Der Tag konnte kaum noch schlimmer werden, dachte sich Turmalon. Erst war er unvorsichtig geworden, weil er vor Hunger fast umkam. Denn als er bei der Suche nach etwas Essbarem endlich auf ein Reh gestoßen war, übersah er die vier Jäger, oder was auch immer diese Gestalten darstellen sollten, welche es ebenfalls darauf abgesehen hatten.
Vollkommen auf sein Ziel konzentriert bemerkte Turmalon nicht, wie die Vier sich nun von zwei Seiten an ihn heranschlichen und jegliches Interesse am Wild verloren hatten. Viel zu spät erkannte er die drohende Gefahr und da traf ihn bereits ein Speer und verletzte ihn.
Erschrocken machte Turmalon sich auf einen Kampf gefasst. Doch war er völlig entkräftet und sah ein, dass die Aussicht dies zu gewinnen, sehr gering war. Also suchte er lieber sein Heil in der Flucht.
Ein weiterer Speer flog nur knapp an seinem Kopf vorbei und ein Wurfnetz verfing sich zum Glück im Geäst der Bäume.
Alle Unannehmlichkeiten und Schmerzen ignorierend, hetzte Turmalon durch den Wald und war sich dessen bewusst, dass seine Verfolger dicht hinter ihm waren. Er konnte nur hoffen, dass sie irgendwann aufgeben oder er sie irgendwie abhängen würde. Doch war das Glück wieder auf seiner Seite. Denn endlich erreichte er den Waldrand, wo er klar im Vorteil war. Augenblicklich breitete er seine Flügel aus und hob vom Boden ab. Die vier Jäger konnten ihm nur noch hinterher sehen und einige wüste Flüche nach rufen.
Turmalon wusste nicht wie lange er geflogen war, als er unter sich einen See entdeckte. Umring von einem Wald, war dies eine willkommene Abwechslung zum allgegenwertigen Gebirge, das sich ringsum überall auftat. Kurz entschlossen und die Erschöpfung in seinen Gliedern wieder spürend, setzte er zur Landung ein. Allerdings unterschätzte er aufgrund seiner Müdigkeit seine Geschwindigkeit, fand auf der Wiese nicht genug Halt und rutschte weiter bis in den Wald hinein. Krampfhaft versuchte er noch seine Flügel an den Körper anzulegen, streifte aber dennoch mit dem Linken einen Baum und kam dann ohne weitere Zusammenstöße im Wald zum Liegen.
Langsam rappelte sich Turmalon wieder auf und schüttelte sich einmal kräftig durch -mehr um den Schock loszuwerden als den Staub, den er bei seiner Bruchlandung aufgewirbelt hatte. Als er wieder halbwegs bei Sinnen war, ging er los, um wenigstens seinen Durst am See zu stillen. Dabei achtete er stets darauf, sein linkes Vorderbein, welches durch den Speer verletzt wurde und wegen dem Sturz nun wieder schmerzte, nicht zu stark zu belasten.
Turmalon betrat die Lichtung und hielt plötzlich inne, als er eine Bewegung vor sich bemerkte. Jedoch dauerte es nicht lange, bis auch er entdeckt wurde und dabei erkannte er, was sich dort geregt hatte.
„Nicht schon wieder ein Mensch“, dachte Turmalon, wobei er das letzte Wort laut knurrte.
Dann fiel ihm der Bogen in der Hand des Menschen ins Auge.
„Nein, diesmal werde ich nicht kampflos aufgeben!“, dachte Turmalon und machte sich zu einem Sprung bereit. aber in dem Moment als er seine Flügel ausbreiten wollte, um die Distanz besser überbrücken zu können, durchzog ihn ein heftiger Schmerz, welcher letztlich zu viel für ihn war. Mit einem lauten Brüllen brach er zusammen und blieb bewusstlos liegen.
Wie angewurzelt stand Rianna vor Schreck da als der Drache auf sie zugestürmt kam. Sie wusste nicht was geschehen war, dass er nun, wie schlafend, vor ihr lag.
„Wollte er mich gerade angreifen?“, fragte sich Rianna.
Erst als sie sich sicher war, dass keine Gefahr mehr von dem Drachen ausging, wagte sie es wieder sich zu rühren. Vorsichtig legte sie ihre Sachen beiseite und näherte sich ihm.
Er schien nicht besonders groß zu sein, zumindest hatte Rianna sich seine Art immer sehr viel gewaltiger vorgestellt. Aber jetzt, wo sie direkt vor ihm stand, reichte er ihr gerade mal bis zur Hüfte. Allerdings lag er auch nur, zur rechten Seite gekippt, flach auf dem Boden. Sein rechter Flügel war an den schwarz geschuppten Körper angelegt, während der Linke halb ausgebreitet neben ihm lag.
Dann entdeckte Rianna eine blutende Wunde am linken Vorderbein des Drachen. Ohne genau zu wissen wieso, nahm sie ihren ledernen Trinkschlauch und reinigte die Wunde. Da sie schon öfter ihre beiden Brüder verbinden musste, die sich nach einer Rauferei die eine oder andere Wunde zugezogen hatten, wusste sie einigermaßen, was zu tun war. Jedoch handelte es sich hierbei, wie sie nun erkannte um eine tiefe Schnittwunde und nicht, wie sie es von ihren Brüdern gewohnt war, um kleine Kratzer oder Schürfwunden.
Rianna riss ein langes Stück Stoff von ihrem Hemd ab, welches sie unter der Rüstung trug, und verband das Bein damit notdürftig. Besorgt begutachtete sie danach den Drachen noch einmal genauer. Sie wollte sicher sein keine Wunde zu übersehen. Doch wurde es bereits dunkel, wodurch diese Aufgabe nicht leichter wurde. Dann fiel ihr Blick auf die sich durch die Atmung langsam, aber regelmäßig auf und ab bewegende Brust. Auf dieser waren die Rippen deutlich abgezeichnet. Rianna vermutete, dass der Drache wohl seit einiger Zeit Hunger leidet und dies wohl auch der Grund für seinen Plötzlichen Zusammenbruch war. Allerdings konnte sie sich nicht auch noch darum kümmern, ihm etwas Fressbares zu besorgen. Davon abgesehen, dass sein Schrei wahrscheinlich sämtliches Wild in der näheren Umgebung verjagt hatte, musste sie nach Hause. Rianna würde morgen früh wiederkommen und möglicherweise auch etwas Fleisch mitbringen. Nun aber machte sie sich auf dem schnellsten Weg nach Hause.
