeutete und welche Beweggründe er dafür hatte.

„Wolltet ihr euch irgendwo treffen?“, fragte Nyrn schließlich.

„Ja, außerhalb der Stadt“, antwortete Turmalon.

„Gut, fliegt voraus und trefft euch mit ihm. Wir werden euch folgen, aber vorerst nur beobachten was er vorhat!“, erklärte Nyrn und sowohl Turmalon als auch Rianna stimmten dem nickend zu.

Wenige Momente später saß Rianna wider im Sattel und Turmalon erhob sich in die Luft. Währenddessen Nyrn sich noch mit Gramil unterhielt und ihm erklärte was als nächstes geschehen würde.

Zügig zogen Turmalon an den Häusern der Stadt und dessen Bewohnern vorbei. Schnell hatte er das erste Stadtviertel hinter sich und war dem lichten Wald gewichen, in dem Rianna nun auch verschiedene Tiere zwischen den Bäumen umherstreifen sah. Es folgte die hohe Felswand, welche rasch überflogen war bis schließlich der Bruchwald vor ihnen lag.

Turmalon flog einen scharfen Schlenker nach links und blieb in der Nähe der Berge. Nach einer Weile tauchte eine große Lichtung auf, die im Gegensatz zum Rest des Waldes, nicht Unterwasser lag. Geradewegs hielt der Drache darauf zu und landete wenig später in der Mitte des freiliegenden Platzes.

Aufmerksam sahen sowohl Turmalon als auch Rianna sich um und suchten im angrenzenden Wald zwischen den Bäumen nach Rak'Zunaih.

„Er scheint nicht hier zu sein!“, bemerkte Rianna und musterte weiterhin den Waldrand, „sollen wir warten oder es dabei belassen und einfach von hier verschwinden?“

„Nein, lass uns warten!“, entschied Turmalon und ließ seine Blicke nun Richtung Himmel schweifen. Rianna tat es ihm gleich und suchte nach Nyrn und dem Zwerg mit seinem Greifen. Doch auch die Beiden konnte sie nirgends entdecken.

„Bist du dir überhaupt sicher, dass Rak'Zunaih weiß dass wir hier auf ihn warten?“, gab Rianna mit einem unwohlen Gefühl zu bedenken. Dabei war ihre größte Sorge nicht einmal die, hier um sonst zu warten.

„Irgendwie würde es mich wundern wenn er es nicht wüsste!“, entgegnete Turmalon und sah nun stur in eine Richtung, von die er den Lyzarie offensichtlich erwartete. Bei genauerem Hinsehen erkannte Rianna auch den Grund dafür. Denn nur dort befand sich ein schmaler Holzsteg der aus dem Wald auf den Platz führte.

Seufzend tat Rianna nach einer ihr ewig vorkommenden weile ihre Langeweile kund und ergänzte es mit einem ausgiebigen Gähnen. Erwartungsvoll schreckte sie auf als der Drache, der die ganze Zeit bewegungslos abwartete, sich plötzlich regte. Er breitete seine Flügel aus und begann sich allmählich in die Luft zu erheben.

„Er wird nicht mehr kommen!“, war nun auch Turmalon davon überzeugt und nahm Rianna die Frage vorweg, was los sei. „Also hat es keinen Zweck …“, mitten im Satz stockte er zischend, gefolgt von einem leisen knurren. Dann begab er sich wieder zu Boden und brüllte: „Komm endlich aus deinem Versteck Rak'Zunaih und zeig dich!“

Wie aufs Kommando kamen plötzlich aus allen Richtungen insgesamt acht, mit Speeren bewaffnete, Lyzarie gerannt. Diese richteten sie gegen den Drachen und stürmten auf ihn zu, blieben aber, mit ausreichendem Abstand, kurz vor ihm stehen.

„Wie lange versteckst du dich schon hier?“, brüllte Turmalon, denn das Ganze im Gegensatz zu Rianna, die sich hektisch umsah, wenig beeindruckt hatte, einem Lyzarie entgegen der nun ebenfalls auf sie zukam. Er schritt zwischen zwei der Kämpfer vorbei, worauf hin alle acht gleichzeitig ihre Waffen anhoben und neben sich hielten.

