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Vorsichtig wartete Rianna durch die übel riechende Brühe, die ihr stellenweise bis zu den Knien reichte. Immer darauf bedacht, nicht auf dem glitschigen Untergrund auszurutschen. An das schwache Licht der Fackeln, dass durch die Luke in der Decke fiel, hatte sie sich längst gewöhnt und konnte daher alles mehr oder weniger gut erkennen. Die aus massivem Stein gemauerten Wände ihres Gefängnisses war sie, auf der Suche nach einem Ausweg, nun schon einige Male abgegangen.  Doch fand sie bisher nur eine kleine, vergitterte Öffnung auf Bodenhöhe, durch die sie allerdings nur gepasst hätte, wenn sie so groß wie eine Maus gewesen wäre. Ansonsten gab es weder irgendwelche lockeren Steine, noch waren die Fugen zwischen ihnen breit genug, als das man den Mörtel hätte herauskratzen können.

Bald näherte sich Rianna der Rückwand, an der sich ein schmaler Absatz befand. Dieser war gerade breit genug, sodass sie sich  dort hinsetzen konnte. Zwar war dies die einzige Stelle im Raum, an die das Wasser nicht reichte. Doch vor der Feuchtigkeit, die allgegenwertig an den Wänden haftete, war sie auch dort nicht bewahrt.

Schwerfällig, hievte Rianna sich auf den Absatz und kauerte sich dort, mit dem Rücken an die Wand lehnend, hin. Es dauerte nicht lange und die Kälte des Gemäuers kroch ihr durch die durchnässte Kleidung. Aber nicht nur deswegen zitterte sie am ganzen Körper. Seit Tagen hatte sie kaum etwas gegessen und konnte daher die letzte Nacht vor Hunger kaum schlafen. Zumindest nahm sie an, dass seit ihrem Aufenthalt hier unten bereits ein ganzer Tag vergangen war.

„Immerhin bin ich noch am Leben“, dachte Rianna schluchzend, um wieder ein wenig Mut zu schöpfen. Dabei rieb sie ihre Hände aneinander und versuchte so die Kälte aus ihren Gliedern zu vertreiben. Ebenfalls wollte sie weiterhin daran glauben, dass es Turmalon tatsächlich gelänge, einen Weg zu finden um sie zu befreien. Denn aus eigener Kraft würde sie dies wohl nicht bewerkstelligen können.

Erschöpft lauschte Rianna den zu Boden fallenden Tropfen, die sich stetig von der Decke lösten und auf die Wasseroberfläche trafen. Da es für sie, außer abzuwarten, sonst nichts mehr gab was sie machen konnte versuchte sie wenigstens etwas Schlaf nachzuholen.

Doch kaum war es Rianna gelungen ihren Körper zu beruhigen, wodurch er nicht mehr so stark zitterte, schreckte sie durch das quietschende Geräusch der sich öffnenden Metalltür aus ihrem Halbschlaf.

Hastig wischte Rianna sich die Tränen aus den Augen und blickte anschließend zu der vergitterten Lucke. Weil sie von ihrem Platz aus nur auf einen winzigen Teil des Ganges einsehen konnte, verließ sie sich auf ihr Gehör um zu erfahren was dort oben vorging.

Erneut meldete sich die Tür quietschend zu Wort und viel knallend zurück ins Schloss. Doch abgesehen davon, geschah eine ganze Weile lang nichts. Da sie schließlich weder Stimmen noch irgendwelche anderen Geräusche vernahm, die darauf hinwiesen, dass jemand anwesend war, wandte Rianna sich wieder von der Luke ab und versuchte weiter zu schlafen.

«Hallo?!», erklang plötzliche die fremde Stimme einer Frau ein Riannas Kopf. Abermals schreckte sie auf und sah zum Eingang ihrer Zelle «Wir haben eine an dich gebundene Drachenträne in der Nähe eines verlassenen Drachenhorts beim Berg … gefunden. Wir waren dort auf der Suche nach jemandem und sind es noch immer. Könntet ihr uns vielleicht weiterhelfen?»

Verunsichert begann Rianna an sich zu zweifeln, da sie niemanden erkennen konnte. Sie stellte sich die Frage ob sie sich dies wegen ihres Hungers und der Müdigkeit nur eingebildet hatte.

Erst als dieselbe Stimmer wenige Momente später nochmals erklang, erkannte Rianna, dass die Frau auf eine ähnliche weise wie Turmalon über ihre Gedanke mit ihr kommunizierte. Sie wiederholte mit ähnlichem Wortlaut das, was sie zuvor schon sagte, ohne dabei weiter ins Detail zu gehen.

Nur zu gerne hätte Rianna ihr geantwortet. Denn möglicherwiese hätte die Frau ihr ja auf irgendeiner Art helfen können. Allerdings wusste Rianna nicht, wie sie Kontakt mit ihr aufnehmen konnte.

