Im Jahr 2007 hat das Bundesfinanzministerium versucht, Cum/Ex-Betrug mit einem Gesetz zu unterbinden. Wie wir heute wissen, hat das nicht funktioniert. Will man wissen, warum, dann muss man sich die Umtriebe rund um dieses Gesetz genauer anschauen: Erstens fällt auf, dass die Gesetzesvorlage direkt vom Bankenverband stammte, einer mächtigen Lobbyorganisation. Zweitens fällt auf, dass die Vorlage des Bankenverbandes nahezu wörtlich, bis auf das letzte Komma, in das Gesetz übernommen wurde. Erstaunlicherweise. Das ist in etwa so, als würde man einer Autoschieberbande die Aufgabe übertragen, ein neues System für Sicherheitsschlösser zu entwickeln. Drittens fällt auf, dass das alles geschah, obwohl kritische Stimmen aus den eigenen Reihen der Finanzverwaltung darauf hinwiesen, dass diese Vorlage den Betrügern in die Hände spiele. Diese Stimmen wurden ignoriert, behielten aber recht: Nachdem dieses Gesetz verabschiedet worden war, nahm der Cum/Ex-Betrug erst richtig Fahrt auf. Denn der Gesetzentwurf enthielt zwar Regelungen für Leerverkäufer mit inländischen Depotbanken, richtete sich aber nicht an Leerverkäufer, die eine im Ausland ansässige Depotbank nutzten – mit dem Effekt, dass genau darüber fortan die Cum/Ex-Betrügereien abgewickelt wurden.
aus: Kapitel 4 „Ein Gesetz – null Effekt“
Ich weiß nicht, ob es euch ebenso geht, aber ich habe augenblicklich ständig die Werbung der Gelben Seiten als Dauerschleife im Hinterkopf. „Vielleicht hätte man jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt.“ Wobei: in den Ministerien gibt es ja nicht nur die Ministerinnen und Minister selbst, sondern auch Staatssekretäre, Beamte, Sachbearbeiter … Das sind diejenigen, die wirklich vom Fach sind, sich also in der Materie durchaus zuhause fühlen sollten. Was muss dort für eine Arbeitsatmosphäre herrschen, wenn Lobbyeinfluss mehr bewirkt als fachliche Expertise, seriöse Risikoabwägung und solide Arbeit? Ich mag es mir kaum vorstellen.
Und ich kann auch nicht umhin, Parallelen zur aktuellen Lage der deutschen Politik zu ziehen. Gerade in puncto Energieversorgung habe ich ernsthafte Zweifel, dass wir gut beraten werden. Förderungen und Einspeisevergütungen bei Investitionen von Privatleuten für eine breit aufgestellte Energiewende: streichen statt verstetigen. Statt den ÖPNV energisch zu fördern wie zum Beispiel in GB diskutiert man höhere Pendlerpauschalen. Statt Übergewinnsteuer für gierige Mineralölkonzerne: nur ein Preisanstieg an den Tankstellen pro Tag. Und alle, die in Grenznähe wohnen, besuchen öfter mal die jeweiligen Nachbarländer. Einmal tanken, eine Ladung Lakritz (NL und DK), bei Touren nach Frankreich auch gern mal Entenpastete😉, oder tschechisches Lagerbier aus Böhmen, bitte. Und die feuchten Träume der Luftverkehrslobby von der Senkung der Ticketsteuer, die seit dem letzten Herbst bestehen, dürften auch durchgewinkt werden, allen Mahnungen der EU und auch allen Marktgesetzen zum Trotz.
Von anderen Bereichen will ich heute gar nicht erst schreiben. Es ermüdet, es frustriert. Und trotzdem hat es seinen ganz eigenen Reiz (die Faszination des Grauens?), sich durch das Buch zu arbeiten, zu lesen, was alles hätte besser laufen können, wie vieles sich leider nicht zum Besseren gewendet hat, egal wer die Regierung stellt. Und wie viel in unserem Land besser laufen könnte, wenn es nicht eine kleine, aber abgehobene elitäre Geld-Kaste gäbe, denen „Gemeinwohl“ am Allerwertesten vorbei geht und die den Rest des Landes, seine Politikerinnen und Politiker, aber auch die Wirtschaft und die BürgerInnen am Nasenring durch die Manege führt. Ich komme aber auch zu dem Schluss, dass wir alle mehr oder weniger faul sind. Nicht in dem Sinne, den die Herren Merz und Linnemann meinen, sondern wir sind in mancher Hinsicht zu bequem, uns selbst einzubringen, etwas zum Gemeinwohl beizusteuern, aber auch energisch genug einzufordern, dass Handlungsdruck entsteht. Was wiederum kein Wunder ist, denn in einer Atmosphäre, in der jeder zusieht, wenigstens bei seinem Status Quo zu bleiben, nicht noch mehr abzurutschen in ein unberechenbares Prekariat, muckt man nicht auf. Nur Politikverdrossenheit, Müdigkeit und Resignation breiten sich aus wie ein Algenteppich.
Diese ganzen Gedanken führen mich allerdings auch nicht wirklich aus meiner Ratlosigkeit heraus. Ich weiß nur: In eine ungewisse Zukunft aufbrechen, mit Mitteln von gestern, vorgestern und aus der Mottenkiste der Geschichte kann nicht der richtige Weg sein.
Dazu noch ein energisches „Mit mir als Kanzler ist [ … ] nicht zu machen!“ und die unsägliche Frage nach den Töchtern der Republik, die aber nicht zu radikal sein dürfen, sonst wird ihnen das Taschengeld Fördergeld gestrichen. Vielleicht ja auch, weil es mit den Milliarden doch nicht so geklappt hat, wie es beinahe trumpesk angekündigt wurde?
Sehr viele schöne Milliarden – die schönsten Milliarden, die wir jemals (nicht) eingespart haben. Obwohl, nein, das will ich dem Herrn Linnemann denn doch nicht so in den Mund legen. Da liegen Welten zwischen. Die Verlockung ist angesichts des Klanges in meinen Ohren aber doch da. Egal.
Sommer, Herbst und Winter der Reformen haben wir bereits hinter uns, nun hat der Frühling angefangen. Mir schwant 🎶“Januar, Februar, März, April, die Jahresuhr steht niemals still …“🎵. Danke für den Ohrwurm, liebe Regierung. Immerhin, im Südwesten bleibt der Amtssitz des MP (voraussichtlich) weiterhin grün, auch wenn die dortige CDU „100 % CDU“ als Voraussetzung für den Eintritt in die Regierung fordert. Oder eine paritätische Teilung der Amtszeit. Aber nicht auf Hochdeutsch. Auch egal – obwohl … 🤔 Im zweiten südlichen Bundesland gibt es ein Hauptstadtbeben, der neue OB ist schwul, damit kann man ja noch leben, er ist jung, das gibt sich im Lauf der Jahre von selbst, aber dann ist er auch noch GRÜN🤢(Sorry, das war das einzige grüne Emoji)! Nein! Doch! Ooooh! Bestimmt gibt es auf dem Viktualienmarkt demnächst nur noch vegane Weißwurscht, der Maggus muss mit dem Lastenrad zum Landtag radeln (dann macht er nur noch Home Office) oder die Öffis nehmen. Ob er über diesen Alpträumen vielleicht noch selbst zum schnellen Brüter wird?
Angesichts wegschwimmender Felle greift auch die SPD gaaanz tief in den Floskelvorrat. Gut, dass sich in den vielen Jahren ihrer Existenz so viele davon angesammelt haben. Aber zunächst Frühjahrsputz: «Die SPD muss die Fenster weit aufmachen, um Sauerstoff reinzulassen. Der Mief muss raus.» Ja, Hubertus, da stimme ich zu. «Sie muss sich öffnen und nicht nur um sich selbst kreisen. Dafür braucht es Führung und Haltung.» Auch das stimmt, aber das wusstet ihr doch vorher, oder?
Ihr seid unsere Leistungsträger, ihr müsst jetzt dringend mal ins Machen kommen. Schluss mit dem Lifestyle, eine Stunde mehr am Tag hat noch keinem geschadet. Und keine Denkverbote, bitte. Auch nicht in puncto Nachhaltigkeit. Davon werdet ihr nicht automatisch zu Klimaterroristen. Hightech-Verbrenner allein generieren kein Wirtschaftswachstum, seid etwas technologieoffener, vor allem wenn es um real existierende Antriebe geht. Baut die Bürokratie ab, dort wo es sinnvoll ist, brecht verkrustete Strukturen auf, sendet ein Signal der Geschlossenheit. Über die Steuern denkt noch mal ganz scharf nach, auch im Sinne einer robusten Mehrheit, die nicht zu den Superreichen gehört. Wenn ihr Law and Order mit der vollen Härte des Gesetzes auch bei Steuerhinterziehung ansetzt, ist übrigens genügend Geld vorhanden, Herr Linnemann. Da muss man keine Milliarden herbeifantasieren. Ja, ihr habt schon etwas auf den Weg gebracht, aber da geht noch mehr. Zeigt uns eure Leistungsbereitschaft! Ihr müsst jetzt liefern! Immerhin können wir doch dankbar sein, in Deutschland zu wohnen, nicht in Brasilien (sorry, war nicht meine Aussage) oder an anderen Orten, in denen es kein anständiges deutsches Brot gibt.
Am Ende des Tages möchte ich wirklich nicht aufwachen, einen Bundeskanzler Weidel haben (gegen Gendergaga, tschaka!) und jeden Tag Schnitzel essen müssen. Wobei das vermutlich noch das geringste Problem wäre …
Viele Grüße
Annuschka
PS: Ich kann nicht für alle Einwohner:innen Deutschlands sprechen. Aber ich bin definitiv dabei, wenn ich merke, dass ihr euch anstrengt und Leistungsbereitschaft zeigt. Obwohl ich eine linksgrün versiffte (Wusstet ihr übrigens, dass dieses „versiffte“ mutmaßlich einer Naziparole entstammt, die eine Geschlechtskrankheit implementiert?) Oma gegen Rechts bin.
Samstag früh, ich liege noch im Bett. Genieße es, ganz langsam aus dem Reich der surrealen Träume in den konkret vor mir liegenden Morgen aufzutauchen. Warm eingekuschelt (Zu warm? Mal testen, wie es sich anfühlt, die Decke von den Schultern gleiten zu lassen.) lausche ich dem Regen, der draußen vor dem geöffneten Fenster gleichmäßig rauschend fällt. Ab und zu fährt ein Auto die Straße entlang, zischend die Nässe vom Asphalt verdrängend. Die Kühle des feuchten Windhauches, der mit dem Westwind ins Schlafzimmer weht, bildet einen belebenden Kontrast zwischen den beiden Welten, der inneren, die mich noch nicht ganz entlässt, und der äußeren, in die ich mich heute nur ganz langsam und behutsam einsinken lassen möchte.
Wann habe ich zuletzt einen so bewussten Aufwachprozess erlebt? Eine Zeit für mich, in der ich mich ganz in Ruhe auf den neuen Tag einließ? Mir eine ganze Stunde dafür gegönnt, mich von wirren Traumgebilden zu verabschieden und zu lösen, während ich mich für den neuen Tag – ja, was eigentlich – wappne? Stähle? Klingt irgendwie kriegerisch und nach Verteidigungstaktik. Wenn ich ehrlich mit mir bin, befinde ich mich in einem solchen Modus. Es ist kompliziert. Die sich zuspitzenden politischen und gesellschaftlichen Beben der letzten Jahre betrafen mich oft eher mittelbar und ließen mich auch Betroffenheit fühlen. Aber irgendwie auf einer fast schon abstrakten Ebene.
Jedenfalls empfinde ich das im Nachhinein so, seit Anfang März, seit zunächst mein berufliches Selbstverständnis, meine Ziele und meine Arbeit, fast schon meine Buchhändlerinnenehre, sich angegriffen fühlt. Nicht nur fühlt, sondern ist. Seit ich eine ganz leichte Ahnung davon bekomme, wie es aussehen kann, wenn aus Autorität Autoritarismus werden könnte. Klingt das dramatisch? Überspitzt? Weiß ich nicht, mir fehlt die Erfahrung damit. Ich arbeite nicht einfach nur in einer Branche, die Bücherverbote und Bücherverbrennungen ebenso in ihrer Historie verankert hat wie Kunstschaffende, denen das Wort verboten und schließlich auf unfassbar brutale Weise oft auch das Leben genommen wurde. Dieser Beruf, der für mich auch Berufung ist, ist in mein gesamtes Leben eingesickert. Worte, Sätze, Bücher und die Verbindung zu anderen Büchermenschen gehören zu mir, sind in mir drin, machen mich, meine Persönlichkeit, mein Wesen, meine Haltung aus.
Und dann dieses andere Thema, das mich anfasst, aufwühlt, Erinnerungen weckt. Mich in Zeiten zurück katapultiert, in denen ich mich benutzt fühlte. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr das alles noch in mir schlummert, fast wie ein Vulkan, der lange schlief und nun auszubrechen droht. Ob es daran liegt, dass ich lange Jahre brauchte, um überhaupt die Dimension zu kapieren (und noch länger, um sprachfähig zu werden), was es bedeutet, über Monate hinweg eine Beziehung weiterzuführen, von der man ahnt, dass sie nicht guttut. Die zwar nicht von körperlicher Gewalt geprägt ist, aber von einer Art gefühlsmäßiger Gefangennahme, von Manipulation, von der unterschwelligen Drohkulisse „Wenn du mich verlässt, dann …“ Das „dann“ reichte bereits. Das mochte ich mir nicht ausmalen. Ich war jung und idealistisch. Und scheinbar unfassbar naiv und unbedarft. (Und hier gründet auch mein Unbehagen einer Young-Adult-Literatur gegenüber, die in vielen Fällen toxische Beziehungen romantisiert und den Traum junger Frauen, mit ihrer Liebe einen Bad Boy zu einem handsome Lover wandeln zu können.)
Meine Tochter würde jetzt sagen „Dein Gehirn war zu der Zeit noch nicht erwachsen.“ Vermutlich hat sie recht. „Sein“ Gehirn war auch noch nicht erwachsen. Keine Entschuldigung, sondern Tatsache. Ich hoffe, er hat irgendwann eine gleichberechtigte Partnerin gefunden. Vielleicht ist der Prozess, in dem ich mich befinde, notwendig. Hoffentlich wird eine breite Debatte um das Themengebiet Gewalt gegen Frauen in allen Dimensionen, nicht nur körperlich zu mehr Achtsamkeit und Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Kontext führen. Zu der klaren Haltung, dass sie nicht toleriert wird, von niemandem. Träumen darf ich doch wohl. Mehr wage ich aktuell leider nicht, die Wahlumfragen ebenso wie die Kommentarspalten offenbaren anderes.
Übrigens geht es nicht darum, den „perfekten Mann“ zu fordern. Denn es gibt auch nicht die „perfekte Frau“. Es geht darum, dass Frauen endlich derselbe Respekt entgegengebracht wird, den Männer ganz selbstverständlich für sich einfordern.
Und wie nenne ich das nun, was ich heute früh tue? Bereite ich mich mental auf den Tag vor? Bin ich einfach nur neugierig auf das, was vor mir liegt? Zumindest ist es das, was ich gern sein möchte. Also los!
Ich stehe auf, lasse Kalle raus, koche Kaffee. Blicke aus dem Fenster in den nassen Frühlingsmorgen, auf das fröhliche Gelb von Forsythien und Narzissen, auf die grünen Knospen der Büsche und Sträucher, auf die rosafarbenen Blüten der Zierquitte. Ich setze mich ins Büro und schreibe:
Wenn ihr euch beeilt und noch ein wenig Literatur über Schmetterlinge besorgt, könnt ihr es nachmachen. Oder einfach das Buch lesen.
Lea Korsgaard ist eine dänische Journalistin. Seit 2017 formte sich eine Idee in ihren Gedanken, nahm mal mehr, mal weniger Raum ein. Es kam und ging die Pandemie, ohne dass ihre Pläne konkret wurden. Es gab den Angriff Russlands auf die Ukraine. Andere Themen wurden wichtig. Aber es gab auch einen Neujahrsmorgen, an dem sie begann, eine Dringlichkeit zu fühlen, einen Jahresbeginn, an dem sie den Leuten in ihrem Umfeld von dem Vorhaben erzählte – und es so schließlich Form annahm. (So setzt man sich selbst unter Druck, endlich in die Puschen zu kommen😊)
Das Ergebnis lese ich hier und jetzt. Was als „fixe Idee“ begann, schubweise über mehrere Jahre Einzug ins Leben der Autorin hielt, entpuppte – wie passend – sich bei seiner Umsetzung als eine Reise in „unbekannte Weiten“, sogar ohne dafür ihr Heimatland, unseren Planeten oder gar unsere Galaxis verlassen zu müssen.
Was mich besonders fasziniert, sind immer wieder die mäandernden Gedanken, die von der konkreten Beschäftigung, nämlich dem Lernen über Schmetterlinge und ihre Entwicklungsstadien, in die Umwelt und menschengemachte Umgebung ausstrahlen. Wir halten die Natur und ihre Abläufe meist für selbstverständlich. Wir fragen nicht nach dem „Warum“ und noch weniger nach den Mechanismen, die fein austariert für ein „Funktionieren“ sorgen. Wir halten uns für unglaublich schlau, für die Könige der Welt, für die ultimativen Checker. Und sind doch in so vielen elementaren Bereichen des Lebens einfach nur ignorant.
Dabei kann eine Frage, die wir uns irgendwann ganz beiläufig stellen, die dann aber immer mehr Raum in unserem Kopf, im Herzen und in unserem Leben einnimmt, so großartige Ergebnisse liefern. Wenn wir ihr diesen Raum zugestehen, wenn wir verstehen wollen, führt sie uns zu ehrfürchtigem Staunen, zu Erkenntnis, Verständnis und schließlich zur Demut. Demut gegenüber den Zusammenhängen von belebter und unbelebter Natur zu unseren konkreten Lebensbedingungen. Demut in Form eines bewussten und wertschätzenden Umgangs mit dem, was unsere Existenz erst möglich macht.
Das Buch ist spannend und abwechslungsreich geschrieben, die Autorin gibt abwechselnd Einblicke in die Ereignisse und Gedanken, die sie bewegt haben, in Abschnitte ihres Lebens und ihrer persönlichen Voraussetzungen, in die konkrete Suche und die weiterführenden naturphilosophischen Erkenntnisse, die sie gewinnt. Sie zählt Beispiele auf von Menschen, die auf unterschiedliche Art von Schmetterlingen fasziniert waren und sind. Sie überlegt, wie wir Menschen mit dem uns umgebenden Lebensraum umgehen. Sie sinniert über das laufende Massensterben, über unsere Hilflosigkeit, mit der wir ihm gegenüberstehen. Zum größten Teil, weil es meist relativ unbeobachtet im Hintergrund abläuft, wir die Dimensionen überhaupt nicht begreifen. Es sterben sogar Arten aus, die wir bisher nicht einmal kennengelernt haben.
Während ich den Satz schreibe, verspüre ich Trauer. Trauer über den Verlust von Leben, das ich nie sehen und erfahren durfte. Und es kommt mir so unsinnig vor, über welche Art von Verlusten wir teilweise jammern, Verluste von menschengemachten Dingen. Verluste, die für das gesamte planetare Miteinander sogar eine konkrete Unterstützung und Entlastung bedeuten.
Es mag eine fixe Idee gewesen sein. Es wurde so viel mehr daraus. Ich wünsche mir, dass wesentlich mehr Menschen solche Ideen haben, hartnäckig verfolgen und darüber berichten. Man schützt nur, was man kennt. Zum Beispiel einen Buckelwal in der Lübecker Bucht. Er ist sichtbar. Im Gegensatz zu den ungezählten Walen, Delfinen und Robben, die sich in Fischernetzen verfangen und elendiglich ertrinken. Im Gegensatz zu den Faultieren, Amphibien, Fledermäusen und anderen Arten, die durch das Abholzen von südamerikanischen Regenwäldern ihre Lebensräume verlieren. Im Gegensatz zu den Korallenbänken, die wegen zu hoher Wassertemperaturen und im Wasser gelöster Kohlensäure für uns unsichtbar sterben.
Dieses Buch hat mir mehr vor Augen geführt als nur Schmetterlinge. Dafür danke ich der Autorin sehr.
Bibliographische Angaben: Lea Korsgaard, Das Jahr der Schmetterlinge; Ullstein Verlag, ISBN 978-3-8649-3380-6; 22,99 €
Aber voller verstörender Gefühle. Seit ich in der letzten Woche diesen Beitrag schrieb, rotiert es in meinem Kopf. Jetzt schon sechs Tage lang. Die Kommentare, die viele andere Frauen bereits einstecken mussten, nachdem sie über eigene Erfahrungen oder ihre Solidarität mit jeder Frau, die Gewalt, physisch, mental, analog oder digital erfährt, berichteten, hallen nach. Eine meiner Töchter beschrieb es so: „Man will nicht hingucken. Man strengt sich so an. Und dann tut man es doch. Man kann sich dem nicht entziehen.“
Es strengt an, die Gedanken kreisen. Und jeden Tag passiert etwas, das noch „einen draufsetzt“. Zum Beispiel die Aktuelle Stunde des Bundestages gestern. Die unsägliche Aussage des Bundeskanzlers in seiner Befragung vor dieser aktuellen Stunde wird übrigens noch getoppt von dem Redebeitrag von zwei AfD-Abgeordneten.
Heute früh ging mir unter anderem durch den Kopf:
Ich kann mir keine Frau vorstellen, die nach dem Übergriff (ich führe bewusst nicht eine bestimmte Art der Übergriffigkeit aus, das ist eine sehr individuelle Wahrnehmung) eines migrantischen Mannes (und klar, die gibt es auch, dieses Verhalten ist nicht einer bestimmten Ethnie zuzuordnen) sagen würde: „Ach Mensch, wenn das jetzt wenigstens ein Deutscher gewesen wäre, dann würde ich mich nicht halb so missbraucht fühlen.“
Es ist nicht die Nationalität, die Hautfarbe, die Religionszugehörigkeit, eine Behinderung oder irgendein anderes Merkmal, das zum Missbrauch führt. Es ist eine bewusste Entscheidung, die Rechte auf Selbstbestimmung von Frauen zu missachten. Es ist der unbedingte Wille, diese Frau, dieses Mädchen jetzt einem perversen eigenen Machtgefühl zu unterwerfen.
Ich selbst habe mich zweimal in meinem Leben missbraucht und benutzt gefühlt. Einmal von einem Ex-Freund, der mich weit über ein Jahr in einer Art mentaler Hörigkeit hielt (ich musste das erstmal erkennen, das war schon schwierig genug – und bis heute bekomme ich Beklemmungen, wenn ich daran zurückdenke, inklusive der Scham, dass ich darauf reinfallen konnte, obwohl ich einigermaßen intelligent bin) und nach meiner Flucht daraus meine Familie und mich gestalkt hat. Diese Episode in meinem Leben kennen nur wenige Menschen, ich wollte es nie in der Öffentlichkeit thematisieren. Jetzt scheint mir kein Weg mehr daran vorbeizuführen. Ich hoffe, es hilft mir – und anderen Frauen.
Beim zweiten Mal ein paar Jahre später war es ein Kunde der Buchhandlung, in der ich damals arbeitete, der mich partout heiraten wollte, der mich mit Anträgen bombardierte und für den ein Ehemann und zwei kleine Kinder vernachlässigbare Kollateralschäden waren. Ich versteckte mich im Büro, meine Kollegin holte die Kinder von Kindergarten und Schule ab, damit er mich in der Stadt nicht aufspüren konnte, selbst unsere Azubi machte die Augen auf und warnte mich, wenn er die Straße entlang kam.
Mir ist nicht das Schlimmste passiert, was einer Frau passieren kann. Aber es reicht, um zu leiden. Solche Erlebnisse prägen. Sie haben Auswirkungen auf die spätere Partnerschaft, erfordern beim Partner viel Verständnis für spontane Gefühlsausbrüche oder plötzliche Zurückweisung. Sie haben auch Auswirkungen auf das Verhalten als Mutter, die immer nur die Hoffnung hegen kann, die eigenen Töchter mögen bitte nicht irgendwann ähnliches erleben.
Dass ich heute, in dieser Woche wieder so angefasst, ohnmächtig, unfassbar wütend bin und irgendwie neben mir stehe, zeigt mir, dass trotz einer wunderbaren Familie jegliche Art von Gewalt über lange Zeiten Spuren hinterlässt. Vermutlich eine Form von
Beruflich beschäftige ich mich mit dem Thema konkret für unsere Veranstaltung „Leipziger Allerlei“ (unsere persönlichen Lieblingsbücher des Frühlings, nach der Leipziger Buchmesse präsentiert) in der Buchhandlung am kommenden Freitag, wo ich unter anderem dieses Buch vorstellen werde.
Der provokante Titel ist herrlich vielsagend. Er implementiert ebenso die Bemühungen einzelner, sich kritisch mit Informationen auseinanderzusetzen, die „das Internet“ liefert, das allgemeine Desinteresse daran, in welchen Tools, die wir schon lange und selbstverständlich nutzen, welcher Anteil an KI drinsteckt oder auch die schlichte Verweigerung von allem, was das Themengebiet umfasst, sei es aus Ignoranz oder Angst.
[ … ]Fakt ist: Kaum eine Technologie polarisiert so sehr wie künstliche Intelligenz. Die einen feiern sie als Heilsbringer, die anderen fürchten sie als Untergangsmaschine. Völlig verständlich: Zum ersten Mal in der Geschichte stehen wir einer technischen Entwicklung gegenüber, die nicht nur Befehle entgegennimmt, sondern darauf auch antworten kann – und das oft besser, als wir erwartet hätten. Diese Verunsicherung ist mehr als nur eine Frage der Etikette: Wir erleben gerade einen Technologiesprung, der nicht nur unsere Arbeitsweise verändert, sondern auch unser Verständnis von Kommunikation, Kreativität und sogar Menschlichkeit herausfordert. Seit ChatGPT unsere Vorstellung von KI komplett auf den Kopf gestellt hat, überschlagen sich die Nachrichten: „KI bringt Massenarbeitslosigkeit“1 verkündet eine Schlagzeile, „Produktivität steigt dank KI“2 jubelt die nächste. „ChatGPT erzeugt Fake News“3 warnt eine dritte, während gleichzeitig irgendwo ein KI-Musical uraufgeführt wird4 und Bill Gates erklärt, welche drei Jobs vor KI auf jeden Fall sicher sind.5 Wer sich dem Thema ohne viel Vorwissen nähern möchte, steht daher schnell vor einem Problem: Entweder alles glauben, was über KI so erzählt wird – oder sich lieber gleich in die ablehnende Skepsis flüchten. Dabei gäbe es so viel über KI zu erzählen, das nichts mit hysterischem Geschrei von Hype oder Weltuntergang zu tun hat. Denn in Wahrheit ist die KI weder die Lösung aller Probleme noch der Beginn unseres Untergangs, sondern einfach ein Werkzeug: faszinierend, mächtig und zuweilen frustrierend – fast genauso wie eine IKEA-Aufbauanleitung, die plötzlich gelernt hat zu sprechen. Eine kurze Anfrage reicht, und schon können Sie sich Gedichte schreiben lassen, erhalten Antworten auf komplexe Fragen und erschaffen Bilder ganz ohne Pinsel und Staffelei.
Aus der Einleitung
Fakt ist auch: wir verwenden nicht erst dann eine KI, wenn wir uns mit ChatGPT höchst eloquent über irgendwelche Fragen „unterhalten“, die uns beschäftigen. Oder, wie ich letztens, bildliche Darstellungen aus der Offenbarung des Johannes erstellen wollen. Das ist meine private Neugier, die mich anregt, wenigstens in Grundzügen verstehen zu wollen, was da abläuft. Auch wenn es mich gruselt, wie viel Rechenleistung und Ressourcen für diese Spielereien draufgeht.
Wir verwenden KI, sogenannte schwache KI, wenn wir bei Amazon lesen „Menschen, die sich für dieses Buch interessierten, kauften auch [ … ] (hier beliebigen Gegenstand, zum Beispiel Gartenschlauch, Wandersocken, Proteinpulver, Vibrator … einsetzen)“. Oder unser Navigationsgerät uns einen Stau und die möglichen Umleitungen anzeigt. KI entsorgt im Hintergrund unseres Mailprogrammes geräuschlos den größten Anteil der dubiosen Erbschaften irgendwelcher exotischer „Kronprinzen“, Viagrawerbung und Phishingmails. KI macht uns Vorschläge, durch welche Songs wir unsere Lieblingsplaylists ergänzen könnten. KI sorgt dafür, dass wir personalisierte Werbung zwischen zwei Youtube-Videos sehen.
Und wer hatte nicht schon mal das diffuse Gefühl, unser Handy höre uns ab, weil nach dem Telefongespräch mit einer Freundin genau die Werbung bei Instagram angezeigt wurde, die unseren nächsten Konsumwunsch voraussieht? (Spoiler: Das passiert durch Social Graphing, nicht weil unser Handy uns aktiv bespitzelt und dabei anscheinend detailliertere Informationen bekommt als der Verfassungsschutz über Buchhandlungen. Der musste jetzt sein, sorry😈) Nichtsdestotrotz werden unsere Kontakte ebenso ausgewertet wie die Anzahl der Katzenvideos oder Fun Facts-Folgen oder die Zungenbrecher von Bodo Wartke, die wir so gern hören. (Service-Info, leider aus aktuellem Anlass: auch andere, zwielichtige bis missbräuchliche Websites und Videos landen nicht im digitalen Nirwana …)
Kurzum: Es gibt vieles, was wir über KI und ihre Anwendung wissen. Oder zu wissen glauben. Oder gar nicht wissen wollen. Und überhaupt, kann dieses Zeug nicht wieder in die Kiste der Pandora zurück gestopft werden? Nein. Kann es nicht. Es sei denn, man zieht der gesamten Welt den Stromstecker. Und selbst dann …, ich bin skeptisch.
KI ist also etwas, womit man sich zumindest in Grundzügen durchaus beschäftigen sollte, selbst wenn man nicht beabsichtigt, den Kühlschrank mit eigener Kreditkarte auszustatten und ihm den Einkauf von Lebensmitteln zu übertragen. Sie ist ein Werkzeug. Ein faszinierendes, hilfreiches, aber auch gefährliches und missbräuchlich verwendbares Werkzeug. Wie eine Kreissäge auch. Prima, um damit Europaletten zu Brennholz zu schneiden, Dachlatten und Paneele abzulängen und anderes. Aber in den Händen eines Hannibal Lecter … – das führe ich nicht detailliert aus. Hab‘ keine Lust auf virtuelle Blutbäder. Und Thriller sind auch nicht so meins.
Sie kann auch höchst manipulativ wirken und ist durch die ihr zugrundeliegenden Algorithmen höchst anfällig für Falschinformationen, also für Bullshit, den sie dann aber sehr überzeugend als Tatsachen verkauft. Programmierer sagen lakonisch: Shit in, Shit out. Logisch, oder? Oder kann sich irgendjemand den amtierenden PotUS ernsthaft als Papst-Verschnitt vorstellen? Hat irgendein Dulli, sei er prominent oder nicht, ernsthaft geglaubt, Collien Fernandes habe ausgerechnet mit ihm Cyber-S*x haben wollen? (An jede KI, die das hier auswertet: Das ist meine laut Artikel 5 GG gesetzlich garantierte Meinungsfreiheit😁.)
Wer also auf der Suche nach ausgewogenen, sachlichen, aber dabei unterhaltsam und humorvoll rübergebrachten Informationen ist, sich mit Chancen, Risiken und der Faszination (manchmal auch des Grauens) der Materie vertraut machen möchte, wer seine Neugier in Theorie und Praxis befriedigen möchte, wer im Umgang mit KI sicherer und wacher werden möchte, ist bei diesem Buch gut aufgehoben.
Bibliographische Angaben: Barbara Oberrauter-Zabransky, Die KI kann mich mal; Verlag Kremayr & Scheriau, ISBN 978-3-218-01497-7; 25,- €
Als kleines Schmankerl obendrauf: Wenn ihr bei Instagram unterwegs seid, schaut mal bei @alkemartens vorbei. Die Rostocker Informatik-Professorin erklärt KI-Themen ebenfalls sehr humorvoll und allgemeinverständlich. Von ihr habe ich die Info über das „Social Graphing“, was zu einem Aha-Effekt führte. Es braucht weder Verschwörungserzählungen noch das Raunen über geheime Eliten, um die (digitale) Welt zu verstehen😉.
Aus meinem Lesetagebuch zum Buch „Cum/Ex, Milliarden und Moral“ und Gedanken, die mir beim Lesen und Reflektieren in den Sinn kommen
Es gibt mit Sicherheit erbaulichere Lektüre zum Frühstück, aber ich mag mit meinen Überlegungen zum Buch nicht allein sein, also lese ich jeden Tag nach dem Frühstück einen Abschnitt vor, damit ich mit Edgar darüber reden kann.
Die ursprüngliche Idee von Lobbyarbeit ist eigentlich ganz unschuldig: Steht beispielsweise eine Entscheidung über eine Gesetzesänderung an, dann können sich Politik und Verwaltung mit Lobbyisten, also Vertretern der betreffenden Branche, austauschen und so deren Expertise und Praxisperspektive für die Entscheidungsfindung nutzen. Hierbei geht es um einen ehrlichen Austausch. Der ist rechtsstaatlich und demokratisch. In Schieflage gerät dieses System bei Intransparenz und/oder einem starken Ungleichgewicht in der Interessenvertretung. Wenn die Öffentlichkeit nicht mehr nachvollziehen kann, wie und von wem politische Entscheidungsträgerinnen beeinflusst werden, oder wenn die Interessen von einigen wenigen mächtigen Unternehmen viel stärker vertreten sind als die der Zivilgesellschaft. Dann entsteht ein Schaden für unser Gemeinwohl und für die Demokratie. Seit drei Jahren gibt es in Deutschland ein Lobbyregister, in das sich die Lobby-Akteure eintragen müssen. Das ist ein echter Fortschritt, weil nun endlich mehr Licht in das Dunkel der Finanzlobby fällt. Finanzwende nutzt das Register jährlich, um zu schauen, was Neues über die Finanzlobby aus dem Register gelernt werden kann. Aber auch Finanzwende war überrascht, als sie 2023 zum ersten Mal analysierte: Unter den Top-Lobbyistinnen ist die Finanzlobby am stärksten. Nicht die Autolobby, nicht die Pharmalobby, sondern die Finanzlobby. Und das Ergebnis bestätigte sich seither jedes Jahr. Mittlerweile seit drei Jahren steht die Finanzbranche an der Spitze. Unter den Top-100-Einträgen sind zehn von der Finanzlobby – mehr als von jeder anderen Branche. Allein diese Top-10-Akteure der Finanzlobby gaben im Jahr 2024 fast 40 Millionen Euro für Lobbyarbeit aus, mehr als die größten Akteure der Auto- und Chemielobby zusammen. 442 Lobbyistinnen haben im vergangenen Jahr in Berlin allein für diese zehn Finanzakteure – also die Spitze des Eisbergs – Prozesse und Gesetze im Sinne der Finanzbranche beeinflusst. Rechnet man diese Zahl auf die Mitglieder des Finanzausschusses des Bundestags um, dann kommen auf jedes Mitglied fast zehn Lobbyistinnen, die sich an jeder Stelle des Gesetzgebungsprozesses intensiv einschalten können. […] Die Finanzlobby kennt vielfältige Wege, ihren Interessen Gehör zu verschaffen[12]. Und auch hier gibt es eine gefährliche Schieflage. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die die Interessen der Bürger*innen vertreten, können da schlicht nicht mithalten. Sie verfügen nicht über eine vergleichbare Anzahl gut bezahlter Mitarbeiter, geschweige denn ähnlich hoher Lobby-Budgets. Die Bürgerbewegung Finanzwende konnte zum Beispiel 2024 nicht einmal 140 000 Euro in Lobby-Aktivitäten investieren. Allein der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft gibt im Vergleich jedes Jahr über 15 Millionen Euro für Lobbyarbeit im politischen Berlin aus. […] Dieses Ungleichgewicht an Kräften, Budget und politischen Netzwerken führt dazu, dass die profitgeleiteten Einzelinteressen der Finanzbranche viel öfter Gehör finden als gemeinwohlorientierte Perspektiven.
