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Ungeduldig wartete Turmalon und starrte auf das Tor, in dem jeden Moment Rianna erscheinen sollte. Sobald es sich öffnete würde es losgehen. Denn es war der einzige Moment, an dem er dieses massive Hindernis, ohne viel Kraft aufwenden zu müssen, überwinden konnte. Wobei fraglich war, ob es ihm überhaupt gelingen würde, das Tor mit bloßer Kraft zu öffnen.

Wie aufs Stichwort schwangen die beiden Flügel auf. Und wie erwartet, erschienen dahinter Rianna in Begleitung zweier Lyzarie.

«Aus dem Weg!», warnte er Rianna und spurtete, ohne viel Zeit zu verlieren, durch das Tor auf die beiden Wachen zu. Mit je einem gezielten Schlag seiner Vorderpranken, räumte er die beiden, scheinbar völlig überrumpelten Lyzarie, problemlos aus dem Weg. Da sie sich nicht mehr rührten, schenkte Turmalon ihnen keine weitere Beachtung. Er legte sich vor Rianna nieder, die sich in einer Ecke in Sicherheit gebracht hatte, damit sie auf seinen Rücken steigen konnte.

«Los beeil dich!», mahnte der Drache Rianna, da sie sich nicht regte und offenbar ziemlich überrascht von der Aktion war. Dann aber nickte sie Kurz und kam endlich seiner Bitte nach. Als sie im Sattel saß, den Turmalon seit er hier hergekommen war nicht abgenommen hatte, spurtete er die Treppe hinauf. Doch kaum hatte er die ersten Stufen überwunden, trafen sie auf die nächsten Lyzarie. Aber auch sie stellten keine ernstzunehmende Gefahr dar.

Immer weiter erklomm er die gewundene Treppe.

Nach einer Weile wurde er allerdings immer langsamer und wunderte sich darüber, wie viele Stufen er bereits hinter sich gebracht haben musste ohne das Ende zu erreichen. Als er sie vor einigen Tagen hinabstieg, kam sie ihm bedeutend kürzer vor.

Nach dem er noch einige Schritte gemacht hatte, blieb er schließlich stehen. Er reckte seinen Hals und versuchte um die Kurve zu sehen, entdeckte aber nur noch mehr Stufen.

„Was ist los?“, fragte Rianna ungeduldig, „Worauf warten wir?“

Der Drache wandte seinen Kopf zu ihr und wollte ihr mitteilen, das Gefühl zu haben, dass etwas nicht stimmte. Doch als er nach hinten blickte stellte er entsetzt fest, dass sie noch immer am Fuß der Treppe standen. Erschrocken sah er wieder vor sich. Diesmal aber erkannte er unweit vor sich das Ende der Stufen.

Verwirrt schüttelte Turmalon den Kopf und setzte einige bedächtige Schritte vorwärts. Zur Sicherheit blickte er nochmals zurück. Allerdings waren sie nun tatsächlich weiter gekommen.

„Hier stimmt etwas ganz und gar nicht!“, knurrte er leise und führte seinen Weg fort. Als er Schließlich das Ende der Treppe erreichte, sah er sich mit dem nächsten Problem konfrontiert. Er war sich sicher, dass er dort links in einen Gang gehen und diesem bis zum Ende folgen musste um zum Ausgang zu gelangen. Doch dort wo dieser Gang sein sollte war eine Mauer. Mit der zur Faust geballten Pranke schlug er gegen die Wand, die ihm den Weg versperrte, um zu prüfen ob es nicht vielleicht eine Täuschung war. Doch zu seinem Verdruss war sie so massiv wie der Boden auf dem er lief.

Die vor ihm liegende, weiter nach oben führende Treppe ignorierte Turmalon und wandte sich nach rechts in einen Gang. Jedoch nicht ohne nochmals zurückzusehen ob die Wand noch immer dort war.

Frustriert führte er seinen Weg fort.

„Ein Labyrinth?“, fragte Turmalon, nachdem er nun bereits die dritte Weggabelung hinter sich gebracht hatte, war sich aber uneinig ob er sich noch darüber wundern sollte. Er ignorierte die hinaufführende Treppe und blieb auf der Ebene auf der er war. Er war sich sicher hier richtig zu sein, andererseits musste er an diesem Tag schon mehrfach feststellen dass er sich darauf nicht verlassen konnte.

Als er um eine weiter Abzweigung bog, tauchten vor ihm wieder eine kleine Truppe Lyzarie auf, unter denen sich diesmal auch Tar’Aknaris.

„Ihr werdet niemals von hier entkommen!“, verkündete er lachend und stellte sich, zusammen mit den anderen Lyzarie, dem Drachen in den Weg.

Da sie jedoch keine erkennbaren Waffen bei sich trugen, preschte Turmalon einfach durch sie hindurch und verschwand hinter der nächsten Ecke. Doch tauchte dort der Anführer der Lyzarie  abermals vor ihm auf.

„Das war aber nicht das wovor Rak’Zunaih mich gewarnt hatte!“, dachte Turmalon verärgert. Hatte aber er auch nichts anderes erwartet, als das dieser Lyzarie ihn wieder einmal hinters Licht führen wollte. Um ihm allerdings in aller Deutlichkeit klar machen zu können, dass er dies nicht mehr mit sich machen ließe, musste er gleichwohl diesem Irrsinn erst einmal entkommen, oder ihn besser noch gleich ganz beenden. Und er hoffte die Ursache dafür direkt vor sich stehen zu sehen.

Da die Lyzarie abermals nur regungslos vor ihm standen, brauchte Turmalon nur mit seiner Pranke auszuholen und verpasste Tar‘Aknaris einen so heftigen Schlag, dass dieser mehrere Schritt durch die Luft und schließlich unsanft auf dem Boden aufschlug, wo er leblos liegen blieb.

Daraufhin bebte für einen kurzen Moment die Erde, was die noch immer regungslosen Lyzarie ins Schwanken brachte.

Ein weiterer Stoß erschütterte das Gemäuer und überall hörte man Staub zu Boden rieseln.

Es folgten immer heftigere Erschütterungen, die in immer kürzeren Abständen auftraten.

Bald darauf lösten sich erste Steine aus den Wänden und der Decke und fielen krachend in die Gänge.

„Raus hier!“, war der einzige Gedanke, den Turmalon jetzt noch fassen konnte. „Egal wie. Alles ist besser als hier zu bleiben!“

Augenblicklich stürmte er an den wankenden Lyzarie vorbei und suchte sich seinen Weg durch die Gänge.