Ein drittes Mal erreichte die Bitte Rianna.  Unweigerlich kam in ihr die Frage auf, wie die Frau in den Besitz der Drachenträne kommen konnte. Bis jetzt ist sie davon ausgegangen, dass der Stein im Besitz von Rak'Zunaih war.

„Hatte Rak'Zunaih die Drachenträne verloren?“, überlegte Rianna leise. Wobei dies die einzige Erklärung für sie war. Wie sonst hätte diese Frau den Stein finden können.

Doch wann war dies Geschehen? Bevor Rak'Zunaih sie nach ihrer Gescheiterten Flucht wieder eingeholt hatte oder danach?

Konnte es also sein, dass sie sich die Tortur der vergangenen und der vermutlich noch folgenden Tage hätte erspart, wenn sie auf Turmalon gehört, und geflohen wäre? Diese Vorstellung ließ sie erschaudern.

Andererseits würde sie es sich wohl kaum verzeihen können, wenn sie Turmalon im Stich gelassen hätte nur um feige davonzurennen und sich zu verstecken

Rianna war sosehr in ihre Gedanken vertieft, dass sie erst nach mehrmaligen zurufen auf den Lyzarie aufmerksam wurde, der vor der Luke kniete und sie beobachtete.

„Endlich bist du wach!“, bemerkte die Lyzarie, von der Rianna an der Stimme ausmachte, dass es eine Frau sein Musste. „Ich befürchtete schon, dass ich zu dir herunter kommen müsste. Nicht das mir dies etwas ausgemacht hätte, doch habe ich keinen Schlüssel um das Gitter zu öffnen. Ganz davon abgesehen dass es einige unangenehme Fragen aufwerfen würde, hätte man mich dabei erwischt. Jetzt kann ich einfach behaupten jemanden wie dich mal aus der Nähe sehen zu wollen.“

„Willst du auch etwas anderes von mir außer mich anzustarren?“, fragte Rianna müde, „und wer bist du überhaupt?“

„Mein Name ist Ischah“, antwortete die Lyzarie, „Ich bin Turmalon Mutter und er …“

„Seine was?“, unterbrach Rianna Ischah irritiert und war sogleich hell wach. Unweigerlich rief sie sich die Bilder, die Turmalon ihr aus seinen Erinnerungen zeigte, wieder ins Gedächtnis. Doch keiner der beiden Drachen hatte auch nur eine Ähnlichkeit mit der Lyzarie. Was sollte also diese offensichtliche Lüge.

„Natürlich nicht seine Leibliche!“, bestätigte Ischah umgehend Riannas Annahme. „ Eine Zihmutter würde es wohl am ehesten bezeichnen. Jedenfalls bat Turmalon darum nach dir zu sehen und soweit es mir möglich sei, dir zu helfe.“

„So, tat er das?“, hinterfragte Rianna misstrauisch. Da sie, wie sie nun wusste, lediglich als Druckmittel gegen Turmalon diente, konnte sie sich kaum vorstellen dass die Lyzarie noch irgendwas von ihr wollten. Andererseits ergab sich dieses Hilfeangebot zu schnell für sie.

„Nach dem was mein Vater euch beiden angetan hat, kann ich durchaus verstehen dass du mir nicht traust“, gab Ischah zu. Sie griff nach etwas, dass neben ihr auf dem Boden lag und holte einen Wasserschlauch ähnelnden Gegenstand hervor. Sie zwängte ihn durch die Gitter der Luke, bis sie nur noch den Gurt in der Hand hatte, an dem der Schlauch befestigt war. Langsam pendelte sie das Gefäß vor und zurück zu um es anschließend in Riannas Richtung zu schleudern.

Laut platschend viel es einige Schritt vor dem Mädchen ins Wasser. Mit den Armen vor dem Gesicht versuchte sie die dabei aufkommenden Spritzer abzuwehren, was ihr jedoch nur zum Teil gelang.

„Ich bitte um Entschuldigung. Aber dort drin ist ein wenig Getreidebrei“, erklärte die Lyzarie wohlwollend. „Leider geht mein Vater nicht sehr gut mit seinen Gefangenen um. Und wenn er sich nichts mehr von ihnen verspricht, kommt es nicht selten vor, dass sie hier einfach in Vergessenheit geraten. Leider wärst du nicht die Erste. Aber glaub mir er ist nicht immer so. Er hat sich nur seit langem einem Weg verschrieben … lassen wir das besser!“

Angewidert wischte Rianna die Wasserspritzer mit dem Ärmel von Gesicht und Oberkörper und suchte dann nach dem Trinkschlauch.

