Abermals erschallte das Gelächter der umstehenden Lyzarie.
„Wieso liegst du dort unten im Dreck?“, verlangte Yamis von dem Krieger zu erfahren, den er zuvor aufgetragen hatte das Menschenweib weg zu bringen. „Schaff sie endlich fort, oder du kommst mit ihr ins Loch!“
Umgehend zeigte diese Drohung bei dem Lyzarie die gewünschte Wirkung. Denn kaum hatte er sich wieder aufgerafft, holte er den Menschen vom Rücken des Drachens herunter.
„Verzeiht Herr. Ich werde mich persönlich darum kümmern, dass dieser Nichtsnutz eine angemessene Bestrafung erhält!“, beteuerte Yamis. Rak'Zunaih nickte jedoch lediglich mit dem Kopf, da es ihn nicht interessierte. Doch kaum wollte Yamis etwas hinzufügen, bahnte sich auch schon das nächste Problem an. Nachdem das Weib zu Boden gestürzt war, griff der Drachen den Krieger an, woraufhin alle anderen ihre Waffen zogen.
„Wartet!“, befahl Rak'Zunaih, „Ihr beiden! Schaft endlich diesen Menschen aus meinen Augen!“
Zwei der Lyzarie lösten sich aus der Menge, steckten ihre Waffen wieder ein und leisteten dem Befehl umgehend Folge. Doch stellte Turmalon sich auch ihnen in den Weg.
„Was glaubst du eigentlich, was das werden soll?“, fragte Rak'Zunaih erzürnt und überlegte, ob er diesem Spiel nicht endlich ein Ende setzen sollte. „Du scheinst es noch immer nicht verstehen zu wollen. Denn ich werde sie ohne zu zögern töten, wenn du nicht endlich tust was ich von dir verlange! Und bevor du wieder mit deinen lächerlichen Drohungen anfängst, sage ich dir gleich, dass sie mir egal sind. Es gibt genügend Mittel um dich auf anderem Wege gefügig zu machen. Für was also entscheidest du dich?“
Die Antwort kam für Rak'Zunaih schneller, aber vor allem widerspruchsloser, als er erwartete. Zwar bedachte der Drache ihn mit einem vielsagenden Blick, zog sich dann aber wortlos zurück.
Endlich hatte Rak'Zunaih genau das Druckmittel gefunden, das er brauchte um Turmalons ungebrochene Kraft, bedingungslos Nutzen zu können.
„Herr, denkt ihr nicht, dass es an der Zeit ist den Willen des Schwarzen zu brechen?“, wollte Ksatol, der das gesamte Geschehen beunruhigt verfolgt hatte, wissen. „Er wird offensichtlich immer unberechenbarer und schwerer zu kontrollieren. Sein Verhalten gerade hat dies eindeutig gezeigt. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis auch ihm klar wird, dass wir ihn nicht mehr unter Kontrolle halten können. Spähtestens dann dürfte auch Kobala ihm nicht mehr ebenbürtig sein und uns würde nichts mehr zur Verfügung stehen, mit dem wir ihn im Zaum halten könnten!“
„Mach dir darüber keine Gedanken, wann das der Fall sein könnte. Es ist bereits so!“, erwiderte Rak'Zunaih kühl. „Das wird aber warten müssen, bis wir alle Schüssel beisammen haben. Denn es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, bis er gebrochen wäre. Unterdessen wird mir dieses Menschenweib dazu dienen, ihn unter Kontrolle zu halten. Danach aber, werde ich mir sehr viel Zeit mit ihnen lassen. Wenn es also Möglich ist, könntest du dafür sorgen Yamis, dass sie dort unten nicht ebenfalls verhungert.“
„Ich werde sehen, ob sich dies einrichten lässt“, antwortete Yamis gleichgültig.
„Was macht euch da so sicher, dass sie dazu in der Lage ist?“, fragte Ksatol nun und konnte seine Zweifel daran kaum verbergen.
„Aus demselben Grund, wieso er gerade die Krieger angegriffen hat!“, antwortete Yamis zynisch. „Er versucht alles daran zu legen sie zu schützen! Wenn ihr etwas aufmerksamer wärt, hättet ihr das selbst bemerkt.“
„Pah!“, stieß Ksatol hervor und murmelte einige unverständliche Worte vor sich hin.
