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Es war bereits später Abend und eigentlich wollte Ischah nur noch ihre Arbeit beenden, als ein leises Knacken sie aufhorchen ließ.

„Soll es tatsächlich endlich soweit sein?“, fragte sich die Lyzarie erstaunt. Doch ein weiteres Knacken ließ an ihrer Vermutung keinen Zweifel mehr übrig.

Unter Beobachtung eines scheinbar glühenden Augenpaares, sprang sie sofort auf und lief zu einer Kommode auf der ein schwarzes Ei wie eine Trophäe aufgebahrt steht. 

Behutsam nahm sie es von dort herunter und legte es, auf Laub und Moos gebettet, in einem kleinen Pferch im Nebenraum ab. Zwar war dieser mal für ihren anderen Zögling gedacht, doch würde er von diesem schon seit geraumer Zeit nicht mehr beachtet.

Gespannt beobachtete Ischah, wie sich die Risse auf der Schale ausweiteten. Ischah war hin und her gerissen davon, dem kleinen Wesen bei seinem Kraftakt zu helfen oder zu sehen, ob es diese erste Hürde ins Leben von alleine überwinden würde. Sie entschloss sich dafür, nur dann einzuschreiten, wenn es Schwierigkeiten haben würde, sich zu befreien.

Ein kleines Stück der Schale brach weg und man konnte durch das entstandene Loch ins Innere sehen. Zwar wusste Ischah, was aus dem Ei schlüpfen würde - schließlich hatte man es ihr vor vielen Jahren anvertraut -, dennoch spickte sie neugierig durch die entstandene Öffnung. Jedoch konnte sie außer, dass sich etwas darin bewegte, nicht viel erkennen. Eine kurze Pause folgte und Ischah vernahm ein heiseres Fiepen. Sie war sich nicht sicher, was ihr das kleine Wesen mitteilen wollte. Ob es: „Hilf mir doch bitte hier raus!“ oder einfach nur „Hallo. Hier bin ich!“ sagen wollte.

Nach einer weiteren Pause beschäftigte es sich wieder damit, aus seinem engen Gefängnis zu entfliehen. Ischah sah, dass es seine Bemühungen jetzt auf das bereits entstandene Loch konzentrierte. Dies erkannte sie daran, dass sich immer mehr Risse um das Loch bildeten und ab und zu seine Schnauze oder eine Pfote aus dem Loch lugten.

„Schlaues kleines Ding!“, bestätigte Ischah leise, um es weiter zu motivieren, wie sie hoffte. Doch dies war gar nicht mehr nötig. Plötzlich ging es ganz schnell. Ein weiteres Stück der Schale brach heraus. Dieses Mal war es groß genug, dass sich der kleine Drache, wie man nun erkannte, mehr oder weniger mühelos durch das Loch hindurchzwängen konnte.

Nachdem er sich befreit hatte, gab er ein langgezogenes Fiepen in Richtung des Eies ab. So, als ob der kleine Drache seinem ehemaligen Gefängnis zeigen wollte, wer der Stärkere sei. Dann wandte er sich ab und erkundete die Umgebung. Unsicher tapste er über das weiche Moos und zog dabei seine Schwingen unbeholfen hinter sich her.

„Hey, mein Kleiner“, flüsterte Ischah zu ihm. „Wenn du deine Flügel die ganze Zeit hinter dir her schleifst, wirst du sie dir verletzen!“

Daraufhin wanderte sein Blick nach oben und als er Ischah entdeckte, legte er seinen Kopf schief und sah sie fragend an. Ein weiteres Fiepen war seine Antwort. Oder eine Frage? Ischah wusste es nicht. Vorsichtig griff sie über den Zaun und packte mit beiden Händen jeweils einen der Flügel. Der Drache versuchte zwar zurückzuweichen, war jedoch nicht schnell genug, um ihr zu entfliehen. Behutsam entfaltete Ischah seine Schwingen. Immer darauf bedacht, ihn nicht zu verletzen. Mit zurückgezogenem Kopf beobachtete der Drache ängstlich, was sie mit ihm machte.

Dann ließ sie ihn wieder los. Kurz sanken die Flügel wieder Richtung Boden, doch dann spannte er sie an und entfaltete sie zu ihrer gesamten Pracht. Nur, um sie anschließend, wie selbstverständlich, eng an seinen Körper anzulegen. Abermals fiepte er und ein weiteres Mal fragte sich Ischah, was er ihr sagen wollte. „Hey, was sollte das? Lass meine Flügel in Ruhe!“ oder einfach nur „Danke!“.

Der Drache sah sie noch einen Moment lang an, verlor dann aber das Interesse und erkundete weiter sein Gehege. Er schien wohl erkannt zu haben, dass von ihr keine Gefahr ausging. Jedoch forderte der kräftezehrende Akt des Schlüpfens kurz darauf seinen Tribut. Er hatte kaum ein paar Schritte gemacht, als er zu schwanken begann und daraufhin stehen blieb. Dann sah er sich wieder nach Ischah um. Als er sie fand, öffnete er sein Maul und schloss dabei die Augen. Anders als erwartet gab er dieses Mal kein Geräusch von sich, sondern rollte sich anschließend einfach zusammen und begann zu schlafen.

Ischah begann wegen dieser Geste an zu Lachen. Musste sich aber zurückhalten, da sie ihn nicht stören wollte.

„Schlaf schön“, flüsterte sie ihm zu und entfernte sich vorsichtig von dem Gehege.

Als nächstes musste sie Bescheid geben, dass ihr Drache geschlüpft war. Jedoch erfüllte sie der Gedanke daran mit Schmerz, da ihr klar war, was ihr Volk vorhatte und wie sie dies mit seiner und der Hilfe anderer seiner Art erreichen wollte.

 

Einige Tage später war Ischah damit beschäftigt, alles, was zu Bruch gehen konnte, aus der Reichweite des Drachens zu entfernen. Jedoch hatte dieser vor nicht allzu langer Zeit herausgefunden, wozu seine Flügel alles fähig waren. Weite Strecken konnte er zwar nicht zurücklegen, aber um höhere Punkte zu erreichen oder eine kurze Distanz gleitend zu überwinden reichte es schon. Dies erschwerte ihre Aufgabe natürlich ungemein.

Den halben Morgen hatte der Drache damit verbracht, allem hinterher zu jagen was sich bewegte. Einschließlich seines eigenen Schwanzes. Sein bevorzugtes Ziel war allerdings Kiela. Ein einige Monate altes und fast doppelt so großes Panterweibchen, dass Ischah vor mehreren Wochen, fast verhungert, im Wald fand. Für ihre Geschwister, mit denen sie es fand, kam leider jede Hilfe zu spät. Immerhin konnte sie Kiela, die zu diesem Zeitpunkt selbst kaum noch am Leben war, erfolgreich aufpäppeln.

Während die Beiden herumtollten, richteten sie ein heilloses Durcheinander an. Dabei konnte Ischah nicht einmal mit Sicherheit sagen, wann wer wen jagte. Und während die Lyzarie den Rest des Morgens damit verbrachte, wieder aufzuräumen, schlummerten die Verursacher des Chaos friedlich nebeneinander vor sich hin.

Doch trotz der Umstände, die ihr der Kleine Drache verursachte, hatte sie ihn bereits in ihr Herz geschlossen. Dies würde allerdings den Abschied, der in jedem Fall in einigen Monaten kommen würde, nur umso schwerer machen. Bis dahin hatte Ischah aber noch etwas Zeit, um sich mit ihm zu beschäftigen.

 

Kaum hatte sich Ischah, nach dem sie fertig war, für einen Moment hingesetzt vernahm sie auch schon ein, langsam lauter werdendes Fiepen. Seufzend raffte sie sich auf, denn sie wusste, dass es mit der Ruhe nun zu Ende war.  Sie nahm einige Stücke rohes Fleisch, die sie zuvor zu Recht geschnitten hatte und ging zum Pferch. Dort wurde sie schon von dem Drachen erwartet, der sie mit einem weiteren Fiepen, freudig begrüßte.