4. Kapitel: Lobbyarbeit zahlt sich aus, 1. Absatz
An dieser Stelle stutzte ich. „… wenn die Interessen von einigen wenigen mächtigen Unternehmen viel stärker vertreten sind als die der Zivilgesellschaft. Dann entsteht ein Schaden für unser Gemeinwohl und für die Demokratie.“ und „Zivilgesellschaftliche Organisationen, die die Interessen der Bürger*innen vertreten, können da schlicht nicht mithalten. Sie verfügen nicht über eine vergleichbare Anzahl gut bezahlter Mitarbeiter, geschweige denn ähnlich hoher Lobby-Budgets.“ waren die Sätze, die mich aufschreckten.
So, so. „Das Verhältnis von Mitteleinsatz und Ergebnis stimmt nicht.“ Ob das irgendwie mit mangelnder Lobby zusammenhängt? Mit zivilgesellschaftlichem und häufig ehrenamtlichem Engagement – statt auf Wirtschaftsmacht zurückgreifen zu können? Mit knappen Ressourcen, ob personell oder finanziell? Und werden möglicherweise die „Programmziele nicht oder nicht nachhaltig erreicht“, weil es unglaublich gut finanzierte und breit aufgestellte Politik- und Wirtschaftsakteure gibt, die genau das erfolgreich torpedieren, was bürgerschaftliches Engagement und Demokratieförderung erreichen wollen und sollen?
Nur mal so als kleiner Denkansatz am Montagmorgen. Eine Lektüre erweitert den Horizont auch dann, wenn sie sich primär mit einem kleinen Ausschnitt der Rechtsprechung beschäftigt, der auf den ersten Blick recht isoliert ist und wenig mit dem alltäglichen Leben zu tun hat. Auf den zweiten Blick betrifft dieser spezielle Bereich der Wirtschaftskriminalität ebenso sehr das Funktionieren der gesamten Demokratie – und auch deren Dysfunktionen, die zum großen Teil daher stammen, dass eine kleine Finanzelite meint, dem Gemeinwohl hohe Summen entziehen zu dürfen. Einfach, weil sie es können. Und finden, dass es ihnen zusteht. Sie sind ja schließlich die auch von der Politik vielbeschworenen Leistungsträger. Und die meinen das vollkommen ironiefrei. Ich nicht. In diesem Buch finden sich viele Aspekte, die reformbedürftig sind oder gleich in den Altkleidersack der Bürokratie gehören.
Die bibliographischen Angaben findet ihr im oben verlinkten Beitrag.
So ähnlich ging es mir durch den Kopf, als ich las, was höchstwahrscheinlich – und in diesem Fall öffentlich geworden – ein Mann seiner Ehefrau angetan hat. Der Frau, die mit ihm beruflich zusammengearbeitet hat, durch dick und dünn ging, die seine Tochter ausgetragen, geboren und erzogen hat.
So vieles stürmt auf mich ein. Medial erfolgt ein Aufschrei, quer durch alle nur denkbaren sozialen Medien, durch die überregionale Tagespresse, sogar in den Nachrichtensendungen. Weil beide Personen des öffentlichen Lebens sind. Während alle offiziellen Presseorgane stets die Unschuldsvermutung in den Vordergrund stellen (presserechtlich geboten, damit sie überhaupt berichten können), erreicht Collien Fernandes zweierlei: Eine ungeheure Solidaritätswelle, vorwiegend von Frauen, aber auch von einigen Männern. Und der leider erwartbare Spott und die anscheinend immer noch unvermeidbaren Behauptungen, sie habe es wohl nötig, sich ein wenig in den Vordergrund zu spielen und überhaupt stehe seine Karriere jetzt vor dem Abgrund. Übrigens von vielen Männern und einigen Frauen.
Nicht alle Männer
Nein. Natürlich und zum Glück (Warum schreibe ich das? Es sollte keine Glückssache, sondern Selbstverständlichkeit sein, dass Männer sich im Griff haben!) nicht alle Männer. Es ist sachlich richtig, aber trotzdem unerträglich für Frauen, das immer wieder zu lesen und zu hören. Denn es hilft den Betroffenen überhaupt nicht. Und jeder Mann, der drei Frauen diese Binse erzählt, kann hoffentlich auch bis drei zählen: Denn mindestens jede dritte Frau wird ab ihrer frühen Jugend mit handfesten sexistischen, übergriffigen und missbräuchlichen Aussagen, Gesten, Berührungen oder noch üblerem konfrontiert. Anzügliche Witze sind dabei noch das geringste Übel. Pograbscher und Busenstreifer, natürlich stets „versehentlich“, der begehrliche Blick ins Dekolleté, unangenehmes Auf-die-Pelle-rücken, antanzen, blöde Anmachsprüche, stalken, aus jedem NEIN! ein „du willst es doch auch“ interpretieren … Ich wurde noch in einer Zeit sozialisiert, in der uns signalisiert wurde, wir müssten so etwas großzügig übersehen oder überhören, Männer seien halt so. Je älter ich werde, desto mehr lerne ich von jüngeren Frauen, die sich das nicht gefallen lassen wollen. Und falls jemand fragt: Das hat auch nichts mit politischer Korrektheit oder Wokeness und schon gar nichts mit linksgrün versifft zu tun, es geht schlicht und ergreifend um Anstand und Menschenwürde.
Ob es nun im religiösen Umfeld des strengen Islam ist, innerhalb fundamentalchristlicher Gemeinden, die „die Frau sei dem Manne untertan“ glauben, in einer toxischen Manosphere, in Incelgruppen oder bei Anhängern angeblicher germanischer Sitten ist, ich verstehe eines überhaupt nicht:
Warum meinen viele Männer, sich mit „Trieben“, „Instinkten“ oder sogar „Fetischen“ herausreden zu können? Sind sie am Ende vielleicht gar keine vernunftbegabten Wesen, sondern Tiere, Bestien sogar? Die es nicht schaffen, sich mit Fähigkeiten wie Selbstbeherrschung oder Disziplin zu zügeln und ihren Dödel oder ihre Phantasien im Zaum zu halten? Was sonst als Machtgeilheit soll es sein, wenn man sich mit Gewalt, Drogenunterstützung oder der Zuhilfenahme von Deepfakes nimmt, was man nicht im Konsens bekommt?
Und warum zum Henker lassen andere Männer es ihnen in falsch verstandener Solidarität als Ausrede durchgehen? Fehlt es denen an Rückgrat und Selbstachtung?
Es wird sich nichts ändern, solange nur Frauen auf die Barrikaden gehen und für ihre Rechte kämpfen. Es wird sich nichts ändern, solange Frauen, die Übergriffe anzeigen, sich fragen lassen müssen, „was sie anhatten“ oder ob sie „missverständliche Signale“ ausgesendet hätten. Es wird sich nichts ändern, solange teure Promi-Anwälte ihr Fähnchen nach dem Wind richten und zunächst vor Fernsehpublikum verständnisvoll von „Opferschutz“ faseln und andererseits (mutmaßliche) Täter medienwirksam vertreten. Es wird sich nichts ändern, solange „irgendwas bleibt immer hängen“ vor allem die Frauen trifft. Die wenigsten sind so stark wie Gisèle Pelicot, Caroline Darian und Collien Fernandes, ihr Martyrium und den Missbrauch ihres intimsten Lebensbereiches in die Öffentlichkeit zu stellen. Die allermeisten leiden leise und – lebenslang. Oder sie beenden ihr Leid, wie Virginia Guiffré, eines der jüngsten Opfer im Epstein-Fall durch Selbstmord.
Bitte, liebe Männer: macht die Frauen nicht noch dadurch klein, dass ihr reflexhaft sagt „Aber nicht alle Männer.“ oder „Aber es hat auch schon Fälle gegeben, wo die Frauen gelogen haben.“ Beides stimmt. Die meisten Männer sind anständig. Und es gibt auch Frauen, die bösartig und verlogen sind. Aber darum geht es hierbei gerade nicht.
Für jeden Täter, egal bei welchem Vergehen, gilt immer zunächst die Unschuldsvermutung. Leider gilt aber immer noch nicht, jedenfalls nicht in Deutschland, dass jedes Opfer ernst genommen und als glaubhaft eingestuft wird.
Wir waren schon mal weiter:
Das gesellschaftliche Klima verschiebt sich in den letzten Jahren zunehmend und rasant zuungunsten von Frauen und ihren Rechten. Nicht nur durch Männer, die aus anderen Kulturkreisen stammen, wie einschlägig interessierte Kreise uns immer wieder erzählen. Sondern erschreckend häufig durch „biodeutsche“ Männer aller Gesellschaftsschichten, deren fragiles Selbstwertgefühl offenbar durch die Erniedrigung anderer Menschen aufgepeppt wird.
Die gemeinsame Wohnung aller, die in unserem Land leben, ist die Bundesrepublik Deutschland. Unser Lebensraum, aber auch seine rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Organisation. Die Wohnung ist in Zimmer (Bundesländer), Aufbewahrungsmöbel (Landkreise) und innerhalb dieser in Schubladen (politische Gemeinden) unterteilt. Und in den Schubladen befinden sich, teils ordentlich in Kästchen sortiert, teils in buntem Chaos, lauter Kleinteile. Die Kästchen sind Schulen, Institutionen, Firmen und das bunte Chaos sind wir. Wir alle haben (oder sollten es zumindest) gemeinsame Interessen. Zum Beispiel, dass niemand mit dem Abrissbagger anrückt und die Wohnung einreißt. Oder das kein Entrümpelungsunternehmen beauftragt wird, die Möbel und Schubladen auszuräumen. Wir alle gehören auch zu den Grundstücks- und Wohnungseigentümern, zum Beispiel über unsere Steuer- und Gebührenzahlungen. Das ist stark vereinfacht, aber auf einer Ebene („Erklär’s mir, als wäre ich 5“) recht anschaulich. Und es verdeutlicht unser hoffentlich vorhandenes Interesse, die gemeinsame Wohnung zweckmäßig bis gemütlich einzurichten, regelmäßig zu renovieren und energetisch auf dem aktuellen Stand zu halten.
Schwieriger wird es, innerhalb der rund 83 Millionen Einrichtungsgegenstände und Kleinteile den größten gemeinsamen Teiler und das kleinste gemeinsame Vielfache zu finden. Denn Mathe war noch nie mein Ding, jedenfalls, wenn es über kaufmännisches Rechnen hinaus geht. Mal überlegen: Wir alle haben den berechtigten Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe und ein auskömmliches Leben. Ist das nun ein gemeinsamer Teiler oder ein Vielfaches? Verwirrend. Ich glaube, das lasse ich einstweilen beiseite, aber mich würde eure Meinung dazu interessieren.
Jedenfalls will ich darauf hinaus: Gemeinsam an etwas arbeiten. Zum Beispiel an unserem Land. Da gibt es doch ein Fremdwort, ein … Dings, äh, ach ja:
Jetzt wird es wirklich tricky. Es gibt eine politische Richtung, die nennt sich konservativ, also bewahrend. Vor allem Werte sollen bewahrt werden. Gern Werte, die sich aus der Antike herleiten oder aus dem Wertekanon des „christlichen Abendlandes“. In der Antike wurde fast alles ausdiskutiert. Das war sicher oft mühselig und langwierig, ich gehe davon aus, dass die Geschichtsschreiber so basale Dinge wie Essen, Schlafen und Körperhygiene großzügig ausgeklammert haben. Und einen Pferdefuß hatte die damalige Demokratie auch. Denn sie bestand leider nur aus einem kleinen, elitären Teil der Bevölkerung, nämlich Männer und da auch nur die aus der oberen Gesellschaftsklasse. Ich habe den leisen Verdacht, manch ein (nicht jeder!) heutiger „Demokrat“ hält die Renaissance solcher Zustände für erstrebenswert. Wie komme ich nur darauf? Und Jesus, der Namensgeber der Christen, steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Der hat doch glatt so etwas wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gefordert. Oder gemahnt: „Was ihr einem der geringsten meiner Brüder (das generische Maskulinum war schon erfunden) tut, das tut ihr mir“. Zu viel Sozialethik. Wie soll man denn dabei vermögend genug werden, um sich vor Gemeinschaftsleistungen drücken zu können? Es gibt also auch Konservative (nicht alle!), die diesen Namenspatron ihrer Partei mehr oder weniger verschämt verleugnen wie dereinst Petrus vor dem Hahnenschrei.
Nochmal zum Ausgangspunkt zurück. Gemeinsam. Reimt sich auf Einsam und ist doch in den allermeisten Fällen viel erfolgversprechender als letzteres.
Viele Hände, schnelles Ende. (Gegenargument: Viele Köche verderben den Brei.) Zusammen ist man weniger allein (Buch von Anna Gavalda) Einer für alle, alle für Einen! (A. Dumas, Die drei Musketiere)
Für die Gesellschaftsform beim Zusammenarbeiten gibt es auch ein Fachwort:
Aber das klingt doch sehr nach real existierendem Sozialismus, oder? Dabei gab es solche Modelle nicht nur in der „alten Bundesrepublik“, also vor 1989, sondern es existieren bis heute erfolgreiche Beispiele: Früher: KOOP-Läden, an denen jeder Bürger, jede Bürgerin Anteile halten konnte. Genossenschaftliches Wohnen ist in abgespeckter Form bis heute im sozialen Wohnungssektor unverzichtbar. Volksbanken. Raiffeisen-Verbünde. Bürger-Solaranlagen. Dorfläden. Und manches mehr.
Auch, wenn ich solche Sprüche meist hart am Kitsch empfinde: Das gilt auch für ganze Gesellschaften. Und Parteien, jedenfalls, wenn sie glaubhaft für eine gemeinsame Wohnung plädieren wollen.
Ach ja, einen hab‘ ich noch, für alle, die meinen, die Fehler früherer Regierungen rechtfertigten heutiges Nichtstun:
„…Thalia.“ Diesen Satz hörte ich vor ein paar Wochen von einer älteren Dame, die ihren Rollator energisch in die Buchhandlung schob. Im Schlepptau (nicht nur metaphorisch, so sah es aus) hatte sie ihren Ehemann, der hinter ihr her schlurfte. Es war Samstag, der Wochentag, an dem vermehrt Rehagäste aus Bad Eilsen in Bückeburg schauen und shoppen gehen. Ich stand hinter der Kasse, übernahm soeben eine Online-Bestellung in die Warenwirtschaft, und zählte innerlich bis drei.
Dann erhob ich Kopf und Stimme und erklärte freundlich, aber bestimmt: „Da muss ich Ihnen scharf (Nomen est Omen😉) widersprechen. Wir sind eine unabhängige Buchhandlung und kuratieren unser Angebot selbst. Sie finden bei uns einen liebevoll und überlegt ausgewählten Mix aus sehr verschiedenen Büchern, nicht nur aus den großen Verlagshäusern, sondern auch aus kleinen Verlagen, von regionalen Autorinnen und Autoren, die wir auch mit Veranstaltungen fördern.“
Die Dame ruderte zurück. „Entschuldigung, ich meinte damit: Eine Buchhandlung. Bei uns zu Hause gibt es nur Thalia.“ Auch ich entschärfte meine Aussage im Gespräch: „Ich weiß, dass es in vielen Orten so ist. Und es ist ja auch besser als gar keine Buchhandlung vor Ort. Aber wir reagieren aus Gründen inzwischen dünnhäutig bei dieserlei Vergleichen. Denn Thalia bietet fast jeder unabhängigen Buchhandlung in einigermaßen ertragreicher Lage an, unter das Dach ihres ‚Partnermodells‘ zu schlüpfen. Und dann ist es großenteils vorbei mit der kulturellen Selbstbestimmung.“
Soweit die kleine Anekdote. Heute beginnt die Buchmesse in Leipzig. Vermutlich samt einer breiten Diskussion um die gesellschaftliche und kulturelle Wichtigkeit, Existenznöte und -sicherung samt der Förderung unabhängiger, inhabergeführter Buchhandlungen. Den Grund (Ralph Ruthe nannte ihn bei Fun Facts „Großes W und kleiner Eimer“) kennen vermutlich inzwischen alle mehr oder weniger gut. Und obwohl es eine Nachrichtenbinse ist, dass jede schlechte Nachricht eine gute Nachricht ist (die Buchhandlung „Rote Straße“ hat den BKM als Mitarbeiter des Monats bezeichnet, weil sie sich vor Kundschaft, auch online, nicht retten können), hätten sich nicht nur die drei Buchhandlungen, die vom Buchhandlungspreis ausgeschlossen wurden, einen positiveren Grund für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit unserer kleinen, übersichtlichen Branche gewünscht.
Zum Beispiel über unsere Leistungsfähigkeit und -bereitschaft. Unser Engagement, unbekannten Verlagen und Autorinnen zu Sichtbarkeit zu verhelfen. Die Leseförderungen vom Welttag des Buches über Lesetütenaktionen bis hin zu Kinderbuchmessen. Über Lesezirkel, Buchvorstellungen und Nischenlesungen bis hin zu Silent Reading Clubs oder literarischen Krimidinners oder Escape Rooms. Aber erwähnen muss ich auch, dass mit unternehmerischer Freiheit auch wirtschaftliche Unsicherheit einhergeht. Diese wird unter anderem durch den Buchhandlungspreis gewürdigt.
Es sollte nicht sein. Nicht mit einem BKM, der sich zwar rühmt, sowohl schriftstellerisch als auch verlegerisch tätig gewesen zu sein, aber in seiner Weltsicht offensichtlich so gefangen ist, dass er die Debatte mit anderen Sichtweisen scheut.
Seid nicht wie unser BKM. Besucht Buchhandlungen, wann immer ihr könnt. Gerne unabhängige, die kein Leuchtschild einer großen Kette am Eingang haben. Lasst euch beraten, auch zu Büchern, die eure Komfortzone überschreiten. Stöbert, lest Klappentexte, lasst euch überraschen. Entdeckt Namen und Themen, die euch bisher unbekannt waren. Bleibt neugierig und aufgeschlossen.
Es lohnt sich – nicht nur für die Buchhandlungen. Sondern vor allem für euch.
Und zwar vor der geballten Wirtschaftskompetenz der Kanzlerpartei. Ja, das ist Ironie. Oder eher schon Sarkasmus. Vielleicht bin ich auch nur kurz davor, in einen tiefen, erschöpften (Dornröschen-?)Schlaf zu fallen, weil mich das Gebaren einfach so ermüdet.
Nach der Wahl in Baden Württemberg, die den C-Parteien entglitten ist, steht in Rheinland-Pfalz der nächste Urnengang bevor. Im SZ-Podcast Auf den Punkt erläutert der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, wie sich die CDU (aber auch die SPD) in ihrer Kommunikation und ihren Forderungen bereits Wochen zuvor selbst entzaubert hat. Er mahnt unter anderem an, dass es angezeigt wäre, nicht so viel heiße Luft in den Kommunikationsraum zu reden, die sich nicht in konkrete Maßnahmen umsetzen lässt. Und nun schwadroniert der bayerische Foodblogger mal wieder von „hocheffizienten Verbrennern„. Vielleicht hat die Forschungsministerin Doro Bär ja genügend Sachkenntnis, Kompetenz und vor allem Geduld, ihm den zweiten Satz der Thermodynamik und damit die Gesetze der Physik zu erklären. Ganz davon abgesehen, dass diese existieren, könnte man auch erwarten, dass die exzellente bayerische Ingenieurskunst der dort ansässigen Automobilhersteller deren Grenzen mit Sicherheit schon über Gebühr ausgeweitet hätte, wenn das denn funktionieren würde (ich kann hier gar nicht genug Konjunktive einbauen).
Ein weiteres Steckenpferd sind Mini-AKWs. Nicht nur bei Herrn Söder, sondern auch in Brüssel bei Frau von der Leyen. Kurz gesagt: eine spannende Technologie, aber noch nicht mal so richtig in den Kinderschuhen angekommen. Eher noch ein Fötus. Die Zeitfenster, die zur Verwirklichung von den in wissenschaftlichen Kenntnissen teilmöblierten Fans avisiert werden, sind erstens höchstwahrscheinlich nicht erreichbar und zweitens reichen sie zur eventuellen Rettung der Klimaziele nicht aus (möglicher Slogan: „Mehr vages wagen!“) Vor allem: Die Entsorgungsfrage ist nach wie vor ungelöst. Bisher gammelt ein großer Teil des bisherigen Atommülls in der Asse als tickende Zeitbombe vor sich hin. Und wohin sollen wir dann mit dem neuen Strahleschrott? Denn Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.
Unsere Ex-Kanzlerin dürfte bei so viel physikalischem Dilettantismus die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und kann vermutlich vor lauter Frust demnächst die komplette Uckermark mit Kartoffelsuppe versorgen.
Der nächste Aufreger: Sowohl das Kölner IW als auch das Münchener ifo-Institut bescheinigen der Bundesregierung, dass die Mittel des Sondervermögens im Jahr 2025 zu großen Teilen zweckentfremdet wurden, um Haushaltslöcher zu stopfen. Das Finanzministerium weist die Anschuldigungen zurück. Wer hat nun recht? Wie sollen wir Bürger das beurteilen? Baut man so Vertrauen auf, wenn mit Zahlen wie mit Äpfeln jongliert wird und nichts wirklich transparent ist?
Der massenweise kulturpolitisches Porzellan zerschlagende BKM, der sich nun auch noch mit der Nationalbibliothek anlegt und dabei sogar geltende Gesetze missachtet (denn die zweifache Pflichtabgabe wird über ein Bundesgesetz geregelt) verkommt schon fast zur Randnotiz, was ich aus beruflicher Sicht bedauerlich finde. Für das mehr oder weniger offene Paktieren von EVP-Mitgliedern (auch wenn es nur einige sein sollten, ist das dennoch mehr als bedenklich) mit den rechten Rändern habe ich kaum noch Energie übrig. Dabei müsste ich doch genau an dieser Stelle laut protestieren! Doch das lähmende Gefühl der Ohnmacht (da war doch noch was, ich schulde euch eine Buchrezension) macht sich breit und dann zucke ich die Schultern und denke: „Ob ich nun laut werde oder nicht, das macht auch keinen Unterschied.“ Doch was, wenn ich mit dieser Resignation nicht allein bin und genau solche müden Reaktionen scharf einkalkuliert sind?*
*Dass ich nicht allein mit diesen Gefühlen bin, habe ich am Montagabend in der Buchhandlung im Gespräch mit einer Kundin erfahren, die einen sehr niedergeschlagenen Eindruck ob der Entwicklungen machte. Wir sind also mindestens zu zweit.
Ist das eine Drohung oder ein Versprechen? In einer Nacht von Sonntag auf Montag, grob gegen zwei Uhr morgens, 110 Kilometer von Zuhause entfernt, zähle ich es eher zur ersten Kategorie. Und so kommt es in Zeiten hoher Spritpreise zu der etwas skurrilen Situation, dass eine dreiköpfige Familie aus dem nordöstlichsten Zipfel Westfalens in einem Kölner Stadtteil Pizza isst.
Beim Pizzaessen kann die Familie auf der anderen Straßenseite beobachten, wie sich die gefühlt kilometerlange Menschenschlange, die vom Palladium an einem Ende der Schanzenstraße diese entlang, um die Kurve, vor der internationalen Filmschule mindestens bis hin zur Firma Brainpool (also ca. 600 Meter Fußweg) auf dem Bürgersteig geduldig wartend erstreckt (weiter reicht der Blickwinkel nicht), ab 18:30 Uhr stückchenweise weiterschiebt. Ein Familienmitglied schafft ungefähr die Hälfte der wagenradgroßen Pizza, ehe es sich dort drüben auf der anderen Straßenseite einreiht in die inzwischen deutlich kürzer werdende Warteschlange. Die im Übrigen fast zu 100% aus jungen Frauen besteht. Und nein, sie warten nicht auf Harry Styles oder so, sondern auf eine junge amerikanische Singer-Songwriterin.
Die beiden anderen Familienmitglieder nehmen sich Zeit, sich durch ihre Pizzen zu futtern wie die kleine Raupe Nimmersatt. Und da es „Mini-Dolci im Glas“ gibt, passt als I-Tüpfelchen auch noch ein wenig Panna Cotta obendrauf. Anschließend beginnt das Warten. Auf dem Parkplatz (Museen oder Ausstellungen haben leider tendenziell nicht an Sonntagabenden geöffnet, jedenfalls nicht in Köln-Mülheim) vertreiben sie sich die Zeit mit Häkeln, Schläfchen und Musikhören.
Denn was wäre die Alternative? Für das konzertliebende Familienmitglied hieße die Alternative: Mitten in der Nacht zwei Stunden Aufenthalt in Hamm/Westf., aka „Der Zug endet hier“, „Der Zug wird hier geteilt“ oder auch „Bitte beachten Sie die umgekehrte Wagenreihung“. Hamm in Westfalen ist für viele, die auf der Ost-West-Achse im Bahnverkehr unterwegs sind, eine Art Endgegner. Hier werden die Weichen gestellt, im wahrsten Sinn des Wortes. Wehe, man sitzt im hinteren Teil eines ICE, wenn der mal wieder verkehrt herum zusammengebastelt wurde. Dann wird aus der geplanten Fahrt nach Amsterdam mal fix ein Trip nach Paris. Oder man landet in Hamburg statt in Berlin. (Das würde die Autorin dieses Beitrages auch jederzeit vorziehen, sorry an alle Berliner Mitlesenden, aber Hamburg ist nun mal … Hamburg.) Entweder in Hamm oder Minden treffen die Fanclubs gegnerischer Erst- und Zweitligafußballclubs an Samstagabenden aufeinander. Und in der Nacht von Sonntag auf Montag ist hier die Bahnfahrwelt metaphorisch mit Brettern vernagelt. Als letzte Möglichkeit einer Art von Safe Space für strandende Reisende: Es gibt ein Bahnhofsklo. Für Menschen, die jetzt ein Fragezeichen in den Augen haben: Sollten finstere Gestalten jeglicher Ausprägung im Bahnhof herumlungern, kann man (oder eher frau) sich während der erzwungenen Wartezeit dort in einer Kabine einschließen. Klingt echt komfortabel, oder? Die Bahnhofsmission ist vor Ort und hat Öffnungszeiten am Vormittag. Da diese Institution maßgeblich von der Spendenbereitschaft der Bahnreisenden und sonstiger Privatpersonen sowie vom ehrenamtlichen Engagement mitfühlender Bürger:innen in den Städten abhängt, kann man es nicht verübeln, dass die Zeiten, in denen Reisende stranden, nicht mit denen übereinstimmen, in denen dort Haupt- und Ehrenamtliche der karitativen Einrichtungen ihren Dienst versehen. Sie kommt deswegen auf die imaginäre Liste der unterstützungswürdigen Spendenzwecke.
Der eigentliche Frust entsteht allerdings nicht durch die unkonventionelle Abendgestaltung oder den bei einem wünschenswert umfangreichen ÖP(N)V-Konzept unnötigen „Ausflug“. Sondern durch die Tatsache, dass in einem hochentwickelten Land, das (noch?) einen vorderen Platz in der Liste der großen Industrienationen einnimmt, auf Kante genähte Deutschlandtakte geplant und horrende Gelder in prestigeträchtige Projekte der Verkehrsinfrastruktur gesteckt werden, deren Fertigstellungen auf den Sankt-Nimmerleinstag immer wieder verschoben werden, immer noch die „Provinz“ von den Metropolen abgehängt ist und dass umweltfreundliche und nachhaltige Mobilität zwischen den Regionen die Bedürfnisse ganzer Bevölkerungsgruppen nicht abdeckt. Die Länge des Satzes korreliert mit der Höhe meines Blutdrucks.
Statt an allen Ecken und Enden bei den Maßnahmen zugunsten breiter Bevölkerungsschichten zu kürzen, den Menschen Arbeitsunwillen, Krank“feierei“ und anderes „Fehlverhalten“ vorzuwerfen, könnte in eben diese Menschen und ihre berechtigten Interessen investiert werden. Auch für diejenigen, die es sich weder zeitlich noch finanziell leisten können, mal kurz alle Pläne umzuschmeißen und zum Pizzaessen samt Konzertbesuch über 200 Kilometer (und anschließend wieder zurück) zu fahren. Vielleicht klappt es dann auch besser mit der Zustimmung dieser Leute. Statt nur von denen, die sogar zum Austernschlürfen nach Biarritz oder zum Shopping nach New York fliegen. Die über Pizza in Köln nur müde lächeln.
Höchst verwegener Gedanke, ich weiß. (Aber immerhin: die Anstiftung zur Rebellion von Seiten des Kängurus scheint ansteckend zu sein😂.) Noch ein Gedanke, noch verwegener: Könnte es eventuell sein, dass der aktuellen Regierung wenig bis gar nichts an der gesellschaftlichen Teilhabe aller Bürger:innen und an bezahlbarer und nachhaltiger Mobilität liegt? Aber nein, dieser Gedanke grenzt mit Sicherheit an Schwurbelei. Oder …?
Kalle hat’s gut, er kann schlafen, so viel er will …
Für mich vollkommen ungewöhnlich: seit zwei Wochen habe ich morgens Probleme mit dem Wachwerden (als Ausgleich finde ich nachts nicht in einen guten Schlaf🙄). Ich komme einfach nicht aus dem Bett, weil meine Augen immer wieder zufallen, ich die Energie zum Aufrichten erst mühsam aus allen Körperteilen zusammen sammeln muss, hier ein bisschen, dort ein wenig. Die muss zunächst ins Gehirn zur Willensbildungszentrale, danach weiter in die Muskeln zum ausführenden Organ geschickt werden. Dabei habe ich letztens erst von einer Studie gehört, nach der das Phänomen der Frühjahrsmüdigkeit eher eine Art self fulfilling prophecy, eine selbsterfüllende Prophezeiung, auch Nocebo-Effekt genannt, ist. Wir erwarten, im Frühling müde zu sein, also sind wir es. Ich bin aber zu müde, um einen Nachweis der Studie zu suchen, also „Googel doch mal selbst, dann siehst du schon“. Wobei beim Niederschreiben dieser Worte, die mich regelmäßig auf die Palme bringen, gleich der Blutdruck steigt. Ein willkommener Energiekick?
Oder ist die blödsinnige Formel Ausdruck, dass ich langsam beginne, vor den eigentlichen Problemen zu flüchten, die mich in diese müde Phase gebracht haben? Dieser Satz, der so wunderbar verdeutlicht, dass viele Leute immer noch nicht kapiert haben, dass „das Internet“ nicht funktioniert wie eine Tageszeitung: es steht für jeden dasselbe drin. Sondern dass es eher davon abhängt, welche Art von Tageszeitung ich lese, was mir angezeigt wird. Lese ich eher Springerpresse, das regionale Käseblättchen, eine der überregionalen, wahlweise konservativ oder liberal geprägten Tageszeitungen oder besorge ich mir einmal in der Woche die große deutsche Wochenzeitung, die so umfangreich ist, dass man sie kaum innerhalb einer Woche schafft? Bevorzuge ich Hochglanznachrichtenmagazine samt der „Welt der Reichen und Schönen“oder reicht mir eine eher trockene monochrom auf labberigem Basispapier gedruckte Version, die aber meinen unmittelbaren Lebensbereich informativ abdeckt?
Ich schreibe mich warm. Die Gedanken geraten inzwischen ebenso in Wallung wie der Blutdruck. (Ist das eigentlich kontraproduktiv, wenn ich morgens um 6 Uhr Blutdrucksenker schlucke und eine gute Stunde später Tiraden verfasse?) Aber mir geht auch durch den Kopf, dass ich nicht allein bin mit den widerstreitenden Gefühlen und Gedanken. Ich höre es von allen Seiten.
Aber nicht nur den Part mit der Müdigkeit, sondern auch den mit der Widerständigkeit. „The Land of the Free“ wird immer unfreier und für Besucher unattraktiver, weil unsicherer (zu viel ‚un‚ für meinen Geschmack), der nicht enden wollende Krieg in der Ukraine, Nahost in allen Facetten als Pulverfass und nun auch noch immer mehr Kulturkampf im eigenen Land. Was mich ermüdet, schenkt mir paradoxerweise gleichzeitig Energie. Ambiguitätstoleranz, so wichtig. Die Fähigkeit, die Gleichzeitigkeit von widersprüchlichen Zuständen nicht nur auszuhalten, sondern auf dieser Welle zu surfen. Wir arbeiten mit dem, was wir vorfinden und versuchen, etwas konstruktives daraus zu erschaffen. Wenn dir das Leben Zitronen gibt, dann lass sie nicht vergammeln. Ob du Team Limonade bist oder lieber Tequila trinkst, schei*egal, Hauptsache du bleibst nicht im Nichtstun gefangen. Demokratie kommt uns mitunter auch vor wie ein Berg Zitronen. Wir sehen sie, wir tun das Naheliegende: beißen hinein – und verziehen den Mund. Schmeckt sauer bis bitter? Dann brauchen wir kreative und vielfältige Zubereitungsarten, keine Biotonne. (By the way: Biotonnen sind braun. Ich glaube, ich bin da etwas Großem auf der Spur🧐)
Ups! Wie bin ich denn jetzt von Frühjahrsmüdigkeit hier angekommen? Anscheinend bin ich nicht so müde, wie ich dachte. Zitrone gibt mit ihrem säuerlichen Geschmack und vor allem mit dem frischen Duft auch ungeahnte Energiekicks, kurbelt den Kreislauf und den Stoffwechsel an.
Ich bin wach. Und jetzt gehe ich den Frühstückstisch decken. Einen erfolgreichen Samstag. (Blick nach draußen: Fenster putzen wäre heute gut. Dabei soll es ja bedeckt sein, ohne Sonne. Bücher an die Leute bringen funktioniert aber auch prächtig, wenn es regnet oder zumindest kein Ausflugswetter ist😊)
Ich höre die Hörversion des neuen Buches von Marc-Uwe Kling und mir drängt sich ein Verdacht auf: Könnte es eventuell sein, dass ein kommunistisches und extrem systemkritisches Känguru aus Ost-Berlin daran mitschuldig ist, dass unsere Familie nicht nur grün-, sondern seit einiger Zeit links-grün-versifft ist?
Fast ein Jahrzehnt ist es her, dass wir in der Stadtbücherei eine Hörbuch-Version nach der anderen der Känguru-Chroniken, des Känguru-Manifests und der Känguru-Offenbarung ausliehen. (Die Apokryphen gab es damals noch nicht). Die Hörbücher begleiteten uns auf die Fahrt in den Urlaub und zu einer zweitägigen Fahrt nach Sendenhorst zur Rheumaklinik. Sie waren (und sind) Kult, sehr zum Kummer meines Göttergatten, dem vor allem die jämmelige Känguru-Stimme Kopfkratzen bereitet. Relativ zu Beginn der Rebellion gibt es einen Rückblick auf die Chroniken, den Beginn des ersten Bandes, aus der Sicht des Kleinkünstlers. Und an der Stelle, wo das Känguru „Vielen lieben Dank“ sagt, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Diese Dankesformel nutzt ein Familienmitglied sehr gern. Ein Familienmitglied, das eben diese Hörbücher fast auswendig gelernt hat, weil es erstens begeistert davon war und zweitens ein enorm gutes Merkvermögen besitzt.
Und wenn ihr jetzt denkt: WtF, jetzt basht sie ihre eigene Familie, was hat die denn gesoffen? (Jedenfalls keinen Lack …)
Natürlich ist es Unsinn, hier auf eine Kausalität (Ursache>>>Wirkung) zu schließen, wo höchstwahrscheinlich Korrelation (Wechselwirkung, zwei unterschiedliche Ereignisse/Zustände stehen in Beziehung und verstärken sich gegenseitig) im Spiel ist. In diesem Sinne bitte ich bei besagtem Familienmitglied vielmals und ehrlich um Entschuldigung.
Der Unterschied zwischen beiden Phänomenen kann aktuell nicht genügend erklärt werden, denn irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass gerade Menschen, die einem erzkonservativen bis reaktionären Spektrum angehören, mit der Unterscheidung verdammt große Probleme haben. Oder wie erklärt man sonst schlüssig, weshalb die CDU sich in BaWü aufführt wie King Kong, mitsamt Brustgetrommel und Mackergehabe?
Screenshot: Netzfund Aussage: Leider zeitlos, hätt’ste dir das so gedacht, Kurt?