Rak'Zunaih beachtete den Disput der beiden nicht weiter und wollte stattdessen wissen: „Was ist während meiner Abwesenheit geschehen?“
Gerade als Zariah antworten wollte, übernahm Yamis das Wort: „Wegen eurer langen Abwesenheit wurden einige Lyzarie unruhig. Vermutlich hat sich auch deswegen die Zahl derer, die euren Platz einnehmen wollten fast verdoppelt. Es gab jedoch unter ihnen keinerlei ernst zu nehmende Konkurrenz und eure Untergebenen haben sich diesen Unwürdigen angenommen.“
„Das interessiert mich alles nicht!“ harschte Rak'Zunaih Yamis an, sodass dieser, sehr zur Freude von Ksatol und Zariah, plötzlich keine Worte mehr fand. „Ich will wissen wie lange es noch dauert, bis alle Vorbereitungen getroffen sind!“
„Es ist alles so gut wie abgeschlossen!“, berichtete Zariah augenblicklich und Yamis wiederholte hastig: „Ja genau, alles ist so gut wie fertig! Es fehlt nur noch …“ Fragend blickte Yamis die anderen an. Zariah schüttelte den Kopf und ergänzte seufzend: „Wir warten im Grunde nur noch darauf, das wir beginnen können.
„In Ordnung! Wir werden wie vorgesehen weiter machen. Ich will, dass sich die Menschen bis spätestens Ende des nächsten Mondes gegenseitig die Köpfe einschlagen!“
„Ah, da seid ihr ja wieder!“, rief Maria und kam den Vier entgegengelaufen als sie das Ende des Bergpfades erreichten. „Habt ihr etwas gefunden?“
„Leider nichts Brauchbares“, erwiderte Karl während die anderen betrübt die Köpfe schüttelten.
„Oh, das tut mir leid zu hören“, entgegnete Viktors Frau bedauernd und senkte ihr Haupt.
„Habt ihr hier unten auf uns gewartet?“, fragte Lucia besorgt und überlegt, wie lange sie unterwegs waren.
„Nein. Ich habe aber gesehen, dass ihr wieder auf dem Rückweg seid. Denn ich wollte euch noch etwas geben“, sagte Maria beruhigend und begann in der Schürze, die sie trug, nach etwas zu suchen. „Da es meinem Mann ja wieder besser geht, wollte ich seine Kleidung waschen. Außerdem denke ich, dass es ihn wohl auch ein wenig nervt, wenn ich den ganzen Tag um ihn herum bin um ihn zu bemuttern. Auf jeden Fall fand ich dabei einen kleinen Edelstein in der Tasche seiner Hose. … Wo hab ich ihn denn nun hingesteckt …“ Maria hielt für einen Moment inne. Dann tastete sie die Schürze von außen ab und anschließend ihren Rock. Dort wurde sie dann offensichtlich fündig, denn sie zückte einen Augenblick später einen kristallklaren Stein aus der Tasche. Sie trat an Karl heran, und reichte ihm das Fundstück.
„Ich habe Viktor umgehend gefragt wo er ihn fand“, begann Maria zu erklären, während Karl den Stein näher betrachtete. „Mein Mann brauchte einen Moment, bis er sich wieder daran erinnerte. Er war sich aber sicher, dass dieser Echsenmensch ihn verlor, als er von dem Drachen mitgerissen wurde. Viktor nahm ihn an sich, als er ihn, in der Sonne glänzend, neben sich auf dem Boden liegen sah. Da wir keine Verwendung dafür haben sollt ihr ihn bekommen.“
„Vielen Dank, aber ich befürchte, dass wir auch nicht viel mehr damit anfangen können!“, meinte Karl, und wollte den Stein bereits wieder zurückgeben.
„Dann sollt ihr ihn als Dank für eure Hilfe bekommen!“, entschied Maria und ließ mit verschränkten Armen keinerlei Diskussion daran mehr zu.