Völlig außer Atem kam Rianna am Haupttor an, als die Wachen es gerade schließen wollte. Nicht in der Lage ihre Dankbarkeit, dass man auf sie gewartet hatte, in Worte zu fassen, verbeugte sie sich und ging rasch weiter.
Am Haus ihres Vaters angekommen, konnte Rianna durch das Fenster erkennen, dass unten noch Licht brannte. Nun machte sie sich Gedanken darüber, wie sie erklären sollte, wo sie so lange geblieben war. So leise wie möglich drückte sie die Tür auf, die zu ihrem Glück nicht verschlossen war. Vorsichtig wagte sie einen Blick durch den Türspalt und sah zu ihrer Erleichterung, dass nur noch Silvia am Tisch saß. Sie betrat das Haus und durch das Geräusch der sich schließenden Tür merkte ihre Stiefmutter auf und drehte sich um.
Als sie sah, wer zur Tür hereinkam, fing sie an zu lächeln und sagte: „Da bist du ja endlich! Ich hab mir schon Sorgen gemacht, dass etwas passiert ist. Wo warst du denn so lange?“
„Ich war am See schwimmen und bin dann eingeschlafen als ich mich zum Ausruhen auf die Wiese gelegt hatte!“, antwortete Rianna, ebenfalls flüsternd, und ging dabei um den Tisch bis sie Silvia gegenüberstand.
Diese neigte den Kopf zur Seite und sah Rianna so an, als ob sie ahnte, dass das nicht die ganze Wahrheit war, hakte aber nicht weiter nach. Stattdessen sagte sie: „Ich habe deinem Vater erklärt, als er wissen wollte, wo du bist, dass du müde warst und deswegen schon ins Bett gegangen bist. Er hat es mit einem Murren hingenommen und nicht weiter nachgefragt.“
„Danke“, seufzte Rianna erleichtert. Schnell nahm sie noch etwas von dem übriggebliebenen Essen zu sich und ging anschließend auf ihr Zimmer. Dort suchte sie umgehend nach der Salbe, die ihr Tabea gegeben hatte. Schnell fand sie den Tiegel in einer der Schubladen ihrer Kommode. Aber erst als sie ihn in der Hand hielt, fragte sie sich ob die darin befindliche Salbe überhaupt bei einem Drachen wirken würde. Mit diesem Gedanken stellte sie den Tiegel wieder beiseite, diesmal aber gut sichtbar auf die Kommode.
Am nächsten Morgen war Rianna sehr früh auf den Beinen und beeilte sich, ihre täglichen Pflichten so schnell es ihr möglich war zu erledigen.
Kurz nach Mittag wurde sie schließlich fertig. Mit einem kleinen Lederbeutel in der Hand, in dem einige saubere Verbände und die Salbe verstaut waren, begab sie sich umgehend zurück an den See. Darauf etwas Essbares einzupacken, hatte sie verzichtet. Denn das einzige Fleisch, was sie in der Vorratskammer gefunden hatte, war gepökelt oder geräuchert. Und davon abgesehen, dass es nur einige Wenige Pfund waren, wäre es mit Sicherheit aufgefallen, wenn sie gefehlt hätten.
Am See angekommen, fand Rianna den zu ihrer Erleichterung, den Drachen noch immer Schlafend vor. Allerdings lag er nun nicht mehr, wie am Abend zuvor, mit ausgestrecktem Hals und Beinen und auf der Seite sondern wie eine Katze zusammengerollt, mit dem Kopf zum Teil unter einem Flügel. So eingeigelt, war es Rianna jedoch nicht möglich die Wunden zu versorgen und den Verband zu wechseln. Dennoch näherte sie sich ihm weiter. Als sie vor dem Drachen stand, strich sie mit der Hand über seine Schuppen. Anders als erwartet, fühlten sie sich nicht kalt und rau an, sondern waren warm und glatt, und bei jeder Berührung zuckten die darunterliegenden Muskeln.
Nun erkannte Rianna auch, dass der Drache nicht, wie sie zuerst annahm, völlig schwarz war.
Zwar war es die vorherrschende Farbe seines mit schuppen bedeckten Körpers, aber überall dort, wo die Sonne auf sie fiel, schimmerten sie in einem dunklen Rot. Die lederartige Haut seiner Flügel hingegen war gänzlich so gefärbt.
Die Berührungen reichte, zu Riannas Unmut, jedoch auch aus, um den Drachen zu wecken. Erschrocken stolperte sie einige Schritt zurück, als sich sein ganzer Körper zu regen begann. Sie stand hinter ihm als sich der Kopf des Drachen nach vorne wandte und einige Zeit zum See hinausblickte. Dann richtete er sich zu seiner vollen Größe auf. Zwar war das noch immer nicht das was sie erwartet hatte, so hatten sie nun immerhin die gleiche Schulterhöhe.
Ausgiebig begann er seine Gliedmaße eines nach dem anderen zu strecken. Als er dabei den rechten Flügel ausbreitete, stellte Rianna erstaunt fest, dass dieser allein schon so lang sein gesamter Körper sein musste. Schließlich war der linke Flügel an Reihe. Doch zuckte er dabei sichtlich zusammen und gab ein lautes Schnaufen von sich. Für einen kurzen Moment stand er reglos da betrachtete die Schwinge, die ihm ganz offensichtlich Schmerzen bereitete. Abermals versuchte er seinen Flügel zu entfalten und schien feststellen zu wollen, was damit nicht stimmte.
