„Da war es wieder!“, dachte Naeron und schreckte schlag artig auf. Er starte ängstlich in die schier endlose Dunkelheit die ihn umgab. Doch auch wenn es nirgendwo Licht gab, konnte er problemlos jede Einzelheit seines Körpers sehen und dort erkannte man wie förmlich jede einzelne seiner Schuppen zu zittern begann.
Wie konnte er nur vergessen was von so großer Bedeutung war? Etwas das so wichtig war, dass er bereit war sein Leben dafür zu geben, um die seinen zu schützen!
Schnaufend ließ Naeron sich wieder nieder und machte sich vorwürfe, überhaupt darüber nachgedacht zu haben Drakora die Freiheit zu ermöglichen. Umso mehr war er erleichtert, dass Nyrn die rechte Entscheidung getroffen hatte. Auch wenn dies für ihn bedeutete, auf ewig im Nichts herumzuirren.
Immerhin hatte er die Gelegenheit seinen Sohn, vermutlich das letzte Mal, sehen zu dürfen. Das letzte Mal war so lange her, dass er ihn fast nicht wiedererkannt hatte. Aber auch der Anblick des schwarzen Jungdrachen bewies ihm, dass seine und die Mühen und Opfer der Anderen nicht vergebens waren. Denn sein Sohn war nicht der Letzte seiner Art und sogar der Clan der Schwarzen konnte Überleben.
Abermals schreckte Naeron auf. Er Spürte es wieder und Augenblicklich übermannte ihn eine gewaltige Angst. Ohne zu wissen wohin, rannte er los. Ebenso wenig wie er wusste, wieso er dies tat. Aber er war sich sicher, dass dort, außerhalb seines Sichtbereichs, etwas war und doch wiederum nicht. Und eben das war es, was ihn ängstigte und wovor er floh.
„Das ist meine Strafe dafür, dass ich dazu bereit war die meinen zu verraten!“, war sich der Drache sicher. Beinahe lautlos, allein begleitet vom eigenen Schnaufen, das von überall zu wiederhallen schien, hechtete er über den Boden, den er nicht spürte und doch da sein musste. Denn er hatte nicht das Gefühl zu fallen. Andererseits konnte er auch seine Flügel benutzen um zu fliegen. Aber dann glaubte er sich nicht von der Stelle zu bewegen. Ihm fehlte der Wind der ihm dabei entgegen blies oder mit sich trug. Und egal wie weit oder hoch er versuchte zu fliegen, er berührter immer augenblicklich den Boden sobald er wieder landen wollte.
Also lief er, floh vor etwas was nicht für ihn greifbar war.
Andererseits konnte er nicht warten bis es ihn holte und endlich von all dem erlöste. Denn irgendwann wäre die Angst davor wieder größer und seine Beine würden sich wie von selbst bewegen.
Ihm blieb nichts anderes übrig als davonzurennen, bis er vor Erschöpfung zusammen brach.
Sogar versuchte Naeron bereits mehrfach sich selbst das Leben zu nehmen. Biss oder riss sich mit seinen Krallen tiefe Wunden in Hals und Körper, an denen er eigentlich hätte sterben müssen. Allerdings wachte er nur wenig später unversehrt wieder auf. Einzig geblieben waren die Erinnerungen an die Schmerzen der zugefügten Verletzungen und wieder die irrationale Angst, die ihn fast sofort weiterlaufen ließ.
«Wir werden dort unten bei dem Gasthaus landen und bis morgenfrüh rasten!», teilte Nyrn den anderen seine Absicht mit und ließ seinen Worten Taten folgen. Umgehend folgte auch Gramil auf seinem Greif dem Falken. Nur Turmalon zögerte und wurde langsamer.
Wie Rianna hatte auch er Bedenken, sich so nah an einer Stadt niederzulassen und dann auch noch direkt neben einem Gasthaus. Vermutlich war es voller Menschen, die, wenn sie einen Drachen erblickten, hilfeschreiend davon rennen würden.
Dieser Gedanke gefiel Rianna überhaupt nicht. Wusste sie doch das Turmalon müde war, durch die weite Reise von Kaz'Mordan bis hierher. Ebenso wie es die anderen sein mussten. Daher wäre ihr ein Ort, an dem sie ungestört sein konnten lieber gewesen.
Doch hier müsste der Drache sich im schlimmsten Fall zu Wehr setzen. Was in seinem jetzigen Zustand nur mit viel Glück von Erfolg gekrönt wäre. Eher jedoch mit einer Trophäe für das Gasthaus oder das Stadttor enden würde.
«Kommt schon ihr beiden!», drängte Nyrn ungeduldig Turmalon zum Landen. «Der Gastwirt kennt uns und wird keine Probleme machen!»
„Schön, eine Sorge weniger!“, dachte Rianna zweifelnd, „Bleibt noch ein gutes Dutzend anderer Leute, die wohl etwas anderes darüber denken werden!“
Wie als hätte Nyrn ihre Gedanken gelesen, hatte er auch darauf eine Antwort: «Es ist wahrscheinlicher, dass euch jemand dort oben entdeckt, als wenn ihr hier herunter kommt wo niemand ist!»
Leise schnaubend hatte Turmalon sich nun doch dazu überreden lassen und setzte auf dem kleinen Hof vor dem Gasthaus zu Landung an. Müde musterte er seine Umgebung nach drohenden Gefahren, konnte allerdings keine entdecken.
„Was wollen wir hier?“, wollte Rianna, ein wenig nervös, von Nyrn wissen, der wieder als alter Mann vor ihr stand. „Was ist wenn uns hier jemand sieht?“
„Außer einigen Trunkenbolden, denen man ohnehin nicht glauben würde, meiner Schwester und mir werdet ihr hierdraußen derzeit niemandem antreffen!“, versicherte ein junger Mann mit Pferd, dass er an den Zügeln hinter sich her führte. Ein leises Knurren, welches Turmalons Kehle entglitt, ließ es aufhorchen und unruhig mit den Hufen scharren.
„Immer mit der Ruhe meine Kleine!“, versuchte er das Tier zu besänftigen und strich ihm dabei über die Stirn. „Das sind nur ein paar Gäste. Die werden uns nichts anhaben!“
Ohne Turmalon weiter zu beachten, band er die Zügel des Pferdes an einen Haken an der Wand des Stalls fest und schritt dann mit einem freundlichen Lächeln, auf die Neuankömmlinge zu. „Ich nehme an, diese reizende Dame und ihr eher ungewöhnliches Reittier waren der Grund eures kurzen Aufenthaltes hier vor zwei Tagen?“
„Ja das ist richtig“, bestätigte Nyrn mit einem kurzen Nicken.
„Mein Name ist Christian und ich heiße auch euch hier Willkommen im ruhenden Eber“, begrüßte der Mann Rianna und Turmalon. „Und euch beide heiße ich natürlich Willkommen zurück. Aber um ehrlich zu sein, habe ich nicht so schnell mit einem wiedersehen gerechnet.“
„Zugegeben habe ich auch nicht zu hoffen gewagt, dass es so rasch gehen wird!“, gestand Nyrn und bedachte Rianna mit einem zufriedenen Lächeln. „Der Zufall hatte wohl seine Finger im Spiel und etwas Glück war auch dabei.“
„Ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber könnten wir das auf später verschieben und stattdessen eine geeignete Unterkunft für Turmalon finden. Am besten eine, aus der er nicht bereits aus zweihundert Schritt Entfernung entdeckt wird!“, erinnerte Rianna daran, dass sie am helllichten Tag noch immer mit einem Drachen in aller Öffentlichkeit standen.
„Entschuldige, du hast natürlich vollkommen Recht Rianna!“, pflichtete Nyrn ihr bei und wandte sich an Christian, „Wäre es möglich, dass Turmalon im Stall unterkommt oder irgendwo, wo man ihn nicht gleich entdeckt?“ Dabei wies er auf den Schwarzen Drachen.