Und leider, leider wird die gesamte Scheindebatte mal wieder über die Köpfe von Frauen hinweg auf deren Rücken ausgetragen. Ein allseits präsenter Philosoph (nein, ich schreibe ihn nicht in Gänsefüßchen, immerhin hat er seinen Beruf gelernt, auch wenn er seither offensichtlich viel vergessen und wenig Neues dazugelernt hat) maßt sich an, die real existierenden Sexismus-Erfahrungen nicht nur einer konkreten Schülerin, sondern vieler Tausend (im Lauf der Generationen eher Millionen) Mädchen und Frauen mit dem Attribut „aufgebauscht“ quasi als überzogene Empfindlichkeit abzubürsten. Frauenversteher? Eher nicht. Eine ganze Parteiführung debattiert darüber, ob ebenso real existierende, verstörende Videodokumente samt giftigen Aussagen weniger schlimm seien, als diese öffentlich zugänglichen Aufnahmen in Erinnerung zu rufen. Und damit eines klar ist: Ich spreche Herrn Hagel nicht ab, sich seit diesem Moment vor acht Jahren persönlich weiterentwickelt zu haben und seine damaligen Aussagen zu reflektieren. Ob mit oder ohne die Hilfe seiner Ehefrau. Immerhin hatte er den Anstand, seinen Rücktritt anzubieten. Aber sein Wahlkampfteam und seine PR-Abteilung haben definitiv aufs falsche Pferd gesetzt: auf die Hoffnung, man könne „olle Kamellen“ unter den Teppich kehren. Während sein politischer Kontrahent seine eigenen alten Skandale offen aufgearbeitet hat. Was aber mehrere Jahre Zeit gekostet hat. Zeit, welche die CDU einfach nicht hat, wenn sie nicht über kurz oder lang das Schicksal der SPD teilen will. Ironischerweise befürchte ich, dass sie durch ihr Irrlichtern am rechten Rand diesen Prozess eher beschleunigt als ausbremst.
Über die höchst eigenwillige Interpretation des Unwortes „Schmutzkampagne“ will ich gar nicht erst schreiben. Nur soviel: Vorgestern las ich einen treffenden Kommentar.
Ist nach dieser Definition dann auch an einem Mord nicht der Täter schuld, sondern derjenige, der später die Leiche findet?
Ich schließe mich doch lieber Känguru und Kleinkünstler an, jedenfalls auf der mir möglichen Ebene
»Ich rebelliere!«, ruft das Känguru, als es in die Küche kommt.
»Aha«, sage ich. »Wogegen rebellierst du denn?«
»Gegen die Zustände.«
»Verständlich«, sage ich. »Löblich geradezu.«
»Rebellierst du mit?«, fragt das Känguru.
»Wenn ich darf.«
»Falsche Antwort. Wer rebelliert, fragt nicht, ob er darf.«
»Guter Punkt.«
»Also rebellierst du mit?«
»Sehr gerne.«
»Hervorragend«, sagt das Känguru. »Dann sind wir schon zu zweit.«
Bibliographische Angaben: Marc-Uwe Kling, Die Känguru-Rebellion; Hörbuch Hamburg; ISBN 978-3-8449-4454-9; sozialistische 12,95 € für sechseinhalb Stunden Hörgenuss
Seit ich vor einigen Jahren zum Sachbuch-Nerd mutiert bin, ist es mitunter frustrierend, dass viel mehr lesenswerte Bücher zu gesellschaftlichen, politischen, ökologischen oder historischen Themen erscheinen als ich bewältigen kann. Denn neben dem reinen Vorgang des Lesens ist ja auch die Verarbeitung der vielen Informationen in den Büchern essenziell, die Abwägung von Inhalten: Wie glaubhaft ist das, was ich lese, deckt es sich mit meinem Erfahrungshintergrund? Oder erfahre ich grundlegend Neues, das ich erstmal für mich selbst klarkriegen muss, ehe ich anderen überzeugend davon erzählen kann? Welche Agenda haben die Autoren? Faktenchecks gehören für mich ebenfalls dazu: Wie umfangreich ist das Quellenverzeichnis? Und ist es einseitig gewichtet oder gibt es in den Quellen unterschiedliche Sichtweisen und Beurteilungen, die in den Text Einzug finden?
Kleine Anekdote am Rand: Als ich in die neuen Lernhefte meines Fernstudiums schaute, die den Bereich Sachbuch abdecken und im letzten Heft auf die Publikationsformen eingehen, musste ich herzhaft lachen. Da steht:
Screenshot aus dem Vorwort des Lernheftes
Sachbücher und Ratgeber liefern seriöse Informationen. So soll es sein, definitiv. Und Selfpublishing bringt ebenso sicher auch viele Vorteile mit sich, ich selbst überlege ja auch in der Richtung. Aber – ihr habt sicher schon geahnt, dass es ein großes Aber gibt: Nicht nur, aber unter anderem Selfpublishing sorgt neben vielen kreativen und nachdenklichen Denk-Ansätzen auch dafür, dass (vor allem seit der Pandemie) immer mehr Absolventen der diversen Youtube-Akademien ihre selbst angeeignete Expertise zum Impfen, zur politischen Lage der Welt, zur Spaghettimonstertheologie, zum großangelegten, von „globalistischen Eliten angefachten Bevölkerungsaustausch“, zu Prepperfachwissen bis hin zu Genetik und Evolutionsbiologie in die weite Welt der Bücher teilweise sehr überzeugend versprühen. Das gilt es immer im Hinterkopf zu haben, wenn es um die Seriosität geht.
Zurück zum eigentlichen Thema: Ich brauche ein sinnvolles Tool, um mich im Sachbuchmarkt zu orientieren, um in konzentrierter Form einen Überblick zu bekommen und gleichzeitig Hintergrundinfos und Verkaufsargumente zu sammeln. Der oben genannte Sachbuchpodcast ist da sehr hilfreich. Der Host, Christof Blome, ist Sachbuchlektor und hat einen guten Überblick über die Themen, die das Zeug zu großer Nachfrage haben. Er lädt Autor:innen, Verlagsleute, Journalist:innen und andere Menschen ein, die sich mit ihren Themen wirklich gut auskennen und es nicht nur vorgeben.
Die neueste Folge mit Anne Brorhilker hat mich jedenfalls total angefixt. Ich habe das Buch noch nicht in Gänze gelesen, aber da es seit vielen Wochen vollkommen zu Recht auf der Bestsellerliste steht, immer mal wieder Blicke hineingeworfen. Im Podcast erzählt die ehemalige Staatsanwältin sehr persönlich und eindrücklich vom Alltag in deutschen Behörden, Verwaltungen, Steuerkanzleien und Firmen. Von Klassismus, Sexismus und anderen -Ismen, von Standesdünkeln und Überheblichkeit auf der Seite der großen Wirtschaftsplayer und der Hilflosigkeit und historisch gewachsenen Unorganisiertheit staatlicher Institutionen andererseits. Auch hier ein großes Aber: Sie erzählt das nicht in einem lamentierenden Ton, sondern berichtet sachlich. Weil ihre Absicht ist, Durchschnittsbürgern wie dir und mir Mut zu machen: Mut, dass wir nicht hilflos sind, dass wir uns einmischen können, dass wir Dinge ins Rollen bringen können, wenn wir nicht stumm daneben stehen und die Schultern zucken. Sondern wenn wir unsere Machtinstrumente nutzen: Petitionen, Eingaben bei unseren Abgeordneten, Nachfragen usw. Indem wir Bescheid wissen über die Art und Weise, wie Lobbyisten versuchen, uns mit Wortungetümen und Floskel-Blabla einzuschüchtern und uns weismachen, das sei ja alles viel zu hoch und unverständlich für den ganz normalen Deutschen.
Ich stelle mir die Frage: Wollen wir nicht als mündige Bürger angesehen werden? Sollten wir dann nicht mal anfangen, uns mit den Themen vertraut zu machen, mit den Märchen darüber, warum dem deutschen Staat mehr oder weniger achselzuckend so viele Steuergelder entgehen, während uns erzählt wird, wir seien alle mehr oder weniger Sozialschmarotzer?
Hat jemand Lust, sich anzuschließen und dieses Buch zu lesen, um anschließend mitzureden, darüber zu diskutieren, Multiplikator zu werden?
Zitat Anne Brorhilker (S. 14): Hätte ich mir das selbst zugetraut, wenn man mich zu Beginn meiner Tätigkeit bei der Staatsanwaltschaft Köln gefragt hätte? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber während meiner Zeit dort und insbesondere dank der Erfahrungen mit den Cum/Ex-Ermittlungen kann ich heute sagen, dass meistens viel mehr möglich ist, als man selbst glaubt. [ … ] Dieses Buch ist vielmehr eine Ermutigung, sich von Widerständen nicht einschüchtern und lähmen zu lassen, sondern sich einzumischen und für wichtige Ziele einzustehen.“
Bibliographische Angaben: Anne Brorhilker/Traudl Bünger, Cum/Ex, Milliarden und Moral; Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-21911-3,; 24,- €
Als gestern Mittag die Eilmeldung im Börsenblatt erschien, war ich kein bisschen verwundert. Hatte ich doch kurz zuvor gelesen, dass ein Essener Buchhändler seinen Preis zurückgewiesen und einen offenen Brief ans BKM verfasst hatte. Und dass sich die 115 Buchhandlungen solidarisch zusammengetan haben, um den drei „Aussortierten“ die Preisgelder aus eigenen Mitteln zu ersetzen. Dass sie gar die sogenannte „Feierstunde“ (später mehr) zu einer kreativen Aktion nutzen wollten.
Mal überlegen. Um 17 Uhr, eine Stunde vor Schließung der Messe, sollte die Preisverleihung beginnen. 115 Buchhandlungen, 60 Minuten. Eine halbe Minute pro Buchhandlung, die restlichen zweieinhalb Minuten für Sektempfang und kollegialen Austausch? Wahrhaft würdig und angemessen, mit Sicherheit. 😠 Wir sind ja Kummer und relative Missachtung der Politik gewohnt im Buchhandel, aber so etwas gab es noch nie.
Kann man so machen. Ist aber maximal katastrophal für Wertschätzung, Diskurs und Außenwirkung. Und das gilt sowohl für den Rahmen der Fließband-„Feierstunde“ (bisher waren es festliche Abendveranstaltungen, aber man muss ja sparen) als auch für die Hopplahopp-Absage.
Der Hanser-Verlag lud daraufhin alle 118 ursprünglich nominierten Buchhandlungen zu einer Messe-Party ein. Am selben Abend wie die gecancelte Preisverleihung. Derweil der Börsenverein den Buchhandlungen rät, die Preise nicht zu boykottieren, sondern entgegenzunehmen. Nicht aus Opportunität und mangelnder Solidarität. Es ist so traurig wie pragmatisch: Weil die Befürchtung besteht, eine Verweigerung könne einen (willkommenen?) Anlass bieten, den erst seit 15 Jahren vergebenen Buchhandlungspreis – ursprünglich eingeführt, um die engagierte Arbeit inhabergeführter, konzernunabhängiger Buchhandlungen quer durchs Land für Leseförderung und eine lebendige, vielfältige Kultur- und Wissensvermittlung zu würdigen – einzustellen, wegzusparen sowie unbequeme Preisträger vom Hals zu halten.
Ob dieses Trauerspiel noch einen dritten Akt haben wird und wie er aussehen mag? Ich hätte da ein paar Ideen. Als kleiner Spoiler: in der klassischen griechischen Tragödie gibt es kurz vor Schluss etwas, das sich Katharsis (Reinigung, Sühne) nennt …
… an Jens Spahn. Der brachte die Idee auf, das Ministerpräsidentenamt in BW könne ja angesichts der Patt-Situation bei den Landtagssitzen geteilt werden. Zweieinhalb Jahre Grüne, zweieinhalb Jahre CDU. Ganz davon abgesehen, dass sich auch in diesem Fall beide Parteien im Vorfeld zwingend über die grundsätzliche Ausrichtung der Landespolitik einig sein müssen (sonst gibt es ja nur noch Kuddelmuddel, wenn mitten in der Legislaturperiode alles anders gemacht wird), was hält denn sein Chef von dieser Lifestyle-Teilzeit-Lösung?
Die eigentlich maßgebliche Frage lautet aber: Angenommen, das Ergebnis wäre ebenso knapp, aber andersherum. Herr Spahn, wären Sie in diesem Fall auch so überzeugt davon? Würden Sie gar über Ihren Schatten springen und den Grünen ein solches Modell anbieten, weil die einen ebensolchen Anspruch auf das Amt hätten? Oder würden Sie mit Klauen und Zähnen Ihren halben Prozentpunkt verteidigen als heilsbringenden kleinen Unterschied?
Oh, Shit. Das war jetzt deutlich mehr als eine Frage. Aber mit dem Zählen und Rechnen haben Sie es ja auch nicht so. Puh. Glück gehabt?
Wie der Feminismus durch Bücher und Musik Einzug in mein Leben fand
Ich habe mich lange Zeit nicht als Feministin eingeordnet, da ich wenig Einschränkungen wahrnahm in meiner ganz persönlichen Entwicklung. Das hat sich grundlegend gewandelt.
Die Rolle(n), die historisch betrachtet von der männlichen Hälfte der Bevölkerung und der großenteils männlichen Machtelite den Frauen zugestanden wurden – und teilweise immer noch werden – bewegte sich lange Zeit im Kosmos „Küche, Kinder, Kirche“. Und die Tendenzen wieder hin zu diesen fragwürdigen „Werten“ verstärken sich leider in den letzten Jahren von konservativer Seite her wieder immens.
Im Gegensatz zu einer feministischen Haltung war mir ein anderer wichtiger Baustein in meinem Dasein dagegen schon sehr früh klar:
Ein Leben ohne Bücher ist möglich, aber sinnlos.
Das frechste Buch mit einer selbstbewussten Hauptdarstellerin, das ich als Kind besaß, war „Die rote Zora“. Dummerweise wusste ich mit diesem Mädel überhaupt nichts anzufangen. Erst später wurde mir klar, weshalb. Der Klassenkampf von Zora und ihrer Bande gegen die Oberschichtschüler fand nicht nur in den 1930er Jahren statt, sondern auch noch in Kroatien, was für mich im Jahr 1976 ungefähr so weit weg war wie der Mond. Und ebenso wenig wie über diesen wusste ich auch von dem Land, das zur Zeit des kalten Krieges zu Jugoslawien gehörte. Ich nehme mal an, das Buch wurde mir von meiner viel älteren Cousine geschenkt, die Ende der 1960er ihr Studium begonnen hatte und vermutlich von der Studentenbewegung 1968 inspiriert war.
Meine Tante (ihre Mutter), von der ich relativ viele Bücher überlassen bekam, versorgte mich dagegen mit Marie Louise Fischer und Utta Danella. Diese Bücher sorgten teilweise für meine Aufklärung und viel Verwirrung, denn für Mädchen im Alter von 10-12 Jahren war diese Lektüre nicht unbedingt erste Wahl. Im Gegenteil, ich erfuhr zu viele intime Details, die ich noch gar nicht wissen wollte oder einordnen konnte.
Das freche und anarchische, autark lebende Vorbild, das ich mir sehnlichst wünschte, fand irgendwie nie den Weg auf meinen Geburtstagsgabentisch: Pippi Langstrumpf. Ich glaube, ich muss nicht extra erwähnen, dass ich in den Sommerferien auf jeden Regentag hoffte, denn dann durfte ich das ZDF-Ferienprogramm schauen, wo Pippis Abenteuer als Filme gezeigt wurden.
Girls just wanna have fun vs. Holding out for a Hero
Als Jugendliche liebte ich Tanz- und Musikfilme, gern mit jungen Frauen, die ihren Weg fanden. Sängerinnen wie Madonna oder Cyndi Lauper mit ihren unorthodoxen Outfits und Reibeisenstimme Bonnie Tyler waren mir näher als Alice Schwarzer, mit deren Art ich nie etwas anfangen konnte. Auf valide Argumente konnte ich die Antipathie damals nicht bauen, aber einerseits empfand ich ihr Auftreten als ebenso abstoßend wie das vieler, vor allem mächtiger Männer und andererseits hatte ich einen total anderen Erfahrungshintergrund. Meine Mutter war berufstätig, im Gegensatz zu den Müttern vieler Freundinnen, deswegen hielt ich unsere Familie für sehr emanzipiert.
„Lila schützt vor Schwangerschaft“, diese „Emanzenweisheit“ schrieben wir stolz auf unsere Schlampermäppchen. Deren Respektlosigkeit wurde mir und vielen anderen erst Jahre später bewusst. Das Vorurteil dahinter: Emanzen sind so hässlich, die will eh kein anständiger Mann haben. Die etwas älteren Jungs und auch erwachsene Männer bezeichneten Frauenrechtlerinnen abfällig als „Kampflesben“ oder etwas altmodischer als „Blaustrümpfe“.
Wahrscheinlich war ich trotz Gymnasialbildung ein wenig naiv, ich konnte mir da einfach keinen Reim drauf machen.
Schon bevor ich meine unvermeidliche Ausbildung im Buchhandel begann, noch zu meiner Grundschulzeit, gründete der Rowohlt Verlag die Reihe Rowohlt Neue Frau, wo Alice Walkers „Die Farbe Lila“ und jede Menge andere wichtige Literatur von Frauen für Frauen erschien.
Meine erste Abteilung im Ausbildungsbetrieb war der Taschenbuchladen, wo ständig „Der Tod des Märchenprinzen“, „Suche impotenten Mann fürs Leben“ oder „Windeln, Wut und wilde Träume“ durch meine Hände ging. Neben Büchern von Georgette Heyer oder Anais Nin. Unvergessen: „Der einzige Weg, Oliven zu essen“ von Lonnie Barbach. Sehr aufschlussreich. Die intellektuelleren Kundinnen lasen eher Simone de Beauvoir oder Christine Brückners „Wenn du geredet hättest, Desdemona“.
Unser erster Sortimenter ließ in diesem Betätigungsfeld den durchweg weiblichen Azubis meist freie Hand, denn ich habe bis heute den Verdacht, für ihn war das alles ein ähnliches Gedöns wie später für den SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder die Frauenpolitik.
Miss Merkel oder Eine Frage der Chemie?
Der Buchmarkt boomt seit einiger Zeit schon in dem Bereich, in dem es um die Rezeption zeitgeschichtlicher Ereignisse (also grob die letzten 100 Jahre) geht. Vor allem dort, wo es um die Rolle der Frauen geht, um den Platz, den Männer ihnen gewährten, sowie die Pfründe, die Adlige, Bürgerliche oder Klerikale – allesamt männlich – gegen weiblichen Einfluss verteidigten.
Rezeptionen über Wissenschaftlerinnen wie Marie Curie oder Ada Lovelace (die übrigens die weltweit erste Programmiererin war, lange bevor Bill Gates und andere Tech Bros geboren wurden), über Politikerinnen wie Sanna Marin oder Jacinda Ardern, Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker oder Patti Smith finden in der Sachliteratur ebenso wie im belletristischen Bereich viele Leserinnen. Auch wenn es sich insgesamt zu einem sehr großen Teil um Unterhaltungsliteratur oder Cozy Crime handelt, finde ich die Bezeichnung Frauenliteratur für dieses Genre inzwischen despektierlich.
Warum sollte nicht in gut verdaulicher Form auf Missstände aufmerksam gemacht werden, die viele Frauen am eigenen Leibe erlebt haben? Warum sollten wir nicht nachdenken, ob es eigentlich jemals richtig war, auf die Expertise einer halben Bevölkerung zu verzichten und oftmals lieber weniger qualifizierte Männer in herausgehobene Positionen zu hieven als gut ausgebildete Frauen auch nur in Betracht zu ziehen?
Nicht jede Frau – und übrigens auch nicht jeder Mann – möchte ins Reich der intellektuell mehr oder weniger herausfordernden Sach- und Fachliteratur einsteigen, um sich Gedanken über gesellschaftliche Probleme zu machen. „Großen Gesellschaftsromanen“ wird auch hier (und vornehmlich männlich geprägt) mehr zugetraut als vermeintlicher Alltagskost. – Im übertragenen Sinn wird man aber von dieser Alltagskost an den meisten Tagen satt, nicht vom Gourmetmenü, das man sich selten gönnt. Also sollten manche Männer, wie ein allseits bekannter deutscher Buchkritiker, bitte dringend verbal abrüsten und öfter mal einen Perspektivwechsel wagen, finde ich. Andersherum wird es schließlich als selbstverständlich angesehen, dass wir Frauen uns mit der männlichen Perspektive auseinandersetzen.
Im Übrigen ist es genau das, womit seit Jahrtausenden Erfahrungen, Wissen und die großen Erzählungen der Menschheit weitergegeben werden: Geschichten, die durch ihre Eindringlichkeit und Mitnahme der Zuhörer unseren kollektiven Erfahrungsschatz und die Grundlage der Geschichtsschreibung bilden. Und in vielen Kulturen der Welt sind die Frauen die Hüterinnen der Geschichte in Geschichten. Ihnen obliegt es, den Kindern und Jugendlichen die Weisheiten des kollektiven Wissens zu vermitteln. Sie tragen damit eine große Verantwortung.
Mindestens für kommende Generationen, für meine Töchter und ihre Freundinnen, streite ich für eine Welt mit mehr Gerechtigkeit, weniger Geschlechterkampf und weniger Macht von Männern über die Lebenswege von Frauen. Doch auch für meine Schwiegersöhne und meinen Enkel wünsche ich mir eine Welt, in der sich niemand für seinen oder ihren Lebensentwurf rechtfertigen muss.
Denn das Modell, das zurzeit sehr offensiv als Ideal eines Familienlebens von rechtsaußen propagiert wird, schränkt nicht nur die Frauen, sondern auch Männer ein. Und Menschen, die in dieses Bild nicht passen, sowieso. Sie werden überhaupt nicht mitgedacht, weil nicht sein kann, was angeblich nicht sein darf.
Die Sichtweise von Männern, die sich in der sogenannten Manosphere oder in Incel-Netzwerken sammeln samt ihren toxischen Vorstellungen davon, wie sie Frauen als Bedürfnisbefriedigungsobjekte benutzen, tut ihr Übriges. Es gibt mir Energie, von Frauen wie Gisèle Pelicot zu lesen, die mit Tapferkeit und Würde gegen missbräuchliche Männer ankämpft oder ihrer Tochter Caroline Darian, die sich gleich mit ganzen Strukturen anlegt.
Wir alle, Männer wie Frauen, wurden und werden von Konventionen geprägt, die uns in der Erziehung mitgegeben wurden. Bewusst oder unbewusst. Selbst dann, wenn wir uns davon abzugrenzen versuchen, können wir nicht immer ausweichen und andere, neue Wege beschreiten, mangels Gelegenheit oder auch wegen fehlender Vorbilder.
Untrennbar mit diesen Überlegungen verbunden ist für mich übrigens auch die Frage nach individueller und institutioneller Schuld, nach Verantwortungsübernahme, nach dem Bedenken der Konsequenzen für nachfolgende Generationen. Verantwortung bedeutet dabei nicht, sich in vergangener Schuld zu suhlen und zu kasteien, sondern vor allem, Geschehenes zu reflektieren und dafür zu sorgen, dass es sich nicht wiederholt. Immer dann, wenn Ideologie so verherrlicht wird wie es in den unterschiedlichen autoritären und totalitären Regimes überall auf der Welt geschah und geschieht, geht es auf Kosten der Menschlichkeit. Dabei ist es ziemlich egal, ob die Ideologie religiös, biologostisch oder ökonomisch begründet wird. Und leider müssen wir zurzeit in mächtigen Kreisen (auch in Demokratien) beobachten, dass Feminismus verteufelt wird, dass Frauen auf ihre Fuckability und ihre Gebärfähigkeit reduziert werden – und dass neues Leben nur so lange wertvoll ist, wie es sich im Mutterleib befindet. Während eine toxische Männlichkeit gefeiert wird, die sich zum Richter über wertes und unwertes Leben aufschwingt, die junge Männer zu Kanonenfutter macht, migrantische Menschen überall auf der Welt zu Ungeziefer erklärt und Eindeutigkeit fordert, wo Ambiguitätstoleranz gefordert ist.
Ist es kompliziert? – Ja.
Bin ich innerlich zerrissen? – Unbedingt.
Bin ich also heute Feministin? – Ja. Unbedingt.
Als Reverenz an die Vergangenheit, um sie besser zu verstehen und den vielen Frauen von Ada Lovelace über Marie Curie bis hin zu Mileva Marić Ehre zu erweisen. Als Mahnung für die Gegenwart, Errungenschaften nicht aufs Spiel zu setzen, sich dem Erstarken reaktionärer Kräfte entgegen zu stellen. Und für die Vision einer inklusiven Zukunft, die alle Menschen mit ihren Schwächen und ihren Stärken, ihren Ängsten und ihren Hoffnungen, ihren Einschränkungen und ihren Möglichkeiten angemessen beteiligt.
Weil die gesamte Gesellschaft davon profitiert, wenn Frauen auf andere Frauen achten und sie supporten. Weil sie daran wächst, wenn Frauen – und Männer – den nur vermeintlich typisch weiblichen Charakterzügen wie Empathie und Wertschätzung zur Durchsetzung verhelfen.
Ja, auch Männer können Feministen sein, ohne dabei ihre Männlichkeit zu verlieren. Weil Feminismus nicht „Kampf gegen Männer“ bedeutet.
Weil Feminismus bedeutet, alle Menschen und ihre Bedürfnisse zu sehen.
Dieses ist mein Beitrag zur Wortdusche am Weltfrauentag. Drei Wochen habe ich an dem Text geschrieben. Ich habe gewütet und meine Wut wieder eingefangen. Ich bin verzweifelt und habe aus dem Zweifel neue Kraft gewonnen. Ich habe getrauert und der Trauer erst Raum gegeben und sie dann ein Stück weit überwunden. Nicht komplett, aber genug, um schreib- und redefähig zu sein. Ich habe gehadert und um Zuversicht gerungen. Habe mit meinen widersprüchlichen Gedanken jongliert. Ich habe geschrieben, gelöscht und neu geschrieben. Dieser Beitrag ist eine Momentaufnahme. Ich danke euch fürs Lesen.
Ich glaube, es ist gut, dass ich mich selbst beim Lesen nicht sehe, es kommt mir merkwürdig vor. Vorn im Publikum meine „Fanbase“😂
Nachtrag: »FRAUEN, DIE NICHTS FORDERN, WERDEN BEIM WORT GENOMMEN – SIE BEKOMMEN NICHTS.« Mit diesen Worten von Simone de Beauvoir stellte mich Lou gestern vor. Danke auch dir, Lou, für diese Zuordnung.
Jachthafen Sonwik, Blick über die Innenförde auf die Flensburger Werft. Himmlische Ruhe.
Benebelt (von den vielen Gedanken und Eindrücken in meinem Kopf) liege ich im Bett und lausche. Die Kirchturmuhr schlägt. Sieben Uhr. Morgens. Vögel zwitschern den Frühling herbei. Was soll’s, an Schlaf ist sowieso nicht mehr zu denken. Wie die vergangenen Wochen schon. Ich hatte gestern Abend die Hoffnung, in dieser Nacht tief und traumlos schlafen zu können. Aufgestanden um vier (!) Uhr morgens. Um kurz nach Fünf losgefahren. Ungefähr 400 Kilometer hinter dem Lenkrad verbracht, für mich eine außergewöhnliche Leistung innerhalb eines Tages. Mit Bekannten sind wir nach Gelting Mole gefahren, um die Sterntaler aus ihrem Winterquartier nach Flensburg zu bringen. Die Männer auf dem Seeweg, wir Frauen wollten den Tag nutzen, um die Gegend zu erkunden. Auf der Außenförde dichter Nebel, die dänische Seite war nicht sichtbar. Später erzählte Edgar, er habe nach der Plotter-App auf dem Handy navigieren müssen, damit sie jeweils die nächste Tonne ansteuern konnten, denn die Nebelsuppe war dick und an Bord funktionierte noch überhaupt nichts (außer dem Motor). Das Boot lag im Wasser und der Mast war gestellt, aber: weder waren die Segel eingezogen noch die Elektronik angeschlossen. Das kommt alles noch.
Ich habe doch glatt vergessen, alles kurz und klein zu fotografieren. Bis auf diese Eindrücke im NSG. Weil: erstens Nebel, zweitens intensive Gespräche und drittens Gedankenlosigkeit. Nun gut. Außer Nebel und noch im Winterschlaf befindlichen, trockenem Gestrüpp der Hecken auf der Halbinsel Holnis gab es ehrlich gesagt nicht viel, das eine Fotodokumentation reizvoll gemacht hätte. Vielleicht den kleinen Dorfplatz samt Teich und Sitzgruppe, an dem wir unser mitgebrachtes Mini-Picknick verzehrten. Oder die wunderschönen Häuser an der Steilküste von Holnis, die nach einer längeren Zeit im Dornröschenschlaf zurzeit renoviert werden (es tut sich also doch was in Deutschland😂) und vermutlich demnächst einer touristischen Nutzung entgegensehen.
In Steinbergkirchen haben wir ein norddeutsches Kaufhaus geentert und in nostalgischen Gefühlen geschwelgt (Echt jetzt: Kaufhaus. Wie früher. So richtig mit Klamotten und Haushaltswaren, Drogerieabteilung und touristischem Dekodedöns. Allwetterjacken, Gummistiefel, Sandspielzeug und Kescher in trauter Eintracht mit Sanddornhautcreme und -likör.) Und haben unsere Familien mit T-Shirts für den Sommer eingedeckt. Auf Holnis wollte ich unbedingt von der anderen Seite des ehemaligen (vor der Sturmflut 2023) Rundweges aus sehen, wo ich im Herbst nicht weitergekommen war. Vor der Steilküste ist Schluss. Der ehemals zum Strand hinunterführende Pattweg ist gesperrt, mit Zaun und allem. Und das wird er vermutlich auch die nächsten Jahre bleiben, mindestens bis die am Steilhang und am Strand umgefallenen Bäume vermodert sind. Oder die nächste Sturmflut (hoffentlich nicht) auch noch den Zaun abknabbert. Denn Holnis ist Naturschutzgebiet, es wird in den Lauf der Natur nicht eingegriffen. Gut so. Touristisches Jammern ist fehl am Platze, wir sind dort die Eindringlinge, nicht die Elemente. Immerhin konnten wir die Sterntaler beobachten, wie sie die „Schwiegermutter“ (eine Untiefentonne vor der Landspitze von Holnis) umrundete und Kurs auf die Innenförde mit den Ochseninseln nahm.
Weiter ging die Fahrt, zu Wasser und zu Land, in Richtung Marina Sonwik. Wir kamen eher an als die Sterntaler und konnten uns vorab erkundigen, in welche Box die Männer das Boot bringen sollten. Es folgte eine kurze Inspektion des Hafens: Mist, die Sanitärgebäude öffnen leider erst Mitte April zum offiziellen Saisonstart, auch wenn überall an den Stegen Bootseigner zu beobachten waren, die ihre Schiffe auswinterten.
Und dann kamen sie auch schon:
Auch wenn es optisch wie „auslaufen“ aussieht, es ging im Rückwärtsgang in die Gasse und dann in die Box. Spiegelglatte See, also absolute Windstille, erleichterten das „Einparken“ erheblich. Zack, drin. So finde selbst ich Hafenmanöver akzeptabel (die sind sonst mein Endgegner, ich kriege immer einen halben Nervenzusammenbruch.) Immerhin beim Italiener im Hafenbürogebäude bestand dann auch die Möglichkeit, einen Toilettenbesuch mit dem Nachtanken von Kaffee zu verbinden. Win-win-Situation. Als krönenden Abschluss kutschierte ich meine Auto-Crew dann noch nach Flensburg rein, zur Museumswerft, wo es die weltbesten Fischbrötchen gibt. Große, leckere Fischportionen in stets frischgebackenen, warmen und knusperkrossen Riesenbrötchen🤤. Übrigens alles andere als „Fast Food“, denn dort stehen ständig lange Schlangen hungriger Einheimischer und Touristen, um nordisch gelassen zu warten, bis sie an der Reihe sind. Nur mir ging gestern kurzfristig die Ruhe flöten, als die Leute vor uns meinten, sie hätten vermutlich die letzten Brötchen ergattert. Da musste ich doch kurz kundtun, dass wir extra aus Porta Westfalica angereist sind, um genau dort Fischbrötchen zu essen. Aber auch die mindestens weiteren zwanzig Leute, die sich noch nach uns angestellt hatten, gingen nicht leer aus. Danke, Jungs!
Nach einem langen Tag voller sehr unterschiedlicher Impressionen schlurfte ich schließlich um halb Elf ins Bett. Ich hatte oben erwähnte Hoffnung. Doch die vielen Inputs des langen Tages, das komplexe und verstörende Weltgeschehen, politisches Hickhack und gesellschaftlicher, von „oben“ aufgezwungener Kulturkampf im Inneren des Landes und nicht zuletzt gesundheitliche Herausforderungen innerhalb der Familie ließen mich auch diese Nacht mehr in einem halbsedierten Dämmerzustand mit wilden Traumfantasien verbringen als in erholsamer Ruhe.
Durch das Aufschreiben kommt jetzt aber wenigstens etwas Struktur ins Chaos. Kalle liegt in sein Schicksal ergeben („Frühstück ist heute später, mein Junge“) neben mir im Büro, die Waschmaschine und der Geschirrspüler laufen schon, Mann und ‚Kind‘ schlafen noch. Und ich bereite mich mental auf den heutigen Nachmittag in der Wortdusche vor und bekomme langsam doch ein zartes Hüngerchen. Also tschüss, einen schönen Sonntag (auch wenn es schon wieder neblig ist) euch allen. Und übrigens: Einen erfolgreichen Weltfrauentag!
Danke für eure vielen wunderbaren ablenkenden Filmzitate. Ich habe mich wieder zurechtgeschüttelt. Nun kann ich artikulieren, was gestern noch wie ein riesiger Berg Krautsalat durch mein Hirn waberte. Grund für den schwer verdaulichen Wirrwarr ist der Deutsche Buchhandlungspreis. Wobei, das stimmt so nicht. Grund ist unser Kulturstaatsminister. Der Reihe nach.
Screenshot: Website des Deutschen Buchhandlungspreises
Also: nicht der Preis an sich, den gibt es schon seit 2015, er blüht eher im Verborgenen der Branche recht bescheiden vor sich hin. Viele inhabergeführte Buchhandlungen wurden in der Vergangenheit ausgezeichnet, für Leseförderungsmaßnahmen (Welttag des Buches, Lesetüten, Zusammenarbeit mit Schulen, Kinderbuchmessen …), für die Förderung regionaler Literaturangebote, Lesungen, Podiumsdiskussionen, Vorstellung lokaler Autoren jenseits des literarischen Mainstreams, für die Schaffung von lebendigen Begegnungsorten in kleineren Städten abseits der kulturell breiter aufgestellten Metropolen und vieles mehr.
Der Preis ist für die einzelnen Preisträger nicht hoch dotiert wie man es von Filmpreisen gewohnt ist, in anderen Branchen als dem Buchhandel würde man vermutlich müde lächeln. Aber er geht in die Breite, es wird ein Spektrum an kleineren Läden quer durchs Land gefördert, für die auch Preisgelder unterhalb von fünfstelligen Summen bedeutend sind, um weiterhin mit ihrer Arbeit Impulse in die Gesellschaft zu setzen. Vielleicht habt ihr in der Buchhandlung eures Vertrauens (sofern es eine inhabergeführte, konzernunabhängige Buchhandlung ist) schon einmal das Logo mit einer Jahreszahl versehen entdeckt, dann gehört sie zu denen, die bereits die Ehre der Auszeichnung hatten.
Nach dem Regierungswechsel 2025 wehte im Kulturstaatsministerium ein Wind of Change, der zunächst den Anschein hatte, jegliche Aktivitäten in Richtung Literatur weggefegt zu haben. Denn: mehrere Monate lang tat sich nichts. Das Bewerbungsportal lag verwaist zu einer Jahreszeit, in der die Buchhandlungen jahrelang die digitalen Bleistifte und sämtliche Kennzahlen bereithielten, um ihre Bewerbung abzuschicken. Man munkelte, 2025 werde es wohl nichts mit der noch jungen Tradition. Erst Anfang September gab es schließlich ein kurzes Zeitfenster, in dem man eine Bewerbung abgeben konnte. Auch die Hofbuchhandlung bewarb sich, kam aber (leider oder vielleicht auch: zum Glück?) nicht in die engere Auswahl der 115 Nominierten der Republik.
