„Du wolltest mich sehen“, erinnerte Ishah ihren Vater daran, dass er nach ihr hat schicken lassen.
Der Lyzarie saß nachdenklich auf seinem Lieblingsplatz und betrachtete durch ein Fenster das Treiben der Anderen auf dem Platz unter ihm. Kurz wandte er sich in seinem Stuhl zu ihr um und versicherte sich, dass sie alleine war.
„Ich hatte eine Gefangene bei meiner Rückkehr mitgebracht!“, begann Rak’Zunaih zu erklären und sah dabei wieder aus dem Fenster.
„Du meinst das Menschenweib, welches du ins Loch geworfen hast?“, fragte Ishah und ihr Vater nickte einmal zur bestätigend, „Turmalon bat mich, dass ich mich um sie kümmere. Ich habe ihr etwas zu essen gebracht und einige Worte mit ihr gewechselt. Doch war sie nicht sehr gesprächig. Bis auf die Bitte, sie herauszulassen, starrte sie nur in die Luft!“
„Hm, in Ordnung, das war schon alles was ich wissen wollte!“, erwiderte Rak’Zunaih und bemerkte dann Yamis eilig durch die Tür stolpern, „Auch wenn ich hoffte das du mir mehr zu ihr zu sagen hast.“
„Mein Herr! Tar’Aknaris will euch augenblicklich sehen!“, meinte er hastig.
Genervt verdrehte Rak’Zunaih die Augen und erhob sich von seinem Platz. Dabei griff er nach einem Trinkschlauch der neben ihm auf dem Boden lag und drückte ihn Ishah in die Hand. „Sagte er, was er diesmal von mir will?“
„Nein!“, gestand Yamis entschuldigend mit dem Kopf schüttelnd, „nur das er euch sofort sehen will!“
„Wo ist er?“, fragte Rak’Zunaih seufzend, schritt an seinem untergebenen vorbei und musste die Nase rümpfen.
„Er wartet unten auf euch!“, erwiderte Yamis und eilte seinem Herren hinterher.
„Yamis!“, knurrte Rak’Zunaih verstimmt als er auf dem Weg ins Erdgeschoss war. Überrascht merkte der Angesprochene auf. „Sagte ich nicht du sollst dich von diesem ekelerregenden Gestank befreien!“
Erschrocken blieb Yamis stehen und roch an seinem Arm. Offensichtlich konnte er nicht nachvollziehen wovon Rak'Zunaih sprach, verschwand aber dennoch Augenblicklich in einem der Räume des oberen Stockwerks.
„Ah, Rak’Zunaih!“, begrüßte Tar’Aknaris ihn überschwänglich freundlich. Es stand außerfrage, dass er etwas wollte. Warum sonst bemühte er sich persönlich hier her. Ungewöhnlich war allerdings, dass dies heute bereits das zweite Mal der Fall war. Daher vermutete er, dass es erneut um das Menschenweib gehen würde. „Ein schönes Haus habt ihr hier. Hatte ich schon einmal das Vergnügen?“
„Nicht das ich wüsste“, antwortete Rak’Zunaih neutral.
„Vielleicht solltet ihr mich einmal zum Essen einladen!“, schlug Tar’Aknaris vor und sah sein gegenüber erwartungsvoll an. Dabei verzichtete er aber auf seine Fähigkeit, mit der er andere Lyzarie beeinflussen konnte.
„Wie ihr wünscht!“, erwiderte Rak’Zunaih und war auf der Hut. Das Tar’Aknaris so gut gelaunt war konnte nichts Gutes bedeuten. Dennoch interessierte ihn der Grund seines Erscheinen und fragte daher: „Was gibt mir die Ehre eures Besuches?“
„Al’Askahra hat bestätigt, dass das Menschenweib der Wächter ist!“, erklärte Tar’Aknaris hämisch, worauf Rak’Zunaih ihn überrascht ansah. „Ha, schon sehr amüsant. Ihr habt geschworen die „Schlüssel“ zu beschaffen, die Al’Askahras aus seinem Gefängnis befreien und konntet nach all den Jahren keinerlei Erfolg aufweisen. Dann stolpert ihr wie zufällig über den Wächter und wisst es nicht einmal.“
Tar’Aknaris begann lauthals zu lachen und wollte dann wissen: „Wo habt ihr sie überhaupt gefunden?“
Vollkommen in seinen Gedanken versunken, was dies für seine eigentlichen Pläne bedeutet, reagierte Rak’Zunaih erst auf die Frage, als Tar’Aknaris sie verstimmt wiederholte.
„Ich las sie, kurz vor meiner Rückkehr, draußen in den Sümpfen auf“, log Rak’Zunaih und es schien als würde Tar’Aknaris diese Antwort genügen. Denn eigentlich war es üblich, dass Eindringlinge noch an Ort und Stelle getötet und als Warnung für andere zurückgelassen wurden.
„Sie war nicht zufällig in Begleitung?“, hackte Tar’Aknaris nach.
„Nein, sie war allein!“, erwiderte Rak’Zunaih.