Über die Bitte nachdenkend, nahm der Wirt den Drachen in Augenschein. Nach einer Weile fragte er dann: „Er kann nicht zufällig … wie ihr … ihr wisst schon!“
„Nein kann er nicht!“, erwiderte Nyrn, der zu wissen schien worauf Christian hinaus wollte.
„Hm, schade! Das macht es natürlich nicht einfacher“, meinte der Wirt und warf einen Blick hinter sich in den Stall. „Ich hab zwar ein paar Boxen die man verschließen und zur Not auch gegen neugierige Blick abhängen könnte, aber die sind nur für Pferde oder ähnlich große Tiere ausgelegt. Ich befürchte er wird dort nicht hinein passen … Ach was soll es. Er soll sich einfach einen Platz suchen und ich verschließ das Tor. Ist eh gerade niemand hier, der etwas darin zu suchen hat!“
„Wäre das in Ordnung für dich?“, erkundigte Rianna sich vorsorglich.
„Ich würde zurzeit sogar auf einem Haufen spitzer Steine Schlafen, solange ich meine Ruhe hätte!“, antwortete Turmalon.
„Ich kann leider nur mit weichem Stroh dienen“, scherzte Christian und bat den Drachen mit einer einladenden Handbewegung in den Stall einzutreten.
Mit einem Satz rutschte Rianna von Turmalons Rücken und sprang auf den Boden. Neugierig begleitete sie ihn ins Innere, wo sie vom angebundenen Pferd begrüßt wurden, dass unruhig versuchte dem Drachen auszuweichen.
Turmalon sah sich zunächst nach einer für ihn angemessenen Schlafstätte um, während Rianna ihn von dem Sattel befreite, den sie auf einem leeren Tisch an der Wand ablegte. Dann entdeckte der Drache das gut gefüllte Strohlager im hinteren Bereich des Stalls. Vorsichtig betastete er das nachgiebige Material und begutachtete den Berg vor sich. Prüfend steckte er seinen Kopf ins Stroh, zog ihn aber nach kurzer Zeit Schnaubend wieder heraus. Doch dann bahnte er sich unter Zuhilfenahme von Vorder- und Hinterbeinen einen Weg durch das Stroh. Schnell war es ihm gelungen in dem Haufen zu verschwinden.
Von außen sah man wie sich etwas im Stroh bewegte und hörte es Rascheln. Eine kurze Pause folgte, in der der Haufen etwas zusammen sackte. Doch wehrte sie nicht lange. Wieder begann sich Turmalon im inneren zu bewegen, bis seine Schnauze, abermals schnaubend, in etwa dort wo er sich eingegraben hatte an der Oberfläche erschien.
Kopfschüttelnd sah sich Rianna das Durcheinander an, welches der Drache verursacht hatte und wandte sich entschuldigend zu Christian, der mittlerweile neben ihr stand. Doch als sie bemerkte wie er amüsiert, leise darüber lachte, musste auch sie anfangen zu grinsen. Sie ging zu Turmalon und befreite seinen Kopf vom Stroh. Er öffnete eines seiner Augen und fixierte sie, als ob er wissen wollte ob noch etwas sei.
„Na, ist es bequem?“, fragte Rianna gespielt empört, konnte sich ihr Grinsen aber nicht verkneifen.
„Ja, und herrlich warm!“, brummte Turmalon und schloss das Auge wieder.
„Schön! Aber bevor wir wieder aufbrechen wirst du die Unordnung, die du hier verursacht hast, wieder beseitigen!“, stellte Rianna unmissverständlich klar, was von ihm mit einem erneuten Brummen beantwortet wurde. Kopfschüttelnd raffte sie einen Armvoll Stroh vom Boden zusammen und vergrub den Drachen wieder darunter. „Gute Nacht!“
Einige Halme flogen Rianna entgegen, als erneut ein Schnauben, gedämpft durch das Stroh, von dem Drachen zu hören war. Allerdings blieb er diesmal darunter verborgen.
„Auch wenn er dort nicht für jedermann zu sehen ist, sollten wir dennoch das Tor verriegeln!“, schlug Christian, noch immer lächelnd, vor. „Allerdings muss ich schon sagen, dass der Anblick eines Drachens der sich durch einen Strohhaufen wühlt, wohl etwas Einmaliges in meinem Leben sein wird.“
„Verzeiht bitte das Durcheinander“, entschuldigte Rianna sich nun doch, da sie das schlechte Gewissen plagte.
„Schon gut“, winkte der Wirt ab, „Das bisschen Arbeit ist wirklich nicht der Rede wert.“
Nickend bedankte Rianna sich lächelnd dafür. Dann bemerkte sie Gramil, der aus einer der Boxen kam, in der er seinen Greifen untergebracht hatte und nun zum Ausgang stapfte. Schnell eilte sie ihm hinterher und ließ den nun etwas verwundert dreinschauenden Wirt alleine zurück.
Rianna passte den Zwerg vor dem Stall ab. Sie legte ihm eine Hand auf die breite Schulter, damit er stehen blieb und sie seine Aufmerksamkeit hatte.
Gramil wandte sich fragend zu ihr und als er sie erblickte, glaubte Rianna unter seinem langen Bart zu erkennen, wie seine Mundwinkel nach oben wanderten. Dies machte es für sie etwas leichter. Schließlich hatte sie sich, zu ihrem Bedauern, noch nicht für seine Hilfe bedankt und holte dies nun nach. Doch sah Gramil sie nur fragend an und Rianna befürchtete bereits, etwas Falsches gesagt zu haben, als Nyrn eingriff.
Lauthals lachte der Zwerg plötzlich los und schlug ihr kräftig auf die Schulter, sodass ihr die Luft weg blieb. Nun war es Rianna, die nicht verstand was Gramil zu sagen hatte und suchte daher verzweifelt Rat bei Nyrn.
„Er meinte, dass es ihm ein Vergnügen war!“, übersetzte Nyrn. Rianna bezweifelte jedoch, dass dies bereits alles war was der Zwerg gesagt hatte, fragte andererseits auch nicht genauer nach.
„Geht ruhig rein!“, meinte Christian, der wieder mit den Zügeln des Pferdes vor dem Stall stand. „Tamara wird euch bewirten. Ich muss leider noch nach Kebor einige Besorgungen erledigen. Wir werden uns dann sicher später noch sehen.“
„Ihr fahrt in die Stadt?“, fragte Rianna aufgeregt, was der Wirt bestätigte, während er das Pferd vor ein Fuhrwerk spannte. „Würde es euch etwas ausmachen wenn ich mitkomme?“
„Nein, keines Wegs!“, erwiderte Christian, „Ich habe genügend Platz auf dem Wagen!“
„Mir wäre es aber lieber, wenn wir uns erst einmal ausruhen könnten“, widersprach Nyrn müde, „Danach können wir Kebor immer noch einen Besuch abstatten, wenn du unbedingt dort hinmöchtest.“
„Ich verlange ja nicht, dass ihr mit mir kommt!“, stellte Rianna klar, „Ich hatte ja das Vergnügen, den größten Teil der Nacht zu verschlafen. Zugegeben nicht sehr bequem, vorgebeugt in dem Sattel zu schlafen. Aber wenn man von der Müdigkeit überwältigt wird macht man sich um so etwas wenig Gedanken.“
„Dann wärst du aber noch immer alleine in einer Stadt, die du nicht kennst!“, gab Nyrn zu bedenken.
„Das ist kein Problem!“, wandte Christian ein und wurde von Nyrn dafür mit missbilligenden blicken gestraft, die der Wirt aber vollkommen ignorierte oder übersah. „Ich muss den Kram sowieso nur abholen. Alles andere ist schon geregelt. Und da hier, seit der Pass gesperrt ist, ohnehin nicht viel los ist, macht es auch nichts wenn ich ein wenig länger weg bin!“
Resignierend seufzte Nyrn und versucht Rianna nicht weiter davon abzuhalten, sondern sagte stattdessen besorgt: „Pass aber bitte auf dich auf!“
„Eventuell würde es auch helfen, wenn sie etwas nicht ganz so auffälliges tragen würde!“, schlug Christian vor und spielte damit auf die weiße Robe an, die Rianna von den Lyzarie hatte. Mit ihren meist Goldenen Verzierungen war sie durchaus ein Blickfang. Die Lederrüstung, die sie von Alia erhalten hatte, konnte sie seither nichtmehr tragen. Da sie, trotz intensiver Bemühungen seitens Sirah, nicht mehr von dem strengen Geruch zu befreien war, den sie im Verließ angenommen hatte. Auch nachdem die Lyzarie die Rüstung an die frische Luft gebracht hatte und dort wahrscheinlich noch immer hing.
