Dietrich Urich Kayser, 79395 Neuenburg am Rhein, dietrichurichkayser@yahoo.de

Martin Walser, Hans Imhoff, Lars Eidinger,

2. Auflage, jetzt in DIN A5

Anlässlich meines 16-jährigen Bloggerjubiläums – 17. April 2003, Jahrhundertsommer, Gründonnerstag, Mutters Geburtstag, erster Tagebucheintrag – heute mal ein spezieller Aspekt meines Lebens.
Mein Vater ist im Alter von 66 gestorben, ich bin jetzt 67. Habe ihn also in gewisser Weise überlebt.
In der Zeit von 1968 bis 1971 war ich ziemlich links, hab an Demos teilgenommen, Schülerzeitung herausgegeben und auch mal kurz mit Rudi Dutschke geredet. Ich war in der Abiturphase und danach kam dann der Wehrdienst beziehungsweise meine Wehrdienstverweigerung.
Das war damals noch eine ziemlich aufregende Sache. Man konnte sich da nicht einfach abmelden, sondern musste seine Gründe genau darlegen. Das durften auch keine politischen Gründe, es mussten moralische sein.
Ich wurde prompt in erster Instanz abgelehnt und musste zu den Panzergrenadieren in der Lüneburger Heide. Nach zwei Monaten Grundausbildung wurde ich dann in zweiter Instanz freigesprochen, also anerkannt. Ich konnte in die Kaserne zurück, meine Sachen holen und dann sofort in meiner Zivildienststelle anfangen, die ich mir schon vorher besorgt hatte.
Ich befand mich aber ständig in starkem Konflikt mit meinem Vater. Er hatte mich schon einmal rausgeschmissen, weil ich nicht zum Friseur gegangen war, und dann hatten wir natürlich eine politische Dauer-Diskussion.

„Wie stehe ich denn vor meinen Soldaten da, wenn mein eigener Sohn verweigert!“ Also das war eine ziemlich harte Zeit, für uns beide.
Als ich dann später meinen Zivildienst fertig hatte, sagte er: „So, unseren Konflikt vergessen wir, ich hab ja auch gesehen, dass Du kein Drückeberger bist.“

Was mir heute während einer Autofahrt durch den Kopf ging, war der Gedanke, dass sich irgendwie ein Kreis geschlossen hat. Ich habe doch viel von ihm übernommen, was mir manchmal auch heute erst bewusst wird.
Das fängt mit der Sprache an. Er hatte zu uns vier Kindern immer gesagt: „Lernt Fremdsprachen, damit kommt ihr überall hin.“ Ich habe dann eine Belgierin geheiratet, unsere Kinder sprechen Französisch; meine eine Schwester hat einen Engländer geheiratet und deren Kinder sind zweisprachig aufgewachsen und der eine Sohn heiratet jetzt eine Italienerin. So werden bei unseren Familienfesten immer mehrere Sprachen gesprochen.
Ich habe beruflich als Sprachlehrer, Verkaufsdirektor in einem kleinen Exportunternehmen und dann als selbständiger Übersetzer ganz von meinen sprachlichen Fähigkeiten gelebt.
Den Beruf des Übersetzers habe ich auch immer als den eines Brückenbauers verstanden.

Der Schutzheilige der Übersetzer, Dolmetscher und Autofahrer (!) ist ja der Heilige Christophorus, der das Jesuskind auf seinen Schultern durch einen Fluss trägt, weil es eben damals noch keine Brücken gab. Und mein Vater? Er war Kommandeur eines Pionierregiments. Und die Pioniere sind zuständig für Brückenbau, also Pontons und solche Dinge.
Er wäre auch fast noch General geworden, wenn, ja wenn er Englisch gekonnt hätte! Dann hätte er einen Posten in Oslo gekriegt. Darüber ist er nie hinweggekommen.

Heute finde ich einfach, dass er viel geschafft hat in seinem Leben. Als Familienvater, Häuslebauer und zuletzt noch als Präsident des Schwarzwaldvereins Wolfach. Sein eigenes Denkmal setzte er sich noch mit dem von ihm gestifteten und seither jährlich verliehenen Petter Pokal für die schönste Wanderung.