115? Moment mal. Seit gestern, seit dem 4. März 2026 ist bekannt, dass die unabhängige, aus Branchenkennern bestehende Fachjury ursprünglich 118 Buchhandlungen nominiert hatte. Drei Buchhandlungen wurden vom BKM (Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien) aussortiert. Und zwar offensichtlich, nachdem (vermutlich, denn wie will man sonst filtern?) alle Nominierten vom Bundesamt für Verfassungsschutz überprüft wurden. Heimlich, still und leise, ohne dass es den Betroffenen mitgeteilt wurde, ohne dass sie Möglichkeit zur Stellungnahme bekamen. Ohne dass sie wissen, was genau ihnen an „Verfassungsfeindlichkeit“ vorgeworfen wird.
Drei Buchhandlungen, die politisch dem linken Spektrum angehören, aber bei denen die Kulturstaatsministerinnen Monika Grütters und Claudia Roth in vergangenen Jahren ihr Engagement – siehe oben – bescheinigten.
Ich verlinke euch hier eine Liste von frei zugänglichen Presseberichten, die sich mit diesem bisher undenkbaren, mit der Kunst- und Meinungsfreiheit keinesfalls konform gehenden Vorfall befassen. Und ich bitte euch eindringlich: Lest die Artikel. Wenn ihr die Möglichkeit habt, macht Lokalpolitiker auf den Vorgang aufmerksam. Besucht eure lokalen Buchhandlungen und kauft dort eure Bücher, denn auch ihre Arbeit steht bei konsequenter Weiterführung einer solchen „Kulturpolitik“ auf dem Spiel. Lasst nicht zu, dass „missliebige“ Literatur und ihre Fürsprecher wieder aus der Öffentlichkeit verbannt werden.Das hatten wir schon mal und es ist nicht gut ausgegangen.
Bei der Gelegenheit: Mir geht es nicht um klassische politische Zuschreibungen wie links oder rechts (im Sinne von konservativ). Wenn die ausgeschlossenen Buchhandlungen ein klassisch literarisches, konservatives (auch gern als „bürgerlich“ bezeichnetes) Programm vertreten würden, hätte ich genau so reagiert. Natürlich: Es gibt Literatur, die ich als problematisch empfinde, die von Verlagen und Versandhändlern am äußersten Rande der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vertrieben wird, und das sage ich ich den Kunden dann auch. Es gibt sogar einen Verlag, von dem wir nichts bestellen, weil wir danach so lange mit unerwünschter Werbung bombardiert werden, bis wir mit dem Anwalt drohen. Aber: wir Buchhandlungen sind privatwirtschaftliche Betriebe. Wir haben Handelsfreiheit und wir haben Hausrecht. Wir handeln nach den Werten der freiheitlich- demokratischen Grundordnung und nach Handelsrecht. Wir sind keine übergeordnete, staatliche Institution, die gehalten ist, die gesamte kulturelle Vielfalt des Landes zu würdigen. Und wir legen unsere Gründe transparent dar, statt heimlich und undurchsichtig zu handeln.
Es ist in den letzten Wochen und Monaten teilweise extrem herausfordernd, auch nur ansatzweise zuversichtlich zu bleiben. Phasenweise bin ich unglaublich müde, sorge mich um die Zukunft, mache mir Gedanken, in welche Welt unsere Kinder und Enkel hineinwachsen. Aber genau diese Ängste und Sorgen geben mir auch immer wieder Kraft, weiterzumachen, mir den Mund fusselig zu reden und die Finger wund zu schreiben. Was, wenn nicht ein differenzierendes Gegenreden und Handeln kann Zuversicht und Hoffnung geben? Wer, wenn nicht wir, die durchschnittlichen Menschen des Landes, soll Einspruch erheben, wenn zivilisatorische und demokratische Errungenschaften torpediert, geschleift und persifliert werden?
Nicht mit einem Rückfall in dunkelste Zeiten und niederste Instinkte, sondern mit dem Eintreten für Mitgefühl, Rücksicht, Perspektivwechsel und ein gelingendes Miteinander der Menschen.
So fühle ich mich nach ein paar Nachrichten und Ereignissen gestern. Deswegen ist mir heute nach etwas Eskapismus zumute. Mit möglichst wenig Ernsthaftigkeit.
Ich starte also eine kleine Umfrage: Was sind eure Lieblings-Filmzitate? Damit euch das Antworten leichter fällt, lege ich meiner derzeitigen Stimmung entsprechend vor:
Yippie-ya-Yeah, Schweinebacke. (Stirb langsam)
Das ist doch kein Messer. DAS ist ein Messer! (Crocodile Dundee)
Von jetzt an seid ihr nur noch ein Ablenkungsmanöver, damit die Leute vergessen, was die wahren Probleme sind. (Tribute von Panem)
Wissen Sie, was Wahrheit ist? Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es nicht die Wahrheit. (Die Wiege der Sonne)
*Werbung, teilweise in eigener Sache und komplett uneigennützig*😉
Im Kulturzentrum Alte Polizei in Stadthagen findet am internationalen Frauentag die Wortdusche statt. An diesem denkwürdigen Tag darf ich zum ersten Mal dabei sein und einen neuen, zum Tag passenden Text vortragen. Lou Kindermann („Kein Wort über die Kaninchen“, habe ich hier vorgestellt) moderiert und liest auch selbst, sie hat mich gefragt, ob ich lesen möchte und ob ich noch eine Frau kenne, die gern teilnehmen würde. Ja und ja, war meine Antwort. Und so liest auch unsere älteste Tochter Julia an diesem Nachmittag. Ihre Beiträge gehen eher in Richtung Poetry, während ich einen Essay beisteuern werde. Auf Lous Beitrag bin ich auch schon sehr gespannt, die Vierte im Bunde kenne ich noch nicht und lasse mich gern überraschen.
Die Vorfreude steigt, ich muss mich ein wenig bremsen, um meinen Text nicht noch dreimal umzuschreiben, und auch ein klitzekleines bisschen Aufregung macht sich breit. Ich bin öffentliches Reden gewöhnt, das mache ich in der Buchhandlung, im Gottesdienst und ich habe auch schon früher für Jugendgottesdienste Predigten geschrieben und gehalten. Aber irgendwie ist es doch ein neuer, ungewohnter Schritt und auch eine gewisse Selbstoffenbarung.
… wenn es manche Mitglieder unserer Bundesregierung (aber auch andere Menschen, die öffentlich eine von Experten bereits widerlegte Meinung hartnäckig vertreten) einfach mal schaffen würden, ebenso öffentlich zu sagen: „Ja, sorry, da habe ich mich vorher nicht richtig informiert.“ Oder „Leider habe ich vergessen, alle Argumente für und gegen das Vorhaben konsequent zu Ende zu denken.“ Meinetwegen auch „Ah, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Danke für den Einwand, ich werde ihn berücksichtigen.“
Ich wäre auch zufrieden …
… wenn in Talkshows echte Diskussionen stattfänden. So richtig mit Pro und Contra austauschen, einander zuhören, dem Gegenüber einen Punkt zu gönnen statt in Kleinkindmanier auf der eigenen Meinung zu beharren. Um jeden Preis.
Damit meine ich übrigens keineswegs, dass alle Menschen mit Einfluss nabelo* (dumm) oder detscho* (bekloppt) sind. Es gibt jede Menge vernünftige, selbstkritische, nachdenkliche und gönnende Frauen und Männer. Aber die werden natürlich nicht so stark wahrgenommen. Und da die lauten Unverbesserlichen oft als Vorbild genommen werden statt die ruhigen Vertreter, müssen wir uns nicht wundern, dass dieses Verhalten auf Jugendliche, Kinder, überhaupt auf die Gesellschaft abfärbt.
Ich sach‘ ja nur. Und nun halte ich auch wieder den Jabbel* (Mund).
*Mindener Buttjersprache. Klingt doch alles gleich viel netter, oder?
Der sogenannte „Habeck’sche Heizungshammer“ (hierzu später etwas unter dem Stichwort IDEOLOGIE), das Gebäudeenergiegesetz (GEG) wird umgemodelt zum Gebäudemodernisierungsgesetz(GMG). Beim Scrabble, Glücksrad oder Galgenmännchen-Spiel hat man damit gute Karten bzw. viele Punkte, beim Heizen vermutlich eher weniger. Jedenfalls nach allem, was ich bisher herausfinden konnte. Es sei denn, wir heizen demnächst alle mit der heißen Luft, die manche Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion in den letzten Tagen produziert haben.
Was ist es überhaupt, was geändert werden soll, was ist eigentlich schon bekannt und wo soll die Heiz-Reise hingehen?
Zunächst schaue ich auf die Website des Bundeswirtschaftsministeriums. Und habe Fragen, viele Fragen. Mehr Fragen als Antworten.
Aha. Ich dachte zwar, die Heizungsinstallateurbranche hätte letztes Jahr schon sehr viel Energie (haha🙄) in das Lösen des Investitionsstaus investiert. Die vielen Anträge für die Förderung des Wärmepumpeneinbaus hätten die finanziellen Kapazitäten bereits im Frühjahr 2025 überfordert. Und das Handwerk würde meiner bescheidenen Meinung nach vor allem dadurch gestärkt, dass es sich auf Maßgaben verlassen kann, die sich nicht ständig mit der Regierung ändern. Aber was weiß ich denn schon von solchen Dingen.
Mir fällt auf, dass unsere aktuelle Bundesregierung, vor allem der konservative Teil, regelrecht verliebt💖 in Worthülsen ist, die dann wie Cannelloni oder die einstmals beliebten „Schlotfeger“-Waffelrollen beliebig mit süßem, scharfem oder substanzlosem Inhalt gefüllt werden. Technologieoffen steht hierbei unbestritten an der Spitze, aber auch hocheffizient, resilient, hybrid und vernünftig liegen hoch in den Rängen. Allen diesen Wörtern gemein ist ihre universelle Verwendbarkeit als „Schweizer Taschenmesser“ für rhetorisch eingeschränkt fantasievolle Kabinettsmitglieder und Abgeordnete. Sehr beliebt deswegen, weil sich jede und jeder Einzelne von uns darunter etwas vorstellen kann – nur leider nicht alle dasselbe.
Im Klartext: Diese sogenannten Eckpunkte beinhalten wenig bis gar nichts konkretes. Dafür eine Menge bedrucktes Internet. Nicht nur Papier ist geduldig. „Schafft Sicherheit und Vertrauen“. Bei wem? Bei eingefleischten Unionswählern und den großen Wohnungskonzernen, nehme ich an. Die letzteren sind übrigens auch noch so ein Thema, bei dem ich eine Gaumenkitzelfeder einsetzen könnte.
Was habe ich unter „grünem“ Öl zu verstehen?
Altes Frittenfett von Meckes und Co? Antworten finde ich unter anderem auf dem Blog eines hessischen Mineralölvertriebes.
Ja, mir ist bewusst, dass dieser Betrieb den Handel mit Öl als Geschäftsmodell hat. Ich habe die Informationen bewusst trotzdem genutzt. Denn die jeweils letzten Sätze in den Antworten lassen mich aufhorchen. Ganz nebenbei wird im Abklang auf die Pferdefüße hingewiesen. Alte Anlagen müssen auf eine moderne Brennwerttechnik umgerüstet werden, der Kaufpreis ist höher als für herkömmliches Mineralöl. Ganz so aus dem Handgelenk geschüttelt wie im Plan des Wirtschaftsministeriums ist es also doch nicht. Aber: „Wer als Eigentümer seinen Beitrag zur Energiewende in Deutschland leisten möchte, wird dies jedoch in Kauf nehmen.“ Einerseits ist das richtig, doch wer die Energiewende unterstützt, wird auch an anderer Stelle investieren, und zwar nachhaltiger als durch periodisch wiederkehrende Ölbestellungen. Andererseits werden zum großen Teil diejenigen, denen das alles egal ist, sowieso nicht zahlen müssen, denn das müssen in Vermietungsobjekten die Mieter. Ob sie es finanziell stemmen können oder nicht.
„Grünes“ Gas
Erstens: Mir kommt in den Sinn, dass wir vor der Umstellung von L-Gas auf H-Gas letztes Jahr einen Heizungsbauer kommen lassen mussten, der uns bestätigte, dass unsere Gasbrennwertheizung aus dem Jahr 2017 ohne größeren Umbau dafür geeignet ist. Ein paar Monate später kam dann jemand von den Stadtwerken, las den Zähler ab, stellte in der Heizung einen Schalter um oder so und die Umstellung war erledigt. Uns kostete das nichts, aber irgendwer muss die beauftragten Heizungsbauer und die Mitarbeiter aller möglichen Gasversorger ja bezahlen. Wie sieht es denn mit der Energiedichte aus, wenn ab 2029 stufenweise immer mehr „grünes“ Gas beigemischt wird? Muss das dann wieder überprüft werden? Gegebenenfalls Komponenten ausgetauscht? Ist das dann die Planungssicherheit für das Handwerk? Vielleicht kann ich bei der Firma Buderus, einem großen Hersteller von Gasheizgeräten, ein wenig herausfinden. Es ist schon etwas zwiespältig, aber dort finde ich tatsächlich auf relativ kurzem Suchweg ein paar Informationen.
Unter anderem lassen mich die Phrasen „speziell dafür gezüchteten Energiepflanzen“ und „aus Wasser und regenerativem Strom gewonnener“ stutzen. Moment, die Landwirte sollen …? Ah, das wird kompliziert, das denke ich später mal durch. Und: Regenerativer Strom, da war doch auch was. Plant da nicht das Ministerium, die Voraussetzungen für Wind- und Solarstrom deutlich zu beschneiden? Woher kommt denn dann der regenerative Strom? Ich bin dafür bestimmt zu blöd, und außerdem bin ich eine Frau. Zwar eine belesene und vielseitig interessierte, aber bestimmt existiert irgendwo ein CDU-Mann, der mir das so erklären kann, dass ich es verstehe. Oder?
Ah ja. Auf den Herrn komme ich später noch zurück. Sorry, ziemlich viele „Späters“ heute.
Ich fasse mal zusammen: – Die Kosten sind höher als für herkömmliches Gas. – Um das Label zu erlangen, reicht eine Kompensationsleistung (CO2-Zertifikat oder Investition in Klimaschutz) aus, denn es gibt keinen festen Standard. So kann also normales Erdgas ein (angeblich in Deutschland sehr „strenges“) Biogas-Siegel bekommen. Die Nachteile bekommen übrigens auch hier deutlich weniger Platz eingeräumt als die Vorteile. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Und sonst?
Mal überlegen. da wären vor allem
Die Installateure. Da finde ich ein uneinheitliches Bild. Wer sich in den jahren 2024/25 intensiv mit dem Thema Wärmepumpe beschäftigt, Mitarbeiter geschult und Komponenten eingekauft hat, schwankt zwischen Muffensausen und dem Gefühl, vereimert worden zu sein. Wer abgewartet hat, feixt vielleicht, aber vermutlich nicht lange. Denn Hauseigentümer, die „als Eigentümer ihren Beitrag zur Energiewende in Deutschland leisten möchten“, ihren Kindern und Enkeln einigermaßen saubere Umwelt hinterlassen möchten und dazu noch rechnen können, werden wahrscheinlich doch früher oder später über die Wärmepumpe nachdenken.
Die Landwirtschaft. Bisher habe ich häufig darüber gelesen, dass Landwirte keine Genehmigungen bekamen, wenn sie bestehende Biogasanlagen erweitern oder gar neue bauen wollten, weil in der Region die genehmigungsfähigen Kapazitäten ausgeschöpft waren, die Anlagen nur in „angemessener“ Entfernung von Ortschaften errichtet werden durften oder ähnliches. Jede Biogasanlage, die nicht mit Abfällen (aus Kompostierung), verdorbenem/unbrauchbaren Getreide oder Gülle betrieben wird, ist auf den Anbau von Energiepflanzen angewiesen. Ob Biogas oder „grünes“ Öl, für den Anbau werden wertvolle Flächen benötigt, die dann der Produktion von Lebensmitteln nicht mehr zur Verfügung stehen. Um zu berechnen, ob und wie sich das auf unsere Ernährungssituation auswirkt, dafür bräuchte ich Rohdaten, Gehirnkapazitäten und Erfahrung, aber ich bin mir echt unsicher, ob diese Rechnung aufgehen kann.
Alles in allem fehlen mir an allen Ecken und Kanten Informationen und verlässliche Daten, um das Thema zu beurteilen. Bauchschmerzen habe ich jedenfalls und wenig Vertrauen in die Leitung des Ministeriums und die untergeordneten Ebenen. Aber was mir wirklich und ultimativ die Hutschnur platzen lässt, ist
Der kommunikative und politische Umgang
mit Robert Habeck, den GRÜNEN im Allgemeinen und auch mit den potentiellen, aber eben auch potentiell vergrätzten Wählern.
Ein besonders „nettes“ Beispiel ist hier noch einmal der Herr Müller, der uns weiter oben den neuen Gesetzentwurf mit vielen schönen Bildern erklären wollte. Ob seine Ansprache an Kommentatoren bildgemäß oder rhetorisch grottiger ist, da kann ich mich noch nicht so recht entscheiden.
Screenshot bei Threads
Im Duktus staatsmännischer, aber in der Sache ebenso unvollständig bis sachlich falsch liegt der allseits beliebte Maskeneinkäufer Jens Spahn mit seinem mantraartig vorgetragenen „Der Heizungskeller wird wieder zur Privatsache“:
Ich kann mir nicht helfen: Der Fisch stinkt irgendwie doch vom Kopf. Ob es etwas helfen könnte, wenn ich meine Fragen mal an Leute (wie Claudia Kemfert oder Volker Quaschnig) stelle, die sich beruflich seit langem mit diesen Themen beschäftigen?
Ach Leute, ich glaube, heute komme ich hier nicht weiter. Und die Klärung der Ideologie-Frage vertage ich lieber, sonst sprengt es den Rahmen endgültig.
Wie auch immer, ich bin gespannt auf weitere Entwicklungen, auf wortreiche Erklärungen und auch darauf, ob die Forschungen von Wissenschaftlern aller möglichen Fachrichtungen, die Erfahrungswerte aus den Branchen des Handwerks und die Befürchtungen von Verbänden der Wohlfahrtspflege in die Planungen einfließen werden. Oder ob die Regierung meint, sie habe genügend eigene Expertise, um ein rundum sorgfältiges, den unterschiedlichen Ansprüchen genügendes Gesetz zu planen.
Bis dahin wünsche ich euch Eine gelingende und hoffentlich sonnige Woche.
Ich schmunzele. Und habe sofort eine Ahnung davon, warum ich mich bei ihrem neuen Buch so angesprochen, so mitgedacht fühle. Denn mein Geburtstag ist, tadaaa! Der 20. Januar 1968. Surprise, surprise! Nicht nur das: Mein Mann hat an der RWTH studiert – inklusive Vorlesungen bei Vater Kürthy – und ich bin Buchhändlerin. Zufälle gibt es …
Ich habe ausgehalten und durchgehalten, ich habe gekämpft und verloren, ich habe gekämpft und gewonnen, und oft genug habe ich nicht gekämpft, sondern sofort aufgegeben. Ich war mutig und verzweifelt, ich habe wieder und wieder verloren, aber ich bin immer noch da. Ich bin immer noch da. Mal heiter verschrumpelnd, mal verzagt reifend, wacker welkend und endlich alt genug. Endlich alt genug für dieses Buch, das sich in diesem Moment vor mir auftut wie ein noch unbegangener Weg. Schritt für Schritt, Wort für Wort. Eine Reise ohne Landkarte, ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Dieses Buch wird voller Bekenntnisse und voller Erkenntnisse sein. Dieses Buch liegt mir schon jetzt so sehr am Herzen, obwohl es noch nicht einmal geschrieben ist. Alt genug.
Jetzt, wo ich den Abschnitt des Vorwortes noch einmal lese, reibe ich mir verwundert die Augen. Warum habe ich das beim ersten Lesen nicht bemerkt? Genau an dieser Stelle stehe ich auch, na ja, jedenfalls fast. Denn ich habe bisher noch keinen einzigen Roman veröffentlicht und die breite Öffentlichkeit ahnt nichts von meiner Existenz. Ich saß noch nie in einer Talkshow, habe noch nie Key Notes auf Kongressen gehalten, mich nicht bei Germanys next Top Model beworben. Aber mein erstes Buchprojekt liegt mir ebenso am Herzen wie sie das mit diesem Titel beschreibt, den ich vor mir liegen habe. Ich war schon häufig Spätzünderin.
Und trotzdem fühle ich diese Sätze, als seien es meine eigenen. Denn auch ich kenne die Höhenflüge, die Falltiefen, den Zweifel und die Euphorie. Das Richtig-machen-wollen. Ich kenne das Aushalten ebenso wie das Ausflippen. Herzhaft lachen musste ich beim roten Lippenstift. Da ist sie mir einen großen Schritt voraus. Die Jahrzehnte voller Lipgloss in zartrosa Tönen habe ich auch, nein – noch nicht hinter mir. Abgesehen von meiner rebellischen Jugendepisode, als ich lila Make up-Produkte für mich entdeckt hatte. Aber immerhin habe ich mir letztens einen cremigen (ich mag cremige Konsistenzen) roten Lippenstift gekauft. Ich bin schließlich eine Oma gegen Rechts. Und doch: ich fremdele noch damit. Zweimal habe ich ihn bisher aufgetragen, mich kritisch im Spiegel betrachtet und die Farbe wieder mit viel Allzweckcreme entfernt. Wer ist diese Frau, die mir so plakativ entgegenblickt? Meine Tochter, mit ihren 19 Jahren deutlich schminkerfahrener als ich, riet mir, zunächst einen Lipliner zu erwerben, der sei unkomplizierter aufzutragen (war das ihre höfliche Umschreibung für „der läuft nicht so gnadenlos in die kleinen Fältchen rund um die Lippen aus“?)
Egal, zurück zum Buch. Ildikó von Kürthy rollt ihr bisheriges Leben aus. Schonungslos und offen schreibt sie über Ängste, depressive Phasen, Einschränkungen – und Wechseljahre. Und ihre Taktiken, aus der Problemvermeidung im Laufe der Jahre Problemüberwindungen zu machen. Sie breitet intime Details zur (nicht mehr Qual der) Wahl der Unterwäsche aus, ohne dabei allerdings anzüglich oder schlüpfrig zu werden. Eher befreiend. Ich gestehe, zwischenzeitlich überkamen mich Anwandlungen von „Warum erzählt sie das? Ist das Fishing for compliments?“ Dann wieder dachte ich: „Natürlich muss sie solche Dinge schreiben. Diese ganzen Themen kennen fast alle Frauen, ob sie nun bekannt sind oder nicht. Und warum sollte eine Frau nicht darüber schreiben? Wenn Torsten Sträter oder Kurt Krömer über ihre Depressionen, problematische Beziehungen zu Suchtmitteln oder ein paar überflüssige Kilos auf der Waage schreiben, findet man es mutig, wenn es eine Frau schreibt, peinlich? Es ist für alle Menschen so mutig wie notwendig, ehrlich zu sein!“
Interessant und spannend ist das Setting für diese Lebensabschnittsbeichte. Ein Kunstgriff, der die inneren und äußeren Schichten, die öffentliche und die private Ildikó, verbindet. Aber was das ist, verrate ich nicht, schließlich sollt ihr ja auch noch was zu tun haben😉.
Mein Fazit: Ich gehe davon aus, dass dieses Buch nicht bei allen Lesenden auf Gegenliebe stoßen wird. Muss es ja auch nicht. Es wird Menschen geben, die das Buch feiern, es wird auch welche geben, die sagen: „Das will ich gar nicht alles wissen.“ Für mich persönlich war es das richtige Buch zur richtigen Zeit. Es beschäftigt sich mit all den Themen, die auch mir auf meinem Stolpern durch das Leben immer wieder begegnet sind, es dient mir zur Vergewisserung: Ich stehe mit meinen Gedanken und Erkenntnissen nicht allein da. Ich habe auch keine verkorkste Wahrnehmung! Auch wenn es zurzeit mal wieder in Politik, Wirtschaft und Publizistik viele Männer (ja, sorry, es ist leider so) gibt, die in bester Mansplaining-Methode uns Frauen erklären wollen, dass wir mimosig oder schutzbedürftig sind. Und wenn wir das nicht sind, sind wir unweiblich oder wissen nicht, wo unser Platz ist.
Bin ich vielleicht ein kleines bisschen auf Krawall gebürstet? Einfache Antwort: Ja. In erster Linie, weil ich heute früh schon wieder zu viel Bullshit gelesen habe, den irgendwelche „Konservativen“ uns aufschwatzen wollen (mehr dazu beim nächsten Montagsmotz) und auch, weil ich gerade an einem Beitrag für eine Veranstaltung zum Weltfrauentag schreibe.
Bibliographische Angaben: Ildikó von Kürthy, Alt genug; Ullstein Verlag, ISBN 978-3-550-20412-8; 22,99 €
Ildikó von Kürthy schreibt auf ihre Weise und mit ihrem persönlichen Erfahrungshintergrund. Demnächst stelle ich für die jüngere Zielgruppe das Buch Unshame von Louisa Dellertvor.
Und sonst? Eine hartnäckige Erkältung und ein juckender bis schmerzhafter Hautausschlag rund um die Augen, der sich auch nicht von allein verpieselt, nerven mich und verderben mir das lange Wochenende.
Ich gönne mir ein Leseexemplar (lasst euch überraschen), eine warme Decke, Tee und Sessel. Aber erst nach dem Einkaufen, das muss zunächst noch sein.
Und dann werde ich mich auch noch mit meinem Manuskript beschäftigen, mit den Anmerkungen des Lektors und mit der Berechnung, wie ich mir ein Lektorat leisten kann (es bringt tatsächlich etwas, es tut nicht nur dem Manuskript, sondern auch mir selbst gut, Fragen gestellt zu bekommen).
Gleichzeitig zweifele ich an mir, an meinen Fähigkeiten, einfache Impulse mit komplexen Fragestellungen in Beziehung zu setzen. Und wenn der Text lektoriert ist, habe ich schließlich immer noch keinen Verlag. Vielleicht wird mir der kommende Donnerstag weiterhelfen, da gibt es ein Webinar mit dem Dienstleister Books on Demand zum Thema Selfpublishing.
Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat ein Buch ausgewählt, von dem er überzeugt ist, dass es taugt, ganz Lese-Deutschland in seinen Bann zu ziehen.
Rachel Khongs Real Americans ist aus mehreren Gründen ein solcher Titel: Es ist ein sehr aktuelles Thema, nicht nur, aber besonders in den USA. Ab wann werden Migranten zu Staatsbürgern? Was passiert, wenn nicht nur verschiedene Kulturen, sondern auch unterschiedliche Gesellschaftsschichten und Lebensentwürfe aufeinanderprallen und verschmelzen? Was hat es für Folgen, für die Betroffenen wie für die Gesellschaft?
Außerdem wird Rachel Khong von Mai bis Juli eine literarische Gastprofessur in Leipzig erhalten und darüber hinaus eine ausgedehnte Lesereise durch Deutschland unternehmen.
Über das Buch:
New York City, Silvester 1999. Lily Chen ist 22, Tochter chinesischer Einwanderer und unbezahlte Praktikantin in einem hippen Medienunternehmen. Als sie Matthew trifft – charmant, privilegiert, Erbe eines Pharmaimperiums –, verliebt sie sich. Zwei Welten prallen aufeinander. Und doch scheint alles möglich.
21 Jahre später lebt Lilys Sohn Nick mit ihr auf einer abgelegenen Insel. Er spürt: Etwas fehlt. Als er nach seinem Vater sucht, stößt er auf Geheimnisse, die alles verändern – nicht nur für ihn.
Ich habe das digitale Leseexemplar von Netgalley bekommen und mit dem Lesen gerade erst begonnen. Deswegen kann ich noch nicht viel dazu berichten. Ich freue mich aber, wenn sich einige von euch anstecken lassen und neugierig auf das Buch sind. Wäre es nicht wunderbar, wenn wir alle ein gemeinsames Thema hätten, das einerseits nicht von der nationalen und internationalen Tagespolitik bestimmt ist, sich aber trotzdem mit einem gesellschaftlich relevanten Thema auseinandersetzt?
Hier sind die bibliographischen Daten: Rachel Khong, Real Americans; geb. Ausgabe: Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00572-1; 24,- € eBook: ISBN 978-3-462-31198-3; 19,99 € (gern über Genialokal bei der lokalen Buchhandlung bestellen😉) Hörbuch: Argon Hörbuch, ISBN 978-3-7324-8771-4; 29,95 €
Wir waren ignorant gegenüber den Problemen der damaligen „Erwachsenen“.
Wir hatten unsere eigenen Themen, für die wir radikal wurden.
Wir hatten andere Prioritäten als heute.
Früher …
… war es vielleicht einfach unkomplizierter, kompliziert zu sein.
Heute …
… geht einfach alles den Bach runter.
Wirklich alles?
Oder nur das Gefühl, „nicht mehr alles sagen zu dürfen“, was auch vor 50 Jahren schon manches Mal besser ungesagt geblieben wäre?
Heute …
… sind wir in dem Alter, das damals unsere Eltern hatten. Mit allen Vor-, aber auch Nachteilen.
Wir schauen ignorant auf die Probleme der Jungen.
Wir wollen den Überblick behalten, das erfordert weniger Entscheidungsfreude, als Prioritäten zu setzen.
Heute …
… sind die vielen neuen („woken“) Denkmuster viel zu kompliziert.
Willkommen in der Welt unserer Vorfahren. Denen ging es nämlich ähnlich mit uns.
Nur mal so in die Gegend gedacht, während ich aus 255 Normseiten die herauspicke, die ich meinem Lektor schicken will. Die Gedanken fahren Karussell. Ob ich das gerade will oder etwas anderes zu tun habe, ist ihnen ziemlich egal.
Tschüss, Wissenschaft. Tschüss, Zukunft. Nach ihm die Sintflut. Hauptsache, die „alten“ Industrien machen ihren Reibach. Die Lobbyboys und Heulbojen, denen die wirtschaftlichen Erfolge fossiler Energien und automobilzentrierter Konzerne feuchte Träume ermöglichen, scheren sich einen Dreck um die Auswirkungen ihrer Gier. Monetäre Gewinnmaximierung wird als selbstverständlicher Anspruch eingefordert, die unvermeidbare Quittung wird sozialisiert und in die Lebensphase unserer Kinder und Enkel verschoben.
Eben. What’s the problem? Wer den Kopf tief im Sumpf, im Geldspeicher oder in irgendwelchen dunklen Körperteilen alter, mächtiger Männer stecken hat, sieht es natürlich nicht. Und kaufmännisch rechnen, so richtig mit Zins und Zinseszins, ist auch nicht jedermanns Sache. Vielleicht sollte man das Wort „Milchmädchenrechnung“ in „Präsidentenrechnung“ oder „Staatenlenkerrechnung“ umbenennen. Nur mal so als Anregung.
Aber jemand, der heute (sorry, ich weiß, es gibt viele Ü70-Männer, die nicht so kurzsichtig sind) zielstrebig auf seinen 80. Geburtstag zusteuert, denkt sich möglicherweise: „Ach, wer weiß, ob ich das Jahr 2050 überhaupt erlebe. Aber zumindest 2070 ist doch eher unwahrscheinlich. Und dann hätte ich ja gar nichts mehr davon. So what?“ Obwohl, sicher bin ich mir auch dabei nicht. Immerhin gibt es ja diesen Longevity-Trend. (Ehrlich gesagt frage ich mich immer wieder, warum zum Kuckuck sich in der derzeitigen Situation überhaupt jemand auf der Welt wünscht, methusalem-alt zu werden🤔) Wirklich weh tut aber die Erkenntnis, dass überall auf der Welt ähnliche Sichtweisen wieder auf dem Vormarsch sind, Deutschland und Europa inklusive. Wie soll sich unser Kontinent denn da als eine kraftvolle Alternative zu den Altmännerblöcken in West und Ost etablieren?
Puh. Danke für’s dranbleiben. Ich bin erstmal meinen Frust losgeworden. Nö, Frust reicht nicht als Bezeichnung. Im Augenblick ist es eher Female Rage.
Gestern bei Instagram gefunden
Ich werde auch wieder zur Ruhe kommen. Ganz bestimmt.
Eigentlich ganz nett, oder? Und trotzdem etwas zweidimensional.
So sieht mich ChatGPT, wenn ich den Chatbot bitte, eine lustige, sympathische und clevere Karikatur meiner Person zu erstellen. Ich werde gebeten, ein Selfie hochzuladen und ein paar Angaben zu mir zu ergänzen. Beruf und Hobbys zum Beispiel. Tja, was verrate ich dem Datensammler über mich? Auf keinen Fall mehr, als sowieso schon öffentlich bekannt ist. Von Experten wird geraten, nur das zu „erzählen“, was man auch in einem persönlichen Gespräch einem Fremden an der Bushaltestelle mitteilen würde. (Und vermutlich hat jeder von uns schon Menschen erlebt, die Zufallsbekanntschaften in solchen Situationen ihr halbes Leben beichten …🙄) Also, alles, was oben in dem KI-generierten Bild sichtbar ist, habt ihr auf die eine oder andere Weise schon hier gelesen, da ist nichts Neues dabei. Schon ulkig, dass die Kirche da oben schön ordentlich auf dem höchsten Bord des Bücherregals thront. Was soll das denn bedeuten? Bedeutet es überhaupt etwas oder war dort einfach noch Platz? Natürlich steht auf meinem Schreibtisch alles Mögliche und selbst die Nähmaschine hätte theoretisch noch ein Eckchen übrig, aber diese merkwürdige Kombi aus Campingkocher und Induktionsplatte, also nö. Die gibt es bei mir definitiv nicht.
Zusammen mit meinen Menschensohn-Spielereien vom Wochenenden habe ich virtuell einige Kannen Kaffee gekocht, das könnte für ein durchschnittliches Beerdigungs-Kaffeetrinken reichen. Oder für eine Fahrt nach Minden im E-Auto, so Pi mal Daumen. Die KI-Modelle, egal welches, verbrauchen viel Energie. Je umfangreicher die Prompts sind, je länger die „Unterhaltungen“ dauern, desto mehr. Und zwar exponentiell mehr, denn jede Anfrage bei den Dingern wird wieder komplett neu analysiert und bewertet (nachgelesen bei Heise). Nicht wie im persönlichen Gespräch, wo wir mit unseren menschlichen Bordmitteln aka Gedächtnis auf die Infos von vor 10 Minuten oder unsere lange Bekanntschaft mit dem Gegenüber zurückgreifen. Das klingt in meinem Fall jetzt nicht nach wahnsinnig viel, was ich oben überschlagen habe, aber ich bin bei weitem nicht die Einzige, die spielerisch die Welt der KI zu entdecken versucht. Und das läppert sich. Einfach nur so, ohne irgendeine tiefere Notwendigkeit Dinge und Sachverhalte erkunden, das entspricht der menschlichen Neugier. Sollte es zumindest.
Muss ich also dankbar sein, dass es noch Gebiete gibt, in denen Menschen entdecken und lernen wollen, wo sie es anscheinend zum großen Teil in vielen Fragen des Lebens aufgegeben haben, sich selbst zu informieren und auf vorgesetzte Konserven zurückgreifen? Was man selbst ausprobiert, gibt Einblicke und Verständnis in die Mechanismen oder auch Algorithmen, die uns Ergebnisse präsentieren. Also: einerseits ja.
Andererseits nutzen wir gern die kostenlosen Versionen und Tools, ohne uns anzumelden, denn wir sind ja Füchse und geben unsere Daten nicht preis. Denkste! Wir bezahlen auf jeden Fall. Indem wir, je nach Suchmaschine, die großen Firmen im Silicon Valley mit unseren Daten, Anfragen, Vorlieben und unserem Surfverhalten füttern. Indem wir immer durchsichtiger, immer auffindbarer und immer durchschaubarer für Werbung und andere Formen der Monetarisierung werden. Indem wir mit immer mehr vom selben Inhalt geflutet werden, uns eine bunte Vielfalt an Sichtweisen, Lebensmodellen und Denkarten immer stärker vorenthalten, unser Blick kanalisiert und verengt wird, werden wir manipulierbarer.