Das verlangen etwas in den Magen zu bekommen überwog ihr Misstrauen und so ließ sie sich, zwar wiederwillig, von dem Absatz in die stinkende Brühe herabgleiten. Trotz dass das Gefäß langsam versank und kaum noch zu sehen war hatte sie es schnell entdeckt. Rasch näherte sie sich der Stelle an der sie den Trinkschlauch vermutete und tastete dort akribisch den Boden mit ihren Füßen ab. Als sie ihn fand, förderte sie ihn mithilfe ihres Fußes zurück an die Oberfläche und Fischte ihn aus dem Wasser. Augenblicklich machte Rianna kehrt und hievte zuerst den Trinkschlauch und dann sich ins vermeintlich trockene.

Nach dem sie wieder auf ihrem Platz saß, entfernte Rianna denn Stopfen vom Schlauch und reinigte das Mundstück so gut es ging mit ihren Händen von den Resten des Schmutzwassers. Doch bevor sie einen Schluck wagte, roch sie an der Öffnung und nahm dabei einen eigentümlichen Geruch war. Sie konnte nicht beschreiben was es war, da es aber weder unangenehm noch verdorben roch, setzte sie das Mundstück an und probierte einen vorsichtigen bissen.

Auch den Geschmack des sehr dünnflüssigen geratenen Breis konnte Rianna nicht genau einordnen. Jedoch schmeckte es keines falls schlecht und so folgte sofort ein weiter kräftiger Schluck.

Nach einigen weiteren hastig genommenen Happen und einem daraus resultierenden Hustenanfall, weil sie sich verschluckt hatte, schaute sie wieder zu Ischah auf. Rianna zeigte sich mit einem einfachen „Danke“ erkenntlich und wartete ab, was die Lyzarie noch zu sagen hatte.

„Gern geschehen“, erwiderte Ischah, die noch immer vor dem Gitter der Lucke hockte. „Dies ist aber derzeit das einzige was ich für dich tun kann. Denn Schlüssel um das Gitter zu öffnen trägt für gewöhnlich Yamis bei sich. Allerdings hütet er die ihm anvertrauten Sachen meines Vaters sehr sorgsam. Doch selbst wenn ich daran käme, würdest du in der Stadt sehr schnell auffallen. Zumindest solange du nicht wie eine Lyzarie aussiehst.“

«Rianna, hier spricht Nyrn. Ich nehme an, das der Lyzarie, der Turmalon verfolgt hat, für diese Drachenträne verantwortlich ist. Und auch wenn ich Wünschte dass es anders ist, muss ich davon ausgehen, dass er euch beide gefangen genommen hat und ihr auf dem Weg nach Kaz'Mordan seid. Es ist bereits jemand auf dem Weg zu dir, nur wird es einige Zeit dauern bis sie bei dir sein werden!»

Etwas Vertrautes lag in Nyrns Stimme, sodass sie an seinen Worten keinen Zweifel hegen konnte. Doch ihr war niemand mit diesem Namen bekannt. Woher also wusste er so genau wer sie war und in welcher Situation sie sich befand? Doch war es zwecklos darüber nachzudenken, solange sie nichts erwidern konnte um eine Antwort darauf zu erfahren.

Bis vor wenige Moment noch befürchtete Rianna, dass dieser Raum das letzte sei was sie jemals wieder zu sehen bekam oder zumindest für eine sehr lange Zeit das einzige. Allerdings konnte nur Ischah unmittelbar etwas daran ändern. Trotz das Rianna etwas zu essen von ihr bekommen hatte fehlte noch das Vertrauen in diese Lyzarie und nur Turmalon wäre in der Lage ihre Behauptung zu bestätigen.

Plötzlich kam Rianna eine Idee, wie Ischah ihre Aufrichtigkeit beweisen konnte. Sie sah wieder hoch zur Lucke, musste allerdings feststellen dass die Lyzarie bereits gegangen war.

Rianna seufzte leise und nahm einen letzten kräftigen Schluck des Getreidebreis. Anschließend verschloss sie den Trinkschlauch wieder fest und legte ihn beiseite.

Wenn Ischah ihr tatsächlich helfen wollte, so überlegte Rianna, war dies mit Sicherheit nicht die letzte Begegnung mit ihr.

„Was ist den los mit dir Turmalon?“, fragte Rak'Zunaih höhnend vom Rücken des Drachens aus. „Kein widerspenstiges verhalten, keine versuche mich abzuwerfen und noch nicht einmal ein einziges Widerwort! Das hat ja schon fast keinen Reiz mehr für mich, wenn du es mir so einfach machst!“

Turmalon antwortete mit einem tief grollenden Knurren darauf, welches Rak'Zunaih viel mehr spürte als es zu hören.