An einer bereits halb eingestürzten Wand blieb er schließlich stehen. Ein Lichtschein, der durch die, wegen der fehlenden Steine, entstandenen Lücken schien, hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Dahinter konnte er eindeutig ins freie sehen.

Mit ganzem Körpereinsatz stemmte sich Turmalon gegen die Wand und brachte sie so endgültig zum Einsturz. Ohne zu zögern rannte er durch den nun freigelegten Durchgang in Richtung Freiheit.

Es kümmerte ihn nicht, dass er dabei von einigen herabfallenden Steinbrocken getroffen wurde. Einzig um Rianna machte er sich sorgen, da sie eher von den Trümmern verletzt werden konnte. Zwar spürte er noch ihr Gewicht auf dem Rücken. Da sie aber schon seit einer Weile schwieg, befürchtete er, dass etwas passiert sei. Aber selbst wenn dies der Fall war, war es nun wichtiger zu entkommen. Um eventuelle Verletzungen konnten sie sich auch hinterher noch kümmern.

Endlich durchquerten Turmalon das Tor, das sie Beide in Freiheit bringen sollte. Doch blickte er nun wie Versteinert auf ein Heer von Lyzarie, das sich unter ihm, auf dem Platz vor dem Tempel, versammelt hatte. Soweit das Auge reichte, drängten sie sich dicht aneinander und sahen alle in Richtung der Beiden.

Schnell löste Turmalon sich wieder aus der Starre, die dieser Anblick verursacht hatte und entfaltete seine Flügel. Es war ein Gefühl der Wohltat, sie nach all den Tagen wieder nutzen zu können.

Mit einem kurzen Anlauf und dem Sprung vom Absatz der Treppe erhob sich der der Drache über die Köpfe der Lyzarie hinweg in die Luft. Doch schien sie dies gar nicht zu interessieren. Wie in Trance starrten sie weiterhin in Richtung des Einstürzenden Gebäudes.

Als Turmalon genügend Abstand zwischen sich und dem Tempel gebracht hatte, wagte er es seine Neugierde zu stillen und um zu erfahren was dort vor sich ging.

Die große Dachkuppel des Gebäudes war im Begriff einzustürzen und alles unter sich zu begraben.

Begleitet von einem markerschütternden Schrei, brach plötzlich ein Teil der Kuppel explosionsartig auf und flog in alle Richtungen davon. Dabei wurden einige der Lyzarie von den Trümmern getroffen und erschlagen. Doch starrten die Umstehenden Lyzarie ohne Anteilnahme weiterhin regungslos auf das Geschehnis.

Bald darauf erschien etwas in dem entstandenen Loch etwas, dass große Ähnlichkeiten mit dem Dämon auf den Relief hatte. Nur war dieser bei weitem Größer, als man von den Bilder her erwartet hätte. Und Während das Ungetüm sich aus den Ruinen seines ehemaligen Gefängnisses befreite, wunderte Turmalon sich, wie es überhaupt dort reinpasste, da es bedeutend größer als der ehemalige Tempel war.

Dann fixierte der Dämon Turmalon, der sich, wie er fand, zum Glück in gebührendem Abstand und in einer Höhe aufhielt, wo man ihn nicht so leicht erreichte. Doch wie als hätte der Dämon die Gedanken Turmalons gelesen, breitete er nun ebenfalls ein paar Flügel aus, die denen eines Drachens nicht unähnlich waren. Allerdings wiesen sie bereits eine Vielzahl an Kampfspuren auf. Teilweise zerfetzt und eingerissen oder mit Löchern durchsetzt Wagte Turmalon zu bezweifeln, dass diese Schwingen überhaupt noch zum Fliegen zu gebrauchen waren.

Der Dämon schien jedoch anderer Meinung zu sein. Mit dem unverkennbaren Geräusch, begann er mit seinen Flügeln zu schlagen und gewann bereits kurze Zeit später an Höhe.

Erst jetzt begriff der Drache, dass er das Ziel des Dämons war.

Mit einer hastigen Bewegung wandte Turmalon sich ab und ließ sich mit halb angelegten Flügeln zu Boden fallen um rasch Geschwindigkeit aufzunehmen.

Eine Sorge weniger hatte er, als er spürte wie Rianna sich an seinen Hals klammerte um einen besseren Halt zu haben und dem Wind weniger stark ausgeliefert zu sein. Zwar wusste er immer noch nicht ob sie unverletzt war, aber immerhin war sie so weit in Ordnung, dass sie mitbekam was um sie herum geschah.

Kurz vor dem Boden breitete Turmalon seine Flügel wieder aus und schoss über die Köpfe der Lyzarie hinweg. Er steckte all seine Kraft in die Schläge seiner Schwingen und versuchte so viel abstand wie möglich zu dem Dämon zu gewinnen. Der Drache baute darauf, dass er wesentlich schneller, als dieses riesige Ungetüm war und ihm leicht entkommen konnte. Daher wagte er auch einen Blick hinter sich, stellte jedoch fest, dass sein Verfolger bereits aufholte.

Mit einem plötzlichen Richtungswechsel hoffte Turmalon wenigstens Agiler als der Dämon zu sein und auf diese Weise entkommen zu können. Doch ein weiterer Blick hinter sich verriet ihm, dass dem nicht so war oder wenn nur sehr wenig gebracht hatte, da der Abstand noch immer nahezu derselbe war.

Mangels anderer Ideen vollführte Turmalon einige weitere Richtungswechsel um den Dämon abzuschütteln. Vielleicht würde er aber auch irgendwann das Interesse verlieren, wenn er nichtmehr mithalten könne. (*)

Erschrocken sah Turmalon abermals zurück, als er Rianna plötzlich um Hilfe schreien hörte. Entsetzt stellte er fest, dass der Dämon es irgendwie geschafft hatte sie zu packen, obwohl sie sich eng an den Drachen geschmiegt hatte.

Ein kräftiger Ruck, den Turmalon ins Trudeln brachte, und die Lederriemen, die Rianna eigentlich im Sattel halten sollten, rissen, begleitet von weiteren schmerzerfüllten Hilfeschreien.

Als der Dämon Rianna in seinen Klauen hielt, gab er die Verfolgung auf und verweilte, seine Beute betrachtend, an Ort und Stelle.