„Sie erwähnte aber einen Freund, der ebenfalls euer Gefangener sein soll!“, erklärte Tar’Aknaris drohend zischend, „Sein Name ist mir leider entfallen. Aber ihr wüsstet wen sie meint!“
„Ja, das weiß ich“, stimmte Rak’Zunaih der Vermutung zu, „Sie redet von Turmalon …“
„Ja, das war der Name!“, fiel es nun auch Tar’Aknaris wieder ein, „Dieses Weib wünscht sich seine Anwesenheit. Wichtiger ist jedoch, dass Al’Askahra dieser Bitte zugestimmt hat! Ich würde es also begrüßen, wenn ihr mich zu ihm bringt, um ihn ebenfalls Al’Askahra vorzuführen.“
„Das ist in dem Fall nicht ganz so einfach wie bei dem Menschenweib“, behauptete Rak’Zunaih und wollte sich so etwas Zeit verschaffen. Er musste die Situation neu einschätzen. Diese Antwort gefiel Tar’Aknaris jedoch nicht, da sich sein Blick verengte. „Ich werde ihn aber Morgen höchstpersönlich abliefern!“
Dieser Vorschlag stimmte Tar’Aknaris aber wiederum zufrieden: „In Ordnung. Ich erwarte euch morgenfrüh im Tempel!“
Darauf macht er auf der Stelle kehrt und verließ Rak’Zunaihs Haus. Bevor er allerdings aus der Tür geschritten war meinte er: „Falls es nicht klar sein sollte, aber eure Pläne nach den „Schlüsseln“ zu suchen, sind nun überflüssig. Das soll jedoch nicht heißen, dass ihr die anderen Pläne aufgeben müsst. Vielleicht lohnt es sich ja für euch.“ Mit diesen Worten verschwand Tar’Aknaris endgültig und überließ Rak’Zunaih seine Gedanken.
Ihm war bereits klar, sollte dieses Menschenweib Al’Askahra wirklich befreien, konnte er sich das erlangen ihrer Gunst abschreiben. Denn diese würde dann, ohne Zweifel, Tar’Aknaris zufallen. Also musste Rak’Zunaih sie irgendwie loswerden. Allerdings auch so, dass Tar’Aknaris in Ungnade fällt.
„Er will also Turmalon!“, dachte sich der Lyzarie und ein flüchtiges Grinsen huschte ihm über die Lippen, als ihm eine Passende Idee kam. Zwar würde das die Mühen und den Ärger, den er mit dem Drachen die letzten Wochen hatte, umsonst erscheinen lassen. Aber es war zurzeit die einzige Möglichkeit die ihm in der Kürze der Zeit einfiel und umsetzbar war.
Umgehend begab sich Rak’Zunaih zum Hort.
„Komm, ich habe eine Aufgabe für dich!“, meinte Rak’Zunaih zu Turmalon als er die letzten Stufen erklomm. Dabei sah ihn der Drache, der an seinem angestammten Platz lag und bis gerade vor sich hin gedöst hatte, verwundert an. Der Lyzarie packte den Sattel, welcher an der Wand vor der Nische hing in der Turmalon lag, und stellte sich damit vor ihn.
„Los jetzt!“, drängte Rak’Zunaih den Drachen dazu endlich aufzustehen.
„Ich hoffe du erwartest nicht von mir, dass ich diese Aufgabe zu deiner Zufriedenheit erledigen werden“, erwiderte Turmalon spöttisch und erhob sich schließlich.
„Ich bin sogar davon überzeugt, dass du das wirst und es liegt auch in deinem Interesse!“, versicherte der Lyzarie, während er dem Drachen, der ihn zweifelnd an sah, den Sattel anlegte.
Mehr wollte Rak’Zunaih, zu diesem Zeitpunkt, nicht dazu sagen. Er nahm im Sattel Platz und meinte lediglich: „Wir fliegen zum Trainingsplatz. Dort sind wir ungestört!“
Rak’Zunaih war schon seit langer Zeit nicht mehr mit Turmalon an diesem Ort und er konnte auf dem Kurzen Flug dort hin klar die Anspannung des Drachens Spüren. Turmalon mochte den Trainingsplatz nicht. Wobei dies eigentlich für ganz Kaz‘Mordan galt, jedoch besonders für diesen Ort welcher außerhalb der Stadtgrenzen lag. Hier musste er oft seinen Kampffortschritt unter Beweis stellen. Sowohl gegen die anderen Drachen als auch gegen Rak’Zunaihs Kämpfer und unterlag nicht selten seinen Gegnern.
„Was wollen wir hier?“, verlangte Turmalon ungeduldig zu erfahren, „hier ist doch Niemand!“
„Eben darum sind wir hierhergekommen!“, erwiderte Rak’Zunaih und stieg wieder aus dem Sattel.
„Ich werde dich gehen lassen!“, offenbarte er nach einer kurzen Pause, in dem er schweigend vor dem Drachen stand. Dieser blickte ihn jedoch nur ungläubig an. „Du kannst fliegen wo immer du hin willst!“
„Hör auf deine Spielchen mit mir zu spielen!“, knurrte Turmalon erbost, „Du weist dass ich nicht …“
„Allerdings unter einer Bedingung!“, unterbrach Rak’Zunaih den Drachen, da er sich ohnehin denken konnte was er zu sagen hatte.
„Hätte mich auch gewundert, wenn es nicht so wäre!“, seufzte Turmalon, wirkte nun aber interessiert an dem, was der Lyzarie zu sagen hatte.
„Du nimmst das Menschenweib mit dir!“, fuhr Rak’Zunaih fort.
„Ich sagte, dass du diese Spielchen unterlassen sollst!“, knurrte Turmalon abermals wütend und baute sich vor dem Lyzarie auf. Er war kurz davor anzugreifen und in kauf zunehmen, dass er die ganze Stadt nach Rianna absuchen musste.