„Ich habe leider nur das bei mir, was ich am Leib trage!“, erklärte Rianna verlegen zu Boden blickend.
„Muss ja eine ziemlich eilige Abreise gewesen sein, wenn nicht einmal Zeit dafür war, dass nötigste einzupacken!“, bemerkte Christian mit wissendem Gesichtsausdruck, „Mal sehen ob Tamara dir irgendwie aushelfen kann. Kommt doch mit herein.“
Er ließ alles stehen und liegen und ging voran. Mit einer einladenden Handbewegung hielt Christian die Tür auf und bat alle einzutreten. Nacheinander betraten sie den, bis auf eine Handvoll finster dreinschauende Gestalten, fast leeren Schankraum. Die nun mehr oder weniger verstohlen die Neuankömmlinge musterten. Vermutlich um herauszufinden ob es bei ihnen etwas zu holen gab.
„Setzt euch!“, meinte er zu Nyrn und Gramil, „Ich bringe euch gleich etwas zu essen. Aber zuerst kümmern wir uns um dich. Du kommst mit mir!“ Dabei zog er Rianna, die sich ebenfalls an den Tisch setzen wollte, etwas unsanft am Arm und ging mit ihr zu einer jungen Frau die hinter dem Tresen saß.
„Tamara, wärst du so freundlich der werten Dame ein paar deiner Sachen zu leihen?“, bat der Wirt die Frau leise, welche daraufhin erst ihn und dann Rianna verwundert musterte. „Ich hol sie mit in die Stadt und soll auf sie aufpassen. Aber in ihrer jetzigen Kleidung würde sie mir zu viel Aufsehen erregen. Leider hat sie aber nichts anderes bei sich. Könntest du ihr daher bitte aushelfen?“
„Na klar!“, erwiderte Tamara freudig und sprang von dem Hocke auf, auf dem sie saß. „Komm mit! Ich hab bestimmt etwas Passendes für dich!“
Mit einem Wink ihrer Hand bat sie Rianna ihr zu folgen und trat durch eine Tür, die in eine Art Küche führte. Regelrecht vergnügt hüpfte sie durch den Raum zu einer weiteren Tür hinter der sich ein kurzer Flur befand.
„Bitte lasst euch nicht zu viel Zeit!“, mahnte Christian, der ebenfalls die Küche betreten hatte. „Ich würde gerne heute noch los!“
Dies wiederum schien Tamaras Laune deutlich zu mildern, denn sie verzog augenblicklich ihre Mundwinkel nach unten und meinte enttäuscht: „Schon gut, ich habe es verstanden!“
Nach dem die beiden Frauen den Flur durchquert hatten, betraten sie Tamaras spartanisch, eingerichtetes Zimmer. Ein zugegebenermaßen bequem aussehendes Bett stand zu ihrer Rechten an der Wand. Ihnen gegenüber befanden sich ein Tisch, auf dem ein einzelnes, zugeschlagenes Buch lag, und ein einfacher Stuhl vor dem Fenster, durch welches man den Wald dahinter sah.
Tamara war umgehend zu dem Schrank zu ihrer Linken geeilt und riss dessen Türen auf. Überlegend blickte sie vorgebeugt in das innere und tippte mit den Fingern gegen das Holz der Schranktüren, die sie noch immer in Händen hielt. Währenddessen stand Rianna hinter ihr und sah ihr neugierig über die Schultern.
„Hm, da mein lieber Bruder es ja mal wieder eilig hat …“, begann sie einen Satz und griff dann überraschend nach einem Kleidungsstück, „Da du ja noch einen Kopf kleiner bist als ich, sollte dir das hier noch passen!“ Sie drehte sich mit einem grau-weißen Gewand, ähnlich dem einer Dienstmagd, zu Rianna um und hielt es an sie, um sich zu vergewissern dass es passte. Dann drückte Tamara ihr das Kleid in die Hand und meinte übereifrig: „Los, anziehen!“
Rianna fühlte sie von Tamaras Art überrumpelt und betrachtete abwesend das Kleidungsstück in ihren Händen.
„Ach ich sehe schon. Schüchtern sind wir auch noch!“, deutete Tamara fälschlicherweise Riannas zögern und begab sich zur Tür. „Sag Bescheid wenn etwas ist. Ich warte draußen solange auf dich!“
Erst das Knallen der Tür, welche Tamara wohl in ihrem Eifer etwas zu fest zugezogen hatte, holten
Rianna wieder aus ihren Gedanken heraus. Schnell zog sie sich um und legte die Robe, die sie von den Lyzarie erhalten hatte, feinsäuberlich zusammengefaltet auf das Bett.
Neu eingekleidet, begutachtete Rianna sich zufrieden und begab sich dann zur Tür. Doch als sie diese öffnete, stolperte Tamara erschrocken, rückwärts in ihr Zimmer. Beinahe wäre sie zu Boden gefallen wenn Rianna, die ebenfalls verblüfft aber rechtzeitig zur Seite gesprungen war, sie nicht am Arm gepackt hätte.
„Keine gute Idee sich gegen die Tür zu lehnen!“, erkannte Tamara lachend, als sie sich wieder gefangen hatte, „Aber wie ich sehe, passen die Sachen wie für dich gemacht.“
„Ja, vielen Dank dafür. Ich werde gut darauf aufpassen!“, versprach Rianna, „Du bekommst es, sobald wir zurück sind, wieder.“
„Unsinn! Du kannst es behalten wenn es dir so sehr gefällt!“, wiedersprach Tamara freundlich, „Allerdings verrätst du mir dafür nachher woher man solch eine Robe bekommt!“
Ein kleiner Schauer durchzog Riannas Körper als sie daran dachte und meinte flüchtig: „Ich denke dein Bruder wartet bestimmt schon auf mich. Ich sollt also besser zu ihm.“
„Da würde ich mir weniger Sorgen machen“, seufzte Tamara abwinkend, „Ich bin mir sicher, dass mein Bruder sich gerade mit deinen Begleitern amüsiert! Aber vielleicht hast du Recht. Wir sollten zu ihm bevor es zu spät wird und er sich zu sehr amüsiert.“
Gemeinsam kehrten sie zurück in den Schankraum, wo Christian tatsächlich bei Nyrn und Gramil saß. Die drei unterhielten sich angeregt und hatten sichtlich Spaß dabei.
Während Tamara sich wieder auf ihren Hocker hinter dem Tresen setzte, gesellte Rianna sich zu ihren Begleitern an den Tisch, wo man sie bereits erwartet hatte.
„Ich hab gehört, dass ihr seit gestern unterwegs seid und ebenso lange nichts gegessen habt“, erklärte Christian, als er Riannas hungrigen blick auf den unberührten Teller vor ihr entdeckte. „Ich kann euch ja nicht mit hungrigem Magen mit nach Kebor nehmen!“
Ohne sich groß bitten zu lassen nahm Rianna an dem einzig noch freien Stuhl am Tisch platz und verschlang regelrecht das deftig aussehende Bauernomlett.