„Nein!“, brüllte Turmalon wütend und flog fast senkrecht nach oben. Als der aus der Geschwindigkeit resultierende Schwung nachließ und die Schwerkraft wieder einsetzte, wendete der Drache und schoss auf den Dämon zu. Erst kurz bevor er diesen erreichte, breitete er seine Flügel aus, die nun Schmerzhaft an ihm zerrten, um nicht Frontal mit dem Ungetüm zusammenzustoßen. Stattdessen bohrten sich seine krallenbewehren Pranken in die Hand des Dämons, in welche er das Mädchen hielt und riss dort tiefe Wunden hinein. Dann biss Turmalon sich in das Handgelenk fest um Rianna aus der Umklammerung zu befreien.

Doch schien nichts was der Drache tat dem Dämon irgendwas auszumachen. Er verzog nicht einmal eine Miene sondern schlug einfach mit der freien Hand nach Turmalon. Erst im letzten Moment stieß der Drache sich ab. Ein weiteres Mal holte Turmalon weit aus und Attackierte denselben Arm. Wieder hinterließ er tiefe Wunden im Fleisch des Ungetüms und musste einsehen, dass er Rianna so nicht befreien konnte. Langsam kletterte er den Körper hinauf und versuchte, unter der halbherzigen Gegenwehr des Dämons, wie als würde dieser lediglich versuchen eine lästige Mücke zu verscheuchen, dessen Kopf zu erreichen.

Als Turmalon schließlich am Nacken angelangte, biss er mit aller Kraft dort hinein. Doch war die einzige Reaktion darauf ein tiefes, voller Verachtung klingendes lachen.

Plötzlich wurde Turmalon, ohne dass er es hatte kommen sehen, gepackt und davon geschleudert. Der Drache entfaltete abermals seine Flügel und nutzte den Schwung um erneut anzugreifen. Bevor es jedoch dazu kommen konnte traf der Dämon ihn mit einem kräftigen Schlag, den Turmalon geradewegs zu Boden beförderte. Er hatte keine Chance diesen Sturz irgendwie abzufangen. Hilflos schlug er auf dem Boden auf und brach zusammen…

 

„Ich hätte nicht gedacht, das Kaz’Mordan so viel größer als Kaz’Maerun ist!“, gab er beeindruckt zu, als er vom Rand einer Plattform, die von einer riesigen Zwergenstatur getragen wurde, auf die Stadt unter sich schaute. „Wie sollen wir das Mädchen den hier finden? Auch wenn sie unter all den Lyzarie mit Sicherheit aufgefallen ist, können wir wohl kaum an jede Haustür klopfen und nach ihr fragen!“

„Du hast natürlich Recht!“, stimmte Nyrn zu, der neben dem Zwerg stand. „Allerdings hatte ich vor, zuerst nach Turmalon zu suchen. Hier in der Stadt gibt es nur eine Handvoll Orte, an denen man einen Drachen unterbringen kann. Ich nehme sogar an, dass die Lyzarie der Einfachheit halber ihn in eines der anderen drei Nester untergebracht haben. Ich nehme an das er weiß wo sie ist. Außerdem wird er mit Sicherheit dazu bereit sein uns zu helfen.“

„Gute Idee! Dann wären wir sogar zu viert und nicht mehr ganz so hoffnungslos unterlegen!“, scherzte Gramil und begann zu lachen.

„Ja ich weiß. Das ist auch meine größte Sorge!“, stimmte Nyrn seufzend zu. „Aber vielleicht haben wir Glück und sie wird an einem Ort gefangen gehalten, der es uns leicht macht sie zu befreien.“

„Gut, worauf warten wir dann?“, drängte der Zwerg zur Tat und eilte zu seinem Greifen, der am Eingang zu Nyrns ehemaligem Nest stand.

„Nein, du wartest hier!“, wiedersprach Nyrn. Gramil blieb auf der Stelle stehen und wandte sich überrascht zu ihm. „Ihr beide würdet zu sehr auffallen und wir wollen die Lyzarie doch nicht vorwarnen, dass wir da sind. Hier im Nest seid ihr Sicher! Ich hatte damals, als die Lyzarie in die Stadt einfielen, den Zugang verschüttet um einige deiner Vorfahren hier oben in Sicherheit bringen zu können. Wie es aussieht, haben die Lyzarie sich nicht die Mühe gemacht den Weg wieder frei zu Räumen.“

„Also gut. Ich bleibe hier!“, lenkte Gramil ein und setzte sich grummelnd an Ort und Stelle mit verschränkten Armen zu Boden. „Aber lass dir nicht zu viel Zeit! Sonst werde ich dir Folgen!“

„Es sollte nicht lange dauern. Spätestens am Mittag werde ich wieder zurück sein“, versicherte Nyrn und ließ sich plötzlich von der Kante der Plattform fallen.

Schnaufend blickte Gramil ihm hinterher und meinte lediglich „Das erschreckt keinen mehr!“ Dann sah er, wie erwartet, einen Vogel davon fliegen, der unverkennbar nur Nyrn sein konnte.

„Das war ja sehr unauffällig!“, brummte der Zwerg und verdrehte die Augen.

Mit den ersten Sonnenstrahlen im Rücken, die nun endlich ihren Weg über die Gebirgskette gefunden hatten, ließ Nyrn bereits den ersten Stadtteil hinter sich. Er hatte ohnehin nicht erwartet den schwarzen Drachen hier zu finden. Daher war sein nächstes Ziel das Nest im Süden von Kaz‘Mordan.

 

Blinzelnd schlug Turmalon die Augen auf. Er brauchte einen Moment bis er erkannte, dass das Licht welches ihn blendete von Al‘Askahra stammte, die unmittelbar vor ihm schwebte und ihn zu beobachten schien.

„Ich bitte um Verzeihung sollte ich dich geweckt haben. Das war nicht meine Absicht!“, entschuldigte sich die Gestalt und nahm etwas Abstand zu dem Drachen, der erleichtert feststellte, dass alles wohl nur eine Traum war. „Es ist lange her, dass ich zuletzt einen Drachen gesehen habe!“

„Du meinst seit sie dich hier eingesperrt haben?“, erwiderte Turmalon müde und wurde sich erst hinterher darüber bewusst, was er gerade gesagt hatte.

Al‘Askahra schwieg eine Weile wegen dieses Vorwurfs. Auch konnte Turmalon ihre Reaktion darauf nicht lesen, da er keinerlei Mimik in ihrer Gestallt erkannte.

