Brief von Anja an Annuschka

Schreibe deinem Autoren-Ich ein paar ehrliche, freundliche Worte. So, als würdest du einem guten Freund oder einer guten Freundin schreiben, der oder die gerade genau da sitzt, wo du sitzt: müde, frustriert, vielleicht ein bisschen zweifelnd.
So lautet der wöchentlich Schreib-Impuls im Schreib-Café. Gesagt, getan.
Na ja, „ein paar“. Ups!

Hallo du, Annuschka. Ja, mit dir rede ich! Du sitzt da jetzt schon ziemlich lange an dem einen Stück Text. Feilst du am Satzbau? Oder suchst verzweifelt nach dem einen Ausdruck, der deine Gefühle möglichst perfekt zum Ausdruck bringt?  
Du fragst dich, wieso dir diese Passage so leicht gefallen ist, als du sie ursprünglich geschrieben hast und warum es so schwierig ist, sie jetzt zu überarbeiten? Du bist dir nicht sicher, ob dieser spezielle Artikel überhaupt noch Relevanz hat?

Keine Sorge, ich kenne diese ganzen Situationen nur zu gut.

Inklusive des kleinen Teufelchens, das auf deiner Schulter hockt, ganz gemütlich und vor allem ausdauernd, und das dir mit schöner Regelmäßigkeit zuflüstert:
„Ich wusste es doch. Immer fängst du etwas an und bringst es nicht zu Ende. Du bist Feuer und Flamme, aber nach einer kurzen Zeit ist alles erloschen und du machst dich ans nächste Projekt. Wie damals das Reiten. Sobald du merktest, dass die anderen besser waren als du, hast du die Flinte ins Korn geworfen.
Bis heute ist es immer wieder so. Du bekommst Sachen nicht auf die Reihe, du bemerkst deine Unzulänglichkeit, dir fehlt der Biss – und dann lässt du alles stehen und liegen. Schau dir doch mal X an, die hat ihren Haushalt im Griff. Und Y, der kann im Garten vom Fußboden essen. Und Z, die hat Karriere gemacht und kann wenigstens eine Haushaltshilfe bezahlen für das, was sie wegen des Jobs nicht schafft.“

Annuschka, gib nicht auf. Ich weiß, dass du es schaffen kannst. Aber nur, wenn du dieser Stimme keine Macht zugestehst. Mach die Musik ganz laut, stell die Ohren auf Durchzug, schließ die Bürotür. Nimm und gönn dir die Zeit, die es für dich braucht, um mit dir selbst zufrieden zu sein.
Wie lange bloggst du jetzt schon? Acht Jahre! Acht Jahre, in denen du deine Liebe zum Schreiben entdeckt und entwickelt hast. Acht Jahre, die deine Gedanken geschärft und deinen Blickwinkel auf deine Umwelt geweitet haben. Acht Jahre, die dir Klarheit in vielen Zweifelsfällen geschenkt, die auch deinen Anspruch, etwas Sinnvolles zu veröffentlichen und nicht beim Meckern zu verbleiben, geweckt haben.

Das ist nicht „Nichts“. Du lernst mit jedem Zweifel, mit jeder Fragestellung, mit jedem Hinterfragen des Status Quo hinzu. Und das ist viel mehr als unzählige Menschen bereit sind zu tun. Du redest nicht nur über „lebenslanges Lernen“, du praktizierst es. Du gibst dich nicht mit einfachen Antworten zufrieden. Selbst an den Tagen deiner Montagsmotze gehst du differenzierend an die Themen deines Frustes heran und bist bereit, dich zu fragen, ob die „andere Seite“ auch ihren Punkt machen kann.

Ja klar, es mag sich anfühlen, als ob überhaupt nichts voranginge. Als ob du von außen, von Ereignissen und Personen, so überrannt wirst, dass da nur noch Blockade ist. Du darfst dich überfordert fühlen. Du darfst empfinden, dass jetzt gerade alles einfach zu viel an Input ist, um den Überblick zu behalten. Du darfst den Wunsch verspüren, dich zurückzuziehen in ein Schneckenhaus, damit du mit dir und den vielen widerstreitenden Gedankenknäueln in deinem Kopf allein bist.

Denn tief in dir weißt du aus Erfahrung, dass du auch andere Tage kennst. Tage mit Esprit und Erfolg, Tage mit Zeit und Hingabe für die, die um dich sind. An denen du dir die Zeit zugestehst, schwierige Situationen und die Weltlage mit freundlicher, aber sachlicher Distanz und Zuversicht zu betrachten.  

Natürlich packst du es. Aber in deinem Tempo, nicht in dem einer anderen Person.

Fast holländische Verhältnisse

Karte: Open Street Maps

Das Wetter war verlockend, der freie Tag auch. Was lag also näher, als sich auf die Räder zu schwingen und nach Vlotho zu radeln, auf der Innenkurve der Weser hin und auf der Außenkurve zurück.
In Hausberge am NSG Vogelparadies entlang, am Flugplatz in Vennebeck vorbei, wo auch ordentlich was los war: Segelflugausbildung (man sah beim Landen, wer noch Erfahrung sammeln muss), Gastflüge, viele Zuschauer. (Schild am Eingang: „Lern fliegen!“ – Den Bundeskanzler dürfte es freuen.)

Weiter durch den kleinen Ort Costedt, die Weser und damit der Lärm von Motorbooten und Jetskis (die leider meist wenig Rücksicht auf Kanuten und SU-Paddler nehmen, trotz entsprechendem Regelwerk) kamen in Sicht- und Hörweite.
Und jede Menge Radfahrende. Manche mit lauter Beschallung am Lenker, manche meditativ bummelnd, andere anscheinend im Trainingsmodus für die Tour de France. Viele so wie wir mit, andere ohne elektrische Unterstützung. Falträder, Citybikes, Mountain Bikes, Eltern mit Kindern (oder Ältere mit Hunden) im Anhänger, aber auch immer mehr Fat Bikes (den Trend kapiere ich nicht), ein Liegerad, alte aufgepimpte und angepinselte „Möhrchen“, so wie in meiner Jugend, letztere allerdings deutlich in der Minderheit. Das Fahrrad wird mehr und mehr das, was früher der mühsam ersparte Kleinwagen war. Und das ist absolut richtig so.

