Unsanft wurde Rianna von einem Hämmern geweckt. Langsam richtete sie sich auf, um nach der Quelle des Lärmes zu suchen und entdeckte, wie jemand mit einem Hammer das Rad einer Kutsche bearbeitete. Den Schlaf aus ihren Augen reibend, brauchte es einen Moment, bis sie wieder wusste wo sie war. Aber der tatenkräftige Mann mit dem Hammer war aber nicht der Einzige. Um sie herum waren die meisten Mitglieder der Karawane damit beschäftigt, die Spuren der gestrigen Geschehnisse zu beseitigen.
Ein Blick in den Himmel verriet Rianna, dass sie später wach wurde, als sie es gewohnt war.
Die Sonne war schon lange aufgegangen, stand aber noch lange nicht im Zenit.
Als nächstes sah sie sich nach Turmalon um, welcher nicht mehr zu sehen war. Erschrocken sprang sie auf und suchte hektisch die nähere Umgebung nach dem Drachen ab. Doch konnte sie ihn nirgends entdecken.
„Wenn du deinen Drachen suchst, der lässt ausrichten, er hätte Hunger und ist vorhin losgeflogen, um zu jagen!“, beruhigte ein Söldner sie, der ihre aufkommende Panik bemerkt hatte.
Rasch legte sich Riannas schreck, mit einem lauten Seufzer, wieder. Sie dankte dem Söldner für die Auskunft und ging zurück zu ihrem Nachtlager. Gründlich befreite sie die Decken, auf denen sie geschlafen hatte, von Staub und Dreck und faltete sie zusammen. Rianna wollte sie möglichst bald ihrem Besitzer zurückgeben. Dabei begann sie jedoch langsam, ebenfalls Hunger zu bekommen, was sie von ihrem knurrenden Magen bestätigt bekam. Also nahm sie ihre Tasche vom Boden, und hoffte darin etwas Essbares zu finden. Doch hatte sie die Tasche noch nicht ganz geöffnet, als ihr klar wurde, dass sie nichts darin finden würde um ihren Hunger zu stillen.
Eigentlich hatte sie zuhause vorgehabt, einige Lebensmittel aus der Vorratskammer mitnehmen. Da Silvia sie aber in ihrem Zimmer dabei erwischt hatte, wie sie ihre Sachen zusammengepackt hatte und dann dort eingeschlossen wurde, musste Rianna diese Vorhaben jedoch wieder aufgeben. Leider hatte sie es auch völlig versäumt, sich stattdessen wo anders ein paar Vorräte zu besorgen. Nur gut, dass sie nun bei den Händlern war, bei denen sie sich immerhin etwas kaufen konnte. Der Grund, weshalb sie hier war, war dafür natürlich weniger erfreulich. Zunächst brachte sie aber die geliehenen Sachen zurück.
„Ich danke Ihnen für die Decken“, sagte Rianna zu einem kleineren Mann, der damit beschäftigt war, seine Pferde, die seinen Wagen zogen, zu füttern.
„Nichts zu danken!“, antwortete der Händler. „Nachdem du und dein Drache uns gestern Abend das Leben gerettet haben, war das das Mindeste, was ich für euch tun konnte! Wenn es sonst noch etwas gibt, was ihr braucht, scheut euch nicht zu fragen.“
„Ja, da gibt tatsächlich noch etwas, das ich bräuchte.“, erwiderte Rianna. Dabei verzog der Händler jedoch sein Gesicht, als ob er seine Aussage bereits bereuen würde und diese lediglich einer vorgetäuschten Hilfsbereitschaft halber geäußert hatte. In Wahrheit schien er jedoch zu hoffen, dass Rianna nichts mehr benötigen würde.
„Ich war bei meiner Abreise so in Eile, dass ich meine Essensvorräte habe liegen lassen“, fuhr Rianna fort. „Falls Ihr also etwas habt, was ihr entbehren könntet, wäre ich euch sehr dankbar dafür.“
Der Mann überlegte einen Moment und entgegnete dann: „Nein, leider nicht! Ich habe meine Vorräte selbst ein wenig knapp für diese Reise bemessen.“
„Trotzdem danke“, erwidert Rianna und verabschiedete sich vom Händler.
Sie wollte gerade weitergehen, als Gerald sie ansprach: „Hallo! Gestern Abend kam ich ja nicht mehr dazu, aber ich würde mich gerne mit euch unterhalten.“
„Meinetwegen gerne“, erwiderte Rianna. „Worüber wollt ihr denn mit mir reden?“
„Kommt zunächst einmal mit mir mit!“ bat Gerald sie ihm zu folgen, „Es muss ja nicht jeder mitbekommen, was wir miteinander zu besprechen haben!“
Beide gingen auf die Straße zu, auf der sie am Abend zuvor gegen die Soldaten aus Calay gekämpft hatten.
„Eine Kundschafterin aus Horin, die mit einem Drachen unterwegs ist!“, stellte Gerald beeindruckt fest. „Eine Kombination, die mit Sicherheit ihre Vorzüge hat, wenn man bedenkt, wie schnell man sich in der Luft fortbewegt kann und sich dabei keinerlei Gedanken machen muss, ob das Gelände auch passierbar ist. Nein, man fliegt einfach darüber hinweg und kann so alle Probleme, die auf dem Boden lauern, umgehen. Und als Waffe ist er auch äußerst schlagkräftig, wie man ja sehen konnte. Dennoch war mir nicht bekannt, dass Horin einen Drachen sein eigen nennt! Andererseits wusste ich auch nicht, dass Soldaten anfangen zu brennen, nachdem man sie getötet hat.“
Beide blieben nun auf dem Weg stehen und man konnte sehen, wovon er sprach. Überall um sie herum lagen verbrannte Leichen. Rianna schätzte, dass es etwas mehr als ein Dutzend waren und sagte dann: „Ja, dieses … Phänomen habe ich auch beobachtet und konnte es kaum glauben.“ Sie trat an einen der verbrannten Köper heran und betrachtete ihn genauer. Außer der menschenähnlichen Form war jedoch nicht mehr viel zu erkennen.