„Vielleicht sollte ich jetzt empört sein und diese Behauptung von mir weisen“, meinte sie Schließlich gelassen, „aber wem soll ich etwas vormachen. Schließlich ist die ganze Geschichte, wie es zu meiner Gefangenschaft kam hier, überall an den Wänden zu sehen. Ich nehme an, dass du die Zeit gestern genutzt hast um auch Rianna darüber aufzuklären.“

„Natürlich habe ich das!“, bestätigte Turmalon knurrend. Er hatte sich in der Zwischenzeit aufgerichtet und stand Al‘Askahra drohend gegenüber. „Und nach all dem was du uns Drachen angetan hast, hast du dieses Schicksal auch mehr als verdient!“

„Sagte der Gejagte zum Jäger!“, lachte sie amüsiert, „ich wette jede Ziege, jeder Hirsch und jedes Reh das du zum stillen deines Hungers bisher erlegt hast, würde genau das gleiche zu dir sagen! Aber im Gegensatz zu deiner Beute, hatte meine immerhin die Chance sich zu Wehr zu setzen!“

„Eben genau weil dem so war, sitzt du nun hier fest!“, erinnerte Turmalon spöttisch, „und ich sehe keinen Grund wieso man etwas daran ändern sollte!“

„Ich habe Rianna mein Wort gegeben, auch wenn dir das vielleicht nicht viel bedeuten mag, euch beide gehen zu lassen wenn sie mir hilft“, erwiderte Al‘Askahra worauf Turmalon abfällig schnaubte und so die Vermutung des Dämon bestätigte. „Und ich kann behaupten bisher immer mein Wort gehalten zu haben. Auch wenn es mal mehr mal weniger lang dauerte bis ich es erfüllen konnte. Vielleicht gibt es aber auch ein Versprechen, das ich dir abnehmen kann, um mir deine Hilfe zu zusichern?“

„Ja, das gibt es!“, stimmte Turmalon sofort zu, ohne jedoch ernsthaft in Betracht zu ziehen seinen Teil der Bedingung einzuhalten, „Du wirst ab sofort alle Drachen in Ruhe lassen!“

Augenblicklich begann Al‘Askahra los zu lachen und meinte Schließlich: „Ich stimme zu! Es wäre zwar eine Herausforderung gewesen, aufgrund eurer geringen Zahl auch noch den letzten ausfindig zu machen, aber wenn dies deine Bitte ist, soll es eben so sein. Es würde nicht einmal gegen ein anderes Versprechen stoßen welches ich vor langer Zeit einmal gegeben habe. Allerdings bedeutet es einen kleinen Umweg!“

Turmalon war gleichermaßen überrascht wie entsetzt über diese Aussage. Aber auch, dass sie so schnell zugestimmt hatte. Denn ihr sollte doch klar sein, dass dies nicht unbedingt für sie sprach. Andererseits machte es ihn auch stutzig, da er befürchtete nicht gründlich genug über eine Bitte nachgedacht zu haben. Daher wollte er noch etwas hinzufügen: „Außerdem…“

„Einen Moment!“, unterbrach Al‘Askahra ihn jedoch sofort. „Ich habe deiner Forderung bereits zugestimmt! Sollte dir erst jetzt eingefallen sein, dass du noch etwas vergessen hast ist das dein Problem! Außerdem kennst du noch gar nicht meine Bedingungen, die ich dafür von dir erwarte. Ich möchte nämlich das du Rianna und mich nicht mehr Störst wenn wir ihren Geist erkunden!“

Mit Sicherheit würde Turmalon nicht noch einmal zulassen, dass sie dies mit Rianna anstellte. Zumal er ohnehin gleich mit ihr von hier verschwinden würde.

„Ich deute dein Schweigen als stille Zustimmung!“, meinte Al‘Askahra zufrieden. „Keine Angst, ich werde so wie bisher behutsam mit ihr umgehen. Es gibt keinen Grund zur Eile. Dessen solltet ihr euch vielleicht klar werden. Denn je mehr ich mich beeilen soll, desto gefährlicher könnte es für sie werden. Wenn ihr jedoch darauf besteht kann ich es auch für euch beschleunigen!“

Auch hierauf gab Turmalon keine Antwort. Für was auch? Sobald sich das Tor öffnete, würde er für immer von hier verschwinden.

„Ich werde dich nun wieder alleine lassen“, versprach Al‘Askahra, „Es wird noch etwas dauern bis Rianna zu uns kommt. Bis dahin kannst du ja noch einmal versuchen in deinen Träumen gegen mich zu bestehen. Vielleicht gelingt es dir ja dieses Mal.“

Erneut lachte sie spöttisch und löste sich anschließend, wie immer in Luft auf.

Nichts dergleichen von dem was sie vorgeschlagen hatte gedachte Turmalon in die Tat umzusetzen. Stattdessen wartete er geduldig.

 

„Hier, zieht das hier an!“, bat Sirah und reichte Rianna ein Sauberes Gewand.

„Vielen Dank“, zeigte Rianna sich erkenntlich und hängte das Kleidungsstück, welches sie bisher getragen hatte, zurück über die Lehne des Stuhls. Einige Momente später klopfte es an der Tür und wie an jedem Morgen trat Tar‘Aknaris ein um Rianna zu Al‘Askahra zu geleiten.

„Guten Morgen“, grüßte sie den Lyzarie. Doch anders als sonst wenn sie dies tat, bedachte er sie diesmal nicht mit einem geringschätzenden grummeln, sondern antwortete, schon fast amüsiert: „Wir werden sehen ob dieser Morgen gut wird!“

Rianna beachtete die Bemerkung nicht weiter sondern tat sie als weiteren Ausdruck seiner Verachtung ihr gegenüber ab. Während er bei ihrer ersten Begegnung noch sehr freundlich ihr gegenüber wirkte, änderte sich dies von Tag zu Tag immer mehr ins Gegenteil. Sie glaubte es lag daran, dass sie Al‘Askahra nicht schnell genug das gab, was sie von ihr verlangte. Vielleicht aber auch, weil sie keine von ihnen war. Denn von den anderen Lyzarie erfuhr Rianna eine ähnliche Behandlung, wenn sie versuchte mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Lediglich Sirah war ihr gegenüber immer freundlich. Oder aber sie konnte sich gut verstellen.

„Los jetzt!“, zischte Tar‘Aknaris und drängte zur Eile, nachdem Rianna das Gewand übergezogen hatte. „Du hast Al‘Askahra schon lange genug warten lassen!“

Damit widersprach er zwar dem was sie selbst zu ihr sagte, bestärkte sie aber in ihrem Verdacht. Sie behielt dies allerdings lieber für sich. Stattdessen schritt sie kommentarlos durch die Tür und schloss sich Tar‘Aknaris und der stets anwesenden Wache an.