Nutzen wir KI-Modelle, um uns über bestimmte Themen zu informieren, zum Beispiel Hintergrundinfos zu sammeln, wenn wir einen Text, eine Erörterung zu einem komplexen Sachverhalt schreiben wollen, dann ist noch auf einer anderen Ebene Vorsicht geboten: Die Datencrawler sammeln im Netz alles, was nur irgendwie zugänglich ist. Sie bewerten aber nicht die Qualität und den Tatsachengehalt, sondern sie gewichten quantitativ. Was oft nachgefragt und noch häufiger behauptet wird, wird als „Wahrheit“ angesehen. (So hieß es in den letzten Tagen in der Presse, dass Chatbots inzwischen häufiger Informationen aus dem Online-Lexikon von Elon Musk nutzen als von Wikipedia. Bedenklich, finde ich.) Viele Autoren schließen inzwischen im Impressum ihrer Werke eine Nutzung durch KI-Trainingsmodelle aus. Erstens kann man sich aber nicht darauf verlassen, dass diese Anweisungen befolgt werden, zweitens macht es diese Selektion, wenn sie denn beachtet wird, wahrscheinlicher, dass weniger gut recherchierte bis komplett falsche Informationen für die Antworten herangezogen werden. Im Grunde genommen ist es eine Fortsetzung der analogen Mechanismen, dass Kriminelle, Betrüger und Hochstapler in ihrer Methodik den Ermittlungsbehörden immer einen Schritt voraus sind.
Deswegen sollten wir uns dieser Problematik bei der Nutzung von Chatbots oder anderen KI-Modellen immer bewusst sein. Infos immer gegenchecken. Und zur Erstellung von Karikaturen doch lieber einen Straßenkünstler fragen. Denn ein weiterer wichtiger Bereich, über den man nachdenken muss, ist die berufliche Existenz von Menschen.
Einige Verlage haben begonnen, examinierte und bewährte ÜbersetzerInnen zu Redakteuren zu degradieren, indem sie Romane und Sachbücher durch KI übersetzen lassen. Ein guter Übersetzer zeichnet sich aber nicht nur dadurch aus, dass er oder sie den Text grammatikalisch und orthografisch exakt in eine andere Sprache überträgt, sondern vor allem dadurch, den Stil und Tonfall des Originals zu transportieren. Ironie, Metaphern, Übertreibungen etc., die dafür sorgen, dass wir Lieblingsautoren haben, können von KI nicht so zuverlässig und persönlich erkannt werden wie von einer Übersetzerin, die sich mit einer Autorin schon lange beschäftigt. Wenn Übersetzer also zukünftig nur noch eingesetzt werden, um KI-Übersetzungen zu redigieren, dann verlieren sie einen guten Teil ihres Einkommens (Redakteure bekommen pro Normseite weniger als Übersetzer) bei gleichzeitig mehr Arbeit, um die groben Schnitzer der KI auszubügeln. Es verlieren aber auch die LeserInnen, denn die Untertöne, der persönliche Touch, das individuelle Leseerlebnis, all das geht verloren. Letztlich verlieren damit auch die Verlage selbst, nämlich LeserInnen und Reputation.
Ähnlich sieht es bei den Illustratoren aus. Gerade bei dem großen amerikanischen Gemischtwarenladen (aber auch auf Homepages von Selbstverlagen) findet man Bilderbücher, die KI-generiert sind. Übrigens nicht selten zu sensiblen Themen wie Identitätsfindung, Gefühlsregulierung und so weiter. Die Illustrationen packen Eltern und Kinder auf den ersten Blick. Schaue ich wieder auf meine Karikatur oben, dann vermute ich, dass die manga-artig großen, weit aufgerissenen Augen einen ordentlichen Anteil daran haben. Das Kindchenschema wirkt. Auf den zweiten Blick wirken die Illustrationen sehr häufig uninspiriert, flach in Form und Inhalt. Verglichen mit den Illustrationen von Katrin Engelking, Sven Nordqvist und vielen anderen hervorragenden Illustratoren (aber auch Ralph Ruthe oder Uli Stein im Karikaturenbereich) fehlt sämtliches Leben. Die liebevollen, den Betrachter begeisternden Kleinigkeiten und Details in der Darstellung, die oft erst zum Schmunzeln und dann zum Nachdenken führen, gibt es nicht. Keine KI der Welt kann menschliche und empathische Kreativität kopieren oder gar ersetzen. Und wenn ein Kinderbuch dann noch einen Text transportiert, der verkürzt ausgedrückt nichts weiter besagt als „Kind, du bist traurig? Aber das musst du doch nicht…“, dann wird hier keine Entwicklung, keine Auseinandersetzung, keine Bewältigungsstrategie aufgezeigt. Die Botschaft besagt dann nur, dass man Gefühle wegdrücken soll, um anderen Menschen möglichst wenig Arbeit, aber viel Profit zu bescheren. Das kann und darf nicht das erklärte Ziel von Kinderbüchern und von Literatur im Allgemeinen sein. Damit spielt man im Endeffekt nur den Weltvereinfachern in die Hände.
Mein ganz persönliches Fazit für uns Normalverbraucher von ChatGPT und Co.: Spielen mit der KI, ja, in begrenztem Maß und mit Selbstdisziplin. Nicht von ihr vereinnahmen lassen. Chancen und Risiken immer wieder abwägen. Im Zweifelsfall lieber auf menschliche Expertise vertrauen. Und wieder selbst den Heizkörperthermostat bedienen oder in den Kühlschrank gucken (das lasse ich sowieso nicht irgendein seelen- und appetitloses Konstrukt übernehmen) . Auch diese kleinen, alltäglichen Service-Anfragen verbrauchen schon Energie und geben unsere Vorlieben preis.
Sie haben so viel gewusst. Und so wenig getan. Wegsehen, beschwichtigen, verdrängen, das galt viel zu oft und viel zu lange im Verhältnis zu Putins Russland. Die Bestseller-Autoren Katja Gloger und Georg Mascolo beleuchten mit bisher geheim gehaltenen Akten und Aussagen entscheidender Zeitzeugen die Bruchpunkte deutscher Russlandpolitik. Sie legen weggesperrte Erkenntnisse über Putins KGB-Zeit in Dresden offen, führen in den Verhandlungssaal des historischen Nato-Gipfels von Bukarest, enthüllen, was Bundesregierungen so früh über Putins hybriden Krieg gegen Deutschland wussten. Sie zeigen, warum dies alles folgenlos blieb und – gegen alle aktenkundigen Warnungen – die verhängnisvolle und am Ende enorm teure Abhängigkeit von russischem Gas immer weiter anstieg.Ein Buch, das zu jener unverzichtbaren Aufklärung beiträgt, die bisher alle Bundesregierungen verweigert haben.
Das Versagen, über das Buch
Katja Gloger ist Osteuropahistorikerin, Journalistin, Autorin. Sie lebte als Korrespondentin viele Jahre in Moskau und gilt als exzellente Kennerin von Land und Leuten. Georg Mascolo ist Investigativjournalist, war Spiegel-Chefredakteur und leitete die Recherchekooperation von NDR, WDR und süddeutscher Zeitung. Beide sind Experten in ihren Gebieten, sie arbeiteten sich über Jahre bis Jahrzehnte in die jeweiligen Schwerpunkte ein und kennen daher viele Entwicklungen, die den meisten von uns gar nicht mehr wirklich in Erinnerung sind. Es geht dem Autorenpaar primär nicht darum, anhand der Fehlentwicklungen, die sie im Buch beleuchten, ehemalige und aktuelle Entscheidungspersonen bloßzustellen (obwohl sich das nicht vermeiden lässt). Hauptanliegen ist es vor allem, anhand der Fehlentwicklungen, die sich oft aus dem Prinzip Hoffnung speisten und im Nachhinein neu bewertet gehören, für die Zukunft eine sinnvolle Einbeziehung der bisherigen Vorgehensweise zu nutzen. „Viel öfter als Rechtfertigungen oder Verteidigungshaltung ist uns bei den Gesprächen jene bedrückende Frage begegnet, die auch uns zu dieser Recherche bewegte: Warum haben wir es nicht gesehen? Wollten wir es nicht sehen?“ Mit diesem Satz aus der Danksagung ist es wohl sehr prägnant auf den Punkt gebracht, weshalb es sich lohnt, das Buch zu lesen, denn nicht nur beim Umgang mit dem russischen Präsidenten und seinen Ambitionen sind diese beiden Fragen ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis. Auch beim Thema Rechtsextremismus und der damit verbundenen Partei werden viele Menschen, Politiker, Journalistinnen (wie zum Beispiel Frau Miosga) und auch wir, die „normalen Bürger“ in naher bis mittlerer Zukunft vor diesen Fragen stehen und uns verantworten müssen.
Bibliographische Angaben: Katja Gloger/Georg Mascolo, Das Versagen; Ullstein Verlag, ISBN 978-3-550-20427-2; 26,99 €
Ein großer Teil der Menschen in Deutschland wuchs auf in dem unerschütterlichen Glauben, dass Amerika „Der große Bruder“ oder wenigstens ein fester Freund an unserer Seite sei. Wir träumten von der Route 66 und von American Diners, hörten die Musik von Bruce Springsteen, wollten mit Blumen im Haar nach San Francisco, sahen Filme wie Top Gun oder Grease. The Land of the Free hatte eine magische Anziehungskraft, ein Auslandsschuljahr im mittleren Westen auf einer Ranch war erstrebenswert, Christmas Shopping in New York oder gleich ein Studium, gern an einer Ivy League Universität. Deutsche Spieler begeistern in der NBA, der Super Bowl erfreut sich ungebrochener und wachsender Beliebtheit, wie vermutlich einige Leser:innen gähnend bestätigen können.
Aber das ist es auch schon. Holger Stark beleuchtet und analysiert in seinem Buch: Die Zeiten, in denen US-Präsidenten gern gesehene und vielbejubelte Gäste in Berlin waren, vor allem Kennedy und Obama (die, ganz am Rande bemerkt, auch nicht nur reine Lichtgestalten waren/sind, sondern Menschen, die Fehler und Macken haben), sind vorbei. Erstmal zumindest. Wenn man genauer hinschaut und sich die Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg ansieht, stellt man fest, dass Amerika keineswegs ein selbstloser Kumpel an der Seite Deutschlands oder Europas war. Eigene Interessen spielten immer die Hauptrolle. Noch expliziter: die Interessen der us-amerikanischen Wirtschaftselite, des Geldadels, der Banker und schließlich der Tech-Bros. Immerhin gab es aber oberflächlich einen Konsens über eine wertebasierte Weltordnung. Mit Donald Trump und der MAGA-Bewegung wird dieser Konsens aufgekündigt, mit immer schnelleren Schritten. Ende offen.
Es ist nicht die Zeit, die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, ob und wie sich die US-Administration irgendwann „von selbst erledigt“. Deutschland und Europa müssen sich ihrer eigenen Verantwortung und auch ihrer Stärke bewusst werden, sie müssen aktiv für ihre Werte eintreten. Erwachsen werden.
Bibliographische Angaben: Holger Stark, Das erwachsene Land; Propyläen Verlag, ISBN 978-3-549-11018-8; 26,- €
Beide Bücher lohnen sich. Ob ihr nun lieber in den Osten oder in den Westen schaut und schaudert oder ob ihr euch die volle Dröhnung antun wollt, sei euch überlassen.
Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.
Offb. 1, 12b-16, Lutherbibel 2017
Das war am 1. Februar der Predigttext bzw. ein Ausschnitt davon. Als er verlesen wurde, saß ich da und überlegte mir, wie ich mir diese Gestalt vorstellen wollte, schrecklich und schön zugleich, machtvoll, aber auch ein wenig wie aus einer Fieberphantasie von Hieromymus Bosch entsprungen. Und ich fragte mich auch, wie ein solches Wesen von einer KI dargestellt würde. Heute früh war es soweit, ich befragte den Bildgenerator Firefly 4 von Adobe.
Der Bogen auf dem linken Bild erinnert mich an den Torbogen zur Stadt Moria, ihr wisst schon, der mit dem Elbenspruch „Sprich: Freund und trete ein“. Die Farbgebung hätte auch Vincent van Gogh gutgeheißen, aber der Stil ist schon arg schwülstig. Auf dem rechten Bild fehlt nur noch Heimdall, der den weiß Gewandeten aus Asgard sonstwohin beamen soll. Kann sein, dass ich zu viele Filme bestimmter Genres gesehen habe🤷♀️. Zudem sieht mir die Haltung der Beine anatomisch ziemlich ungesund aus. Come on, KI, das kannst du besser.
Prompt unverändert, trotzdem neue Ergebnisse:
Also nee. Der guckt mir ein bisschen zu salbungsvoll. Und irgendwas stört mich (zumindest bei einem KI-Bild, bei real existierenden Menschen kann das durchaus vorkommen und ist dann eben so) an der Fingerverteilung. Scheint mir etwas unausgewogen.
Immer noch ein bisschen Gandalf-like, oder? Mit Anklängen an einen Brahma. Ein interkultureller Menschensohn. Und die Finger🧐!
Hm. Ok. Links: Jason Momoa in 20 -30 Jahren in seiner Paraderolle: der Menschensohn als Held der neuesten Marvel-Verfilmung … Oder ist das Blasphemie? Rechts: Das mit den Fingern muss Firefly echt noch besser lernen. Und ich kann mir nicht helfen, das Teil guckt zu viele Soaps. Diese Darstellung ist an Kitsch kaum zu überbieten!
Versuchen wir es mal mit einem etwas veränderten, verkürzten Prompt: „sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht“ Ich will jetzt endlich das Schwert aus dem Mund kommen sehen! Dafür mache ich das hier ja schließlich!
Was für ein Mann! Entschlossener Gesichtsausdruck, lässige Handhaltung, er strahlt mit jeder Faser den coolen Leader aus. Und dieser göttlich definierte Sixpack! OMG (im wahrsten Sinn des Wortes😉)! Och nö. Und fünf Standleuchter plus einer, der im Nichts an der Wand hängt. Bin ich zu detailverliebt?
Schlicht und ergreifend, elegant und androgyn erscheint mir dieser Menschensohn. So hätte ihn auch David Bowie dargestellt, schätze ich. Allerdings ohne das Überbein auf seiner rechten Hand. Und der hintere Fuß passt immer noch nicht so recht zum Knie desselben Beins. Oder Bein und Fuß gehen getrennte Wege. Auf die Idee bin ich bisher noch gar nicht gekommen, Allmacht auf diese ungewöhnliche Weise darzustellen.
Ups! Da war er beim Frisör, der aber aus Versehen auch noch die rechte Hand mit abgeschnitten hat. Und an der linken Hand einen Finger amputiert. Bisschen männlicher als auf dem vorherigen sieht er schon aus, mit dem dunklen Bartschatten. Aber die Sterne, mit denen er im Text jongliert, fehlen immer noch, ebenso wie das aus dem Mund ragende Schwert. Für letzteres ist die KI vermutlich zu zart besaitet, oder es fehlt ihr schlicht an Phantasie. Und wenn ich beim Prompt einfach direkt nach dem Schwert ende? Dann kann Firefly das Wort doch nicht überlesen. Denkste:
Linkes Bild: Die Gesichtszüge sind eindeutig bei Marc Almond in seinen jüngeren Jahren geklaut. Der Rest ist Tempeltänzer:in. Rechtes Bild: Diese Darstellung hätte auch Louis XIV erfreut … Aber immer noch kein Schwert. Das entspricht mit Sicherheit nicht den Gemeinschaftsrichtlinien, falls Adobe welche hat.
Ach Glühwürmchen, weisste was? Du kannst mich mal. Nicht mal einfache Schwerter aus Mündern wachsen lassen kannst du. Da hatte der gute Hieronymus Bosch dir doch einiges voraus. Vielleicht brauchst du mal einen virtuellen Joint, um deine digitalen Synapsen anzuregen. Manche Bilder sollte man wirklich nur in der eigenen Phantasie entstehen lassen, dann braucht man auch nicht so viel Zeit, um merkwürdige Darstellungen wieder aus dem Kopfkino zu bekommen. Und ist es nicht auch viel aufregender, wenn ein Mysterium auch genau das bleibt: Mysteriös? Keine KI der Welt kann mir den spannenden Augenblick vorwegnehmen, wenn ich dereinst vor der Dreieinigkeit stehen werde. Und das ist auch gut und richtig so.
Noch was: Wenn ihr irgendwo ein KI-generiertes Bild vermutet, schaut auf die Finger. Das ist eine große Schwachstelle bei den meisten Anbietern.
Nummer 1: Frau Connemann. Ihr ist eines gelungen: Sie ist in aller Munde. Weniger gelungen ist dagegen ihre nassforsch vorgetragene Forderung, bei der sie jetzt ein Stück zurückrudern musste. Denn sie klugschei*t über die Teilzeit. Wobei sie mit der grundsätzlichen Richtung vor allem bei den Herren Merz, Linnemann (der irgendwie gar nicht mehr so häufig öffentlich in Erscheinung tritt, vielleicht generalsekrekärt er jetzt nur noch Teilzeit) und Söder volle Zustimmung finden dürfte. Denn die sind ja ebenfalls der Meinung, die Bevölkerung des Landes arbeite zu wenig.
Ich möchte an dieser Stelle nicht einfach so draufschlagen, aber ich habe mir einige Fragen gestellt. Übrigens nicht nur in diesem Zusammenhang, aber dazu später. Für den besseren Ein- und Durchblick ist hier zunächst einmal eine rechtliche Einschätzung:
Das gesamte Interview ist über den Link lesbar. Es ist wohltuend sachlich und gibt den Sachverhalt (der längst nicht so eindeutig die Herrengarde und Frau C. bestätigt wie sie es rausgehauen haben) einwandfrei wieder.
In einem Podcast der Reihe Daily Quarks https://www1.wdr.de/mediathek/audio/daily-quarks/audio-teilzeit—gut-fuer-uns-aber-schlecht-fuer-die-gesellschaft-100.html wurde ebenfalls genauer nachgeschaut, welche Auswirkungen Teilzeit auf die Produktivität hat und wie das Ganze bei der Abschaffung dieses Arbeitszeitmodells aussähe. Hier wird unter anderem auf eine Studie verwiesen, die über das IW(Institut der deutschen Wirtschaft, im Gegensatz zum DIW, dem Herr Fratzscher vorsteht, ziemlich arbeitgebernah: im Vorstand sitzen lauter Arbeitgeber oder AG-Funktionäre) veranlasst wurde.
Bitte einmal den letzten Satz des Screenshots auf der Zunge zergehen lassen … Tja, die Drill Instruktoren aus der CDU müssen vermutlich nochmal neu überlegen. Obwohl …
… und hier kommt die Nummer 2: ins Spiel. ICH! Und ich oute mich sogleich, ich klugschei*ein Teilzeit, weil mir die restliche Zeit dazu einfach zu schade ist. Es beeinträchtigt meinen Lifestyle😉. Ich frage mich (und hier kommt, was ich oben schon angedeutet hatte: nicht nur bei der angeblichen Faulheit unserer Bevölkerung, sondern auch bei etlichen anderen Vorstößen, bei denen Argumente und Schlagwörter aus dem Kabinett und seinem Umkreis durch fachspezifische Wissenschaftler widerlegt wurden, die sich ihr Berufsleben lang mit einem bestimmten Thema beschäftigen), warum hört man öffentlich niemals Antworten, Entschuldigungen, Eingeständnisse der Fehleinschätzungen? Es wird schon mal mehr oder weniger beleidigt darauf verwiesen, dass man verkürzt wiedergegeben, nicht ordnungsgemäß zitiert oder absichtlich missverstanden worden sei. Aber ein „Tut mir leid, da war ich ein wenig vorschnell mit meiner Einschätzung“, „Ich habe leider nur auf die eine Seite der Sache geschaut“ oder „Ups, ich kannte nicht die komplette Studienlage, jetzt würde ich das etwas differenzierter sehen“ habe ich noch von niemandem aus den Unionsparteien gehört. Solche Eingeständnisse sind offensichtlich eher links und damit pfui.
Wenn die Fähigkeit und Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion, zur Fehlerkultur und zum Eingeständnis von unüberlegtem Reden und Handeln links ist (wie auch andere gesellschaftlich relevante Werte*, die scheinbar nicht mehr zum Selbstverständnis von Konservativen gehören und das halte ich für fast schon tragisch), dann bin ich sehr gern links. In Vollzeit!
… erzähl ihm von deinen Plänen. Das sagte einst Blaise Pascal.
Immerhin: die Decke wächst jeden Abend um eine Reihe.
Bis auf meinen kleinen Ausraster vom Montag war es hier ruhig in der letzten Zeit. Ich habe Urlaub und mein Plan war, Bäume und Büsche zu beschneiden (alles eingefroren und schneebedeckt🤨), den Keller zu entrümpeln (zwar nicht schneebedeckt, aber Eiskellerfeeling🥶, denn es ist ein über 200 Jahre alter Keller mit Lehmboden und Natursandsteinwänden und ich kann gar nicht so schnell räumen, wie ich zittere dort unten), Fenster zu putzen (da frieren mir die Hände samt Putzlappen an den Scheiben fest) und ähnliche Dinge. Wenigstens mit den Steuerunterlagen bin ich fast durch. Auch was wert.
Aber dafür habe ich am Manuskript für das Montagsmotz-Buch gearbeitet, meinen Lektor bei der Schule des Schreibens kontaktiert, mit der Stoffsammlung für ein neues Buchprojekt begonnen und einfach mal zwei Bücher gelesen, die nicht auf meinem SuB für Rezensionen lagen, sondern mir ein komplettes Abschalten im Kopf ermöglichten.
Die aktuelle Winterlage erfordert in einigen Bereichen Umdenken, auch jenseits meiner Urlaubspläne. Als am Montag Verdi streikte, fuhren bei uns die Busse, als gestern früh die dritte Glättewarnstufe ausgerufen war, stand alles still. Einerseits verständlich, andererseits führen solche Entscheidungen dazu, dass sich bei unklaren, teils sauglatten Straßenverhältnissen vermehrt Eltern von Schulkindern und Arbeitnehmer, die sonst den ÖPNV nutzen, ins Auto begeben und die Lage im Berufsverkehr noch unübersichtlicher und gefährlicher machen. Liegt das nun daran, dass wir winterliche Verhältnisse über einen längeren Zeitraum nicht mehr gewohnt sind?
Die anhaltende Frostlage, an der Ostsee durch ausgeprägten Ostwind und Eisgang in den Häfen verstärkt, sorgt noch für anderweitige Planänderungen: Die eingewinterten Yachten liegen nach wie vor auf dem Trockenen. Mit Schnee bedeckt und dem Frost ausgesetzt können nicht mal notwendige Renovierungen und Schönheitsreparaturen ausgeführt werden, geschweige denn die Boote zu den Sommerliegeplätzen gebracht werden. Zum Glück ist die Sterntaler bisher erst ab Mai verchartert.
Wenn der Winter doch an manchen gepeinigten Orten auch solch eine bremsende Wirkung hätte. Aber in der Ukraine sieht es leider nicht nach Entspannung und Innehalten aus. Im Gegenteil, das Leiden der Menschen unter Kälte, Stromausfällen und allen anderen Kriegsfolgen scheint den Aggressor noch anzuspornen. Ich finde kein Wort, das angemessen beschreibt, wie widerlich ich das finde. Auf der anderen Seite der Erdkugel wärmen sich in den Straßen des ebenfalls unter einer Kälteglocke liegenden mittleren Westens der USA die Menschen gegenseitig in ihren Protestmärschen.
Es wird Zeit für Frühling. Für Aufbruch zu neuen Ufern, für Zuversicht, für Wärme, vor allem zwischenmenschlich. Kälte hatten wir lange genug. Kälte, Empathielosigkeit und Machtgehabe.
Wie man augenblicklich in den Kommentarspalten reichlich hingewiesen wird, meist unter Verkehrsmeldungen und vorwiegend von nicht mehr taufrischen, breitbeinig auftretenden Männern mit ausgeprägter Meinungsstärke: „Es ist Winter. Im Winter kann es kalt werden.“ Ja, kann es. Muss nicht, aber liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Und damit erschöpft sich auch schon die zweifelhafte Expertise, denn entgegen der im Langzeitgedächtnis zuverlässig abgespeicherten Bilder von Schneebergen und Schlittenfahrten gab es auch in dem oft glorifizierten Zeitalter namens Früher nicht jeden Winter Schnee von Dezember bis März. Dafür muss man nur einmal die Pressearchive bemühen, die vor der Blütezeit der angeblich „linksgrün versifften Meinungsmache“ sicher noch viel zuverlässiger war als heute. Der letzte Absatz kann Spuren von Ironie enthalten.
Im Oktober 2025 wurde über einen möglicherweise bevorstehenden langen und kalten Winter spekuliert. Ja, spekuliert, denn es wurde auch darauf hingewiesen, dass über einen so langen Zeitraum keine zuverlässigen Vorhersagen getroffen werden können. Die Abschwächung des Polarwirbels könne solche Auswirkungen haben, es sei aber insgesamt eher unwahrscheinlich, gaben Meteorologen zu Protokoll. Nach dem ersten Monat Temperaturdecke häkeln kann ich bestätigen: Ja, es ist teilweise saukalt, vor allem nachts. Aber wir hatten im Januar auch bereits ziemlich frühlingshafte Temperaturen.
Je blauer, desto kälter, je grüner, desto wärmer. Gemessen jeweils 13 Uhr. Ziemlich mittig im Januar ein „Fast schon Frühling“-Streifen
Bloß kann man diese zwischenzeitlichen zarten Wärmeanwandlungen schlecht einfrieren und bei Bedarf auftauen. Oder so ähnlich. Nun muss ich doch noch einmal einen Blick zurück in den November werfen:
Ja, gut. Terminals sind da. Dummerweise sind die Häfen der Ostsee wegen starkem Eisgang nur sehr eingeschränkt anfahrbar, während in Nordsee und Elbmündung mit niedrigen Wasserständen zu rechnen ist:
Unter Umständen könnte bei längerem Anhalten der Wetterlage eine kleine logistische Herausforderung entstehen. Was wäre das Leben ohne Herausforderungen? Laaangweilig!
Aber vielleicht ist das Heizen ja demnächst nur ein vergleichsweise kleines und zeitlich begrenztes Problem, weil nach dem Winter irgendwann unweigerlich auch wärmere Zeiten kommen. „Warm anziehen“ müssen sich die meisten Bürgerinnen und Bürger demnächst nach dem Willen des CDU-Wirtschaftsrates (der entgegen der Namensgebung keine der Partei angehörende Gruppierung , sondern ein Lobbyverband ist) in ganz anderer Hinsicht.
Ich habe Fragen. Nur eine davon, für mehr habe ich aktuell nicht die Nerven: Wer soll demnächst noch die Binnennachfrage und damit die Produktion ankurbeln, wenn die Menschen zum großen Teil ihr Geld zusammenhalten müssen, um zukünftig ihre Zahnbehandlungen, den immer höher werdenden Anteil der Pflegekosten, private Kinderbetreuung und den Notgroschen für eventuell länger andauernde Arbeitslosigkeit zusammenzuhalten? Sowie für alle anderen Belastungen, die man zwar denen zumuten kann, die sowieso schon nichts haben, aber keinesfalls den „Leistungsträgern“** in den höheren Einkommens- und Vermögensklassen?
Es gibt bestimmt einiges in den verschiedensten Haushaltsposten, was durchgeforstet gehört. Und ich gehe auch davon aus, dass im sozialen Sektor Verbesserungspotenzial steckt (Verbesserte Steuerung, vereinfachte Beantragung, effizienterer Mitteleinsatz, da ist die entsprechende Kommission ja auch schon dran). Aber zurzeit sehe ich vor allem, dass unter der Führung unseres derzeitigen Kanzlers die Regierung das Solidaritätsprinzip, aber nicht nur in der Krankenversicherung, sondern in vielen seit der Gründung der Bundesrepublik (weitgehend von der CDU) solidarisch geprägten Lebensbereichen, langsam und qualvoll erwürgt.
Heute habe ich für diesen Montag eine mittelschwere bis tragische Impulskontrollstörung., In bester Gernot-Hassknecht-Manier würde ich am liebsten einfach nur
„Bullshit! Seid ihr komplett am Ar***?F*ckt euch!!“
brüllen. Ich weiß, eine Lösung ist das nicht. Aber es befreit wenigstens ein bisschen. Es gibt einfach Tage, an denen das Differenzieren echt schwerfällt.
*GröPaZ: Größter Präsident aller Zeiten (ob das der Typ in Moskau auch so sehen würde? Vielleicht kann man den Titel teilen… obwohl, damit haben die es ja auch nicht so wirklich.) **Hm. Definiere das Wort und dessen Bedeutung. Nun ja …
Der 31. Januar stand für uns im Zeichen des Post-Impressionismus. Kathi hatte von uns als Geburtstagsgeschenk einen Besuch in der immersiven (das Wort „immersiv“, aus dem Englischen: „immersion“, bedeutet auf Deutsch ungefähr „Eintauchen“ oder „Vertiefung“) van-Gogh-Ausstellung bekommen, die zurzeit in Hannover in der Alten Druckerei zu sehen ist.
Wir waren alle drei hin und weg von diesem Rundum-Erlebnis. Die Ausstellung besteht aus verschiedenen Komponenten, zunächst wird Vincent van Goghs Leben und Werk anhand von Lebenslauf, ausgewählten Gemälden und seinen Schaffensperioden dargestellt. Das Schlafzimmer van Goghs, das er mehrere Male (mit unterschiedlichen Bildern an den Wänden) malte, kann man sogar betreten. Im Herzstück der Ausstellung nimmt man in einem Raum mit 360-Grad-Leinwand Platz. Vollkommen egal, in welche Richtung man schaut. Was dann folgt, kann ich überhaupt nicht adäquat beschreiben, denn für die halbe Stunde, die eine komplette Vorführung dauert, fehlen mir die passenden Worte. Nur soviel: Filmisch, ineinanderfließend, in einer beeindruckenden und etwas überwältigenden virtuellen Präsentation werden die Zuschauerinnen und Zuschauer mitgenommen in Leben, Schaffen und auch Leiden des Ausnahmekünstlers, der nur 37 Jahre alt wurde.
Irgendwer läuft immer durchs Bild… sind wir bestimmt auch🙂
Als nächstes kommt man in einen Raum, wo alle, die Lust darauf haben, sich selbst an seinen Werken versuchen können. Vorlagen seiner bekannten Werke können mit Pastellkreiden in seinen bevorzugten Farben gelb, orange, rot, grün und blau ausgemalt werden, anschließend fotografiert und im Großformat an die Wand gebeamt.
Im letzten Bereich kann man sich mittels einer VR-Brille in die Umgebung der Motive und Lebenswelt versetzen. Das haben wir ausgelassen, denn es ist ein Feature, das bei Menschen mit Photosensibilität, Epilepsie oder Gleichgewichtsproblemen (Schwindel etc.) nicht empfohlen wird. Da waren wir alle lieber vorsichtig.
Als Abschluss ging es durch den obligatorischen Shop. Van Gogh auf Puzzles (davon habe ich jetzt auch eins😉), auf Regenschirmen, Kühlschrankmagneten, Mousepads und vielen anderen Dingen, Bücher, Kunstdrucke, Taschen, der übliche Schnickschnack für Andenkenjäger.
Wenn ihr im Einzugsgebiet von Hannover wohnt, kann ich die Ausstellung nur wärmstens empfehlen. Oder ihr schaut mal, wo die Reise als nächstes hingeht, die Ausstellung wird noch eine ganze Weile touren.
Ich persönlich war total geflasht von den ausdrucksvollen, melancholischen bis tieftraurigen Augenausdrücken. Nicht nur seine Selbstporträts, alle Menschen, die er darstellt, haben diesen Blick, der dem Betrachter bis auf den Boden der Seele zu reichen scheint.
Kleiner Flashback ins Jahr 1984. Ich war 16 Jahre jung, trug eine kleine Fledermaus am Ohr, Omas alten grün-bunten Velours-Bademantel als Jacke, dunkellila Lidschatten und eine schwarze Baskenmütze. Manchmal kommt es mir vor wie ein anderes Leben. Und dann wieder, als sei es erst gestern gewesen.
In diesem Jahr schien uns alles möglich. Ja, uns, denn natürlich war zu der Zeit die Clique das Wichtigste – neben der ersten großen Liebe. Jennifer Rush lieferte uns die Hymne dazu, auf meinem Plattenspieler lief sie auch ein ums andere Mal. Und so konnten wir Mädels diesen Song inbrünstig mitsingen.
Die Welt stand uns offen, sie schien nur auf uns zu warten. Dachten wir. Und heute? Haben wir die Welt verändert? Und wenn ja, in welche Richtung? Nun, vermutlich haben wir das, und zwar in jede erdenkliche Richtung. Aber die Kraft der Liebe brauchen wir auch weiterhin, vielleicht mehr denn je.
Hoffentlich entlasse ich euch jetzt mit einem Ohrwurm ins Winter-Wochenende😊.
Diesen Text veröffentlichte ich zuerst am 17. November 2022. Ich stieß wieder darauf, weil sich in den letzten Tagen jemand durch meinen Blog gefuttert hat wie die kleine Raupe Nimmersatt😃. Also wirklich gelesen, denn im Gegensatz zu den massenhaften Anfragen, die alle paar Monate mal innerhalb von Sekunden über den großen Teich schwappen, wurden viele ältere Artikel in Lesegeschwindigkeit nacheinander aufgerufen. Gruß geht raus in den Norden, mir wird „Norderstedt“ als Ursprung der Zugriffe gemeldet. Nun bin ich ja chronisch neugierig und habe mir einige Beiträge, bei denen ich nicht mehr wusste, was hinter dem Titel steckt, noch einmal angeschaut. Ich habe bei diesem hier die Reihenfolge etwas verändert und ein paar Screenshots von aktuellen Netzfunden zugefügt.Und ich bin der Meinung: das, was ich vor etwas mehr als drei Jahren schrieb, gilt unverändert. Nur die Mengenverhältnisse haben sich leider ein wenig verschoben. Es hat fast den Anschein, als ob es noch mehr Idioten gibt als 2022.
Ich hoffe und schätze, sie sind immer noch in der Minderheit. Aber sie sind halt so unfassbar laut und von sich selbst überzeugt.
Während ich die Überschrift tippe, fällt mir ein, dass es ein Lied von Rolf Zuckowski gibt mit diesem Titel. Was einem halt als Muttertier zu vollkommen unpassenden Zeiten einfällt. Wie so alte 80er-Jahre Fetensongs, die sich immer mal wieder ungebeten als Ohrwurm einnisten, wenn das richtige Stichwort kommt. Ob nun eisgekühlter Bommerlunder, Black Betty oder 99 Luftballons. Sorry, ich schweife ab, aber ihr sollt schließlich auch etwas davon abbekommen (vom Ohrwurm😉). Übrigens ist es passend zum Ohrwurm ja auch leider so, dass man sich an die blöden und unsinnigen Aussagen („Ich bin doch nicht blöd…“) oder Geschehnisse („Wo warst du an 9/11?“) viel besser erinnert als an erfreuliche Gedanken, liebevolle Gesten oder schöne Gedichte.
Also, zurück zum Thema: Es gibt vieles, das ich mag. Und ebenso vieles, das ich überhaupt nicht leiden kann. Ich mag die Provence, den Duft von Lavendel, warmen Wind vom Meer auf der Haut, Tapenade …, aber mir gruselt es vor schlabberigen Austern, Kopfschmerzen durch Mistral und Taschendieben im Gedränge südfranzösischer Altstädte. Ich mag Cappuccino, Gelato und Pasta, aber mir kann die Mafia und das stinkige Müllproblem von Neapel gestohlen bleiben. Ich mag die Appalachen und würde dort gern mal wandern gehen. Ich mag die Weite des amerikanischen Westens, die Hippiestädte Kaliforniens und würde auch gern mal im Central Park in New York Schlittschuhlaufen. Aber ich bin abgestoßen von Trump, Vertretern des Wohlstandsevangeliums und dem Waffenfetischismus in den USA.
Ich bin fasziniert von dem irre großen Land Russland, das sich über verschiedene Zeit- und Klimazonen erstreckt, der „russischen Seele“ mit ihrer Melancholie, gerade auch in der Literatur, der abwechslungsreichen Geschichte und vielen warmherzigen Menschen, aber ich kann es einfach nicht begreifen, wie eine machtgierige Elite dieses Land und seine Menschen mit üblen Methoden regiert und dann auch noch ein Nachbarland überfällt. Ich ziehe den Hut vor Chinas reichhaltiger Kultur, grandiosen Leistungen wie der chinesischen Mauer, Erfindergeist und sogar der Selbstdisziplin sehr vieler Menschen dort, aber ich verurteile, wie sehr der Grad der Überwachung und das Misstrauen gegenüber der eigenen Bevölkerung dort das tägliche Leben bestimmt.
Ich lebe gern in Deutschland, finde die vielfältigen Landschaften und Dialekte genial (auch wenn ich nicht alle verstehe) und auch manches Brauchtum, aber ich finde es vermessen und abartig, wenn einige Mitbürger anderen das Existenzrecht in unserem Land absprechen, ewiggestrige Parolen grölen und meinen, bestimmen zu dürfen, wer oder was „Deutsch“ ist.