„Ich meine das durchaus ernst!“, erwiderte Rak’Zunaih und ignorierte die Drohgebärden des Drachens. „Damit komme ich dann auch zu der Aufgabe, die du zu erledigen hast!“
Turmalon entglitt ein missbilligendes Schnauben, hörte nun aber wieder zu.
„Da das Menschenweib …“ „Rianna!“, unterbrach Turmalon ihn Knurrend. „Wie auch immer! … Sie wurde von Tar’Aknaris zu Al’Askahra gebracht und hat offenbar nach dir gefragt. Da Al’Askahra daraufhin nach dir verlangt hat, werde ich dich Morgenfrüh ebenfalls dorthin bringen. Wenn du es dann schaffst von dort zu entkommen, kannst du hin wo immer du willst! Wenn du deine Drachenträne wiederhaben willst, komm anschließend wieder hier her und ich werde sie dir geben.
„Wieso?“, wollte Turmalon nun wissen.
„Wieso ich plötzlich will, dass ihr beide von hier verschwindet?“, hackte Rak’Zunaih nach. Turmalon bestätigte dies mit einem Nicken. „Die meisten meiner Beweggründe gehen dich erstens nicht an und zweitens würdest du sie eh nicht verstehen. Aber durch … Rianna hat sich eine Situation ergeben, die ich so nicht vorhergesehen habe. Hätte ich allerdings früher gewusst wer sie ist, wäre es mit Sicherheit anders gelaufen. Aber nun ist es wie es ist.
Also entweder akzeptierst du meinen Vorschlag oder ich werde sie töten. Denn auch so könnte ich, in mehrerlei Hinsicht, meine Ziele erreichen. Allerdings würden dabei die Nachteile für mich überwiegen.“
„Und wenn ich sie befreie hat das keine Nachteile für dich?“, fragte Turmalon neugierig, „Schade eigentlich. Aber dennoch werde ich selbstverständlich machen!“
„Keine Angst, ich bin mir sicher das Tar’Aknaris mir die Schuld dafür geben wird“, gab Rak’Zunaih offen zu, „Aber wenn es nur halbwegs so abläuft wird wie ich es vermute, wir es lediglich dabei bleiben.“
„Ja, wenn es so läuft!“, bezweifelte Turmalon.
„Dazu wirst du nur eine Sache beachten müssen!“, erklärte Rak’Zunaih, „erinnerst du dich was heute Mittag geschah, als wir den Priestern begegneten?“
„Natürlich erinnere ich mich“, versicherte Turmalon empört, sah den Lyzarie jedoch fragend an. „Ich weiß allerdings nicht worauf du hinaus willst!“
„Du hast ihre Stimmen gehört?“ fragte Rak’Zunaih weiter.
„Ja, sie wiederholten immer wieder, dass ich zu ihnen kommen soll“, erinnerte sich der Drache.
„Und, wärst du ihrer Aufforderung gefolgt, wenn ich dich nicht dazu angewiesen hätte?“, wollte Rak’Zunaih als nächstes wissen.
„Nur um sie zum Schweigen zu bringen!“, schnaubte Turmalon abwertend.
„Das ist es was ich wissen wollte!“, bestätigte Rak’Zunaih mit einem hinterhältigen Lächeln auf den Lippen. „Ich weiß nicht genau was Tar’Aknaris mit dir vorhat, aber ich nehme an, dass er das Vertrauen von Rianna erlangen will. Denn wenn sie wirklich ist, was er behauptet, soll sie für ihn Al’Askahra befreien. Dazu darf es aber noch nicht kommen. Außerdem gehe ich davon aus, dass er dich auf dieselbe Weise wie heute Mittag unter Kontrolle halten will. Und um ihn glauben zu lassen, dass er dies tatsächlich kann, solltest du seine Anweisungen ohne jeglichen Wiederspruch Folge leisten. Denn dann wird er davon ausgehen, dass du keine Bedrohung darstellst und kannst dir unbehelligt Gedanken darüber machen wie ihr zusammen entkommen könnt. Lass dir so viel Zeit wie du dazu benötigst und warte einen günstigen Moment ab.“
„Was wollen wir hier?“, wollte Nyrn von Gramil wissen, kurz nach dem sie vor dem Gasthaus gelandet waren. Doch konnte er sich die Antwort auch denken. Es dämmerte bereits und noch vor wenigen Momenten hatte er selbst vorgeschlagen, dass es besser wäre ein Lager für die Nacht zu suchen. Bisher fand dies allerdings immer unter freiem Himmel statt, da Nyrn für gewöhnlich die Gesellschaft von Menschen vermied. Diesmal hatte Gramil jedoch dieses Gasthaus entdeckt, welches mitten im Wald an einer Handelsstraße lag.
„Was wohl!“, erwiderte der Zwerg voller Vorfreude, „Etwas Deftiges essen, in einem Bett schlafen und das Wichtigste, etwas Anständiges trinken!“
Dann hielt Gramil einen Moment inne und sah Nyrn fragend an: „Man bekommt hier doch etwas oder? In Kaz‘Maerun gab es Alkohol nur zu besonderen Anlässen und ist ansonsten nur den Clanoberhäuptern vorbehalten. Torim hatte erlassen, dass kein Alkohol gebrannt werden durfte, solange wegen der Nahrungsmittelknappheit nicht jeder Zwerg ausreichend versorgt war.
„Immerhin waren sie so vernünftig!“, dachte Nyrn sagte aber: „Natürlich. Wenn du es bezahlen kannst!“ Er machte sich berechtigte Sorge darüber. Denn er selbst besaß kein Geld. Schließlich brauchte er keins und am Zwerg hatte er bisher keinen Geldbeutel entdecken können.