„Wie ihr sagtet!“, fuhr Nyrn mit dem Gespräch, das sie führten bevor Rianna hinzukam, fort. „Sie haben die Grenze direkt am Pass gesperrt und errichten dort eine behelfsmäßige Feste. Es herrschte sehr viel Trubel, als wir Vorgestern dort vorbeikamen!“
„Ach wirklich?“, erwiderte Christian erstaunt, „dann wundert es mich, dass sich von denen noch niemand hier blicken hat lassen, um sich mal richtig zu besaufen!“ Dann lachte er laut los und Gramil, der vermutlich kein Wort verstanden hatte, stimmte einfach mit ein. Nyrn hingegen schien dies weniger witzig zu finden, da er sich lediglich ein müdes Lächeln abgewinnen konnte.
„Wir können nur hoffen, dass es dabei bleib und sich das Ganze schnell wieder beruhigt!“, mahnte er und deutete an, dass es vermutlich noch ernster werden würde.
„Um was geht es denn?“, fragte Rianna beunruhigt, da sie wegen des Essens nur halb zugehört hatte und sich für sie kein Zusammenhang erschloss.
„Du wirst es sehen wenn wir weiterreisen!“, meinte Nyrn und beendete damit das Thema. Rianna nahm es mit einem Schulterzucken hin und fragte nicht weiter nach. Stattdessen machte sie sich über die Reste auf ihrem Teller her.
„So, das muss bis heute Abend reichen!“, stellte Christian klar, als Rianna fertigt war, und erhob sich von seine, Stuhl. „Ich werde sie euch unversehrt wiederbringen!“, versprach er Nyrn und bat Rianna mit einem Handzeichen voraus zu gehen.
Kaum war Rianna zwei Schritte Richtung Eingangstür gegangen, drehte sie sich nochmals zu Nyrn um und fragte unschuldig lächelnd: „Hast du etwas Geld für mich? Alles was ich hatte, musste ich bei unserer übereilten Flucht vor Rak'Zunaih im Hort zurücklassen!“
„Nein, habe ich leider nicht“, erwiderte Nyrn entschuldigend, „aber womöglich kann Gramil dir etwas geben!“ Umgehend gab er die Bitte an den Zwerg weiter, der nicht lange darüber nachdenken musste. Er griff nach seinem schweren Rucksack, öffnete ihn und nahm einen prallen Beutel heraus. Diesen erleichterte der Zwerg um ein paar Goldmünzen, die er ihr nun wohlwollend reichte. Zögerlich streckte Rianna ihm ihre Hand entgegen und nahm die Münzen, die sie staunend betrachtete und sich schließlich bedankte.
„Gern geschehen“, antwortete Gramil und sagte noch lachend etwas, dass Nyrn wieder übersetzen musste: „Er meint, dass du nicht alles auf einmal ausgeben sollst!“
„Selbst wenn ich wollte, wüsste ich nicht wie ich das hiermit anstellen sollte!“, erwiderte Rianna und begutachtete die detaillierte Prägung der Münzen.
„Ich werde schon darauf achten, dass das nicht passiert!“, versprach Christian, legte einen Arm um Rianna und zog sie mit sich nach draußen auf den Hof. Dort geleitete er sie zum Pferdefuhrwerk und half ihr beim Aufsteigen.
„Und wer ist unser haariger Begleiter hier hinter uns?“, erkundigte Rianna sich, als sie den großen, grauen Hund auf der Ladefläche des Wagens entdeckte.
„Das ist Aiko!“, erklärte Christian, während er neben Rianna Platz nahm. „Er gehört meiner Schwester. Aber ich nehme ihn mit, damit er auf den Wagen aufpasst wenn wir in der Stadt unterwegs sind.“
„Naja, immerhin wirkt er wegen seiner Größe abschreckend“, bezweifelte Rianna die Worte des Wirts und lehnte sich zurück, um Aiko hinter einem Ohr zu graulen. Fordernd streckte er ihr darauf den Kopf entgegen, als verlange er dass sie bloß nicht damit aufhören sollte. „Hoffentlich merkt niemand, dass du viel zu lieb bist. Nicht dass du nachher mit samt dem Wagen verschwunden bist!“
„Da hab ich keine Bedenken“, lachte Christian und streichelte ebenfalls über den Kopf des Hundes. „Wenn ich nicht dabei bin, lässt der Gute niemanden auch nur in die Nähe des Wagens!“
Christian trieb das Pferd an, indem er die Leine einmal kurz über dessen Rücken peitschen ließ. Gemächlich setzt sich das Pferd in Gang und sie poltern etwas unsanft vom Hof, um anschließend einem festgetretenen Weg durch den Wald zu folgen.
„So Prinzeschen!“, begann Christian grinsend, „Würdet ihr mir verraten vor welchem Traumprinzen ihr auf der Flucht seid?“
„Bitte was?“, fragte Rianna überrascht, „Das hat euch aber nicht Nyrn verraten. Oder?“
„Nein, hat er nicht. Aber mit dem Aufzug, mit dem ihr bei uns erschienen seid, wahrt ihr entweder auf dem Weg zu eurer Vermählung, oder seid unmittelbar von dort verschwunden“, erwiderte Christian überzeugt, „Ersteres fände ich wiederum eher ungewöhnlich in solch edlen Gewändern auf Reise zu gehen. Also, welchen diesen hochnäsigen Adeligen, dem man eure Hand versprochen hat, wurde kurz vor seiner Trauung mit euch, von euch sitzen gelassen?“
Rianna musste herzhaft über die Schlussfolgerungen des Wirtes lachen. Was ihr sichtbar gut tat, sich endlich wieder einmal so gehen lassen zu können.
„Es war kein adeliger, sondern der Sohn unseres Bürgermeisters!“ korrigierte sie ihn glucksend nach dem sie wieder zu Luft gekommen war. „Aber habe ich ihn nicht am Tag unserer Trauung sitzen lassen, sondern einen Tag nach dem mein Vater die Verlobung bekannt gegeben hatte!“
„Der Mann muss ja ein wahres Scheusal gewesen sein wenn ihr so schnell vor ihm geflohen seid!“, bemitleidete Christian sie lachend, „Und zu guter Letzt werdet ihr von zwei Drachen vor ihm gerettet. In den Geschichten ist das aber meist andersherum!“
„Nein, ganz im Gegenteil!“, widersprach Rianna seufzend, „Ich hatte mir ein Leben mit ihm durchaus sehr gut vorstellen können. Ich bin auch weniger wegen ihm, sondern wegen meines Vaters weggegangen. Das ist aber bereits einige Wochen her und um ehrlich zu sein, sind wir wieder auf dem Weg zurück!“
„Seit einigen Wochen?“, wunderte sich der Wirt, „Als ich Nyrn und Gramil vor einigen Tagen kennen lernte, waren sie sichtlich in Eile. Ich nahm an, dass das wegen euch war, als ihr zusammen mit ihnen wieder hier auftauchten!“
„So war es auch!“, antwortete Rianna leise mit einem zustimmenden Nicken.
„Es ist also noch etwas vorgefallen?“, interpretierte Christian Richtig. Dabei wurde seine Miene ernster, wohl weil er Riannas plötzlichen Stimmungswandel bemerkt hatte.
Abermals nickt sie und meinte: „Es ist aber eine lange Geschichte!“
„Wir haben Zeit!“, lachte Christian nun wieder, bemerkte aber schnell, dass dies ein Fehler war und fügte beschwichtigend hinzu: „Wenn ihr aber nicht darüber reden Möchtet…“
„Nein, möchte ich nicht!“, bestätigte sie zu Boden blickend, „Eigentlich weder über dies noch über die Gründe wieso ich von zuhause weg bin!“
Für einige Zeit waren nur die Hufe des Pferdes und die polternden und quietschenden Geräusche des Wagens zu hören, während Rianna und Christian sie gegenseitig anschwiegen.