Leider wachsen die Dimensionen des Weserradweges, egal ob Haupt-oder Nebenstrecke, nicht mit dem Aufkommen an Nutzern mit. Und vor allem auf der Nebenstrecke rechts des Flusses, die meist durch die Dörfer auf Landstraßen und Wirtschaftswegen verläuft, ist der Fahrkomfort teilweise aufrüttelnd mau. Der Schotter (mitunter aufbereiteter Bauschutt), der teilweise die wassergebundenen Decken darstellt, hat nicht unbedingt Radwegqualität (obwohl so etwas möglich ist, wie ich an der Ostsee und auf Fehmarn gelernt habe).

Immerhin gibt es zwischen Costedt und Uffeln ein schönes Stück Fahrradstraße durch den Wald, das sehr angenehm selbst bei höheren Temperaturen zu befahren ist.
In Vlotho hat die sehr breite Weserbrücke beiderseits ordentliche Fahrradspuren, aber der kurze Weg mit dem Rad in die Innenstadt ist leider vor allem für Ortskundige auffindbar.
Unser Ziel war der Bahnhof der Kleinstadt, der vor 20 Jahren noch ein verwahrlostes und verfallendes Gebäude war, das für Bahnreisende (ist „nur“ eine Regionalbahnhaltestelle, aber trotzdem) ein notwendiges Übel darstellte. Im Jahr 2023 wurde das Gebäude liebevoll restauriert und eine regionale Bäckereikette betreibt seither ein richtig schönes Café darin.

Nach einem Cappuccino auf der Terrasse und einigen bewundernden Blicken auf die rohen, unverputzen Innenwände, die zu der gemütlichen Einrichtung in einem reizvollen Kontrast stehen, ging es nun links der Weser auf der Hauptstrecke des Weserradweges zurück.

Satellitenansicht: Google Maps

Auf dem abgebildeten Teilstück am „Weserknie“ herrschte Verkehr wie in Utrecht oder auch Kopenhagen. Teilweise gibt es in dem Bereich getrennte Wegführung für Fußgänger und Radfahrer, was sehr angenehm ist, aber nicht immer reibungslos funktioniert. Meist nicht aus böser Absicht, sondern wegen Unachtsamkeit beim Anhalten oder Losfahren bzw. beim Überqueren des Radweges durch Fußgänger.
Insgesamt gesehen ist hier in den letzten Jahren schon viel investiert worden, aber durch Trends wie Lasten- oder Liegeräder, Fahrradanhänger und anderes Zubehör könnte der Radweg gut und gerne doppelt so breit sein.
Wenn im Sommer neben den Tagesausflüglern auch noch die Radtouristen unterwegs sind, gibt es inzwischen auf den Portalen schon mal negative Bewertungen für Deutschlands beliebtesten Radfernweg.

Knapp 40 Kilometer umfasste unsere erste etwas längere Tour in diesem Jahr, am Freitag, den 1. Mai.

Mehr als eine mathematische Gleichung

Quelle: Geralt auf Pixabay
Vielen Dank, auch wenn ich nicht im entferntesten ahne, was da alles an der Tafel steht …

Seit vorgestern geistert eine Liedzeile in meinem Kopf herum. Im Autoradio hörte ich von Robbie Williams I love my life und wie das so ist mit (unnützem?) unterbewussten Wissen, natürlich konnte ich den Text aus voller Kehle mitsingen. Zum Glück saß ich allein im Auto und hatte die Fenster zu, denn meine Stimme ist noch nicht wieder wirklich präsentabel.
Das Wetter war wunderbar (jedenfalls für jemanden, der nicht in der Landwirtschaft arbeitet und dringend auf einen schönen Landregen wartet), ich lieferte Bücher aus, das Leben kam mir mit diesem „Soundtrack“ und genau in diesem Moment ziemlich perfekt vor. Ach nein, nicht wirklich perfekt, aber schon sehr richtig. Und dann kam der Satz

I am not my mistakes, and god knows I’ve made a few

Boah. Mehr oder weniger in Endlosschleife habe ich diese Zeile seitdem im Hinterkopf. Mal leise, mal drängt sie sich mehr in den Vordergrund, aber immer ist sie da.
Ich bin nicht (die Summe) meine(r) Fehler.
Man mag sagen, das sei Küchentischphilosophie, aber mal ehrlich: Was spricht dagegen, am Küchentisch zu philosophieren? Vielleicht sollten wir das häufiger tun und zulassen. Denn selbst uralte, schon seit Generationen immer wieder durchdachte Gedanken, die dabei geäußert werden, können uns mitunter aus den schwierigen Alltagssituationen ein Stück weit entführen und entlasten.
Ich finde, das ist bitter nötig.

Welche Summen werden uns denn sonst noch so zugesprochen?

-Du bist die Summe deiner Erfahrungen
Ja, sicher. Aber auch mehr als das. Denn Erfahrungen führen im besten Fall zur Selbstreflektion sowie zur Neubewertung der Erfahrungen unserer Vorfahren. Welche Erfahrungen haben sie gemacht, die sie so handeln ließen, wie sie es taten und warum verurteilen wir sie oft dafür? Führen wir nicht auch die Umstände und unsere Erfahrungen als Grund für konkretes Handeln an? Gestehen wir das auch den Altvorderen zu?
Und geht das immer so weiter, von Generation zu Generation?

-Du bist die Summe deiner Wünsche
Pass auf, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen.
Märchen beginnen mitunter mit dem Satz „Es war einmal vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat …“ Geholfen? Oder war der Ausdruck „genützt“? Hm, wie auch immer: Es ist für unser persönliches und gesellschaftliches Fortkommen wichtig, Wünsche und Träume zu haben. Es ist auch wichtig, sich für ihre Erfüllung einzusetzen, egal, wie unrealistisch sie uns erscheinen mögen. Aber es ist ebenso wichtig, sie in manchen Fällen loszulassen, sie zu verabschieden, neue Träume zu träumen und neue Wünsche zu finden, neue Wege zu gehen.