„Schon eine ganze Weile“, antwortete Rak'Zunaih und blieb unmittelbar vor den Drachen stehen. „Ich wollte sehen wieviel Geduld du aufbringen kannst.“

Dies quittierte Turmalon jedoch nur mit einem abwertenden Schnauben.

„Aber wie ich sehe warst du erfolgreich!“, fuhr der Lyzarie unbeirrt fort.

„Gib mir die Drachenträne Rak'Zunaih. Damit wir das endlich hinter uns bringen können und ich dich nie wieder sehen muss!“, forderte Turmalon ungeduldig knurrend, „Und leugne nicht, dass du sie bei dir hast. Du hast mir gerade, beispielhaft wie immer, vorgeführt was du alles damit anstellen kannst!“

Wissend begann der Lyzarie zu grinsen. Langsam holte er aus einer Tasche an seinem Gewand den Stein und betrachtete ihn einen Moment.

„Tar’Aknaris war sehr davon überzeugt, dass du der Wächter bist“, meinte Rak'Zunaih, nun an Rianna gerichtet. „Ich würde zuvor gerne wissen ob er Recht hatte.“

Rianna erinnerte sich, dass Tar’Aknaris so etwas sagte. Schließlich war es ja der Grund wieso sie bei Al‘Askahra war. Aber hatte sich erst vor wenigen Momenten erfahren das Nyrn dies in Wirklichkeit war. Was sie jedoch mit dem ganzen zu tun hatte wusste sie nicht.

„Nein, bin ich nicht!“, antwortete sie daher Wahrheitsgemäß, woraufhin Rak'Zunaihs grinsen augenblicklich verschwand und er seine Hand um die Drachenträne zu Faust schloss.

„Wir hätten uns das Ganze also sparen können!“, meinte er plötzlich wie ausgewechselt. „Na immerhin wird sich Tar’Aknaris darüber freuen, wenn ich ihm die vermeintliche Wächterin wieder zurückbringe!“

„Hätte ich mir auch denken können, dass deine Worte nicht den Atem wert sind den sie Verschwenden!“, knurrte Turmalon und spannte seinen Körper an. „Aber glaub nicht, dass ich das zulasse. Eher reiß ich dir hier und jetzt den Kopf ab. Daran werden auch deine Lakaien nichts ändern können. Also. Letzte Chance mir die Träne freiwillig zu geben!“

Eine Kurze Handbewegung von Rak'Zunaih genügte und die Lyzarie richteten ihre Waffen wieder gegen den Drachen, weswegen Rianna nochmals die Umgebung nach Nyrn und Gramil absuchte.

„Wir können es gerne auf einen Versuch ankommen lassen!“, erwiderte der Lyzarie provokant und stand dabei noch immer direkt vor Turmalon. „Aber ich bezweifle, dass du gegen meine ‚Lakaien‘ eine Chance hast. Das sind nicht die gleichen Kämpfer mit denen du es sonst auf diesem Platz zu tun hattest!“

Endlich entdeckte Rianna den Greif des Zwergs, wie er sich ihnen näherte. Doch statt von einem Drachen, wurde er von einem großen Falken begleitet. Schnell kam sie zu dem Schluss, dass dies nur Nyrn sein konnte. Denn wenn er seine Gestalt zwischen Drache und Mensch wechseln konnte, wieso dann nicht auch in einen Vogel. Sie nahm an, dass er die Form gewählt hatte, da sie weniger auffällig war als ein Drache, der versuchte sich zu verstecken. Aber sie war nicht die einzige, die die Beiden entdeckt hatte. Einer der Lyzariekämpfer machte Rak'Zunaih auf die Neuankömmlinge aufmerksam.

Augenblicklich wandten sich drei der Lyzarie Nyrn und dem Zwerg zu, als diese, mit ausreichendem Abstand zu den Speerträgern, landeten.