„Ich sollte mich wohl entschuldigen!“, brach der Wirt schließlich die Stille, „Ich habe etwas angesprochen, dass nichts angeht.“
„Nein, das ist es nicht“, widersprach Rianna, „Ich weiß nur selbst nicht so recht was passiert ist. Eigentlich hat Nyrn mir versprochen ein paar Antworten zu geben. Wäre ich nicht mit euch unterwegs, würde er mir diese vermutlich jetzt geben. Aber so muss ich mich noch etwas gedulden. Aber es war ja schließlich meine eigener Wunsch in die Stadt zu fahren!“
„Schon merkwürdig. Normalerweise reicht mir ein Blick in die Augen eines Menschen der mir gegenüber steht um erkennen zu können was in ihm vorgeht. Ein Blick auf den Rest und ich kann recht gut erahnen was er ist und woher er stammt. Dann noch ein gutes Ohr für das was er sagt und schon weiß ich oft mehr von meinem Gegenüber als er von sich!“, gestand Christian stolz. Doch als er fortfuhr ließ er seufzend die Schultern hängen, „Aber sowohl bei euch, als auch vor einigen Tagen bei Nyrn, habe ich mich vollkommen geirrt. Bei ihm habe ich aber immerhin eine Erklärung dafür. Schließlich ist er der erste Drache der mir begegnet ist. Aber bei euch …“
„Ihr wisst dass Nyrn ein Drache ist?“, fragte Rianna überrascht und bemerkte erst jetzt, dass es dies bereits vorhin angedeutet hatte.
„Ja, aber auch nur weil er es mir verraten hat“, erwiderte Christian, „Dürfte ich daher erfahren, wie ihr zu eurer … Besonderheit gekommen seid?“
„Diese Frage beschäftigt mich selbst schon mein gesamtes Leben!“, offenbarte Rianna. Verschwieg aber, dass sie mittlerweile einen Verdacht hatte.
Als sie langsam den Waldrand erreichten, erstreckte sich vor ihnen eine gewaltige Stadtmauer. Das nicht weniger beeindruckende Tor, welches von je einem Turm flankiert wurde, war auch bereits in Sicht. Ein fast steter Strom an Menschen und beladenen Pferdefuhrwerken kam aus der Stadt und verschwanden an einer Weggabelung, die sie nun auch erreichten, in einem anderen Teil des Waldes, Richtung der Berge.
„Gibt es etwas bestimmtes, dass ihr hier in Kebor sucht oder wolltet ihr die Stadt einfach nur besuchen?“, erkundigte sich Christian bevor sie am Tor angelangten, welches lediglich von einer einzigen Wache, die die beiden gelangweilt durchwinkte, beaufsichtigt wurde.
„Ich habe gehofft hier einen Goldschmied zu finden“, erklärte Rianna, „Ich könnt zwar auch den Schmied in meine Heimat fragen, der auch gerne mal solche Arbeiten übernimmt, aber um ehrlich zu sein ist er darin nicht sehr bewandt!“
„Ich kenne einen Goldschmied, der seine Werkstatt in der Nähe des Marktes hat“, sagte Christian nach kurzem Überlegen, „Da wir dort sowieso hin müssen, trifft sich das doch ganz gut!“
In den Gassen der Stadt angekommen, stieg Christian vom Wagen und meinte, als auch Rianna absteigen wollte: „Ihr könnt gerne sitzen bleiben. Ich führe das Pferd nur lieber per Hand durch die engen Straßen!“
Der Weg durch die Stadt zum Markt, so hatte Rianna das Gefühl, dauerte länger als durch den Wald hier her zu kommen. Ständig drängelten sich entgegenkommende Wagen an den Engstellen vor und ließen kaum ein Vorrankommen zu. Dennoch blieb Christian geduldig grüßte sogar viele der Leute die ihm begegneten.
Rianna beschäftigte sich währenddessen ausgiebig mit Aiko, der nun neben ihr saß und sichtlich die Aufmerksamkeit genoss, die man ihm zukommen ließ.
Ein entferntes Grollen ließ sie zum Himmel blicken und entdeckte dort eine Menge dunkler Wolken, die sich langsam auf sie zubewegten.
„Hoffentlich sind wir zurück bevor uns dieses Unwetter erreicht!“, rief Rianna über den allgemeinen Lärm hinweg.
„Ich kann nichts versprechen, aber ich befürchte dass wir noch einige Zeit brauchen bis wir wieder zurück sind. Ihr solltet euch schon einmal darauf einstellen nass zu werden!“ feixte Christian, der ebenfalls den Himmel in Augenschein nahm.
„Ein bisschen Abkühlung wäre vielleicht gar nicht mal so schlecht!“, erwiderte Rianna. Zwar mochte sie das warme Sommerwetter das gerade herrschte. Doch war sie auch die kühlende Bergluft gewohnt die in Horin fast immer wehte. Hier in Kebor stand jedoch die heiße Luft und war schon fast erdrückend.
Mit einem plötzlichen Ruck setzte sich der Wagen wieder in Bewegung, sodass sich Rianna festhalten musste um nicht nach hinten zu fallen. Ein leises Donnern hatte auch die umstehenden Leute dazu veranlasst in Richtung der bedrohlichen Wolken zu blicken und Christian hatte diese Chance genutzt nun selbst einmal vorzudrängeln.
Einige Zeit später hatte der ihnen entgegenkommende Menschenstrom deutlich nachgelassen und vor ihnen war bereits der Markt zu sehen. Doch kurz davor lenkte Christian den Wagen in eine Gasse und hielt wenige Schritt später an. Mit den Worten: „Wir sind da!“, band er die Zügel an einen Pfosten, vor dem eine Tränke stand, und quetschte sich zwischen einer Hauswand und dem Wagen vorbei zurück auf die Straße aus der sie kamen.
Rianna kletterte auf die Ladefläche und sprang am Ende des Wagens an Christians Seite. Gemeinsam gingen sie zu Vorderseite des Hauses, neben dem der Wirt das Fuhrwerk abgestellt hatte, wo sie bereits erwartet wurden.
„Hallo Christian!“, begrüßte ein schlanker Mann, in vergleichsweise feinen Gewändern, den Wirt, „Ich hatte eigentlich etwas früher mit dir gerechnet!“
„Entschuldige, aber es kamen noch ein paar Gäste, die zuerst versorgt werden wollten“, erwiderte Christian, was ihm einen abschätzenden Blick seines gegenüber einbrachte.
„Ein Glück für dich, dass du sonst immer sehr zuverlässig bist und auch immer gleich bezahlst. Sonst hätte ich nicht auf dich gewartet, sondern hättest vor einer verschlossenen Tür gestanden!“, mahnte der Mann und verschwand durch eine große Doppeltür. Man hörte ihn etwas Unverständliches rufen und tauchte einen Augenblick später wieder auf.
„Wo wir gerade von Bezahlung sprachen!“, meinte der Mann und sah den Wirt vielsagend an.
Kopfschüttelnd griff Christian in seine Tasche und holte eine Goldmünze, die Rianna stark an jene erinnerte die Gramil ihr gegeben hatte, und überreichte sie dem Mann.
Mit hochgezogener Augenbraue betrachtete dieser die Münze und meinte verächtlich: „Ich frage besser nicht woher du so etwas hast!“ und begab sich anschließend wieder ins Innere.
Zeitglich hörte man von dort, wie etwas Schweres herbei gerollt wurde. Kurz darauf erschienen zwei kräftige Männer, die je ein Fass vor sich her rollten und diese zu Christians Wagen beförderten.
Einer der Beiden zog ein langes Brett vom Wagen, welches sie nun als Rampe nutzten um gemeinsam die Fässer darüber auf die Ladefläche zu rollen.
„Kann ich den Wagen dort für eine Weile stehen lassen?“, wollte Christian vom Lagerverwalter wissen, als dieser mit einem gut gefüllten Geldbeutel zurückkam. „Wir wollten noch etwas in der Stadt besorgen.“
Der Mann warf einen kurzen Blick um die Ecke zum Fuhrwerk und meinte lapidar: „Meinet wegen. Ich erwarte heute sowieso niemanden mehr.“
„Vielen Dank!“, verabschiedete sich Christian und bat Rianna ihm zu folgen. Er führte sie durch einige menschenleere Gassen, bis sie wieder auf einer breiten Straße standen.
„Seht ihr das Haus mit dem Nasenschild, auf dem ein goldener Hammer mit einem Ambos abgebildet ist?“, fragte Christian und zeigte in die Richtung.
