Sharon Levy, HonestReporting, 26. März 2026
Alle paar Monate tauchen vertraute Narrative im Nachrichtenzyklus wieder auf. Das ist kein Zufall. Während sie über aktuelle Ereignisse berichten, recyceln die Medien oft etablierte Narrative und verpacken sie neu, damit sie auf völlig andere Situationen passen.
Nirgends wurde das deutlicher als in den vergangenen zweieinhalb Jahren, in denen Israel sich im Kriegen an mehreren Fronten gleichzeitig wiederfand.
Nach den Terrorangriffen der Hamas am 7. Oktober 2023 wurde der anschließende Konflikt schnell nicht nur zu einem militärischen Krieg, sondern ein Krieg der Narrative. Nachrichtenmedien beschuldigten Israel rasch, es würde gegen internationales Recht verstoßen und verstärkten Behauptungen des von der Hamas geführten Gesundheitsministeriums, Israel würde absichtlich Kinder ins Visier nehmen oder Zivilisten massakrieren.
Dieselben Narrative sind nun zu einer Vorlage geworden – die jetzt auf Israels Konflikt mit dem Iran und der Hisbollah angewendet wird.
Die Vorlage Gaza-Narrativ
HonestReporting.ai Labs hat festgestellt, dass zwar der Inhalt im aktuellen Krieg gegen Iran und die Hisbollah variieren kann, die erstmals während des Gaza-Konflikts verwendete Darstellung jedoch nahezu vollständig wiederverwendet wird.
Eine genauere Analyse zeigt, dass dies nicht einfach organischer Journalismus ist, der auf sich entwickelnde Ereignisse reagiert. Vielmehr wird ein strukturiertes Muster gespiegelt – eines, das es ermöglicht ein etabliertes, oft emotional aufgeladenes Narrativ in eine völlig andere Konfliktzone zu übertragen.
Die Auswirkungen sind erheblich. Wenn die Darstellung vorab festgelegt ist, sind die Schlussfolgerungen wahrscheinlich ebenfalls vorherbestimmt.

HonestReporting.ai Labs verfolgte die Wanderung von Desinformationsnarrativen, die ursprünglich während des Gaza-Konflikts eingesetzt wurden und nun auf den Krieg mit dem Iran angewendet werden. Das hat bereits zu mehr als 550 Warnmeldungen geführt, die sich speziell auf den Iran beziehen. Diese lassen sich in fünf dominante Narrativkategorien einordnen:
- Zivile Opfer und Angriffe auf Krankenhäuser
- Völkermordvorwürfe
- Als gesicherte Tatsache präsentierte Kriegsverbrechen
- Die eindeutige Zuschreibung der Eskalation an Israel oder die Vereinigten Staaten
- Das Auftauchen dessen, was ausdrücklich als „Gaza-Modell“ bezeichnet wird
Diese Themen klingen für jeden bekannt, der die Medienberichterstattung über den Krieg Israels gegen die Hamas verfolgt hat. Ihr erneutes Auftreten jetzt, da Israel Bedrohungen aus dem Iran und durch die Hisbollah gegenübersteht, ist kaum zufällig.
Die Verbreitung von Narrativen
Besorgniserregend ist nicht nur die Vertrautheit dieser Narrative, sondern auch die Geschwindigkeit und das Ausmaß ihrer Verbreitung. Sie prägen die öffentliche Wahrnehmung nahezu sofort und lösen oft emotionale Reaktionen aus, bevor die Fakten vor Ort vollständig feststehen.
Innerhalb weniger Tage nach der Eskalation des Konflikts tauchten bereits identische Themen – häufig in nahezu identischer Sprache – in großen internationalen Medien auf, darunter in der New York Times, dem Guardian und der LA Times.
Das wirft eine wichtige Frage auf: Bewerten Journalistinnen und Journalisten die Ereignisse, während sie sich entwickeln oder passen sie sie in ein bereits bestehendes narratives Rahmenwerk ein?
Über diese breiteren Themen hinaus zeigen bestimmte Formulierungen, wie schnell die Darstellung aus der Gaza-Zeit auf den Iran und den Libanon übertragen wurde.