Diverse Schnipsel aus „Social Media“. Heimlicher (oder unheimlicher🤔?) Favorit ist der Turn von bunten Nudeln zur „Multikulti-LGTB*-Propaganda“
Und so gibt es sehr vieles, das ich überall in der Welt und auch vor meiner eigenen Haustür faszinierend oder spannend finde, das ich bewundere, dem ich vielleicht sogar nachzueifern versuche. Aber ebenso gibt es auch überall, sogar in meinem persönlichen Umfeld, immer mal wieder Facetten (und ehrlicherweise auch Menschen), die ich schwer ertrage, Verhaltensweisen, denen ich nicht zustimmen kann und will und anderes, das mich abstößt. Zum Beispiel Ignoranz, die Unfähigkeit zur Selbstreflexion, Engstirnigkeit und der mangelnde Wille zur Empathie.
Es gibt Menschen, die ich schätze, die aber schwer zu verdauende Äußerungen tätigen, und es gibt Menschen, die ich absolut nicht mag, aber auch die sagen mitunter Dinge, die ich bejahe. Und anderen geht es mit mir ähnlich. Das alles sollte eigentlich ganz normal sein, aber es macht mich in der letzten Zeit zunehmend verrückt, dass diese ganzen vielen kleinen Mosaiksteinchen, aus denen unsere Realität besteht, erst übertüncht werden und dann das entstandene Bild in zwei Teile zerbrochen wird. In Schwarz und Weiß, in Dafür und Dagegen, Heiß und Kalt, Links und Rechts, Oben und Unten, Gut und Schlecht (oder sogar „teuflisch“). Es ist eine Verengung, die das Leben manchmal anstrengender macht, als es sein müsste. Es beschränkt uns und unseren Ideenreichtum. Es macht uns mürbe. Es ist manchmal echt frustrierend.
Ich bin verwirrt.
Aus aktuellem Anlass ein Video. Es macht mich einerseits unendlich traurig, andererseits verleiht es Mut.
Der Text ist unter dem Video zum Mitlesen…
Es ist nicht mehr die Zeit, um leise und zaghaft am Rand zu stehen. Nicht in Minneapolis, aber auch nicht hier. Wo (nicht nur) die offensichtlich Rechtsextremen gegen Migranten, gegen Kranke und Behinderte, gegen queere Menschen, gegen Arbeitslose, gegen Schulen und Bildung, neuerdings auch gegen Kirchen agitieren.
Mein erstes literarisches Highlight in diesem Jahr🥰
In einer Zeit, in der wir uns immer häufiger mit der Frage konfrontiert sehen, ob die Welt allmählich aus den Fugen gerät oder ob es nur unser eigenes Bild der Welt ist, das zusehends ins Wanken gerät, dürfen wir all das Gute nicht aus den Augen verlieren, das weiterhin existiert. Deshalb erscheint es mir lohnender denn je, Geschichten, die eben davon zeugen, mehr Raum und Gehör zu schenken. Geschichten, die Mut machen, und Geschichten, die Trost spenden. Geschichten, die zum Nachdenken anregen, und Geschichten, die Hoffnung geben. Geschichten, die kleine Alltagsfluchten ermöglichen, und Geschichten, die einfach nur guttun. Genau solch eine Geschichte möchte ich im Folgenden gerne mit Ihnen teilen. Ich widme sie allen Buchhändler*innen auf dieser Welt, die tagtäglich mit viel Verve und Vehemenz für all das Vorgenannte eintreten – und ohne die es (auch) diese Geschichte nicht gäbe. Dafür gilt ihnen mein herzlichster Dank und die größtmögliche Wertschätzung.
Vorwort
Die junge Pariserin Marie entflieht Hals über Kopf ihrer Heimat mit dem TGV Richtung Brüssel. Aber auch dort findet sie nicht, was sie sucht: Ruhe. Durch die Zufallsbekanntschaft mit Jónína landet sie schließlich in Redu, einem kleinen Dorf in den Ardennen. Dieses Dorf mit dem schiefen Kirchturm, den unterschiedlich angezeigten Uhrzeiten und nur einer Stunde Internet pro Tag ist etwas Besonderes, und hier kommt Marie in der Abgeschiedenheit wieder zu sich. Versucht sie anfangs noch, den Kontakt zur Außenwelt, zu den Nachrichtenstreams und den sozialen Medien aufrecht zu erhalten, lässt sie sich im Lauf der Geschichte immer mehr ein: Auf die Menschen, die Bücher, die Natur, die langsame und von einer unaufdringlichen Gemeinschaft geprägte, empathische Art des Lebens in dieser Umgebung.
Im Dorf war das Internet überhaupt nur deshalb zwischen 19 und 20 Uhr verfügbar, um antiquarische Buchbestellungen bedienen zu können, die aus aller Welt in Redu eingingen, wie Jónína ihr vor vielen Wochen berichtet hatte. Und natürlich auch, damit die Buchhandlungen ihrerseits Bestellungen an Verlage oder Zwischenbuchhändler übermitteln konnten. Darüber hinaus spielte sich das Leben jenseits der Monitore ab: Man las, man schrieb, man redete, man ging spazieren, man aß und trank, man mähte Rasen oder hackte Holz, man fütterte die Tiere, man half sich gegenseitig, man saß einfach da und machte sich Gedanken oder genoss den Augenblick, man schlief ohne schlechtes Gewissen auch mal mitten am Tag. Um es auf den Punkt zu bringen: Man lebte einfach.
Als Jónína sich wegen einer ernsthaften Erkrankung auf den Weg in ihre Heimat Island macht, übernimmt Marie ihre Buchhandlung vertretungsweise. Sie erfährt die heilende Wirkung der Bücher auf den unruhigen Geist und gibt ihre neuen Erkenntnisse auch gern weiter. Und so findet auch Mathilde, eine alte, mürrische und zurückgezogen lebende Frau aus der Nachbarschaft, einen Weg in Maries Herz, ebenso wie umgekehrt.
Es ist ein ruhiger, beinahe dahingleitender Roman, trotzdem voller Leben, voller Entwicklung und vor allem voller Liebe zu den Menschen. Der Autor hat definitiv erreicht, was er mit diesem liebevollen Plädoyer beabsichtigte:
Wenn sich ein jeder von uns vor Augen führte, wie wichtig Empathie im täglichen Miteinander ist, könnte ein Wandel, wie er in diesem Roman beschrieben wird, überall zustande kommen. Und Redu könnte überall sein. -Aus der Nachbemerkung des Autors-
Für die Zeit des Anhörens (es gibt auch ein sehr angenehm eingesprochenes Hörbuch) und Lesens konnte ich heilsam und sehnsüchtig in diese kleine analoge Welt eintauchen. Wie eine Oase kam es mir vor, eine Oase der Stille und langsamen Einkehr in der lauten, schnellen und schrillen Welt. Ich wünsche mir, dass der Zauber, den dieses Buch auf mich ausgeübt hat, noch möglichst viele andere Leserinnen und Leser erreicht.
Zum Autor: Torsten Woywod ist selbst Buchhändler, seit 2021 leitet er die Marketingabteilung des DuMont Buchverlages. Auch als Verleger des Verlages Woywod & Meurer ist er tätig. So erklärt sich auch seine letzte Bemerkung im Buch:
Mein abschließender Dank geht an alle Buchhändler*innen dieser Welt: Seit mehr als zwanzig Jahren darf ich nun schon ein Teil der Buchbranche sein und kann mir nichts Schöneres vorstellen. Im Gegenteil. Die Buchbranche ist mein Wohlfühlort Nummer eins. Sie ist ein Geschenk, an dem ich mich immer wieder aufs Neue erfreu(t)e.
Danke. Geht mir ebenso, aber schon etwas länger😉. Wenn es Bücher und Buchhandlungen nicht gäbe, müsste man sie wirklich unbedingt erfinden …
Ach so, übrigens: Redu gibt es übrigens tatsächlich, es ist eines der sogenannten Bücherdörfer.
PS (26.1.2026): Da ich mir Nachrichten augenblicklich nur einmal am Tag anschaue, wurde ich gestern Abend noch von einigen Vorfällen und „Vorschlägen“ diesseits und jenseits des Atlantiks überrollt. Ob es das Gest@po-artige Treiben einer „Polizei“truppe ist (die anscheinend in Phantasieuniformen auftreten, je nach persönlichem Gusto zwischen N@zi-Offizier und Marvel-Bösewicht), das statt Sicherheit bürgerkriegsartige Zustände hervorruft oder eine „Mittelstandsunion“, die das Recht auf Teilzeit in Frage stellt, ein von CDU- und AfD-Mitgliedern neu gegründeter „Verein“, dessen Name fatal an das Wort Turningpoint erinnert, natürlich auf Teutsch, wie es sich gehört🤮 oder eine Regierung, die auf die Ereignisse in Minneapolis keine Antwort zu haben scheint…
Da bleiben mir die Worte fast in den Fingern stecken. Aber das darf nicht geschehen. Schreibt, was die Tastaturen hergeben! Egal, ob ihr „nur“ eine Handvoll Leute erreicht oder eine Leserschaft von mehreren Tausend habt.
Ich kenne, persönlich oder vom Lesen, einige (immer mehr werdende) Menschen – um es genauer zu präzisieren: Frauen – meiner Generation, die genau jetzt oder zumindest in den letzten ungefähr fünf Jahren ihre öffentliche Stimme gefunden haben. Einige von ihnen schrieben bereits vorher, sogenannte „leichte Frauenromane“, ein Etikett, das man nur schwer loswird, vor allem, da man das „l“ auch oft durch ein „s“ ersetzt hat. Denn es bedeutet: In der Literatur seid ihr nicht ganz für voll zu nehmen, ihr Dummchen. Bescheuert. Als ob jeder männliche Schriftsteller selbstverständlich ein „höheres Niveau“ anstrebt.
Warum gerade jetzt? Warum nicht schon vor 2020? Vielleicht, weil wir in einer Zeit aufgewachsen sind, in der zwar auch nicht alles ein einziges Zuckerschlecken war, aber wir bekamen einfach nicht alles in einem riesigen Infodump rund um die Uhr auf allen Kanälen mit. Zum Beispiel, wenn die Welt mal justament an einem Atomschlag vorbeischrammte. Es erschien uns alles mehr oder weniger übersichtlich zu sein, fast schon wohlgeordnet. Unsere Eltern vermittelten uns: „Ihr sollt es einmal besser haben als wir.“ Und wir sahen meist wenig Grund, ihnen nicht zu vertrauen. Außerdem schien Alice Schwarzer mit ihrer EMMA bereits sämtliche Kastanien aus dem Feuer der Misogynie zu holen, ihr Temperament und ihre laute Stimme schien geeignet, gegen viele Widerstände im Alleingang toxische Männlichkeit zu schrumpfen. Wenigstens schien es mir damals so.
Dass in der innerdeutschen Gesellschaft, im Gesundheitswesen, in der sozialen Fürsorge, in den Familien längst nicht nur eitel Sonnenschein herrschte, wussten damals häufig nur die mittelbar und unmittelbar Betroffenen. „Darüber spricht man nicht“ war das Mantra, unter das finanzielle Sorgen ebenso fielen wie körperlicher und seelischer Missbrauch, mentale Erkrankungen, Homosexualität und alles, was nicht als „normal“ gelabelt war. Wir bissen die Zähne zusammen und lachten gezwungen mit, wenn frauenfeindliche Witze gerissen wurden. Wir ertrugen es angewidert, wenn man uns übers Haar strich (was unangenehm, aber noch vergleichsweise harmlos war), aber auch „unabsichtliche“ Po- oder Busengrabscher. Zotige Anmachsprüche überhörten wir nach Kräften, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Wir plapperten hilflos (oder eher ohnmächtig?) „Selbst Schuld, wenn sie einen kurzen Rock anhatte“ als Rechtfertigungen für Übergriffe und Vergewaltigungen nach.
Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern aussah, in Deutschland waren das häufig Kollateralschäden und Spätfolgen des NS-Regimes. Es entschuldigt und relativiert nicht das Geschehene, aber es kann ein Erklärungsansatz sein. Aber was so lange unter dem Deckmäntelchen des Schweigens gehalten wurde, bahnt sich zwangsläufig einen Weg ans Licht, wenn die dünne Deckschicht des „uns geht es ja gut“ aus den unterschiedlichsten Gründen erodiert.
Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts. Sören Kierkegaard
Bei vielen Frauen (vermutlich, weil sie überproportional betroffen waren), aber auch bei Männern meiner Generation setzt sich diese Erkenntnis durch. Ebenso wie der unbedingte Wille unserer Kinder, manches Ungesagte vergangener Zeiten aus der Tabuzone zu holen. Es ist gut und wichtig, über die alten Belastungen zu sprechen und zu schreiben. Über Rassismus, Sexismus, Ableismus und andere -ismen; über den grausamen Umgang mit Behinderten, denen eine eigene Meinung und vor allem die Existenz von Bedürfnissen wie Partnerschaft und Sexualität aberkannt wurde, mit kranken Kindern in den „Kur“heimen, mit Menschen, die dem heteronormativen Gesellschaftsbild nicht entsprachen. Es ist wichtig und überfällig, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, Prognosen für die Zukunft zu treffen und Strategien für eine gelingende Gesellschaft zu entwickeln.
Es war noch nie alles schlecht, aber auch noch nie alles gut. Ich unterstelle unseren ehemaligen Regierungen (seit dem Bestehen der Bundesrepublik Deutschland), egal welcher Couleur, dass sie unter den jeweiligen Zeitbedingungen etwas gutes für Deutschland erreichen wollten. Ob es ihnen gelungen ist, stellen Historiker, Soziologen, Politikwissenschaftler und wir häufig erst mit ein paar Jahren oder sogar Jahrzehnten Abstand fest. Und natürlich kann es im schlimmsten Fall passieren, dass wir sehen: gut gemeint ist nicht gut gemacht, im Gegenteil. Meist nicht schuldhaft, aber oft fahrlässig, wider besseres Wissen und von einer gewissen Naivität geprägt.
Liebe Frauen jeder Generation, aber auch liebe Männer, bleibt dran. Schreibt! Auch das Ungeschriebene. Erzählt das Unerzählbare. Sagt das Unsagbare.
Meine (nicht immer) entspannte Hippie-Ansicht, übrigens auch KI-gestützt😉
Wie kam ich überhaupt auf die Idee, mich ausgerechnet mit ChatGPT über Lebensqualität auszutauschen? Das Thema an sich geistert seit einigen Tagen bereits durch meine Gedanken. Angeregt unter anderem durch die aktuellen Pläne der CDU, an allen möglichen Stellen im sozialen Bereich einzusparen bei gleichzeitiger Ablehnung auch nur minimal veränderten Regeln in der Erbschaftssteuer. Befeuert durch stets überdurchschnittliche Werte in Skandinavien beispielsweise im Weltglücksbericht 2025 (wird vom Wellbeing Research Centre der Universität Oxford herausgegeben), die den Menschen dort einen hohen Level an Lebensglück und Zufriedenheit bescheinigt, also eine hervorragende Lebensqualität, auch nach den Maßstäben des Chatbots:
Die skandinavischen Länder punkten mit stabilen und gut ausgebauten Sozialsystemen: soziale Sicherheit, etwa durch Gesundheitsversorgung, Arbeitslosenunterstützung und Renten lässt die Menschen im Alltag gelassen agieren. Dazu gibt es geringe Einkommensungleichheit, skandinavische Länder gehören zu den Ländern mit der geringsten sozialen Ungleichheit weltweit. Übrigens ist es auch absolut üblich, Gehaltsvergleiche anzustellen, nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern relativ öffentlich. Und die Einkommensteuerbescheide jeder Person sind für jedermann abrufbar. Im Gegensatz zu Deutschland besteht immer noch ein hohes Maß an Vertrauen. Vertrauen in Mitmenschen und in staatliche Institutionen. Man argwöhnt nicht, der Staat wolle jeden ausnehmen wie eine Weihnachtsgans und tue im Gegenzug nichts für die Wähler. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist kein Papiertiger, sondern Realität. Teilzeitmodelle für beide Eltern, gute Verfügbarkeit frühkindlicher Bildungsangebote und andere Maßnahmen ermöglichen es Familien, ein gutes Auskommen nicht gegen den Familienfrieden abwägen zu müssen.
Gebe ich dagegen den Begriff „Wellbeing“ im Zusammenhang mit Deutschland in meine Suchmaschine ein, erhalte ich als Ergebnisse stets Zusammenhänge mit der Wirtschaft: Zufriedenheit am Arbeitsplatz (Greatplacetowork.at), Performance und Well-Being für den Unternehmenserfolg (HSU HH), „Financial Wellbeing in Unternehmen“ (Bundesagentur für Arbeit!) und so weiter.
Wellbeing bedeutet wörtlich übersetzt WOHLBEFINDEN. In Deutschland scheint das immer noch in erster Linie mit einem strengen Arbeitsethos verbunden zu sein. Und mit dem BIP, dem Bruttoinlandsprodukt. Inzwischen ist es von verschiedenen Seiten Konsens, dass in der heutigen Zeit das BIP ein vollkommen unzureichendes Instrument ist, um den „Erfolg“ einer Gesellschaft zu bemessen. Denn alles, was für Wohlbefinden und Lebensqualität sorgt, alle ehrenamtlichen Tätigkeiten, die für Zusammenhalt und ein empathisches Miteinander sorgen, die im Übrigen in sehr vielen Bereichen unverzichtbar für das Funktionieren der gesamten Volkswirtschaft sind, schlagen sich im BIP nicht nieder. Im Gegenteil, das BIP überhöht den monetären Einfluss von Katastrophen, Sabotage oder anderen Schäden, denn die Schadensbeseitigung erzeugt Umsatz, der das BIP steigert. Die Prävention von Schäden für die Volkswirtschaft hingegen, deren Nutzen man vielleicht erst in mittelferner Zukunft erntet, wird komplett auf die Kostenseite gebucht.
Vor allem die konservative Seite unserer aktuellen Regierung setzt sehr auf Produktionssteigerung, sowohl des einzelnen Arbeitnehmers als auch der konventionellen Industrie. Mit ihrem Begriff von Wohlstand, der sicher – unter anderem – zur Lebensqualität beiträgt, greift sie aber zu kurz. Das war einmal anders. Aber im Gegensatz zu den angeblich notwendigen Rückgriffen auf überalterte Energieformen, auf uralte industrielle Konzepte und gesellschaftliche Konventionen, die schon vor 50 Jahren aus der Zeit gefallen waren, erinnert sich die aktuelle CDU lieber nicht an ihre eigenen Lebensqualität-Papiere und Versprechen der vergangenen Jahre.
Auch immer mehr Influencer versuchen uns einzureden, dass wir für mehr Lebensqualität, persönliches Wohlbefinden und Lebensglück unbedingt bestimmte Dinge oder Äußerlichkeiten brauchen, die wir meist für viel Geld bei ihnen erwerben sollen: Life-Coachings, Männlichkeitsseminare, aufgespritzte Lippen, Po-OPs (schon allein das Wort zu schreiben kommt mir skurril vor), Proteinshakes, Heilkristalle und vieles mehr. Diese Leute ziehen ihre finanziell zu erreichende Lebensqualität aus unserer Unzufriedenheit. Unzufriedenheit, die uns nur zu oft künstlich eingeredet wird. Je länger man beim Scrollen auf solchen Accounts verweilt, desto mehr bekommt man vorgeschlagen. Ich versuche das auszutricksen, indem ich lustige Reels, Kabarett, Kultur & Literatur, Musik und Tiercontent mitunter in Dauerschleife laufen lasse. Ob es hilft? Mir auf jeden Fall😀.
Ich bin mir heute noch nicht sicher, wohin ich mit diesen Überlegungen am Ende gelange, aber ein Baustein ist sicher das Gefühl der Selbstwirksamkeit, die innere Überzeugung, aus mir selbst heraus Veränderungen und Verbesserungen erreichen zu können. Diese und die allgemeine Resilienz, also Krisenfestigkeit, scheinen mir augenblicklich vielen von uns abhanden gekommen zu sein. Wobei ich hoffe, dass sie nicht komplett verloren sind, sondern sich nur unter der wattigen Decke aus Alltag und Krisenmeldungen nicht trauen, die Nase hervorzustecken. Sie gilt es zu stärken. Über beide Themen werde ich euch demnächst Bücher vorstellen. Denn das Konzept der „literarischen Apotheke“, das ich im Beitrag über die Buchpreisbindung erwähnte, kann durchaus ein starkes Werkzeug der Selbstertüchtigung sein.
N: Lebensqualität bezeichnet, wie zufrieden und gesund sich jemand in seinem Alltag fühlt. Sie umfasst Aspekte wie Gesundheit, Sicherheit, finanzielle Stabilität, Bildung, soziale Beziehungen, Freizeitmöglichkeiten, Umweltbedingungen und das subjektive Wohlbefinden. Kurz gesagt: Wie gut das Leben einer Person in der Gesamtheit für sie persönlich ist.
A: Sind wirtschaftliche Werte dabei wichtiger als die sogenannten soften Bedingungen?
N: Es kommt darauf an, was man unter Lebensqualität misst. Wirtschaftliche Werte (z. B. Einkommen, finanzielle Sicherheit, materielle Versorgung) sind wichtige Bausteine, weil sie viele konkrete Bedürfnisse decken und Unsicherheit reduzieren. Gleichzeitig sind sogenannte „weiche“ Bedingungen wichtig (z. B. Gesundheit, soziale Kontakte, Sicherheit, Bildung, Zufriedenheit, Umwelt, Selbstbestimmung). Ohne ausreichende soziale Bindungen, gute Gesundheit oder Sinnempfinden leidet oft die Lebensqualität trotz hohem Einkommen. Viele Ansätze betrachten beides zusammen: stabile wirtschaftliche Grundlagen plus positive soziale und psychische Bedingungen. In der Praxis hängt die Gewichtung von individuellen Werten, Kultur, Lebensphase und Kontext ab. Kurz gesagt: Wichtige Rolle sowohl der wirtschaftlichen als auch der soften Faktoren – miteinander verknüpft, nicht isoliert betrachtet.
A: Gehört auch die Möglichkeit, sich mit ungesundem Verhalten selbst zu schaden, zur Lebensqualität?
N: Nein. Lebensqualität umfasst in der Regel positive Erlebnisse, Gesundheit, Sicherheit und Wohlbefinden. Selbstschädigendes Verhalten schadet meist der Gesundheit, erhöht Risiken und mindert langfristig die Lebensqualität. Es kann kurzfristig als Stressabbau dienen, führt aber oft zu größeren Problemen (Krankheiten, Sucht, soziale Schwierigkeiten). Wichtiger ist ein Umfeld, das Unterstützung, Prävention und gesunde Bewältigungsstrategien bietet. Wenn du magst, kann ich helfen, Ressourcen oder Strategien zu finden, die gesündere Wege fördern.
A: Bitte, mach das doch mal.
N: Gern. Hier sind einige Ressourcen und Strategien, die helfen können, ungesundem Verhalten entgegenzuwirken und die Lebensqualität zu verbessern:
Sofortige Unterstützung
in akuten Krisen: wende dich an die lokale Notrufnummer oder Notaufnahme
bei Suchtgedanken oder starkem Verlangen: wende dich an eine Suchtberatungsstelle oder Notfalldienst
Professionelle Hilfe
Hausarzt oder Allgemeinmediziner: erste Anlaufstelle, kann medizinische Abklärung und Überweisung bieten
Psychotherapie (z. B. kognitive Verhaltenstherapie, Motivierende Gesprächsführung)
Suchtberatungsstellen, Suchthilfe-Einrichtungen
Online- oder telefonische Beratungen (je nach Land)
Unterstützende Strategien im Alltag
Aufbau eines stabilen Routinenplans mit regelmäßigen Mahlzeiten, Schlaf, Bewegung
Gesunde Alternativen für Stress und Emotionen suchen (Sport, Hobbys, soziale Kontakte)
Soziale Unterstützung: sprich mit vertrauten Freunden oder Familie über Schwierigkeiten
Vermeidung von Risikosituationen, Reduktion von Zugang zu Suchtmitteln, wenn möglich
Ressourcen (deutschsprachig, je nach Ort variiert)
Deutschland: Telefonseelsorge 116 123 (24/7, kostenlos), broj Überlastungs- und Suchtberatung über lokale Hotlines
Österreich: Telefonseelsorge 142, Suchtberatung vor Ort
Schweiz: Suchthilfe-Zentren, Nummer gegen Kälte falls applicable, Beratung 143
Je nach Land: nationale Sucht- oder Gesundheitsberatungen via Internet suchen (z. B. „Suchtberatung“ + Wohnort)
Wenn du magst, nenne mir dein Land oder deine Stadt, dann suche ich dir konkrete Anlaufstellen in deiner Nähe heraus.
A: Danke, das ist nicht notwendig. Ich wollte nur gern wissen, was du über deine vielen Quellen in Erfahrung bringen konntest. Aber verrat mir doch mal, ob auch Schönheits-OPs, teure Autos, Immobilien und ähnliche Äußerlichkeiten wichtig sind für einen gute Lebensqualität.
N: Danke für die Frage. Meiner Sicht nach spielen äußere Dinge wie Schönheits-OPs, teure Autos oder Immobilien für die Lebensqualität keine zentrale Rolle, könnten aber je nach Person eine Rolle spielen.
Subjektive Bedeutung: Für manche schaffen äußere Dinge Freude, Selbstwertgefühl oder Statusgefühle. Das kann die Zufriedenheit kurzfristig erhöhen, langfristig aber auch eher oberflächliche Zufriedenheit bringen.
Langfristige Lebensqualität: Wichtiger sind Faktoren wie Gesundheit, Sicherheit, soziale Beziehungen, Sinn, Autonomie, finanzielle Stabilität und-Stressbewältigung. Wenn äußere Anschaffungen jedoch zu finanzieller Belastung oder Stress führen, kann das die Lebensqualität mindern.
Balance finden: Ein vernünftiges Maß an materiellen Dingen, das zu echten Bedürfnissen passt, ohne Überforderung oder Verschuldung, kann positive Effekte haben (z. B. ein sicheres Zuhause, eine verlässliche Mobilität). Kritisch wird es, wenn der Druck entsteht, ständig zu vergleichen oder zu erfüllen.
Individuelle Werte: Werte und Prioritäten unterscheiden sich stark. Für manche ist minimalistische Lebensführung wichtig, andere schätzen gelegentliche Investitionen in Komfort oder Ästhetik.
Wenn du magst, können wir zusammen klären, was dir persönlich wichtig ist und wie du ein Gleichgewicht findest, das zu deinem Wohlbefinden beiträgt.
A: Oh, ich glaube, ich bin schon auf einem guten Weg. Aber danke für dein Angebot.
N: Das freut mich zu hören. Wenn du irgendwann feedback, Unterstützung oder einfach eine kurze Reflektion brauchst, sag gern Bescheid. Viel Erfolg auf deinem Weg!
Es hat natürlich seinen Grund, dass ich dieses „Interview“ geführt habe. Vorab hatte ich mir bereits Gedanken und Notizen zum Thema „Lebensqualität“ gemacht. Vermutlich gibt es fast so viele Meinungen dazu wie es Menschen gibt. Mit vielen Schnittmengen, aber auch großen Unterschieden. Herkunft, Sozialisation, Lebensumstände und vieles andere spielen da hinein. In vielen Büchern, die ich schon gelesen habe, sowohl in Romanen wie auch in der gesellschaftspolitischen Sachliteratur, spielt die Lebensqualität eine wichtige Rolle. Ehe ich noch einmal in diese vielen Bücher hineinlese und noch in etliche andere Quellen, dachte ich mir, zapfe ich einmal das weltweite (mitunter vermeintliche) Wissen der Abermillionen Internetuser an, die mit ihren Fragen schlaue Hilfeportale, Homepages von Life-Coaches, soziale Medien und so weiter löchern. Oder verstopfen, je nach Sichtweise.
Viel Neues habe ich nicht erfahren, außer ein paar konkreten Telefonnummern. Und ein paar Impulse zum Weiterdenken in anderen Bereichen, als ich es schon getan habe, waren auch dabei. Aber was schon sehr angenehm zu lesen ist, ist die Tonalität: Unaufgeregt, freundlich und verbindlich, differenziert. Ich finde, einige potentielle Gesprächspartner sollte man um so ein Tool ergänzen, oder? Mir fallen da sofort Namen ein😉. Meine eigenen Gedanken und die weiteren Fragen, die sich durch das Sinnieren ergeben, lest ihr dann im nächsten Beitrag.
Bis dahin fragt euch doch bei Gelegenheit: Was ist es eigentlich, was ihr persönlich unter Lebensqualität versteht, was ihr unbedingt braucht und worauf ihr verzichten könnt, ohne dass es sich wie Verzicht anfühlt?
Über die Buchpreisbindung und die gummiartige Ausdehnung der Ausnahmefälle
Kennt ihr die Buchpreisbindung, die in Deutschland seit Oktober 2002 gesetzlich geregelt ist? Vorher war es eine reine Branchenvereinbarung. In meiner Ausbildung war die buchhändlerische Verkehrsordnung und das sogenannte „Sammelrevers“, mit dessen Unterzeichnung sich die Marktteilnehmer im Buchhandel zur Einhaltung des Ladenpreises verpflichteten, noch ein wichtiger Baustein. Unter anderem mit dem europäischen Binnenmarkt und dem freien Warenverkehr nahm die allgemeine Akzeptanz des Systems ab, in anderen Ländern war die Preisbindung längst abgeschafft worden. Angeblich war sie nicht mehr zeitgemäß. Die Folge war beispielsweise ein großes Buchhandelssterben, was wir als Frankreich-Urlauber gut beobachten konnten. Außerhalb der Metropolen gab es kaum noch kleine inhabergeführte Buchhandlungen, meist versuchten die letzten ihrer Art, mit Schreibwaren und Andenkenverkauf ihre Existenz zu verlängern. Bücher in größeren Mengen fanden wir in den kleineren Orten eigentlich fast nur noch in den Hypermarchés an den Ausfallstraßen und Kreisverkehren – und dort zu einem großen Teil nicht in Regalen, sondern auf Aktionsflächen. Ohne Beratung, ohne persönliche Empfehlungen. Als in Frankreich die Erkenntnis dämmerte, dass Bücher eben doch keine Waren wie Wein, Käse, Baguette und Meeresfrüchte sind (sorry für das Klischee), lag der unabhängige Buchhandel im Sterben. Seit der Wiedereinführung der Preisbindung ist eine Erholung des Literaturbetriebes erfolgt. Zum Glück.
Auch in Österreich erinnere ich mich an einen jungen, dynamischen und eloquenten Unternehmer vor mehr als 20 Jahren, der den Buchhandel mit einem „neuartigen Konzept“ revolutionieren wollte, ohne Preisbindung, aber mit vielen kleinen und großen Stores. Im Nachhinein denke ich, wie ein Mini-Karstadt-Investor. Er legte eine grandiose Bauchlandung hin.
Bücher haben in Deutschland und inzwischen auch wieder in vielen anderen Ländern einen ähnlichen Status wie verschreibungspflichtige Medikamente. Fun Fact: Ein großer deutscher Zwischenbuchhändler hat tatsächlich für einige Zeit einen gemeinsamen Lieferdienst mit Apotheken ausprobiert. Das hat allerdings nur suboptimal funktioniert. Wer Bücher von Nina George gelesen hat, nickt jetzt vielleicht und denkt: „Ja, ja, literarische Apotheke und so“ und hat auch nicht komplett unrecht. So, wie Medikamente für die Heilung körperlicher Erkrankungen sorgen, können sich Bücher durchaus heilend aufs Gemüt auswirken. (Wie beim Drogenkonsum kann auch das Gegenteil passieren. Kommt auf die Lektüre und die Dosierung an.)
Der Hauptgrund ist also gleichermaßen ähnlich wie unterschiedlich. Die Versorgung mit notwendigen und verschriebenen Medikamenten soll überall im Land zu gleichen Konditionen erfolgen, um zumindest in diesem Bereich keine 2-Klassen-Medizin zu befördern. Ebenso soll es zum Beispiel für Bildungsträger und SchülerInnen überall im Land möglich sein, Literatur oder Lehrmittel zum selben Preis einzukaufen, um den Bildungsauftrag für alle Menschen im Land gerecht zu gestalten. Und da beispielsweise Werte wie Bildungsgerechtigkeit, Meinungsfreiheit und damit der freie Zugang zu Informationen und Inhalten politisch und gesellschaftlich gefördert werden, ist die Buchpreisbindung schließlich in ein Gesetz gegossen worden.
Es gibt fest definierte Ausnahmen, wenn wir Buchhandlungen oder die Verlage Schulen und andere Bildungsträger zum Verbleib in den Institutionen beliefern. Wenn Bibliotheken mit öffentlichem Zugang Literatur einkaufen. Oder wenn Bücher sichtbar beschädigt sind („Mängelexemplare“), wenn es sich um Altauflagen mit veraltetem Inhalt handelt, ein paar Ausnahmen gibt es also. Nachlesen kann man das zum Beispiel hier.
Und dann gibt es große Aktionen, gern zum Jahresanfang, wenn bei der Kundschaft das Portemonnaie ein wenig fester gehalten wird. Aktionen von Verlagen, die eine Lagerrevision vornehmen und feststellen, dass sie Überhänge (aus Rücksendungen oder so) haben. Dann kommen plötzlich in großen Mengen Mängelexemplare in Umlauf. Wie vor 35 Jahren in Frankreich auf Sonderflächen der Supermärkte. „Mängelexemplare“ wie auf dem Beitragsbild. Alle auf dem Rückdeckel mit einer feinen Riffelung wie von Messern versehen. Sonst einwandfrei. Ich kaufte einige Bücher und bat den Verband um eine Einschätzung. Die Antwort lautete (Zitat): “ [ … ] Erste Sichtung hat ergeben, dass die Bücher alle aus 2024 stammen, also es sich nicht um Novitäten handelt. Ich vermute, dass die Titel aus einer Remittenden Aktion des Verlags stammen. Die „Beschädigung“ finde ich etwas zweifelhaft. Hier kläre ich mit der Rechtsabteilung, ob diese ausreicht, oder ob man die immer gleiche Beschädigung anzweifeln kann und dies justiziabel ist. Die Auszeichnung als Mängelexemplar ist, gegeben und entsprechend richtig erfolgt.“
Meine Einschätzung dazu lautete
Wenn ein Alter von mehr als 18 Monaten als Kriterium angesehen wird, um es auf welchem Weg auch immer aus der Preisbindung zu nehmen [ … ], bekommen die Erzeugnisse der Autorinnen und Autoren nicht nur ein „Verfallsdatum“, ihre Leistung wird also im Ganzen geschmälert und nicht angemessen wertgeschätzt, es konterkariert auch die Arbeit vor allem unabhängiger Buchhändlerinnen und Buchhändler, für Backlist-Titel zu werben, ein sorgfältig von ihnen für ihre Kundschaft kuratiertes Angebot in den Geschäften anzubieten. Und dazu ist es wenig nachhaltig, was meiner Meinung nach angesichts Druckereipleiten, Papierknappheit und der teilweise notwendigen Auftragsvergabe ins Baltikum – also mit immens langen Transportwegen, nicht akzeptabel ist.
Als Branche werben wir für einen achtsamen Umgang sowohl mit der Ware als auch mit dem Inhalt. Wir bemühen uns, der Kundschaft zu erklären, warum Bücher meist nicht mehr eingeschweißt werden und weshalb ein kleiner Riss im Schutzumschlag kein Mangel des gesamten Buches ist. Wir verkaufen nicht wenige Bücher über erfolgreiches, nachhaltiges und effizientes Wirtschaftsgebaren, einen bewussten Umgang mit Ressourcen und der Welt, die uns umgibt und unser Überleben sichert.
Wir plädieren dafür, angesichts der Herausforderungen der KI die Leistung von Autoren und Illustratorinnen herauszustellen, die intellektuelle und künstlerische Arbeit, die sie leisten.
Und dann ist es möglich, diese ganzen Bemühungen mit dem Kennzeichen „Mängelexemplar“ wie Seifenblasen platzen zu lassen!