Rianna musste ein wenig suchen, da viele der Häuser dieser Straße solche Schilder und Wappen besaßen. Doch fand sie es Schließlich und antwortete nickend: „Ja!“
„Gut. Dort werdet ihr den Goldschmied finden! Er ist ein guter Freund von mir sagt ihm einfach das ich euch schicke“, erklärte der Wirt weiter, „Ich will noch eine kleine Besorgung für meine Schwester tätigen und komme dann sofort nach. Wartet bitte dort auf mich, solltet ihr fertig sein bevor ich wieder bei euch bin. Es sollte aber nicht lange dauern!“
„Ich werde mich schon nicht verlaufen“, scherzte Rianna und ging zu dem ihr gewiesenen Haus.
Eine kleine Glocke erklang als sie die Tür zu einem kleinen Raum öffnete in dem der Goldschmied seine Kunstfertigkeit zur Schau stellte.
„Guten Tag!“, grüßte sie zwei Herren, die sich bis gerade eben wohl noch miteinander unterhalten hatten, aber nun die eintretende junge Frau in Augenschein nahmen. Sie erwiderten den Gruß und führten dann ihr Gespräch fort. Allerdings ließ der etwas kleinere der Beiden Rianna nicht mehr aus den Augen, während sie die kleinen Kunstwerke, die in Vitrinen und Schaukästen ausgestellt waren, bewunderte.
„Und ihr seid euch sicher, dass dies meiner Frau gefallen wird?“, hackte der zweite Mann, der eine Uniform, ähnlich der der Stadtwachen die Rianna hier gesehen hatte, nach und betrachtete eine Brosche welche er in der Hand hielt.
„Daran habe ich keine Zweifel! Was solche Fragen angeht könnt ihr meinem Urteil getrost vertrauen Kommandant!“, sicherte derjenige zu, der ohne Zweifel der Goldschmied war. Was man an seiner Arbeitskleidung erkennen konnte. „Aber würdet ihr mich für einen Moment entschuldigen? Ich könntet es euch ja so lange noch einmal überlegen!“
„Aber natürlich“, bestätigte sein Gegenüber, während Rianna durch den Spalt einer Halb offenen Tür in einen Nebenraum linste. Nach den Geräuschen, die daraus zu hören waren, und dem was sie sah war dies höchstwahrscheinlich die Werkstatt des Schmieds.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte er argwöhnisch.
Erschrocken wandte Rianna sich um und meinte zögerlich: „Ich … Ohh entschuldigt bitte. Ja, das könnt ihr, denke ich. Ich wollte mich nur erkundigen ob ihr einen Stein für mich einfassen könntet!“, und lächelte freundlich.
„Und was für ein Stein soll das bitte sein?“, erkundigte sich der Goldschmied skeptisch, „Sollte das nur irgend ein Kieselstein sein, kannst du auch gleich wieder gehen!“
Rianna verstand nicht, wieso er so abweisend reagiert. Daher ignorierte sie diesen Kommentar und holte stattdessen die Drachenträne hervor, um sie dem Goldschmied zu zeigen. „Diesen Stein hätte ich gerne eingefasst! Wäre das möglich?“
Die Augen des Goldschmieds verengten sich und dann riss er Rianna die Drachenträne förmlich aus den Händen um sie genauer zu begutachten.
„Stimmt etwas nicht?“, erkundigte sich der andere Mann, da ihm das Verhalten des Goldschmieds wohl aufgefallen war.
„Weiß ich noch nicht!“, antwortete dieser und holte eine Augenlupe hervor um sich den Stein zwischen seinen Fingern noch genauer ansehen zu können. „Nur so viel vor ab. Ich kenne keine Magd, die sich einen geschliffenen Edelstein dieser Größe leisten könnte. Ihr etwa, Geron? Denn es ist mit Sicherheit kein Glas“
Der Kommandant musterte Rianna eindringend, während sie das Gefühl überkam, dass sie doch besser in Horin zu Horst gegangen wäre.
„Ich weiß nicht einmal was das für eine Sorte ist!“, rätselte der Schmied fasziniert und konnte seinen Blick kaum noch abwenden. „Obsidian ist es auf jeden Fall nicht und für einen Granat ist er schon fast zu schwarz. Zumindest hab ich noch nie einen so dunklen gesehen. Vielleicht ein … nein doch nicht. Zu leicht für seine Größe. Nein, ich weiß es beim besten Willen nicht und das soll schon was heißen!“ Der Goldschmied legte die Lupe wieder beiseite und wandte sich fragend an Rianna: „Los, erzähl schon! Wo hast du diesen Stein her?“
„Ein sehr guter Freund hat ihn mir geschenkt!“, antwortete Rianna, wegen der unfreundlichen Behandlung die man ihr entgegenbrachte, gereizt. „Aber wenn ihr ihn nicht fassen wollt, gebt ihn mir zurück und ich suche mir jemand anderes!“
„Das könnte dir so passen!“, erwiderte der Schmied hämisch lachend, „Womit willst du das überhaupt bezahlen? Oder glaubst du der Anblick dieses Steines wäre mir Lohn genug?“
Rianna griff nach einer der Goldmünzen ihrer Tasche und schnippte sie dem Mann entgegen, der sie mit einer geschickten Handbewegung in der Luft auffing.
„Reicht das um eure Dienste in Anspruch nehmen zu dürfen?“, erwiderte sie frech und stemmte ihr Hände in die Hüften. Der überraschte Goldschmied zeigte derweil die Münze Geron, der zu Riannas Genugtuung nicht weniger erstaunt über deren Anblick war.
„Ja, das reicht allerdings!“, bestätigte der Kommandant statt des Schmiedes, was Rianna jedoch nicht direkt bemerkte und daher wieder zufrieden lächelte. „Das reicht mir um dich eine Zeitlang in eine Zelle zu stecken, bis du mir verraten hast woher du dass alles hast!“, wurde Geron nun deutlicher und der Goldschmied nickte zustimmend.
„Was?“, entfuhr es Rianna erschrocken und wollte nicht glauben was sie dort hörte. Kaum war sie den Lyzarie entkommen, drohte sie schonwieder in irgendeinem feuchten Keller als Gefangene zu enden. „Weswegen? Ich habe nichts getan!“
„Nein natürlich nicht!“, lachte Geron, „wäre ja auch was neues wenn eine Diebin ihre Taten zugibt. Selbst wenn man sie dabei erwischt!“
„Ich habe auch nichts gestohlen!“, protestierte Rianna lautstark. Daraufhin hörte man, dass in der Werkstatt nebenan die Arbeit eingestellt wurde und einige neugierige Gesichter lugten durch den Türspalt. „Die Drachenträne habe ich von einem …“ „… guten Freund. Ja ja, das hast du bereits erzählt!“, unterbrach sie Geron gelangweilt abwinkend, „Und selbst wenn. Solange dein Freund nicht gerade ein wohlhabender Zwerg ist, was wohl kaum der Fall sein wird, kann das was du hier mitgebracht hast nur Diebesgut sein!“
„Na toll!“, dachte Rianna verzweifelnd, „Den Stein hab ich von einem Drachen und das Gold tatsächlich von einem Zwerg. Beides wohl nicht sehr glaubwürdig.“
Auch dachte sie darüber nach, reiß aus zu nehmen. Doch bezweifelte sie überhaupt durch die Tür zu kommen. Geschweige denn aus einer Stadt in der sie sich keinen Deut auskannte und dann vermutlich von jeder Wache gesucht würde. Außerdem konnte sie es nicht verantworten, die Drachenträne hier zurückzulassen. Das wollte sie Turmalon nicht zumuten. Fieberhaft dachte Rianna über einen Ausweg nach. Doch wollte ihr keiner einfallen.