Geistesgegenwärtig nutze Turmalon die Gelegenheit und schwang sich schnell in die Luft. Zwar versuchten die Lyzarie mit ihren Waffen dem Drachen noch nachzusetzten, doch war dieser bereits außerhalb ihrer Reichweite, sodass Turmalon unbeschadet neben Nyrn und Gramil landen konnte.

Die Lyzarie, die ihre Unaufmerksamkeit wieder wettmachen wollten, reagierten umgehend und formierten sich neu. Diesmal bildeten sie eine Linie und standen nun zwischen ihrem Anführer und der Vierergruppe.

„Was meint ihr damit, dass ihr derjenige seid den ich suche?“, rief Rak'Zunaih verärgert.

Da jedoch niemand zuvor etwas gesagt hatte, ging Rianna davon aus der Nyrn telepathisch mit ihm sprach.

Rak'Zunaih ging abermals zwischen seinen ‚Männern‘ vorbei, wobei Rianna sich sicher war, dass auch einige Weibliche Lyzarie unter ihnen waren, und wandte sich an Gramil: „Los antworte, ich habe euch etwas gefragt!“

Gramil, der zwischenzeitig vom Greifen gestiegen war und sich mit der Axt schützend vor die anderen gestellt hatte, schritt Rak'Zunaih drohend entgegen, als dieser näher kam.

Die anderen Lyzarie bereiteten sich darauf vor ihren Anführer wenn nötig zu verteidigen. Doch dieser hielt sie mit einer weiteren Handbewegung zurück, blieb aber ebenfalls auf gebührendem Abstand zu der Gruppe.

Nyrn breitete seine Flügel aus, die für einen Falken eine erstaunliche Spannweite hatten aber für seine Größe wohl auch erforderlich waren. Dann begann sich sein Aussehen wieder zu ändern. Die schwingen verkürzten sich und wurden zu seinen Armen und auch der Rest änderte sich diesmal so schnell, dass man es kaum erfassen konnte. Schließlich war er wieder der alte Mann und ging nun seinerseits auf Rak'Zunaih zu.

„Wer seid ihr?“, fragte der Lyzarie sichtlich erstaunt, doch bemerkte man auch seine Unsicherheit.

„Ihr sucht doch nach dem Wächter“, erwiderte Nyrn, noch immer auf Rak'Zunaih zugehend. „Nun hier bin ich! Aber bevor ich dir Rede und Antwort stehe, würde ich gerne von dir wissen wieso du nicht wolltest, dass … Al’Askahra befreit wird. Schließlich sieht das euren sonstigen Bestrebungen nicht sehr ähnlich!“

„Weil diese Ehre dann Tar’Aknaris zugekommen wäre und ich dies unter keinen Umständen zulassen konnte!“, erläuterte Rak'Zunaih.

„Ein Lyzarie der gegen die sonst unantastbare oberste Kaste seines Volkes aufbegehrt?“, wunderte sich Nyrn wodurch nun Rak'Zunaih wieder an Sicherheit gewann und leicht zu grinsen begann. „Ich nahm an die Lyzarie dulden ein solches Verhalten nicht. Dennoch scheint ihr es sehr weit gebracht zu haben!“

„Das ist nicht besonders schwierig, wenn man den, so sehr von sich überzeugten Priestern glaubhaft machen kann, dass man jeden ihrer Befehle befolgt!“, lachte Rak'Zunaih höhnisch, „Dann muss man sie nur noch mit kleinen Häppchen füttern und bei Laune halten. Schon kann man ohne Verdacht zu erwecken den Rest der Beute behalten!“

„Ihr gehört zu den Kahdarie!“, stellte Nyrn nach einer Weile fest, in der er den Lyzarie eingehend musterte. „Ihr seid nicht empfänglich für Al’Askahras Suggestionen.“

„Ich habe nichts mehr gemein mit diesem Abschaum der Trotz des Segens, nicht durch die Priester beeinflusst werden zu können, vergeblich alles dafür geben deren Gunst zu erlangen!“, wiedersprach Rak'Zunaih verärgert. „Außerdem ist es nicht Al’Askahra sondern deren Priester, die in deren angeblichen Namen handeln und dies ohne Rücksicht ausnutzen! Also wage es gar nicht erst ihren Namen in den Schmutz zu ziehen!“

„Oh, ich befürchte du irrst dich gewaltig!“, widersprach Nyrn kopfschüttelnd „Die Priester sind lediglich Al’Askahras Marionetten. Sie sorgen dafür, dass dein Volk macht was sie verlangt.