„Na, mein Kleiner, gut geschlafen?“, fragte Ischah und er gab ihr die übliche Antwort.

„Das habe ich mir gedacht!“, erwiderte sie seufzend. „Dann werdet ihr Beiden mir wahrscheinlich auch gleich wieder alles durcheinander bringen! Oder?“ Dabei sah der Drache sie fragend an.

Behutsam griff Ischah nach dem Drachen, hob ihn mit beiden Händen hoch und setze ihn sich auf den Schoß. Nun wachte auch Kiela auf. Verschlafen erhob sie ihren Kopf und beobachtete mit einem Gähnen was vor sich ging. Währenddessen hatte Ischah eines der Fleischstücke genommen und wollte es dem Drachen geben. Doch kaum hatte er es entdeckt, sprang er ihrer Hand entgegen, schnappte sich seine Mahlzeit mit den Pfoten und landete damit auf dem Boden. Gierig verschlang er den Happen in einem Stück. Anschließend drehte er sich wieder zu Ischah um und bettelte nach mehr. Sie nahm ein weiteres Stück und hielt es, mit einigem Abstand, über ihm. Der Drache richtete sich einfach auf, griff danach und ließ es ebenfalls in seinem Maul verschwinden. Den Rest des Fleisches legte Ischah vor ihm auf den Boden, wodurch Kiela nun endgültig erwachte. Mit einem Satz sprang sie aus dem Gehege und näherte sich dem Drachen. Doch bevor es zu einem Streit kommen konnte, schritt Ischah ein und loste die junge Großkatze in einen anderen Raum. Nachdem sie auch den Panther versorgt hatte, widmete die Lyzarie sich wieder ihrer eigentlichen Aufgabe, die sie in den letzten Tagen hatte vernachlässigen müssen.

Nur einen Augenblick, nachdem Ischah an ihren Arbeitstisch Platz genommen hatte, sprang der Drache darauf und setzte sich an eine Ecke, von der aus er alles beobachten konnte, was sie tat.

„Wenn du hier oben etwas anstellst, bekommen wir beide Ärger miteinander!“, ermahnte sie ihren Schützling. „Hast du das verstanden?“

Ein weiteres Fiepen war seine Antwort und Ischah nahm einfach an, dass es bedeutete, sie verstanden zu haben.

 

Einige Monate später reichte die Schulterhöhe des Drachens schon an Ischahs Hüfte und war mittlerweile so groß wie Kiela, die nun fast ausgewachsen sein sollte. Die Drei kamen gerade von einem Spaziergang zurück, auf dem sich Ischahs Schützlinge nach Lust und Laune austoben durften. Ebenfalls konnten sie ihre Jagd- und der Drache vor allem seine Flugfähigkeiten Trainieren.

In ihrer Hütte war die selbstverständlich Tabu. Denn einerseits war es dort nun zu eng und andererseits waren mittlerweile Beide kräftig genug, um alles darin zu zerlegen.

Erstaunlicherweise hielten sich ihre Schützlinge auch meist daran. Zwar hatten sie noch immer irgendwelchen Unfug im Kopf, doch ging dabei nur noch selten etwas zu Bruch.

Allerdings hatte sich bei all ihren Gemeinsamkeiten auch schnell ein grundlegender Unterschied zwischen ihnen Gezeigt. Während Kiela die meiste Zeit des Tages verschlief, begleitete der Drache sie auf Schritt und Tritt. Ebenso beobachtete er alles was sie tat und konnte ihr, insofern es ihm möglich war, behilflich sein.

Auch war Ischah davon überzeugt, dass er jedes ihrer Worte verstand. Denn er konnte selbst komplexere Anweisungen umsetzen, während Kiela, wenn überhaupt, nur auf einzelne Kommandos reagierte.

Als sie an ihrem Heim angekommen waren, wurden sie bereits von vier kräftigen Kriegern erwartet. Sie gehörten zu derselben Kaste, deren Oberhaupt ihr vor vielen Jahren das Ei in Obhut gegeben hatte. Zu Ischahs Entsetzen hatten die vier ebenfalls einen massiven Metallkäfig mitgebracht. Sie hatte gehofft, dass ihr noch etwas Zeit mit ihrem Schützling verbleiben würde.

„Wir sind hier, um den Drachen mitzunehmen!“, sagte einer der Krieger. „Rak'Zunaih wird sein Training von nun an persönlich überwachen!“

Ischah hatte keine andere Wahl. Wenn sie sich weigern würde, bedeutete das nur unnötige Probleme für sie und Rak'Zunaih bekäme dennoch was er wollte. Sie konnte nur hoffen, dass er sein Versprechen ihr gegenüber einhalten würde, denn eigentlich hätte es nie zu diesem Tag kommen dürfen.

Ursprünglich hatte sie vor, den Drachen weg zu schicken, sobald sie sich sicher gewesen wäre, dass er alleine überleben konnte. Doch auch wenn sie wusste, dass er sie Verstand, hätte es trotzdem zu lange gedauert ihm jetzt verständlich zu machen was vor sich ging. Dass es besser für ihn wäre, wenn er sofort weglaufen würde und nie wieder hierher kommen durfte.

Ischah kniete sich vor ihren Schützling und flüsterte ihm leise zu: „Glaube mir bitte. Ich hätte dir gerne erspart, was ab jetzt mit dir geschehen wird. Flieh, wenn du die Gelegenheit dazu hast. Wenn du dich weit genug von hier entfernst, werden sie keine Macht mehr über dich haben. Aber wenn dir das gelingt, darfst du nie wieder hierher zurückkehren!“ 

 

Rianna sah in ein, wegen ihren Pupillen, Katzenhaft anmutendes paar rubinroter Augen, dass ihr aus dem Spiegel entgegen blickte. Wie schon so oft, stellte sie sich auch dieses Mal die Frage, wie sie zu dieser Laune der Natur gekommen war. Diese Andersartigkeit, weswegen sie in ihrer Kindheit viel Hohn und Spott ertragen musste. Auf die sie andererseits aber auch immer ein wenig stolz war und sich daher nie hatte unterkriegen lassen.

Sie war gerade damit beschäftigt sich ihre langen, kastanienbrauen Haare zu einem Zopf zu flechten und dachte sich, dass dies ihr bei dem was sie heute vorhatte helfen würde. Im Gegensatz zu dem offenen Haar, wie sie es sonst trug. Als Rianna damit fertig war, stand sie von dem Stuhl auf der vor der Kommode mit dem Spiegel stand und ging zu ihrem Kleiderschrank. Dort nahm sie sich ein einfaches blaues Kleid aus Leinen heraus, welches sie sogleich überzog. Anschließend ging sie durch die Tür auf den Flur und stieg die Treppe hinunter in den Wohnbereich, wobei bei fast jedem Schritt eine der Stufen knarrte.

„Ich bin dann weg“, sagte sie zu ihrer Stiefmutter, die gerade am Tisch saß und eine Hose ihrer Brüder flickte.

„Ist in Ordnung“, antwortete ihr Silvia. „Ach, falls du deine Brüder siehst, sag ihnen, dass sie sich darauf einstellen können, ihre Sachen zukünftig selber zu flicken, wenn ich diese Woche noch einmal ein Hemd oder eine Hose von ihnen nähen muss.“

„Werde es ausrichten, falls ich einen von beiden sehe“, erwiderte Rianna. „Wenn es bis dahin nicht schon zu spät ist.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Rianna und ging durch die Tür nach draußen.