„Ein Magierstein manchmal auch Drachenträne genannt. Sie hat tatsächlich recht!“, meinte der Goldschmied plötzlich über ein Buch gebeugt. Rianna war so in Gedanken, dass sie gar nicht mitbekommen hatte wie er es von einem Regal geholt und auf einer der Vitrinen aufgeschlagen hatte. Er hob das Buch auf und in Gerons Richtung. Dabei zeigte er auf eine viertel Seiten große Abbildung eines Steines, der wie eine Träne geformt war und hielt zum Vergleich das schwarze Ebenstück daneben.
„Hervorragend! Dann wissen wir ja jetzt was genau sie gestohlen hat!“, bemerkte der Kommandant erfreut. „Das sollte uns doch helfen herauszufinden, wer beraubt wurde. Oder?“
„Selbst wenn, es wäre den Aufwand nicht wert!“, enttäuschte der Goldschmied Geron, „Diese steine sind zwar sehr rar und auch ich sehe einen solchen zum ersten Mal. Aber sie haben keinen Wert, da sie mit Hilfe von Magie hergestellt werden. Vermutlich hat sie irgendeinem Magier ihre Dienste angeboten und er entlohnte sie mit dem Stein. So schön sie auch aussehen mögen, so sind sie zum Glück nichts wert. Sonst hätten die Magier uns damit vermutlich schon längst überhäuft!“
Schließlich warf er den Stein angewidert, als wolle er ihn schnell wieder loswerden, zurück zu seiner Besitzerin, die ihn erleichtert auffing. Sie sah es nicht nötig, die beiden über die Eigenschaften der Drachenträne aufzuklären.
„Tja, Pesch gehabt meine kleine!“, lachte Geron dreckig, „Hättest besser weniger große Augen bei dem Klunker machen und dir stattdessen das Geld nehmen sollen!“
„Ich werde es mir merken!“, erwiderte Rianna, die Augen verdrehend und wollte nur noch weg von diesem Ort. „Dann kann ich ja jetzt gehen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich zur Tür und wollte ihren Worten, Taten folgen lassen. Doch hatte sie noch keinen Schritt machen können, als Geron sie von hinten unsanft an der Schulter packte und wieder herum riss.
„Einen Moment! So einfach kommst du mir nicht davon!“, widersprach er erbost und hielt sie, nun schon fast schmerzhaft, fest am Arm. „Es bleibt immer noch die Sache mit dem Gold zu klären! Und solange du mir nicht verrätst woher du es hast, kommst du mit mir!“
Es half nichts. Rianna wusste nicht wie sie ihm dies glaubhaft erklären sollte. Mit einem kräftigen Ruck, der Geron sichtlich überraschte, konnte sie sich aus seinem Griff befreien und rannte zur Tür.
Der Kommandant brauchte einen Moment bis er seine starre überwunden hatte und eilte schließlich hinterher, als sie dabei war die Tür zu öffnen. Doch als Rianna sie aufriss und hindurchlaufen wollte stieß sie mit Christian zusammen, der ebenfalls in diesem Augenblick durch die Tür wollte.
„Wieso denn so eilig?“, erkundigte sich der überraschte Wirt, als er Rianna erkannte.
Bevor sie jedoch etwas erwidern konnte, packte Geron sie triumphierend mit den Worten: „Hab ich dich!“ Und zerrte sie, abermals an den Schultern, unsanft zurück in den Laden.
„Dürfte ich erfahren, was das gerade sollte?“, wollte Christian wissen, nachdem er ebenfalls eingetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte.
„Habe nur eine kleine Diebin aufgegriffen, die gerade dabei war reiß aus zu nehmen!“, antwortete Geron unfreundlich, „ich danke euch zwar, dass ihr sie davon abhalten konntet. Allerdings wüsste ich nicht was euch das angeht!“
„Eine Diebin?“, wunderte sich Christian und sah zu Rianna, die heftig den Kopf schüttelte. „Also das kann ich mir nicht vorstellen. Außerdem geht es mich sehr wohl etwas an, wenn ihr einen meiner Gäste, der ich versprach auf sie acht zu geben, einer solchen Straftat beschuldigt!“
„Einer eurer Gäste?“, wiederholte Geron abfällig, „Jetzt wird mir so einiges klar. Und sie ist nicht zufällig zusammen mit einem gesuchten Verbrecher bei euch untergekommen?“
„Nein, ihre Gefährten machten nicht den Eindruck irgendwelchen zwielichtigen Geschäften nach zu gehen!“, verneinte der Wirt.
„Ja klar, vermutlich sind sie genauso rechtschaffend wie der Rest deiner Kundschaft!“, konterte Geron sarkastisch, „Aber vielleicht kannst du mir ja verraten, wie sie an dieses Zwergengold gekommen ist!“
„Das kann ich in der Tat!“, bestätigte Christian grinsend, „Sie hat es, ob du es glaubst oder nicht, von einem Zwerg der sie begleitet!“
„Eine glaubhaftere Geschichte ist dir wohl auf die Schnelle nicht eingefallen, Christian?“, lachte der Kommandant halbherzig, „Und wie ist dieser Zwerg hier her gekommen? Ist er etwa aus einem Loch gekrochen?“
„Wieso fragst du ihn das nicht einfach selbst?“, schlug der Wirt vor, „Er wird auf jeden Fall noch bis morgen früh bei mir einquartiert sein.“
„Das werde ich!“, knurrte Geron und ließ Rianna wieder los. Mit schweren Schritten ging er zur Tür und bevor er verschwand sagte er: „Das Gold werde ich solange behalten. Außerdem wäre es besser für euch beide, wenn du die Wahrheit gesagt hast. Sonst war es das letzte Mal, dass ich über das was in deiner Spelunke vorgeht hinweg gesehen habe!“
Begleitet vom langen klingeln des Glöckchen, viel die Tür lautstark ins Schloss.
„Alles in Ordnung bei euch?“, erkundigte sich Christian besorgt bei Rianna.
„Ja, es ist nichts passiert!“, seufzte Rianna und war froh, dass der Wirt rechtzeitig aufgetaucht war. „Aber musstet ihr von Gramil erzählen?“
„Hätte ich das etwa für mich behalten sollen?“, fragte der Wirt überrascht.
„Nicht wegen ihm!“, korrigierte Rianna, „Ich meinte wegen Turmalon!“
„Dem wird es mit Sicherheit gut gehen!“, versuchte Christian sie zu beruhigen, was ihm jedoch nicht gelang. Sie ging aber auch nicht weiter darauf ein.
„Was war hier eigentlich los?“, wollte er nun wissen und ließ sich von Rianna aufklären. Während sie erzählte, stieg die Schamesröte im Gesicht des Goldschmiedes immer höher, bis Christian schließlich schallend lachen musste: „Seit wann bist du denn so zimperlich Gilbert? Bei mir fragst du doch auch nicht woher ich die Juwelen habe die ich dir regelmäßig anbiete!“
„Entschuldige bitte. Hätte ich gewusst dass sie von dir kommt, hätte ich gewartet bis Geron verschwunden wäre!“, rechtfertigte sich der Goldschmied windend, „Aber was sollte ich machen? Ich kann wohl kaum irgendwelche krummen Geschäfte drehen während der Kommandant der hiesigen Kaserne mir über die Schultern schaut!“
„Deswegen meinte ich du sollst ihm sagen das ich dich schicke!“, erinnerte Christian kopfschüttelnd.
„Ich wollte kein krummes Geschäft drehen, sondern dass ihr mir diesen Stein einfasst!“, protestierte Rianna und hielt ihm die Drachenträne entgegen. Den Einwand von Christian schien sie vollkommen außer Acht zu lassen. „Außerdem ist sie keineswegs wertlos! Zumindest nicht für mich!“
„Ich kann mich nur nochmals entschuldigen“, erwiderte Gilbert kleinlaut, „Wie wünscht ihr denn, dass ich ihn einfassen soll?“
„So, dass ich ihn als Anhänger Tragen kann!“, antwortete Rianna, ihren Ärger wieder vergessend.
