Rianna konnte nicht glauben, was ihr Vater gerade gesagt hatte. Mit weit geöffneten Augen stand sie fassungslos vor ihm und wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.
Ein junger Mann kam hinzu, verbeugte sich vor ihr und sagte: „Guten Abend. Ich bin Aaron und es ist mir eine Ehre!“
Es war eigentlich nicht nötig, dass er sich vorstellte. Er war der Sohn des Bürgermeisters und sie kannten sich seit der Kindheit. Aaron war in Riannas Alter und etwas größer als sie. Im Gegensatz zu seinem Vater, der klein und gedrungen wirkte, war er recht kräftig und scheute auch nicht davor, sich die Hände schmutzig zu machen. Im Grunde konnte Rianna ihn sogar gut leiden, da er einer der wenigen war, der sie früher nicht wegen ihrer Andersartigkeit gehänselt hatte. Dennoch war es nicht das, was sie wollte. Sie wollte selbst darüber entscheiden, wen sie lieben und heiraten wollte. Aus reiner Höflichkeit machte Rianna einen Knicks vor Aaron, sagte aber nichts.
„Lasst uns darauf anstoßen“, rief Otwin, der seinen anfänglichen Ärger scheinbar schon wieder vergessen hatte.
Kurz darauf saßen alle am Tisch und aßen und tranken, da Silvia bereits alles vorbereitet hatte. Otwin und Bürgermeister Osman saßen nebeneinander und schmiedeten die Hochzeitspläne. Wann sie stattfinden würde, wo gefeiert, wer für was aufkommen würde und so weiter. Das frisch verlobte Paar hatte ihnen gegenüber Platz genommen, doch schwieg sie sich einander an. Zwar versuchte Aaron sie immer wieder zu einem Gespräch zu bewegen, aber bis auf wenige Worte sagte sie nichts.
Später am Abend, nachdem Aaron und sein Vater gegangen waren, wollte Rianna ihren Vater zur Rede stellen. Da sie aber bemerkte, wie betrunken er war und es so schon schwierig genug war, mit ihm vernünftig zu diskutieren, wollte sie lieber bis Morgen warten. Daher ging sie auch sofort zum Schlafen auf ihr Zimmer. Dort leg sie jedoch wieder eine ganze Weile wach und ging gedanklich das Gespräch mit ihrem Vater durch.
Am nächsten Morgen sprach Rianna ihn sofort an, als dieser aufgestanden war und sich zu ihr und seiner Frau an den Tisch setzte.
„Wie kannst du mich nur jemandem versprechen, ohne mich überhaupt gefragt zu haben, ob ich das auch will?“, beschwerte sich Rianna gereizt zur Begrüßung. Otwin schien erst einen Moment zu brauchen, bis er überhaupt verstand, was seine Tochter von ihm wollte. Er nahm sich ein Stück Brot und eine Wurst und sah sie irritiert an.
„Ich habe gefragt, wieso du mich an Aaron versprochen hast, ohne vorher mit mir vorher darüber zu reden?“, wiederholte Rianna und schrie ihren Vater dabei schon fast an.
„Wie sprichst du überhaupt mit mir? Mäßige deinen Tonfall, mein Fräulein!“, erwiderte Otwin ebenfalls gereizt, „Weißt du wie lange es gedauert hat, bis ich überhaupt jemanden gefunden habe, der sich für dich interessiert? Ich befürchtete schon, ich müsste einen der Bauern fragen.“
„Mir wäre es lieber gewesen, wenn du mich gefragt hättest!“, meinte Rianna nun wieder etwas ruhiger.
„Um zu riskieren, dass du dir einen Bauernburschen anlachst und ich zum Gespött des ganzen Dorfes werde?“ erwiderte Otwin. „Niemals!“, und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch. „Also schätze dich Glücklich, dass ich eine solch gute Partie arrangieren konnte!“
„War ja klar, dass es hierbei wieder nur um dich geht“, sagte Rianna entrüstet, „aber mal davon abgesehen, war meine Mutter nicht auch die Tochter eines Bauern?“
„Das war etwas anderes!“, rechtfertigte sich ihr Vater.
„Natürlich, etwas anderes. Es ist immer etwas anderes“
„Du bist nun mal meine einzige Tochter! Ich möchte doch nur das Beste für dich.“, gestand Otwin. „Kannst du das nicht verstehen?“
„Wohl eher das Beste für dich, wie du gerade eben selbst zugegeben hast!“, wiedersprach ihm Rianna.
„Nun reicht es mir aber! Schluss mit der Diskussion! Ich habe meine Entscheidung getroffen und damit Ende der Diskusion!“, brüllte Otwin nun wieder.
„Aber…“
„Nein. Kein Aber! Ich höre mir das nicht länger an!“, unterbrach er sie und schlug zur Bekräftigung seiner Aussage ein weiteres Mal mit der Faust auf den Tisch.
Wütend stand Rianna von ihrem Platz auf. Mit Tränen in den Augen stürmte sie die Treppe zu ihrem Zimmer hoch und rannte dabei fast ihren Bruder um, der ihr verwundert hinterher sah. Sie verschloss die Tür und ließ für den Rest des Tages niemanden mehr an sich heran. Nicht einmal die tröstenden Worte von Silvia oder Erick konnten Rianna beruhigen oder gar herauslocken. Stattdessen weinte sie sich in den Schlaf, bis sie gegen Mittag wieder aufwachte.
Zum ersten Mal seit gestern Abend machte Rianna sich ernsthaft Gedanken darüber, ob sie mit der Entscheidung ihres Vaters akzeptieren konnte und wie es für sie weitergehen sollte.
Schließlich begann sie irgendwann einen Brief zu schreiben. Zwar war dieser nicht besonders lang, dennoch dauerte es bis zum Abend, bis sie ihn fertig geschrieben hatte. Sie faltete ihn zweimal, legte ihn dann in ihre Tasche und ging anschließend ins Bett.
Wie schon so oft in den letzten Tagen war Rianna schon in aller Frühe Wach und räumte eilig einige Gegenstände in ihre Tasche. Erschrocken wandte sie sich der Tür zu als sie aus dem Flur ein Geräusch vernahm. Dabei stieß sie jedoch den Stuhl um, auf dem ihr Rucksack stand, welcher dann mit einem für diese Tageszeit viel zu lauten Getöse umkippte. Hastig raffte sie alles wieder vom Boden auf. Allerdings hatte bereits jemand den Lärm bemerkt. Denn nur einen Moment Später öffnete sich die Tür und Rianna hörte Silvia besorgt fragen: „Ist alles in Ordnung? Ich habe …“. Mitten im Satz brach sie ab und sah Rianna erstaunt an. Diese hatte ihre Lederrüstung an, in der Silvia sie noch nie zuvor gesehen hatte.
„Was hast du denn vor?“, wollte Silvia nach einigen Momenten des Schweigens wissen. Besorgt trat sie ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
„Wonach sieht es denn aus? Ich will mich nicht länger von meinem Vater bevormunden lassen und verschwinde deswegen von hier!“, erwiderte Rianna entschlossen und griff nach ihrer Tasche.
„Ach Rianna. Glaubst du wirklich da Draußen wird es dir besser ergehen? Ich weiß das du und dein Vater oft nicht einer Meinung sind. Aber glaub ihm wenn er dir sagt, dass er nur dein Bestes möchte!“, beteuerte Silvia. „Außerdem wo willst du denn schon hin und wovon willst du Leben?“
„Oh, so hilflos, wie mein Vater das immer gerne hätte, bin ich nicht!“, entgegnete Rianna ihr fest entschlossen.