Daraufhin schulterte Gramil seinen Rucksack ab und begann mit beiden Händen darin nach etwas zu suchen. Einen Augenblick später hielt er ein paar Münzen in der Hand und fragte grinsend: „Glaubst du das wird reichen?“
„Ich denke schon“, seufzte Nyrn resignierend.
„Gut. Komm, ich lade dich ein!“, meinte Gramil, wodurch auch Nyrns Sorge, wie er dies bezahlen sollte, zerstreut wurden.
Nach dem Gramil seinen Greif in einer leeren Box im Stall neben dem Gasthaus untergebracht hatte, betraten er und Nyrn gemeinsam den Schankraum. Als sie jedoch durch die Tür traten, änderte sich schlagartig die Lautstärke von einem ausgelassenen Miteinander zu einem heimlichen Getuschel.
„Passiert dir so etwas öfter, wenn du irgendwo eintrittst?“, wollte der Zwerg wissen, als alle Blicke auf sie gerichtet waren.
„Nein, eigentlich nur wenn ich mit einem Zwerg unterwegs bin!“, erwiderte Nyrn kopfschüttelnd.
Gramil nahm die Bemerkung mit einem Schulterzucken, kommentarlos hin und suchte sich einen freien Tisch in der Mitte des Raumes, an dem er sogleich Platz nahm. Zwar hätte Nyrn einen Tisch in einer der Ecken oder wenigstens mit einer Wand im Rücken bevorzugt. Doch zeigte ihm ein kurzer Blick durch die Räumlichkeiten, dass eben diese bereits alle besetzt waren. Hinzu kam, dass nur die wenigsten der Anwesenden einen vertrauenswürdigen Eindruck bei ihm hinterließen. Aber aufgrund fehlender Alternativen, blieb ihm nichts anderes übrig und er setzte sich dem Zwerg gegenüber. Er nahm an, dass Gramil ihn schon warnen würde, sollte etwas hinter seinem Rücken geschehen.
„Wirt! Etwas zu Essen und zwei Krüge von eurem besten Bier für meinen Begleiter und mich!“, rief Gramil unbekümmert durch den gesamten Raum. Allerdings in Zwergisch, wofür er weitere verwunderte Blicke erntete.
„Ich glaube nicht, dass hier jemand diese Sprache versteht!“, bemerkte Nyrn leise. Ihm war es unangenehm, dass so viel Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war.
„Ach ja, du hast wohl recht“, musste Gramil glucksend zugeben. Einen Moment grübelte er über etwas nach und wiederholte dann seine Bestellung. Dieses Mal jedoch in der Sprache der Menschen. Nun war es Nyrn der den Zwerg verwundert anblickte. Zwar war seine Aussprache sehr akzentbelastet, aber man konnte durchaus verstehen was er wollte.
„Ich dachte du verstehst diese Sprache nicht?“, erinnerte Nyrn überrascht.
„Naja, mehr als ein paar Worte sind es auch nicht!“, gab Gramil verlegen zu und kratzte sich dabei am Hinterkopf. „Man muss sich doch verständlich machen können!“
„Daran solltest du aber noch ein wenig Arbeiten!“, bemerkte Nyrn zweifelnd, „Am besten du überlässt mir die Gespräche!“
„Wie du meinst“, erwiderte Gramil schulterzuckend, als eine junge Frau mit den bestellten Speisen kam und sie auftischte. Dankend überreichte Gramil ihr dafür eine Goldmünze, die sie mit staunenden Blicken entgegennahm.
„Wir hätten auch gerne ein Zimmer für die Nacht!“, erklärte Nyrn dem Mädchen, von dem er annahm, sie sei die Tochter des Wirts. Diese nickte lediglich und verschwand in Richtung der Theke, wo ein, ebenfalls sehr junger wirkender Mann stand und gelangweilt in die Runde sah. Die Frau zeigte ihm die Münze, welche Gramil ihr gegeben hatte, was auch ihn in Staunen versetzte.
Er wollte offensichtlich wissen wo sie das Goldstück her hatte, da sie geradewegs auf den Zwerg zeigte. Er nickte kurz und kam dann an den Tisch an dem Nyrn und Gramil saßen.
„Entschuldigt mein Herr, aber ich kann dieses Gold nicht annehmen!“, meinte der Mann entschuldigend.
„Was stimmt denn nicht mit der Münze?“, erkundigte sich Nyrn verwundert.
„Oh, mit der Münze ist alles in Ordnung!“, versicherte der Mann, „Ich kann sie euch jedoch nicht auszahlen. Soviel Geld besitzen wir nicht!“
Die Aufrichtigkeit des jungen Mann erstaunte Nyrn. Er wusste ja, dass es zu viel gewesen war, aber es Gramil bestimmt nicht gestört, wenn der Wirt das Geld einfach behalten hätte.
„Macht euch darum keine Sorgen!“, beruhigte Nyrn den Mann, „Ihr könnt den Rest ruhig behalten. Seht es als Belohnung für eure Ehrlichkeit an!“
„Vielen dank mein Herr! Ihr seid sehr großzügig!“, bedankte sich der Wirt mit einer Verbeugung, „Wenn ihr noch etwas wünscht, sagt nur Bescheid!“
Da weder Nyrn noch Gramil etwas darauf erwiderten, wandte er sich wider von ihnen ab und kehrte hinter den Tresen zurück.