„Ich sollte erwähnen, dass ich zwar aus Horin komme, wie Ihr richtig vermutet habt, aber ich bin keine Späherin“, gestand Rianna. „Dass ich eine ihrer Rüstungen trage, liegt an einer guten Freundin. Sie ist Späherin und da sie mich im Bogenschießen ausgebildet hat, gab sie mir diese, da man sich darin besser bewegen kann als in einem Kleid.“ Dabei sah sie Gerald direkt an und dieser konnte nun das erste Mal deutlich in ihre Augen sehen. „Und um noch etwas klarzustellen: Turmalon ist weder in meinem noch in sonst jemandes Besitz!“, fuhr sie in einem scharfen Ton fort. „Daher bitte ich Euch, solche Aussagen in Zukunft zu unterlassen! Besonders ihm gegenüber!“ Rianna beruhigte sich wieder und fragte dann: „Aber das war doch nicht alles, worüber Sie mit mir sprechen wollten, nicht wahr?“
Gerald schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, mir ist gestern noch etwas Merkwürdiges an den Soldaten aufgefallen!“
„Merkwürdiger als grundlos anzugreifen?“, erkundigte sich Rianna. „Oder, dass sie in Flammen aufgehen?“
„Nun, mir ist aufgefallen, wie sie sich Eurem Drachen gegenüber verhalten haben“, antwortete Gerald und Rianna sah ihn durchdringend an. „Die Soldaten hatten ihm zu Beginn kaum Beachtung geschenkt, schienen sogar davon auszugehen, dass er mit an ihrer Seite kämpfen würde. Mich würde interessieren, wieso sie das getan haben!“
„Ich kann mich erinnern. Als wir im Lager landeten, begannen die Soldaten zu jubeln!“, fügte Rianna hinzu. „Ich habe keine Erklärung dafür. Ob Turmalon das kann, weiß ich nicht! Allerdings bin ich mir sicher, dass er ebenso überrascht darüber war wie Sie und ich.“
„Das wird er mir dann selbst bestätigen müssen.“, erwiderte Gerald. „Wo ist er überhaupt? Ich habe nur mitbekommen, dass er eben das Lager verlassen hat.“
„Er ist zum Jagen unterwegs“, entgegnete Rianna. „Aber weshalb interessiert Euch das überhaupt?“
Nun war es Gerald, der die Fassung verlor: „Ich habe gestern Abend vier gute Männer und einige Händler verloren, drei weitere sind schwer verletzt. Dabei ist nicht einmal sicher, ob sie den nächsten Tag erleben werden. Fast alle anderen hier haben irgendwelche Verletzungen davongetragen. Hinzu kommt, dass vier Wagen der Händler abgebrannt sind. Ich würde einfach gerne wissen, wieso wir gestern von etwa drei Dutzend Soldaten ohne Grund angegriffen worden sind. Es waren zwar zum größten Teil die miserabelsten Kämpfer, gegen die ich je antreten musste, dennoch hat ihre schiere Überzahl diesen Nachteil wieder ausgeglichen. Und der Einzige, der mir möglicherweise ein paar Antworten geben kann, ist Euer Drache!“
Erschrocken hatte Rianna die Luft angehalten, als Gerald ihr trocken die Folgen des Gestrigen Kampfes aufzählte. Ihr war zwar klar, dass die Leute hier Verluste zu beklagen hatten, jedoch hatte sie dies noch nicht verinnerlicht. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass das Leben nicht immer so läuft, wie man es gerne hätte. Sie hatte, bis auf ihre Mutter, keinerlei Verluste erfahren müssen, und nie einen nahen Verwandten betrauert. Selbst den Tod ihrer Mutter hatte sie nicht als solchen wahrgenommen, da diese ja kurz nach Riannas Geburt verstorben war. Rianna wurde schwindelig, weshalb sie sich auf den Boden setzte. Diese Erkenntnis musste sie jetzt erst einmal verarbeiten.
„Was ist los?“, wollte Gerald wissen, der sie nun besorgt ansah. „Geht es Euch nicht gut?“
„Doch, mit mir ist alles in Ordnung“, sagte Rianna kopfschüttelnd, „Allerdings frage ich mich, ob ich das Richtige getan habe.“
„Um ehrlich zu sein, hätte Euer Erscheinen gestern zwar etwas besser laufen können“, seufzte Gerald vorwurfsvoll, „dennoch, woher solltet ihr beiden auch wissen, wie man auf euch reagiert? Außerdem konntet ihr uns ja schließlich helfen und daher denke ich, dass es nicht ganz falsch gewesen sein kann!“
„Danke, aber das habe ich nicht gemeint“, erwiderte Rianna und stand wieder auf. „Mein Aufrichtige Beileid wegen euren Männern und dass ich die Fragen nicht beantworten konnte.“
„Ich verstehe“, ächzte Gerald enttäuscht, „Ich habe ohnehin nicht erwartet, dass ich ein paar Antworten bekomme. Aber Ihr könnt mit Sicherheit auch nachvollziehen, warum ich frage!“
„Selbstverständlich kann ich das“, entgegnete Rianna, „und ich würde euch auch wirklich gerne weiterhelfen. Wenn Turmalon nachher wieder zurückkehrt, werde ich ihn darauf ansprechen und dann mitteilen, was er darüber weiß. Oder kommt einfach zu uns und fragt ihn selbst.“
„Einverstanden. Ich sehe jetzt erst einmal nach meinen Männern“, erklärte Gerald. „Wir sehen uns dann später!“
Kurz darauf tauchte Tabea zwischen den Überresten zweier verbrannter Pferdeanhängern auf und ging auf Gerald und Rianna zu.
„Tabea! Zu dir wollte ich gerade kommen“, begrüßte Gerald die alte Frau.
„Dann hätte ich mir den Weg ja sparen können!“ klagte Tabea missmutig und ignorierte seinen Gruß. „Rianna, meine Liebe, schön dich zu sehen. Dann war der Weg ja nicht ganz umsonst“, sagte sie nun wesentlich freundlicher. „Wo ist denn der Drache? Ich habe ihn nirgends gesehen!“
„Wieso will eigentlich jeder wissen, wo Turmalon ist?“, fragte sich Rianna, sagte aber stattdessen: „Er ist unterwegs, sollte aber bald wieder auftauchen.“
„Ah ja, das ist gut! Ich kann es kaum noch erwarten, ihn mir genauer anzusehen“, erklärte die alte Frau und man merkte ihr an, wie aufgeregt sie war. Dies legte sich jedoch schnell, als sie sich erneut an Gerald wandte: „Die drei Verletzten sollten wieder auf die Beine kommen. Was sie jetzt aber erst einmal brauchen, ist Ruhe!“
„Dann werden wir heute hier bleiben!“, entschied der Karawanenanführer kurz entschlossen. „Ich denke, die meisten werden diese Pause wegen der gestrigen Kämpfe begrüßen.“
Die Drei sahen in den strahlend blauen Vormittagshimmel, nachdem ein Schatten über sie hinwegflog. Dieser gehörte natürlich zu Turmalon, der gerade im hinteren Teil des Lagers landete.
„Na endlich!“, stieß Tabea erfreut hervor und machte sich sogleich auf den Weg zum Drachen. Gerald folgte ihr, und Rianna war abermals erstaunt darüber, wie schnell die alte Frau sein konnte, wenn sie wollte. Dabei musste man bedenken, dass sie sich eben noch nur mit Hilfe ihres Gehstock, auf den sie sich stützte, bewegen konnte. Rianna fragte sich, ob Tabea allen nur etwas vorspielen würde. Im Grunde konnte es ihr aber auch egal sein, schließlich schadete die alte Frau damit auch niemanden.