„Ach wenn das so ist, kannst du natürlich gehen“, meinte Silvia plötzlich und verließ kopfschüttelnd den Raum.
Erstaunt darüber, wie schnell ihre Stiefmutter aufgegeben hatte, stand Rianna nun da und starrte zur Tür. Erschrocken stellte sie fest, dass der Schlüssel, der sonst immer im Schloss steckte, fehlte. Im selben Moment hörte sie kurz ein kratzendes Geräusch und ein darauf folgendes Klacken.
Jäh wurde Rianna bewusst, dass gerade jemand die Tür abgeschlossen hatte und sie damit Eingesperrt. Ungläubig eilte sie vor zur Tür und rüttelte daran.
„Was soll das? Schließ die Tür bitte wieder auf!“, rief Rianna protestierend.
„Beruhig dich besser erst und denke dann noch einmal darüber nach, bevor du irgendwelche Dummheiten anstellst!“, antwortete Silvia gedämpft von der anderen Seite. Anschließend entfernten sich schritte von der Tür.
Fordernd, sie aus ihrem Zimmer zu lassen, schlug Rianna mit der flachen Hand auf das Holz. Doch blieb dies ungeschehen. Frustriert lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Tür und sank daran zu Boden.
Fieberhaft zerbrach Rianna sich den Kopf darüber, was sie nun tun sollte, während ihr Blick durch den Raum wanderte.
„Das Fenster!“, dachte sie, als ihr blick darauf hängen blieb. Rasch entwickelte sie ein neuer Plan und sprang, mit frischem Ehrgeiz erfüllt, auf. Schnell war es geöffnet. Doch als sie sich nach draußen beugte um die Höhe einzuschätzen, musste sie schlucken. Mit dem Gedanken im Kopf dort herunter zu springen, sah es nämlich tiefer aus als sie glaubte. Ihre einzige Alternative war jedoch, hier zu warten, bis jemand die Tür öffnete.
Rianna atmete einmal tief durch, nahm ihren Mut zusammen und stieg rückwärts aus dem Fenster. Zittrig fand sie mit den Füßen an einem Holzbalken Halt, der ein wenig aus der Wand ragte. Nun wieder etwas sicherer ging Rianna, sich am Fensterrahmen festhalten erst in die Knie und stieg dann mit einem Bein nach dem anderen von der Kante und ließ es herunterhängen. Als nächstes versuchte sie sich am Balken festzuhalten, auf dem sie zuvor noch gestanden hatte. Rutschte aber plötzlich ab, da der Vorsprung zu klein war und mit den Händen kaum halt daran fand. Glücklicherweise war es jedoch nicht mehr allzu weit nach unten und Rianna konnte den Fall leicht mit den Knien abfedern. Das Gewicht der Tasche, welche sie auf dem Rücken trug, zog sie jedoch nach hinten, und da sie nicht rechtzeitig reagierte, landete sie auf ihrem Hintern.
Seufzend stand sie wieder auf, befreite ihre Kleidung vom Staub. Ein Geräusch aus dem Haus ließ sie zusammenzucken und sich hektisch umsehen ob jemand ihren ungeschickten Absturz bemerkt hatte. Mit angehaltenem Atem horchte sie, aber schien sich nichts weiter zu regen und so machte sie sich auf den Weg, raus aus Horin. Ihr ein wenig geänderter „Fluchtplan“ hatte dummerweise zur Folge, dass sie einige Sachen, die sie noch aus dem Haus mitnehmen wollte, zurücklassen musste.
Durch die Seitengassen schleichend, kam Rianna sich wie eine Diebin auf Beutezug vor die möglichst vermeiden wollte gesehen zu werden. Auch wenn so früh morgens kaum jemand auf der Straße unterwegs war.
Am Tor angekommen, welches gerade geöffnet wurde, musste sie aber feststellen, dass sie nicht unbemerkt an den Wachen vorbei kam. Und über die Palisaden zu klettern, wäre erstens unnötig riskant und zweitens hätten sie die Wachen auf den Türmen mit Sicherheit entdeckt. Mangels Alternativen ging sie kurzentschlossen einfach an den wegen ihrer Ausrüstung verwunderten Torwachen vorbei, grüßte sie und eilte erleichtert Richtung Wald.
Kurz bevor sie ihr Versteck erreichte, hörte sie einige Stimmen aus dem Wald vor ihr.
„Na, schau einer an, was wir hier haben“, sagte ein großer, kräftiger Mann in einer abgetragenen Rüstung. „Ein kleines hübsches Mädchen, das ganz alleine durch den großen dunklen Wald irrt.“
„Vielleicht sollten wir sie begleiten und sicher nach Hause bringen“, meinte ein zweiter etwas kleiner und schmächtigerer Mann. Dieser packte Rianna von hinten an den Armen, was sie kurz vor Überraschung laut aufschreien ließ. „Oh, und welch wundervoll klingende Stimme sie hat.“
„Lass mich los!“, forderte Rianna, nachdem sie den ersten Schreck überwunden hatte. Zugleich versuchte sie sich loszureißen. „Weder irre ich hier herum, noch benötige ich eure Hilfe.“ Dabei gelang es ihr, einen Arm zu befreien, was es ihr erleichterte, auch den anderen aus den Fängen des Mannes zu entreißen, der ihre Kraft wohl einfach unterschätzt hatte. Dies schien ihm aber keineswegs etwas auszumachen, denn er sagte: „Temperamentvoll ist sie auch noch und nicht gerade zimperlich. Ich glaube, mit der werden wir noch jede Menge Spaß haben.“
Daraufhin begannen beide zu lachen und auch ein drittes Lachen stimmte mit ein. Dieses gehörte zu einem Mann, der etwa so groß war wie die anderen beiden und so kräftig wie der erste schien. Aber im Gegensatz zu den ersten beiden, die völlig zerzaustes Haar hatten, war er völlig kahl. Scheinbar etwas abwesend, war er damit beschäftigt eine Ziege, die er an einem Seil mit sich führte, an einen Baumstamm fest zu binden. Was dem Tier allerdings gar nicht gefiel, da sie unentwegt meckerte.
Rianna irritierte dies ein wenig. Drei, wie ihr nun langsam klar wurde, Banditen die mit einer Ziege im Wald spazieren gingen. Außer natürlich, sie hatten diese gerade erst von einer der Weiden mitgehen lassen. Andererseits sollte das eigentlich ihr geringstes Problem sein. Denn sie stand unbewaffnet drei bewaffneten Männern gegenüber, die ganz klar nichts Gutes mit ihr im Sinn hatten. Aber selbst, wenn sie etwas zur Verteidigung gehabt hätte, standen ihre Chancen eher schlecht.
„Lasst sie wieder frei!“, hörte man plötzlich jemanden aus Richtung Horin rufen, und sowohl Rianna als auch die drei Männer wandten sich der Stimme zu. Der Kahlköpfige nutzte jedoch gleichzeitig Riannas Unaufmerksamkeit, packte sie wieder und sagte: „Hab ich dich!“ Dies wiederrum ließ Rianna erneut aufschreien.
„Ich sagte, ihr sollt sie wieder freilassen!“, protestierte ein, wie Rianna nun erkannte, Hirte, der für einen der Bauern arbeitete. Er war weit jünger und kleiner als sie und sah auch nicht sehr kräftig aus, aber zumindest wollte er helfen. Aber selbst mit dem Stock den er in Händen hielt, konnte er wohl kaum mehr ausrichten als Rianna es unbewaffnet vermochte.
Der Junge, den Rianna nur vom Sehen her kannte, blieb einige Schritt vor der Gruppe stehen und versuchte, möglichst bedrohlich zu wirken. Was wegen seiner Statur jedoch eher lächerlich wirkte.