„Ein ungewöhnlich freundlicher Zeitgenosse“, musste Nyrn verblüfft feststellen, „für gewöhnlich sind die Wirt in solchen Gaststätten sehr viel grobschlächtiger.“
„Liegt vielleicht an seinem Alter“, meinte Gramil zwischen zwei Bissen achselzuckend.
„Vermutlich“, stimmte Nyrn zu und bediente sich nun ebenfalls an den Speisen.
„Denkst du, dass es ausreicht was ich ihr gegeben habe?“, fragte der Zwerg plötzlich besorgt.
„Wenn du ihnen noch eine solche Münze gibst und sie darum bittest, würde sie dir sogar das Gasthaus überlassen!“, beruhigte Nyrn ihn.
„Na, wo soll die Reise den hingehen, wenn man fragen darf?“, unterbrach sie ein Zwielichtiger Typ, der sich ungefragt an den Tisch gesetzt hatte und auch noch die Dreistigkeit besaß, sich an den Speisen zu bedienen.
„Natürlich dürft ihr fragen“, erwiderte Nyrn sarkastisch und musterte den hageren Mann missbilligend. Im Gegensatz zu Gramil, der ihn lediglich mit einem kurzen Blick zur Kenntnis nahm und anschließend weiter aß. „Aber erwartet nicht, dass ich euch eine Antwort darauf gebe!“
Die Miene des Mannes verdüsterte sich. Er beugte sich zu Nyrn über den Tisch und wollte etwas sagen, doch kam der Wirt ihm zuvor.
„Hey Haron! Lass meine Gäste in Ruhe!“, mahnte er in einem unmissverständlichen Tonfall. „Oder du kannst zusehen, dass du dir deinen Schnaps wo anders besorgst!“
„Schon gut, schon gut!“, erwiderte der Angesprochene und lehnte sich gelassen zurück. „Ich wollte deinen Gästen nur erklären, dass der Wald dort draußen sehr gefährlich werden kann wenn man sich dort nicht auskennt!“
„Es ist nur so gefährlich wegen Halsabschneidern wie dir!“, erwiderte der Wirt.
Haron begann augenblicklich laut los zu lachen und wandte sich auf dem Stuhl dem Wirt zu.
„Zugegeben bin ich nicht gerade die Rechenschaft in Person, aber den Hals habe ich noch niemanden abgeschnitten!“, entgegnete der Mann frech, „Gegen eine kleine Gebühr hätte ich sie sicher durch den Wald geführt. Ohne dass jemandem eine Haar gekrümmt worden wäre.“
„Ich weiß dass du dir die Hände mit solchen Taten nicht schmutzig machst!“, bestätigte der Wirt. „Dafür hast du ja schließlich deine Handlanger!“
„Ja, ja. Sei schon ruhig Christian! Ich versau dir doch auch nicht deine Geschäfte! Oder?“, beschwerte sich Haron.
„Danke für das Angebot!“, meinte Nyrn amüsiert. „Aber von oben sah der Wald gar nicht so gefährlich aus. Ich denke wir werden auch ohne ihre Hilfe zurechtkommen.“
„Bitte was? Von oben? Was redet ihr da für einen Unsinn?“, wollte Haron irritiert wissen und fügte lachend hinzu: „Hat euch etwa ein Vögelchen hier hergebracht?“ Außer ihm begannen auch einige Männer am Nachbartisch, die die Diskussion offenbar aufmerksam verfolgten, in das Lachen einzustimmen.
„Ein Vögelchen, in der Tat!“, bestätigte Nyrn feixend, „eines mit spitzen Schnabel und sehr scharfen Klauen!“
„Na dann, wir werden ja sehen!“, bemerkte Haron vielsagend und erhob sich, um wieder bei seinen Kameraden Platz zu nehmen.
Über diese offensichtliche Drohung machte Nyrn sich keine Sorgen. Gleichwohl er nur hoffen konnte, dass statt seiner niemand anderes darunter würde leiden müssen. Aber das Haron gerade plante wie und wo er ihnen Morgen auflauern wollte, war unverkennbar.
Beeindruckend fand Nyrn aber auch, wie der Wirt mit Haron umsprang. Er hatte nicht den Eindruck, als wäre dies das erste Mal gewesen, dass die beiden aneinander geraten waren. Allerdings konnte er nur vermuten, wieso jemand wie Haron sich so etwas gefallen ließ.
Turmalon war immer noch davon überzeugt, dass dies wieder nur eines von Rak’Zunaihs Spielchen war. Was sonst sollte den Lyzarie plötzlich dazu zu bewegen ihn freizulassen. Zwar hatte er sich geschworen, nicht mehr auf solche Tricks hereinzufallen. Aber die Aussichten Rianna wiederzusehen, zu erfahren wie es ihr geht, und möglicherweise doch entkommen zu können, ließen ihn auf diese Spiel eingehen.
Nach dem Rak’Zunaih Turmalon noch einmal eingebläut hatte worauf er achten musste, waren sie jetzt auf dem Weg zu Al’Askahras Tempel. Der Drache landete auf dem Platz davor und wurde sogleich von einigen Lyzarie in weißen Gewändern in Empfang genommen.
„Tar’Aknaris erwartet mich!“, sagte Rak’Zunaih vom Turmalons Rücken hinab.
„Ich weiß! Folgt mir!“, befahl einer der Lyzarie und stieg die Treppe empor.
Ohne wiederworte folgte der Drache dem Lyzarie und blieb unmittelbar hinter ihm. Kaum waren sie im inneren, kamen ihnen Tar’Aknaris entgegen und schien nicht besonders begeistert zu sein.
„Rak’Zunaih! Was hat dieser Drache hier drin zu suchen?“, verlangte er verärgert zu erfahren.