-Du bist die Summe deiner Entscheidungen
Schwierig. Ich würde sagen: Ja, aber … Denn einerseits werden uns mitunter Entscheidungen abgenommen, von Ereignissen, die wir nicht beeinflussen können, von Sachgründen, die nicht in unserem Einflussbereich liegen, von Personen, die uns die Entscheidung abnehmen, indem sie wiederum eine eigene Entscheidung treffen. Und häufig versuchen wir selbst, uns um Entscheidungen zu drücken, sie zu vermeiden. Was ich übrigens nicht verurteilen mag, denn erstens geht es mir auch so und zweitens macht das zu einem großen Teil unsere Verletzlichkeit, unsere Unperfektheit, unser Menschsein aus.
Mehr Gnade mit uns selbst und anderen wäre hilfreich, schätze ich.

-Du bist die Summe deiner Erfolge
Eigener Erfolge, aber auch fremder Federn, mit denen wir uns dann und wann schmücken. „Mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein Anlageberater.“ So lautete eine Werbekampagne der Sparkassen im ausgehenden 20. Jahrhundert.
Das kann doch nicht alles sein, was im Leben erstrebenswert ist.

-Du bist die Summe deiner Fehler, deiner Misserfolge, deiner falschen Entscheidungen, deiner Unzulänglichkeiten
Rums, da sind wir doch gleich wieder auf dem Boden der Tatsachen zurück, oder? Wie gut, dass es so simpel auch nicht ist.

Denn wir sind eine sehr komplexe Melange aus allen diesen Summen.
Und weil wir Menschen sind, sind wir noch viel mehr, denn es entspricht unserem Naturell, diese ganzen Puzzleteile zusammenzusetzen und daraus ein Bild zu formen, das in der Gesamtheit viel mehr ausdrückt als die Einzelteile erahnen lassen.
In den letzten Jahren habe ich leider öfter das Gefühl, manche Menschen puzzeln nicht mehr gern. Eine einzelne Facette, ein kleines Stück der Wirklichkeit, das Gefallen findet, soll das ganze bunte Mosaik ersetzen.
Das, was man schon kennt, klingt verheißungsvoller als das Teilchen, was man noch nicht gefunden hat.
Entdeckergeist und Forschungslust greift einerseits im wahrsten Sinn des Wortes nach den Sternen, aber eine positive Vision, wohin wir mit unserem wunderbaren Raumschiff Erde steuern wollen, gerät in den Hintergrund.

Ich höre jetzt auf. Die Gedanken in meinem Kopf mäandern schon wieder, wer weiß, wo das sonst noch hinführt.

Ein letzter Fetzen aus meinen neueren Erinnerungen („Du bist die Summe deiner Erinnerungen“?): Auf Konzerten habe ich in den letzten Jahren zu Beginn von den Künstlerinnen stets die Aufforderung gehört:

„Have fun. Feel safe. Care for each other!“

Und ich liebe die Haltung, die zu diesem Satz führt. Klingt viel besser als irgendeine Aufsummierung.

Meckern, trollen und besserwissen

Ich lese frühmorgens das Mindener Tageblatt und staune. Ich lese es übrigens digital, weil unser Haus etwas versteckt hinten auf dem Grundstück steht und jedes Mal, wenn ein Zustellerwechsel oder Krankheitsvertretung erfolgte, wir die Tageszeitung erst nach Reklamationen bekamen. Wer sich nicht auskennt, findet uns halt im Dunkeln schlecht. (Das ist ja auch nicht immer unbedingt von Nachteil, bei Zeitung und noch mehr beim Rettungsdienst allerdings schon.)
Irgendwann hatte ich die Faxen dicke, in der Pandemiezeit habe ich so oft der Zeitung hinterhertelefonieren müssen, darauf hatte ich keine Lust mehr.
Ich möchte mich vor der Arbeit informieren, was in der Gegend los ist, weil ich des Öfteren in der Buchhandlung auf aktuelle Themen angesprochen werde.

Ich lese also frühmorgens digital Zeitung. Das funktioniert so lange gut, wie ich das E-Paper lese. Da aber selbst beim Lokalblatt inzwischen „digital first“ gilt, schaue ich auch noch online in die neuesten Artikel. Dann beginnt das (oft ungläubige) Staunen.
Und es dringen die Abgründe der Kommentarspalten selbst in meine morgendliche Lektüre ein, nicht immer vergnügungssteuerpflichtig.
Obwohl es immer wieder Leser:innen gibt, die sachlich, abwägend, spaßig oder sogar geistreich kommentieren, haben es die lokalen blaubraunen Fanboys (Fangirls weniger) und Trolle geschafft, auch hier in überproportionaler Stärke aufzutreten.
Haben die alle nichts Wichtigeres zu tun? Oder geht es einfach darum, das Netz mit Mist zu fluten? Eine angebliche mediale Übermacht zu produzieren und zu zeigen, die in Wirklichkeit so nicht besteht?
Denn es zeigt sich auch hier, dass die Leserinnen und Leser (Frauen übrigens zunehmend deutlich in der Minderheit), die sich ehrlich mit Problemen auseinandersetzen, die differenzieren und nicht nur Haare in sämtlichen Suppen suchen, sondern konstruktiv an der Stadtgesellschaft mitarbeiten wollen, sich zurückziehen. Still bis komplett stumm werden.

Auch bei mir selbst beobachte ich die Tendenz, mir immer häufiger zu überlegen, ob und wenn ja, wie ich kommentieren möchte. Ob es mir „die Sache wert“ ist. Nicht aus Angst vor „Daumen runter“, sondern weil ich mich frage: Bringt es etwas, gegenzureden? Kann ich überhaupt bei Leuten Nachdenklichkeit hervorrufen oder bleibt einfach die (unsichtbare) Menge in ihrer Echokammer und will keinen Dialog, der diesen Namen verdient?
Und dann sage ich mir wieder: Wenn ich es nicht tue, dann verrichte ich genau das, was von reaktionärer Seite gewollt ist: Ich ziehe mich zurück, ich resigniere.