„Sieh an. Der edle Ritter ist gekommen, um seine holde Maid zu befreien“, spottete der kräftigere der drei amüsiert. Demütig fügte er hinzu: „Habt Gnade. Wir wussten nicht, dass man sie euch bereits versprochen hat.“ Woraufhin die Banditen anfingen zu lachen.
„Dann gebt mir endlich die Ziege zurück, bevor ich …“ Mitten im Satz stockte dem Jungen plötzlich der Atem.
„Bevor du WAS?“, fragte der Schmächtige drohend.
„Moment mal. Hat er Ziege gesagt? Du bist nicht wegen ihr hier“, und zeigt dabei auf Rianna, „sondern wegen unserem Abendessen?“, woraufhin er ohne hinzusehen in die Richtung der Ziege wies. Der Hirte nickte zögerlich mit dem Kopf, wodurch die Drei in ein schallendes Gelächter verfielen.
Nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten, sagte der Bandit, welcher auch vorher gesprochen hatte: „Ich glaube, wir müssen dir mal eine Lektion erteilen. Denn niemand rührt unser Essen an!“ Dann zog er sein Schwert und ging langsam auf den Jungen zu.
Währenddessen hörte man hinter den drei Männern ein leises Knacken und die bis dahin meckernde Ziege gab keinen Ton mehr von sich. Davon bekam aber niemand etwas mit, bis auf den jungen Hirten, welcher das gesamte Schauspiel beobachtet hatte, das hinter den Banditen stattfand. Angsterfüllt weiteten sich seine Augen, bis er dann schreiend so schnell er konnte davonlief.
„Ja, lauf du nur zu deiner Mutter zurück!“, und alle begannen wieder zu lachen.
„Danke für dieses köstliche Frühstück“, meinte eine tiefe Stimme abermals hinter der Gruppe. „Ich freue mich schon darauf, es gleich genießen zu dürfen.“
Während die Männer sich umdrehten, um zu erfahren, von wem sie diesmal gestört wurden, wusste Rianna sofort, um wen es sich handelte.
Die drei machten einen Schritt zurück und zogen nun alle ihre Schwerter, als sie den Drachen erblickten. Rianna ergriff die Gelegenheit und lief an Turmalons Seite, da der Kahlköpfige sie wieder losgelassen hatte.
Auch Turmalon machte sich nun zum Kampf bereit und fauchte: „Sag deinen Freunden sie sollen ihr Waffen wieder wegstecken, bevor sie wie diese Ziege enden!“
„Das sind keine Freunde von mir!“, korrigierte Rianna ihn, „Ganz im Gegenteil. Ich bin mir sicher sie wollten mir etwas antun!“
Knurrend bleckte Turmalon die Zähne als er das hörte und machte einen Schritt auf die Banditen zu, während er Rianna mit seinem Flügel hinter sich schob.
„Kommt, Männer. Wir werden uns doch nicht von einer zu groß geratenen Echse mit Flügeln erst unser Essen, und dann die neue Spielgefährtin wegschnappen lassen“, stachelte der Kräftige, welcher wohl der Anführer der drei zu sein schien, die anderen beiden an.
„Und zu guter Letzt droht er uns auch noch“, stimmte der Schmächtige zu und holte mit seinem Schwert zum Angriff aus.
Dann stürmten alle drei frontal auf Turmalon zu.
Der Drache, welcher wieder bei bester Gesundheit war, machte einen Satz über sie hinweg und schlug zwei mit seinem Schwanz von den Füßen, während er sich wieder zu ihnen herumdrehte. Der Kahlköpfige, welcher noch auf den Beinen Stand, machte sofort kehrt und griff wieder an. Er holte mit dem Schwert aus, schaffte es aber nicht, den Schlag auszuführen, da Turmalon ihm entgegenlief und mit einem heftigen Schlag seiner Pranke zur Seite schleuderte. Durch den Schlag benommen taumelte der Bandit einige Schritt umher und versuchte dann, auf sein Schwert gestützt, seine Sinne wieder zu sammeln.
Turmalon wandte sich schnell den anderen beiden zu, da diese sich langsam wieder aufrappelten. Jedoch nicht ohne denjenigen, welchen er zuvor verfehlte, mit seinem Schwanz den Boden unter den Füßen wegzuschlagen. Zufrieden quittierte der Drache dies mit einem Grinsen und sprang dann auf die nun wieder stehenden Banditen zu, nur um sie erneut in den Dreck zu werfen.
Leise knurrend schritt er langsam auf die beiden am Boden liegenden Gegner zu, die, als sie den Drachen auf sich zukommen sahen, panisch versuchten von ihm weg zu krabbeln. Turmalon jedoch stieg er mit je einer seiner Vorderpranken auf die Brust der Banditen und sorgte so dafür, dass sie ihn weder Angreifen noch vor ihm fliehen konnten.
Dann neigte er seinen Kopf und Fauchte beiden ins Gesicht: „Ein Glück für euch, dass bereits für mein Essen gesorgt ist und ich Menschenfleisch verabscheue! Also nehmt euren Freund dort hinten…“ Turmalon blickte in die Richtung, von der er dachte dort läge noch der dritte Bandit am Boden. Stattdessen versuchte dieser sich von hinten an den Drachen heranzuschleichen. Als der kahlköpfige Bandit jedoch bemerkte, dass er entdeckt wurde, sprintete er mit dem Schwert in der Hand los, um abermals anzugreifen. Allerdings wurde er ein weiteres Mal vom Schwanz des Drachen gestoppt, der ihn völlig unvorbereitet an der rechten Schulter traf, und ihn deswegen einige Schritt zur Seite schleuderte, wo er vor einem Baum im Laub liegen blieb.
„So, wo bin ich stehen geblieben?“, fragte sich Turmalon und vernahm dabei einige klagende Laute unter sich. „Ach ja, auf euch!“ Er neigte seinen Kopf wieder zu den beiden unter seinen Pranken liegenden Banditen. „Ihr nehmt also euren Freund, der nun dort drüben liegt.“ Dabei sah Turmalon nochmals kurz auf, um sicherzustellen, dass dies auch wirklich noch der Fall war, „und verschwindet von hier! Habt ihr das verstanden? Oder soll ich euch an Ort und Stelle zertreten?“ Dabei verlagerte er sein Gewicht nach vorne, um die Drohung zu verdeutlichen.
Aber statt zu antworten, zerrten und schlugen die Beiden auf Turmalons Pranken ein oder versuchten ihn mit den Beinen wegzutreten. Davon ließ der Drache sich allerdings nicht stören und knurrte stattdessen bedrohlich: „Ich warte auf eine Antwort!“
„Du solltest sie vielleicht einmal zu Luft kommen lassen!“, schlug Rianna vor, die neugierig den Verlauf des Kampfes aus sicherer Entfernung verfolgt hatte. Schwer schluckend erinnerte sie sich daran, dass sie bereits in einer ähnlichen Situation gewesen war. Turmalon schaute in ihre Richtung, sah aber eher durch sie hindurch, so als würde er wieder über etwas nachdenken. Schnaubend stieg er von den Beiden herunter. Auf dem Rücken liegend krochen diese einige Schritt von dem Drachen weg und rangen hustend nach Luft. Turmalon folgte ihnen, setze sich dann aber als die Beiden immer weiter vor ihm wegkrochen, um eine Entscheidung zu erhalten.
Die beiden Banditen sahen einander an, dann abwechselnd auf ihren am Boden liegenden Kameraden und den Drachen.