„Wenn ich euch daran erinnern darf, aber ihr wolltet gestern, dass ich ihn zu euch bringe!“, erwiderte Rak’Zunaih und stieg aus dem Sattel.
„Ihr meint, dass dies der Freund ist, denn das Menschenweib sehen will?“, wunderte sich Tar’Aknaris und wirkte dabei alles andere als erfreut. „Nun wie auch immer“, seufzte er resignierend, „ihr könnt nun gehen!“
„Davon würde ich abraten!“, widersprach Rak’Zunaih was wiederum Tar’Aknaris zu missfallen schien, „Dieser Drache ist sehr widerspenstig und schwer unter Kontrolle zu halten. Ich sollte in der Nähe bleiben falls etwas geschieht!“
Dies hingegen passte Turmalon nicht was er durch ein leises knurren verdeutlicht. Er hatte es sich von Anfang an gedacht, dass Rak’Zunaih ihn hereinlegen wollte. Allerdings fragte er sich, wozu der Lyzarie ihm dann all dies erzählt hatte.
«Folge dem Gang und dann die Treppe hinunter», erklang Tar’Aknaris Stimme in Turmalons Kopf. Kurz unschlüssig befolgte er dann aber doch Rak’Zunaihs Rat und folgte der Anweisung.
„Das wird nicht notwendig sein!“ erwiderte Tar’Aknaris und blickte dem Drachen verächtlich hinterher, als er an ihm vorbeischritt.
„Wie ihr wünscht“, lenkte Rak’Zunaih ein und verließ wieder das Gebäude.
Am Ende der Treppe wartete Turmalon vor einem Tor darauf, dass dieses jemand öffnete oder ihm verriet wie es weiter ging. Doch nur wenige Momente später erschien Tar’Aknaris. Kurz bevor er die letzten Stufen erreichte, zuckte Turmalon zurück, da die beiden Flügel des Tores wie von selbst aufschwangen. Der Lyzarie bedachte den Drachen mit einem weiteren verachtenden Blick und schritt an ihm vorbei, in die hinter dem Tor liegende Kammer.
Argwöhnisch beobachtete Turmalon den Lyzarie, tat es ihm dann aber gleich. Sogleich entdeckte er Rianna, die mit dem Rücken zu ihm vor einem merkwürdigen blauen Licht auf dem Boden saß. Offensichtlich hatte sie nicht bemerkt, dass sich das Tor geöffnet hatte und jemand hereingekommen war.
„Hier ist er!“, sagte Tar’Aknaris, als er auf halben Weg zwischen Rianna und dem Eingang stehen geblieben war.
Neugierig blickte das Mädchen über ihre Schultern und starrte den Drachen zunächst nur ungläubig an. Doch dann sprang sie urplötzlich auf und lief freudestrahlend auf Turmalon zu. Sie umklammerte seinen Kopf und lehnte sich mit ihrer Stirn gegen die seine.
„Geht es dir gut?“, wollte sie aufgeregt von dem Drachen wissen und ließ wieder von ihm ab.
„Bei mir ist alles in Ordnung“, beruhigte Turmalon sie, „Jedoch habe ich mir mehr Sorgen um dich gemacht!“ Dabei betrachtete er die Kleidung die Rianna trug und die der der Lyzarie sehr ähnlich war. „Aber offenbar war dies unbegründet.“ Turmalon wusste, dass dies nicht stimmte aber auch wenn es in diesem Moment nicht notwendig war, wollte er sie etwas aufheitern. Betrübt blickte Rianna zu Boden, sah dann aber wieder auf und in Turmalons verhaltenes Lächeln und erwiderte es.
„Ja, bei mir ist auch alles in Ordnung“, bestätigte sie leise. Allerdings war sich Turmalon auch hier sicher, dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. Dies verdeutlichte ihr abermals niedergeschlagener Blick zu Boden.
„Komm, ich möchte dir jemanden vorstellen!“, meinte Rianna wieder etwas fröhlicher. Sie wandte sich auf der Stelle um und suchte kurz nach etwas. Schließlich ging sie geradewegs wieder auf das blaue licht zu, dass nun in der Mitte des Raums über einem Podest schwebte. Tar’Aknaris stand ebenfalls dort und starrte auf die Erscheinung.
«Geh in den hinteren Teil des Raumes und leg dich dort hin!», befahl er, als Rianna und Turmalon sich ihm näherten. Sein Blick war dabei fest auf den Drachen gerichtet.
„Nicht schon wieder“, dachte Turmalon und tat auch dieses Mal was man ihm sagte. Allerdings hoffte er, dies nicht mehr allzu oft machen müsste.
„Wo willst du denn hin?“, fragte Rianna verwundert, als der Drache an ihr vorbeischritt. Doch beschloss er, sie fürs erste zu ignorieren. So schwer ihm dies auch fiel, aber er würde es ihr bei Gelegenheit schon erklären.
„Bist du wirklich schon wieder müde?“, lachte Rianna empört, als er sich auf dem Boden niederlegte. Kopfschüttelnd kam sie auf ihn zu und ging vor ihm in die Hocke. Turmalon richtete kurze seine Augen auf sie und wanderten dann zu dem blauen Licht, dass unmittelbar hinter ihr schwebte.
„Das hier ist Al’Askahra!“, stellte Rianna das leuchtende Etwas vor, während sie darauf deutete. Turmalon fragte sich schon die ganze Zeit was dies darstellen sollte, konnte sich bisher aber keinen Reim darauf machen. Nun hatte er zumindest erfahren, dass es offenbar etwas war das lebte. Je länger er es betrachtete, desto mehr war er davon überzeugt eine Menschenähnliche gestallt in diesem Phänomen zu erkennen.