Und wer sich alles so zum Experten aufschwingt …

Zugegeben, in Minden gibt es sehr viele Baustellen gleichzeitig. Mitunter wird es unübersichtlich, wenn man sich als einigermaßen ortskundige Person im Geiste eine Umleitung zurechtlegt und dabei nicht bedenkt, dass auch dort gerade gebuddelt wird. Dann wird gemeckert, was das Zeug hält.
Tenor immer wieder: Nur Minden kriegt „es“ nicht auf die Reihe. Blödsinn. Nur in Minden sehen wir es so stark. In Hamburg, München oder in jedem anderen beliebigen größeren Ort sieht es keinesfalls besser aus, nur fahren die Mindener dort halt nicht so häufig herum.

Notwendige Ausschreibungen, Fristen, Förderkataloge (also der bürokratische Kram, der natürlich inzwischen ausufert, aber grundsätzlich sein muss) werden ebenso ausgeblendet wie die Terminkoordination mit den unterschiedlichen beteiligten Firmen, deren Arbeiter (welche Überraschung) zum Beispiel auch in den Ferien ihrer Kinder Urlaub machen möchten. Oder mit zunehmendem Alter aus arbeitsrechtlichen Fürsorgepflichten vielleicht nicht mehr im Hochsommer bei 35 Grad oder mehr auf der Asphaltmaschine eingesetzt werden. Oder die nur zu bestimmten Zeiten überhaupt noch Kapazitäten frei haben, aber auf einzelne Gewerke spezialisiert sind und deswegen gebraucht werden.
Neben allen möglichen anderen Gründen, warum sich Baustellen häufen.
Lieferkettenstörungen zum Beispiel, vor allem bei elektronischen Bauteilen.

Ja, es ist nervig. Aber die Medien berichten mit wochenlangem Vorlauf, worauf sich die Leute einrichten sollen, und irgendwie ist dann doch jeder Zweite überrascht. Statt zu reflektieren: „Ja, Mist, hätte ich dran denken können“, sind immer diese ominösen „Anderen“ schuld und selbst weiß man natürlich viel besser, wie das alles abzulaufen hat.
Und wenn gar nichts an den Straßenzuständen gemacht wird, ist es auch nicht richtig. Die Verantwortlichen in den Ämtern und Verwaltungen müssen sich schon wirklich ein dickes Fell zugelegt haben, da möchte ich nicht tauschen.

Ich lese also gedanklich immer noch Zeitung und überlege mir, ob ich der Redaktion diesen Blogartikel schicke. Vielleicht mit der Fragestellung, ob einmal eine breite Diskussion über diese Themen geführt werden sollte. Damit die Menschen, die nicht trollen, wenig meckern und sich in Geduld und Ruhe üben, sich darüber klar werden, dass sie nicht in der Minderheit sind und dass es sich lohnt, mit Vernunft und Klarheit Stellung zu beziehen und sich nicht achselzuckend aus jeder Debatte herauszuhalten, die ungemütlich werden könnte.
Mal sehen, ich brauche noch wenigstens meinen Arbeitstag, um zu einem Entschluss zu gelangen. Was meint ihr?

Ohnmacht vs. Selbstwirksamkeit

Angekündigt hatte ich es schon. Heute ist der richtige Tag, das Buch endlich vorzustellen. Nachdem ich mich gestern so richtig heftig und perspektivlos ausgemotzt habe, schaue ich heute nach vorn.
Dafür habe ich Dr. Robert Peters, einen ausgewiesenen Fachmann, engagiert. Klingt super, nicht wahr?
Und nur ein kleines bisschen übertrieben (also das „engagiert“😅). Ich hatte über das Buch gelesen und kurzerhand ein Rezensionsexemplar beim Bonifatius-Verlag angefragt.
Vielen Dank an dieser Stelle schon einmal für die freundliche Zusendung, dann kann ich das nicht vergessen im Eifer des Gefechts – Moment, keine kriegerische Sprache, also nenne ich es: begeisterten Schreibens.

Land der Ohnmacht?

Ohnmacht empfinden wir mehr oder weniger kollektiv. Nicht jede und jeder von uns gleichermaßen häufig oder intensiv, aber kaum jemand schafft es, nicht bei den mehr oder weniger krisenhaften Nachrichten schaudernd zu seufzen oder sich gleich abzuwenden. (Eben saust mir durch den Kopf: Vielleicht ist das auch ein Grund, warum sich viele so sehr auf den Wal konzentrieren. Da passiert so viel Aktionismus, da wird etwas getan, statt nur zu reden. Ob das Richtige getan wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.)
Wenn jemand, der beruflich seinen Alltag damit zubringt, politischen und wirtschaftlichen Hauptakteuren zuzuhören, wie sie ihre Befürchtungen und ihre Bedenken äußern, im Vorwort seines Buches offen darüber schreibt, dass auch diese höchsten Vertreter des Volkes sich ohnmächtig fühlen, könnte das demotivierend wirken. Zum Glück bleibt er nicht an diesem Punkt stehen, sondern erarbeitet daraus Lösungsansätze.
Mich bestärkt es eher, weil ich merke: Ach guck, auch da wird halt am Ende nur mit Wasser gekocht.
Die Aha-Effekte gehen noch weiter, als ich die Analyse des Autors lese:
„Wir“ sind gut in Problembeschreibungen und Zehn-Punkte-Listen mit Maßnahmen.
Die Maßnahmen umzusetzen ist das augenscheinliche Problem. Unter anderem, weil die Wirtschaft ihre Forderungen ausschließlich an die Politik stellt, statt sich selbst in den Hintern zu treten. Die Politik soll Lösungen dafür schaffen, dass in weiten Teilen den wirtschaftlichen Akteuren klare Visionen eines zukünftigen, innovativen Handelns fehlen. (Fun Fact am Rande: Warum heißen Unternehmer eigentlich Unternehmer? Weil ihre Profession ist, etwas zu unternehmen, also zu handeln! Nein! Doch! Ooooh!)