„Das ist doch kein Anlass gleich gereizt zu sein“, lachte Rak'Zunaih als Reaktion darauf. „Ich hätte sehr viel mehr Gründe dafür. Schließlich dauerte es lange genug, bis wir diesen Fortschritt erzielen konnten! Für heute aber soll es genügen.“

Umgehend gab Rak'Zunaih Ksatol, der auf Kobala neben ihnen flog, einige Handzeichen um ihm mitzuteilen, dass sie nun zum Hort zurückkehren würden. Dieser bestätigte mit einem Kopfnicken, dass er verstanden hatte und löste sich umgehend von Turmalons Seite um voraus zu fliegen. Erst nach dem die blaue Drachin einige hundert Schritt Vorsprung hatte, wies Rak'Zunaih seinen Drachen an, ebenfalls umzukehren.

Da sie sich nicht weit von ihr entfernt hatten, überflog Turmalon schon nach kurzer Zeit den Felsenring der Stadt, der sie wie eine Mauer umschloss. Zügig näherte sich der Drache von Osten dem Stadtviertel der Kriegerkaste. Doch als sie es erreichten verlangsamte er seine Geschwindigkeit und flog dicht über die Häuser hinweg.

„Auf diese Weise wirst du sie wohl kaum finden!“, bemerkte Rak'Zunaih amüsiert und ließ den Drachen bei seinen vergeblichen Bemühungen gewähren. Am meisten belustigte es ihn jedoch, dass Turmalon, ohne das er es wusste, genau über jenes Gebäude hinwegflog, in dem das Menschenweib gefangen war. Knapp dahinter erhob er sich allerdings wieder in die Lüfte und führte seinen Weg, zurück zum Hort, fort.

Als sie sich ihrem Ziel näherten bemerkte Rak'Zunaih, dass Ksatol noch nicht gelandet war sondern mit Kobala einen weiten Kreis oberhalb der Plattform zog. Zu seinem Verdruss entdeckte er auch schnell den Grund dafür: Auf dem Platz vor dem Hort hatte sich ein halbes Dutzend von Al'Askahras Priestern eingefunden.

Kaum hatten sie das Oberhaupt der Kriegerkaste erblickt, begannen sie mit dem, wofür Rak'Zunaih sie gleichermaßen verachtete aber auch bewundern musste. Ein ganzer Chor aus Stimmen erklang in seinem Kopf. Doch trotz der Vielzahl blieben sie subtil im Hintergrund, wie ein leises Flüstern das ihm unterbewusst einreden wollte, zu ihnen herunterzukommen.

Obwohl Rak'Zunaih den Priestern am liebsten aus dem Weg gegangen wäre, konnte er sie andererseits nun auch nicht mehr warten lassen. Als Turmalon jedoch plötzlich schnaubend den Kopf schüttelte wurde der Lyzarie neugierig.

Er fragte sich ob sie versuchten den Drachen ebenfalls auf diese Weise zu beeinflussen und wollte daher wissen, wie er darauf reagierte. Bisher hatte sich nie diese Gelegenheit ergeben. War er geistig ebenso stark wie er es immer vorgab oder war er so schwach wie die meisten in Rak'Zunaihs Volk, die sich durch diese Suggestion unterwerfen ließen.

Ein leises Knurren war schließlich alles, was die Priester dem Drachen entlocken konnten. Vorausgesetzt sie hatten es tatsächlich bei ihm versucht. Was hingegen leicht herauszufinden sein sollte.

„Du hast doch gehört was sie wollen. Komm also ihrer Bitte nach!“, meinte Rak'Zunaih.

Turmalon zögerte kurz, setzte aber nur wenige Momente später zur Landung an. Doch anstatt dass er dafür eine freie Stelle auf der Plattform wählte, landete er mitten in der Gruppe der Priester. Fluchend hechteten einige der weiß gekleideten Lyzarie, die es gewohnt waren, dass sich ihnen niemand in den Weg stellte, zur Seite um nicht vom Drachen erschlagen zu werden.

Er würde es ihm gegenüber zwar nicht zugeben aber Rak'Zunaih war durchaus zufrieden mit Turmalon. Zeigte er den Priestern doch wo ihr Platz war den Rak'Zunaih für sie vorgesehen hatte.

„Rak'Zunaih, was fällt euch ein?“, brüllte einer der Priester und Rak'Zunaih zuckte innerlich zusammen als er die Stimme des Hohepriester erkannte. Augenblicklich stieg er vom Drachen und ging vor dem Oberhaupt seines Volkes mit gesenktem Haupt in die Knie.

„Verzeiht Tar'Aknaris! Er tat dies von sich aus. Ich versuchte ihn daran zu hindern, er verweigerte aber alle Kommandos“, log Rak'Zunaih und setzte nun alles darauf, dass die Priester wirklich versuchten den Drachen zu kontrollieren. Weil Tar'Aknaris darauf nichts erwiderte, riskierte Rak'Zunaih einen verstohlenen Blick auf ihn.