„Kann es sein, dass dies ein Diamant ist, so wie funkelt?“, fragte Aaron beeindruckt, „Falls ja dürfte er bei der Größe mit Sicherheit sehr wertvoll sein. Der ein oder andere Händler könnte uns bestimmt sagen wo er herkommt. Vielleicht würde uns das ja weiterhelfen.“
„Es kann zumindest nicht schaden einmal nachzufragen“, stimmte Friedrich zu.
„Richtet Viktor unseren Dank und eine gute Besserung aus“, bat Karl Maria, die dem nickend zustimmte. „Trotzdem werden wir wohl keine andere Wahl haben und uns auf unser Glück verlassen müssen, wenn wir Rianna wiederfinden wollen.“
„Ich kann für das Mädchen nur hoffen, dass es ihr gut geht und ihr sie finden werdet“, wünschte Maria zum Abschied.
Während sie auf dem Weg zurück zu ihren Pferden waren, die sich noch in der Nähe ihres Nachtlagers befanden, erklang plötzlich Nyrns Stimme in Lucias Kopf: «Habt ihr etwas gefunden? Ich konnte leider nirgendwo eine Spur der beiden entdecken.»
«Sie waren im Hort! Doch auch dort gab es nichts, was uns weiterhelfen könnte», erwiderte Lucia ihrem Lehrmeister, «Von einem der Einheimischen haben wir jedoch erfahren, dass sie von einem Echsenmenschen verfolgt wurden. Dieser war sogar im Stande, Turmalon mit Hilfe einiger Lichtkugel, die er heraufbeschworen hatte, in Schach zu halten. Zumindest wenn man Viktors Aussage glauben kann. Ob die beiden ihm aber letztlich entkommen konnten, vermochte er nicht mit Sicherheit sagen zu können. Es spricht allerdings einiges dafür.»
Während sie auf eine Antwort wartet meinte Karl, der von seiner Karte aufblickte, die er noch zuvor eingehend studiert hatte: „Wir sollten ins nächstgelegene Dorf reiten und uns dort umhören. Es ist nicht weit von hier und wir sollten es lange vor Einbruch der Nacht erreichen. Möglicherweise hat dort ja jemand einen Drachen gesehen und merkte sich wohin er flog. Es tut mir leid aber eine andere Idee habe ich nicht. Man kann nun mal nicht die Spur von etwas aufnehmen, dass praktisch keine hinterlässt!“
Zügig hatten die Vier ihre weidenden Reittiere wieder eingesammelt und sattelten anschließend auf. Im Galopp ließen sie das Dorf am Fuße des Berges hinter sich.
«Dieser Echsenmensch, den du erwähntes, war ohne Zweifel ein Lyzarie!», erklärte Nyrn, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte. «Es ist jedoch erstaunlich, dass dieser Viktor ihn in dieser Gestalt zu Gesicht bekommen hat und noch immer am Leben ist. Doch wie gelang es dem Lyzarie die beiden zu finden?»
«Das Viktor noch am leben ist hat er wohl nur Turmalons einschreiten zu verdanken. Denn der Lyzarie hatte ihm bereits eine ernste Verletzung zugefügt», berichtete Lucia, «dabei verlor er offenbar auch den Stein, den Viktor fand, und uns überließ.»
«Einen Stein?», fragte Nyrn überrascht, «Ist er Schwarz und wie ein Tropfen geformt?»
«Nein, er ist farblos. Aber mit der Form hast du Recht», antwortete Lucia auf die hastig gestellte Frage.
«Farblos?», wunderte sich Nyrn und hakte noch einmal nach: «Bist du dir sicher?»
Lucia gab einen leisen Seufzer von sich und schloss zu Karl auf.
„Könnte ich bitte den Stein haben, den Maria dir eben gab?“, fragte sie den Späher und streckte ihm bereits die offene Hand fordernd entgegen. „Ich würde ihn mir gerne etwas genauer ansehen!“
Irritiert sah Karl Lucia wegen ihrer Bitte an, suchte dann aber in der Satteltasche, in die er den Stein legte.
„Wofür brauchst du ihn denn?“, wollte Karl wissen als er ihr den Stein in die Hand drückte.
„Ich möchte nur sicherstellen, nicht weiter infrage gestellt zu werden!“, antwortete sie und ignorierte Karls Verwirrung. Während sich der Späher kopfschüttelnd von ihr abwandte, ließ sie sich wieder zurückfallen und betrachtete den Stein nun genauer.