Bevor sie losgingen wechselte er aber noch ein paar Worte mit Sirah in ihrer Sprache. Diese sah ihn schon beinahe geschockt an nickte dann aber ergeben mit dem Kopf und sah dann nachdenklich zu Boden.

„Wo hin gehen wir?“, wollte Rianna wissen, als die Lyzarie einen anderen Weg als sonst einschlugen.

„Dort, wo wir immer hin gehen!“, erwiderte Tar‘Aknaris amüsiert, wollte aber offenbar nicht mehr verraten.

Sie gingen eine zur Außenseite des Tempels offene Galerie entlang, von der aus Rianna die sie umgebende Stadt beobachten konnte. Da es aber noch früh am Morgen war, war nur wenig von dem Treiben zu sehen, welches bei ihrer Ankunft hier herrschte.

Nachdem sie das Gebäude etwa halb umrundet hatten, folgten sie einem Gang der dem, den sie jeden Tag nahmen bis auf den letzten Stein zum Verwechseln ähnlich sah. Schließlich fanden sie sich, wie auch die letzten Tage, wieder am Ende einer Treppe vor einem steinernen Tor, das sie zu Al‘Askahra führen sollte. Der einzige Unterschied dagegen war dieses Mal, dass sich das Tor nicht umgehend öffnete.

 

Wie angekündigt dauerte es eine ganze Weile bis sich das Tor endlich öffnete und Rianna zusammen mit zwei Lyzarie darin erschienen.

„Jetzt oder nie!“, dachte sich der Drache und Spurtete los.

«Aus dem Weg!», warnte er Rianna, die nun wie im Traum zuvor in die Ecke des Ganges flüchtete. Auch die beiden Wachen waren kein großes Hindernis. Mit je einem Schlag seiner Pranke und ohne große Gegenwehr gingen beide zu Boden.

«Los, steige auf meinen Rücken!», wies er diesmal bereits im Voraus an, während er sich vor Rianna niederlegte um keine Zeit zu verschwenden. Im gleichen Moment schloss sich das Tor wieder. Was nun allerdings keinen Unterschied mehr machte, da Turmalon bereits hindurchgetreten war.

 «Was ist, worauf wartest du?», fragte der Drache ungeduldig, da Rianna noch immer nicht aufgestiegen war. Langsam stieg in ihm die Sorge auf, dass diese Flucht wie im Traum zuvor ablaufen würde.

Doch als er sich Rianna zuwandte, hoffte es wäre nur ein Traum gewesen.

Denn statt dem Menschenmädchen hockte eine Lyzarie in der Ecke und sah den Drachen eingeschüchtert an. Sie trug die gleiche Kleidung wie auch Rianna sie die letzten Tage an hatte. Zu dem er auch eindeutig ihren Geruch an der Lyzarie wahrnahm.

Ein wuterfülltes Brüllen entfuhr Turmalon wodurch die Lyzarie sich nur noch verängstigter zusammenkauerte. Mit aller Kraft schlug er auf das Tor ein und stemmte sich mit seinem gesamten Gewichte dagegen. Doch bis auf die Spuren seiner Krallen, die sich auf dem Stein abwetzten, waren keine Beschädigungen am Tor zu erkennbar.

„Du wolltest uns doch nicht mehr stören!“, meinte Al‘Askahra plötzlich, als sie neben Turmalon am Tor erschien. „Wenn du gehen möchtest dann bitte. Es wird dich niemand aufhalten. Aber veranstalte hier nicht so einen Radau. Du wirst das Tor ohnehin nicht auf diese Weise öffnen können. Spar dir also die Mühe.“

„Du hast mich hereingelegt!“, knurrte Turmalon wütend und griff die Gestalt an. Jedoch hatte dies wieder keinen Effekt und er glitt einfach durch sie hindurch.

„Ich habe dich nicht hereingelegt!“, widersprach sie und erschien wieder vor dem Drachen. „Außer natürlich du glaubst ich hätte euch tatsächlich so einfach gehen lassen wie du dir das vorgestellt hast.“

Frustriert schlug Turmalon ein weiteres Mal nach ihr, nur dass sie dieses Mal nicht wieder auftauchte.

Wütend blickte der Drache zu der Lyzarie, die noch immer schluchzend in der Ecke kauerte und ihn nun nahezu panisch anstarrte. Doch bevor er sich an ihr abreagierte, kam ihm eine Idee und ließ sie in Frieden.

Eilig stürmte er die Treppe hinauf und genau wie er es in Erinnerung hatte, befand sich an dessen Ende links der Gang der zum Ausgang führte. Auf dem Weg dorthin stieß er noch einige Lyzarie bei Seite, die glaubten ihn mit seinen Gedankenspielchen aufhalten zu können.

Draußen angekommen machte er einen kräftigen Satz von der Treppenkante und erhob sich in die Luft. Nur um anschließend auf dem Kuppeldach des Tempels zu landen. Dort begab er sich an die Höchste stelle und begann darauf einzuschlagen. Wie jedoch zuvor an dem Tor tat sich auch hier nichts, dass auf einen baldigen Erfolg schließen sollte.

Dadurch noch frustrierter und voller Wut gab er ein weiteres Brüllen von sich, das in der gesamten Stadt zu hören sein musste. Aber stachelte ihn das auch gleichzeitig an und so verstärkte er seine Anstrengungen, irgendwie durch die Mauern zu kommen.

 

Nyrn flog den letzten Ort an, an dem er Turmalon vermutete. Ein wenig verblüfft nahm er den fehlenden Kopf der Zwergenstatur zu Kenntnis, die in diesem Teil die Plattform trug und flog geradewegs durch den Eingang ins Innere der Höhle. Was er jedoch darin entdeckte, hatte er nicht erwartet.

Fassungslos ließ er sich auf einem Holzbalken nieder, von der er alles beobachten konnte, und musterte die vor ihm liegenden Drachen. Offensichtlich war es den Lyzarie gelungen nicht nur einen, sondern gleich vier seiner Artgenossen in ihre Gewalt zu bringen. Wobei die älteste nicht einmal drei Jahre alt war.

Für Nyrn fügte sich plötzlich einiges zusammen. War er bei einem einzelnen Drachen noch von einem Zufall ausgegangen, war er sich nun sicher, dass die Lyzarie für das was vor gut einhundert Jahren geschehen war einen großen Teil der Mitschuld zu tragen hatten.