Dazu fallen mir ein paar wenig schmeichelhafte Bemerkungen ein: Entweder ist unsere Branche dekadent und wohlstandsverwahrlost (was sie in weiten Teilen nicht ist), oder wir sind unglaubwürdig (dazu fallen mir tatsächlich ein paar Beispiele ein) und am schlimmsten finde ich, wenn wir die Arbeit von Autoren, Übersetzerinnen, Redakteuren und Lektorinnen, Korrektoren und Illustratorinnen nicht angemessen würdigen.
Warum erzähle ich euch das in epischer Breite? Dafür gibt es einige Gründe. Vielleicht fällt euch ja auch der eine oder andere ein. Was meint ihr?
Im Zusammenhang mit dem vorherigen Beitrag hatte ich (natürlich beim Zähneputzen, das wird noch ein Running Gag😁) eine weitere Erleuchtung. Beim Buchprojekt Montags motze ich komme ich deswegen nicht voran, weil ich zu viel hineinpacken wollte. Mein Plan war, alles das, was ich im Lauf von zwei Jahren herzhaft „zusammengemotzt“ hatte, im Nachhinein Beitrag für Beitrag, Kapitel für Kapitel, einzeln zu reflektieren, zu bewerten, auf Fakten abzuklopfen. Der Charme (wenn man denn an der Stelle von Charme sprechen kann) der einzelnen Beiträge würde dann aber in weiten Teilen verloren gehen. Der Schwung, der Ärger und auch die Erkenntnis, die mit den meisten Posts einherging, würde weitestgehend verpuffen. Denn im Endeffekt verdeutlicht mein Frust und der Umgang damit doch eines: Ja, es gibt Dinge, über die ich mich ärgere, die ich ganz anders sehe, die ich auch anders lösen würde. Kleinigkeiten ebenso wie Schieflagen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Solange ich aber unser demokratisches Lebens- und Gesellschaftsmodell deswegen nicht verlasse und demontiere, ist das vollkommen in Ordnung.
Es braucht also keine Einordnung jedes einzelnen Artikels, sondern der Schlüsse, die ich daraus ziehe. Für mich, für unsere Gesellschaft, für unseren Umgang mit Politik und Medien, mit Menschen, die nicht „meiner/unserer Kragenweite entsprechen“. Und der nächste Punkt, der mir aufgegangen ist, nachdem ich mich bei vielen Autorinnen, bekannteren und noch nicht so bekannten, umgehört und -gelesen habe: Auch, wenn es ein Herzensprojekt ist, es ist mein Erstling. Es muss nicht perfekt werden. Ich darf Anfängerfehler machen, ich darf wachsen an dem, was gut aussieht und noch mehr an dem, was verbesserungswürdig ist.
Ich sollte vielleicht einfach ins kalte Wasser springen und mich überraschen lassen. Einfach mal machen, könnte ja gut sein!
Für euch (Frauen), die auch immer wieder mit diesem Thema struggeln
Immer wieder tappe ich in diese Falle. Und ehrlich gesagt ist es zwar etwas entlastend auf der Meta-Ebene, aber wenig hilfreich in der konkreten Situation zu wissen, dass ich mit diesem vor mir liegenden Problem alles andere als allein dastehe. Vor allem viele Frauen kennen es: Mal wieder habe ich mich verzettelt. Das mir zur Verfügung stehende Zeitkontingent maßlos über- und meinen Hang, Spontanzusagen für alles Mögliche zu treffen, unterschätzt.
Ich bin äußerst begeisterungsfähig. Das allein stellt sich schon häufig als gefährlich heraus. Und ich habe einen mitunter fatalen Hang zur Hilfsbereitschaft (an sich etwas Gutes, aber das rechte Maß zu finden, fällt mir schwer). In dem Augenblick, wo (oft auch „zwischen Tür und Angel“) etwas an mich herangetragen wird, halte ich es für eine ausgesprochen gute Idee, mitzumachen. Ungefähr ein- bis zweimal im Jahr (wenigstens nicht mehr alle paar Wochen, auch das gab es schon) führt das dann zu einem Kurzschluss in meinem Terminmanagement.
Die Auswirkungen sind je nachdem, was hinten runter fällt, unterschiedlich, aber immer sind die Ergebnisse enttäuschend, für die, die sich auf mich verlassen haben ebenso wie für mich persönlich. Denn dann springt bei mir wieder ein Denkmuster an, von dem ich gehofft hatte, es überwunden zu haben: „Du bist unzuverlässig, unfähig zu einer ordentlichen Planung, du kriegst es einfach nicht auf die Reihe. Immer dasselbe mit dir!“ Diese innere Stimme ist gleichermaßen Bremsklotz und Drill Instructor, eine echt ungesunde und explosive Mischung. Aber die Situationen, in die ich mich damit manövriere, zwingen mich auch zum Innehalten, reflektieren und dann und wann dazu, einen Reset-Knopf zu drücken.
Während ich dieses schreibe, geht mir durch den Kopf, dass ich solche unvermeidbaren Wegpunkte meist dann erreiche, wenn ich dabei bin, mich in Lebensphasen einzurichten, die einen Wandel bedeuten. Als junge Erwachsene, die versucht, auf eigenen Beinen zu stehen. Als junge Mutter, die ihre eigenen Vorstellungen von Familie mit denen der Herkunftsfamilie verbinden möchte (was oft genug der Quadratur des Kreises entspricht, wenn Erlerntes und Erfahrenes nicht übereinstimmen). Als nochmalige, aber nicht mehr ganz so junge Mutter, die neben zwei Heranwachsenden und einem Kleinkind auch noch zwei pflegebedürftige Mütter zu versorgen hat und an den höchst unterschiedlichen Bedürfnissen zu scheitern droht. Obwohl ich keine einzige dieser Erfahrungen missen möchte. Als „gestandene“ Frau in der zweiten Lebenshälfte, die weiß, dass das Leben noch viele Überraschungen bereithält, sich in ihrem Traumberuf wieder „sauwohl“ und am richtigen Platz fühlt, sich noch den Herzenstraum vom Schreiben erfüllen möchte und ihn doch immer wieder den Anfragen, Plänen und Ansprüchen ihrer Umgebung unterordnet.
Und ich frage mich, was das über mich aussagt. Definiere ich mich und meinen Wert eben doch immer noch mehr über mein Umfeld als über mich selbst? Diese Frage lässt mich stocken. Ich dachte, über diesen Punkt sei ich endlich hinaus. Aber so ganz kann ich es wohl doch nicht abschütteln. Denn es ist einfach ein Teil meiner Persönlichkeit. Das gilt es zu akzeptieren, aber dennoch einen sinnvollen, weder mich überfordernden noch die Anderen ignorierenden Umgang damit zu finden. Mal wieder.
Noch etwas fällt mir auf: An manch einem Wendepunkt meines Lebens zwangen mich Krankheiten, innezuhalten, mich neu einzupendeln. Ganz besonders einschneidend waren natürlich die Sehnenrisse im Jahr 2020 aufgrund meiner rheumatischen Grunderkrankung, die mich für einige Monate buchstäblich von den Beinen rissen. Ich frage mich, was es zu bedeuten haben könnte, dass mir in den letzten Wochen wieder vermehrt Sachen aus den Händen fallen. Ohne, dass ich es bemerke, ist mein Griff plötzlich nicht fest und zupackend, sondern lasch und kraftlos. Die Dinge entgleiten mir. Hm.
Ich weiß noch nicht, was ich damit anfangen soll. Aber gestern habe ich die Gelegenheit erhalten, mich mit einem Buch zu beschäftigen, das mir heute früh wie ein Geschenk des Himmels erschien. Ein Buch von zwei Frauen meiner Generation über Krankheit, Zusammenbruch und Resilienz. Ich werde berichten. Und im Februar wird es mit diesen beiden Frauen eine Veranstaltung in der Buchhandlung geben.
Ansonsten muss ich endlich ernst machen und mich neu sortieren. Wenn ich nicht die Prioritäten bestimme, werden die Prioritäten irgendwann über mich bestimmen. Nur dass es dann nicht meine gewählten Prioritäten sein werden. Das wäre schon ziemlich besch…en.
Vollkaskomentalität und German Angst. Zwei nicht sehr schmeichelhafte Ausdrücke, die man noch durch Anspruchsdenken ergänzen könnte. Es gab Zeiten, da brachte man mit Deutschland stolz und selbstbewusst Made in Germany (obwohl das ursprünglich eher eine Warnung als ein Kompliment war), Ingenieurskunst, Erfindergeist in Verbindung. Und nun? Verfallen wir in Unfähigkeit, Unmündigkeit und Unwillen? Ständig bemüht, für alles, das irgendwie nicht optimal läuft, einen Schuldigen zu finden, der möglichst der undefinierbaren Menge der „Anderen“ angehört?
Ich schätze, nein, ich weiß: Es gibt solche Leute. Leute, die mit ihrer Unzufriedenheit nicht nur Zwietracht säen, sondern auch große Energieräuber sind. Weil sie jeden volljammern, der ihnen zuhören will (und oft auch die, die das nicht wollen), scheint es mitunter eine Mehrheit im Land zu sein, die zu dieser Gruppe gehört. Sie sind laut, sie sind omnipräsent und daher fallen sie auf. Ich bin überzeugt, sie sind in Wahrheit eine Minderheit. Aber leider gibt es Menschen, bei denen die Schwarzseherei und das Beklagen der angeblichen kompletten Dysfunktionalität des gesamten Landes und seiner Institutionen Geschäftsmodell sind. Von A*D-Agitatoren über Klickbait-„Journalisten“ bis hin zu unseriösen „Life-Coaches“ ist die Bandbreite groß. Es gibt auch solche, die sich selbst dadurch aufwerten, dass sie andere abwerten. Die es nicht ertragen können, wie andere Menschen unter gesellschaftlich definierten „Schwächen“ ihres Milieus, ihres Körpers oder ihrer Seele nicht erwartungsgemäß leiden und zusammenbrechen, sondern sie stattdessen in positive Energie, in Veränderungswillen und in eine widerständige, moralisch integre Stärke umwandeln.
Überhaupt: moralisch! Sind wir nicht insgesamt viel zu moralisch aufgeladen? „Stets bemüht“, das Richtige zu tun, zu denken, zu empfinden? Und hält uns das nicht im Gegensatz zu einer gewissen Skrupellosigkeit davon ab, unseren Wohlstand zu mehren, unser Ansehen mit germanischer Stärke und Machtbewusstsein aufzupolieren und unseren Anteil vom zu verteilenden Kuchen zu beanspruchen? Auch da gibt es eine gewisse Lust, dieses anstrengende „den Nächsten mitdenken“ mit politischer Unkorrektheit zu kontern – jetzt erst recht!
Einfach nur mit „Du hast aber Unrecht“ kommen wir dagegen nicht an. Argumente werden oft weggewischt. Gegenrede prallt ab wie an einer Squash-Wand. Deswegen bin vermutlich nicht nur ich dann und wann hilflos und frage mich, wie man diese Leute bewegen kann, einer anderen Sichtweise eine Chance zu geben. Mir fällt eine Situation in der Buchhandlung ein, da fragte ein Mann mittleren Alters nach einem interessanten politisch-gesellschaftlichen Sachbuch. Er lese gern über Debatten, auch mit konträren Ansichten. Ich bin mir bis heute sicher, das Buch von Ricarda Lang und Steffen Mau (hier habe ich es vorgestellt) wäre genau der passende Titel für ihn gewesen. Er bügelte mich ab mit dem vernichtenden Urteil „Ich mag die Lang nicht, der kann ich nicht aufs Fell gucken!“ Mit einem solchen Abscheu in der Stimme, in dem regelrecht mitklang „Eine junge Frau, die nicht meinem Körperideal entspricht, selbstbewusst, eloquent und gebildet, damit will ich mich nicht auseinandersetzen“, dass ich baff und einen Augenblick sprachlos war. Ein kleiner Macchiavelli in mir hätte antworten können: „Kenne deine Gegner. Wichtigster Grundsatz überhaupt.“ Die manchmal etwas renitente, aber immerhin schlagfertige Buchhändlerin hätte vermutlich gekontert: „Sehen Sie, und ich kann dem Merz nicht aufs Fell gucken. Genau deswegen habe ich ein Porträt über ihn gelesen. Und obwohl ich ihn jetzt immer noch nicht leiden kann, habe ich doch an der einen oder anderen Stelle zumindest seine Gedankengänge nachvollziehen können.“ Leider ist Schlagfertigkeit mitunter etwas, das einem zwei Stunden später einfällt. Bis ich mich gesammelt hatte für diese Antwort, war der Mensch leider bereits aus dem Laden gestürmt.
Fertig bin ich noch lange nicht mit meiner Bestandsaufnahme. Mit diesem Beitrag bin ich immerhin von der Eigenverantwortung ausgehend bei der Meinungshoheit angekommen. Meine Synapsen gehen mitunter verschlungene Wege. Mal sehen, worüber ich als nächstes ins Grübeln komme.
PS: Ich hatte den Beitrag gerade fertig und abgespeichert, als Edgar ins Büro kam und meinte, ich müsse mir unbedingt „mal gerade etwas ansehen“. Dieses „Etwas“ war die neue Folge von Missverstehen Sie mich richtig, ein Gespräch von Maja Göpel mit Katja Riemann. Es lohnt sich, es sich mit einem Kaffee oder Tee gemütlich zu machen und diese 1,5 Stunden in voller Länge zu gönnen. Besonders aber ab 1 Stunde und 16 Minuten. Manchmal kommt das Beste eben doch zum Schluss.
Wie haltet ihr es mit dem Essen? Im Winter gern gut gewürzt, fettreicher als im Sommer und gern mit Fleisch? Also richtig deftig? Klar ist, im Winter lieben wir Mahlzeiten, die uns innerlich wärmen und ein heimeliges Gefühl geben. Mit vegan bringt man das nicht unbedingt in Verbindung. Andererseits ist da der Veganuary, die Herausforderung, das neue Jahr mit (vorwiegend oder komplett) pflanzlicher Ernährung zu beginnen. Aber ganz egal, ob der Plan ist, komplett aus tierischen Produkten auszusteigen oder einfach nur die Gewichtung der Nahrungsbestandteile neu auszutarieren in Richtung pflanzlicher Kost, manchmal steht man da wie der sprichwörtliche „Ochs‘ vorm Berg“.
Da bei uns im Hause die Hauptmahlzeiten auch inzwischen vorwiegend vegan gekocht werden (Ausnahme: Freilauf-Eier von einem Hof, wo wir die Haltungsbedingungen kennen und Honig von Freunden), habe ich öfter mal etwas mehr Hirnschmalz aufzuwenden, Kathi tut sich da leichter mit der Umstellung. Deswegen kam mir das Leseexemplar gerade zum richtigen Zeitpunkt unter die Augen.
Mit „Bordmitteln“, die ohnehin in fast jeder Küche vorhanden sind, vor allem aber mit der geschickten Auswahl von Kräutern und Gewürzen, ist es recht unproblematisch, auch pflanzlichen Lebensmittel richtig herzhaften Geschmack zu verleihen. Döner und Gyros auf Basis von Räuchertofu, ausgiebig mariniert, gehört inzwischen fest zu unserem Repertoire. Auf die Dauer ist das allerdings ein bisschen wenig Abwechslung. Im vorderen Teil des Buches wird ausführlich erklärt, wie ein Umstieg mit pflanzlichen Fleischersatzprodukten („echte“ Fleisch- und Wurstwaren sind übrigens sehr häufig nicht weniger chemisch zusammen gepampt, das ist also ein ganz schwaches Argument) einfach gelingt, aber auch, wie man von diesen hochverarbeiteten Lebensmitteln zum großen Teil unabhängig wird.
Der Rezeptteil enthält vielseitige, saisonale Rezepte, die nicht nur lecker klingen, sondern eine große Bandbreite an unterschiedlichen Gemüsesorten, Getreiden, Hülsenfrüchten und Nüssen/Saaten bieten. Dazu eine Auswahl an Dips, Dressings oder Toppings, wie zum Beispiel milde oder kräftige Parmesanalternativen, die richtig gut schmecken.
Im Buch und bei mehreren Instagram-Accounts, die sich mit veganer Ernährung beschäftigen, finde ich die hilfreiche und entlastende Basis-Info, dass man sich nicht zu sehr unter Druck setzen soll, ein Umstieg darf stückchenweise erfolgen und er darf auch unvollständig sein. Wichtig ist vor allem die aktive gedankliche und tätige Auseinandersetzung mit dem, was in unseren Kochtöpfen und auf den Tellern landet.
Aus dem Vorwort
Wie bei jedem Kochbuch werde ich nicht alle Gerichte nachkochen, aber es sind ein paar sehr vielversprechende Kandidaten dabei, zum Beispiel -Gebratene Gnocchi mit Balsamico-Pilzen -Mie-Nudeln mit scharfem Tofu-Hack -Mediterrane Tomatensuppe mit Nudel-Oliven-Topping -Steckrübeneintopf mit Grünkohl (sorry, meine Lieben, da müsst ihr durch) -Pfifferlingspasta -Hirsesalat mit gebratenem Sommergemüse -Ofen-Aubergine mit gerösteter Paprikasalsa
Mein Fazit: das Buch lohnt sich auch dann, wenn man nicht beabsichtigt, sich komplett vegan zu ernähren. Vorsicht: es könnte durchaus passieren, dass die Gerichte selbst „eingefleischten“ Essern munden😉. Und ein Blick über den Tellerrand ist gerade beim Essen oft eine kleine Offenbarung. Außerdem schont es den Geldbeutel, weniger oder gar kein Fleisch einzukaufen.
Das ist der erste wöchentliche Stand des Projektes „Temperaturdecke“ am Mittwochabend nach der täglichen Häkelreihe. Bisher wenig spektakulär, aber was erwartet man Anfang Januar? Am Wochenende könnte eine dritte Farbe dazukommen, Royalblau, falls die Temperaturen auch tagsüber bei -5 Grad hängenbleiben. Der allabendliche Aufwand liegt ungefähr bei einer halben Stunde. Da ich mich beim Häkeln momentan noch etwas mehr konzentrieren muss als beim Sockenstricken, ist das eine sehr bewusste Zeit, in der ich gut vom Tag abschalten kann. Angesichts der verstörenden Nachrichtenlage weltweit entwickelt sich hier ein Ritual, das mir guttut. Ich häkele die allabendliche Nachrichtensendung einfach weg.
Es ist schon komisch: das, was am meisten für Frust sorgt, ist nicht einmal die reale Befürchtung, dass vermutlich demnächst drei alte, machtgeile Männer versuchen werden, die Welt unter sich aufzuteilen, sondern das Gefühl der Ohnmacht, nichts tun zu können. Obwohl das Häkeln an der Situation in der Welt nichts ändern kann, reagiere ich mit etwas mehr Gelassenheit, weil ich überhaupt etwas Greifbares schaffe, während ich mir die tägliche Dosis Unerträglichkeit gebe. Und so paradox es sich anhört, ist es genau das, was wir alle tun können: Nicht die Hände in den Schoß legen, sondern bei uns ganz persönlich ausgehend anfangen, etwas bewirken oder erschaffen, erst klein, dann immer größer werdend und Kreise ziehend. Dabei aber nie das Zuhören vergessen, das Mitdenken, das Anteilnehmen. Vielleicht schaffen wir es sogar, mehr zuzuhören als selbst zu reden. Über unseren eigenen Horizont hinaus mitzudenken und auch dort mitzufühlen versuchen, wo es für uns fremd und unbequem wird.
Ihr Lieben, jetzt bin ich über dem Schreiben über meine wachsende Häkelei wieder ganz woanders angekommen, als ich geplant hatte. Ich wollte heute nur einen kleinen Einblick texten und ansonsten eine grobe Marschroute für mein Schreibjahr, für sich ankündigende Schwerpunkte und Herzensthemen zu Papier bringen. Zwei Themenbereiche brennen mir besonders unter den Nägeln. Erstens: Schreiben über Bücher, Büchermenschen und den Buchmarkt, ein wenig Insiderwissen für Leserinnen und Leser. Zweitens: Schwer zu fassen. Eine Melange aus sozialer Gerechtigkeit, philosophieren über die verschiedenen Weltsichten, Neugier auf andere Lebenswirklichkeiten wecken. Ach ja, und die Themen Montagsmotz und Wohn- bzw. Lebensmodelle begleiten mich auch weiterhin.
Wie auch immer ihr von „Elli“ und ihren Auswirkungen betroffen seid: Bleibt sicher.
„Haben Sie das auch noch eingeschweißt?“ „Nein, das Buch wird ohne Folie geliefert.“ Je nach unserer persönlichen Laune und Plauderstimmung, aber auch je nach Gesichtsausdruck des Gegenübers, folgen mit verbindlichem Lächeln noch weitere Erklärungen unsererseits: „Zum Glück werden die meisten Bücher heute nicht mehr eingeschweißt geliefert. Das spart Ressourcen, Platz in der Mülltonne und auf die Mengen hochgerechnet auch Gewicht beim Versand. Zumal die Bucheinbände ja durch den Schutzumschlag geschützt sind. Ja, genau: Schutz-, nicht Schmuckumschlag.“
Was der Boomer-Generation (ich schreibe das jetzt einfach mal so unverblümt, denn meist passt es) der unversehrte Schutzumschlag als Ausschmückung eines eher schlicht daherkommenden Buches bedeutet, ist bei vor allem den Damen der jungen Generationen (bei denen ich mit dem Zählen leider nicht mehr ganz mitkomme, sorry) durch den Farbschnitt ersetzt worden. „Haben Sie das auch noch mit Farbschnitt?“ oder „Wenn Sie mir das bestellen, bekomme ich dann auch ganz bestimmt den Farbschnitt?“ sind die Fragen, auf die wir eigentlich ein Merkblatt als Antwort herausgeben könnten.
Motiv: Boersenblatt.net
Es ist kompliziert. Den Farbschnitt bekommen meist nur die Erstauflagen, einerseits, weil Farbschnittbücher (zumindest bei gemusterten Farbschnitten) wesentlich aufwendiger in der gesamten Verarbeitungskette sind und andererseits, weil es den Ansturm auf die Bücher zum offiziellen Erscheinungsdatum in die Höhe treibt. Dazu gibt es Marktteilnehmer auf Händlerseite (ich nenne keine Namen, die möglicherweise mit „A“ oder „T“ beginnen😉), die kaufen ganze (Erst-)auflagen ohne mit der Wimper zu zucken so weit auf, wie es ihnen die Verlage zugestehen. Etwas, das die kleine Stadtteilbuchhandlung nebenan einfach nicht machen kann und damit schon mal im Nachteil ist. Um auch denen wenigstens ein paar bunte Buchschnitte zu ermöglichen, werden die Erstauflagen dann entweder mit einer eigenen ISBN versehen und meist auch ein paar Euro teurer angeboten oder bei Verlagen und Auslieferungen bunt mit den späteren Auflagen durcheinander gestapelt, so dass es vom Zufall abhängt, welche Ausgabe der stets um Befriedigung der Kundenwünsche bemühte Buchhändler morgens aus der grauen Kiste angelt.
Ich bin bei der Frage der Farbschnitte ehrlich gesagt sehr zwiegespalten.
Einerseits sind viele von diesen Büchern nicht nur Schmuckstücke, sondern regelrechte Kunstwerke. Wenn man eine Serie sammelt und dazwischen ein ganz profanes Buch mit weißem Schnitt herausblitzt, sieht es natürlich nicht so hübsch aus. Ich selbst besitze einige sehr besondere Buchausgaben, darunter die große Hundertwasserbibel, die nicht nur einen Farbschnitt hat, sondern einen individuellen Einband, der aus einem großen, vom Künstler gestalteten Textilmaterial geschnitten wurde. In der limitierten Ausgabe von 1000 Exemplaren sieht jede einzelne Bibel anders aus. Oder eine in Ziegenleder gebundene Ausgabe vom Herr der Ringe mit handcolorierten Miniaturen. Beide liebe ich, obwohl ich sie nicht jeden Tag ehrfürchtig zur Hand nehme. Sie wurden mir beide von meinem Mann geschenkt und sie enthalten mir wichtige und kostbare Inhalte, die mein Leben geprägt haben und es noch tun. Ich kann also den Drang, besonders bibliophile Schätze zu besitzen, durchaus nachvollziehen. Ich habe aber auch in beiden Ausgaben schon „geschmökert“. In der Bibel weniger, das liegt aber an der inhaltlichen Ausrichtung, da lese ich lieber andere als die zugrundeliegende Einheitsübersetzung.
Andererseits handelt es sich bei Büchern zwar fraglos um Kunst, aber meiner Meinung nach um Gebrauchskunst. Vielleicht hinkt der Vergleich etwas, aber wer sich Sessel oder Kochtöpfe oder einen Motorradhelm, von Colani designt, kauft, der benutzt sie auch. Wer Bücher kauft, nutzt weniger als die Hälfte ihres Potentials, wenn sie nur mit dem farbigen Schnitt nach vorn im Regal stehen. Denn das passiert eben auch: die kostbaren Farbschnittbücher werden nicht gelesen, denn dabei könnte sich der Buchblock verziehen. Manchmal kaufen sich die Mädels von ihrem knapp bemessenen Budget beide Ausgaben: eine zum Lesen und die andere zum Präsentieren.
Hier schlagen zwei Herzen in meiner Brust:
Einerseits sage ich mir: Warum sollten die meist jungen Frauen nicht ein wenig Alltagsluxus genießen? Muss so etwas den „oberen Zehntausend“ vorbehalten sein? Was spricht dagegen, es sich in einem Bereich, der einem wichtig ist, schön zu machen? Andererseits ist der Papiermarkt schwierig. Es wird immer teurer, die Ressourcen für nachhaltig gewonnenes Papier werden knapper, die Verarbeitung wird umständlicher, nicht nur wegen der Farbschnitte, sondern weil in Deutschland Druckereien und Buchbindereien in sehr schwerem wirtschaftlichen Fahrwasser unterwegs und einem ungesunden Konzentrationsprozess unterworfen sind.
An dieser Stelle fügen sich die beiden Generationenfragen dann wieder zusammen: Wenn der Kauf von Büchern verweigert wird, weil entweder der Schutzumschlag einen kleinen Riss hat oder der Farbschnitt an einer Stelle etwas abgerieben ist, wenn solche beim Handling der Ware durch viele Hände entstehenden Spuren als „Mangel“ deklariert werden, dann wird das Kulturgut Buch zu einem rein äußerlich bewerteten Konsumgut. Und das wiederum kann und will ich auf keiner Ebene gutheißen, ich halte es eher für dekadent. Es ist nicht nur wenig nachhaltig und verursacht Ramschtitel und Müll, sondern es schmälert auch die Anerkennung der Autorenleistung, wenn alles, worauf es beim Buchkauf ankommt, das makellose Erscheinungsbild ist.
Einen interessanten und recht differenzierten Artikel zum Thema habe ich bei epubli gefunden, hier könnt ihr ihn nachlesen.
Übrigens hat mein Vater, seines Zeichens handwerklicher Buchbinder, auch Farbschnitte an Büchern, selbst an so profanen Werken wie den sogenannten „Kehrbüchern“ der Schornsteinfegerinnung, angebracht. Als Kind fand ich es immer aufregend, wenn er Beize anrührte, in ganz besonderen Fällen sogar Marmorierbäder anlegte, um Buchrücken entweder mit einem einfarbigen oder marmorierten Schnitt zu versehen. Von Hand, mit dem Farbbad und einem mehr oder weniger groben Schwamm zum Auftupfen der Farben.
Wie steht ihr zu diesen Fragen? Schreibt es mir gern in die Kommentare.
Quelle: Pixabay. Diese Haltung und auch die Umgebung passt wunderbar zum Inhalt des Beitrages.
Wann war ich zuletzt bereits eine knappe Woche nach dem Beginn eines neuen Jahres so müde? Ich kann mich nicht erinnern, dass es mir in den letzten Jahren so ging. Nun ist es durchaus möglich, dass es am späten Zu-Bett-gehen seit Silvester liegt. An der Tatsache, dass ich in diesem jungen Jahr bereits zweimal für überlange Filme im Kino war. Am 1. Januar Avatar III mit unserer Jüngsten – unser traditioneller Jahresbeginn und am 4. Januar Der Medicus II mit Edgar. Beides Filme, die optisch und inhaltlich opulent und durchaus herausfordernd sind. Wenn man dazu noch gewohnt ist, fast schon „mit den Hühnern“ aufzustehen und schlafen zu gehen, ist das eben anstrengend.
Ich habe aber den Verdacht,
und dieser Gedanke kam mir natürlich mal wieder beim Zähneputzen, dass auch die deutlich erhöhte Schlagzahl der politischen und gesellschaftlichen Hiobsbotschaften dazu beiträgt. Und dass dahinter eine sorgsam orchestrierte Strategie steckt. Es geht dabei nicht um irgendwelche angeblichen Geheimbünde, die das Blut von Kindern in nicht existenten Kellern von Pizza-Restaurants konsumieren oder ähnliche Verschwörungsideologien, sondern umdie real existierenden Machtgelüste ebenso realer Autokraten.
Es ist nicht einmal vorrangig wichtig, ob dieser Verdacht zutrifft, denn wir sind mehrheitlich inzwischen übersättigt von schlechten Neuigkeiten, Eskalationen und Katastrophenmeldungen, so dass wir dünnhäutig auf alles anspringen, was uns als Stöckchen hingehalten wird. Oder uns in unseren privaten Kokon einigeln, die Welt aussperren und nur noch an uns heranlassen, was uns gute Gefühle schenkt. Beide Vorgehensweisen sind menschlich nachvollziehbar, aber schädlich. Schädlich für uns persönlich, denn es ist eine Form von Selbstbetrug und beraubt uns unserer Resilienz, mit schwierigen Zeiten umzugehen. Schädlich aber auch für die Gesamtgesellschaft, denn Menschen, die auf sich selbst zurückgefallen sind, kümmern sich weniger um andere, sind weniger für das Allgemeinwohl engagiert, denken weniger differenziert. Und alle Themen, die insgesamt gesehen für unser menschliches Dasein wichtig sind, aber dem gefühlten „Überlebenskampf“ untergeordnet, werden zu „Gedöns“, zu unwichtigen Partikularinteressen degradiert, zur Seite geschoben. Das betrifft dann Biodiversität ebenso wie Wärmepumpen, die Mobilitätswende oder die Rechte von Frauen, PoC, jeglichen tatsächlichen oder angeblichen Minderheiten.
Ich muss dringend wieder munter werden.
Das heißt auf einer konkreten Ebene: zurück zu meinen Hühner-Zeiten. Auf der abstrakten Ebene heißt es aber vor allem: Nicht aufhören, Szenarien, die uns vorgelegt werden, auf Plausibilität zu hinterfragen. Sich informieren, nicht nur über das, was gerade aktuell passiert, sondern auch über Entwicklungen, die dazu geführt haben. Einfache und affektive Antworten sind selten vollständig oder richtig. Zusammenhänge bauen sich meist in einer langen Zeitspanne durch Aktion und Reaktion auf. Und es gilt auch wahrzunehmen, dass es nicht immer eindeutige „Schuldige“ gibt. Dass es oft einfach nicht möglich ist, in einer einfachen Täter-Opfer-Ansicht stehenzubleiben. Dass auch offensichtliche Täter irgendwo Opfer sind. Und dass auch Opfer an irgendeinem Punkt der Kette schuldig wurden. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sie war es nie. Und leider ist sie auch nicht wirklich bunt, sondern in weiten Teilen besteht sie aus Grauschattierungen, wie mit unterschiedlich harten Bleistiften gezeichnet.
Gerade in dieser Zeit, in der es so schwierig scheint, die Zuversicht zu bewahren, möchte ich unbedingt wach und differenziert bleiben. Und ich weiß, dass ich mit diesem Wunsch, dieser Hoffnung nicht allein bin. Wir müssen bunter, leuchtender, lauter, unserer Wirksamkeit sicherer werden. Gegen den Hass, die Gleichgültigkeit und die Verzweiflung anschreiben.
Wer ist dabei?
Ich freue mich über jede/n, der/die Lust hat, mitzuschreiben.
PS: Nein, Müdigkeit am Montag wird jetzt nicht die dritte MM-Kategorie auf dem Blog. Es ist tatsächlich mehr oder weniger Zufall, dass ich diesen Beitrag an einem Montag verfasse.
Als ich heute früh erwachte, war es total still. Natürlich, es ist Sonntag, da ist nicht unbedingt Verkehr auf der Straße, morgens um halb Sechs. Und trotzdem hörte – nein, fühlte – sich die Stille anders an. Auch ohne aus dem Fenster zu schauen, wusste ich: es schneit. Es war die andächtige und trotzdem fast ohrenbetäubende Stille, mit der Schnee einerseits fällt und andererseits alle Umgebungsgeräusche verschluckt, die mich geweckt hatte.
Raus aus dem Bett, rein ins Vergnügen. Kurzer Stopp in der Küche zum Kaffeekochen, warm anziehen und dann nichts wie raus. Beim ersten Mal macht Schneeschippen immer noch Spaß. Aus Erfahrung weiß ich: das gibt sich. Kalle musste ich ein bisschen überzeugen, mich nach draußen zu begleiten, er machte zunächst den Eindruck, sein warmes Kissen nicht verlassen zu wollen. Schließlich siegte bei ihm wahrscheinlich die Neugier.
Der Schnee, der zunächst noch recht fein vom Himmel rieselte, veränderte sich im Lauf der nächsten 20 Minuten etwas und wurde großflockiger, das stete Abwärtsrieseln verwandelte sich in einen übermütigen Flockentanz. Als ob die Schneeflocken einen Wettbewerb austrügen, wer am längsten in der Luft bleiben könne, ehe die Schwerkraft selbst bei diesen Federgewichten den Sieg davonträgt.
Quelle: Wikipedia – Schneekristalle, fotografiert vom Schneeforscher Wilson Bentley
Es ist schon überwältigend: Obwohl die geometrische Struktur von Schneekristallen durch physikalische Eigenschaften vorgegeben ist und es so unzählig viele davon gibt, heißt es, jede existierende Schneeflocke sei einzigartig. Ob das tatsächlich so ist, vermag ich nicht zu sagen und es ist auch nicht wirklich wichtig, auch ohne dieses Wissen kann ich mich beim ersten ernstzunehmenden Schnee eines Jahres im Betrachten und Genießen vollkommen dem Augenblick hingeben.
Schnee ist vielseitig, von locker bis fest, von trocken bis nass, von „schneeweiß“ bis „matschbraun“, er löst auch widersprüchliche Gefühle aus. Er kann uns verzaubern ebenso wie er bedrohlich wirken kann. Es ist halt ein Unterschied, ob der Schnee so leise und tanzend fällt wie heute früh oder ob ein Blizzard, ein brausender Schneesturm, übers Land fegt. Auf jeden Fall inspirierte Schnee schon immer die unterschiedlichsten Kunstrichtungen, die Malerei, die Musik und auch die Literatur. In allen seinen Facetten von Romantik bis Drama sind Winter und Schnee wiederkehrende Motive, wie arm wäre das alles ohne Schnee und Eis!
Lange wird es nicht mehr so schön auf der Straße aussehen. Ich weiß wirklich nicht, warum in Norddeutschland immer alles mit salzigem Zeugs in schlammartigen, ekelhaften Patsch verwandelt wird (auf dem sich das Fahren auch noch richtig fies anhört), auf festgefahrenem Schnee fährt es sich viel angenehmer. Ach, ich mag jetzt nicht an Straßen und Autos denken, das kommt noch früh genug. Ich genieße einfach die Stille, solange sie noch währt und mache erstmal Frühstück.
Das „wahre Leben“ in Form von Schneematsch und deprimierender Nachrichtenlage kann noch etwas ausgesperrt bleiben.
Am 1. Januar eines Jahres diesen Satz zu lesen, kommt mir vor wie eine Einladung, nein, sogar eine Aufforderung. Möglicherweise sogar ein Motto für das vor mir liegende Jahr.
Nur geteiltes Wissen vermehrt sich. Und es festigt Erkenntnisse, wenn Menschen feststellen: Das, was ich beobachtet oder herausgefunden habe, können andere bestätigen.
Heutzutage haben wir alle notwendigen und wünschenswerten Werkzeuge an der Hand, um schnell, effizient und länderübergreifend – Wissen – Erfahrungen – empirische Untersuchungen – Beobachtungen und vieles mehr zu teilen und miteinander zu verknüpfen oder in Beziehung zu setzen.