«Wie ich sagte! Er glänzt kristallklar und ist geformt wie ein Tropfen!», bestätigte Lucia ihre vorherige Aussage.
«Wenn dies, wie ich jetzt einfach annehmen werde, eine Drachenträne sein sollte, könnte uns das vielleicht weiterhelfen. Da sie, wie du sagst, weder matt noch trübe ist sollte das an den sie gebunden ist noch am leben sein. Aber um Sicher zu gehen, nimmst du die Drachenträne und Konzentrierst dich auf sie. Wenn Du dann das Gefühl haben wirst, dass sie dich irgendwo hinführen will, haben wir den nötigen Beweis!»
Lucia tat wie ihr aufgetragen wurde. Dabei schloss sie ihre Augen um eine Beeinflussung von außen zu vermeiden. Einen kurzen Moment später spürte sie den Energiefluss, der wie ein Herz pulsierend von dem Stein ausging. Sie erkannte etwas Vertrautes darin, das jedoch aus ferner Vergangenheit kam. Da Lucia es jedoch nicht zuzuordnen wusste, beschoss sie dem später auf den Grund zu gehen.
„Was hast du vor Lucia?“, fragte Friedrich.
Die Magierin öffnete ihre Augen wieder und wollte Antworten, als ihr gewahr wurde, dass sie vom Weg abgekommen war.
„Ich war in Gedanken versunken“, entschuldigte sich Lucia und ordnete sich wieder bei den Anderen ein. Abermals konzentrierte sie sich auf den Stein, schloss dieses Mal aber nicht ihre Lieder. Beinahe unbemerkt neigte sich ihr Kopf leicht nach links, in die gleiche Richtung in der sie eben noch vom Weg abgekommen war.
War es das, was Nyrn meinte, oder sollte es nur ein Zufall gewesen sein, fragte sich Lucia. Den Weg konnte sie lediglich ebenso gut wegen ihrer Unachtsamkeit verlassen haben. Da sie aber sichergehen wollte, brachte sie ihr Pferd zum Stehen und machte kehrt. Nochmals widerholte sie die Prozedur und kam dabei auf das gleiche Ergebnis. Lucia blickte über ihre rechte Schulter wieder in die Richtung in die sie zuvor ritt.
„Du hast doch etwas!“, stellte Friedrich, der neben ihr auftauchte, fest. „Hast du etwas vergessen, oder ist dir noch etwas eingefallen? Sollen wir noch einmal umkehren?“
„Nein, nicht notwendig. Es ist alles in Ordnung!“, beteuerte Lucia und kehrte zurück zu Karl und Aaron die auf sie warteten und fragend anblickten. „Ich habe nur etwas überprüft.“
„Und zu welchem Ergebnis bist du gekommen?“, erkundigte sich Karl neugierig.
„Ich bin mir noch nicht sicher“, erwiderte sie und richtete dann ihre Gedanken wieder an Nyrn: «Deine Vermutung, was diese Drachenträne angeht, sind korrekt, denke ich. Es scheint, dass sie mich tatsächlich irgendwohin führen möchte.»
«Hervorragend! Wir können also sicher sein, das derjenige, mit dem sie verbunden ist, noch lebt», antwortete Nyrn. «Nun richte deine Gedanken auf die Träne so als wolltest du mit ihr reden. Möglicherweise bekommst du eine Antwort und wir erfahren so, zu wem sie gehört.»
«Und du bist dir sicher, dass das funktioniert?», hakte Lucia zweifelnd nach. «Ich meine, wie soll ich die Person denn erreichen, wenn sie nicht in der Nähe ist?»
«Die Drachentränen sind genau dafür gedacht, um diesen Nachteil wett zu machen. Man wird dich hören, egal wie weit wir entfernt sind!», erwiderte Nyrn mit Nachdruck.
Eigentlich sollte es Lucia nach all den Jahren besser wissen, dass sie das was Nyrn sagte, nicht infrage stellen musste. Auch wenn sich ihr nicht immer gleich der Sinn dahinter offenbarte, führte es doch meist dazu, dass er Recht behielt. Allerdings war es auch ihre Art, all das zu hinterfragen, was ihr nicht schlüssig erschien.