In den ersten fünf Tagen des Krieges waren Begriffe wie „Flächenbombardment“ und „Bombardierung“ bereits weit verbreitet. Noch bevor explizite Vergleiche zu Gaza gezogen wurden, leistete eine solche Sprache bereits die Rahmenarbeit, indem sie wahllose Gewalt als gegeben voraussetzte, statt als Behauptung, die einer Überprüfung bedarf.
Das steht im Gegensatz zur Realität, dass die IDF umfangreiche Maßnahmen ergriffen hat, um zivile Schäden zu minimieren, während sie einen Krieg gegen eine Guerillaführt. Die Strategie der Hisbollah, Kämpfer und Infrastruktur in zivilen Gebieten zu verbergen, verwandelt Häuser und Viertel bewusst in Kriegsschauplätze.
Kurz darauf tauchte der Begriff „Kollektivstrafe“ innerhalb eines 48‑Stunden‑Fensters in mehreren Medien auf. Seine Zuschreibung an den libanesischen Präsidenten Joseph Aoun erhob ihn von einem Kommentar zu scheinbar akzeptierter diplomatischer Sprache.
Ein weiteres recyceltes Narrativ folgte kurz darauf: das Konzept von israelischer „Besatzung als Verhandlungsinstrument“. Zuvor im Diskurs über den Gazastreifen und die Westbank verankert, wurde es nun auf den Libanon angewendet und stellte militärische Operationen als politische Nötigung statt als Sicherheitsmaßnahmen dar.
Dabei wird ein differenziertes Verständnis der Bedrohung durch die Hisbollah und der Gefahr, die sie für israelische Zivilisten darstellt, weitgehend ausgelöscht.
Das „Gaza‑Modell“ als Abkürzung
Vielleicht die aufschlussreichste Entwicklung ist das Auftauchen des sogenannten „Gaza-Modells“ oder der „Gaza-Doktrin“. Anders als einzelne Narrative fungiert dies als Meta-Narrativ – eines, das einen gesamten Deutungsrahmen in einem einzigen Ausdruck importiert.
Wenn Schlagzeilen behaupten, Israel wende ein „Gaza-Modell“ auf den Libanon an, erübrigt sich jede Detailargumentation. Der Ausdruck selbst trägt eingebaute Annahmen: Vertreibung, Angriffe auf Zivilisten und Verstöße gegen internationales Recht.
Der zeitliche Ablauf ist aufschlussreich. Der Ausdruck erschien erstmals am 13. März bei Al-Jazira und verbreitete sich schnell auf andere Medien, darunter den Guardian. Selbst UNO-Generalsekretär António Guterres übernahm ähnliche Formulierungen, was zeigt, wie solche Narrative über die Medien hinausreichen.
Der Ausdruck wurde dem israelischen Verteidigungsminister Israel Katz zugeschrieben, jedoch auf eine Weise, die entscheidenden Kontext entfernte.
In Wirklichkeit hat die Hisbollah, so wie die Hamas, ihre Infrastruktur systematisch in zivilen Gebieten verankert. Das sogenannte „Gaza-Modell“ bezieht sich auf die Zerstörung terroristischer Infrastruktur, sowohl über als auch unter der Erde, nicht auf Angriffe auf Zivilisten, wie oft angedeutet wird.
Durch das Weglassen dieses Kontextes entsteht für die Leser ein irreführender Eindruck: dass Israel die Zerstörung ganzer Gemeinden anstrebt.
Wenn Framing zu irreführenden Schlussfolgerungen wird
Sobald ein narratives Rahmenwerk sich als wirksam erweist, wird es wiederverwendbar. In einem Umfeld, in dem Website-Traffic und Viralität oft Vorrang haben, besteht wenig Anreiz, neue Argumente zu entwickeln, wenn bestehende einfach umfunktioniert werden können.
Doch wenn entscheidender Kontext fehlt, hört Journalismus auf zu informieren. Stattdessen lenkt er das Publikum auf vorgegebene Schlussfolgerungen.
Wenn das „Gaza-Modell“ so leicht anderswo angewendet werden kann, stellt sich eine tiefergehende Frage: Ging es jemals wirklich um den Gazastreifen?

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