(*), grüßte Nyrn die drei anwesenden Drachen (*) «Mein Name ist Nyrn und ich bin auf der Suche nach einem Drachen Namens Turmalon und einem Menschenmädchen die ihn begleitet. Wisst ihr wo ich die Beiden finden kann?»

Eine blaue Drachin richtete sich daraufhin auf, blickte zu Nyrn empor und antwortete: «Er ist mit seinem Herrn vor einigen Tagen fort geflogen!» Sie schwieg einen Moment in dem sie zu überlegen schien und die anderen beiden Drachen ansah. «Das Mädchen welches du sucht haben wir jedoch nur einmal gesehen, als der Herr von einer langen Reise zurückkam. Wo sie nun sind wissen wir aber nicht!»

Nyrn lief ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter bei dem Gedanken, was die Lyzarie mit den Drachen angestellt haben, damit diese sie als ihre Herren ansahen.

«Ich danke dir dennoch», erwiderte Nyrn und überlegte wo er als nächstes suchen sollte.

«Bist du gekommen um ihm zu helfen?», erkundigte sich die Drachin.

«Helfen, bei was?», wollte Nyrn im Gegenzug wissen, weil er sich nicht sicher war was sie meinte.

«Den Herrn zu entkommen!», antwortete sie, «Er hatte es bereits viele male versucht und wir haben  für ihn gehofft das es ihm gelingt. Doch kam er jedes Mal wieder. Wir haben es lange aufgegeben. Aber er ist nicht wie wir. Er ist stark! Wir waren früher auch stark und wollten stark bleiben. Doch wir wurden dafür bestraft. Viele Schmerzen. Unerträgliche Schmerzen. Irgendwann ertrugen wir sie nichtmehr. Wir beugten uns und wurden schwach!»

«Was ist mit den beiden?», hakte Nyrn nach, da die anderen zwei Drachen bisher nichts sagten und wieder zu schlafen schienen. «Haben sie nicht vielleicht etwas gesehen?»

«Sie sind wie wir!», antwortete die Drachin, was Nyrn zunehmend verstörte. «Nein. Sie sind weniger! Sie reden nicht. Sie können nicht oder sie wollen nicht. Sie haben es nie getan! Sie gehorchen nur. Wir müssen auch gehorchen, sonst werden wir bestraft! Wir sind älter als sie und haben versucht sie zu beschützen, doch es ist uns nicht gelungen. Aber Ihn haben wir beschützt! Nein. Er hat uns geschützt! Wir mussten kämpfen. Er ist aber stärker als wir alle! Trotzdem gewannen wir. Wir wollten gewinnen!

Nein. Er ließ uns gewinnen. Dafür wurde er bestraft! …»

Das Knarzen einer sich öffnenden Holztür der Baracken, die man hier oben eingerichtet hatte, ließen die Drachin schlagartig verstummen. Ein Lyzarie trat hindurch und sah sich kurz im Nest um. Zwar lag sein Augenmerk für einen Moment eindeutig bei Nyrn, doch schien ihn die Anwesenheit des großen Falken nicht weiter zu stören. Denn er schritt unbekümmert den Steg entlang und verschwand hinter einer der anderen Türen.

«Du solltest jetzt besser gehen bevor sie uns erwischen!», schlug die Drachin vor. Dann war plötzlich ein lautes Brüllen zu hören, das nur von Turmalon stammen konnte. Dies rüttelte sogar die anderen beiden Drachen wach die sich nun verunsichert umsahen.

«Das war er!», bestätigte die Blaue Nyrns Vermutung. «Er hat Kummer! Den hatte er oft in den letzten Tagen bevor er ging …»

«Ich muss jetzt gehen!», beteuerte Nyrn und ließ sich von dem Balken gleiten. Es zerriss ihn beinahe innerlich, die Drei in diesem Zustand hier zurückzulassen. Doch war ihm Rianna im Moment wichtiger. Sobald er sie aber in Sicherheit wusste, würde er sich auch um die drei Drachen kümmern.

«Ihr seid nicht schwach!», sagte er schließlich zu allen Dreien und verschwand aus dem Nest.

Kaum war er draußen, konnte er bereits den Schwarzen Drachen in der Ferne erkennen. Es schien als versuchte er sich durch das Dach des Gebäudes zu graben, dass über Drakoras Gefängnis errichtet wurde. Dieser Eindruck bekräftigte sich auch als er näher kam. Jedoch hatte er keinen sichtbaren Erfolg damit.

«Wo ist Rianna?», verlangte Nyrn zu erfahren, während er sich dem noch immer tobenden Drachen näherte.

Turmalon hielt inne, als er die Stimme vernahm und versuchte er zu ergründen von wem oder woher sie kam. Den Falken nahm er allerdings erst wahr, als dieser vor ihm auf dem Dach landete.

«Du bist der alte Mann, dem wir im Wald in Riannas Heimat begegnet sind!», erkannte Turmalon überrascht fest und musterte den Falken eindringlich.

«Ja, das ist richtig!», bestätigte Nyrn, «Doch muss ich wissen, wo sich Rianna befindet!»

Turmalon antwortete jedoch nicht sondern starrte Nyrn stattdessen fragend an.

«Ich bin her gekommen um zu helfen!», beteuerte Nyrn schließlich, «Sie ist in Gefahr. Daher müssen wir sie so schnell wie möglich von diesem Ort weg bringen!»

«Sie ist hier drin!», antwortete Turmalon endlich und deutete auf das Gebäude unter sich. «Man hält sie unten, in einem großen, runden Raum fest. Aber die Tore dorthin sind verschlossen und ich komme nicht hinein!»

Einerseits war dies zwar eine gute Nachricht, da Nyrn keinerlei Probleme sah an Rianna heranzukommen und mit ihr sogar wieder zu verschwinden. Allerdings machte er sich Sorgen was Drakora bereits mit ihr angestellt haben könnte.

„Ist er das?“, fragte Gramil, der für Nyrn unerwartet, neben ihm mit seinem Greifen erschien.

«Ja!», antwortete er dem Zwerg, während Turmalon ihn misstrauisch anknurrte.

«Keine Angst, er will ebenfalls helfen!», versicherte Nyrn dem Drachen, der daraufhin Gramil genauer in Augenschein nahm und dann mit einem kurzen Nicken zu verstehen gab, dass er die Hilfe dankend annahm.