An vielen Stellen geschieht das auch schon. Beispielsweise gab es letzte Woche eine Folge von Terra X, in der es um die Dechiffrierung der Briefe von Maria Stuart ging. Während die schottische Königin in der Geiselhaft ihrer englischen Cousine Elisabeth I. saß, war sie alles andere als hilflos oder untätig. Sie korrespondierte mit ihrem Sohn in Schottland, mit Verbündeten in Frankreich, mit allen, die ihr wohlgesonnen waren. Und zwar mit trickreich verschlüsselten Briefen, deren Code aber im Lauf der Jahrhunderte verloren ging. Der akribischen und wertschätzenden Zusammenarbeit eines japanischen, eines israelischen und eines deutschen Codeknackers ist es zu verdanken, dass heute ein großer Teil von Marias Briefen wieder verständlich ist. Schaut euch die Doku einmal an, falls noch nicht geschehen.
Im Bereich von Natur- wie auch Geisteswissenschaften, auch bereichsübergreifend über beides, findet Kooperation und Kollaboration schon statt. Ebenso in der Zusammenarbeit von professionellen Wissenschaftlern und interessierten Laien, der sogenannten Citizen Science. In der breiten Öffentlichkeit findet dieser ernstzunehmende Austausch leider noch nicht viel Widerhall. Auf mehr Resonanz stoßen nicht nur eher harmlose Trends wie Fitness, Booktok und Katzenvideos, sondern vor allem schwurbelige Videos und Beiträge von Leuten, die etwas „vom Schwager der Schwester und davon wiederum deren Cousin“ gehört haben oder lauthals lospoltern. Es lebe die alternative Wahrheit!?
Aufregung sticht Aufklärung. Schnelligkeit geht vor Gründlichkeit. Klicks sind mächtiger als Expertise. Affekt wird belohnt, nicht Reflektion. Gefühl ersetzt Information.
Die ersten Sachbuchtitel für 2026 habe ich schon bei Netgalley heruntergeladen. Seit einigen Tagen beschäftige ich mich mit dem sehr lesenswerten Buch von Katja Gloger und Georg MascoloDas Versagen. Es ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie wichtig die seriöse Einordnung von Informationen ist, damit ein fundiertes und differenziertes Bild komplexer Lagen stärker wirken kann als populistisches Geraune. Eine ausführliche Würdigung des Buches wird folgen, aber auch für mich gilt an dieser Stelle: erst mal ordentlich lesen und reflektieren, dann darüber schreiben.
Meine Ansprüche, was Sachbücher und Ratgeber angeht, sind mit der intensiven Beschäftigung gestiegen, das ist übrigens auch ein Grund, warum ich mit meinem Montagsmotz-Projekt etwas auf der Stelle trete. Selbst für eine kleine, unwichtige Veröffentlichung als Selfpublisherin erwarte ich von mir, nicht den erstbesten Impulsen zu folgen, keiner Desinformation auf den Leim zu gehen, geschweige denn selbst zu verbreiten. Das bedeutet auch, diesem Credo zu folgen:
„Beschäftigen Sie sich mit Positionen und Meinungen, die Sie nicht teilen. Heute ist es einfach, unter sich zu bleiben, immer in der eigenen Echokammer. Aber es ist notwendig und gut, sich mit jenen auseinanderzusetzen, die man am wenigsten versteht. Die Demokratie ist kein Schützengraben. Sie lebt davon, daß wir uns zuhören.“ Zitat Georg Mascolo, abrufbar hier
Es wird deswegen noch etwas dauern, bis ich vermelden kann: „Es ist vollbracht.“ Das Jahr beginnt also herausfordernd, mit Lesen, Schreiben und mit Lernen. Neben allem anderen, was im Leben so passiert: Familie, Arbeit, Haushalt, Garten, Ehrenamt, Freizeitgestaltung, Blog … Langweilig wird es definitiv nicht. Nur möglicherweise phasenweise etwas ruhiger hier. Nicht mit der hohen Taktung wie vor Weihnachten. Das geht in Ordnung. Auch bei einigen von euch hier beobachte ich die Tendenz, lieber etwas seltener, aber dafür durchdachter zu schreiben. Den Anstoß zu dieser Entscheidung hat mir der Blogpost einer Lieblingsautorin, Charlotte McGregor, gegeben. Hier kannst du ihre Überlegung nachlesen. Ich halte den Ansatz, mehr echte Geschichten und weniger Klickbait zu verfassen, für sehr sinn- und reizvoll (und nebenher auch für datensparsam😉).
Zurück zum Thema der Überschrift.
In der Sachbuch-Pipeline befinden sich zurzeit und werden demnächst hier geteilt: Rieke Havertz: Goodbye, Amerika? Holger Stark: Das erwachsene Land Hannah Ritchie: Keine Ausreden mehr Christina Käßhöfer: Plötzlich Pflege Saidi Sulilatu: Finanzen ganz einfach
Natürlich gibt es zur Abwechslung zwischendurch auch das eine oder andere belletristische Werk. Dann gern aus dem Genre „Unterhaltung“, denn denken muss ich bei den Sachtiteln schon genug. Ein wenig Eskapismus tut mir dann ab und zu ziemlich gut. Gleich geht es zum ersten Arbeitstag des neuen Jahres. „Entweihnachten“, neue Impulse in der Präsentation setzen, Vorschauen sichten, Lager auf stimmige Bestände kontrollieren, erste Aktionen planen …
Lasst euch nicht wegpusten, zuschneien oder was auch immer das Winterwetter euch zumutet. Wir lesen uns!
Ich starte mit einem Jahresprojekt. Jeden Tag eine Reihe häkeln werde ich wohl hinbekommen. (Hoffentlich ohne eine riesige Filtertüte als Resultat zu haben, weil ich die letzte Masche nicht richtig treffe…)
Eine Temperaturdecke als Wetterübersicht über das gesamte Jahr 2026. Ich hoffe schwer, mit meiner Auswahl der Wollmengen für die einzelnen Temperaturbereiche nicht allzu falsch zu liegen. Als Absicherung habe ich mir Sockenwolle in Basic-Farben besorgt. Da sollte es nicht schwierig sein, bei groben Temperaturausrutschern Nachschub zu bekommen. Ab heute muss ich mir eine Uhrzeit aussuchen, die ich jeden Tag des Jahres als DIE Zeit für die Tagesfarbe wähle. Hat da jemand von euch eine Idee? Tendenziell dürfte die Decke eher die kühleren Temperaturen wiedergeben, wenn ich eine morgendliche Zeit wähle, nachmittags werden die wärmeren Farbtöne überwiegen. Vermutlich wähle ich den späteren Mittag, um in etwa die Tageshöchsttemperatur zu erwischen. Jedenfalls werden und bleiben die Streifen Momentaufnahmen.
Mein Puzzle, das ich mir vor Weihnachten in der Buchhandlung bestellt hatte (war natürlich nicht lieferbar) ist auch inzwischen angekommen und begonnen. Ich liebe die unfassbar kitschigen Kinkade-Motive, weil sie echt schwierig zu puzzeln sind. Mal sehen, ob ich fertig bin, ehe die ersten Krokusse blühen. Im Garten, nicht auf dem Motiv😁.
Auf dem Blog hatte ich im vergangenen Jahr 77 Buchvorstellungen. Einige Bücher, die ich angelesen habe, habe ich gar nicht erst aufgenommen, weil sie mir eine ausführliche Rezension nicht wert waren. Andere habe ich aufgenommen, obwohl ich sie eher in Stichproben gelesen habe. Das mache ich mitunter bei Sachbüchern (manche lese ich aber auch von A-Z): Ich lese das Vorwort stets sehr akribisch, dann sehe ich mir die Kapitelübersicht an, lese das eine oder andere komplett, andere überfliege ich. (Ich habe das Glück, dass ich nicht nur Sätze, sondern Absätze komplett erfassen kann. Fragt mich nicht, wie, aber es funktioniert in den meisten Fällen überraschend gut.) Dann sehe ich mir noch das letzte Kapitel oder Nachwort an und überprüfe das Quellenverzeichnis. Das ist mir immer sehr wichtig, denn schlecht recherchierte Sachbücher halte ich für weniger vertrauenswürdig. Kann sein, dass ich damit zu streng bin, aber Sachinformationen müssen meines Erachtens durch mehr als eine seriöse Quelle überprüfbar sein, gerade im Zeitalter von Fake News ist das unverzichtbar. Ob ich mit dieser Schlagzahl im Jahr 2026 weitermachen kann und will, kann ich heute noch nicht sagen. Das hängt auch davon ab, ob die Anzahl der vielversprechenden Neuerscheinungen wieder ähnlich hoch ist wie 2025. Ich lasse mich da einfach überraschen, die ersten Frühjahrsvorschauen sind schon gesichtet.
Ansonsten habe ich beschlossen, erstmal neugierig in das Jahr zu starten. Und ihr? Habt ihr Pläne, Ziele oder Herausforderungen vor euch, die ihr bewältigen wollt?
Diese Gesellen hier sind das personifizierte Jahr 2025. Über 70 (!) dieser Jammerlappen haben wir verkauft. Seit März. Vor allem an Lehrerinnen, Erzieherinnen, Therapeutinnen, Mütter – und Ehefrauen. Kein Scherz. Die Käufe wurden fast ausschließlich von Frauen getätigt. Wir brauchten nur die Hand in den Jammerlappen zu stecken, sein Klappmaul zu verziehen und mit absolut jämmerlicher Stimme zu jammern „Es ist ja alles soooo schlimm“, dann war es um die Damen geschehen. Hätte ich auch nicht vermutet, dass „so schlimm“ einmal das schlagendste Verkaufsargument sein würde. Nun ja. Es verrät viel über das Empfinden breiter Teile der Kundschaft, wenn ein Jammerlappen der absolute Verkaufsschlager ist. (Weit vor Caroline Wahls neuem Werk, aber zumindest Für Polina haben wir häufiger verkauft.)
Und wieder geht ein Jahr zu Ende. In den letzten Tagen habe ich mir mal durchgelesen, was ich seit Beginn der Pandemie so um diese Zeit geschrieben habe. Und ich schätze, ich lasse das mit den Hoffnungen für die Zukunft dieses Jahr lieber bleiben. Auch wenn persönlich viel Gutes dabei ist, gesellschaftlich oder gar international scheint es illusorisch. Oder klingt das zu sehr nach Jammerlappen? Gar fatalistisch? Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich als Letztes. Vielleicht ist es ein besserer Ansatz, meine Handyfotos durchzuscrollen und eine Auswahl an Motiven zu treffen, die mich im Jahr 2025 begeistert, getragen und begleitet haben. Wenn ich es recht bedenke, haben alle Momente, die mich nachhaltig erfreut haben, etwas mit Wasser/Meer, Naturereignissen, besonderen Orten, Essen, Büchern oder Schreiben zu tun.
Aus fast 900 Kameradateien (ohne die thematisch extra erstellten Alben wie Veranstaltungen in Gemeinde oder Buchhandlung) des Jahres 2025 habe ich 45 ausgesucht. Diese Bilder bieten einen Querschnitt, aber kaum eine repräsentative Auswahl dessen, was ich erlebt und dokumentiert habe. Kämen noch die Screenshots dazu, die ich im Laufe des Jahres gesammelt habe, könnte die Zusammenstellung ein bisschen deprimierend wirken. Deswegen zeige ich stellvertretend zwei davon, die meine allgemeine Verfasstheit etwas aufzeigen:
Aber genug gejammert. Ich werde einfach weiterhin schreiben.
Nicht über jede Laus, die mir oder anderen über die Leber gelaufen ist. Nicht nur über die Krisen auf der Welt. Nicht allein über alles, was schiefläuft in der Gesellschaft. Aber auch darüber, denn die mörderischen Schwestern (ein Zusammenschluss von Krimi-Autorinnen) gaben zu dem Thema einen weisen Rat:
Ich werde mich aber auch auf jeden Fall daran begeben, beglückende Situationen, mutmachende Augenblicke und zuversichtliche Momente einzufangen. Ein bisschen Glitzer und Magie in die Welt bringen. Vielleicht sollten wir das alle tun. Nicht, indem wir versuchen, das Schlechte und Böse gutzureden, sondern indem wir die kleinen, zauberhaften und gelingenden Dinge groß feiern. Ihnen den Platz geben, der ihnen zusteht. Für den Anfang:
Klingt nach ’nem Plan!
Kommt gesund, unverkatert und mit Freude ins neue Jahr. Wir lesen uns.
Vorbei. Und doch noch nicht. Die kalten, klaren, eisblauen Wintertage mit knackigem Frost und weißem Raureif sind erstmal passé. Der Winter selbst nicht. Die Welt versinkt heute früh im Nebel wie in Watte gepackt, alle Geräusche sind gedämpft, es scheint, als ob alles um mich herum im Winterschlaf liegt. Die lauten, bunten, fröhlichen Weihnachtsmomente sind ebenso vergangen wie die stillen, nachdenklichen Augenblicke. Und doch wirkt Weihnachten nach. Der Wunsch, nein, die tiefe Sehnsucht nach allumfassendem Frieden ist kaum übers Jahr stärker ausgeprägt als in diesen Tagen.
Zeit, das Jahr 2025 loszulassen und sich die ersten Gedanken über das kommende zu machen. Manche tun das mit Rauhnacht-Ritualen. Ich habe es letztes Jahr ausprobiert und zumindest in der vorgeschlagenen Form war es nicht mein Ritual. Aber wie es so schön heißt: Versuch macht kluch. Sorry für die verhunzte Rechtschreibung.
Teilweise sind meine Gedanken so verworren wie der Mikrowald auf unserem Grundstück. Die Zeit, beides zu entwirren, naht, ist aber noch nicht ganz da. Halbherzig habe ich mir schon ein paarmal meinen Kalender für das nächste Jahr zur Hand genommen. Ja, ich besorge mir jedes Jahr einen klassischen Buchkalender zum Reinschreiben. Und spätestens nach zwei Monaten nehme ich mir nicht mehr die Zeit, ihn auch zu füllen mit allem, was anliegt, was mir wichtig ist, was ich im Blick behalten möchte. Ob es mir 2026 besser gelingt, steht in den Sternen. Und liegt doch in meiner Hand. Wie übrigens so vieles, bei dem wir als Gesellschaft, aber auch als Einzelne uns gern mit einem Schulterzucken und einem „kann ich sowieso nicht ändern“ abwenden und die Verantwortung abgeben. An „die Umstände“, „die Regierenden“, „die Doofbratzen“ oder wen auch immer.
Den Kalender habe ich wieder an die Seite gelegt. Seine feierliche Premiere wird er wie immer am 1. Januar haben. Wenigstens das ist für mich ein seit Jahren verlässliches Ritual, es hat irgendwie etwas – nicht magisches, aber doch besonderes. Den Anspruch, das neue Jahr mit meinen eigenen Schwerpunkten zu füllen und so Spuren zu hinterlassen.
Gestern habe ich ein wenig aufgeräumt. Gerade so viel, dass es als Freizeitbeschäftigung durchgeht, nicht als ernsthafte Hausarbeit😉. In der Küche die Ordnung wiederhergestellt und die Weihnachtsplätzchen-Tischdecke durch die ersetzt, die ein wenig alpenländischen Winter in die ostwestfälische Küche bringt. Ist das schon kulturelle Aneignung oder nur der Versuch, den Winter gemütlich zu gestalten? Das Schlafzimmer aufgeräumt, die letzten Hemden gebügelt, die noch am Fahrradergometer im Weg hingen und den Frühsport leider vermiesten… Keine Ausrede mehr. An Tagen, wo ich nicht draußen radele, muss es eben drinnen sein. Im Nähzimmer habe ich die Nähmaschine ausgegraben unter den Bergen von Stoffen, Nähanleitungen und Zubehör, die Sockenwolle sortiert. Ich kann meine gesamte Familie mit einer bunten Auswahl an Socken ausstatten, wann habe ich eigentlich diese ganze Wolle zusammengekauft? Das Problem ist: immer wenn ich irgendwo eine Sockenwolle sehe, die mir farblich zusagt oder die sich so traumhaft weich anfühlt, muss ich ein Knäuel kaufen. Beim Durchsehen fielen mir zwei kleine Knäuel dunkelblauer Landlust-Wolle und ein größeres mit mehrfarbiger Bambus-Sockenwolle ins Auge. Warum eigentlich immer nur Socken? Kurzerhand schnappte ich mir die Wolle und ließ das Nähzimmer in einem halbwegs aufgeräumten Zustand (immerhin war der Plan für den Tag, nicht in Arbeit auszuarten, siehe oben) hinter mir. Im Büro am Schreibtisch legte ich mir eine DVD in den PC und begann zunächst, alte Papiere zu entsorgen, bis der Papiereimer voll war. Nie ausprobierte Kochrezepte, Bastelanleitungen aus fünf vergangenen Jahren, Notizen mit kryptischen Satzfetzen landeten dort. So. Reicht für einen Tag. Während ich zunächst Während du schliefst und danach noch Liebe braucht keine Ferien anschaute (ich kenne beide Filme gut genug, dass ich nebenbei etwas sortieren kann, ohne den Faden der Handlung zu verlieren), hatte ich etwas produktives getan und lehnte mich anschließend zurück, um mit der Wolle ein Schultertuch anzuschlagen. Eine erweiterte Form des angesagten Sophie Scarf, länger und breiter als im Original, total simpel und fix zu stricken und ein dankbares Winter-Accessoire, falls wir den kalten Winter bekommen, der irgendwo lauern soll.
Heute steht auf dem Programm: Sichtung der Notizbücher. Im Jahr 2025 hatte ich stets eines bei mir, nicht alles von meinen vielen Geistesblitzen und Gedankenfetzen habe ich schon thematisch sortiert, zu Blogbeiträgen verarbeitet, an die Pinnwände zu den jeweiligen Buchideen gepinnt. Dazu kommen noch einige Kladden, die in den einzelnen Räumen des Hauses verteilt sind, damit ich jederzeit und überall aufschreiben konnte, wenn mir etwas einfiel. Typisch für mich. Fuzzy logic? Mehr fuzzy als logic, fürchte ich. Wenigstens so viel Ordnung möchte ich aber in den letzten Tagen dieses Jahres noch bekommen, dass ich ab 2026 wieder unbeschwert lossammeln kann, was mir im Alltag auf- und einfällt.
Manchmal muss man mit Traditionen brechen, um ihren Wert zu erkennen. Seit einigen Jahren breche ich immer mal wieder mit einzelnen traditionellen Elementen. Mal ist das Ergebnis: „Hat nicht gefehlt, kann weg.“ Bei anderen sieht es anders aus: „War spannend, aber nächstes Jahr wieder mit […]“ Dieses Jahr habe ich kaum gebacken, was einerseits entspannend war, womöglich das eine oder andere zusätzliche Speckröllchen verhindert hat und sicher auch dem Cholesterinspiegel zugute kam. Aber eben auch weniger lecker und gemütlich. Ich habe keinen Adventskranz gebastelt und auch keinen gekauft. Kurz stand ich vor der Verlockung eines Draußen-Adventskranzes mit Äpfeln, Nüssen und Meisenringen, entschied mich aber dagegen, da es augenblicklich hier in den Gärten nicht nur Singvögel gibt, die man anlocken möchte, sondern auch Ratten, Marder und mindestens einen Waschbären, die man nicht noch für ihr Herumlungern belohnen will. Die Abende waren deswegen zwar gefahrlos, selbst wenn man auf dem Sofa oder im Sessel einschlief, aber eben auch weniger duftend und gemütlich.
Unser Weihnachtsbaum ist in diesem Jahr eine Thuja, ungefähr so groß wie ich, die im Garten an einer ganz blöden Stelle wuchs (ohne dort je gepflanzt zu werden). Gemäß dem Motto „Mit dem arbeiten, was sowieso schon vorhanden ist“ schnitten Kathi und ich sie ab und stellten sie in den Baumständer, der glücklicherweise auch dürre Stämmchen zum Halten bringt. Nadeln kann sie nicht, aber mehr als die kleinen LED-Lichter und getrocknete Obstscheiben, Anissterne und Zimtstangen trägt sie halt auch nicht. Doch, die kleinen gefilzten Rotkehlchen von Julia gehen gerade noch, wenn ich sie geschickt platziere. Und außerdem, wenn ich den Gedanken in den nächsten Jahren konsequent weiter verfolgen würde, hätte ich dann und wann einen Weihnachtsholunder, -haselstrauch, -ahorn oder eine Birke im Wohnzimmer stehen. Nicht wirklich toll. Und noch fragiler…
Was mir gut gefallen hat: meine Deko war übersichtlich, wirkte nicht überladen und was ich aufstellte, spiegelte mein Empfinden wider. Was sich im Übrigen von Jahr zu Jahr ändern kann.
Weihnachtsmusical Lerbeck 24. DezemberSt. Laurentius Nammen, 24. Dezember um 22 Uhr1. Weihnachtstag Lerbeck
Bisher habe ich bis auf einen (und das auch nur, weil ich schlecht an zwei Orten gleichzeitig sein kann) alle Gottesdienste besucht und gestern Nachmittag noch eine Orgelmatinee in unserer Kirche. Das hat mir gut getan und Ruhe gebracht. Heute kommt noch der „Einmal Anders“ dazu, bei dem ich selbst mitgestalte und morgen gibt es dann noch den dritten Feiertag in der Laurentiuskapelle. Alle hohen christlichen Feste werden dort mit einem Abendgottesdienst zu diesem inoffiziellen „Feiertag“ begangen, was auf ein Pestgelübde aus dem Jahr 1450 zurückgeht. Bemerkenswert: Weder die Weltkriege noch die Corona-Pandemie unterbrachen diese Tradition.
Eine gute Balance zwischen dem, was irgendwie „immer schon so war“ und dem, „was es noch nie gegeben hat“ sowie ein Bewusstsein dafür, aus welchem Grund Traditionen wichtig für unser Wohlbefinden und menschliche Gemeinschaft sind, scheint mir sehr hilfreich zu sein, um das Gestern, das Heute und das Morgen versöhnlich unter einen Hut zu bringen.
Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Wozu? Das sind die journalistischen W-Fragen, Grundfragen, auf die man nicht einfach so mit Ja oder Nein antworten kann. Am vierten Advent saß ich im Gottesdienst und auf einmal ging mir eine dieser Fragen durch den Kopf, wenn auch nicht in der klassischen Reihenfolge:
Warum glaube ich eigentlich?
Gegenfrage: Warum nicht? Ich denke, es liegt in der Natur eines Menschen, eine übergeordnete Instanz zu suchen oder sich zu versichern, dass wir nicht allein sind, sondern in einem größeren, universellen Zusammenhang stehen. Auch Naturreligionen leben in dieser Vorstellung und selbst Agnostiker oder Atheisten sind sich sicher in ihrem Nichtglauben, was paradoxerweise einem besonders festen Glauben in weiten Teilen ziemlich ähnelt.
Wie glaube ich?
Es gibt verschiedene Religionen. Das kann ich ablehnen als Irrglauben, ich kann aber auch anerkennen, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu ebenso unterschiedlichen Antworten auf die großen Lebensfragen (Wo komme ich her, wo gehe ich hin?) gelangen. Auch wenn ich für mich persönlich den Glauben an Christus als zielführend erkannt habe, mag ich es nicht, Andersgläubige um jeden Preis von der Richtigkeit meines Glaubens zu überzeugen. Das ist nicht meine Aufgabe, ich kann nur von meinem eigenen Weg erzählen und den Rest dem „obersten Chef“ ans Herz legen. Außerdem gibt es ja nicht einmal „das“ Christentum, auch wenn es die römisch-katholische Kirche naturgemäß so sieht, dass sie die einzig wahre Kirche ist. Aber Jesus war eindeutig nicht katholisch und auch seine Mutter, die heiliggesprochene Maria war Jüdin. Und an Kirchen gibt es orthodoxe, evangelikale, charismatische, pfingstlerische, baptistische, lutherische, reformiert, unierte, Altkatholiken, Adventisten … Übrigens legt auch nicht jede Person, die in Deutschland die Amtskirchen verlässt, damit den Glauben ab. Es gibt Gläubige außerhalb organisierter Kirchen ebenso wie ungläubige Kirchenmitglieder. Und so glaube ich, aber missioniere nicht, weil auch ich nicht gegen meine Überzeugung von anderen missioniert werden möchte. Was ich aber tue: Ich erzähle von meinem Glauben, von dem, was mir guttut ebenso wie von dem, was mich zweifeln lässt, ärgert oder was ich ablehne.
Was glaube ich?
Ich glaube daran, dass Gottes Macht nicht in militärischer Stärke besteht, nicht in parteipolitischen Parolen und nicht in strategischem Kalkül. Es geht nicht um Unterdrückung und Ruhigstellung („Opium fürs Volk“). Es ist nicht von zentraler Bedeutung, ob ich mir einen Gebetsriemen um das Handgelenk binde, mich beim Beten nach Osten verneige oder bestimmte Pilgerfahrten unternehme. Gottes Macht besteht in der Zusage seiner Liebe, Liebe, die wir nicht „verdienen“ (müssen). Ob wir diese Zusage annehmen und erwidern, ist unsere Sache. Gottes Macht besteht im ehrfürchtigen Staunen über die Geburt eines Kindes, im Versprechen: es geht weiter. Wo neues Leben entsteht, entsteht Zukunft. Obwohl wir Menschen oft alles tun, um die Zukunft zu verspielen. Das Kind, um das sich alles dreht, ist nicht privilegiert, es wächst nicht in einem Königspalast auf. Es ist ein Kind, das in prekären Verhältnissen geboren wurde, dessen Eltern mit ihm fliehen mussten, ein Kind, das als Heranwachsender seinen Eltern weglief und ihnen widersprach. Es wurde zu einem jungen Mann, der als mehr oder weniger obdachloser Lebenskünstler und Wanderprediger einfache Menschen um sich scharte, teils mit gebrochener Biographie und zweifelhaftem Vorleben. Jesus brach religiöse Gebote und Regeln, pflegte Umgang mit den Ausgegrenzten und Marginalisierten der damaligen Gesellschaft. Und er starb – nicht den religiös verbrämten Tod eines Märtyrers, sondern den unwürdigen eines verurteilten Verbrechers – ein veritabler Justizirrtum – am Kreuz. Der Christus, an den ich glaube, verspricht mir nicht, dass ich wirtschaftlich erfolgreich und gesellschaftlich zu hohem Ansehen gelangen werde, wenn ich dieses tue und jenes lasse. Er wird mir nicht alle Hürden des Lebens, jedes Unglück oder jeden Stolperstein aus dem Weg räumen. Aber er spricht mir zu, dass ich nie allein sein werde, dass er mit mir durch schwere Zeiten und dunkle Momente gehen wird. Selbst dann, wenn ich mich von aller Welt (und möglicherweise auch von ihm) verlassen fühle.
Wann glaube ich?
Mein Glaube hat nicht immer dieselbe Stärke oder Frequenz. Aber er hängt definitiv nicht an bestimmten Wochentagen. Und da mein Glaube auf Vertrauen basiert, weniger auf Gehorsam, gibt es Tage und Wochen, wo er mir schwerfällt, wo ich renitent bin oder eine Auszeit davon brauche. Ich widerspreche meinem Vater im Himmel ebenso, wie ich meinen irdischen Eltern früher mitunter widersprochen habe. Ich mache manche Dinge anders als es vielleicht gedacht war, mal aus Trotz, mal aus der Überzeugung, dass es mehr als einen Weg gibt. Mein Glaube braucht nicht den einen Moment, in dem ich IHM mein Leben übergebe und mich bekehre. Mein Glaube kennt Höhen und Tiefen, leidenschaftliche Momente ebenso wie Durststrecken, in denen ich über ein Trennungsjahr nachdenke. Insgesamt ist mein Weg des Glaubens aber einer, der mich wie in einen Mantel hineinwachsen lässt, den ich geschenkt bekam, als er mir noch viel zu groß war.
Wo glaube ich?
In der Kirche, im Gottesdienst ist die naheliegende Antwort. Ja, auch dort. Obwohl ich auch gerade in der Kirche oder genauer gesagt, in der Gemeinschaft mit anderen Gemeindemitgliedern, bereits schwere Anfechtungen erlebt habe. Allein die Tatsache, dass wir gemeinsam unseren Glauben feiern und leben, heißt nicht, dass wir alle Facetten des Glaubenslebens ähnlich sehen. Oder auch nur gemeinsame Prioritäten bei der Gemeindeentwicklung haben. Selbst Überlegungen, die Gemeinde zu wechseln, standen durchaus schon mal im Fokus. Aber auch die Erkenntnis, dass ein Wechsel die bekannten durch neue Probleme und Herausforderungen ersetzen würde, denn in jeder menschlichen Gemeinschaft treten sie auf. Ich bin inzwischen fest davon überzeugt, dass Meinungsverschiedenheiten untrennbar zum Menschsein und zu menschlichen Gemeinschaften dazugehören. Die Kunst ist, sie nicht zur Selbst- oder Fremdzerfleischung zu nutzen, sondern zum Wachstum, zu neuen Ideen, zur Entwicklung. Ganz häufig ist das „Wo?“ aber auch ganz anders zu finden: In der Natur. Beim Spaziergang mit dem Hund in einen wunderschönen Sonnenauf- oder untergang hinein, im Kajak auf der Havel zwischen zwei mecklenburgischen Seen, im Hiller Moor, auf dem Herzogstand beim Blick über den Walchensee, radelnd am Mittellandkanal und inzwischen auch beim Segeln oder beim Blick vom Strand aus über die Ostsee. Oder in unverhofften Begegnungen, intensiven Gesprächen, beim Blick in leuchtende Kinderaugen. In der Musik, Kunst, Literatur. Sehr häufig finde nicht ich den Augenblick der göttlichen Präsenz, sondern der Augenblick, die Präsenz findet mich. Unverfügbar, aber willkommen.
Wozu glaube ich?
Muss denn alles einen Zweck haben? Ich könnte sagen: Damit ich mich besser fühle. Damit ich Anschluss an eine Gemeinschaft Gleichgesinnter habe. Damit ich nicht die letzten Entscheidungen selbst treffen muss. Das alles und doch auch gar nichts davon ist zu einem Quäntchen gültig. Wichtig und richtig ist auf jeden Fall, einen Sinn in unserem menschlichen Dasein zu finden. Die Frage „Wozu …“ mag ich nicht, aber sie führt zur letzten, zur großen, zur alles entscheidenden Frage:
Wer gibt mir Garantien, dass es nach dem Tod weitergeht?
Kein Mensch. Weder unsere Pfarrpersonen, der Papst, irgendwelche orthodoxen Priester, charismatischen Prediger von hippen Megachurches. Nicht der Superintendent unseres Kirchenkreises oder die Jugendreferentin. Glauben hat mit Vertrauen zu tun. Und wirklich: es gibt unendlich viele merkwürdige Dinge, in die Menschen Vertrauen setzen. Zuckerkügelchen mit 100fach verdünnten „Informationen“ von irgendwelchen Substanzen, die gegen multiresistente Bakterien ankämpfen beispielsweise. Das Abgeben von innigen Wünschen an „das Universum“ mit der festen Überzeugung, eine solche „Bestellung“ werde auf jeden Fall ausgeführt. Die Wiedergeburt, möglichst nicht als Ameise oder Regenwurm, sondern als Tiger oder sonst ein mächtiges Krafttier. Dass man unverwundbar ist, wenn man nur genügend Kokain oder LSD im Blut hat. Dass ein gewisser mächtiger Mann aus Moskau es doch eigentlich nur gut mit uns meint und sofort Frieden will. Und so weiter. Wenn ich also gefragt werde: „Und wenn das am Ende doch alles nicht stimmt? Dann hast du deine Lebenszeit vergeudet.“ Nein, selbst im Fall der Fälle habe ich das nicht. Erstens, ganz pragmatisch, würde ich es nicht mehr bemerken, weil: Ich bin dann ja tot. Weg. Finito. Zum anderen gibt es wirklich urblöde Methoden, Zeit zu verplempern: Stunden- und tagelang Ballerspiele am PC spielen. Das Eigentum anderer zerstören. Hasskommentare in den Onlinemedien schreiben. Frauen stalken. Auf Mitglieder marginalisierter Gruppen hämisch herabsehen. Lange Debatten über Veggie-Wurst und Hafermilch oder übers Gendern führen. Auf Instagram Döner essen und über Robert Habeck herziehen … Den Worten eines vor 2000 Jahren ermordeten Zimmermanns zu vertrauen, der den Menschen einschärfte „Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan“ erscheint mir da doch sehr gemäßigt.
So, ihr Lieben. Wer von euch heute noch davon überrascht wird, dass Weihnachten immer so plötzlich kommt, muss nehmen, was übrig bleibt. Ihr könnt natürlich gern mit den Adventskalendereinträgen der letzten Tage in die Buchhandlung eures Vertrauens gehen und darauf hoffen, noch etwas davon wiederzufinden in den leergeräumten Regalen.
Ihr könnt aber auch mit einer höflich formulierten Frage an eine Buchhändlerin oder einen Buchhändler herantreten und um eine persönliche Beratung bitten. Wie bitte, das ist doch selbstverständlich, dass man höflich ist? Schön wär’s. Die meisten Kunden sind es, aber es gibt doch immer mal wieder Leute, mit denen die eigenen Nerven ob der möglicherweise drohenden Geschenkekrisenfront durchgehen. Und die dann das eigene Verpennen der Adventszeit den KollegInnen ankreiden, die sich nach Kräften bemühen, selbst durch die Decke schießende Last-Minute-Bestseller (die immer dann entstehen, wenn jemand in jeder Talkshow seinen oder ihren neuesten Titel anpreist) vorrätig zu haben. Das ist nicht immer einfach, gehen doch heutzutage manche Großfilialisten dazu über, mehr oder weniger ganze Auflagen aufzukaufen, damit sie einen Wettbewerbsvorteil haben😠.
Allerdings ist kein Buch alternativlos, schließlich wurden nicht alle von unserer Ex-Mutti geschrieben. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, entdeckt, überrascht. Lasst euch auf die Tipps ein, die euch heute noch gegeben werden, beweist euren Mut und die Abenteuerlust!
Und dann schlendert gemütlich nach Hause, drückt euch noch die Nasen wie damals als Kind an den Schaufenstern platt*, bewundert den Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz, summt ein letztes „Freue dich, Christkind kommt bald“ oder rezitiert „Markt und Straßen steh’n verlassen, still erleuchtet jedes Haus …“
Ich wünsche euch allen eine frohe, friedliche und gesegnete Weihnacht. Und selbst, wenn euch aus den unterschiedlichsten Gründen überhaupt nicht feierlich zumute ist, hoffe ich, dass ihr eine federleichte Berührung des Weihnachtsgeheimnisses verspürt, die euch einen kleinen Funken Hoffnung und Zuversicht ins Herz pflanzt.
*Beim Schreiben kommt mir urplötzlich eine Erinnerung: An die Spielzeugeisenbahn, die in Mindens alteingesessenem Kaufhaus zu meinen Kindheitstagen durch die Schaufenster fuhr. Die lud mich zum Staunen ein…
Ihr 250. Geburtstag war vor exakt einer Woche. Aber bei der Zeitspanne kommt es auf ein paar Tage auch nicht mehr an.
Jane Austen, die sich zeitlebens gegen die damaligen Konventionen sträubte und unverheiratet blieb, äußerst gebildet war und Romane veröffentlichte, ehe sie im Alter von knapp 42 Jahren verstarb, ist heute wieder eine Ikone. Galt die Regency-Zeit zwischenzeitlich als verstaubt und bieder, feiern vor allem junge Frauen Jane Austen, ihre Romanfiguren und ihren Lebensstil. Teilweise dürfte es daran liegen, dass Romanheldinnen in zahlreichen genrespezifischen Büchern für Austen, die Brontës oder auch Emily Dickinson schwärmen, teilweise an Serien wie Bridgerton, die zu der Zeit spielen, aber auch daran, dass es gerade in Zeiten, in denen der Feminismus sich in der Defensive befindet, solche Frauen sehr inspirierend wirken.
Die Zeichnungen sind vermutlich nicht jedermanns Geschmack, ich musste mich auch erst daran gewöhnen, aber sie passen sehr gut zum Inhalt des Buches und zum ungewöhnlichen Leben der Protagonistin. Wer also etwas über Jane Austen erfahren möchte, ohne sich durch dicke Biographien zu wühlen, ist hier gut aufgehoben.
Bibliographische Angaben: Janine Barchas, Jane Austen – Ihr Leben als Graphic Novel; Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-60356-6; 25,- €
Hell, ruhig und klar, an wehmütige Erinnerungen rührend, zugleich aber mit einer milden Strenge in die Tiefe gehend. Schön wie ein Traum und greifbar wie die Wirklichkeit. (Tamiki Hara)