„Lasst uns von hier verschwinden“, entschied nun endlich der Anführer und beide sprangen fast augenblicklich auf. Sie hinkten in einem großen Bogen um Turmalon herum und lasen ihren kahlköpfigen Kameraden auf. Sie nahmen ihn zwischen sich in die Arme und schleiften ihn mit sich. Nur langsam schaffte es der in der Mitte der drei hängende Glatzkopf, selbstständig einen Fuß vor den anderen zu setzen, weswegen sie nur im Schleichtempo vorankamen.
Gut hörbar verdeutlichte Turmalon knurrend, dass sie ihm deutlich zu langsam ging. Sofort versuchten die beiden einen Schritt zuzulegen, was ihnen aber aufgrund ihres Kammeraden nur sehr schwer viel. Kurz darauf ließen sie ihren Ballast wie einen nassen Sack fallen und rannten, so schnell es ihnen möglich war, dem Weg entlang tiefer in den Wald.
Der zurückgelassene Bandit fiel auf die Knie und fing den Sturz nach vorne mit den Händen ab. Aber auch er begriff, dass es besser für ihn wäre von hier zu verschwinden. Schwerfällig bemühte es sich wieder aufzustehen, stolperte jedoch dabei und wäre beinahe wieder hingefallen. Mit den Armen rudernd gelang es ihm sich noch einmal zu fangen und lief, sich beschwerend dass man doch auf ihn warten solle, den beiden anderen hinterher.
Erleichtert lief Rianna auf Turmalon zu und sprang ihm an den hochgestreckten Hals. Sich an ihn schmiegend bedankte sie sich.
„Wofür bedankst du dich?“, fragte der Drache ein wenig überrumpelt. Er hatte Rianna nicht kommen sehen, da er den geflohenen Banditen noch immer hinterherblickte. Seufzend ließ sie seinen Hals wieder los und ging einige Schritte zurück, um ihn besser ansehen zu können. Turmalon senkte seinerseits den Kopf, bis er auf Riannas Augenhöhe war.
„Dafür, dass du mich gerettet hast!“, antwortete sie schließlich leicht errötend.
„Wieso denn gerettet?“, wollte Turmalon nun wissen und neigte seinen Kopf zur Seite. „Was hatten sie denn vor, dass man dich vor ihnen retten musste?“
„Ich denke nicht, dass ich das wissen will“, erwiderte Rianna. „Aber mal davon abgesehen, warum bist du denn dann hierher gekommen?“
„Ich hatte Hunger und war im Wald auf der Jagd. Dann hörte ich das Meckern deiner Ziege“, wobei er kurz zu der mit einem Nackenbiss erlegten Beute sah. „Da es eindeutig nicht von der Weide kam, war ich neugierig und hoffte auf einfache Beute, die sich im Wald verlaufen hatte. Ach ja. Dann möchte ich mich auch für die Ziege bedanken…“
Rianna schüttelte fassungslos den Kopf.
„Sie war doch für mich … oder nicht?“, fragte Turmalon angespannt mit der Angst, etwas Falsches getan zu haben.
„Die drei… Viehdiebe hatten sie mitgebracht. Wahrscheinlich von einer der in der Nähe liegenden Weiden gestohlen“, erklärte Rianna resignierend und fügte hinzu: „Sieh es als deine Belohnung an … und lass uns nicht weiter darüber sprechen!“
Turmalon entspannte sich wieder und ging zu seiner Belohnung.
„Lass uns zurück zum See gehen!“, schlug Rianna vor. „Ich denke, du hast heute für genug Aufmerksamkeit gesorgt.“
„Ich glaube nicht, dass die drei sich in nächster Zeit wieder blicken lassen. Aber du hast Recht. Gehen wir“, bestätigte Turmalon und nahm die Ziege in sein Maul.
„Der Hirtenjunge macht mir mehr Sorgen. Er ist geradewegs zurück nach Horin gerannt und wird dort wahrscheinlich hauptsächlich wegen dir das ganze Dorf in Aufruhr versetzen. Vielleicht haben wir aber auch Glück und ihm glaubt keiner“, mutmaßte Rianna und beide begaben sich auf dem Weg zum See. „Die meisten denken, ihr Drachen seid alle getötet worden.“
„Ahg bja ber pfeime Munge…“ gab Turmalon von sich und Rianna sah in fragend an.
„Wie bitte?“
„Mifpf bo bifpig bab mur bem…“
„Und hier haben wir den Grund, wieso man nicht mit vollem Mund spricht! Es tut mir leid, aber ich verstehe kein Wort von dem, was du mir sagen möchtest!“, sagte Rianna herzhaft lachend.
Darauf gab Turmalon nur ein lautes Schnaufen von sich.
«Ich wollte sagen, dass es nicht so wichtig ist und habe mich nur wieder an den Jungen erinnert», erklang eine jung Stimme. Erschrocken blieb Rianna stehen und sah sich um konnte aber niemand entdecken. Turmalon bemerkte ihre plötzliche Unruhe, blieb ebenfalls stehen und blickte auf sie zurück.
«Stimmt etwas nicht?», fragte die Stimmer diesmal.
„Ist das deine Stimme die Höre?“, fragte Rianna den Drachen und ihr ging auf, dass sie ihn nicht hörte, sondern es mehr wie ein fremder Gedanke in ihrem Kopf war.
«Du sagtest doch, ich soll nicht mit vollem Mund reden. Deswegen rede ich nun auf diese Weise mit dir», rechtfertigte sich Turmalons Stimme. «Oder ist dir das auch nicht recht?»
„Nein … es kam nur so völlig unerwartet. Außerdem klingt deine Stimme so vollkommen anders! Viel jünger“, antwortete sie ihm und rang dabei mit ihrer Fassung.
„Es hätte aber auch vollkommen ausgereicht, wenn du das, was in deinem Mund steckt, herausgenommen hättest!"
Ein angenehmes Gefühl durchströmte Rianna plötzlich, welches sie nur als Heiterkeit interpretieren konnte und vernahm dabei wieder Turmalons Stimme: «Das hätte ich, aber im Nachhinein bereue ich fast, es nicht schon viel früher getan zu haben. Und jetzt komm wir sollten weitergehen.»
„Einen Moment!“, wiedersprach Rianna und lief an Turmalon vorbei, welcher ihr daraufhin folgte.
Sie wollte zu der versteckten Falltür, die beide mittlerweile erreicht hatten. Nach einem prüfenden Blick öffnete Rianna diese und nahm ihren Bogen und den Köcher aus der darunter versteckten Kiste. Schließlich hinterließ sie noch den Brief für Alia und begrub die geschlossene Falltür wieder unter dem Laub. Erleichtert darüber, sich nun auch zu Wehr setzen zu können, ging Rianna wieder zurück zu Turmalon und sagte: „Jetzt können wir weiter. Außerdem erklärst du mir wie du das mit deiner Stimme machst!“
„Du bist sehr unvorsichtig, wenn man sich dir so leicht nähern kann, ohne, dass du es bemerkst!“, rief plötzlich jemand, als die beiden gerade weitergehen wollten.
Sofort ließ Turmalon die Ziege aus dem Maul fallen, schritt über sie hinweg und knurrte gut hörbar. Zusätzlich breitete er seine Flügel zum Teil aus und hielt sie vor Rianna, so als wolle er seine Schwingen als Schild für sie nutzen.
„Immerhin reagierst du schnell“, stellte nun ein Mann fest, der die Straße entlang auf Turmalon zuging.
Es war ein alt wirkender, schlanker Mann mit kurzem silbrigem Haar, der aber dennoch sehr fit zu sein schien. Er trug einfache Kleidung aus Wolle und Leinen, und hatte einen Bündel Fische in der Hand.