„Es ist mir eine Freude!“, erklang die hallende Stimme dieses Wesens. „Komm Rianna. Wenn er sich ausruhen möchte, sollten wir ihn nicht dabei stören! Wir werden mit Sicherheit noch die Gelegenheit haben uns besser kennenzulernen. Jetzt sollten wir aber dort weitermachen wo wir eben unterbrochen wurden.“
„Hat Rak’Zunaih dir wirklich so viel abverlangt?“, fragte Rianna bemitleidend und stand wieder auf, „Na gut, dann ruh dich aus. Hauptsache du bist jetzt hier!“
Zusammen mit Al’Askahra ging sie zurück an den Platz, an dem die Beiden saßen als Tar’Aknaris und Turmalon den Raum betreten hatten. Gerade als der Drache an den Lyzarie dachte, fiel ihm auf, dass dieser gar nichtmehr zugegen und das Tor wieder verschlossen war.
Al’Askahra erforschte nun bereits seit geraumer Zeit Riannas Geist. Diese war jedoch zu Beginn nicht sehr begeistert von dem Gedanken, dass jemand in ihren Kopf eindrang. Es erforderte einige Überzeugungsarbeit von Al’Askahra um Rianna dazu zu überreden. Ihr wurde zugesichert, dass sie jederzeit aufhören konnte, wenn es zu viel für sie würde. Aber es wäre nur möglich, wenn sie es von sich aus zuließe. Überzeugen konnte Al’Askahra letztlich erst mit dem Argument, dass während sie einen Weg suchte, um aus ihrem Gefängnis zu entkommen, eventuell auch etwas über Riannas Vergangenheit herausfände. Zwar glaubte sie, sich mehr oder weniger gut an die meisten Geschehnisse ihrer Kindheit zu erinnern, aber wusste sie auch, dass es dort noch etwas geben musste. Tabea hatte ja bereits etwas Ähnliches angedeutet. Es machte Rianna einfach neugierig dieses Geheimnis endlich zu ergründen.
Jedoch konnte Al’Askahra das Versprechen, dass die Prozedur keine Schmerzen verursachte, nicht einhalten. Zwar verspürte sie keine körperlichen Schmerzen, allerdings verursachten manche der Erinnerungen, die in ihr wieder zu Tage gefördert wurden, einiges an Leid in ihr. Zum Ausgleich gab es aber auch viele schönes. Doch durfte sie sich nicht zu lange in diesen Erinnerungen schwelgen, die zudem auch noch in einer völlig verdrehten Reihenfolge abliefen, da sie Al’Askahra dadurch blockierte, wie diese bereits mehrfach mahnen musste.
„Al’Askahra, ich würde gerne eine Pause machen!“, bat Rianna und hielt sich, vorn übergebeugt, mit beiden Händen den Kopf. „Ich werde langsam Müde und von all den Erinnerungen schwirrt mir der Schädel. Ich hätte nicht gedacht, dass dies alles so anstrengend sein kann.“
Augenblicklich spürte Rianna wie Al’Askahra sich aus ihrem Geist zurückzog. Sie konnte dieses Gefühl kaum beschreiben, aber es war nun so als wäre sie wieder allein in ihrem Körper.
„Du hast Recht!“, stimmte Al’Askahra zu, „ich denke auch, dass es für heute reicht. Du bist noch sehr verschlossen. Viele deiner Erinnerungen sind noch wie von einer undurchdringlichen Wand umhüllt.
„Wirklich?“, wunderte sich Rianna, „Ich hatte eher das Gefühl mein Gesamtes Leben noch einmal erlebt zu haben!“
„Nein, ich befürchte das war gerade mal ein kleiner!“, bestätigte Al’Askahra leise lachend, „Wie dem auch sei. Es wäre besser wenn wir bis morgen warten um fortzufahren. Bis dahin solltest du dich ausruhen!“ Als wolle sie keine Wiederworte zulassen, löste sich ihre Erscheinung nahezu sofort im nichts auf.
Nach dem das blaue Leuchten verschwunden war, sah Rianna wieder auf und zu Turmalon, der noch immer dort lag, wo er sich niedergelassen hatte. Entgegen dem was sie zunächst vermutet hatte, schlief er aber nicht, sondern beobachtete sie aufmerksam.
Rianna erhob sich vom Steinboden und ging abermals zu dem Drachen.
„Na, endlich ausgeschlafen?“, fragte sie lächelnd und beugte sich zu ihm herunter.
«Nein, ich habe euch beide die ganze Zeit beobachtet!», gestand Turmalon und Rianna wunderte sich, dass er ihr dies Telepathisch mitteilte.
Schulterzuckend nahm sie sein durchaus verständliches Misstrauen hin, wollte aber wissen: „Wieso bist du den Weggelaufen als ich dir Al’Askahra vorstellen wollte?“
«Weil Tar’Aknaris es so wollte!», erklärte Turmalon und erhob seinen Kopf bis auf Riannas Augenhöhe, nachdem sie sich ebenfalls wieder aufgerichtet hatte. Dann erklärte er ihr weswegen er hier sei und was Rak’Zunaih vorhatte.
„Und du glaubst ihm das plötzlich?“, fragte Rianna misstrauisch.
«Naja, was hatte ich für eine Wahl? Ich erwähnte ja vorhin seine Alternative!», rechtfertigte sich Turmalon und sah sie dabei hilfesuchend an.