Als Rianna wieder zu den beiden aufschloss, war Tabea damit beschäftigt, sich Turmalon genauestens von Kopf bis Schwanz anzusehen. Dem Drachen, der noch etwas von seiner Jagdbeute im Maul trug, schien diese ungewohnte Aufmerksamkeit nicht zu behagen. Hilfesuchend sah er Rianna an und fragte: «Was will diese Frau von mir?»
„Wunderbar!“, meinte Tabea und tänzelte leichtfüßig um den Drachen herum. Gleichzeitig wurde sie von diesem die ganze Zeit über skeptisch beobachtet.
„Es ist aber ungewöhnlich, dass ein Drache seines Alters alleine unterwegs ist!“, erklärte Tabea. „Normalerweise bleiben sie, bis sie ausgewachsen sind, bei den Eltern, da bis dahin ihre Schuppen noch nicht ausgehärtet sind und daher noch nicht so viel Schutz bieten. Wobei ich nicht bestreiten will, dass sie auch jetzt schon nicht ganz leicht zu durchdringen sind. Außerdem lernen sie auch währenddessen alles Nötige von ihnen. Sag schon, was ist mit deinen Eltern passiert?“
«Das geht sie nichts an!», sagte Turmalon zu Rianna.
„Bist du etwa deswegen so abgemagert?“, fragte die alte Frau und tätschelte Turmalon dabei ein paar Mal mit der Hand auf den Bauch, woraufhin er sich knurrend zu ihr umdrehte.
„Na, na, mein Kleiner! Wer wird denn hier gleich sauer werden? Keine Angst, ich werde dir schon nichts tun!“, witzelte Tabea und fuhr damit fort, ihn sich zu betrachten.
«Ich werde ihr aber gleich etwas antun, wenn sie so weiter macht!», meinte Turmalon.
„Bleib ruhig und sei doch froh darüber, dass es auch Menschen gibt, die sich darüber freuen können, einen Drachen zu sehen“, erwiderte Rianna.
«Wenn alle ihre Freude so zum Ausdruck bringen werden, ist es mir lieber, wenn die Leute mich nicht mögen!», entgegnete Turmalon ihr.
„Was soll das denn jetzt heißen?“, verlangte Rianna in einem aufgebrachten Tonfall zu erfahren. Gerald und Tabea, die gerade damit beschäftigt waren, Turmalons Flügel zu inspizieren, sahen sie nun überrascht an.
„Was soll was heißen?“, fragte Gerald irritiert.
Erst jetzt wurde Rianna klar, das nur sie dies hören konnte, wenn Turmalon sich mit ihr auf der Gedankenebene unterhielt. Verlegen schaute sie auf den Boden und sagte: „Ach nichts! Ich habe nur laut gedacht!“
„Sehr laut, um genau zu sein.“, bemerkte Gerald und war nicht überzeugt von dieser Erklärung. „Und nach nichts hat es sich ebenfalls nicht angehört!“
Musternd trat Tabea an Rianna heran. „Er hat telepathisch mit ihr gesprochen! Sehr Interessant! Wobei es für einen Drachen nicht ungewöhnlich ist, auf diese Weise zu kommunizieren. Es ist so viel einfacher, jemandem ein gedankliches Bild von dem zu zeigen, was man meint, als es in Worten auszudrücken. Natürlich können auch Gespräche auf diese Weise miteinander geführt werden.“
„Ist das wahr?“, fragte Gerald neugierig und Rianna nickte mit dem Kopf.
„Darf man dann erfahren, was er gesagt hat, dass du deswegen so aufgebracht warst?“, erkundigte sich Gerald weiter.
„Er meinte nur, dass es ihn stört, wie Tabea um ihn herumspringt und ihn überall anfasst“, erklärte Rianna.
„Ich bitte um Verzeihung!“, entschuldigte sich Tabea. „Ich war nur so aufgeregt, nach meiner jahrelangen Suche endlich einem Drachen zu begegnen. Da habe ich ganz meine Manieren vergessen.“
„Das kommt bei ihr scheinbar öfter vor!“, dachte sich Rianna, sagte aber nichts.
„Dürfte ich dich um etwas bitten?“, fragte nun Tabea den Drachen. Der jedoch gab ein Schnauben von sich, legte die Bergziege, die er immer noch im Maul hatte, auf den Boden und antwortete: „Nachher, vielleicht!“
Tabea machte Anstalten, darauf etwas zu erwidern, überlegte es sich dann aber anders.
„Ich habe mir gedacht, dass du ebenfalls Hunger hast“, sagte Turmalon und stupste dann mit der Schnauze die Ziege an. „Die sollte problemlos für dich reichen!“
„Ja, danke!“, seufzte Rianna. „Den hab ich tatsächlich! Leider hab ich aber keine Ahnung, wie ich das Tier ausnehmen soll!“
„Das ist kein Problem“, mischte sich Gerald lachend ein und winkte einen der Söldner herbei.
„Wenn Ihr erlaubt? Dieser Mann wird euch den besten Eintopf daraus zaubern, den ihr je gegessen habt!“, behauptete Gerald und klopfte dem Mann dabei auf die Schultern.
„Meinetwegen gerne“, willigte Rianna ein. „Allerdings möchte ich ja nicht unhöflich erscheinen, aber das wird doch mit Sicherheit etwas dauern, bis es fertig ist und eigentlich könnte ich jetzt schon etwas zu essen vertragen!“
„Kein Problem!“, erklärte Gerald und wandte sich dann an den neben ihm stehenden Mann. „Nimm die Ziege und mach was Feines daraus. Bring ihr aber vorher etwas von unseren Vorräten.“ Unsicher näherte sich der Mann langsam der Ziege, die vor Turmalon lag, und ließ den Drachen dabei nicht aus den Augen. Er schulterte das erlegte Tier und verschwand hinter einem der Wagen. Kurze Zeit später kam er mit zwei Fladenbroten, Dörrfleisch und einem Stück Käse zurück und gab es Rianna. Sie bedankte sich bei ihm, und er machte sich dann an die Zubereitung des Eintopfes.
„Nun zu dir und deinem Anliegen, alte Frau!“, grummelte Turmalon.
„Ich würde dich gerne um einige deiner Schuppen und etwas Blut bitten. Ich brauche es für … einen Trank“, offenbarte Tabea ihren Wunsch.
„Nein!“, fauchte Turmalon plötzlich wütend. „Niemals wirst du oder sonst irgendjemand wieder etwas von meinem Blut bekommen!“
Vor Schreck stolperte Tabea einige Schritte vom Drachen weg. Fragend sah sie Rianna an, aber auch sie war von diese Reaktion verblüff und konnte nur mit den Schultern zucken. Flehend wand sich Tabea wieder Turmalon zu: „W ... wieso nicht? Wo ist denn das Problem?“
Doch bis auf ein lautes Schnauben blieb er eine Antwort schuldig.