Irritiert zuckte Turmalon mit dem Kopf zurück als er den Mann sah. Offenbar hatte er etwas anderes erwartet. Vorsichtig wagte Rianna sich hinter dem Flügel hervor, um ebenfalls einen Blick auf den Neuankömmling werfen zu können. Sofort erkannte sie in dem Mann den Einsiedler Nyrion war und sagte: „Schon gut Turmalon, ich kenne ihn, er ist harmlos.“ Dabei verließ sie ihre Deckung und ging auf den alten Mann zu.
«Bist du sicher?», erkundigte sich Turmalon, was Rianna mit einem Nicken bestätigte.
„Ja, kein Wunder, dass du nicht auf deine Umgebung achtest. Bei einer solchen Begleitung würde mir das auch schwerfallen“, sagte Nyrion lachend und meinte dann etwas ernster: „Aber das Harmlos nehme ich dir übel, meine liebe Rianna. Ich bin zwar alt, aber weiß mich immer noch zu wehren!“
„Guten Morgen, Nyrion“, grüßte Rianna verlegen und versuchte sich zu entschuldigen. „Ich wollte Turmalon nur versichern, dass von dir keine Gefahr ausgeht. Wir hatten eben erst eine eher unangenehme Begegnung mit drei Banditen.“
„Das habe ich mir schon gedacht, nachdem ich ihn gesehen habe“, erzählte Nyrion und zeigte auf den Drachen, „dass er für die drei panisch … wie als wäre ein Drachen hinter ihnen her … davonrennenden Männer verantwortlich ist.“ Er fand diese Aussage scheinbar sehr komisch, da er anfing, laut loszulachen.
Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, fragte er: „Turmalon? Das habe ich doch richtig verstanden?“ Sowohl Rianna als auch der Drache begannen zu nicken.
„Endlich sehe ich dich mal aus der Nähe!“, und bevor Rianna, die Nyrion fragend ansah, etwas sagen konnte, sprach der alte Mann weiter: „Ich bin zwar alt, aber kann immer noch so gut sehen wie früher. Ich hab dich die letzten Tage, immer, wenn ich angeln war, am gegenüberliegenden Ufer bei der alten Eiche gesehen. Eigentlich wollte ich, nachdem ich auf dem Markt war, mal vorbeischauen, aber das hat sich jetzt wohl erledigt.“
„Wir wollten auch gerade wieder zurück zum See, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit von Leuten, die auf der Straße unterwegs sind, zu erregen.“
„Das ist euch ja gründlich misslungen!“ meinte Nyrion amüsiert.
„Deswegen würde ich jetzt auch gerne weitergehen“, drängte Rianna.
„Immer mit der Ruhe . So früh morgens ist selten jemand im Wald unterwegs. Wieso kommt ihr nicht zu mir? Dann kannst du mir erzählen, wieso du schon so früh allein unterwegs bist und Turmalon, wie er hierher kommt“, lud Nyrion die beiden ein und deutete an ihm zu folgen.
„Aber …“ „Kein Aber!“ „ … ich dachte, du wolltest deinen Fisch auf dem Markt verkaufen?“, erinnerte Rianna ihn daran, dass er noch etwas vorhatte. Nyrion begann zu lächeln, holte aus und warf den Bündel mit Schwung zu Turmalon. Diesen fing der Drache mit dem Maul aus der Luft und verschlang ihn sofort.
„Guten Appetit“, sagte der Einsiedler wohlwollend an Turmalon gerichtet, und zu Rianna lächelnd: „Welcher Fisch?“
Rianna tat es mit einem Schulterzucken ab und da sie ohnehin noch nicht wusste, wohin sie gehen sollte, nahm sie die Einladung dankend an.
„Gehen wir!“, meinte sie und blickte auffordernd zu Turmalon.
„Ist ja schön, dass ihr hier alles entscheidet und mich keiner fragt, ob ich überhaupt mitkommen möchte!“, beschwerte sich der Drache lautstark, sodass die beiden Angesprochenen kurz zusammenzuckten.
„Es war auch nur eine Einladung, mitzukommen“, versuchte Nyrion ihn zu beschwichtigen. „Dir steht es natürlich vollkommen frei, hinzugehen, wo immer du möchtest.“
„Das will ich aber auch hoffen“, knurrte der Drache und nahm die Ziege wieder ins Maul. Zufrieden trottete er an den beiden vorbei, blieb aber nach einigen Schritten wieder stehen und blickte nun seinerseits die Beiden auffordernd an, weiterzugehen.
Michel rannte, so schnell er konnte zurück nach Horin. Selbst, als er sah, dass er nicht wie befürchtet verfolgt wurde. So musste er doch die Leute aus seinem Dorf vor der drohenden Gefahr warnen.
Als er das Tor erreichte, fing er an, die Torwachen anzuschreien: „Ein Drache, ein riesiger Drache kommt!“, und lief weiter Richtung Dorfmitte zum Markt. Verwundert sahen die Wachen ihm hinterher und fingen lauthals an zu lachen.
Dies bekam Michel gar nicht mehr mit, er lief bereits schreiend weiter durch die Straße und verkündete pausenlos, dass ein Drache kommen würde. Er verstummte erst, als er den Marktplatz erreichte, dort über eine liegengebliebene Kiste stolperte und flach zu Boden fiel. Schnell fand sich eine kleine Gruppe neugieriger Passanten bei Michel ein, die auf der Straße und dem Markt unterwegs waren. Sogar der ein oder andere aus den Häusern, an denen er vorbei gelaufen war, kam hinzu, und alle wollten wissen, was der Radau zu bedeuten hatte.
Man hörte, wie die Leute anfingen über das, was der Junge sagte, zu diskutieren:
„Was sagte er? Ein Drache kommt?“
„Ach, Unsinn! Sein Großvater wird ihm wahrscheinlich gestern ein paar Geschichten erzählt haben und hat dann davon geträumt.“
„Und wenn er doch was gesehen hat?“
„Die meisten Drachen wurden doch vor einer Ewigkeit getötet!“
„Ja, die Meisten! Aber eben nicht alle und wenn die, die übrig sind, zurückgekommen sind, um sich zu rächen?“
„Jetzt fang nicht gleich an …“
„Na, mein Kleiner, willst du nicht endlich aufstehen?“, frage eine freundlich klingende Frau, die vor Michel in die Hocke gegangen war und ihm eine Hand reichte, um ihm hoch zu helfen. Er ergriff die Hand und ließ sich von der Frau auf die Beine helfen. Er klopfte sich einmal kurz ab und bedankte sich dann bei ihr.
„So, und jetzt erzählst du mal von Anfang an, was passiert ist!“, forderte die Frau ihn auf. „Oder wolltest du uns allen nur einen Streich spielen?“
Der Junge schüttelte heftig den Kopf und sagte: „Nein, ich habe ihn wirklich gesehen. Ein riesiger, feuerspeiender Drache und er hat meine Ziege mit einem Bissen verschlungen.“
„Und wo hast du ihn gesehen?“
„Im Wald auf der Straße.“
„Wieso warst du denn mit einer Ziege im Wald?“
„Na ja, ich war auf der Weide und hab auf die Herde aufgepasst. Dann hab ich gesehen, wie drei Banditen mit einer der Ziegen abgehauen sind. Und weil ich keinen Ärger mit dem Bauern haben wollte, bin ich schnell hinterhergelaufen, um sie wieder zurückzubringen. Irgendwann fand ich die drei wieder, zusammen mit einer Frau, die sie festhielten und die laut schrie. Hinter den drei Banditen hat dann der Drache das Tier gefressen, die haben ihn bestimmt gefüttert. Und dann bin ich weggelaufen.“
„Das war kein Drache! Das war mit Sicherheit ein Echsenhund aus dem Bruchwald, den sich die Banditen als Haustier halten“, rief ein Mann, der die Unterhaltung mit angehört hatte. Ein anderer fragte: „Was ist denn ein Echsenhund?“
„Echsenhunde sind etwas größer und kräftiger als Hunde und sehen einem Drachen sehr ähnlich, haben allerdings keine Flügel und können auch kein Feuer speien. Sie leben normalerweise in den Sümpfen und sind geschickte Jäger, greifen aber selten etwas an, was größer ist als sie selbst. Ist also kein Wunder, dass er es mit einem Drachen verwechselt hat. Man sollte sie nicht unterschätzen, trotzdem sind sie aber nicht gefährlicher als viele andere Raubtiere.“
Diese Erklärung schien vielen zu genügen, da sie wieder gingen, um ihren gewohnten Tagesablauf nachzugehen.