(Bemerkenswert, wie sehr diese Analyse auf die aktuelle Situation seit Beginn des Krieges gegen den Iran passt:
Es wird erwartet, dass die Politik einen bunten Blumenstrauß an Lösungen aus dem Hut zaubert, damit Mineralölkonzerne, aber auch energieintensive Industrien und sogar jeder einzelne Bürger nach Möglichkeit keine Einschnitte in seinem Leben und Wirtschaften spürt, alle Unannehmlichkeiten vom Staat abgefedert werden. Angesichts einer Lage, die in den Ländern des nahen Ostens den Menschen scharfe und gefährliche, teils lebensbedrohliche Eingriffe abverlangt, ist das schon eine dekadente und fast koloniale Sichtweise
.)

Das Hauptproblem dabei ist: Niemand kann sich so richtig vorstellen, selbst etwas tun zu können. Nein, das ist auch nicht richtig: Menschen, die in Wärmepumpen und E-Autos investieren (das ist ein Investment, denn es zielt auf eine zukünftige Entwicklung ab), Firmen, die ihren eigenen Solarstrom nutzen, Landwirte, die in die Energiewende ihr Geld gesteckt haben, die tun etwas. (Und sie könnten am Ende für ihren Innovationsmut bestraft werden, wenn die beginnende Energiewende abgewürgt wird!) Im Großen und Ganzen jedoch sind wir ein Land von gepamperten Vollkaskoversicherten geworden. Schleichend. Und zum Glück nicht unumkehrbar.

Deswegen ist die Analyse nur der erste Schritt. In der Folge beschreibt Robert Peters, was eigentlich das Gefühl von Selbstwirksamkeit auslöst. Und kommt zu dem ermutigenden Schluss, dass es für den Anfang ausreicht, andere nachzuahmen, die etwas auf die Beine stellen. Schon das kann uns ermutigen, es selbst zu versuchen.
Wir schauen also möglicherweise zu viel Katastrophenmeldungen und zu wenig empowernde Gegenbeispiele. (Auf Instagram einfach mal @goodnews.eu oder @funfacts.de folgen.)

Anhand verschiedener gesellschaftlicher Herausforderungen stellt der Autor unseren Umgang mit Krisen und mögliche Lösungsansätze vor, um unser Denken zu differenzieren, den Blick gleichermaßen zu weiten und dann wieder auf unsere persönlichen Möglichkeiten zu fokussieren. Wir selbst haben mehr Werkzeuge an der Hand, als es uns im anstrengenden Alltag auffällt.

Das Buch endet mit einem Ausblick. Mit der Aufforderung an jede:n Leser:in, sich eine gelingende Zukunft vorzustellen. Was wir uns vorstellen können, das können wir auch tun.
Ich muss es hier ganz klar sagen, das haben uns die Rechtsextremen anscheinend voraus: Die haben kein Problem damit, sich eine Zukunft in ihrem Sinn vorzustellen und zielstrebig darauf hinzuarbeiten!
Wollen wir das wirklich auf uns sitzen lassen?

So ähnlich lautet auch eine der zentralen Eingangsfragen des Buches:

„Wie klein wollen wir uns als Demokratinnen und Demokraten noch machen? Deutschland, das ist doch nicht dein Ernst?“
(S. 16)

Und eine Aufforderung im Ausblick lautet:

„Lassen wir nicht zu, dass Ohnmacht unser Denken bestimmt. Lassen wir nicht zu, dass Pessimismus als vermeintliche Klugheit unser Handeln lähmt. Trauen wir uns, uns eine gute Zukunft vorzustellen. Trauen wir uns zu, gemeinsam auf diese Zukunft hinzuarbeiten.“
S. 237

Mutig sein angesichts unserer Ängste. Aktiv werden in dem Moment, in dem wir Ohnmacht verspüren. Die Perspektive wechseln im Augenblick vermeintlicher Alternativlosigkeit.
Klingt nach ’nem Plan, oder? Und gefällt mir viel besser, als in Motz und Frust stehenzubleiben.
Wenn ich an dieser Stelle drei Wünsche frei hätte, dann wären es diese:
-Jede demokratische Bundestagsfraktion bekommt ein paar Exemplare des Buches als Pflichtlektüre, als Diskussionsgrundlage und zum Weitergeben nach dem Lesen.
-An allen Schulen des Landes lesen die SoWi-Lehrer:innen das Buch und behandeln es im Unterricht mit dem Schwerpunkt: tun, nicht nur analysieren
-und nicht zuletzt wünsche ich dem Buch viele Privatleute als Leser:innen, die sich inspirieren lassen und nach dem Verinnerlichen ihr Exemplar auf die Reise durchs Land schicken, in öffentlichen Bücherschränken, indem sie es im Café hinterlegen für die nächsten neugierigen Menschen oder an liebe Mitmenschen weiterreichen. Gern mit einer ermutigenden Widmung für die folgenden Leser:innen.

Übrigens noch einmal der sachdienliche Hinweis:
Man kann durchaus bei einem Sachbuch mit einzelnen Passagen nicht einverstanden sein. Man darf sich an Aussagen oder Schlussfolgerungen reiben. Man soll vor allem die eigenen Gedanken und die persönliche Haltung schulen und schärfen. Ein gutes Sachbuch wird nicht erst dadurch gut, dass ich als Leserin von vorn bis hinten bestätigend nicke, sondern dadurch, dass es mich zum Weiterdenken anregt.

Bibliographische Angaben: Robert Peters, Land der Ohnmacht?; Bonifatius Verlag, ISBN 978-3-98790-098-3; 24,- €

Sozialverträgliches Frühableben

Ich bin kein Fan von Carsten Maschmeyer, aber bei diesem Statement konnte ich von Herzen zustimmen.