„Vielleicht weiß ich doch, was los ist“, sagte Rianna und kramte in ihrer Tasche. Sie holte die Drachenträne hervor und zeigte sie Tabea. „Ich glaube, es hat was mit diesem Stein und dessen Entstehung zu tun!“
„Der sieht ja interessant aus!“, meinte die alte Frau neugierig. „Darf ich ihn mir einmal genauer ansehen?“
„Nein!“, fauchte Turmalon abermals, als Rianna den tropfenförmigen Stein Tabea übergeben wollte. „Sie wird diesen Stein nicht bekommen. Rianna, steck ihn bitte wieder weg!“
Erschrocken zuckte Rianna zurück und sah Turmalon verwundert an. Umgehend tat sie, worum er gebeten hatte und die Träne verschwand schnell wieder in der Tasche. Besänftigt entspannten sich seine Züge wieder, allerdings wandte er sich von der Gruppe ab und suchte offenbar nach einen Platz, an dem er seine Ruhe hatte.
„Ich glaube, ich werde später noch einmal wegen meiner Fragen wiederkommen!“, meinte Gerald. „Ich habe ohnehin noch anderes zu tun.“ Dann eilte er los und verwickelte augenscheinlich die erste Person, die ihm über den Weg lief, in ein Gespräch.
Enttäuscht sackte Tabea dem Boden zusammen und fing an zu schluchzen: „Nach so langer Zeit hatte ich endlich gehofft, meinem Ziel ein Stückchen näher zu kommen und jetzt das.“
„Bitte Entschuldige!“, seufzte Rianna und half der alten Frau wieder auf. „Ich bin mir mittlerweile zwar sicher, was mit ihm los ist, aber ich weiß nicht, ob es ihm recht ist, wenn ich euch dies erzähle. Wie ihr euch sicher denken könnt, hängt es mit dem schwarzen Stein zusammen.“
Tabea nickte lediglich und schaute in die Richtung, in die Turmalon verschwunden war. Abseits vom Lager hatte dieser eine ruhige Stelle gefunden und sich dort niedergelassen.
„Ich hatte meine Suche bereits aufgegeben“, fing Tabea betrübt an zu erzählen. „Eigentlich war ich wieder auf dem Weg nach Hause. Jahrzehntelang bin ich auf der Suche nach einem Drachen sowohl durch Eboria als auch Calay gereist. Habe jedes Gerücht, welches mir zu Ohren gekommen ist, auf seinen Wahrheitsgehalt geprüft. Jeden bekannten Hort aufgesucht, in der Hoffnung, dort einen Hinweis auf den Verbleib seines ehemaligen Bewohners zu finden. Und nun, wo ich endlich gefunden habe, wonach ich so lange suchte, wird mir meine Bitte verwehrt!“
„Ich könnte ja noch einmal versuchen, ihn umzustimmen“, schlug Rianna vorsichtig vor. „Allerdings glaube ich kaum, dass ich viel Erfolg haben werde. Zumindest, was das Blut von ihm angeht! Würden euch die Schuppen nicht genügen?“
Tabea sah Rianna wieder ein wenig erwartungsvoller an und sagte: „Würdest du das wirklich für mich tun?“ Rianna nickte ihr zu.
„Hmm … nur die Schuppen? Nein sie alleine bringen mir nicht viel. Eigentlich benötige ich sie nicht. Es gibt nur einige nützliche Werkzeuge die man daraus herstellen kann“, erwiderte Tabea.
„Werkzeuge?“, fragte Rianna irritiert. „Welcher Art?“
„Ach, nicht so wichtig! Aber was ich noch fragen wollte: Wie habt ihr beiden euch eigentlich kennen gelernt?“, wollte Tabea nun plötzlich wissen.
„Ich habe ihn kurz nach eurer Abreise aus Horin getroffen“, antwortete Rianna aufgeregt. „Er wurde am Bein verletzt und war kaum im Stande zu laufen. Ich hatte ihn daher so gut ich konnte versorgt, und glaub mir, er war zu mir anfangs genauso abweisend wie zu euch.“
„Ah ja? Sehr schade, dass ich zu der Zeit schon wieder unterwegs war. Aber dafür seid ihr ja jetzt hier“, erwiderte Tabea. „Dann hoffe ich mal, dass du ihn umgestimmt bekommst. So, ich möchte dich jetzt nicht weiter aufhalten.“
Tabea begab sich rasch wieder in das Zelt, in dem die drei Schwerverletzten lagen. Rianna hingegen ging zu Turmalon. Knurrend sah er auf, als er bemerkte, dass jemand auf ihn zukam. Beruhigte sich aber wieder als er Rianna erkannte und legte den Kopf wieder auf den Boden. Sie setzte sich zu ihm und lehnte sich mit dem Rücken an seine Brust. Schweigend sah sie zum Himmel auf betrachtete die wenigen Wolken, die langsam über sie hinwegzogen.
Gähnend beobachtet Turmalon was sie tat, schloss dann aber wieder seine Augen und döste vor sich hin. Nach einer Weile lehnte sich Rianna gegen sein Vorderbein und begann, das Lichtspiel auf den Schuppen zu verfolgen. Wie die scheinbar schwarzen Schuppen begannen, Rot zu schimmern, je nachdem, wie das Licht der Sonne auf sie fiel. Bewundernd folgte sie einigen Mustern und Linien, die sie auf seiner Brust zu erkennen glaubte, mit den Fingern. Doch änderten sie sich mit jeder Berührung. Als Rianna anfing, gegen die Wachstumsrichtung der Schuppen zu streichen, fühlten sie sich nicht mehr so glatt an. Sie stellten sich ein wenig auf und kratzten regelrecht über ihre Haut. Schnaubend gab Turmalon seinen Unmut kund, als sie begann, mit der ganzen Handfläche so über seine Schuppen zu fahren. Dies hielt sie jedoch nicht davon ab, weiter zu machen.
„Hey! Hör auf“, beschwerte sich Turmalon nach einiger Zeit. „Das kitzelt!“
„Jetzt sagt bloß nicht, dass unser großer Drache hier kitzlig ist!“, stellte Rianna amüsiert fest und machte um einiges wilder weiter. Hörte aber erschrocken auf, als sich einige der Schuppen lösten und zu Boden fielen. Stellte aber zugleich erleichtert fest, dass darunter bereits neue nachwuchsen und vermutete dass sie ohnehin bald ausgefallen wären.
Ohne jede Vorwarnung sprang Turmalon auf, sodass Rianna, die noch immer gegen sein Bein lehnte, nach hinten auf den Boden fiel. Er hastete um sie herum und stellte sich über sie. Nun lag Rianna zwischen seinen Vorderpranken. Er neigte seinen langen Hals so, dass er sie direkt ansehen konnte und sagte ernst: „Ich sagte, du sollst damit aufhören!“
Eingeschüchtert sah sie zu ihm auf, doch bevor sie etwas erwidern konnte, brummte er: „Jetzt muss ich mich wohl revanchieren!“ Dabei fing er an zu grinsen und begann mit seiner rauen Zunge über Riannas Gesicht zu lecken.
„Ja … in Ordnung… du hast gewonnen!“, ergab Rianna sich kichernd und Turmalon hörte auf mit seiner Art der Bestrafung. Er schritt nach hinten, damit Rianna wieder aufstehen konnte. Allerdings hockte sie sich nur hin und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht.