Aus dem Augenwinkel heraus konnte er erkennen, dass der Hohepriester eine der anderen ansah und diese ihm welcher ihm unmerklich zunickte. Ein arglistiges Lächeln huschte über seine Lippen und Rak'Zunaih hatte Gewissheit.

„Ihr wart lange fort!“, bemerkte Tar'Aknaris plötzlich wie ausgewechselt. „Ich befürchtete schon, einen Nachfolger für euch suchen zu müssen!“

„Ich wollte mich selbst davon überzeugen dass mein Vorhaben so umgesetzt wird, wie ich es geplant habe!“, erwiderte Rak'Zunaih unterwürfig.

„Ah ja. Euer großes Vorhaben mit dem ihr uns gleich zwei Ärgernisse auf einmal vom Hals schaffen wollt“, erinnerte sich der Hohepriester. „Zumindest eines davon habt ihr bereits beträchtlich dezimiert! Wie steht es denn um das andere?“

„Alles nimmt seinen vorhergesehenen lauf!“, antwortete Rak'Zunaih knapp.

„Das klingt sehr erfreulich“, lobte Tar'Aknaris schmeichlerisch. „Doch wird dies vermutlich gar nicht mehr nötig sein! Denn wie mir zu Ohren gekommen ist befindet sich der Wächter seit einigen Tagen in der Stadt!“

Irritiert schaute Rak'Zunaih zu dem Hohepriester auf und dann in den Himmel über sich. „Verzeiht, aber außer unseren vier, war kein anderer Drache zu sehen!“, rechtfertigte sich der Lyzarie. Wie jeder hier wusste er, dass der Wächter etwa alle zehn Jahre über der Stadt erschien um Al'Askahras Siegel zu erneuern, welches sie gefangen hielt.  Außerdem kündigte der Wächter seine Ankunft immer mit einem ohrenbetäubenden Brüllen an, sodass es schwer fiel nichts von seiner Anwesenheit mitzubekommen. Doch hatte er sich nun seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr blicken lassen, weswegen man vermutet hatte, dass auch dieser Drache endgültig das Zeitliche gesegnet hatte. Einige begannen mittlerweile sogar schon zu hoffen, dass dadurch das Siegel an Kraft verlieren Würde und Al'Askahra sich bald befreien könne.

Der Wächter ist seit einigen Tagen in der Stadt, überlegte Rak'Zunaih und warf einen verstohlenen Blick zu Turmalon. Der Lyzarie fragte sich, ob der Drache irgendwie an die Fähigkeiten des Wächters gekommen sei. Schließlich hätte er dafür ausreichend Zeit gehabt in den Wochen, in denen er ausgerissen war.

„Damit habt ihr Recht! Ich sagte aber auch nicht, dass er am Himmel zu sehen war, sondern, dass er irgendwo in der Stadt sein soll!“, wiederholte der Hohepriester. Allerdings sind ihm auch Rak'Zunaihs Blicke nicht entgangen und fuhr Herablassend fort: „Aber keine Angst, es ist keines eurer dummen Haustierchen hier. Ich dürft sie also behalten!“

„Ich bitte um Vergebung, aber ihr müsst euch irren…“„Du wagst es mein Wort und das von Al'Ashkahra in Frage zu stellen?“, brüllte Tar'Aknaris verärgert. Gleichzeitig erklang wieder der Chor an Stimmen und versuchte Rak'Zunaih einzureden, dem Priester das zu verraten was er zu wissen verlangte. „Seit du wieder hier bist spürt Sie die Anwesenheit des Wächters, die seither auch nicht wieder verschwunden ist!“

„Die vier hier anwesenden Drachen sind die einzigen von denen ich weiß“, beteuerte Rak'Zunaih, „Seid ihr euch sicher, dass es nicht doch ein von ihnen ist den ihr sucht?“

Tar'Aknaris warf abwertende blicke zu Turmalon und Kobala, die noch immer über ihnen in der Luft kreiste. Kurz lachte er hämisch auf und meinte: „Alles Kleingeister! Verdorben durch jene die sie reiten. Sie sind nur ein Schatten dessen was ich suche. Aber mir scheint, dass ich hier nur meine Zeit verschwende!“

Mit diesen Worten wandte er Rak'Zunaih den Rücken zu und wartete bis drei der anderen Priester vorangegangen waren. Ihnen folge er schließlich, mit den verbleibenden beiden hinter sich.