Nun stand sie vor einem, für diesen Ortsteil von Horin üblichem Fachwerkhaus und wurde kurz von der Sonne geblendet, da es im inneren recht dunkel war. Für einen Moment genoss sie den noch frühen Sommermorgen und ging dann die gepflasterte Straße entlang zum Marktplatz, an dem sich auch der Krämerladen ihres Vaters befand. Dort bog sie auf die Straße, die sie am Handwerkerviertel vorbei zum Haupttor führte.

Eigentlich war es auch das einzige Tor im Palisadenzaun, welcher den Ort umgab. Diese Palisaden wurden errichtet, da es in dieser Gegend oft zu Banditenüberfällen kam.

Horin selbst lag in einem Tal des Beohgebirges, welches eine natürliche Grenze der beiden Königreiche Eboria und Calay bildete. Das Tal erreichte man nur über zwei Pässe, einem aus nordwestlicher Richtung der nach Eboria führte und der andere im Osten mit dem man nach Calay kam. Der nördliche und südliche Rand des Tals wurden durch Berge begrenzt, während es nach Westen steil bergab ins Vorgebirge ging.

Am Tor angekommen, traf Rianna dann auch auf Alia, welche sich gerade mit einem der Torwachen unterhielt. Sie hatte, wie fast immer, eine leichte Lederrüstung an - in den für den hier ansässigen Spähposten üblichen braun-grünen Farben. Ein Langbogen und ein Köcher mit Pfeilen hingen über den Schultern auf ihrem Rücken, und ein einfaches Kurzschwert war am Gürtel auf ihrer linken Seite mit einem Lederriemen befestigt. Alia verabschiedete sich von der Wache, als sie Rianna herannahen sah und grüßte sie: „Ah, pünktlich wie immer. Na dann, lass uns losgehen.“

 

Sie gingen an einigen Getreidefeldern vorbei, die zu dieser Jahreszeit noch grün waren und  kamen  schließlich zu einer Weggabelung. Sie folgten dem rechten Weg, und hielten auf den Wald zu, der Westlich des Dorfes lag. Einige Zeit, nachdem die beiden den Wald betreten hatten, blieben sie stehen und schauten sich um. „Hinter dem Baum, der neben dem Wegweiser steht?“, fragte Rianna eigentlich nur, um es von Alia bestätigt zu bekommen.

„Richtig“, antwortete sie knapp.

Rianna ging ein paar Schritte vom Weg ab in den Wald hinein und blieb vor einem moosbewachsenem Stück Waldboden stehen. Abermals schaute sie sich kurz um und kniet sich schließlich ins Laub. Mit einem ihrer Meinung nach viel zu lauten Knarren öffnete sie eine unter dem Moos versteckte Falltür. Kurz dachte sie darüber nach, ob sie sich nicht etwas Öl von ihrem Vater oder Horst, dem Schmied, besorgen sollte, um die Scharniere der Tür zu ölen. Sie schob diesen Gedanken für den Augenblick beiseite und nahm aus einer Kiste, die in der nun offen liegenden Grube versteckt war, einen in ein Leinentuch eingewickelten Langbogen und einen Köcher mit Pfeilen.

Dann richtete Rianna sich wieder auf, knöpfte ihr Leinenkleid auf und zog es aus. Darunter kam eine Lederrüstung, wie sie Alia trug, zum Vorschein. Das Kleid legte sie zusammen mit dem Tuch, in den der Bogen eingewickelt war, wieder sorgsam in die Kiste. Sobald die Falltür wieder verschlossen war, verteilte Rianna etwas von dem umherliegenden Laub darüber, um sie wieder vor neugierigen Blicken zu verstecken.

Anschließend spannte sie die Sehne auf den Bogen, was ihr aufgrund des weichen Waldbodens nicht leicht viel. Nachdem dies jedoch geschafft war, nahm sie einen Pfeil, legte ihn an, zielte auf den besagten Baum und schoss.

Dies alles geschah in einer Geschwindigkeit, die selbst Alia beeindruckte. Ohne Zweifel hätte sie das ebenso schnell bewerkstelligen können. Doch für einen Anfänger wie Rianna, mit der sie erst ein paar Mal geübt hatte, war dies eine beachtliche Leistung.

Surrend hatte der Pfeil sein Ziel gefunden und war mit einem lauten Knall in den anvisierten Baum eingeschlagen, wo er die erhoffte Wirkung zeigte. Denn plötzlich stolperten hinter dem Baum zwei Gestalten hervor und wollten Richtung Horin weglaufen.

„Halt!“, rief Alia ihnen drohend hinterher. „Oder der nächste Pfeil trifft einen von euch!“ Augenblicklich blieben sie stehen, und die zwei Frauen gingen langsam auf sie zu.

„Na, was denkst du, was sollen wir mit den beiden Halunken machen?“, fragte Alia laut genug, sodass es die Beiden auch hören konnten. „Sollen wir sie zum Hauptmann bringen und sehen, ob es für die Zwei ein Kopfgeld gibt? Wobei, so mickrig, wie sie aussehen, wird das wohl nicht die Mühe wert sein. Vielleicht sollten wir sie doch erschießen und hier im Wald vergraben.“

Daraufhin liefen die vermeintlichen Verfolger auf Rianna zu.

„Nein, bitte, bitte nicht! Wir tun es auch nie wieder!“, flehten sie ihre Schwester an und  umklammerten sie dabei, sodass sie sich kaum noch bewegen konnte.

„Was macht ihr eigentlich hier draußen? Ihr wisst doch, dass ihr nicht ohne Begleitung in den Wald gehen dürft!“, ermahnte Rianna  ihre jüngeren Brüdern.

„Wir sind nicht alleine. Ihr seid doch bei uns!“, kam als Antwort vom jüngeren Kay.

„Genau!“, bestätigte Jacob nickend, „Außerdem wollten wir wissen, wo ihr hingeht!“

„In Ordnung“, resignierte Rianna kopfschüttelnd, „Wenn ihr versprecht niemanden etwas zu verratet, könnt ihr mitkommen und zusehen. Andernfalls sage ich unserem Vater, dass ich euch dabei erwischt habe, wie ihr alleine im Wald herumgelaufen seid.“

Freudestrahlend grinsten die beiden Jungs sich gegenseitig an und nickten Rianna dann einverstanden zu.

Währenddessen hatte sich Alia dem Pfeil im Baum zugewandt. Nur mit großer Mühe konnte sie ihn aus dem Stamm der Eiche ziehen, in den er fast eine Handbreit eingedrungen war. Als es ihr endlich gelang ihn herauszuziehen, musste sie enttäuscht feststellen, dass er unbrauchbar war. Denn die Spitze war abgebrochen und steckte noch immer tief im Stamm.

„Das war gerade ein sehr beeindruckender Schuss! Du wirst immer besser“, meinte Alia lobend und warf den Rest des Pfeils achtlos weg.

Gemeinsam gingen die Vier nun tiefer in den Wald hinein, bis sie an eine einfache Holzbrücke kamen, die über einen breiten Bach führte. Allerdings überquerten sie diese nicht, wie Kay feststellen musste. Da er, trotz mahnender Worte seiner Schwester, bereits vorgelaufen war und nun ungeduldig am anderen Ende auf den Rest der Gruppe wartete. Stattdessen bogen Rianna und Alia kurz vor der Brücke auf einen unscheinbaren Pfad, der dem Bachlauf folgte.

„Wohin gehen wir eigentlich?“, wollte Kay wissen, welcher sie mit diesen Worten wieder eingeholt hatte und diesmal bei den anderen blieb.

„Das wirst du gleich sehen“, erwiderte Alia gelassen. „Wir sind fast da.“

Der Bach, an dem sie entlanggingen, entsprang einer Quelle in den nahen Bergen. Er war kristallklar und dadurch, dass er nicht besonders tief war, konnte man ohne Probleme bis auf den Grund sehen und jegliches Leben in ihm beobachten.