Nyrn musste nicht lange über einen Plan nachdenken. Er kannte das Gebäude, in dem sich Rianna befand, zu genüge und wusste auch wie man sich Zugang zu diesem verschaffte.

«Wenn ich die Tore für euch öffne, glaubst du dass ihr beide es schafft Rianna dort raus zu holen?», erkundigte sich Nyrn.

«Ja!», antwortete Turmalon schnell und eindeutig. Doch hegte er auch Zweifel: «Allerdings würde es mich interessieren, wie du das bewerkstelligen willst! Ich habe mich mit aller Kraft gegen diese Tore gestemmt und trotzdem bewegten sie sich kein Stück!»

«Das ist kein Problem!», antwortete Nyrn gelassen, «Ich kann diese Tor öffnen und schließen wie es mir beliebt und darüber hinaus sogar dafür sorgen, dass dies sonst niemand kann!»

Mehr Sorgen bereiteten Nyrn hingegen die anwesenden Lyzarie. Er befürchtete, dass Turmalon und Gramil einfach von ihnen überrannt würden, sollten sie zu lange brauchen.

«Also gut, ich habe mir das wie folgt gedacht», eröffnete Nyrn und begann seinen Plan zu erläutern, «Ich werde für euch die Tore bis zur Kammer der Erinnerungen öffnen und draußen auf euch warteten um den Weg frei zu halten. Sobald ihr drin seid, werde ich alle Zugänge verschließen, sodass ihr nur mit den Lyzarie zu tun habt, die bereits im Gebäude sind. Wenn ihr mit Rianna zurückkommt werde ich das Tor wieder öffnen!»

„Und wo finden wir sie?“, wandte Gramil ein, „Dieses Bauwerk scheint nicht gerade klein zu sein!“

«Turmalon weiß wo sie ist!», erwiderte Nyrn und wies auf den Drachen, der dies mit einem Nicken bestätigte.

«In Ordnung, wenn sonst nichts mehr ist, sollten wir nun beginnen», drängte Nyrn, denn ihre Anwesenheit war längst nicht unentdeckt geblieben. «Zuvor muss ich dich aber noch um etwas bitten  Turmalon!»

 

„Wo ist Turmalon?“, fragte Rianna Al‘Askahra, die bereits ebenfalls zugegen war, und sah sich beunruhigt in der Kammer um.

„Er hat sich entschieden zu gehen, um uns nicht weiter zu stören!“, antwortete sie und im selben Moment war das gedämpfte Brüllen eines Drachens zu hören.

„Was hast du ihm angetan?“, verlangte Rianna augenblicklich, mit sich überschlagender Stimme zu erfahren.

„Ich habe nichts getan!“, beteuerte Al‘Askahra unschuldig, „Er ist von sich aus gegangen. Niemand hat ihn dazu gezwungen!“

„Das ist eine Lüge!“, war Rianna sich sicher, „Turmalon hat versprochen, niemals ohne mich von hier weg zu gehen!“

„Da möchte ich dir nicht einmal wiedersprechen! Ohne einen gewissen Anreiz wäre er vermutlich hier geblieben“, erklärte Al’Askahra amüsiert, „Allerdings wirkte Sirah nach ihrer Begegnung mit ihm etwas verstört. Ich befürchte sie wird dir Heute Abend nicht zu Diensten stehen können.

Aber genug der Ablenkungen. Wir sollten endlich fortfahren. Schließlich haben wir einiges aufzuholen, nach dem Ihr Gestern etwas mehr Zeit für euch hattet!“

„Nein!“, wiedersprach Rianna energisch, „Turmalon hatte recht. Dir zu helfen wäre ein Fehler!“

„Oh ganz im Gegenteil!“, erwiderte Al’Askahra kalt, „Ein Fehler wäre es mir nicht zu helfen! Aber wie du möchtest. Dann zeige ich dir eben was es bedeutet, wenn ich mir einfach nehme was ich will!“

Augenblicklich spürte Rianna, wie Al‘Askahra in ihren Geist eindrang. Doch ging sie dabei nun sehr viel aggressiver vor. Rianna versuchte die Attacke zu blockieren, in dem sie an ihre Heimat und ihre beiden jüngeren Brüder dachte. Auf diese Weise war es ihr zuvor bereits gelungen, wenn auch nicht beabsichtigt, Al’Askahra daran zu hintern ihre Erinnerungen zu durchforschen.

«Das wird dir dieses Mal nicht helfen!», prophezeite sie jedoch amüsiert und eine Stechender schmerz in ihrem Kopf ließ Riannas Konzentration schwinden. Ungehindert konnte Al‘Askahra nun wieder in ihrem Geist herumwühlen.

Allerdings gab Rianna nicht so schnell auf. Nun versuchte sie es mit etwas einfacherem. Sie Dachte an die Mauern ihres Gefängnisses, in das Rak’Zunaih sie nach ihrer Ankunft in Kaz’Mordan gesteckt hatte und hoffte dass diese ebenfalls so massiv und schwer zu überwinden waren. 

«Du lernst schnell!», gab ihr Gegenüber beeindruckt zu, «Doch beherrsche ich dieses Spiel schon viel länger als du. Also glaube nicht, dass du mir gewachsen bist!»

Ein weiterer, sehr viel heftigerer Schmerz durchzog Rianna und ihre Mauer zerfiel als wäre sie auf Sand gebaut. Aber sie wollte sich noch immer nicht geschlagen geben und versuchte den Eindringling abermals zu blockieren. Jedoch mit immer demselben mäßigen Erfolg.

«Sieh einer an. Du beherrschst die Sprache der Drachen!», entdeckte Al‘Askahra und wirkte dabei weniger überrascht als es Rianna war. «Ich bin mir sicher, dass du sie vor zwei Tagen nicht einmal kanntest. Das bedeutet also, dass ein Teil der in die versigelten Erinnerungen durch einen bestimmten Auslöser freigegeben werden können.»

Dies erklärte zumindest, wieso Rianna so plötzlich die Sprache auf den Reliefs verstand ohne sie je zuvor gesehen zu haben.

Dann jedoch, so plötzlich wie es begann, breitete sich ein Gefühl der Erleichterung in ihr aus, als Al’Askahra ohne Vorwarnung wieder aus Riannas Gedanken zurückzog. Aber nicht nur das. Als Rianna ihre Augen öffnete, die sie krampfhaft zusammen gekniffen hatte um die Schmerzen besser zu ertragen, bemerkte sie, dass die blau leuchtende Erscheinung ebenfalls nicht mehr anwesend war.