„Ist bei dir alles in Ordnung?“, fragte Rianna, ohne sich vorher Gedanken über die möglichen Konsequenzen gemacht zu haben, besorgt und etwas eingeschüchtert. Dabei war sie sich nicht einmal sicher, ob der Drache sie überhaupt verstand.
Augenblicklich drehte er seinen Kopf in ihre Richtung. Umgehend wechselte er in eine geduckte Haltung und ging einige Schritt auf sie zu. Dabei fiel ihr nun ein ovales, kristallähnliches Gebilde auf, welches sich auf seiner Stirn befand. Dieser Kristall war, wie die beiden Hörner, die sich am hinteren Teil des Kopfes befanden und nach hinten gerichtet sich leicht nach unten bogen, in demselben dunklen Rot, in dem auch seine Schuppen schimmerten.
„Seit wann interessiert es euch Menschen wie es mir geht?“, knurrte der Drache mit tiefer Stimme und begab sich auf Riannas Augenhöhe.
„Wieso es mich interessiert?“, wiederholte sie mit zittriger Stimme. Seit gestern Abend hatte sie sich mehrfach dieselbe Frage gestellt. Schließlich fasste Rianna ihren Mut zusammen und antwortete: „Weil du erstens verletzt bist und ich eigentlich wiedergekommen bin, um den Verband zu wechseln, den ich dir Gestern angelegt hatte. Und du zweitens so aussiehst, als hättest du eine ganze Weile hungern müssen. Ich weiß zwar noch nicht, wie ich dir dabei helfen kann, aber bestimmt wird sich das ein oder andere Wildtier finden!“
„Ich brauche deine Hilfe nicht“, erwiderte der Drache „Ich kann sehr wohl für mich selbst sorgen. Und dieser kleine Kratzer hier macht mir nichts aus. Also verschwinde jetzt besser bevor ich in Betracht ziehe, meinen Hunger an dir zu stillen.“
„Mit deiner Verletzung kannst du dich kaum schnell genug bewegen. Selbst jetzt belastest du dein Bein ja kaum“, widersprach ihm Rianna in einem mittlerweile sehr viel ernsteren Ton.
„Ich sagte du sollst Verschwinden!“, brüllte der Drache nun. „Oder ich zeige dir, wie schnell ich sein kann.“
Erschrocken nahm Rianna ihre Sachen und verschwand von der Lichtung. Sie wollte nicht riskieren, dass er seine Drohungen in die Tat umsetzte.
Turmalon sah der Menschenfrau so lange hinterher, bis sie hinter den Bäumen verschwand und er sie nicht mehr sah.
„Oder wollte sie mir wirklich helfen?“, fragte er sich und schaute auf den Stofffetzen, der an seinem Bein hing und die Speerwunde verdeckte. Er dachte dabei an die wenigen Begegnungen, die er bislang mit Menschen hatte. Denn sobald sie ihn sahen, griffen sie ihn entweder an oder flüchteten. Doch noch niemand sorgte sich um ihn.
Ein letztes Mal blickte Turmalon in die Richtung, in die die Frau verschwunden war und begab sich dann zum See, um endlich seinen Durst zu löschen. Zu seinem Verdruss geschah dies allerdings nicht in der eben noch von ihm angedrohten Geschwindigkeit. Schritt für Schritt hinkte er mehr, als dass er ging, zum Ufer, wo er sofort seine Schnauze ins Wasser gleiten ließ. Gierig sog er das kühle Nass in sich auf und überlegte, wie er jetzt noch seinen Magen ruhigstellen konnte.
Am Boden war er wegen der Verletzung nicht schnell genug. Soviel gestand sich Turmalon nun auch ein. Dennoch wunderte er sich, wieso er bei der Flucht vor den Jägern seine Schmerzen so einfach ignorieren konnte, dies ihm aber jetzt nicht mehr gelang. Er schob diesen Gedanken beiseite, da die Antwort darauf seinen Magen auch nicht füllen würde, und machte sich zum Flug bereit.
Turmalon breitete seine Flügel aus und ignorierte vorerst den dabei auftretenden Schmerz, welchen ihn daran erinnerte, dass auch mit ihnen etwas nicht stimmte. Jedoch hörte er nach einigen kräftigen Schlägen wieder auf, da er auch hier die dabei auftretenden Schmerzen auf Dauer wohl nicht ertragen würde.
Gut hörbar Schnaubend quittierte Turmalon diesen Misserfolg und dachte darüber nach, welche Möglichkeiten er noch hatte. Er erinnerte sich an ein Dorf der Menschen, über welches er hinwegflog, bevor er hier gelandet war. Turmalon war sich sicher dort leicht etwas fressbares zu finden. Andererseits war die Gefahr, am Tag dabei entdeckt zu werden, viel zu hoch. Und noch mehr Menschen, die es auf ihn abgesehen hatten, konnte er wirklich nicht gebrauchen.
Schließlich beschloss Turmalon doch sein Glück bei der Jagd zu versuchen. Diese Entscheidung beruhte allerdings mehr auf dem Zufall, dass eine Hirschkuh aus dem Wald an das Seeufer herantrat. Zwar war es ein gutes Stück bis zu ihr hin, aber immerhin hatte er etwas gefunden, um seinen Hunger zu stillen.
So schnell und leise es ihm möglich war, pirschte Turmalon sich an seine Beute und schaffte es bis auf wenige Schritte an sie heran, ohne sie zu verjagen. Zu seinem Glück hatte sie sich sogar am Ufer entlang in seine Richtung bewegt.
Seinem Ziel so nah, machte er sich zum Sprung bereit. Doch als er dabei sein verwundetes Bein zu stark belastete, entwisch ihm ein leises Zischen, mit dem er den Schmerz unterdrücken wollte. Sofort merkte Hirschkuh auf und nahm einen Augenblick später Reißaus. Umgehend verfolgte Turmalon sein Ziel und versuchte es mit einem letzten, sämtlichen Unannehmlichkeiten ignorierenden Sprung zu erreichen. Doch schlug seine vermeintliche Beute vor dem Ufer einen Haken und Turmalon, der mitten im Sprung war, landete im Wasser.