Instagram

Aus „Die Rente is‘ sischer“ (Norbert Blüm, 1986) wurde „Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter“ (Friedrich Merz, April 2026). Gut, es liegen 40 Jahre dazwischen. Und viele Krisen. Nicht zu vergessen Gerhard Schröders Amtszeit, in die solche „Innovationen“ wie die Riester-Rente fielen. (Inzwischen kann ich mich freuen, wenn ich aus meinem Riester-Vertrag, der mir wärmstens ans Herz gelegt wurde und den ich inzwischen aus Gründen auf die Mindesteinzahlung pro Jahr eindampfte, ungefähr so viel wieder rausbekomme, wie ich eingezahlt habe. Kann auch weniger sein.)
Aber je nach zukünftigem Renteneintrittsalter und Gesundheit arbeite ich noch 9-12 Jahre, so der Plan. Soll ich jetzt nochmal eine Aktienrente abschließen? Oder doch einen Fondssparplan? Es gibt diverse Rechentools dafür, ich müsste da schon sehr risikofreudig sein, um nennenswerte Ergebnisse zu erzielen. Zusätzlich besitze ich eine Immobilie mit gar nicht mal so wenig Grundstück. Als Erbe für die Töchter und als Absicherung fürs Alter. Der alte Kasten benötigt aber demnächst auch wieder einen kräftigen Schluck aus der Finanzpulle. Die Bausparkasse freut sich. Wenn Edgar oder ich, im schlimmsten Fall wir beide, einmal pflegebedürftig werden sollten, was nicht gänzlich unwahrscheinlich ist, wird Haus und Grund vermutlich schneller weg sein als ich entrümpeln kann. Sorry, Mädels.
Und was heißt überhaupt „Basis“? Satt und trocken? Nudeln mit Ketchup? Dach überm Kopf?

Moment, da war doch noch etwas, das mich ins Grübeln bringt :

Scharfe Kritik an Warkens Plänen für die Pflege | tagesschau.de

Statt Entlastung ein ganz anderer Turn, nämlich – noch mehr Belastung!
Und demnächst muss man möglicherweise den Kopf unterm Arm tragen, um als pflegebedürftig eingestuft zu werden.

Politik nach Kassenlage. Aber den „Leistungsträgern“, den angeblich allesamt Selfmade-Milliardären, die auch mit den letzten Cents ihrer Vermögen noch ihre Firmen mühselig am Laufen halten und sich deswegen nicht angemessen an den gesellschaftlichen Verpflichtungen beteiligen können (leider, leider😱), nein, denen kann man zusätzliche Abgaben auf keinen Fall zumuten. Wer hier Spuren von Sarkasmus findet, darf sie behalten, gern auch weitergeben. Anders ist es schließlich kaum auszuhalten.

Natürlich weiß ich, dass es sehr sozialverträgliche Milliardäre gibt und andererseits auch Menschen sich absichtlich kränker stellen, als sie tatsächlich sind, um einen Pflegegrad zu bekommen. Missbrauch oder das Erschleichen von Leistungen kommt überall vor. Altruismus auch.

Ich hätte möglicherweise für Herrn Merz und seine Truppe eine Lösung anzubieten, nämlich das

Sozialverträgliche Frühableben

Ab hier bitte nur noch weiterlesen, wenn ihr nicht persönlich von Missständen im Gesundheitswesen und deren unkonventioneller Lösung getriggert werdet.

Sollte eigentlich gar nicht so schwierig sein, kreative Möglichkeiten gibt es im deutschen Regelwerk genügend. Schließlich fällt die Hautkrebsfrüherkennung demnächst weg. Und ihr solltet besser nur noch heimlich Kette rauchen, sonst wird euch noch ein Lungenscreening für lau aufs Auge gedrückt. Das ist natürlich überhaupt nicht hilfreich.
Tabak und natürlich Alkohol sind auch weiterhin die legalsten und deutschesten Drogen schlechthin, also trinkt ruhig ein bis zwei Gläser Bier oder Wein oder so mehr am Tag, Brauer und Winzer freuen sich, das Gesundheitsministerium leider anscheinend auch.
Rast nach Herzenslust über die Autobahnen, irgendwo findet sich mit Sicherheit ein Unfall, dem ihr zum Opfer fallen könnt. Und schaut bloß nie nach rechts und links, ehe ihr einen Zebrastreifen betretet, ihr seid schließlich im Recht, ihr habt Vor“fahrt“. Obacht ist nur für Feiglinge und die moderne Form von Sozialschmarotzertum, die meint, nach zig Einzahlungsjahren hätte sie „Ansprüche“ erworben!
Oma oder Opa ist dement? Einfach nicht suchen, wenn sie oder er mal wieder auf ungeplante Wanderschaft geht. Die Zeit löst viele Probleme.
Eine Möglichkeit fällt mir noch ein, die mir partout nicht über die Lippen und schon gar nicht über die Tastatur kommen will. (Sorry, ich habe vielleicht doch zu viel Fantasie😥.) Ich sag nur: Einsparungen in der Psychotherapie. Und nach der Ansicht eines alten Mannes aus Schleswig-Holstein (dessen Frau sich anscheinend sehr freut, wenn er demnächst seltener zu Hause rumstänkert) sind auch Sozialarbeiter überflüssig. Kein Kommentar. Wer will schon psychisch gesunde und stabile Bürger?

Nein, mit diesen Themen macht man keine Witze.
Es ist absolut nicht witzig und auch nicht so gemeint.

Das katharische Lachen soll und muss uns allen im Halse stecken bleiben und uns so lange würgen, bis wir endlich laut und widerständig werden.
Die sogenannten Sparmaßnahmen betreffen nämlich immer nur diejenigen, die jetzt schon am Rand stehen, ihren Alltag mit allen möglichen Einschränkungen zu bewältigen versuchen und daran oft genug zerbrechen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Die Würde jedes einzelnen Menschen.
Aber Würde allein ist kein fassbarer Wert.
Würde allein macht nicht satt.
Würde allein gibt kein Dach über dem Kopf.
Würde allein heilt keine Gebrechen und keine psychischen Wunden.
Würde allein sorgt nicht für Geborgenheit und Teilhabe.

Eine Regierung, die mit der Würde ihrer Bürger:innen so umgeht wie die aktuelle, ist schlicht und ergreifend würdelos.

Heute gibt es weder eine Pointe noch einen versöhnlichen Schluss. Sorry, aber ich sehe augenblicklich einfach nicht, wie eines davon aussehen könnte.