Als ich hörte, dass du ihre Befreiung verhindern wolltest, hoffte ich dass dies endlich einige in deinem Volk erkannt haben mit denen ich zum Dialog bereit gewesen wäre! Doch wie ich bedauerlicherweise feststellen muss, würde nur die eine Marionette gegen eine andere ausgetauscht. Ihr solltet endlich verstehen, dass wenn ihr Al’Askahra befreit, ihr die ersten sein werdet die ihrem Hunger erliegen. Allerdings wäre dann niemand mehr in der Lage sie daran zu hindern!“

„Alles Lügen!“, schrie Rak'Zunaih aufgebracht, beruhigte sich dann aber schnell wieder. „Dieselben lügen die auch von einer gruppe fehlgeleitete Geister verbreitet wird!“

Rianna konnte den innerlichen schmerz den Rak'Zunaih erlitt als er dies sagte förmlich spüren als er abwesend zu Boden blickte. Es wunderte sie, dass dieser Lyzarie solche Gefühle an den Tag legen konnte, wo es ihn doch so wenig Kümmerte wie es Turmalon, den anderen Drachen und ihr erging.

„Wie ich sehe hat es keinen Zweck euch vom Gegenteil zu überzeugen!“, erkannte Nyrn, „daher sehe ich auch keine Notwendigkeit mich weiter mit euch zu unterhalten. Bevor wir jedoch gehen, verlange ich das ihr mir die Drachenträne gebt!“

Zähneknirschend blickte Rak'Zunaih den alten Mann an, um dann einen verstohlenen Blick nach rechts und links auf seine Untergebenen zu werfen, die mit gezückten Waffen noch immer bereit standen.

Fluchend warf er den Stein mit einer hastigen Bewegung Nyrn entgegen und meinte: „Sollte jemals wieder einer von euch mir unter die Augen treten, werde ich nicht so gnädig sein!“ Eine weitere Handbewegung von ihm  folgte und die anderen Lyzarie schulterten ihre Waffen und marschierten in einer Zweierreihe ab.

„Mach dir darum keine Sorgen!“, knurrte Turmalon Rak’Zunaih entgegen, der unterdessen seinen Untergebenen folgte und dies mit einem verachtenden Blick zur Kenntnis nahm. „Sollten wir uns je wieder sehen, kannst du nur hoffen wenn ich es schnell zu Ende bringe!“

Kopfschüttelnd wandte sich Nyrn dem Drachen zu und seufzte enttäuscht: „Diese Drohung wäre nicht notwendig gewesen!“ Weiter sagte er aber nichts dazu. Stattdessen begutachtete er die schwarze Drachenträne in seiner Hand und nickte zufrieden.

Aufmerksam von Turmalon beobachtet, übergab Nyrn den Stein schließlich an Rianna. Mahnte jedoch: „Verlier sie aber nicht wieder, sondern pass gut darauf auf!“

Empört wollte Rianna wiedersprechen. Denn sie hatte die Träne nicht verloren, sondern sie wurde ihr aus dem Rucksack gestohlen. Aber er hatte Recht. Hätte sie besser darauf aufgepasst, wären sie vermutlich nicht hier! Daher versprach sie: „Ich werde gut darauf aufpassen und sie ab jetzt immer bei mir tragen!“

Sie umschloss den Stein mit beiden Händen und sah zu Turmalon, der ihr zustimmend zunickte. Erleichtert freute Rianna sich darüber, dass der Drache ihr den für ihn so wichtigen Stein erneut anvertraut. Sie schwor sich alles dafür zu tun ihr Versprechen einzuhalten und überlegte zugleich wie sie dies am besten umsetzten konnte!