Niedergeschlagen, wegen des erneuten Misserfolg, beobachtete der Drache aus dem Wasser heraus, wie seine erhoffte Mahlzeit wieder zwischen den Bäumen im Wald verschwand.
Gluckernd schnaubte er seinen Frust hinaus, wodurch zwei kleine Fontänen vor seinen Nasenlöchern entstanden, und schwamm schließlich Richtung Wiese zurück ans Ufer.
Dort angekommen schüttelte er sich kurz demotiviert, vom Wasser hatte er für heute definitiv genug, und legte sich in den Schatten unter der vereinzelten Eiche. Er schloss die Augen um sich etwas auszuruhen. Denn heute Nacht würde er sich das Dorf einmal genauer ansehen.
„Tabea hatte vergessen zu erwähnen, dass Dickköpfigkeit auch ein deutliches Merkmal der Drachen ist“, dachte sich Rianna und dennoch wollte sie ihm trotz seiner Drohungen helfen. Sie war sich sicher, dass er sie nicht so meinte, sondern nur zu seinem Schutz aussprach, da er ihr vermutlich nicht traute. Nichtsdestotrotz machte sie sich weiterhin Gedanken darüber, wie sie etwas Essbares für ihn heranschaffen sollte.
„Genügend Fleisch beim Metzger zu kaufen, um einen Drachen satt zu bekommen, würde wohl ein Vermögen kosten“, grübelte sie.
Leider hatte Rianna auch keinerlei Erfahrungen mit der Jagd, zumindest wenn es darum ging, Spuren zu lesen. Sie musste also auf ihr Glück hoffen, dass ihr etwas Brauchbares über den Weg lief. Die wiederum sollte nicht allzu schwer sein. Denn der Wald war voller Wildtiere, und wenn man leise war begegnete man ihnen nicht selten. Vor allem in Nähe des Sees.
Ein lautes Platschen, wie als wenn etwas Großes ins Wasser gefallen wäre, ließ die Geräusche des Waldes für einen Moment verstummen und Rianna aufhorchen. Kurz darauf tauchte ein Hirsch aus Richtung des Sees auf und spurtete ihr entgegen.
Schnell hatte Rianna einen Pfeil angelegt und den Bogen gespannt, als das Tier an ihr vorbei rannte. Im gleichen Augenblick kam in ihr aber auch die Frage auf, wie sie ein solch schweres Tier transportieren sollte. Ebenso würde der Drache ihr auch nicht hier her folgen. Dessen war sie sich sicher. Also entspannte sie den Bogen wieder, in der Hoffnung beim nächsten Mal etwas kleiner zu finden, und ließ die Hirschkuh davongaloppieren.
Tatsächlich fand sie kurz darauf am Bach ein Reh, welches an einigen Blättern zupfte, die an einem tief hängenden Ast wuchsen. Rianna wollte dem Tier jedes unnötige leiden ersparen und es schnell hinter sich bringen. Abermals legte sie einen Pfeil an die Sehne und Spannte den Bogen, den Kopf ins Visier nehmend. Langsam Atmete Rianna aus, hielt die Luft an und Ließ die Sehne los. Surrend suchte der Pfeil sein Ziel und traf das Reh unterhalb des Ohres.
Erschrocken sprang diese gerade in die Luft, brach dann aber mit einem letzten klagenden Laut auf dem Boden zusammen.
Rianna näherte sich dem leblosen Körper. Dann bemerkte sie allerdings, dass sie nun vor genau dem Problem stand, weswegen sie nicht auf die Hirschkuh geschossen hatte. Zwar war das Reh um ein vielfaches leichter, so würde sie es dennoch einiges an Kraft kosten es bis zum Drachen zu schleppen. Da sie aber bei ihrer Suche wieder in der Nähe der Bucht war, musste sie sich nicht allzu lange abmühen. Behutsam entfernte Rianna den Pfeil aus dem Kopf des Tieres, säuberte ihn im Bach und überprüfte, ob er noch intakt war. Zufrieden steckte sie ihn zurück in den Köcher, schulterte das Reh und machte sich wieder auf den Weg zurück, um dem Drachen seine Mahlzeit zu bringen.
Verwundert stellte Rianna fest, wieviel Zeit bereits vergangen war, als sie zurück auf die Lichtung trat. Sie schätzte dass es Mittag bereits war, da die Sonne hoch am Himmel stand. Der Drache schlief in aller Selenruhe unter der Eiche und öffnete erst seine Augen, als Rianna unmittelbar vor ihm stand.
Sofort sprang er auf, begab sich wieder in dieselbe geduckte Haltung wie am Morgen und knurrte: „Du schon wieder! Wieso lässt du mich nicht in Ruhe?“
Schweißgebadet von der Anstrengung legte Rianna erst einmal das Reh ab und ließ sich erschöpft auf die Wiese fallen, ehe sie einen kräftigen Schluck Wasser aus ihrem Trinkschlauch nahm. Sie atmete ein paarmal tief durch und blickte dem Drachen direkt in die Augen.
Offensichtlich erstaunt über die Kühnheit die Rianna besaß, sich in einer solchen Situation einfach vor ihn zu setzen, zuckte er mit seinem Kopf zurück und neigte ihn zur Seite.
Lächelnd begrüßt Rianna seine Reaktion und erkundigte sich dann: „Und wieso lässt du dir nicht von mir helfen? Außerdem habe ich dir dein Mittagessen mitgebracht.“ Dabei deutete sie mit ihrer rechten Hand auf das neben ihr liegende Reh. „Oder hast du gerade dein Verdauungsschläfchen gehalten? Dann hätte ich mir die Mühe ja sparen können.“
Hungrig sah der Drache das vor ihm liegende Reh an und näherte sich ihm um es zu beschnuppern.