Entnervt atmete Rak'Zunaih tief durch, als die Priester im Eingang des Hortes verschwunden waren. Für ihn war es jedes Mal eine Gradwanderung sie glauben zu lassen, dass er ihnen das erzählte was sie wissen wollte, ohne ihnen gleichzeitig zu verraten was für ihn von nutzten war. Ein Vorteil für ihn war der Umstand, dass sie von ihrer Fähigkeit andere zu manipulieren viel zu überzeugt waren. Zumal sie ihm auf diese Weise gerne auch mal Informationen zu Teil ließen, die er noch nicht kannte.  Diese Mal hatte er jedoch nicht die geringste Ahnung.

„Dich einmal im Dreck winden zu sehen war es mir wert, seine abfälligen Bemerkungen stillschweigend hinzunehmen!“, spottete Turmalon amüsiert.

Da Rak'Zunaih gerade aber ganz andere Gedanken durch den Kopf gingen ignorierte er dies und fragte stattdessen: „Weißt du wovon er redete?“

Erstaunt musterte der Drache ihn wegen dieser Frage und meinte: „Nein, das weiß ich nicht! Und selbst wenn. Du erwartest doch nicht wirklich von mir, dass ich gerade dir so etwas anvertrauen würde.“

Da er tatsächlich nichts anderes von Turmalon erwartet hatte, ließ er dies unbeantwortet  und nahm stattdessen an, dass der Drache es wirklich nicht wusste.

Dann wechselte seine Aufmerksamkeit zu Ksatol, der auch endlich gelandet war und nun von Kobala abstieg.

„Glaub nicht, dass ich dir ein solches Verhalten durchgehen lasse! Du wirst schon noch sehen was dir das eingebracht hat“, brüllte Ksatol die Drachin lautstark an, welche daraufhin verängstigt von ihm zurückschreckte. Resignierend warf er ihr etwas hinterher, das sie nur noch weiter einschüchterte und wandte sich dann von ihr ab. „Verschwinde! Ich will die heute nicht mehr sehen!“

„Verzeiht Rak'Zunaih. Aber dieser einfältige Drache hat sich einreden lassen, nicht zu landen und reagierte deswegen auf keine meiner Befehle mehr.“

„Ich weiß!“, erwiderte Rak'Zunaih und wies auf Turmalon, „Bei ihm haben sie es auch versucht!“

Der Drache begann abfällig zu schnaufen und blicke Kobala mitleidig hinterher..

„Wollen sie die Drachen jetzt für sich selbst nutzen oder warum das Ganze?“, fragte Ksatol gereizt.

„Möglich!“, antwortete Rak'Zunaih nachdenklich.

„Dann werde ich den anderen bescheiden geben und dafür sorgen, dass es erst gar nicht dazu kommen kann!“, sicherte Ksatol zu.

„Mach was du für richtig hältst“, entgegnete Rak'Zunaih ihm desinteressiert. „Ich werde mich derweil ein wenig mit meinem Gast auseinandersetzen.“

„Du kannst Ischah vertrauen!“, wiederholte Rianna innerlich Turmalons Worte. Einerseits war sie froh darüber endlich wieder seine Stimme zu hören. Andererseits aber auch enttäuscht, dass dies das einzige war, was er ihr mitzuteilen hatte. Wieso erzählte er ihr nicht was dort draußen vor sich ging oder ob ihm schon etwas eingefallen war, wie sie beide von hier entkommen konnten. Letztlich kam Rianna aber zu dem Schluss, dass sie an Seiner Stelle wohl genauso gehandelt und nur das wichtigste mitgeteilt hätte. Es wäre wohl entmutigender zu hören, dass er keine Idee hatte, als nicht zu wissen dass es etwas gab. Dadurch kam sie wieder zu dem, was Turmalon zu ihr sagte.

Natürlich konnte er sie nicht selbst aus diesem Loch herausholen. Die Mauern wirkten dafür viel zu stabil als dass Turmalon sie einfach niederreißen konnte. Somit lag nun also ihre Hoffnung bei Ischah.

Das Quietschen der Eingangstür ließ Rianna wie immer zur Luke aufblicken. Sie hörte hastige schritte den Gang entlangeilen bis ein Lyzarie vor ihrer Zelle stehen blieb und davor in die Knie ging. Offensichtlich machte er sich an dem Schloss der Lucke zu schaffen und hatte es verblüffend schnell geöffnet.

Das Gesicht konnte Rianna von ihrem Platz aus zwar nicht erkennen, aber als anschließend das Seil herabfiel war sie davon überzeugt, dass es nur Ischah sein konnte die sie befreien wollte.

„Danke Ischah!“, rief sie ihrem Helfer entgegen und wollte sich auf dem Weg zum Seil machen.

Ihr vermeidlicher Helfer bückte sich abermals zu ihr herunter 

„Woher kennst du meine Tochter?“, fragte er überrascht und Rianna erkannte Rak'Zunaih stimme.

Geschockt blieb sie auf halbem Wege im Wasser stehen und ging sogar wieder einige Schritte zurück.