„Wir werden jetzt zunächst Richtung Kebor fliegen“, verkündete Nyrn seine Reisepläne, „das ist der Schnellste weg, diesen verfluchten Wald zu verlassen. Allerdings werden wir dafür etwa bis morgen Mittag unterwegs sein. Ich würde gerne vermeiden, an diesem Ort auch nur eine Nacht zu verbringen. Daher schlage ich vor das wir ohne Pause bis dorthin durchfliegen. Sobald wir den Bruchwald hinter uns haben können wir gerne eine Ausgiebige Rast einlegen.

Von Gramils Greifen weiß ich, dass er das bewältigen kann, auch wenn er dieselbe Entfernung bereits heute Morgen zurücklegte. Schließlich musste er, um von Norour hier herzukommen, das Meer überqueren. Dafür war er auch mindestens drei Tage unterwegs. Aber wie steht es mit dir Turmalon? Traust du dir die Strecke bis Kebor zu?“

„Ich weiß nicht“, antwortete Turmalon zögerlich, „Eine solch weiten Weg und dann noch in der Nacht bin ich noch nie am Stück geflogen! Sogar Rak’Zunaih gewährte mir auf langen Strecken zwischendurch eine Pause ein.“

„Das wirst du schon schaffen!“, sprach Rianna ihm Mut zu, „Wenn ein kleiner Greif so etwas kann, wirst du das doch schon lange können!“

Zwar bedachte Nyrn sie dafür mit einem zweifelnden Blick, sagte aber nichts. Er schien zu wissen was Rianna damit bezwecken wollte.

„So oder so werden wir es nie herausfinden, solange ich es nicht versuche!“, meinte Turmalon zuversichtlich und schlug auffordernd einige male mit den Flügeln ohne jedoch abzuheben.

„Ist der Wald wirklich verflucht?“, erkundigte sich Rianna besorgt. Auch wenn sie bis vor einiger Zeit nicht an so etwas geglaubt hätte, war sie nun sehr viel offener solchen Dingen gegenüber.

„Nein! Er ist lediglich die Heimat der Lyzarie“, beruhigte Nyrn sie, was in ihren Ohren aber nur ein wenig besser klang. „Wie weit sich ihr Territorium erstreckt weiß ich nicht genau. Daher gehe ich lieber ganz sicher.“

Orientierungslos blickte Drakora sich in der plötzlich aufgekommenen völligen Dunkelheit um. Es dauerte einen Moment bis ihr bewusst wurde, dass sie wieder zurück in ihrem Körper war.

„Wie ist ihm den das gelungen?“, wunderte sich die Dämonin und musste grinsen. „Da habe ich wohl einen wunden Punkt getroffen. Aber schade für euch, dass ihr den Wächter nicht überzeugen konntet!“ Sie öffnete ihre Hand, die sie vor sich hielt, und erblickte das schwach, aber schnell pulsierende Licht dreier Kristalle die darin verborgen waren. Diese glommen in den Farben des jeweiligen Drachen der in ihm gefangen war, doch schon lange nicht mehr so hell wie einst als sie darin eingesperrt wurden. Nun erreichte das Licht nicht einmal mehr Drakoras Handfläche.

Unvermittelt blickte sie über sich auf den Riss in ihrem Gefängnis. Auch wenn sie ihn nicht sehen konnte, wusste sie doch, dass er da war. Schließlich hatte sie ihn selbst vor vielen Jahrhunderten mit bloßen Händen geschaffen. Als sie damals bemerkte dass die Schutzrunen erloschen, begann Drakora umgehend damit sich gegen ihr Gefängnis zu stemmen und mit aller Kraft darauf einzuschlagen. Sie hatte geahnt, dass die Wände ohne diesen Schutz ihr nicht ewig wiederstehen konnten. Trotz dass sie aus demselben, nahezu unverwüstlichen Material bestanden aus dem auch ihr Gefängnis bestand mit dem sie auf diese Welt gebannt wurde.