„Nur zu, es ist alles für dich“, sagte Rianna wohlwollend.
Der Blick des Drachens verengte sich und sah zu Rianna. Schnaubend machte er wieder einige Schritt zurück und knurrte argwöhnisch: „Das ist doch mit Sicherheit vergiftet!“
Seufzend schloss Rianna ihre Augen und ließ den Kopf nach vorne fallen
„Du bist ganz schön misstrauisch!“, meinte sie nach einem Moment. „Wieso sollte ich dich vergiften wollen? Wenn ich wirklich vorhätte, dir etwas anzutun, hätte ich gestern Abend ausreichend Zeit dafür gehabt.“
Verunsichert richtete der Drache sich langsam wieder auf und begann sich etwas zu entspannen.
„Dennoch sind deinesgleichen dafür verantwortlich, dass es nur noch so wenige von uns gibt. Und auch jetzt noch jagen und töten ihr uns“, erwiderte der Drache und deutete mit dem Kopf auf sein verwundetes Bein, welches er zum Beweis demonstrativ in Riannas Richtung hielt. Daran hing noch immer der Stofffetzen von Riannas provisorischem Verband.
Darauf wusste nun Rianna nichts zu erwidern. Denn durch das Gespräch mit Rianna war ihr klar, dass er Recht hatte. Außerdem war sie klug genug, nicht mit dem Argument zu kontern, dass doch die Drachen diejenigen waren, die mit den Angriffen auf die Dörfer der Menschen begonnen hatten. Sie war sich nicht sicher, wie er darauf reagieren würde. Denn gerade jetzt, wo es schien, dass er anfing ihr zu vertrauen, wollte sie dies nicht wieder aufs Spiel setzen. Stattdessen fragte Rianna: „Wie kam es überhaupt zu der Verletzung?“
Überrascht von der Frage zuckte der Drache abermals zurück und blickte auf sein Vorderbein. Dann wandte er sich wieder Rianna zu die ihn aus Mischung aus sorge und Neugierde anlächelte.
Schließlich setzte sich auch der Drache, wobei er seinen Schwanz nach vorne um den Körper wand. Einen Moment vom ab und zu zuckenden Schweifende abgelenkt, schaute er einmal kurz über den See, so als wollte er einen Augenblick über die Antwort nachdenken. Dann schließlich erzählte er ihr, was geschehen war.
„Ich war gerade auf der Jagd nach einem großen Hirschbullen, als mich plötzlich sechs schwer gerüstete Krieger angriffen. Schnell umzingelten sie mich und griffen abwechselnd von allen Seiten an. Es dauerte aber nicht lange bis ich die ersten Beiden besiegt hatte und mich so durch die entstandene Lücke befreien konnte.
Nun standen mir die restlichen vier gegenüber. Wieder versuchten sie mich einzukreisen, was ich aber diesmal mit geschickten Sprüngen zur Seite zu verhindern wusste. Dabei fiel ein weitere Krieger und die übrigen drei schienen sich ihrer Sache nicht mehr ganz so sicher zu sein wie zu Beginn. Denn einer von ihnen suchte das Weite und wurde dabei von seinen Gefährten als Feigling beschimpft. Ich aber ließ ihn ziehen - einer weniger, um den ich mich kümmern musste. Nachdem ein weiterer gefallen war, wollte ich mich gerade um den letzten kümmern, als der, von dem ich dachte, er wäre geflohen, einen Speer nach mir warf.
Wo er mich traf, weißt du ja.
Mit einem Aufschrei aus Wut und Schmerz erledigte ich den letzten Krieger und wandte mich dann dem Speerwerfer zu. Dieser nahm direkt wieder Reißaus. Doch diesmal wollte ich ihn nicht entkommen lassen. Nach einer kurzen Verfolgung holte ich ihn ein, und auch er musste einsehen, dass es ein Fehler war, mich anzugreifen.
Schnell merkte ich, dass ich dennoch nicht allein war. Vermutlich durch den Kampflärm, waren weitere dieser Krieger auf mich aufmerksam geworden. Also versuchte ich lieber selbst von dem Ort wegzukommen.
Denn ich muss gestehen, einen weiteren Kampf hätte ich wohl aufgrund der Wunde und der langsam eintretenden Erschöpfung nicht mehr so leicht überstanden.
Deswegen bin ich dann von dort weggeflogen und irgendwann hier… gelandet.“
Interessiert lauschte Rianna der Geschichte des Drachens welcher nun vom See wieder zu ihr Blickte. Doch schielte er dabei immer wieder auf das neben ihr liegende Reh.
Dies blieb für Rianna jedoch nicht unentdeckt. Schmunzelnd wiederholte sie: „Wie ich bereits erwähnte: Es ist alles für dich!“
Erneut näherte sich der Drache vorsichtig dem erlegten Tier. Diesmal nahm er es aber in sein, mit spitzen weißen Zähnen bewährtes, Maul und zog es ein paar Schritt zurück.
Zwar wusste Rianna nicht was sich seit eben geändert hatte, aber sie war froh, dass er ihr nun ein wenig vertrauen entgegenbrachte. Daher wollte sie nun auch nach einem Verband sehen. Aber erst nachdem er sein Mahl genossen hatte.
Dazu wandte der Drache sich von ihr ab und breitete seine Schwingen wie ein Zelt über dem Reh aus. Hungrig verlang er das Tier mit Haut und Haar.
Als der Drache fertig war und die letzten Reste von seiner Schnauze geleckt hatte, wagte Rianna es sich ihm zu nähern. Aufmerksam verfolgte er ihre Bewegungen.
„Darf ich jetzt nach deiner Verletzung sehen?“, fragte sie schließlich.
Abermals blickte der Drache über den See und meinte dann schnaubend: „Nun gut. Du wirst mir ohnehin keine Ruhe lassen, ehe du nicht nachsehen durftest!“
„Vollkommen richtig!“, bestätigte Rianna lächelnd und entfernte dabei den alten, blutdurchtränkten Verband. Darunter kam die offene und noch immer blutende Wunde zum Vorschein.