Wer den Wal hat, hat die Qual

Quelle: Pixabay.
Dieses scheint die aktuell akzeptable Sichtweise zu sein,
fernab der Realität

Ich entschuldige mich gleich zu Beginn für den geschmacklosen Titel. Widerstehen konnte ich trotzdem nicht. Und es ist ja durchaus was dran, an dem Wortspiel. Zum Beispiel, wenn man Umweltminister ist.
Außerdem hat ja auch Sven schon mit einem Wortspiel seine Gedanken zum Wal begonnen, übrigens auch sehr lesenswert.

Eher am Rande, interessiert, aber ohne mich groß einzumischen, verfolge ich die Bemühungen um den Wal, der wahlweise Timmy oder Hope genannt wird. Schon mit der Namensgebung eines Wildtieres wurde eine Grenze überschritten. Menschlich und aus Laiensicht nachvollziehbar, denn was einen Namen hat, wird für uns greifbar, persönlich.
Und es erzeugt ein Verantwortungsgefühl. In der Landwirtschaft kenne ich Betriebe, in denen die Tiere Namen bekommen und ich habe oft den Eindruck, dort wird mit ihnen sorgfältiger und empathischer umgegangen als wenn sie nur anhand der Nummern auf den Ohrmarken identifiziert werden. Selbst wenn die Schlachtung in beiden Fällen der letzte Weg ist.

Ohne echte Expertise aufweisen zu können, frage ich mich, warum der Wal stets nach dem Freischwimmen wieder eine Sandbank aufsucht. Und auch, wenn es sich um eine sehr weit hergeholte Parallelität handelt, denke ich an meine Mutter, die ein paar Wochen vor ihrem Tod bei einem Krankenhausaufenthalt eine Herz-Kreislauf-Krise erlitt. Sie hatte keine Patientenverfügung, also trat das Notfallprotokoll in Kraft, man tat alles, um sie (erfolgreich) zu reanimieren, erst danach wurden mein Bruder und ich informiert. Andersherum hätte es „zu spät“ sein können.
Am nächsten Tag schaute sie uns vorwurfsvoll an: „Warum könnt ihr mich nicht einfach gehen lassen?“ Weil wir nicht gefragt wurden.
Wir sind also zu den Ärzten gegangen und haben dort gemeinsam erklärt, dass im Fall eines weiteren Notfalles nur Angst und Schmerzen gelindert werden sollen. Es entspreche dem Wunsch unserer Mutter und sei für uns in Ordnung.
Nun kann niemand den Wal fragen, was denn sein Wunsch und Wille sei. Auch wenn es massenhaft Menschen zu geben scheint, die angeblich „Schwingungen“ von ihm spüren, die „liebevolle Energie und Aura“ mit ihm austauschen usw. Ich will nicht einmal von der Hand weisen, dass es solche Verbindungen gibt, frage mich aber, ob wir als erdgebundene Wesen die Sprache oder den Dialekt eines Meerestieres so einwandfrei verstehen, dass wir seine Wünsche oder Beweggründe nachvollziehen können.

Es ist ohne Frage ein besonderes Erlebnis, einen Wal zu beobachten, ihn aus nächster Nähe zu erleben. Dabei kann ich persönlich nur auf ein kurzes Erlebnis in Sonwik letztes Jahr zurückgreifen, als direkt vor der Fördepromenade zwei Schweinswale eine Stippvisite dort abstatteten. (Ich habe nachgelesen, eine Schweinswalfamilie hat in der Flensburger Förde ihren Lebensmittelpunkt und schwimmt auch bis in den Stadthafen, wenn ihr danach ist.)
Es war ein erhabener Moment voller Rührung und Berührung, obwohl ich außer zwei Rücken und ganz kurz die Fluken kaum etwas gesehen habe.
Und ich habe mich im Nachhinein gefragt, was diese wunderbaren Tiere (und unzählige weitere Meerestiere) davon halten, dass wir Menschen so gnadenlos in ihren Lebensraum eindringen. Ihre Wohnumgebung versauen, die Meere vollmüllen, ihre Nahrung wegfischen sowie einen Heidenlärm veranstalten.

Es wäre mir auch im Entferntesten nicht in den Sinn gekommen, in dieser Situation herzhaft in ein Fischbrötchen zu beißen. Und ich kann mir nicht vorstellen, in einer Art Wal-Katastrophen-Tourismus an einen Ort zu reisen, wo ich den Kampf um Leben oder Tod eines Tieres beobachte und meinen unqualifizierten Senf dazugebe. Das löst bei mir ähnlich befremdliche Gefühle aus wie Unfallgaffer oder Zuschauer vor brennenden Häusern, die das Handeln der Feuerwehr kommentieren.

Kaum zu glauben, eine Rückenflosse löst Glücksgefühle aus. Sonwik 2025

Wir geben vor, mitfühlend zu sein. Uns um das Wohl des majestätischen Tieres zu sorgen. Diese Sorge glaube ich den Menschen sogar. Die Schlussfolgerungen nicht unbedingt.
Projizieren wir nicht viel eher uns eigenes Unwohlsein mit sichtbarer Sterblichkeit auf diese Situation, die sich seit inzwischen sechs Wochen ohne erkennbare Lösung hinzieht?
Sollten wir nicht mit derselben spirituellen Energie, die manche zu spüren glauben, wenigstens in Erwägung ziehen, dass der Wal sich bewusst einen ungewöhnlichen Ort zum Sterben ausgesucht hat? Einen Ort, an dem wir Menschen Zeugen werden, unbehagliche Zeugen dessen, was wir unserer Umwelt und unseren Mitgeschöpfen antun?
Die vielen Schweinswale und Robben, die in den Netzen der Fischer verenden, damit wir unsere Fischbrötchen, Kutterschollen und Dorschfilets konsumieren können, bekommen wir nicht zu sehen. Jeden anderen Wal, der irgendwo in den Tiefen der Ozeane verendet, absinkt und als Dünger wieder in das Ökosystem eingeht, bemerken wir nicht, machen uns keine Gedanken darum.
Ist es nicht eher ein Verdrängen unserer Verantwortung für millionenfaches Tier- und auch Menschenleid, das hier in Aktionismus ausartet?