Gerade wenn es um Magie geht, muss man jedoch einsehen, dass sie nicht immer an dieselben Regeln gebunden ist. Insbesondere dann, wenn magische Gegenstände wie diese Drachenträne im Spiel waren, die diese Regeln komplett umwerfen konnten.
«Es tut mir leid aber ich bekomme keine Antwort», sagte Lucia nach einiger Zeit, «Ich habe es jetzt einige Male versucht!»
«Vermutlich fehlt die nötige Kenntnis, um zu antworten», nahm Nyrn an, «könntest du mir dennoch die Drachenträne geben? Vielleicht finde ich auch noch etwas heraus.»
«Wo bist du denn?», fragte sie und hielt nach ihm Ausschau.
«In der Nähe!», erwiderte Nyrn, woraufhin Lucia seufzten musste, da ihr das selbst klar war. «Halte ihn einfach hoch. Ich werde ihn mir dann holen!»
Lucis hielt den Stein der Sonne entgegen, so als wolle sie beobachten wie sich das Licht darin brach. Doch dann krallte sich blitzartig ein Falke, der von oben auf sie herabgestürzt kam, die Drachenträne. Die scharfen Krallen des Greifvogels kratzten ihr über die Finger, doch schrie sie mehr vor Schreck wegen des plötzlichen Auftauchens auf. Dann, ebenso schnell wie er erschien, verschwand der Falke wieder in die Lüfte.
„Alles in Ordnung?“, fragte Friedrich besorgt. „Was war los? Ich habe nur einen großen Vogel wegfliegen sehen!“
„Ja, es geht schon“, versicherte Lucia, die ihre Hände auf Verletzungen untersuchte. „Ich hatte mich nur erschrocken“
„Es sah aus als hätte sich der Vogel auf den Diamanten gestürzt!“, meinte Aaron, der hinter den Beiden ritt. „Hast du ihn noch, oder konnte er ihn sich greifen?“
Lucia tat so als würde sie den Boden unter ihr nach der Drachenträne absuchen und meinte dann entschuldigend: „Ich befürchte er hat den Stein! Es tut mir leid, das wollte ich nicht!“
„Macht dir keine Vorwürfe“, beruhigte Friedrich sie, „es war nur ein hübscher Stein. Hauptsache dir ist nichts geschehen!“
„Merkwürdig war es trotzdem“, wandte Aaron ein, „Ich erinnere mich nicht jemals einen solch großen Vogel gesehen zu haben!“
„Ich kann mich auch nicht daran erinnern, bis vor kurzem je einen Drachen gesehen zu haben, und dennoch jagen wir jetzt einem hinterher“, erwiderte Karl kopfschüttelnd. „Du solltest dich also besser damit abfinden, dass es noch sehr viele Dinge gibt, die du nicht kennst!“
„Aber was will er mit dem Stein?“, rätselte Aaron, „Er wird ihn wohl kaum fressen wollen.“
„Es wäre nicht der erste Vogel, der sich auf einen glänzenden Gegenstand stürzt“, antwortete Karl achselzuckend. „Es ist zwar schade darum, aber ändern lässt es sich nun nicht mehr. Also lasst uns bitte weiter reiten!“
«Oh nein, das hätte niemals geschehen dürfen!», brach Nyrn plötzlich völlig bestürzt hervor. «Wenn ich es richtig deute, und daran habe ich leider keinerlei Zweifel, werdet ihr Rianna nicht mehr hier finden. Dem Lyzarie wird es vermutlich gelungen sein, sie und Turmalon zu fassen. Sie sind nun auf den Weg nach Kaz’Mordan oder sogar bereits schon dort. Ich gebe dir die Drachenträne zurück. Mit ihr werdet ihr Rianna auf jeden Fall finden, da sie es ist, die daran gebunden ist.»
Auch Lucia übermannte diese plötzliche Erkenntnis und wusste daher zunächst nicht, was sie darauf erwidern sollte. Ebenfalls bemerkte sie den herannahenden Falken erst, als er unmittelbar vor ihr war. Er öffnete seine Krallen bewehrten Fänge und ließ die Drachenträne gezielt auf Lucia fallen. Der Stein prallte ihr gegen die Brust, wo sie versuchte ihn zu fangen. Ein wenig ungeschickt entglitt er ihr noch ein paar Mal, bis sie ihn schließlich fest in den Händen hielt.