„Wie kann ein einfacher Speer denn so viel Schaden anrichten? Ich dachte, eure Schuppen sind weitaus robuster als die meisten von Menschenhand gefertigten Rüstungen“, als sie erkannte wie tief die Wunde war.
Schnaubend wandte er sich ab und meinte nach einem Moment: „Vielleicht war es ja kein einfacher Speer! Ich hatte aber auch nicht die Zeit ihn genauer anzusehen.“
Rianna musste grinsen, da es für sie wie ein Scherz klang, während sie den Tiegel mit der Heilsalbe aus der Tasche kramte und diese großzügig auf einem Verband verteilte.
Plötzlich und ohne das Rianna darauf gefasst war, stieß der Drache sie mit seinem verletzten Bein um. Mit einer seiner Pranken stieg er auf ihre Brust, um sie am Boden zu halten und ließ dabei seine Krallen rechts und links ihres Kopfes in die Erde fahren. Knurrend näherte sich seine Schnauz ihrem Gesicht, bis er ihr direkt in die Augen blickte konnte. In ihnen spiegelten sich erst ihre Überraschung und dann die Angst vor dem, was jetzt geschehen könnte.
„Wusste ich doch, dass du mich vergiften willst!“, fauchte der Drache sie an. „Man kann dir also doch nicht trauen. Und ich dachte, du wärst anders als die Menschen, denen ich bisher begegnet bin.“
Mit dem Gewicht das auf ihrer Brust lastete, fiel es Rianna schwer zu Atmen. Keuchend versuchte sie ihm eine Antwort zu geben und krächzte: „kein … Gift …“
Der Drache nahm ein wenig Druck von ihr, behielt seine Pfote aber dort wo sie war.
Schwer Atmend versuchte sie ihn erneut zu überzeugen, brachte aber kaum ein verständliches Wort hervor. Erstaunlich geduldig wartete der Drache darauf, dass sie wieder zur Ruhe kam.
„Das ist kein Gift!“, wiederholte Rianna, „Das ist eine Salbe, die dabei helfen soll, dass die Wunde besser verheilt. Entschuldige bitte. Ich hätte es dir vorher sagen sollen!“
„Das hättest du in der Tat“, knurrte der Drache. „Aber um deine Worte unter Beweis zu stellen, wirst du deine Salbe an dir selbst anwenden!“
Irritiert sah Rianna den Drachen an. Zwar wurde sie von seiner Attacke überrascht, aber eine Verletzung trug sie keine davon. Weder wegen des Angriffes, noch durch das, was danach geschehen war. Bevor sie jedoch fragen konnte, was er meinte, strich er mit einer Kralle seiner anderen Pfote über ihre Wange und war dabei, trotz seiner offensichtlichen Rage, sehr vorsichtig. Anschließend stieg er von Riannas Brust und setzte sich vor ihr auf den Boden. Sogleich richtete sie sich auf und fuhr sich mit der Hand linken Hand an die Wange. Sie spürte ein leichtes Brennen dort wo der Kratzer war Aber er war weder lang noch sehr tief und würde vermutlich in wenigen Tagen narbenlos verheilt sein.
Ein leises Schnauben erinnerte Rianna daran, was der Drache von ihr erwartete.
Hecktisch suchte sie nach dem Tontiegel, der einige Schritte entfernt neben ihr auf den Boden gefallen war und verteilte ein wenig der darin enthaltenen Salbe mit einem Finger auf der Wunde. Argwöhnisch wurde sie dabei vom Drachen beobachtet, so als wolle er sichergehen dass sie ihn nicht täuschte. Also präsentierte Rianna ihm ihre Wange, die nun gut sichtbar mit der grünlichen Heilsalbe eingestrichen war.
„Vielleicht war ich doch etwas voreilig“, entschuldigte sich der Drache und ließ den Kopf etwas hängen.
Rianna schluckte ihren Ärger, wegen der groben Behandlung, herunter und suchte stattdessen nach dem von ihr bereits präparierten Verband. Jedoch war dieser völlig verschmutzt, als sie ihn im Dreck liegend fand. So konnte sie ihn natürlich nicht mehr verwenden. Allerdings hatte sie vorsorglich mehrere mitgebracht.
Seufzend nahm Rianna einen sauberen Verband aus ihrem Rucksack und bestrich diesen dick mit der Salbe.
„Das wird jetzt ein bisschen brennen“, warnte Rianna den Drachen vor, als sie den Verband anlegen wollte. Leise schnaubend nahm er es zur Kenntnis als sie den Stoffstreifen auf die Wunde drückte. Stramm wickelte sie den Verband mehrfach um das kräftige Bein und verknotete die Enden sorgfältig miteinander.
Das Ergebnis zufrieden begutachtend meinte Rianna Schließlich: „Ich denke es wäre das Beste, wenn du die Nächsten Tage dein Bein so wenig wie möglich bewegst sonst verheilt die Wunde nicht richtig.“
Erneut schnaubte der Drache missfallend. Mit angezogenem Bein Hinkte er zurück unter den Schatten der Eiche und ließ sich dort nieder.
Rianna wusch unterdes den verschmutzten Verband im See aus um in anschließend, sauber zusammengerollt, wieder in ihrem Rucksack zu verstauen. Anschließend setzte sie sich zu dem Drachen und lehnte sich mit dem Rücken an den alten Baum.
Murrend öffnete der Drache eines seiner Augen und starrte Rianna für einen Moment schweigend an. Dann erhob er seinen Kopf in ihre Richtung und fragte: „Werde ich dich auch irgendwann wieder los?“
„Nicht solange du hier in der Gegend bist!“, scherzte Rianna und fügte etwas ernster hinzu, „Solange deine Wunde nicht verheilt ist bleibst du aber hier!“
Erstaunt ob Riannas Schlagfertigkeit zuckte der Drache zurück.