„Nein. Es war ein richtiger Drache! Er hatte Flügel und Hörner und, und, und …“ Michel fing fast an zu weinen, als er das sagte und merkte, dass ihm offenbar niemand glauben wollte. „Aber es ist wahr!“
„Ganz ruhig, Junge. Du sagtest, du hättest auch eine Frau gesehen. Bist du dir sicher, dass die Banditen sie gegen ihren Willen festgehalten haben?“
„Ja. Einer von ihnen hatte sie festgehalten und sie hat versucht, sich zu befreien. Ich glaube, es war eine von Darions Späherinnen, denn sie hatte eine ihrer Rüstungen getragen.“, erinnerte sich Michel.
„Kann es sein, dass das ihre Stieftochter war, Silvia?“, mischte sich eine ältere Frau ins Gespräch ein.
„Wie kommen Sie denn darauf?“, wollte Silvia wissen.
„Sie ist mir heute früh begegnet und zum Tor gelaufen. Sie trug eine der Späherrüstungen und schien es ziemlich eilig zu haben. Ich wusste gar nicht, dass sie dort aufgenommen wurde. So was ist doch nichts für junge Mädchen, also wenn …“
„Sind Sie sich sicher, dass es Rianna war?“, verlangte Silvia zu erfahren.
„… Ja, aber sicher. Ich werde doch noch Otwins Tochter erkennen!“, erwiderte ihr die alte Frau. „Aber was ich eigentlich noch sagen wollte…“
„Vielen Dank, aber wenn es wirklich Rianna war, muss ich jetzt weg“, erklärte Silvia und packte Michel an der Hand. „Und du kommst bitte mit!“
Eilig liefe sie zum Laden ihres Mannes. Sie stieß die Tür auf und fand Otwin, welcher überrascht wegen des stürmischen Auftauchens seiner Frau hinter dem Tresen aufsah.
„Otwin! Ich befürchte, Rianna ist draußen im Wald ein paar Banditen in die Hände geraten!“, erklärte sie hektisch.
„Was? Wie kommst du denn auf so etwas?“, fragte Otwin ungläubig und stand von dem Stuhl auf, auf dem er bis eben gesessen hatte.
„Der Junge hier behauptet, sie dort gesehen zu haben und die Frau vom Schmied hatte sie zuvor Richtung Tor laufen sehen“, fuhr Silvia fort. Dabei musterte Otwin eindringlich den jungen Hirten und frag ihn: „Ist das wahr?“, und man merkte bereits, wie er langsam wütend wurde. Michel hingegen nickte nur ängstlich mit dem Kopf und wollte am liebsten wieder zurück auf die Weide zu seinen Ziegen.
„Hab ich ihr nicht gesagt, dass Schluss ist mit ihren Ausflügen? Sie hat nun andere Verpflichtungen und kann nicht immer den ganzen Tag draußen herumlaufen und sich in Gefahr bringen!“, brüllte Otwin, nun endgültig aus der Fassung gebracht. Dann ließ er sich wieder auf den Stuhl fallen, lehnte sich mit den Ellenbogen auf dem Tresen und schlug die Hände vors Gesicht. Ein deutlicher Stimmungswechsel war bei ihm zu spüren, denn nun sagte er leise, schon fast weinerlich: „Meine arme kleine Tochter in den dreckigen Händen dieser Bastarde. Wieso kann sie nicht wie andere Mädchen in ihrem Alter sein, und auf ihren Vater hören?“
„Vielleicht ist aber auch das der Grund, wieso sie heute Morgen weglaufen wollte. Sie ist kein kleines Kind mehr“, mutmaßte Silvia und ihr Mann sah sie fragend an, da sie ihm davon noch nichts erzählt hatte. „Ich hatte sie heute früh dabei erwischt, wie sie einige Sachen zusammenpackte und sagte, dass sie nicht mehr von dir bevormundet werden wolle und deswegen gehe.“, erzählte sie.
„Und du hast sie einfach gehen lassen?“, schrie Otwin rot vor Wut.
„Nein, natürlich nicht! Ich hatte sie in ihrem Zimmer eingesperrt, damit sie noch einmal über das nachdenken konnte, was sie da überhaupt vorhatte“, sagte Silvia ruhig und nahm den Schlüssel zu Riannas Zimmer aus ihrer Tasche, „Ich weiß nicht, wie sie herauskommen konnte.“
„Vielleicht ist sie dies auch gar nicht! Vielleicht ist es ja doch jemand anderes“, keimte plötzlich wieder die Hoffnung in Otwin auf und beruhigte sich langsam wieder. „Geh du nach Hause und sieh nach, ob Rianna tatsächlich weg ist. Ich geh zum Bürgermeister und sehe zu, dass ich ein paar Leute zusammen bekomme, um sie, wenn es notwendig ist, zu befreien. Und du kommst mit mir!“, sagte er an Michel gerichtet. „Du zeigst uns, wo du sie gesehen hast.“
„Aber ich will nicht wieder zurück zu dem Drachen!“, wiedersprach ihm Michel und Otwin fragte irritiert: „Was für ein Drache?“
„Er glaubt, dass die Banditen von einem Drachen begleitet wurden, es wird aber eher ein Echsenhund gewesen sein, den er dort gesehen hatte“, versicherte Silvia ihm und machte sich dann auf dem Weg nach Hause.
Eigentlich konnte sie die Hoffnung ihres Mannes, Rianna in ihrem Zimmer vorzufinden, nicht teilen. Aber allein, um die Möglichkeit auszuschließen und eventuell noch herauszufinden, wie es ihr gelungen war, herauszukommen, reichten ihr als Grund, dennoch nachzusehen. Sie beeilte sich möglichst schnell anzukommen und lief daher die ganze Strecke.
Zu Hause angekommen riss sie die Tür auf und stürmte hinein. Verwundert blickte Erick auf, der gerade Feuerholz für den Ofen in der Küche stapelte als Silvia die Treppe zu den Schlafzimmern im ersten Stock erklomm.
Als Silvia vor der Tür zu Riannas Zimmer stand, atmete sie noch einmal tief durch. Sie zog den Schlüssel aus ihrer Tasche und steckte ihn zitternd ins Schloss. Gut hörbar klopfte sie an. Als aber wie erwartet keine Antwort kam öffnete sie die Tür und sah sich im Zimmer um. Ihr wehte ein kräftiger Windhauch um die Ohren und richtete ihre Aufmerksamkeit sofort zum geöffneten Fenster. Besorgt ging sie darauf zu und warf einen Blick hinaus auf den darunterliegenden Hof um die Höhe einzuschätzen. Kurz kam in ihr die Angst auf, dass sie Rianna bei dem Sprung nach unten verletzt haben könnte.