„Immerhin kann ich es mir für heute sparen, das Gesicht zu Waschen!“, scherzte Rianna und rieb sich die Hand am Ärmel.
„Ich kann auch noch den Rest sauber machen, wenn du willst?“, entgegnete Turmalon und streckte daraufhin seine Zunge wieder raus.
„Nein, danke!“, erwiderte Rianna und hob abwehrend ihre Hände. „Einmal am Tag reicht!“
„Schade!“, brummte Turmalon enttäuscht und legte sich vor sie wieder auf den Boden.
Nachdenklich betrachtete Rianna eine von Turmalons Schuppe, die sie noch in der Hand hielt. Weitere fand sie um sich herum liegend. Sie erhob sich und Sammelte alle die sie fand, bis sie am Ende eine Handvoll dieser Plättchen in verschiedensten Größen beisammen hatte.
„Was hast du damit vor?“, wollte Turmalon wissen, welcher sie beim Einsammeln aufmerksam beobachtet hatte.
„Hast du etwas dagegen, wenn ich diese Schuppen Tabea gebe?“, fragte Rianna und erwartete, dass Turmalon sofort wieder ablehnen würde.
„Von mir aus kann sie sie haben“, antwortete der Drache, nach dem er einen Moment darüber nachdachte, anders als erwartet „Aber nur die Schuppen! Falls ich merken sollte, dass sie mir in irgendeiner Art zu schaden versucht, wird sie dies bereuen! Sag ihr das!“
„Ich werde es ihr ausrichten“, versprach Rianna und machte Anstalten, zum Lager zurückgehen zu wollen.
„Gehst du etwa jetzt schon zu ihr?“, wollte Turmalon wissen.
„Ja, ich hab es ihr versprochen!“, antwortete sie ihm, worauf er nur noch ein Grummeln von sich gab.
Rianna klopfte an die offenstehende Tür von Tabeas Wagen und trat ein. Die alte Frau war wiedermal damit beschäftigt, irgendetwas in ihren Regalen zu suchen. Sie hatte bereits einige Fläschchen auf der angesammelt und schien etwas zusammen zu mischen. Daher bekam sie auch nicht mit, dass Rianna hereingekommen war. Laut Räusperte sie sich und verkündete dann: „Ich habe ein paar Schuppen bekommen. Ich hoffe, es sind nicht zu wenige.“
„Sehr schön. Leg sie einfach auf den Tisch“, entgegnete Tabea wie beiläufig, ohne ihre Suche zu unterbrechen. „Und mach dir über die Menge keine Sorgen. Mir hätte eine oder zwei genügt. Aber es kann nie schaden, einen Vorrat zu besitzen.“
„Ich soll außerdem noch etwas ausrichten. Wenn Turmalon bemerken sollte, dass ihr sie gegen ihn verwendet, würdet ihr es bereuen!“, wiederholte Rianna die Worte des Drachen und legte dann die Schuppen auf den Tisch. Verblüfft hörte Tabea auf, in ihren Regalen zu kramen und sah zu Rianna.
„Was denken die Leuten nur immer über mich?“, fragte Tabea erschüttert und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich bin doch keine Hexe und verfluche oder verzaubere niemanden! So etwas liegt gar nicht in meinem Interesse.“
Rianna wusste darauf keine Antwort und konnte nur mit den Schultern zucken.
„Nun gut! Wenn es ihn beruhigt! Ich werde mit den Schuppen nichts machen, dass ihm Schaden könnte“, versprach Tabea und wendete sich wieder ihren Regalen zu. „Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich habe zu tun.“
Rianna nahm an, dass sich Turmalon mit diesem Versprechen zufrieden geben würde und verließ daher wieder den Schindelwagen. Jedoch war sie kaum die Stufen vor der Tür hinabgestiegen, als Tabea bereits wieder nach ihr rief: „Einen Moment bitte, Rianna! Ich hätte doch noch eine Bitte!“
Weshalb sie also wieder umkehrte und abermals den Wagen betrat. Diesmal stand Tabea vor dem kleinen Schrank und nahm etwas aus einer der nun offenen Schubladen. Mit einer kleinen Glasflasche kam sie auf Rianna zu, drückte ihr diese in die Hand und sagte: „Halt das mal einen Moment und gib mir deine rechte Hand!“
Überrumpelt, weil sie nicht wusste was die alte Frau vor hatte, reichte sie ihr die Hand. Tabea griff den Zeigefinger und drehte ihn, sodass Riannas Handinnenfläche nach oben zeigte. Dann passierte alles sehr schnell. Mit einer Nadel stach sie in Riannas Finger, riss die Flasche aus Riannas Hand und fing die wenigen Tropfen Blut, welche hervorgequollen kamen, damit auf.
„Danke, das war’s schon!“, erklärte Tabea unbekümmert. „Und keine Angst! Auch hiermit werde ich nichts machen, was dir oder ihm schaden wird!“
Rianna wusste noch immer nicht wie ihr geschehen war und untersuchte die winzige Einstichwunde. Demonstrativ hielt sie den Finger hoch, als sie die Aussage von Tabea hörte.
„Naja, mal abgesehen von diesem kleinen Pikser!“
Karl und Friedrich warteten jetzt schon seit einer gefühlten Ewigkeit am Tor auf Aaron und Erick.
„Also dafür, dass er gestern noch den Drachen zu Fuß verfolgen wollte, lässt er sich heute ziemlich viel Zeit“, meinte Karl und schaute ungeduldig von seinem Pferd die Straße entlang.
Friedrich zuckte daraufhin nur mit den Schultern. Ihn schien es nicht zu stören, dass sie warten mussten.
„Na endlich! Da kommen sie!“, sagte Karl, als er Aaron heranreiten sah. „Naja, zumindest einer von beiden.“
Nachdem der Sohn des Bürgermeisters die beiden Späher erreicht hatte, fragte Karl: „Wieso hat das denn so lange gedauert? Wir wollten uns doch kurz nach Sonnenaufgang hier treffen! Ach, was soll’s, wir müssen ja ohnehin noch auf Erick warten“, und gab dabei einen frustrierten Seufzer von sich.
„Nein, müssen wir nicht! Erick wird nicht mitkommen. Sein Vater wollte das nicht. Das ist auch der Grund, warum ich so spät bin“, erklärte Aaron. „Ich hatte mit Otwin noch eine Diskussion deswegen.“
„Dann lasst uns keine Zeit mehr verlieren und endlich losreiten!“, schlug Karl vor und machte sogleich den Anfang. „Ich hoffe, du hast nichts vergessen! Denn wir werden ziemlich lange unterwegs sein.“
Aaron schüttelte den Kopf und erwiderte: „Von dem, was du mir empfohlen hast, habe ich alles dabei!“
Einige Zeit später begegnete den drei Männern im Wald eine Frau, die ebenfalls in ihre Richtung ritt. Sie schien in Gedanken zu sein und bemerkte daher nicht, wie die Gruppe ihr immer näher kam.