„Aber keine Angst. Hier wird dich niemand so schnell finden“, beruhigte sie ihn wieder. „Diese Stelle hier kennen nur wenige. Wenn überhaupt mal jemand an den See kommt, halten sie sich meist ein Stück nördlich von hier auf und von dort kann man die Bucht nicht einsehen!“
„Ich will es hoffen!“, seufzte der Drache und sah Rianna nachdenklich an. Neugierig erwiderte sie seinen Blick.
„Wo wir gerade dabei sind“, meinte er schließlich und erhob sich wieder. Begleitet von einem missbilligendem zischen, breitete er langsam seinen Flügel zur gesamten Länge aus.
Rianna ahnte was der Drache von ihr wollte. Ehrfürchtig, vor dessen Größe, fuhr sie mit einer Hand der schwarz geschuppten Vorderseite der Schwinge entlang. Zwar konnte sie keine äußerliche Wunde sehen, aber etwa zwei handbreit unterhalb des Gelenkes glaubte sie eine Schwellung entdeckt zu haben. Schnaubend bestätigte der Drache ihre Vermutung, dass die Schmerzen daher kamen, als sie die Stelle berührte.
„Sieht so aus, als hättest du dir den Flügel irgendwo gestoßen“, meinte Rianna besorgt und fügte zuversichtlich hinzu: „Das dürfte aber ebenfalls in ein paar Tagen wieder verschwunden sein.“
Abermals schnaubend faltete er seinen Flügel wieder zusammen. Aber ob der Erkenntnis, in jedem Fall noch eine Weile hier bleiben zu müssen oder wegen der Schmerzen die er dabei hatte, verriet er nicht.
„So, ähm… Drache. Für mich wird es langsam Zeit, nach Hause zu gehen. Ich werde morgen wieder nach dir sehen“, verabschiedete Rianna sich, auch wenn sie gerne noch etwas länger geblieben wäre. Da sie keine Antworte erwartete, packte sie ihren Rucksack und den Bogen und machte sich sogleich auf den Weg,
„Turmalon“, erwiderte der Drache jedoch, bevor sie zwei Schritte gemacht hatte.
„Wie bitte?“, wandte Rianna sich wieder fragend zu ihm um.
„Turmalon“, wiederholte er, „Mein Name!“
„Sehr erfreut“, lächelte Rianna und verbeugte sich kurz vor ihm. „Ich heiße Rianna!“
Einige Tage später wachte Turmalon mit heftigen Schmerzen auf, die sich durch seinen gesamten Körper zogen. Schlagartig öffnete er seine Augen, als der Schmerz nachließ, und erkannte vor sich einen Mann, dessen Gesicht tief unter einer Kapuze verborgen lag.
„Ah, bist du endlich wach!“, spottete er und holte einen kleinen Stein aus seiner Tasche hervor. Geformt wie eine Träne, stach Turmalon ihr schwarzer Glanz direkt ins Auge.
„Du erinnerst dich wohl nicht mehr daran, wozu dieses kleine Schmuckstück in der Lage ist“, mutmaßte der Mann, den Stein zwischen Daumen und Zeigefinger drehend, sodass nun auch die feinen roten Adern darauf zu erkennen waren die ihn durchzogen. „Mit ihm weiß ich immer, wo du bist, egal wie weit du dich von mir entfernt hast. Ich würde dich überall finden. Aber was noch viel wichtiger ist…“ Er schloss den Stein in seine Faust und murmelte einige unverständliche Worte vor sich hin. Keinen Moment später krümmte Turmalon sich wieder vor Schmerzen, begleitet von einem höhnischen lachen: „…mit ihm habe ich die Kontrolle über dich!“
Es dauerte einen Augenblick, bis sich Turmalon wieder beruhigt hatte. Hasserfüllt bleckte er seine Zähne und knurrte den verhüllten Mann an: „Verschwinde Rak'Zunaih! Ich will nichts mehr mit dir und deinesgleichen zu tun haben.“ Kaum hatte er dies ausgesprochen, durchflog eine weitere Welle des Schmerzes seinen Körper.
„Was Du möchtest, steht hier nicht zur Debatte“, zischte Rak'Zunaih drohend, „Außerdem denke ich, dass ich dir einige Lektionen erteilen muss. Dafür, dass du mich abgeworfen hast…, für deinen jämmerliche Fluchtversuch…, dafür, dass du deinen Sattel abgerissen hast und ich ihn den ganzen weg bis hier her tragen musste… und noch einmal dafür, damit du es nie wieder vergisst.“ Bei jedem Vorwurf, den Rak'Zunaih aufzählte, durchzog den Drachen eine weitere welle der Schmerzen. Weder war er in der Lage dagegen etwas zu unternehmen, noch konnte er ihnen entkommen oder sie zumindest abzuschwächen. Völlig überrumpelt lag er mit geschlossenen Augen schwer Atmend auf dem Boden und hoffte, dass Rak'Zunaih endlich mit seiner Bestrafung fertig werden würde.
„Ich sagte, du sollst Verschwinden!“, wiederholte Turmalon knurrend und erhob sich zitternd. Langsam schritt er mit gefälschten Zähnen auf sein Gegenüber zu, jederzeit dazu bereit ihn anzugreifen. Drohend erhob Rak'Zunaih die Faust in der er den Stein hielt. Sofort zuckte Turmalon zurück und kauerte sich mit geschlossenen Augen nieder.
Dann jedoch gab Rak'Zunaih plötzlich selbst einen Schmerzensschrei von sich und Turmalon sah überrascht zu ihm auf. Ungläubig griff Rak'Zunaih an seinen rechten Oberarm aus dem nun die blutgetränkte Spitze eines Pfeiles ragte. Er sah sich um und entdeckte Rianna, die in einiger Entfernung mit dem Bogen in der Hand hinter ihm stand. Sie hatte bereits einen weiteren Pfeil aus dem Köcher gezogen und spannte ihn erneut auf ihr Ziel gerichtet. Schnell kniete sich auf den Boden und begann hektisch nach etwas zu suchen. Als ihn jedoch ein weiterer Pfeil nur knapp verfehlte, sprang er fluchend auf. Seinen verletzten Arm haltend, rannte er an Turmalon vorbei zum Wald und ging hinter einigen Bäumen in Deckung. „Kümmre dich um Sie, andernfalls weißt Du, was mit dir geschieht!“, drohte Rak'Zunaih noch bevor er verschwand.