„Ist etwas passiert? Oder weswegen bist du gerade hier hochgerannt?“, fragte Erick, der im Türrahmen stand und riss Silvia so wieder aus ihren Gedanken.
Sie drehte sich zu ihm um und ging dann mit gesenktem Kopf auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, sah sie ihm in die Augen und sagte betrübt: „Deine Schwester ist verschwunden! Komm mit. Ich erkläre es dir unterwegs.“
Währenddessen hatte auch Otwin, mit Hilfe von Michel, den Bürgermeister unterrichtet. Der junge Hirte kam natürlich auch diesmal nicht Drumherum, von dem Drachen zu berichten den er gesehen hatte. Doch auch der Bürgermeister hielt dies für Unsinn und pflichtete der Vermutung bei, dass es wohl eher ein großer Echsenhund war. Danach schicke Osman einen Boten zu Hauptman Darion mit der Bitte, ein paar Mann zur Verfügung zu stellen, die bei der Suche nach Rianna helfen sollten. Seitdem warteten sie auf eine Antwort, bis es an der Tür zum Empfangszimmer des Bürgermeisters klopfte.
„Kommen sie herein!“, sagte Osman voller Ungeduld. Doch kam nicht wie erwartet der Bote mit einer Antwort, sondern Silvia und Erick herein. Otwin sprang aus seinem Sessel und wollte sofort wissen, ob Rianna noch in ihrem Zimmer war. Doch wurde ihm sofort klar, dass seine Frau in dem Fall wohl kaum nur mit seinem Sohn erschienen wäre. Frustriert ließ er sich zurück in den Sessel fallen und konnte einfach nicht fassen, dass seine Tochter weggelaufen sein soll. Der Bürgermeister hingegen hatte offenbar nicht diese Zusammenhänge erkannt und fragte daher: „Und? War sie noch da?“
Silvia schüttelte den Kopf und antwortet: „Nein. Ich glaube, sie ist durch das Fenster raus.“ Dabei stand sie immer noch mit der Klinke in der Hand in der Tür. Im Gegensatz zu Erick, welcher längst im Zimmer war und sich neben einem Bücherregal an die Wand gelehnt hatte. Silvia schloss die Tür und stellte sich an Otwins Seite.
„Und was machen wir jetzt?“, wollte Erick wissen. „Sollen wir hier darauf warten, bis sie wiederkommt?“
„Nein. Wir warten auf eine Antwort von den Spähern“, antwortete ihm Aaron, der sich bisher eher ruhig verhalten hatte und neben seinem Vater hinter dessen Schreibtisch stand. „Aber wenn das noch länger dauert, werde ich selbst losgehen und nach meiner Verlobten suchen.“
„Ich werde auf jeden Fall mitkommen!“, versprach ihm daraufhin Erick. Aaron nahm dies mit einem Kopfnicken anerkennend zur Kenntnis.
Einige Zeit verging, in der niemand etwas sagte. Stattdessen machte sich jeder seine Gedanken darüber, was passiert sein könnte und wie es weitergehen sollte.
Ein weiteres Klopfen an der Tür unterbrach die unangenehme Stille und beinahe alle sagten gleichzeitig „Herein!“, da niemand mehr auch nur einen Augenblick länger warten konnte.
Dann öffnet sich die Tür und es betraten der Bote und zwei Männer den Raum.
Diese beiden waren ganz klar die Unterstützung, um die sie gebeten hatten, was man unschwer an ihrer Ausrüstung erkennen konnte.
Der Älter von ihnen, ein großer schlanker, mit kurzen dunkelblonden Haaren stellte sich als Karl vor. Sein Kollege, der gut zwei Köpfe kleiner, aber ebenso schlank war und schwarze Haare hatte, hieß Friedrich.
Kaum war das geklärt, ergriff Aaron das Wort: „Ich will nicht noch mehr Zeit verlieren. Michel, geh vor und zeig uns den Ort, wo du alles gesehen hast. Erick und ich kommen mit euch. Den Rest klären wir unterwegs.“
Michel setzte sich nur zögerlich in Bewegung. Dies bemerkte Aaron und da es ihm nicht schnell genug ging versprach er: „Du musst uns nur den Ort zeigen, danach kannst du wieder gehen. Also beeil dich!“
Verzweifelt seufzte Michel auf. Dieses Versprechen war keine wirklich Motivation für ihn, denn schließlich musste er immer noch dorthin zurück, wo er vielleicht einem Drachen begegnen würde. Dennoch legte er einen Schritt zu und alle fünf gingen los.
Kurz vor Mittag erreichte die Gruppe die Stelle im Wald, von dem Michel glaubte, dass er hier die Banditen gesehen hat. Einige Furchen durchzogen hier den Boden, welche von allen beunruhigt begutachtet wurden. Einen Moment später teilten sich die beiden Späher auf und suchten die nähere Umgebung nach Spuren ab. Aaron erlaubte derweil Michel wieder gehen zu dürfen, da er bemerkte wie er immer nervöser von einem Bein aufs andere trat. Erleichtert merkte er auf und verschwand sofort wortlos Richtung Horin.
Schritt für Schritt gingen die beiden Späher den Wegesrand ab, blieben ab und zu stehen, um kurz in den Wald hinein zu gehen, nur um einige Augenblicke später wieder zurück zu kommen. Dies geschah einige Male, auch, dass der eine den anderen zu sich heranrief, wenn er glaubte, etwas gefunden zu haben. Zum Schluss berieten sie sich einen Moment und gingen dann zu Erick und Aaron, um zu berichten, was sie gefunden hatten.
„Es ist schwierig, etwas eindeutiges zu finden, da der Boden sehr trocken ist“, erklärte Karl. „Was wir aber gefunden haben, ist zum einen, wie eine kleine Gruppe von Personen von der Weide her hier aus dem Wald gekommen ist. Vermutlich die Banditen. Zum anderen, wie etwas aus Richtung des Sees hierhergekommen ist. Dieses etwas wird auch für die Furchen auf der Straße verantwortlich sein und es war mit Sicherheit kein Echsenhund, von dem sie stammen. Eher etwas Größeres … etwas viel Größeres!“
„Ihr wollt doch nicht ernsthaft sagen, dass der kleine Recht hatte und tatsächlich einen Drachen gesehen hat!“, fragte Aaron ungläubig.
„Seht euch die Spuren doch an!“, entgegnete ihm Karl. „Ich wage zu bezweifeln, dass sich ein Bauer mit einem Pflug hierher verirrt hat um den Boden aufzulockern. Ich bin mir nicht sicher was hier passiert ist, aber am ehesten sieht es nach einem Kampf aus!“
„Ein Kampf?“, schreckte Aaron auf und begann unruhig auf und ab zugehen.
„Wisst ihr denn, wo sie hingegangen sind?“, wollte nun Erick wissen.
„Da von hier keinerlei Spuren zurück in den Wald führen, vermute ich sie sind die Straße entlang. Der Weg ist allerdings so trocken und festgetreten, dass man darauf nichts erkennen kann. Möglicherweise finden wir aber noch etwas, wenn wir weiter gehen.“
Sich einig, dass es hier nichts mehr von belangen gab, ging die Gruppe weiter. Es dauerte allerdings nicht lange, bis Friedrich, welcher den rechten Wegesrand im Auge behielt, wieder etwas fand. Er folgte der neuen Spur, blieb jedoch kurz darauf schon wieder stehen und sah sich um. Irritiert kratzte er sich am Kopf und scharte mit den Füßen an der Stelle, wo die Spur plötzlich aufhörte.