Auch außerhalb des Wassers blühte das Leben. Überall schwirrten Insekten herum oder saßen auf Blättern und Schilfhalmen. Man hörte das Quaken von Fröschen und ab und zu zeigte sich das ein oder andere Tier, welches auf der Suche nach Wasser hier hergekommen war, um seinen Durst zu löschen.

Weiter abwärts mündete der Bach in einen großen See, welcher ringsum vom Wald umgeben war. Der See selbst war zwar an den Ufern zunächst sehr flach, wurde aber meist nach wenigen Schritten zunehmend tiefer.

Am nördlichen Ufer lag die Hütte von Nyrion. Er lebte sehr zurückgezogen und kam nur manchmal nach Horin auf den Markt. Dort tauschte er dann meistens einige Fische, die er hier am See gefangen hatte, gegen irgendwelche Gegenstände ein, die er brauchte.

Das Ziel der Gruppe war allerdings eine kleine Bucht, die am südöstlichen Teil des Sees lag. Hier gab es einen Kiesstrand und das Wasser war höchstens hüfttief. Des Weiteren grenzte der Wald nicht, wie fast überall sonst, direkt am Ufer, sondern an einer Wiese.

Auf dieser Wiese stand eine sichtlich schon sehr alte Eiche, welche weitaus größer war als die Bäume des umgebenen Waldes. Darunter stand ein Holzgestell, auf dem eine Zielscheibe aus Stroh befestigt war. An dieser Befestigte Alia ein Seil, welches sie zuvor über einen Ast geworfen hatte. Spielend zog sie die Scheibe auf Brusthöhe und verknotete das andere Ende des Seils an einer hervorstehenden Baumwurzel.

„Heute üben wir das Schießen auf ein sich bewegendes Ziel!“, erklärte die Späherin, bevor Rianna fragen konnte was sie dort tat. „Da du ja eben beeindruckend unter Beweis gestellt hast, dass du auch weit entfernte Holzköpfe triffst,“, Alia musste dabei grinsen und fuhr fort, „dachte ich mir, dass dies eine sinnvolle Steigerung des Schwierigkeitsgrades wäre. Denn die wenigsten deiner Ziele werden starr wie ein Baum dastehen und darauf warten, dass du auf sie feuerst.“

Alia nahm ein zweites Seil, welches ebenfalls an der Zielscheibe befestigt war, stellte sich neben den Stamm und sorgte dafür, dass die Scheibe langsam, aber gleichmäßig hin und her pendelte. Ohne eine weitere Erklärung bat sie Rianna darum, anzufangen.

Irritiert darüber, was sie denn tun sollte, nahm Rianna ihren Bogen in die Hand und legte einen Pfeil auf. Sie Spannte den Bogen und begann auf die Scheibe zu Zielen, wofür sie mit ihr mitschwang. Da ihr dies aber schon aufgrund der Position, die sie zum Ziel hatte, sehr schwer fiel und es zudem viel Kraft kostete, merkte sie schnell, dass es so nicht funktionieren würde.

Grübelnd entspannte Rianna den Bogen wieder. Setze aber schon kurzdarauf zu einem neuen Versuch an. Diesmal  visierte sie einen der Scheitelpunkte an anstatt sich mit der Scheibe zu bewegen.

Geduldig wartete sie einige Schwünge ab, bis sie sich sicher war, auf den richtigen Punkt zu zielen. Als die Scheibe diesen erreichte, schoss Rianna ihren Pfeil ab. Trotz der relativ kurzen Entfernung, verfehlte er aber knapp sein Ziel, da die Zielscheibe bereits wieder in die entgegengesetzte Richtung schwang.

Sofort sprangen Kay und Jacob, die sich gespannt wartend hinter ihrer Schwester in die Wiese gesetzt hatten, auf und wollten das Ergebnis begutachten. Da der Pfeil jedoch entgegen ihrer Erwartungen nicht das Ziel getroffen hatte, suchten sie dahinter weiter. Dank der weißen Befiederung fanden sie ihn recht schnell, gut hundert Schritt entfernt, im Gras liegen. Wie eine Trophäe hielten die beiden den Pfeil hoch und kamen dann schließlich  damit zurück, um ihn ihrer Schwester zurückzugeben.

„Danke euch beiden“, sagte sie mit einem leichten Kopfnicken. „Das wäre aber nicht nötig gewesen. Denn ich hab hier doch noch einen ganzen Haufen davon“, und deutet dabei auf den Köcher auf ihrem Rücken, in dem sich noch einige Pfeile befanden.

Abermals grinsten sich Kay und Jacob gegenseitig an, zuckten dann aber mit den Schultern und nahmen wieder hinter ihre Schwester auf den Boden Platz.

Kopfschüttelnd wunderte Rianna sich wie schon so oft darüber, dass es ihren beiden Brüdern immer wieder gelang,  sich scheinbar wortlos untereinander zu verständigen. Sie schob diesen Gedanke jedoch beiseite und wandte sich ratlos Alia zu. Sie war sich nicht sicher, was sie falsch gemacht hatte.

Alia hatte in der Zwischenzeit aufgehört, am Seil zu ziehen und sagte: „Du darfst nicht erst dann schießen, wenn du dein Ziel im Visier hast, sondern musst auch bedenken, dass der Pfeil einige Zeit braucht, bis er sein es erreicht. Dementsprechend ist es nun umso wichtiger, die richtige Entfernung zu deinem Gegner einzuschätzen, seine Geschwindigkeit und die Richtung, in die er sich bewegt. Daher musst du auf den Punkt Zielen, an dem sich dein Gegner befindet, wenn auch dein Pfeil dort ankommt.“ Mit diesen Worten begann sie wieder, die Zielscheibe in Schwung zu setzen und bat Rianna, weiterzumachen.

All diese Punkte beachtend, traf Rianna jetzt auch die Scheibe - sehr zur Freude ihrer beiden Brüder. Allerdings noch nicht ins Schwarze.

Die darauffolgenden Versuche wurden zwar von Mal zu Mal besser, jedoch änderte Alia nun auch häufig die Geschwindigkeit, mit der sie die Scheibe zog, wodurch die Aufgabe wieder bedeutend schwieriger wurde. Rianna traf zwar ab und zu auch mal die Mitte, jedoch schienen dies eher Zufallstreffer zu sein.

Eine ganze Weile und viele Versuche Später, ließ Rianna sich resignierend und völlig erschöpft auf die Wiese fallen. Immerhin war es ihr nun einige Male hintereinander gelungen ins Schwarze zu treffen.

Alia, die mittlerweile die verschossenen Pfeile eingesammelt hatte und diese ihrer Besitzerin übergab, meinte: „Für den Anfang nicht schlecht. Beim nächsten Mal werden wir die Distanz  aber mindestens verdoppeln.“

Rianna, die gerade dabei war, ihre Pfeile sorgfältig in den Köcher einzuordnen, seufzte bei diesen Worten. Dann reichte sie der Späherin eine Hand und bat diese, ihr hoch zu helfen.

„Na, stell dich mal nicht so an“, sagte Alia gespielt entrüstet, während sie ihrer Schülerin aufhalf. Dann stemmte sie ihre Hände auf ihre Hüften. „Für das, was du in den letzten Wochen gelernt hast, habe ich Monate oder teilweise sogar Jahre gebraucht, um es so zu beherrschen. Allerdings kann ich mir auch gut vorstellen, dass die hier nicht ganz unschuldig daran sind“, fügte sie hinzu  und deutete dabei auf Riannas rubinrote Augen.

„Kann gut sein“, stimmte ihr  Rianna zu. „Wir haben ja schon feststellen dürfen, dass meine Augen um einiges besser sind als die der meisten.“

„Einschließlich meiner eigenen“, bestätigte die Späherin. „Und ich kann immerhin behaupten, mit die besten in unserem Trupp zu haben.“ *

Unterdessen hatten Kay und Jacob sich zum Ufer des Sees begeben.  die Übungen ihrer Schwester für sie mit der Zeit langweilig wurden, beschlossen sie die dortige Da Insektenwelt näher zu erforschen und auch das ein oder andere Exemplar einzufangen. Jedoch ermahnte Rianna sie vorher noch, vorsichtig zu sein.