Turmalon jedoch rührte sich nicht.
Rianna unterdes lief los und nahm die Verfolgung des ihr unbekannten Mannes auf.
„Warte!“, hielt Turmalon sie jedoch auf, als sie ebenfalls an ihm vorbei lief. Sie blieb stehen und warf noch einen prüfenden Blick in den Wald, wo Rak'Zunaih verschwunden war. Schließlich wand sie sich besorgt dem am Boden liegenden und noch immer zitternden Drachen zu.
„Geht es dir gut?“, erkundigte sie sich und ging vor ihm in die Hocke.
Nur langsam erholte sich Turmalon wieder.
„Nein!“, zischte er gequält und sah zu ihr auf. „Aber ich werde es überstehen.“
„Wer war das?“, wollte Rianna nun wissen, „und was hat er mit dir gemacht?“
„Niemand den du kennenlernen und nichts dass du jemals selbst erleben möchtest!“, antwortete Turmalon. „Ich schulde dir etwas, dass du die letzten Tag um mich gekümmert hast. Aber du solltest besser gehen bevor er wieder kommt. Er wird schon wütend genug sein weil ich seinen Befehl nicht befolgt habe. Wenn er dich jedoch hier sieht wird er nicht zögern dich zu töten. Und ich werde nicht in der Lage sein ihn daran zu hindern. Dieses Mal hattest du ihn überrascht. Unterschätze ihn nicht, er ist gefährlich. So einen Fehler wird ihm nicht noch ein zweites Mal passieren!“
„Kann ich dir nicht irgendwie helfen?“, hackte Rianna nach. Sie hatte zwar nicht verstanden was dieser Mann mit dem Drachen getan hatte, aber es war offensichtlich dass es nichts Gutes war. Und sie wollte nicht, dass er so jemandem weiter ausgeliefert war.
Dann viel ihr ein schimmerndes Licht ins Auge.
„Nein, ich muss mich wohl damit abfinden, dass er mich überall finden kann. Du würdest dich nur …“, Turmalon verstummte schlagartig als Rianna den Tropfenförmigen Stein vor ihren Füßen aus dem Graß hervorholte.
„Was ist das für ein Stein?“, fragte Rianna neugierig und hielt ihn, zwischen Daumen und Zeigefinger, dem Drachen entgegen.
Fauchend zog sich Turmalon einen Schritt von ihr zurück, als ob er Angst vor dem Stein hätte. Dann aber hielt er inne und betrachtete ihn eine ganze Weile lang.
Langsam näherte er sich ihr wieder und knurrte dann: „Gib ihn mir!“
„Was ist das überhaupt für ein Stein?“, wollte Rianna wissen, „Du scheinst ja keine guten Erfahrungen damit gemacht haben.“
„Das ist eine Drachenträne. Wer sie besitzt, findet mich überall, und wenn man wie Rak'Zunaih weiß, wie, hat man auch die Macht über mich“, erklärte Turmalon vorsichtig. „Also bitte ich dich, ihn mir zu geben.“
Fordernd streckte er ihr seine rechte Vorderpranke entgegen. Umgehend legte Rianna den Stein in die dargereichte Pfote. Ungläubig betrachtete der Drache das Schmuckstück ein letztes Mal und nahm es schließlich in sein Maul um es zu verschlucken.
„So kommt auf jeden Fall keiner mehr an den Stein heran“, erkannte Rianna lächelnd. „Aber was ist jetzt mit diesem Rak'Zunaih? Was, wenn er wieder kommt?“
„Ohne die Träne kann er nicht mehr viel ausrichten“, erklärte Turmalon zufrieden „Sollte er mir dennoch jemals wieder begegnen, würde er es bereuen und ich bin mir sicher, dass weiß er auch!“
„Das will ich hoffen“, erwidert Rianna besorgt. „Auch, wenn ich mich wiederhole, aber geht es dir nun besser?“
„Hah! Jetzt, da ich keine Angst mehr davor haben muss, dass mich jemand gegen meinen Willen kontrolliert, geht es mir bestens!“, antwortete Turmalon enthusiastisch. „Also was wollen wir heute unternehmen?“ Dabei sprang er förmlich um Rianna herum, was seine Freude nur noch mehr verdeutlichte.
An diesem Abend kam Rianna etwas später nach Hause, da Turmalon sie kaum gehen lassen wollte. Es war zwar noch nicht dunkel, wie am ersten Tag, als sie ihn das erste Mal begegnet war, jedoch konnte man ihrem Vater Otwin sehr gut ansehen, wie sehr er sich darüber aufregte. Er hielt sich aber zurück aufgrund der beiden Gäste, die zugegen waren.
Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, sagte er: „Darf ich dir deinen zukünftigen Gemahl vorstellen?“
Schön das sich da eine Freundschaft(?) zwischen den beiden aufbaut!
Ich fand aber die Konfrontation mit rak'zunaih zu schnell ...gegessen...xD.
Ich bin immer dankbar wenn mich jemand auf fehler hinweist. In dem fall bin ich mir aber nicht mal ganz sicher was du meinst. Denn unter Wortfehler verstehe ich die verwendung eines Wortes mit falscher Bedeutung. Nicht dass ich es ausschließen will aber ein zwei Beispiele wären mir dann doch ganz recht um zu sehen wo ich diese Fehler mache.
Is ja nur ein Buchstabe, also überhaupt nicht tragisch
Ja ich meine eher Flüchtigkeitsfehler aber ich habe gestern auch einen richtigen gesehen.
Den Fehler habe ich jetzt nicht gefunden und da gibt es noch einen kleinen, aber ich will jetzt nicht weiter rumwühlen