„Ihm scheint wohl doch klar geworden zu sein, dass Edelsteine nichts zu fressen sind“, stellte Aaron erfreut fest.
„Ja, ganz offensichtlich!“, stimmte Karl misstrauisch zu.
«Ich muss sofort los und einige Vorkehrungen treffen. Ihr solltet hingegen weiter nach Rianna suchen», schlug Nyrn letztlich vor, «Lass sie es noch nicht herausgefunden haben … niemals wünschte ich mir so sehr wie jetzt, dass ich mich irre!»
«Wer soll was noch nicht herausgefunden haben?», wollte Lucia noch wissen, spürte aber Nyrns Gegenwart nicht mehr. „Verdammt, bleib hier!“, schrie sie daraufhin laut. Doch dann dämmerte es ihr plötzlich was Nyrn solche Angst bereitete.
Alle Blicke ruhten nun auf ihr und Lucia wurde klar, dass sie einiges erklären musste. Dies sollte aber noch einen Moment warten. Zunächst prüfte sie nochmals, wohin die Drachenträne sie führen würde und fragte dann Karl: „Wohin kämen wir, wenn wir immer weiter in diese Richtung reiten würden?“ Dabei zeigte sie mit ausgestrecktem Arm nach Südosten.
Noch irritiert von dem was gerade passiert war und der unerwarteten Frage, sucht Karl nach seiner Karte, und versuchte auszumachen, wohin Lucia zeigte.
„Ähm … wir kämen nach Königsburg!“, antwortete Karl zögerlich, „Was wollt ihr dort?“
„Dort? Nichts!“, erwiderte Lucia, „Aber was liegt dahinter?“
„… nur noch ein paar kleinere Dörfer und schließlich das Beohgebirge.“
„Nein, nicht dort, weiter! Was kommt hinter dem Gebirge?“, drängte Lucia zu erfahren.
Karl sah abwechselnd in seine Karte und zu Lucia, um ihre grobe Richtungsangabe zu deuten, dann erklärte er: „Da kommt nur noch der Bruchwald! Dort ist aber nichts. Jetzt verratet doch bitte was los ist. Seit Maria uns diesen Stein gegeben hat verhältst du dich sehr merkwürdig. Es wäre vermutlich besser, wenn ich ihn wieder an mich nehme.“
„Das Mädchen, das wir suchen ist dort!“, rückte Lucia schließlich mit der Sprache raus.
„Rianna soll wo sein?“, fragte Aaron, als wollte er seinen Ohren nicht trauen.
„Irgendwo im Bruchwald!“, wiederholte Lucia.
„Hast du jetzt den Verstand verloren?“, raunte Aaron sie an. „Ich muss dir wohl hoffentlich nicht erklären, was der Bruchwald für ein Ort ist. Davon abgesehen, wieso glaubst du, dass sie ausgerechnet dort sind? Ich meine, sie war doch erst vor wenigen Tagen hier. Allein um zurück nach Horin zu kommen bräuchten wir, wenn wir schnell währen, eineinhalb bis zwei Wochen! Sie kann schließlich nicht …“
„… Fliegen?“, ergänzte Lucia den Satz, und feixte Aaron an.
„Es sollte jedem klar sein, dass es einem Drachen spielend möglich ist, schnell von einem Ort zum anderen zu gelangen. Aber wie kommst du darauf, dass sie ausgerechnet an diesem Ort sein soll?“, wollte Karl wissen.
Lucia wies auf die Drachenträne in ihrer Hand und sagte: „Weil es, laut diesem kleinen Schmuckstück, der Weg ist, den wir einschlagen müssen, um sie zu finden!“
Beunruhigt darüber, dass Lucia tatsächlich ihren Verstand verloren haben könnte, blickten sie nun alle zweifelnd an.
„Selbst wenn es so ist. Wie kommst du darauf, dass dieser Stein uns den Aufenthaltsort von Rianna zeigt?“, fragte Karl.