„Kommt ihr Beiden!“, rief sie ihre Brüder, „Wir wollen wieder zurück!“

Ohne ein Murren folgten sie der Bitte ihrer Schwester und kamen miteinander albernd zurück zu den beiden Frauen. Gemeinsam gingen sie nun wieder am Bach vorbei bis zur Straße, und von dort aus zurück zu Riannas Versteck. Dort legte sie ihren Bogen und den Köcher wieder zurück und nahm ihr Kleid heraus, um es erneut über der Rüstung zu tragen.

So umgezogen war ihr nächstes Ziel Horin. Als sie den Rand des Waldes erreichten und in Sichtweite des Ortes gelangten, liefen die beiden Brüder plötzlich los und lieferten sich ein Wettrennen.

„Die haben es aber eilig“, bemerkte Alia und Rianna reckte sich, um ihnen nachzusehen. Allerdings verschwanden sie schnell, auf Grund des hochwachsenden Getreides, aus dem Sichtfeld ihrer Schwester. Daher konnte sie auch weder sagen wer gewann, noch wo das eigentlich Ziel war.

Nach dem auch die beiden Frauen das Tor passiert hatten, verabschiedete sich Alia. Rasch eilte sie in eine Seitengasse, welche sie zu dem Gebäude führen würde, in dem sie und ihr Spähtrupp stationiert waren.

Rianna hingegen ging weiter Richtung Markt, doch hörte sie unterwegs jemanden nach ihr rufen. Ein Blick über die Schulter verriet ihr, dass Horst der Schmied nach ihr verlangte und sie zu sich heranwinkte. Auf der Stelle kehrte sie um und ging zur Schmiede. Als sie dort ankam, stand Horst bereits wieder an der Esse und prüft mit einer Zange, einige im Feuer liegende Eisenstangen. Er war eine stämmiger Mann mit Glatze, der - abgesehen von einer Lederschürze - nichts am Oberkörper trug. Da er augenscheinlich noch nicht mit dem Ergebnis zufrieden war, legte er die Stangen zurück ins Feuer. Dann wandte sie sich Rianna zu, die am Eingang stehen geblieben war.

„Könntest du deinem Vater ausrichten, dass er bitte zu mir kommen soll? Ich bin mit seiner Bestellung so gut wie fertig, aber ich müsste vorher noch ein paar Kleinigkeiten mit ihm klären“, meinte er freundlich lächelnd, „Meine Glückwünsche habt ihr!“

Rianna sah Horst fragend an, doch hatte er sich bereits wieder abgewendet und widmete seine Aufmerksamkeit der Arbeit. Schulterzuckend nahm sie es hin, kam sich allerdings langsam wie ein „Laufbursche“ vor.

„Ich werde es ihm mitteilen!“, rief sie nun stattdessen in die Schmiede, „Gibt es sonst noch etwas?“

„Nein, das war alles“, erwiderte Horst abwinkend.

Noch immer verwundert, begab Rianna sich auf den Weg zum Laden ihres Vaters. Diesem richtete sie die Nachricht des Schmiedes aus. Doch schien Otwin nicht sehr erfreut darüber zu sein. Leise fluchend scheuchte er seine Tochter aus dem Laden die daraufhin den Heimweg antrat.

Umgehend begab Rianna sich in ihr Zimmer, als sie Zuhause ankam. Dort entledigte sie sich ihrer Lederrüstung, welche sie in eine Truhe unter ihrem Bett verstaute. Erschöpft lies Rianna sich auf ihrem Stuhl nieder und legte zufrieden die Füße hoch. Allerdings bat Silvia sie nach einiger Zeit darum,  ihr bei den Vorbereitungen für das Abendessen zu helfen.

Später erzählte Riannas Vater Otwin bei einem Teller mit heißem Eintopf aus Kartoffeln, Gemüse und Fleisch, dass in den nächsten Tagen wieder die Handelskarawane eintreffen würde.

„Würdest du bitte auf den Laden aufpassen?“, ersuchte er seine Tochter, „Erick und ich holen währenddessen die Wahren ab, die wir beim letzten Besuch der Karawane bestellt hatten.

Und vielleicht gibt es ja sonst noch etwas, was man von den Händlern gebrauchen könnte.“

Kopfnickend sagte Rianna ihrem Vater zu. Glücklicherweise dauerte es noch einige Tage, bis sie sich wieder mit Alia treffen wollte, weswegen sie sich also keine Ausrede einfallen lassen musste.

 

Einen Tag später traf die betreffende Handelskolonne am frühen Abend ein und errichtete auf einer Wiese vor dem Tor ihr Lager.

Die Karawane, die einige Male im Jahr hier vorbei kam und zwischen den beiden Hauptstädten von Eboria und Calay reiste, bestand aus gut einem Dutzend Wagen verschiedenster Bauarten, die vorwiegend von Pferden gezogen wurden.

Da die Händler zwar sehr schlagkräftig sein konnten, wenn es ums feilschen der Preise ging, sich sonst aber nur bedingt gegen Überfälle verteidigen konnten, wurden sie stets von einer Gruppe Söldnern begleitet. Diese Söldner waren zumeist kampferprobte Veteranen und saßen entweder mit auf einem der Wagen, die sie beschützen sollten, oder ritten mit ihren Pferden nebenher.

Dieser zusätzliche Schutz machte die Karawane aber auch für Reisende interessant, um sicher von einem Ort zum anderen zu gelangen. Denn nicht selten versteckten sich Räuber und Diebe in den vielen Höhlen des Gebirges.

An dem darauffolgenden Tag herrschte ein reges Treiben zwischen dem Lager und dem Marktplatz.

Rianna hatte sich bereits früh im Laden eingefunden. Dieser bestand aus einem großen Lager im hinteren Teil, in dem alle möglichen Gegenstände darauf warteten, verkauft zu werden, und einen kleinen abgetrennten Bereich, in dem die Geschäfte abgewickelt wurden.

Weil die neu eingetroffenen Händler derzeit sehr viel interessanter für die meisten Bewohner Horins waren, begann Rianna sich schnell zu langweilen. Um sich daher die Zeit zu vertreiben, fing sie damit an, den Laden, in dem ein heilloses Chaos herrschte, etwas aufzuräumen.

Alles lag wild verteilt auf und neben den Tischen und Regalen.

Dass man hier überhaupt etwas findet, grenzt an ein Wunder“, dachte sie sich.

Unterbrochen wurde sie dabei nur ab und zu von einem der Händler, die ihre Waren verkaufen wollten; diese verwies Rianna aber an ihren Vater. Manchmal kamen dann aber auch doch Leute aus dem Dorf, die die verschiedensten Waren haben wollten, welche man meistens nach ein wenig Sucherei auch fand. Anschließend trug Rianna den getätigten Verkauf in ein Buch mit braunem Einband, mittels einer Feder, die sie in ein Fass mit schwarzer Tinte tauchte. Das Buch befand sich stets unter dem Tresen. Vermerkt wurde, was wann und für wie viel an wen verkauft wurde.

Der Umstand, dass sie sowohl lesen, schreiben als auch rechnen konnte, verdankte sie ihrem Vater, da er der Meinung war, dass seine Kinder nicht als dumme Bauerntölpel gelten sollten. Dies war jedoch eine seiner wenigen positiven Ansichten.

Denn Otwin konnte sehr streng und vor allem laut werden, wenn es darum ging, was Rianna tun und zu lassen hatte, im Gegensatz zu dem, was ihre Brüder durften. Allein, dass sie alle paar Tage mit Alia unterwegs sein konnte, kostete sie einiges an Überredungskunst. Und sollte ihr Vater jemals erfahren, was sie tatsächlich machten, wäre Rianna die längste Zeit mit der Späherin unterwegs gewesen.