„Ich verstehe aber immer noch nicht, wieso wir auf diese Weise reisen! Du könntest doch genauso gut …“, mitten im Satz brach sie ab und blickte hinter sich. „Oh! Guten Morgen, die Herren.“
Die drei Männer hatten die Frau nun erreicht und passten sich ihrer Geschwindigkeit an.
„Guten Morgen, werte Dame“, grüßte Karl freundlich zurück. „Ihnen ist doch hoffentlich bewusst, dass, wenn sie diesem Weg weiter folgen, sie die nächsten Tage im Gebirge unterwegs sein werden, bis sie das nächste Dorf erreichen!“
„Ja, dessen bin ich mir durchaus bewusst“, antwortete die Frau.
„Und dennoch reist Ihr alleine?“, fragte Karl verwundert. „Dann solltet Ihr aber auch wissen, dass es dort sehr gefährlich sein kann. Vor allem für eine Frau, die alleine unterwegs ist. Dabei sind die Banditen, die sich in den Höhlen verstecken, noch das kleinste Übel.“
„Ich weiß ihre Führsorge sehr wohl zu schätzen, aber leider habe ich keine andere Wahl!“, erwiderte die Frau, schwieg sich aber über die Gründe dafür aus.
„Kommt, es ist nicht unser Problem!“, bemerkte Aaron harsch. „Wir haben es eilig und können uns nicht auch noch hierum kümmern!
„Wenn du dich eben nicht verspätet hättest, wären wir auch schon viel weiter!“, meinte Karl mahnend. „Außerdem haben wir sowieso in nächster Zeit den gleichen Weg. Daher können wir sie genauso gut begleiten.“
„Sie wird uns doch nur aufhalten!“, protestierte Aaron.
„Und wenn schon!“, erwiderte Karl, „Ich kann und will es nicht verantworten, wenn ihr unterwegs etwas passiert!“
„Großartig! Und was ist, wenn meiner Verlobten etwas passiert?“, brüllte Aaron. „Könnt ihr das verantworten?“
„Oh, ich bin mir sicher, dass sie in guten Händen ist!“, bemerkte Karl gelassen.
„In guten Klauen wäre treffender“, scherzte Friedrich und gab einen kurzen Lacher von sich.
Karl schaute ihn dabei schief an, musste dann aber auch grinsen und fuhr fort: „Außerdem solltest du dir besser überlegen, was du zu ihr sagst, wenn wir sie gefunden haben. Denk daran, du wirst sie überreden müssen, dass sie mit uns mitkommt. Denn ich vermute, wenn du sie nicht überzeugen kannst, wirst du nicht nur sie gegen dich haben!“ Aaron gab daraufhin nur noch ein Murren von sich.
„Ich nehme euer überaus großzügiges Angebot dankend an“, sagte die Frau lächelnd. „Und macht euch keine Sorgen, der alte Gaul hier ist noch ganz gut auf Trapp!“
Genau in diesem Augenblick blieb ihr Pferd stehen und blickte hinter sich auf seine Reiterin.
Man konnte den Eindruck gewinnen, als würde es ihr diese Bemerkung übel nehmen. Daher sagte die Frau: „Entschuldige, dass mit dem Gaul war nicht so gemeint! Und jetzt los, bevor wir die Herren wirklich noch aufhalten.“
Alia lag in einem Bett eines der Gasthäuser von Kebor und wartete darauf, dass Geron, der Kommandant der hiesigen Garnison, sie endlich zu sich rufen würde. Besorgt starrte sie an die Decke und wollte wissen, wie es Riam ging. Außerdem wollte sie die Wache loswerden, welche ihr auf Schritt und Tritt folgte und sie daran hinderte, ihrem Auftrag nachzukommen. Geron hatte ihr die Wahl gelassen, dass sie entweder in den Kerker geworfen oder von der Wache begleitet wird, solange bis er wüsste, was wirklich vorgefallen war. Sie hatte sich für das kleinere Übel entschieden und konnte sich so zumindest fast überall frei in der Stadt bewegen. Immerhin kam Geron für ihre Unterbringung auf, jedoch kam ihr der Raum, in dem sie sich nun befand, nur unwesentlich besser vor als eine Zelle - mit dem Unterschied, dass sie diese Zelle jederzeit verlassen konnte. Nun lag sie in dem kleinen, spärlich eingerichteten Zimmer und grübelte darüber, was gestern passiert war.
Als es an der Tür klopfte, schreckte Alia auf, da sie tief in ihren Gedanken versunken war und antwortete dann: „Herein!“
Ihr zweiter Schatten öffnete die Tür und trat ins Zimmer. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass Alia es war, die vor ihm auf dem Bett lag, sagte er: „Geron erwarte Euch. Wir sollen unverzüglich zu ihm kommen!“
„Das wurde aber auch Zeit“, erwiderte Alia genervt und stand auf. Sorgfältig verschloss sie die Tür, nachdem beide den Raum verlassen hatten, und folgte dann eilig ihrem unfreiwilligen Begleiter einem schmalen Flur entlang, die Treppe hinunter durch den halbvollen Schankraum des Gasthauses nach draußen.
Düstere Regenwolken waren aufgezogen, wie Alia bemerkte als sie zum Himmel aufsah, und spiegelte ihre Stimmung wieder. Sie kündigten ein baldiges Unwetter an und man roch bereits den Regen. Doch noch war es nicht so weit.
Das Gasthaus, in dem Alia untergebracht war, lag mitten im Handwerker- und Händlerviertel und somit am anderen Ende der Stadt. Deswegen wollte sie sich auch beeilen, dort hinzukommen. Was sich jedoch auf der engen, dafür aber stark belebten Straße, als gar nicht so einfach erwies. Mehrfach mussten sie sich durch Menschenansammlungen hindurchdrängen, die sich vor einem der vielen Markstände gesammelt hatten. Oder Sie warteten darauf, bis sich vollbeladene Karren, die kaum schmäler als die Straße waren, durch eine Engstelle hindurch gezwängt hatten.
Erst als sie den Hauptmarktplatz erreichten, kamen sie wieder schneller voran, da sie den Leuten hier trotz des Gedränges einfacher ausweichen konnten. Das zeigte, dass sich die Handelsbeziehungen zwischen Eboria und Calay im Gegensatz zu den Politischen kaum verändert hatten. Jeder, der über den Bergpass ins Nachbarland wollte, oder wie Alia und Riam, von dort kam, machte hier in Kebor einen Zwischenhalt.
Nun auf einmal wurden die Straßen mit jedem Schritt, den sich die Beiden vom Markt entfernten, wieder ruhiger, bis sie vor dem Tor der Mauer standen, welche die Garnison umgab. Alias Begleitung wechselte ein paar Worte mit der Torwache und man ließ sie durch eine kleine Seitenpforte auf den Appellplatz, der bis auf einige Soldaten, die sich miteinander unterhielten, nahezu leer war. Außerdem standen hier mehrere Gebäude, die wie Alia vermutete, Unterkünfte, Lageräume, Ställe und als Waffenkammern genutzt wurden!