„Ja, dass sollte kein Problem sein“, meinte Gilbert und nahm den Stein entgegen, „Kommt in einer Woche wieder. Dann sollte er fertig sein!“
„Eine Woche?“, japste Rianna enttäuscht, „So lange hatte ich nicht vor hier zu bleiben!“
„Ich habe der Zeit leider sehr viel zu tun. Daher die lange Wartezeit!“, erklärte Gilbert entschuldigend.
„Oder du erledigst es jetzt sofort und bekommst dafür bei meiner nächsten Lieferung einen für dich besseren Preis!“, schlug Christian vor und streckte dem Goldschmied die Hand entgegen.
„Abgemacht!“, erklärte Gilbert, nicht lange drüber nachdenkend, sich mit dem Geschäft einverstanden und besiegelte es mit einem Händedruck. „Das wird dann aber nur eine sehr simple Einfassung und ohne irgendwelche Verzierungen. Aber trotz alle dem werdet ihr euch einen Moment gedulden müssen. Denn ich kann nicht Zaubern!“
„Das ist kein Problem. Wir können bestimmt so lange warten“, versicherte Rianna lächelnd, „Und Verzierungen sind auch nicht nötig.“
„In Ordnung. Dann mache ich mich rasch an die Arbeit!“, versprach der Goldschmied und begab sich zur Werkstatt. Dort wurde er von seinen beiden Gesellen in Empfang genommen, was ihm jedoch nicht sehr zu erfreuen schien. „Los, zurück an die Arbeit!“, brüllte er und schloss hinter sich die Tür.
„Na komm schon und zeig dich!“, rief Rianna ungeduldig und wühlte im Stroh herum um nach Turmalon zu suchen. „Wach endlich auf und komm heraus!“
Sie sah sich im Stall um und suchte nach einer anderen Stelle, an der sich der Drache hätte verstecken können. Doch schon einen Augenblick später, war wieder das Rascheln des Strohs zu hören. Etwas darin regte sich und nach einer Weile kam die Spitze von Turmalons Schnauze, mit einem leisen Schnauben, an die Oberfläche hervor.
Mühsam kämpfte Rianna sich über das lockere Stroh, um zu dem Drachen zu gelangen und befreite, als sie ihn erreichte, seinen Kopf von den restlichen Halmen.
„Schau mal was ich hier habe!“, bat Rianna ihn darum, ihr neues Schmuckstück zu bewundern. Sie ließ die Drachenträne, die nun in Silber gefasst war und an einem Verflochtenen Lederband hing, vor seiner Schnauze baumeln.
Müde öffnete Turmalon seine Augen und verfolgte abwesend den vor seiner Nase hin und her pendelnden Stein. Erst nach einer Weile erkannte er, was Rianna ihm dort zeigte. Neugierig streckte er seinen Kopf hervor, um die Drachenträne genauer in Augenschein nehmen zu können, und wollte wissen: „Wozu soll das gut sein?“
„Jetzt kann ich sie mir umhängen und sie so immer bei mir tragen!“, erklärte sie aufgeregt. Um es ihm zu verdeutlichen, hing sie sich das Lederband um den Hals, sodass der Stein mittig auf ihrer Brust ruhte, nachdem sie ihre langen Haare darunter hervorgezogen hatte.
„Und, wie findest du es?“, fragte Rianna, sich präsentierend.
„Eine gute Idee!“, antwortete Turmalon.
„Das war jetzt nicht unbedingt das was ich hören wollte“, seufzte Rianna leise und lies die Arme schlaf herabfallen, woraufhin der Drache sie fragend, mit zur Seite geneigte Kopf, ansah.
„Sag einfach, dass es dir gefällt!“, lachte Rianna und stemmt provokant ihre Hände in die Hüften.
„Es gefällt mir auf jeden Fall“, bestätigte Turmalon langsam nickend.
„Gut, dass ist alles was ich hören wollte!“, lachte Rianna erneut und der Drache musterte sie abermals mit fragendem Gesichtsausdruck. „Schlaf noch ein wenig. Wir werden sowieso frühestens morgen weiter fliegen. Vor allem bei dem Wetter dort draußen!“
Zur Bestätigung ihrer Worte erhellte ein greller Blitz das innere des Stalls und der darauf folgende Donner ließ die beiden durch das offene Tor blicken, vor dem es heftig regnete.
Begonnen hatte es bereits auf dem Rückweg aus der Stadt. Christian und Rianna fuhren noch einigermaßen trocken, mit dem mit allerlei Waren voll beladenen Wagen, auf den Hof. Während er das Fuhrwerk zu einem Unterstand rangierte und das Pferd zurück in den Stall brachte, war Rianna direkt zu Turmalon geeilt.
Nach dem der Drache sich wieder im Strohhaufen verkrochen hatte, kletterte Rianna von diesem herunter und begab sich auf den Weg zurück ins Gasthaus. Als sie jedoch das Tor erreichte, bemerkte sie drei Männer, die in ihre Umhänge gehüllt und mit über den Kopf geschlagenen Kapuzen, gerade von ihren Pferden stiegen.
„Na das trifft sich doch hervorragend!“, erkannte Rianna Kommandant Gerons stimme unter den Männern, die sich ihr nun näherten. „Die kleine Diebin ist auch hier. Dann kann ich es mir gleich sparen, nach dir suchen zu müssen!“ Seinen Worten folgte ein hässliches Lachen, in das die beiden anderen ebenfalls einstimmten.
„Du!“, zeigte er auf einen der Männer, „Versorg die Pferde und bleib bei ihnen. Ich habe keine Lust nachher feststellen zu müssen, dass sie sich einer von Christians sogenannten Freunden unter den Nagel gerissen hat!“
„Jawohl!“, antwortete der Angewiesene steif und übernahm die Pferde seiner Kammeraden, um sie in eine der Freien Boxen im Stall unterzubringen.
Geron warf seine Kapuze zurück und sah missmutig auf das Schmuckstück, welches auf Riannas Brust prangte. Als er danach greifen wollte, schlug sie ihm die Hand weg und protestierte: „Las die Finger davon!“
„Du kleine … wagst es …!“, brüllte Geron erzürnt und holte zu einer Ohrfeige aus. Doch verfehlte er Rianna, da sie mit so etwas gerechnet hatte und rechtzeitig einen Schritt nach hinten ausgewichen war. Daraufhin war aus der hinteren Ecke des Stalls ein gedämpftes Knurren zu hören. Dennoch war es laut genug, dass alle drei Männer kurz aufhorchten.
Rianna war beruhigt zu wissen, dass Turmalon diesmal auf der Stelle eingreifen konnte. Hoffte aber auch, dass dies nicht notwendig sein würde.
„Dieser verfluchte Köter wieder“, knurrte nun ebenfalls Geron mit geschlossenen Zähnen. „Der hat schon genug Ärger gemacht und soll bloß bleiben wo er ist. Sonst ziehe ich ihm wortwörtlich das Fell über die Ohren!“
„Bevor ihr eine solche Dummheit begeht, die ihr mit Sicherheit hinterher bereuen werdet, kommt besser mit herein!“, schlug Christian vor, der zusammen mit besagtem Hund vor dem Tor im strömenden Regen stand. „Und ihr dort hinten solltet nicht so neugierig sein!“, meinte er zu dem Mann, der auf die Pferde aufpassen sollte und argwöhnisch vor dem Strohhaufen stand in dem Turmalon sich versteckte. „Manchmal sucht hier drin das ein oder andere Tier Unterschlupf, dem man lieber nicht gegenüberstehen möchte!“
Ein weiteres Knurren dröhnte zur Bestätigung durch den Stall und ließ den Mann wieder ein paar respekterfüllte Schritte von dem Haufen weg gehen.
„Solange man sie jedoch nicht stört, lassen sie einen auch in Ruhe“, fuhr Christian unbeirrt fort.
„Komm dort endlich weg und sorg dafür, dass den Pferden nichts geschieht!“, befahl Geron entnervt. „Mich interessiert nicht was für Tiere sich hier verstecken. Sondern bringt mich endlich zu diesem Zwerg, der angeblich hier sein soll!“
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