 

Derweilen war es später Nachmittag, als jemand den Laden betrat und an der Tür stehen blieb. Da niemand zu sehen war, räusperte sich die Person kurz und brachte dann ein quäkendes „Hallo?“ von sich.

Rianna, die gerade damit beschäftigt war, einige der neuen Waren in die Regale im Lager einzusortieren, antwortete: „Ich komme sofort“, und legte einen Wollstoffballen beiseite.

Sie betrat den vorderen Teil und sah eine alte Frau. Die tiefen Falten im Gesicht, die weißen Haare und eine stark gekrümmte Haltung spiegelten ein hohes Alter wider.

Und dennoch, als sie Rianna sah, spurtete sie in einem Tempo zu ihr, welches man einer so gebrechlich wirkenden Person nicht mehr zutrauen würde. Dabei stolperte sie beinahe über den Stock, welchen sie als Gehilfe nutzte. Bei Rianna angekommen, begann die Unbekannte sie genauer zu begutachten und bevor die Händlerstochter fragen konnte, was das denn sollte, fragte die Frau: „Wann und wo hast du ihn getroffen?“

„Wen soll ich getroffen haben?“, erkundigte Rianna sich ihrerseits, sichtlich irritiert.

Umgehend erhob die Alte ihren Gehstock, hielt ihn Rianna vor die Nase und sagte: „Deine Augen! Das war keine Laune der Natur. Da hat ohne Zweifel  ein Drach nachgeholfen! Also noch einmal: Wann und wo hast du den Drachen getroffen?“

„Die habe ich seit meiner Geburt“, antwortete Rianna nur Zögerlich.

„Und deine Mutter?“, verlangte sie als nächstes zu erfahren. „Hat sie dir nicht erklärt, woher oder wieso du sie hast?“

„Ich habe meine Mutter nie kennengelernt“, entgegnete Rianna gereizt von dem Verhör. „Sie ist kurz nach meiner Geburt gestorben und soweit ich weiß, hatte sie normale braune Augen!“

Erschrocken trat die Frau einen Schritt zurück und senkte bedauernd ihren Kopf. Allerdings war sich Rianna nicht sicher, ob wegen des Todes ihrer Mutter oder weil sie die Frage der Frau nicht beantworten konnte.

„Nun, das konnte ich ja nicht…“, fing die Alte an zu stottern. „Mein Beileid. Bitte Vergib mir, es war nicht meine Absicht dich so zu bedrängen.“  Mit diesen Worten drehte sie sich auf der Stelle um und eilte aus dem Laden.

Rianna dagegen stand wie angewurzelt da und wusste nicht was sie davon zu halten hatte. Sie bemerkte nicht, wie ihr Vater durch die Tür vom Lager hinter sie trat.

„Ah, du hast hier aufgeräumt. Sehr schön, wurde auch mal wieder Zeit.“, meinte er beeindruckt, da er sich über das vorher herrschende Durcheinander vollkommen bewusst, andererseits aber zu faul war, es in Ordnung zu bringen.

„Gab es etwas Besonderes, von dem ich wissen sollte?“, wollte er anschließend wissen.

Rianna, die bis gerade eben, abwesend auf die Tür gestarrt hatte, erwachte nun langsam aus ihrer Starre und antwortete zögerlich: „Etwas … etwas Besonderes …? Äh, nein, nichts, alles in Ordnung.“

„Gut!“, erwiderte Otwin zufrieden, „Erick und ich haben soweit alles zusammen. Wir räumen jetzt noch die restlichen Waren ins Lager ein. Du kannst also gehen, falls du hier fertig bist.“

„Ja, ich war soweit fertig“, antwortete Rianna und ging Richtung Tür.

Zu Hause lies die alte Frau und das was sie sagte Rianna nicht mehr los. Sie war erstaunt, aber auch ein wenig schockiert über das was man ihr offenbart hatte. Sollte es allerdings stimmen, woher ihre Ungewöhnlichen Augen kamen, ergaben sich nun jede Menge neue Fragen, die beantwortet werden wollten.

Immer weiter zerbrach Rianna sich  den Kopf darüber und konnte deswegen kaum einschlafen. Daher beschloss sie, am nächsten Tag die alte Frau aufzusuchen und hoffte, dass sie von ihr die eine oder andere Antwort erhielt.

„Wahrscheinlich ist sie eine Händlerinnen aus der Karawane oder reist zumindest mit ihnen“, vermutete Rianna, da sie diese Frau noch nie zuvor gesehen hatte. „Es sollte also nicht allzu schwer werden, sie zu finden.“

 

Am nächsten Morgen fiel es Rianna sehr schwer, aus dem Bett zu kommen. Für gewöhnlich war sie die Erste, die aufstand. Meist war auch sie es, die Wasser am Dorfbrunnen holte, um es anschließend im Kessel über dem Feuer zu erhitzen. Gemeinsam mit ihrer Stiefmutter, die bis dahin meist auch bereits wach war, bereitete sie dann das Frühstück für den Rest der Familie vor und weckten diese.

Doch heute waren es Riannas jüngere Brüder, die sie weckten.

Jegliche Fragen, ob es ihr nicht gut ging oder etwas nicht stimmte, wich sie aus und erwiderte, dass sie schlecht geschlafen hatte, sonst aber alles in Ordnung war.

Nachdem Frühstück verließ Rianna fast augenblicklich das Haus. Ohne Umweg eilte zum Lager der Händler, welches auch langsam zum Leben erwachte.

Einer der Söldner war die erste Person auf die Rianna traf und fragte ihn nach der Frau. Zwar musste er kurz überlegen, schien dann aber zu wissen, wen Rianna meinte und sagte mit rauer, aber freundlicher Stimme: „Du möchtest bestimmt zu dieser verrückten alten Kräuterhexe.“

Diese Umschreibung traf es sehr gut, wenn Rianna bedachte wie die Frau sich gestern verhielt.

„Ich glaube, ihr Wagen steht dort drüben an den Palisaden“, meinte der Söldner schließlich und zeigte auf einen dunkelgrünen Schindelwagen, welcher am Rand des Lagers stand. Bedankend verabschiedete Rianna sich und ging in die ihr gewiesene Richtung.

„Sei aber vorsichtig! Nicht, dass sie dir deine hübschen Augen für eine ihrer Tränke braucht“, rief der Söldner ihr scherzhaft hinterher, so hoffte Rianna zumindest.  

Der Wagen vor dem sie nun stand, war etwas größer als die der anderen Händler und schien dem Bewohner auch als Schlafplatz zu dienen. Alle anderen hingegen hatten die Nacht in Zelten verbracht, aus denen der größte Teil des Lagers bestand.

An der linken Seite des Wagens befand sich eine Tür, vor der eine kleine Treppe auf dem Boden stand, womit man die Tür bequem erreichen konnte. Rechts und links der Tür war jeweils ein Fenster, deren Läden geschlossen waren. Davor hingen Kästen, in denen Blumen wuchsen, oder besser gesagt Kräuter, wie Rianna schnell erkannte, als sie genauer hinsah. Am hinteren Ende des Wagens waren zwei Fässer befestigt, in denen sich vermutlich ein Wasservorrat befand. Aus einem Metallrohr, welches als Schornstein diente, quoll bereits Rauch - was vermuten ließ, dass der Bewohner bereits wach war.

Gut hörbar klopfte Rianna an die Tür und wartete bis sich etwas regte. Einige Momente Später öffnete sich die obere Hälfte und die alte Frau schaute heraus.