„Es wäre besser für dich, wenn ich nicht zu dir in diese Kloake steigen müsste!“, drohte er ihr scharf.  Wiederstrebend schüttelte Rianna ihren Kopf und entfernte sich noch weiter von dem Seil.

„Ich wiederhole mich nicht noch einmal!“

Der harsche Ton in Rak'Zunaih Wortwahl schüchterte Rianna so sehr ein, dass sie nun doch langsam auf ihn zukam. Das Seil hochzuklettern nahm ebenfalls sehr viel Zeit in Anspruch, weil sie noch immer nicht wieder bei Kräften war. Der Lyzarie griff nach ihrem linken Arm als sie in seine Reichweite kam, zog sie mühelos durch die Luke in den Gang hinein und ließ sie unsanft zu Boden fallen.

Verängstigt schaute sie zu ihm auf und kroch dabei von ihm weg, bis sie mit dem Rücken an die Wand am Ende des Ganges stieß.

Einschätzend beobachtete Rak'Zunaih das Mädchen eine Weile und sagte schließlich: „Ich habe gerade eben eine sehr interessante Neuigkeit erfahren! Meine ach so sehr verehrten Brüder und Schwestern der Priesterkaste sind auf der Suche nach dem Wächter von Al'Askahras Siegel, der am Tag unserer Ankunft ebenfalls hier eingetroffen sein soll. Allerdings handelt es sich dabei, laut der Überlieferung, eigentlich um einen Drachen!“

Weder verstand Rianna wovon er redete, noch wieso er ihr dies erzählte.

„Als ich das hörte, dachte ich zunächst an Turmalon. Denn ich muss zugeben, dass er zu weit mehr im Stande ist als seine anderen drei Artgenossen. Doch trotz dass die Priester ihm nicht viel zutrauen, muss ich ihnen letztlich recht geben. Er kann nicht der Wächter sein!“, fuhr Rak'Zunaih fort und näherte sich Rianna, bis er direkt vor ihr stand. Dann ging er in die Hocke. Dir rechte Hand fuhr unter ihr Kinn und zwang sie, beinahe schon behutsam, ihren Kopf in seine Richtung zu drehen damit er ihr direkt in die Augen sehen konnte. „Offensichtlich werde ich mich doch ein wenig früher mit dir befassen, als ich zunächst dachte.“

Als die Tür eine weiteres Mal geöffnet wurde löste Rianna sich aus Rak'Zunaihs Griff und blickte an ihm vorbei. Draußen vor dem Eingang erkannte sie eine Gruppe Lyzarie. Rianna erinnerte sich, eine ähnlich gekleidete Gruppe bereits gesehen zu haben, als sie auf dem Weg hier in diese Gefängnis war. Einer von ihnen betrat den Gang und wurde dabei von Yamis begleitet.

Rak'Zunaih schenkte ihnen keinerlei Beachtung und brüllte ihnen stattdessen etwas in ihrer Sprache  verärgert entgegen. Dies zeigte jedoch nur bei Yamis Wirkung. Er blieb abrupt stehen und seine Blicke wechselten verunsichert zwischen Rak'Zunaih und dem sich nähernden Lyzarie.

Yamis räusperte sich kurz und sagte: „Herr ihr solltet…“

„… besser noch einmal darüber nachdenken, was du sagst!“, meinte der weiß gekleidete Lyzarie gereizt und  fuhr erzürnt fort: „Außerdem solltest du einen guten Grund dafür haben, wieso du mir vorhin nichts von diesem Mädchen sagtest und ich erst durch deinen Lakai von ihr erfuhr!“

Genervt zischte etwas Unverständliches vor sich hin und verdrehte dabei seine Augen. Dann stand er rasch auf und wandte sich dem anderen Lyzarie mit gesenktem Haupt zu.

„Sie ist nur ein Menschenweib!“, erklärte er entschuldigend, „Sie ist nichts Besonderes, sondern hatte nur das Pesch mir über den Weg zu laufen.“

„Wenn das so ist, wirst du auch nichts dagegen haben, dass ich sie mitnehme. Dann wird sich schnell zeigen, ob sie wirklich so wertlos ist.“

Rak'Zunaih blickte über seine Schulter zurück zu Rianna und meinte gleichgültig: „Nein, selbstverständlich habe ich nichts dagegen!“

Zwei weitere Lyzarie betraten den Gang, kurz nach dem er dies sagte, und traten neben Rianna. Naserümpfend packten sie das Mädchen bei den Schultern, hoben sie auf die Beine und führten sie nach draußen.

Zwar konnten in der Zwischenzeit nur zwei oder drei Tage vergangen sein, so freute Rianna sich dennoch endlich wieder das Tageslicht sehen zu dürfen. Trotz dass sie davon, wenn auch nur kurz wegen des mit Wolken dicht behangenen Himmels, geblendet wurde. 