Alia wurde zu einem kleineren Gebäude, das sich links vom Tor befand, geleitet. Darin wurde sie von Geron empfangen, welcher die Wache bat, vor der Tür zu warten.
„Ich befürchte, dass ich keine guten Nachrichten für Euch habe, Alia“, begann der Kommandant zu berichten, und bat ihr den Stuhl ihm gegenüber an.
Kraftlos ließ sich Alia auf dem ihr dargebotenen Platz nieder. Sie ahnte was geschehen war, fragte aber dennoch: „Es ist wegen Riam, habe ich recht?“
Verhalten nickte Geron und fuhr fort: „Ja, Euer Gefährte ist heute Morgen an seiner Verletzung verstorben! Der Heiler sagte, dass die Wunde zu tief war. Er hat alles versucht, doch leider konnte er ihm nicht mehr helfen. Seid Euch meinem Mitgefühl gewiss.“
Sichtlich gefasst nahm Alia die Neuigkeit auf, da sie einerseits schon damit gerechnet hatte und es andererseits nicht der erste Kamerad war, der an ihrer Seite gefallen war.
Diese Gleichmütigkeit bemerkte auch Geron und sagte: „Sein Tod scheint Euch ja nicht besonders nahezugehen !“
„Ich habe zwar bis zuletzt gehofft, dass er es schaffen wird, aber um ehrlich zu sein, war mir auch klar, wie gering die Chance dazu war“, erwiderte Alia bekümmert. „Es bereitet mir durchaus Kummer. Jedoch ist dies weder der richtige Ort noch der Zeitpunkt, um zu trauern.“
„Wahre Worte!“, antwortete Geron beeindruckt. „Jedoch erwartet man solche Worte nicht von einfachen Bauern, Reisenden oder als was auch immer Ihr Euch darstellen wollt. Sondern von kampferfahrenen Soldaten oder Söldnern, die wissen, wann man sich eine Ablenkung leisten kann!“
Geron schien beobachten zu wollen, wie Alia darauf reagierte. Sie jedoch blieb ruhig und wartete ab, was er noch zu sagen hatte.
„Kommen wir jetzt zu dem, was gestern Nachmittag passiert ist und weshalb ihr hier seid!“, erklärte Geron.
„Das habe ich doch gestern Abend schon alles erzählt!“, seufzte Alia
„Vielleicht ist Euch ja seitdem etwas Neues eingefallen“, erwiderte Geron, worauf sie nur mit dem Kopf schütteln konnte. „Dann sollte es Euch wenigstens freuen, dass wir die Pferde wieder einfangen konnten. Sie wurden zu den Ställen gebracht und werden dort versorgt. Ach, und bevor ich es vergesse!“ Der Hauptmann griff rechts neben sich unter den Tisch und holte einen Bündel hervor und warf ihn laut scheppernd vor sich. „Dies hattet Ihr noch in der Satteltasche!“
Alias gesamte Ausrüstung lag nun vor ihr und Geron starrte sie Durchdringend an. Sie war sich nicht sicher, ob er wusste, was er da gefunden hatte, fühlte sich aber ertappt. Dennoch entschied sie, ihm nicht die Wahrheit und die eigentlichen Gründe ihrer Reise mitzuteilen. Nicht wenn sie als Spion im Kerker landen wollte. „Ja, dies ist meine Ausrüstung! Aber es ist doch nicht verboten, sich zu schützen. Vor allem nicht, wenn man durch das Beohgebirge reist!“
„Haltet Ihr mich für so dumm, dass ich nicht weiß, woher diese Rüstung stammt?“, fragte Geron energisch. „Also los, heraus damit! Wieso werden zwei Späher aus Eboria von ihren eigenen Soldaten angegriffen?“
Seufzend sah Alia ein, dass der Versuch vergebens war. Resignierend antwortete sie: „Ich weiß es nicht! …“ Geron schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, wodurch Alia kurz aufschreckte. Doch bevor er etwas sagen konnte, fuhr sie fort: „ … wir sind zu zweit aus Horin hierhergekommen, da wir herausfinden sollten, ob etwas an den Gerüchten stimmte, dass König Adrian Calay auf einen Krieg vorbereiten würde. Kurz bevor wir Kebor erreichten, stellten sich uns die Soldaten in den Weg. Wir gaben uns zu erkennen und verlangten zu erfahren, was sie hier zu suchen hatten. Trotzdem griffen uns die Soldaten ohne jede Vorwarnung an und den Rest kennt Ihr ja bereits!“
Geron lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und faltete seine Hände auf dem Bauch zusammen. Er musterte Alia eine Zeit lang einschätzend und rief dann „Wache!“
„Hallo, ihr beiden!“, grüßte Gerald Rianna und Turmalon. Sie hatte sich wieder an seine Brust gelehnt und aß gerade aus einer Holzschale den Eintopf, den Gerald für sie hatte zubereiten lassen, während Turmalon in der Sonne döste.
„Ich hoffe, es schmeckt!“, bemerkte er und Rianna nickte ihm zu, da sie gerade einen weiteren Bissen genommen hatte. „Sehr schön! Ich sagte ja, dass er gut ist. Deswegen bin ich aber nicht hier! Hast du mit ihm schon über das merkwürdige Verhalten der Soldaten gesprochen?“
Rianna schüttelte den Kopf und schluckte hastig den Bissen herunter. Dann sagte sie: „Nein, habe ich noch nicht! Entschuldige bitte, ich habe nicht mehr daran gedacht.“
„Macht nichts! Deswegen bin ich ja jetzt hier“, entgegnete Gerald und betrachtete dann den Drachen. „Ist er wach? Ansonsten kann ich auch später noch einmal kommen.“
„Nicht nötig, den bekomm ich schon wach“, versicherte Rianna und rieb Turmalon, wie am Morgen, mit der Hand über die Brust.
„Habe ich nicht gesagt, dass du das sein lassen sollst?“, brummte der Drache, ließ seine Augen aber geschlossen. „Oder muss ich dich nochmal daran erinnern, was geschieht, wenn du weitermachst?“
„Nein, musst du nicht. Jedoch scheint es die einfachste Methode zu sein, dich zu wecken“, antwortete Rianna amüsiert. „Außerdem würde sich Gerald gerne mit dir unterhalten!“
Schwerfällig erhob Turmalon seinen Kopf, um mit Gerald auf einer Augenhöhe zu sein und wartete darauf, was der Anführer der Karawane zu sagen hatte. Es dauerte jedoch einen Augenblick, bis dieser verstand.
„Mir ist gestern Abend aufgefallen, wie die Soldaten, die uns angegriffen haben, sich dir gegenüber verhalten haben“, fing Gerald an zu erklären. „Was sie getan haben, solltest du ja noch wissen. Was mich interessiert ist, ob du eine Ahnung hast, wieso sie sich so verhalten haben.“
„Nein ich habe Keine Erklärung dafür!“, antwortete Turmalon nach kurzem Überlegen.