„Ich habe gehofft, dass du kommen würdest“, gestand sie lächelnd, „Ich muss allerdings gestehen, dass ich nicht so schnell mit dir gerechnet habe. Zuerst möchte ich mich aber nochmals wegen meines unhöflichen Verhaltens von gestern entschuldigen. Und zweitens würde ich mich gerne mit dir unterhalten. Aber ich vermute deswegen bist du hier. Du hast bestimmt einige Fragen. Also komm doch bitte herein. Ich habe gerade einen Kräutertee aufgesetzt, falls du eine Tasse möchtest.“

Sie öffnete die unter Türhälfte und bat Rianna einzutreten.

Neugierig sah Rianna sich im inneren um. Der vordere Teil war voller Regale, in denen sich allerlei Tiegel, Töpfe und Flaschen mit diversen getrockneten oder in Flüssigkeiten eingelegten Kräutern, Früchten oder Dingen befanden, die Rianna auf Anhieb nicht identifizieren konnte. Außerdem stand vor einem der Fenster eine Kommode mit vielen Schubladen und einer Arbeitsplatte aus Stein. Daneben war ein gusseiserner Ofen platziert, in dem Feuer brannte und darauf stand eine Tonteekanne, in der das Wasser bereits hörbar kochte.

Im hinteren Teil des Wagens, in den die Frau sie nun lotste, stand vor dem anderen Fenster ein einfacher Tisch mit zwei Stühlen, gegenüber war ein Schrank und am Ende ein Bett und eine verschließbare Truhe.

Rianna setzte sich auf den Stuhl, welcher der Tür am nächsten war und sagte zu der alten Frau, die damit begonnen hatte, etwas in den Regalen zu suchen: „Ich weiß noch gar nicht, wie ihr Heißt. Mein Name ist Rianna.“

„Ach natürlich, wie unhöflich von mir. Was musst du bloß von mir denken!“, entschuldigte sie sich und stellte zwei Tassen, die sie aus dem Regal genommen hatte, zusammen mit der Teekanne auf den Tisch.

„Mein Name ist Tabea, meines Zeichens Alchemistin und Heilerin“, stellte sie sich mit einer Verbeugung vor und setzte sich dann auf den freien Stuhl.

Schweigend saßen die Beiden sich nun gegenüber, bis Tabea nach einiger Zeit die Kanne nahm. Sie schenkte in die zwei Tassen eine wohlriechende rötliche Flüssigkeit ein und ergriff das Wort. „Wieso bist du zu mir gekommen?“, fragte sie und nahm einen Schluck vom Tee.

„Dasselbe könnte ich euch auch fragen“, erwiderte Rianna daraufhin, „und vor allem, was genau wolltet ihr von mir?“

„Was ich von dir wollte, sagte ich bereits in eurem Laden. Ich suche nach einem Drachen!“, wiederholte Tabea ihr Anliegen, „Ein Händler, welcher dich offensichtlich gesehen hatte, erzählte von dir. Er schwärmte von einem hübschen Mädchen mit den Augen einer Katze. Den Genauen Inhalt des Gespräches erspare ich uns jetzt besser, aber er meinte dass sie einem der Läden am Marktplatz arbeiten würde. Er hatte wohl einen Schreck bekommen, als du ihn angesehen hattest und verschwand deswegen schnell wieder aus dem Laden. Jedoch bereute er es auch dich nicht angesprochen zu haben.“

 „Und daraus konntet ihr schließen, dass meine Augen von einem Drachen stammten?“, wunderte Rianna sich.

„Nein, dessen war ich mir erst sicher, als ich dich mir persönlich angesehen hatte“, erklärte Tabea, „Es gibt zwar auch wenige Menschliche Magier die über das Feingefühl verfügen, eine solche Änderung hervorzurufen, doch bin ich mir sicher, dass es keiner war.“

„Aber aus welchen Grund sollte ein Drachen so etwas tun?“, fragte Rianna.

„Um einen Sehfehler zu korrigieren oder sogar Blindheit zu heilen. Manchmal aber auch nur, um die vorhandenen Sehkraft zu verbessern. Aber gerade dann geschah dies nicht uneigennützig für den jeweiligen Drachen. Meist verlangten sie irgendetwas dafür. Dabei konnte es sich jedoch um alles Mögliche handeln, vom kleinen Gefallen bis hin zur völligen Ergebenheit. Was der Grund in deinem Fall ist, kann ich dir nicht beantworten. Aber wenn du sie, wie du sagtest, seit deiner Geburt hast, wird deine Mutter wohl Kontakt mit einem Drachen gehabt haben, als sie mit dir schwanger war. Da sie aber scheinbar nie mit jemandem darüber gesprochen hat, weiß wohl nur noch der Drache, welcher die Magie gewirkt hat, über die Gründe Bescheid“, antwortet Tabea.

„Wie kann das möglich sein, dass meine Mutter einen Drachen traf?“, verlangte Rianna irritiert zu erfahren. „Es gibt doch schon seit langer Zeit keine mehr!“

„Es ist richtig, dass wohl die meisten von ihnen vor vielen Jahren getötet wurden. Aber ich bin mir sicher, dass es noch welche gibt. Nur, entweder verbergen sich die wenigen vor uns oder leben auf den anderen Kontinenten, wo sie nicht gejagt wurden“, erzählte die alte Frau mit einem Hauch von Trauer in der Stimme. „Du bist der beste Beweis dafür!“

„Vorausgesetzt es stimmt was ihr behauptet“, gab Rianna zu bedenken. „Aber weswegen wurden die Drachen überhaupt gejagt?“ „Der Damalige König hatte ein Kopfgeld auf jeden erlegten Drachen erhoben, als sie plötzlich und ohne jeden erkennbaren Grund anfingen, Dörfer bis auf die Grundmauern niederzubrennen und alle Dort lebenden Bewohner töteten“, erklärte Tabea. Dazu sandte er auch seine Armeen aus, um sich den Drachen entgegenzustellen. Er wusste, dass es nicht leicht war sie zu töten. Schon gar nicht von einem einzelnen Ritter, der sein Glück versuchte, um so an Wohlstand zu kommen. Glaub mir, die meisten Geschichten die so etwas erzählen, sind reine Märchen.

Uns so kam es, dass viele Soldaten und Abenteurer bei dem Versuch starben, einen Drachen zu töten. Dennoch gelang es ihnen oft genug, sodass die meisten der schon damals seltenen Wesen nicht überlebten.

Das Merkwürdige war, dass die Drachen wie gesagt anfingen, unsere Dörfer oder auch Händlerkarawanen, wie diese hier, anzugreifen. Denn eigentlich waren die meisten von ihnen sehr friedvoll oder es kümmerte sie einfach nicht, was die Menschen taten.

Aggressiv wurden sie lediglich, wenn man sie angegriffen hat oder ihren Hort unerlaubterweise betrat.“

Rianna hörte ihr interessiert zu. Nur weniges von dem, was die alte Frau zu erzählen hatte kannte sie. Aber selbst das beschränkte sich lediglich auf das ‚Wissen', dass Drachen gefährlich waren und alles und Jeden angreifen.

„Wieso ist es so wichtig für euch, einen zu treffen?“, fragte Rianna und leerte danach ihre Tasse.