Noch immer grinsend, löste Drakora ihren Geist vom Körper um erneut dem Wächter entgegenzutreten. Sie war der Meinung, dass er seinen Triumpf über sie nun lange genug auskosten durfte. Es war an der Zeit ihm zu zeigen, dass ein solch kleiner Rückschlag ihr keinen Dämpfer verpasste. Sondern sie  im Gegenteil nur noch mehr anspornte.

Ihr Geist durchdrang den Riss und sie spürte vor sich die Barriere. Diese besaß leider die unangenehme Eigenschaft, dass keinerlei magischen Energien durch sie von außen eindringen konnte. Ihr einziger Fehler war, dass dies umgekehrt sehr wohl möglich war.

Auch bemerkte Drakora, wie nicht anders zu erwarten war, dass der Wächter die Barriere erneuert hatte, als sie diese passierte. Allerdings entgegen ihrer Aussage, hatte sie nun wieder sehr viel mehr Energie als die male davor.

„Eindeutig ein wunder Punkt!“, freute sich Drakora hämisch und war gespannt zu sehen wieviel Kraft dies den Wächter gekostet hatte. Sie hoffte dass er noch bei Bewusstsein war, damit er begriff wie zwecklos sein Handeln war.

Plötzlich erkannte die Dämonin wieso sie zurück in ihren Körper gezwungen wurde, als sie gegen eine zweite Barriere stieß. Deren Zweck offensichtlich das genaue Gegenteil der ersten war und so ihr durchkommen  verhinderte.

Abermals musste Drakora innerlich lachen. Denn auf diese Weise würde jegliche Energie, die durch die Barriere drang, zwischen dieser und der Anderen gefangen sein und sich solange Aufstauen bis beide Bersten würden.

Ihre Freude währte jedoch nur von kurzer Dauer, als sie bemerkte dass die neue Barriere sehr viel schwächer war und so daher eher nachgeben würde. Wahrscheinlicher war sogar, dass sie sich vorher auflöste.

Schmollend zog sich Drakora wieder in ihren Körper zurück und erblickte als erstes die drei Kristalle in ihrer, noch immer geöffneten Hand, die sich in ihrer Abwesenheit keinen Fingerbreit bewegt hatte.

„So wie es aussieht werden wir wohl endlich wieder etwas Zeit miteinander verbringen!“, meinte sie zu den Kristallen. Nacheinander berührte sie erst den roten, dann den blauen und schließlich den gelben mit ihren krallenbewährten Fingern und glühten dabei kurz auf. „Ihr fühlt euch doch bestimmt schon einsam, solange allein gelassen mit dem Nichts!“

Kurz überlegte Drakora ob sie nicht gleich ein- oder zweitausend Jahre verstreichen lassen sollte um zu sehen ob ihre Chancen zu entkommen günstiger für sie wären. Doch verwarf sie den Gedanken wieder. Denn sie war neugierig zu erfahren, wie Tar’Aknaris mit dieser Situation umgehen würde. Sie liebte es mit ihm zu spielen. Ihm Antworten zu geben, wenn er mal wieder nach ihrem Rat bat, die in ihm nur noch mehr Fragen aufwarfen, es aber nicht wagte nach einer Erklärung zu fragen. Oder sie ihm kaum zu erfüllende Anweisungen gab, nur um zu beobachten wie er sich mit Ausflüchten versuchte aus der Schuld zu winden.

Nein, das wollte Drakora sich nicht entgehen lassen. Also würde sie den kurzen Moment abwarten, bis sie wieder durch die Barriere käme. Was sind schon ein paar Jahre, wenn man ewig lebte. Schade fand sie nur dass sie sich an Tar’Aknaris flehentlichen Gejammer nicht ergötzen konnte, dass er ohne Zweifel in der Nächsten Zeit  von sich geben würde.