Sofort galt die Aufmerksamkeit aller umstehenden Lyzarie wieder ihr. Alle begafften sie Rianna, doch schien sich niemand zu wagen näher heranzutreten.

Während die Lyzarie vermutlich darauf warteten, dass sich ihre Gruppe wieder vervollständigte, überlegte Rianna, ob sich ihre Lage nun verbessert hatte. Denn viel schlimmer als in diesem Gefängnis dahinzuvegetieren konnte es kaum werden.

Ohne auch nur ein Wort miteinander gewechselt zu haben, setzte sich die Gruppe mit einem Mal in Bewegung, nachdem sie wieder komplett war.

Schon nach kurzer Zeit erreichten sie den Rand des Stadtviertels und gingen weiter auf das Zentrum der Stadt zu. Auf halbem Weg dorthin ließen die beiden Lyzarie Rianna wieder gehen und packten sie nicht wie bisher weiter an den Armen. Sie entfernten sich ein paar Schritt von dem Mädchen und führten ihren Weg hinter ihr fort.

Rianna überlegte nicht lange und nutzte sofort ihre Chance. So schnell ihre Beine sie trugen lief sie in den lichten Wald, der an die Straße grenzte.

Hastig warf sie einen Blick zurück und musste irritiert feststellen, dass die Lyzarie keinerlei Anstalten zeigten, ihr zu folgen.

Um zu ergründen was sie vorhatten, verlangsamte Rianna ihren Schritt wieder und drehte sich zu ihnen um. Entfernte sich aber weiterhin von der Gruppe und blieb dabei auf der Hut.

«Komm zurück zu uns!» hallte es nun mehrfach mit verschiedenen Stimmen in Riannas Kopf.

Davon überrumpelt kam sie ins straucheln, stolperte über eine Baumwurzel die aus dem Waldboden ragte und fiel rücklinks ins Laub.

„Nein das werde ich mit Sicherheit nicht!“, protestierte Rianna kopfschüttelnd. Umgehend stand sie wieder auf und rannte abermals los, ohne weiter auf die Lyzarie zu achten oder sich Gedanken darüber gemacht zu haben, wohin sie sollte. Dazu wäre genügend Zeit, sobald sie weit weg und in Sicherheit vor den Lyzarie war.

Riannas Flucht drohte jedoch ein jähes Ende zu nehmen, als wie aus dem Nichts vor ihr ein Lyzarie erschien mit dem sie beinahe zusammenstieß.

Augenscheinlich gehörte er nicht zu denen, die sie hierhergeführt hatten. Er trug nicht die prunkvollen Roben der anderen, sondern eine Montur in der er sich agil bewegen konnte ihm aber dennoch einen ausreichenden Schutz bot. Zu dem führte er einen Bogen mit sich, sodass Rianna davon ausging, dass er hier auf der Jagt gewesen sein musste bevor sie sich begegneten.

Rasch wollte sie in eine andere Richtung weiterlaufen, doch konnte der Lyzarie sie Problemlos packen und rang sie auf den Boden nieder.

„Nein las mich los!“, schrie Rianna und wehrte sich mit aller Kraft. Mit Tritten und Schlägen versuchte sie ihren Gegner von sich fernzuhalten um wieder aufstehen zu können. Doch kümmerte ihn dies nur wenig. Mit einer gekonnten Bewegung drehte er sie so, dass sie auf ihrem Bauch lag.

Aus dieser Position heraus konnte Rianna, bis auf einige unbeholfene Tritte die ins Leere gingen, kaum noch nennenswerten Wiederstand leisten.

„Bitte las mich gehen!“, flehte sie nun verzweifelt, bekam aber nur eine zischende Antwort welche sie nicht verstand. Dann verdrehte er Rianna schmerzhaft die Arme auf den Rücken und fesselte sie mit einem Seil zusammen.

Chancenlos ließ Rianna auch den letzten Rest ihrer Gegenwehr fallen und ergab sich schluchzend ihrem Schicksal. Der Lyzarie zerrte sie wieder hoch und zog sie hinter sich her zurück zur Straße.

Von den Priestern schien sich keiner auch nur einen Schritt bewegt zu haben, seit Rianna ihnen entflohen war. Doch als sie wieder bei ihnen stand feixten sie alle an, gleich so als hätten sie gewusst was geschehen würde.

Der Jäger und der offensichtliche Anführer der Gruppe wechselten einige Worte mit einander bis er anschließend wieder im Wald verschwand.

„Komm! Al'Askahra wird sehr erfreut sein dich zu sehen!“, meinte der Hohepriester und führte seinen Weg fort ohne Rianna weiter zu beachten.