„Sagen wir, ein Vöglein hat es mir gezwitschert“, antwortete Lucia, „Ich werde es euch gerne erklären, jedoch bin ich mir selbst noch nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe. Jetzt aber sollten wir wirklich weiter! Denn, wie ihr selbst gesagt habt, ist dieser Sumpf kein Ort, an dem man sich länger aufhalten sollte. Und so wie ich es verstanden habe, ist Rianna wahrscheinlich in ernsthaften Schwierigkeiten!“
„Aber wenn sie wirklich dort ist, wie können wir ihr dann überhaupt noch helfen?“, fragte Aaron verzweifelt, „Der Bruchwalt trägt schließlich nicht um sonst den Beinamen Sumpf der Verlorenen! Niemand der sich jemals zu tief dort hineingewagt hat, wurde jemals wieder gesehen!“
Verzweifelt hielt Turmalon, vom Rande der Steinplattform Ausschau nach Rianna. Er erwartete nicht, sie mit bloßem Auge zu entdecken. Doch half es ihm, die durch hunderte von Fackeln und Laternen erhellte Stadt, Stück für Stück abzusuchen, um wieder eine Verbindung mir Rianna aufbauen zu können. Da dort unten jedoch abertausende von Lyzarie lebten, war es beinahe unmöglich für ihn, das Mädchen ausfindig zu machen.
Turmalon wollte doch nur wissen ob es ihr noch gut ging. Auch wenn sie ihm nicht antworten konnte, würde ihn das Wissen, dass sie noch da war, beruhigen. Ebenfalls war er davon überzeugt, dass dies für Rianna genauso galt, wenn sie seine Stimme vernehmen würde.
Lautstark, sodass es die gesamte Stadt hören musste, brüllte er seine gesamte Wut und den Frust in die sternklare Nacht hinaus. Zumindest das sollte Rianna gehört haben und jetzt wissen, dass er noch da war, ging es dem Drachen durch den Kopf.
Dann vernahm Turmalon hinter sich Schritte, die auf ihn zukamen. Er vermutete, dass es eine der Wachen sei die hier oben immer zugegen waren. Sie wollte wohl nachsehen, was der plötzliche Lärm zu bedeuten hatte.
Der Drache würdigte ihr keinen Blick, sondern machte ihr durch ein Knurren klar, dass er ungestört bleiben wollte. Doch schien sie das nicht zu kümmern, denn die Wache näherte sich ihm weiterhin.
„Komm mir zu nahe und ich werde dir das Fliegen beibringen!“, dachte sich Turmalon gereizt und machte sich dazu bereit, seine Gedanken in die Tat umzusetzen. „Einer mehr oder weniger von euch wird wohl niemandem auffallen.“
Dann spürte er eine Berührung an seiner Flanke und hörte ein Leises Schnurren. „Kiela!“, freute er sich als er den schwarzen Panther entdeckte, der sich an seine Seite lehnte. Er leckte ihr einmal über den Kopf, um seine Bekannte zu begrüßen. „Wie kommst du denn hier her?“
„Ich kann nur hoffen, dass du einen guten Grund hast, wieso du hier draußen sitzt und einen solchen Lärm veranstaltest. Solltest du nicht drinnen angekettet sein?“ fragte eine weibliche Stimme in harschem Ton.
Überrascht, jemals wieder diese Stimme zu hören, drehte sich Turmalon um und japste ein verblüffest: „Ischah?“
Lächelnd nickte die Lyzarie leicht mit dem Kopf und ging dann weiter auf den Drachen zu.
„Ich nehme an, dass das gerade ein Triumphschrei war, und du hier draußen sitzt, um gleich wieder zu verschwinden“, mutmaßte Ischah leise, und nahm den Kopf des Drachens in ihre Hände. Dann führte sie ihn an sich heran und lehnte, zur Begrüßung ihre Stirn an seine. „Oder hat es mein Vater letztlich doch bewerkstelligt dich unter Kontrolle zu bringen?“
Betroffen entwand sich Turmalon ihrem Griff und wagte es nicht den Blickkontakt weiter mit ihr zu halten.
„Leider ist ihm das tatsächlich gelungen!“, gab er zu und versuchte ihr wieder in die Augen zu sehen.