Sie wusste nicht was geschehen war und hoffte auch, dass sie nichts die preisgegeben hatte. Daher nutzte sie die willkommene Verschnaufpause, um sich auf weitere Attacken vorzubereiten.

Es dauerte nicht lange, bis Al‘Askahra wieder auftauchte. Anders als erwartet meinte sie jedoch entschuldigend: „Verzeih die abrupte Unterbrechung. Aber wie es scheint bekommen wir unerwarteten Besuch. Ich hätte es mir eigentlich denken können, dass der Wächter immer ein Auge auf dich hat und irgendwann hier auftauchen würde. Dummerweise bin ich nicht dazu in der Lage ihn daran zu hindern hier einzudringen. Ebenso wie diese Lyzarie, deren einziger Nutzen es ist, meinen Willen in ihrem Volk zu verbreiten. Ich muss wohl eingestehen für einen solchen Fall keine Vorkehrungen getroffen zu haben.

Wie dem auch sei. Ich befürchte unsere Wege werden sich hier fürs erste trennen. Wenn du jedoch deiner Aufgabe gerecht wirst, werden wir uns früher oder später wieder sehen!“

Mit diesen Worten verschwand Al‘Askahra abermals und ließ Rianna erneut alleine zurück. Fragend, was sie meinte und wie es jetzt weitergehen sollte, blickte Rianna sich in der nun leeren Kammer um, als sie bemerkte, dass sich das Steintor öffnete.

Da niemand davor stand, der sie daran hindern konnte und Rianna wissen wollte wer dieser Wächter den nun wirklich war, verließ sie umgehend diesen Ort. Nachdenklich blickte sie nochmals zurück als sie durch das Tor ging. Doch bevor ihr irgendwelche Zweifel aufkommen konnten, hörte sie vor sich schwere Schritte die Treppe herunter schreiten.

Einen Schreckensmoment später erblickte sie, entgegen ihrer Annahme, keinen Lyzarie sondern jemand den sie nur als Zwerg bezeichnen konnte. In seinen Händen trug er eine große, zum Angriff bereite, zweischneidige Axt. Diese senkte er jedoch ab und blieb stehen als er bemerkte wie Rianna erschrocken einige Schritte von ihm zurückwisch. Sie glaubte ein Lächeln in seinem, von einem langen Bart bedeckten, Gesicht zu erkennen. Er winkte Rianna zu sich herbei und sagte etwas, dass sie nicht verstand.

„Ist das der Wächter, von dem Al‘Askahra sprach?“, fragte Rianna sich leise. Da sie keine andere Erklärung hatte, vertraute sie darauf und nahm an, dass er ihr hier heraus helfen würde und lief ihm entgegen.

„Danke!“, sagte Rianna flüchtig, als sie auf Höhe des Zwerges angelangt war. Dieser nickte kurz und wies sie mit der Hand an voraus zu gehen.

Zögernd nickte Rianna und erklomm, noch immer etwas verunsichert, die Stufen. Nach etwa der Hälfte vernahm sie Turmalons, für sie mittlerweile unverwechselbares, Knurren. Der Zwerg ihr dicht auf den Fersen, eilte sie umgehend die restliche Treppe empor, an dessen Ende tatsächlich der Drachen stand und einige, mit Speeren bewaffnete, Lyzarie in Schach hielt. Mit ihren langen Waffen konnten sie verhindern, dass Turmalon im schmalen Gang an sie herankam. Allerdings kamen sie auch nicht an ihm vorbei.

Plötzlich stürmte der Zwerg an Rianna vorbei zu Turmalon. Mit einem kräftigen Hieb seiner Axt schlug er den ersten Speer in zwei. Schnell folgten die beiden anderen, sodass dem Zwerg nur noch die unbewaffneten Lyzarie gegenüber standen und ihn ungläubig anstarrten. Als er zum nächsten hieb ausholen wollte sahen die Drei ein, keine Chance gegen den Zwerg zu haben und nahmen stolpernd Reißaus.

Mit drohend in die Höhe gehaltener Waffe, rief er den fliehenden Lyzarie, wie Rianna annahm, einige wüste Verwünschungen hinterher.

„Turmalon, dir geht es gut!“, freute sich Rianna erleichtert, nachdem sich ihre Aufregung wieder etwas gelegt hatte. Sie rannte auf den Drachen zu und blieb vor ihm stehen. Sie verzichtete darauf ihn zu umarmen, wie sie es gerade am liebsten getan hätte. „Ich habe schon befürchtet sie hätten dir etwas angetan, nach dem du heute Morgen nicht mehr da warst!“

„Nein, keine Angst, mir geht es gut!“, meinte Turmalon beruhigend, sah sie jedoch für einen Moment skeptisch an. Schnaubend schüttelte der Drache den Kopf und legte sich schließlich auf dem Boden nieder.

Rianna verstand sofort und kletterte in den Sattel.

„Wer ist dieser Zwerg und wo kommt er so plötzlich her?“, wollte sie wissen während sie sich festschnallte.

„Das verrate ich dir später. Las uns erst einmal von hier Weg!“, entgegnete Turmalon, „Aber glaub mir, draußen wartet eine noch viel größere Überraschung auf dich!“

Mit diesen Worten sprang der Drache wieder auf und folgte dem Gang Richtung des verschlossenen Ausgangs.

„Warte! Das Tor ist zu!“, wies Rianna auf das Offensichtliche hin, aus Angst sie könnten in eine Sackgasse geraten. „Im oberen Stockwerk können wir ungehindert heraus!“

„Nicht nötig!“, wiedersprach Turmalon.

Im Selben Moment hörte Rianna hinter sich Kampfgeräusche. Doch als sie sich danach umdrehte, war bereits alles vorbei. Sie sah den Zwerg, der ihnen eiligen Schrittes Folgte und hinter ihm einen Lyzarie, der mit einer großen Wunde in der Brust, zur Seite gefallen war.

Man konnte den Unglauben über das was geschehen sein musste noch in seinem Gesicht ablesen, als er versuchte mit seinen Händen die Wunde zu stillen.

Entsetzt richtete Rianna ihren Blick wieder nach vorne, wo sich das Tor gerade öffnete. Deren Flügel schwangen zu beiden Seiten in dazu passende Aussparungen in den Wänden und bildeten mit ihnen eine Einheit wodurch es kaum noch zu erkennen war.

Dann erblickte Rianna etwas vor ihnen auf dem Platz, was ihr schlicht die Sprache verschlug.