„Was ist? Hast du was gefunden?“, wollte Karl wissen, der nun zusammen mit Erick und Aaron zu ihm aufschlossen.
„Es sah so aus, als wäre hier jemand entlang gegangen, dann hört die Spur hier einfach auf. Aber ich glaube, hier ist etwas!“, antwortet Friedrich und kniete sich hin. Er schob etwas Laub, welches vor ihm lag, beiseite und enthüllte so eine Falltür. Er sah zu seinem Kameraden auf, so als sei er sich nicht sicher, was er nun tun sollte.
„Mach schon auf und sieh rein!“, sagte ihm Karl.
Friedrich öffnete die knarrende Tür und schaute dann in die darunterliegende Grube. Das Einzige, was er darin fand, war ein Zettel, welcher in einer Kiste lag. Diesen nahm er an sich, las den Inhalt und reichte ihn dann anschließend an Karl weiter.
„Hm, ist ja interessant“, meinte Karl zu dem Text und gab ihn nun auch Erick und Aaron.
Hallo Alia,
Wenn du das hier findest, werde ich wahrscheinlich schon lange aus dem Tal verschwunden sein. Ich gehe, weil mein Vater nun endgültig bewiesen hat, dass es ihm nur um seinen guten Ruf geht, indem er bestimmt, wen ich heiraten soll, und nicht berücksichtig, was ich möchte.
Ich weiß zwar noch nicht, wo es hingehen soll, aber was ich weiß, ist, dass ich weg von hier muss. Jedoch habe ich mich mit jemandem angefreundet der auch alleine unterwegs ist. Vielleicht können wir ja gemeinsam weiterreisen. Vorausgesetzt, dass ich mit ihm mithalten kann.
Zu guter Letzt möchte ich mich bei dir für all das bedanken, was du mir beigebracht hast. Es hat mir in den letzten Tagen sehr weitergeholfen.
Danke!
Rianna
„Sie hat jemanden kennengelernt?“, fragte Aaron erstaunt und sah dabei Erick an. Der zuckte nur mit den Schultern und sagte:
„Ich weiß von nichts“, rechtfertigte dieser sich schulterzuckend „Allerdings war sie die letzten Tage auch sehr ruhig und war öfter als sonst unterwegs.“
„Viel interessanter als der Inhalt ist doch die Frage, wann sie den Brief hier hinterlassen hat? War sie erst hier und ist dann auf dem Rückweg von den Banditen ergriffen worden oder konnte sie sich irgendwie befreien, und ist danach hierhergekommen?“, gab Karl zu überlegen und nahm den Brief wieder an sich, um ihn zurück in die Kiste zu legen. Dann gab er Friedrich zu verstehen, dass er wieder alles verstecken sollte.
„Was soll das? Wieso legen Sie den Brief wieder zurück?“, verlangte Aaron zu erfahren.
„Weil in ihm nichts steht, was uns bei der Suche weiterhelfen könnte“, erklärte Karl. „Außerdem ist er nicht für uns bestimmt.“
„Wo lang sollen wir jetzt gehen, wenn wir uns nicht sicher sein können, wann Rianna hier war?“ fragte Erick.
„Mein Gefühl sagt mir, dass wir früher oder später noch etwas finden werden, wenn wir der Straße weiterhin folgen.“, antwortete Karl.
„ … und den Rest kennst du ja, da wir dann auf dich getroffen sind“, sagte Rianna, welche gerade die Geschehnisse der letzten Tage im Zusammenhang mit Turmalon zusammengefasst hatte. Dabei saß sie mit Nyrion an einem kleinen viereckigen Tisch, der vor seinem Haus auf einer Holzterrasse stand. Von dort hatte man eine herrliche Aussicht über den gesamten See, inklusive der Bucht mit der alten Eiche. Rianna bewunderte aber auch, wie sich der alte Einsiedler hier eingerichtet hatte. Es gab einen großen Garten mit jeder Menge Gemüse und Kräutern, fast um das ganze Haus waren Blumenbete angelegt und wie das Haus war alles in einem gepflegten Zustand. Das Einzige was fehl am Platz wirkte war Turmalon, welcher sich auf der Wiese räkelte, die sich zwischen dem Haus und dem See befand. Dort döste er in der Sonne und verdaute seine Mahlzeit.
„Sehr schön hast du es hier“, bemerkte Rianna anerkennend.
„Oh, danke! Ich hatte auch viel Zeit dafür. Wer will schon in einer heruntergekommenen Bruchbude leben?“, erwiderte Nyrion lachend. Davon geweckt öffnete Turmalon gähnend die Augen. Nacheinander streckte er seine Gliedmaße und kam dann zu Rianna und Nyrion getrottet bevor diese ihr Gespräch weiter vertiefen konnten. Der Drache blieb kurz vor den Beiden stehen und senkte seinen Kopf zu Rianna herab, sodass sie ihn leicht hätte berühren können.
„Ich wollte mich bei dir dafür bedanken, dass du dich die letzten Tage um mich gekümmert und meine Wunden versorgt hast“, offenbarte er in gedämpften Ton. „Aber vor allem dafür, dass du mir gezeigt hast, dass ihr Menschen nicht alle so schlecht seid, wie man mir versucht hat weiszumachen. Und schließlich wollte ich mich bei dir verabschieden. Da meine Wunden wieder völlig verheilt sind, werde ich mich nun wieder auf den Weg machen.“
Perplex saß Rianna eine ganze Weile einfach nur da, starrte Turmalon an und wusste nicht was sie sagen sollte. Betrübt blickte der Drache zu Boden weil Rianna nicht reagierte und wollte sich gerade abwenden, als sie seinen Kopf ergriff und zu sich heran zog. Sie hielt ihn in den Armen und lehnte sich gegen seine Stirn. Eine gefühlte Ewigkeit verharrten die beiden so, bis Rianna ihren Griff wieder freigab. Sich gegen ihre Hand lehnend zog Turmalon sich wieder zurück.
„Wohin wirst du denn jetzt gehen?“, wollte Rianna wissen.
„Ich ziehe weiter nach Westen, wo ich auch vor meiner Zwangspause hinwollte. Ein genaues Ziel hab ich noch nicht“, antwortete Turmalon. „Ich möchte dir noch etwas geben.“
Turmalon streckte seine geschlossene rechte Vorderpranke Rianna entgegen. Überrascht hielt sie ihre Hände unter seine und wartete gespannt, was er ihr geben würde. Ihr Atem stockte als er seine Pranke öffnete und der tränenförmige, schwarze Stein in Riannas Hände fiel.
„Du gibst mir die Drachenträne?“, stellte Rianna ungläubig fest und sah Turmalon dabei an.
„Ja!“, nickte er zustimmend, „Denn ich glaube, dass er bei dir in guten Händen ist. Also pass bitte gut darauf auf.“
„Das werde ich!“, versprach Rianna, schloss die Hand, in welcher der Stein lag und führte sie zur Brust.
„Leb wohl, Turmalon“, sagte sie dann und war damit bemüht, ihre Tränen zurückzuhalten.
„Du auch und gib auch auf dich Acht!“, mit diesen Worten ging er zurück zur Wiese, begleitet von Rianna und Nyrion.
Turmalon breitete seine Flügel aus, machte einige kräftige Schläge und stieß sich dann vom Boden ab. Kaum war er in der Luft, flog er auf den See hinaus und gewann schnell an Höhe. Ein letztes Mal sah Rianna ihn, als er über sie hinwegflog.
«Leb wohl», wiederholte sie in Gedanken, die Drachenträne fest umschlossen, und zu ihrer Überraschung bekam sie eine Antwort. «Du auch!»
Comments