„Es sind weniger diese Worte an denen ich zweifele“, erwiderte Rianna beunruhigt, „sondern der Rest seiner Geschichte!“
«Vermutlich hast du Recht», stimmte Turmalon zu, «aber wieso sollten wir diese Gelegenheit nicht ergreifen wenn sie sich uns bietet? Allerdings muss ich Rak’Zunaih zugestehen, dass er bei einer Sache bis jetzt die Wahrheit gesagt hat. Und zwar, dass wenn ich den Anweisungen dieser Lyzarie hier folge leiste, sie mich in Ruhe lassen. Oder glaubst du, dass wir hier drin sonnst alleine wären?»
„Nein, wahrscheinlich nicht“, sah Rianna ein, „Vielleicht will er aber auch nur … Ach, ich weiß es doch auch nicht. Das klingt alles so merkwürdig. Zudem würde ich auch gerne Al’Askahra helfen! Denn auch sie hat mir zugesichert, dass ich anschließend gehen könnte!“
«Und wie sehr traust du ihren Worten?», erkundigte sich Turmalon.
„In jedem Fall mehr als denen von Rak’Zunaih!“, stellte Rianna verstimmt klar. „Sie hat sich von Anfang an um mich gesorgt und auch darum, dass du wieder bei mir bist!“
«Auch wenn ich es nur ungern zugeben will, aber auch das hat Rak’Zunaih vorausgesagt!», erinnerte Turmalon. «Er ist davon überzeugt, dass sie nur dein Vertrauen gewinnen wolle!»
Rianna war sich unschlüssig. Wenn es jemanden gab dem sie an diesem Ort vertraute, dann war es Turmalon. Jedoch beruhten seine Vermutungen auf Rak’Zunaihs aussagen und auch wenn sie scheinbar bisher einen Sinn ergaben, war er mit Abstand derjenige dem sie am aller wenigsten glauben wollte. Zumal er verhindern wollte, dass sie Al’Askahra dabei hilft, ihre Freiheit wieder zu erlangen. Ihr kamen bereits die wenigen Tage, die sie als Gefangene hier bei den Lyzarie verbrachte, schon quälend lang und als eine Tortur vor. Dies dürfte aber nur ein geringes Übel gewesen sein im Vergleich zu dem, was Al’Askahra erleiden musste. Denn nach ihrer Aussage, war sie bereits seit fast Eintausend Jahren hier gefangen. Und wenn Rianna, aus welchen Gründen auch immer, wirklich in der Lage war zu helfen, so wolle sie auch nichts unversucht lassen, dies zu tun.
„Wenn ich Al’Askahra weiterhelfen kann, wird sie uns mit Sicherheit beide gehen lassen!“, wiederholte Rianna schließlich, vollkommen davon überzeugt.
«Und wenn du ihr nicht helfen kannst? Oder man uns trotzdem nicht gehen lassen will?», gab Turmalon zu bedenken.
Seufzend sah Rianna zu Boden und überlegte was sie erwidern sollte. Ihre Zuversicht war ebenso schnell verflogen wie sie gekommen war.
„Ich weiß es nicht“, musste sie letztlich verzweifelt zugeben. „Was sollen wir den deiner Meinung nach am besten machen?“
«Wie ich bereits sagte!», erwiderte Turmalon knapp, «Ich achte auf einen günstigen Moment und du machst dich dazu bereit, auf mein Zeichen sofort zu mir zu kommen!»
„In Ordnung!“, seufzte Rianna schwer.
Als Turmalon kurz darauf an ihr vorbei sah wandte auch sie sich um, um zu erfahren was seine Aufmerksamkeit verlangte. Hinter ihr hatte sich das steinerne Tor geöffnet und Tar’Aknaris war, zusammen mit zwei seiner Gefolgsleuten, eingetreten.
Er starrte Turmalon für einen Moment ernst an und sagte dann zu Rianna, während er auf die beiden hinter ihm stehenden Lyzarie wies: „Wenn du möchtest, begleiten sie dich wieder zu deinem Zimmer.“ Zwar sagte er dies in einem ruhigen Ton, doch sah er sie dabei so eindringlich an, dass klar war, dass sie eigentlich keine andere Wahl hatte. „Ich habe veranlasst, dass Sirah dir etwas zu essen bringt und auch sonst alle deinen Wünschen nachkommt!“
«Er will dass ich hier unten bleibe!», erklärte Turmalon und legte sich mit einem verachtenden Schnauben abermals auf den Boden nieder.
„Was ist mit Turmalon? Wo soll er hin?“, wollte Rianna wissen, als sie an Tar’Aknaris herangetreten war.
„Er scheint sich hier unten doch ganz wohl zu fühlen!“, erwiderte Tar’Aknaris ohne das Mädchen anzusehen. „Meinetwegen kann er hier bleiben. Davon einmal abgesehen können wir ihn sowieso nirgendwo anders unterbringen.“
„Er wird aber Hunger haben und …“, begann Rianna, wurde aber von dem Lyzarie unterbrochen, der sich schlagartig zu ihr drehte.
„Man wird sich darum kümmern!“, zischte er verärgert, sodass sie vor ihm zurückschreckte.
Mit einem „Danke“, zeigte sie sich erkenntlich und folgte den beiden Lyzarie, die am Tor auf sie Warteten.
„Es wird wohl besser sein, wenn Turmalon bei Kräften ist!“, dachte sich Rianna, „Egal für welchen fall das nötig sein sollte!“
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