Es verging wieder einige Zeit, bis Gerald begriff, dass dies alles war, was der Drache dazu zu sagen hatte und er die ernüchternde Antwort verdaut hatte.
„Es muss doch einen Grund geben, warum sie gejubelt haben als sie dich sahen oder sie dich anfangs ignorierten, als du begonnen hast, sie anzugreifen!“, fuhr Gerald verzweifelt nach einer Antwort suchend fort. „Ich meine, das Erste, was ich dachte, als ich dich sah, war: ‚Das werden wir nicht überleben! Es wäre das Letzte gewesen, was ich getan hätte, mich über den Anblick eines Drachens zu freuen. Selbstverständlich bin ich nun dankbar darüber, dass ich mich geirrt habe und du uns geholfen hast. Dennoch, ich verstehe es nicht!“
„Es gibt mit Sicherheit eine Erklärung dafür“, erwiderte Turmalon. „Jedoch habe ich keine! Ich kann mich nicht erinnern, dass ich diese Männer jemals zuvor gesehen habe.“
Gerald begann rot anzulaufen, doch bevor er seiner Wut freien Lauf lassen konnte, mischte sich Rianna ein: „Beruhige dich bitte! Ich habe dir heute Morgen bereits gesagt, dass wir uns das selbst nicht erklären konnten!“
Gerald stand da, mit einem wutverzerrten Gesicht und starrte auf Turmalon.
„Du hast ja Recht!“, gab Gerald, nach mehreren Anläufen, schließlich zu und beruhigte sich langsam wieder. „Ich suche nun mal den Verantwortlichen für das, was passiert ist und gebe den einzig greifbaren die Schuld dafür, auch wenn es die Falschen sind. Entschuldigt bitte!“ Dann drehte er um und ging zurück ins Lager.
„Ich muss gestehen, dass es mich auch langsam interessiert, was das alles zu bedeuten hat“, gestand Rianna und aß daraufhin den restlichen Inhalt ihrer Schale.
„Wir können ja nach den Soldaten Ausschau halten, wenn wir gleich weiterfliegen“, schlug Turmalon vor. „Vielleicht können wir sie ja dazu ‚überreden‘, uns ein paar Antworten zu geben, falls wir sie überhaupt finden.“
„Einverstanden!“, stimmte Rianna zu. „Komm, wir verabschieden uns aber vorher noch.“
Turmalon war zwar nicht sonderlich begeistert von der Idee, folgte Rianna aber kommentarlos. Zuerst ging sie zu Tabeas Wagen. Nachdem sie an deren Tür angeklopft hatte und sich die obere Türhälfte öffnete, erschien jedoch zu Riannas Überraschung, nicht Tabea.
Eine junge Frau, etwa in Riannas Alter und mit kurzem schwarzen Haar, schaute aus der Tür und sagte dann: „Hallo Rianna, kann ich dir helfen?“
„Du kennst mich?“, fragte Rianna erstaunt.
Die Frau hielt einen Moment inne und antwortete dann: „Tabea hat die letzten Tage sehr viel über dich erzählt! Schade, dass ich erst jetzt das Vergnügen habe, dich kennenzulernen. Ich bin Erina und bin Tabeas Gehilfin.“ Sie reichte Rianna zum Gruß die Hand.
Rianna ergriff die Hand und fragte dann: „Wie kommt es denn, dass ich dich bisher weder hier noch in Horin gesehen habe?“
„Tabea hält mich ganz schön auf Trab! Sie ist nun mal nicht mehr gut zu Fuß und daher erledige ich das Meiste, was anfällt, für sie“, erklärte Erina, woraufhin Turmalon auf sie zukam. „Und du bist dann mit Sicherheit Turmalon!“ Doch statt ihr auf die Frage zu antworten, erklärte er misstrauisch: „Ihr riecht aber genau wie die alte Frau!“
„Wir wohnen und reisen ja auch schon seit einigen Jahren zusammen in diesem Wagen!“, erwiderte Erina. „Da sollte das doch normal sein, oder nicht?“
„Ist ja auch nicht so wichtig!“, gestand Rianna. „Ist Tabea denn da?“
„Nein, ist sie nicht. Sie hat nicht gesagt, wo sie hinwollte“, sagte Erina. „Ich kann ihr gerne etwas ausrichten, ansonsten würde ich dich bitten, wieder zu gehen, denn ich muss jetzt weiterarbeiten.“
„Wir wollten uns nur verabschieden!“, sagte Rianna und wies auf Turmalon. „Für uns gibt es hier nichts zu tun. Außerdem ist er ein wenig ungeduldig und würde gerne weiterziehen.“
„Oh, nun, wenn das so ist, wieso wartet ihr nicht einen Moment? Ich bin sicher, dass Tabea gleich wieder zurück sein wird“, meinte nun Erina. Sie ging wieder von der Tür weg und rief aus dem inneren des Wagens: „Einen Augenblick bitte! Ich komme gleich wieder!“
„Wollen wir so lange warten?“, fragte Rianna Turmalon. Dieser schüttelte den Kopf und antwortete: „Wer weiß, wann die alte Frau wieder auftaucht. Ich wollte möglichst schnell weiter!“
„Kein Problem!“, entgegnete Rianna. „Ich hätte mich zwar gerne persönlich verabschiedet, aber es reicht auch, wenn Erina einfach unsere Grüße ausrichtet.“
„Hier, fang!“, rief Erina plötzlich, die wieder an der Tür erschienen war. Sie warf eine faustgroße Kugel in Turmalons Richtung. Überrascht schnappte der Drache mit dem Maul danach. Dadurch platzte die Kugel und hüllte seinen Kopf in eine gelbliche Staubwolke. Überrascht atmete er der den Staub ein und begann dadurch lauthals zu niesen. Schnaubend und schmatzend schüttelte er den Kopf und versuchte das Pulver wieder los zu werden.
„Was ist das … für… ei…“, stammelte Turmalon noch vor sich hin, konnte sich aber kaum noch auf den Beinen halten. Dann sackte er langsam zusammen und ließ sich auf dem nieder.
„Was ist los?“, rief Rianna, die das Ganze starr vor Schreck beobachtet hatte. Bestürzt lief sie zu Turmalon und rüttelte an seinem Kopf.
„Bitte nehmt es mir nicht übel! Aber ihr lasst mir gerade keine andere Wahl!“, entschuldigte sich Erina, die nun hinter Rianna stand und eine zweite, sehr viel kleinere Kugel vor ihrem Gesicht zerdrückte. „Keine Angst, ihr werdet nur für eine Weile schlafen. Spätestens morgen früh sollte die Wirkung nachgelassen haben.“
Bevor sie noch etwas erwidern konnte, gab auch ihr Körper nach. Sie bekam nur noch mit, das Erina sie auffing und an Turmalon lehnte.
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