„Doch wohl nicht, weil er es ihm gelang dich nach deiner Flucht wiederzufinden?“, wollte Ischah wissen.
Turmalon schüttelte seinen Kopf und antwortete: „Nein, nicht deswegen. Obwohl ich zugeben muss, dass es mich sehr wohl eingeschüchtert hat, als er mich wiederfand. Ich bin zurückgekehrt um jemanden zu schützen. Doch habe ich zu spät erkannt, dass ich uns Beide damit Rak'Zunaih ausgeliefert habe. Wie konnte ich nur so leichtgläubig sein. Mir hätte klar sein müssen, dass Rak'Zunaih nur zum Schein auf meine Drohung einging. Um mich wieder hierher zu bekommen. Ich habe Rianna seiner Willkür ausgeliefert und die einzige Wahl, die mir jetzt noch bleibt, ist zu tun was er verlangt. So bleibt mir nichts anderes übrig als zu hoffen, dass sie weiterhin am Leben bleibt. Nur leider befürchte ich, dass es um der Gnade willen besser für sie, wäre wenn es schnell zu Ende ginge. Wer weiß, was sie alles durchmachen muss.“
„Von wem redest du?“, fragte Ischah mitfühlend.
„Von einer jungen Menschenfrau!“, erklärte Turmalon.
„Einer was?“, empörte sich Ischah plötzlich und machte einige Schritte von dem Drachen weg. „Ich dachte dir sollte klar sein, wie gefährlich die Menschen sind und du ihnen besser aus dem Weg gehen solltest!“
„Das sind sie in der Tat“, bestätigte Turmalon und sah Ischah dabei mahnend an. „Aber du weist so gut wie ich, dass ihr Lyzarie nicht besser seid! Auch wenn es unter den Menschen einige gibt, deren Beweggründe nicht besser sind als die deines Vaters, habe ich den Eindruck gewonnen, dass der größte Teil ihrer Reaktionen darauf beruht, dass sie Angst vor mir haben. Erst Rianna hat mir gezeigt, trotz das ich anfänglich abweisend zu ihr war, dass die Menschen auch anders sein können.“
„Du hast Recht“, entschuldigte sich Ischah. „Eigentlich sollte ich es wirklich besser wissen. So etwas passiert nun mal wenn man von klein auf mit einem falschen Bild über einen anderen aufwächst. Und Tag für Tag muss ich dies aufrechthalten um nicht aufzufallen. Schon viel zu oft wurden durch die Hände von Al‘Ashkahras Priester Lyzarie hingerichtet, die wie ich wussten, dass er nicht das ist, was er vorgibt zu sein. Und das vermutlich nicht, ohne sie zuvor noch zu foltern.“
„Hast du keine Angst, dass jemand hier oben hören könnte was du sagst?“ wollte Turmalon besorgt wissen und sah nach ob tatsächlich ein Lyzarie in der Nähe war.
„Nein, nicht hier um diese Zeit“, erwiderte Ischah beruhigend. „Deine sogenannten Aufpasser betrinken sich lieber in ihren Baracken und Würfeln gegeneinander. Nicht einmal dein Schrei vorhin hat sie gekümmert. Der einzige Kommentar, den ich aus ihrem Gegröle heraushören konnte war, dass doch gefälligst ruhig sein sollst!“
„Beruhigend zu wissen. Wenn ich jetzt auch noch wissen würde wo Rak'Zunaih Rianna hat hinbringen lassen, könnte ich sie dort rausholen und direkt wieder von hier verschwinden!“, erklärte Turmalon und blickte über den Stadtteil der unter ihnen lag.
Ischah setzte sich zu ihm an den Rand der Plattform, und ließ ihre Beine darüber im Freien hängen. Kurz lehnte sie sich vor, um in die vor ihr liegende Tiefe zu schauen, lehnte sich dann aber mit nach hinten gestreckten Armen zurück.
„Nun gut“, fing Ischah an, und sah dabei Turmalon an. „Erzähl mir von ihr. Wie kommt es, dass du dich so sehr für sie einsetzt, dass du sogar deine gewonnene Freiheit für sie geopfert hast? Vielleicht finde ich ja einen Weg euch beiden zu helfen!“
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