„Ich benötige etwas von ihnen“, erwiderte Tabea kurz und bündig. „Mehr werde ich dazu aber nicht sagen.“ Sie schenkte jedem noch einmal eine Tasse vom Tee ein und fragte dann ihrerseits: „Hast du noch andere Fähigkeiten an dir bemerkt, außer der, dass du, wie ich mir denken kann, besser als andere sehen kannst?“

Rianna grübelte lange darüber und sagte schließlich: „Im Augenblick wüsste ich nichts Besonderes… außer vielleicht, dass es mir sehr leicht fällt, mir neue Fähigkeiten anzueignen.“

Tabea dachte über diese Antwort einen Moment nach und sagte dann: „Jemandem wie dir dürfte es sogar sehr leicht fallen, magische Fähigkeiten zu erlernen und zu wirken. Grundsätzlich kann das zwar jeder, aber den Meisten fällt es eher schwer. Ausnahmen gibt es wie bei allem natürlich auch hier. Der Umstand, dass du der Magie eines Drachen ausgesetzt warst, sollt dies sogar unterstützen!“

„Das klingt fast so als wäre es etwas schlechtes!“, entgegnete Rianna irritiert. „Aber nur weil ein Drache meine Augen durch Magie verändert hat, soll es mir auch gleichzeitig leichter fallen sie zu kontrollieren? Das ergibt für mich nicht viel Sinn!“

Tabea musste über diese Feststellung lachen und sagte: „Wie ich sehe, hast du auch ihre Auffassungsgabe bekommen. Allerdings fehlt dir ihr Wissen aber das macht ja nichts, schließlich bist du noch Jung und wirst noch viele Gelegenheiten haben, deine Kenntnis zu erweitern.

Es würde tatsächlich wenig Sinn ergeben, wenn ein Mensch deine  Veränderung hervorgerufen hätte. Die meisten Magiegelehrten neigen dazu, etwas mit Gewalt in ihre Form zu zwängen, weil es schneller zu Resultaten führt. Wobei das entstandene Ergebnis nicht immer dem Gewünschten entspricht. Ein passendes Beispiel wäre hier wie jemand, der eine Figur aus einem Stück Holz schnitzt.

Ein Drache lässt seine Magie gänzlich anders wirken. Er würde das Stück Holz eher in die angestrebte Form wachsen lassen. Wobei er selbstverständlich auch die Geschwindigkeit beeinflussen kann in der das ganze geschieht.

Des Weiteren, scheint ein Drache die Energie, welche er zum wirken benötigt, auf sein Ziel zu übertragen. Dort verrichtet sie dann die gewünschte Arbeit und wird ein Teil davon.

Wieso das so ist, liegt wahrscheinlich daran, dass Drachen schon sehr viel länger mit Magie umgehen und es auch von Natur aus können.“

„Daher vermutet ihr, dass ich selbst so etwas kann?“ fragte Rianna und Tabea bestätigte dies mit einem nicken. „Ich muss euch leider enttäuschen, aber vielleicht könntet ihr mir ja etwas beibringen!“

„Du meinst etwas, außer der Alchemie und Kräuterkunde, und wie man mit deren Hilfe Wunden und Krankheiten heilt?“, fragte Tabea und Rianna nickte mit dem Kopf. „Naja, ich könnte dir zeigen, wie man einen guten Kräutertee wie diesen kocht. Aber ich denke, das ist auch nicht in deinem Sinne. Was die Magie allerdings angeht, kann ich dir nichts beibringen, da ich mich nie praktisch damit auseinandergesetzt habe.“

„Woher wisst ihr dann so gut darüber Bescheid?“, fragte Rianna enttäuscht, woraufhin Tabea bedrückt zu Boden sah.

„Alles, was ich weiß, kommt aus Büchern. Aber eigentlich ist dieses Wissen nur sehr oberflächlich. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, solltest du einen Magiekundigen aufsuchen.“, sagte sie, erhob sich und ging zu einem der Regale, um dort etwas rauszuholen.

„Falls ich nun alle deine Fragen beantwortet habe, bitte ich dich jetzt, zu gehen. Ich habe noch etwas zu erledigen. Aber bevor du gehst, möchte ich dir noch etwas geben“, fügte Tabea hinzu und kam mit einem kleinen Tontiegel zurück, welchen sie Rianna in die Hand drückte. „Du siehst mir nicht wie ein Mädchen aus, das sich später einmal nur um den Haushalt und ihre Kinder kümmern möchte. Hier drin befindet sich eine Salbe, mit deren Hilfe Wunden besser verheilen und die verhindert, dass diese sich entzünden. Trage sie einfach auf den Verband auf, mit dem du die Wunde verbindest oder zur Not auch direkt auf die Wunde.“

Mit der Salbe in der Hand, verabschiedete sich Rianna von Tabea und ging durch die Tür nach draußen.

Da es erst Mittag war, wollte Rianna die Gelegenheit nutzen und sich die Angebote der anderen Händler anschauen und hoffte dort vielleicht etwas Interessantes zu finden.

Rianna schritt die einzelnen Stände ab. Größtenteils bestanden diese lediglich aus einem einfachen Brett, welches auf zwei Kisten lag und auf dem die Waren zum Verkauf dargeboten wurden.

Stoffe wie Wolle, Samt und Seide, Gewürze, getrocknetes und gepökeltes Fleisch, Alkohol, Schmuck, Rüstungen und Waffen, aber nichts, was Riannas Interesse weckte, weswegen sie sich dann doch auf den Heimweg machte.

 

Am darauf folgenden Tag wollte sich Rianna wieder mit Alia treffen und ihr auch gleich von den Neuigkeiten berichten, die sie erfahren hatte. Allerdings wartete sie nicht wie üblich vor dem Tor..

Ungeduldig beobachtete Rianna die Händler und Söldner, welche gerade dabei waren, ihr Lager abzubrechen und damit schon fast fertig waren. Da sie wusste, dass die Karawane in ihre Richtung durch den Wald weiterziehen würde, entschloss sie sich loszugehen. Rianna wollte es vermeiden, dass man sie dabei beobachtete, wie sie ihre Sachen aus dem Versteck nahm.

Sie bat eine der Wachen, falls Alia noch auftauchen sollte, der Späherin Bescheid zu geben, dass sie bereits vorgegangen sei und machte sich dann rasch auf den Weg. Als sie an ihrem Versteck ankam und es öffnete, fand sie darin eine Nachricht und las sie.

 

Hallo Rianna,

 

kann mich heute leider nicht mit dir treffen. Habe einen Auftrag bekommen und werde wahrscheinlich die nächsten 2-3 Wochen nicht da sein.

Konnte dir leider nicht auf anderem Wege Bescheid geben, da die Sache eilig war und ich früh los musste. Übe ruhig ohne mich weiter.

 

Alia

 

 

„Das erklärt dann auch, wieso sie nicht da war“, dachte sich Rianna, nahm ihre Sachen aus der Kiste und ging weiter zum See.

Die Zielscheibe hing noch immer am Baum. Jedoch konnte sie ohne jemanden, der für sie am Seil zog und so das Ziel in Schwung brachte, nicht weiter üben. Da Rianna aber auch noch nicht schon wieder zurückkehren wollte, beschloss sie einfach den Rest des Tages hier zu genießen. Sie legte ihre Sachen vor den mächtigen Stamm der Eiche, entledigte sich ihrer Rüstung und sprang in den See, dessen kühles Wasser ihr bei diesem heißen Sommertag richtig gut tat.

Rianna schwamm eine ganze Weile, bis ihr langsam die Kräfte schwanden und begab sie sich dann wieder ans Ufer. Schließlich legte sich unter den Baum auf die Wiese und lies sich von der warmen Sommerluft trocknen. Dabei schlief sie jedoch ein.

Am Abend schrak Rianna auf, als sie von einem lauten Grollen geweckt wurde. Zuerst dachte sie an ein Gewitter. Da sie aber keine Regenwolken am mittlerweile abendroten Himmel entdeckte, glaubte sie es sich nur eingebildet zu haben.

Rasch schlüpfte sie wieder in ihre Rüstung, nahm ihren Bogen und den Köcher und wollte so schnell wie möglich wieder nach Hause gehen.

Doch bemerkte sie plötzlich neben sich eine Bewegung im Wald und blieb auf der Stelle stehen. Ihr stockte der Atem, als sie in ein ihr sehr wohl bekannt vorkommendes Paar Augen blickte, welches auch sie entdeckt hatte.

Daraufhin gab die Kreatur mit tief grollender Stimme nur ein Wort von sich: „MENSCH!“