Eine andere Facette, die wir auch nicht zu sehen bekommen: Sowohl die Sandbank vor Timmendorf, die man weggebaggert hat als auch die flache Kirchsee, eine Lagune der Insel Poel, hat ein ausbalanciertes Ökosystem. Es handelt sich um wertvolle Lebensräume, Rückzugsgebiete und Kinderstuben von Fischen, Krebsen und anderen Tieren der Ostsee (die durch verschiedene Faktoren wie Überdüngung, Müll und fehlenden Sauerstoff in den Sommermonaten sowieso schon unter immensem Stress stehen). Es gibt Seegras und andere wichtige Pflanzen unter Wasser. Durch die Rettungsmaßnahmen, die zurzeit laufen, durch das Spülen und Saugen großer Mengen Wasser und Sediment, wird diese Umgebung zerstört.
Darüber höre und lese ich: exakt gar nichts.

Insgesamt habe ich ein eher ungutes Gefühl bei der Sache. Denn ich kann nicht mit schlafwandlerischer Sicherheit sagen, was hier richtig und angemessen ist. Viele ausgewiesene Experten weltweit (und ohne reichweitenstarke Instagram-Kanäle, dafür aber mit wissenschaftlichem Leumund) werden ignoriert.
Diejenigen, die sich mit ihren Maßnahmen durchsetzen, müssen sich zurecht darauf hinweisen lassen, dass ihre Reichweite weiter ausgedehnt wird durch eine umfangreiche mediale Begleitung (egal, ob sie es nun beabsichtigten oder nicht). Sie profitieren also monetär, was immerhin ein Geschmäckle hinterlässt.

Followerzahlen und Kommentarspalten schlagen gesichertes Wissen.
Gefühle triumphieren über Sachgründe.
Zweifelnde und abwägende Stimmen werden von absoluten Aussagen übertönt.

Den Wissenschaftlern vom Meeresmuseum wird vorgeworfen, den Wal nach seinem wahrscheinlichen Tod für die Forschung besitzen zu wollen. Was übrigens legitim und auch wichtig ist.
Und zwar aus demselben Grund, weshalb Menschen testamentarisch ihre Körper der Wissenschaft vermachen: Weil die Hoffnung besteht, aus diesem einen Todesfall Lehren ziehen zu können, um zukünftig durch sinnvolles Handeln auf Wissensbasis zu reagieren und insgesamt Risiken zu minimieren.

Der Pferdefuß: Es könnte – nein, es wird definitiv – bei einer Untersuchung herauskommen, dass wir Menschen nicht nur ein Teil der Lösung, sondern vor allem ein großer Teil des Problems sind. Und wer möchte sich das schon gern aufs Butterbrot schmieren lassen. Niemand. Selbst dann nicht, wenn wir es eigentlich schon wissen.

Unser Leben hat immer und egal, wie nachhaltig wir es führen, Auswirkungen auf das Leben, das uns umgibt. Auf die belebte und die unbelebte Umwelt. Das gilt es zu akzeptieren und den Blick darauf zu richten, wie wir das möglichst sozialverträglich gestalten können. Nicht nur für Tiere, Pflanzen und alles andere, sondern auch für unsere eigene Spezies.

Es ist übrigens nicht schwierig, sich bei Interesse für diese Themen zu informieren. Im Zuge der Debatte um einen Nationalpark Ostsee vor einigen Jahren habe ich das getan, ich habe mir Bücher besorgt, zum Beispiel von Mojib Latif und Heike Vesper, mehrere Dokus (vor allem im NDR) angesehen, unter anderem mit Antje Boetius, ich habe die Websites von Forschungseinrichtungen wie Geomar, Alfred-Wegener-Institut und Helmholtz-Zentrum nach verschiedenen Infos abgesucht.
Im Juli und August 2023 habe ich außerdem einige Blogbeiträge zum Thema Ostsee, Natur- und Umweltschutz verfasst, zum Beispiel diese hier:

Mal ganz was Anderes… – Sterntaler
(Um)Weltschutz und Eigenverantwortung – Annuschkas Northern Star

(Keine) Zeit

Quelle: Open Clipart-Vectors auf Pixabay

Wenn man nicht reden kann oder soll, dann hört man eben. Also, ich jedenfalls. Zum Beispiel den „Neu denken“ Podcast mit Maja Göpel und Gästen.
Die aktuelle Folge betrifft das titelgebende Phänomen. Hörenswert!

Zeit NEU DENKEN mit Teresa Bücker

Während des Anhörens rasten meine Gedanken unaufhörlich weiter: Durch Automation, KI, Robotik und viele andere Gadgets haben wir eigentlich viel mehr Zeit als früher. Ob wir sie sinnvoll nutzen, ist eine andere Sache.
Mir kommt in den Sinn, dass unser aktueller CEO des Landes (anders kann man es kaum bezeichnen) Zeit (und Menschen) schlichtweg als ökonomische Ressource ansieht. Wenn er sagt „Wir sind alle zu bequem/faul/beliebige alternative Beleidigung“, dann meint er: „Wenn ihr mehr arbeitet, dann habt ihr weniger Zeit, über die Sinnhaftigkeit des Regierungshandelns nachzudenken, euch einzumischen, demonstrieren zu gehen.“

Bei Threads gefunden


Wir haben dann auch weniger Zeit für ehrenamtliches Engagement, Lokalpolitik, bürgerschaftliche Teilhabe.
Weniger Zeit für gelingende Beziehungen innerhalb der Familien oder Nachbarschaften, Verständigung zwischen den Generationen, das Kennenlernen von Menschen mit anderen Lebenswelten als wir kennen.

Und dann wird es erst richtig verwirrend, wenn ich mir überlege, was wir mit unserer Zeit stattdessen anfangen sollen:
Als Frauen sollen wir weniger Teilzeit und mehr Vollzeit arbeiten. Gleichzeitig ist unser Platz aber bei der Familie, der Care-Arbeit und in Haus und Garten.
Und natürlich sollen wir bei alledem auch unsere kleinen Kinder keineswegs zu früh in Fremdbetreuung geben.
Die Männer sollen Familienernährer sein, aber sich gleichberechtigt an der Care-Arbeit beteiligen, sich im Job 150%ig einbringen, aber ebenso als Väter präsent sein.
Können wir uns vielleicht darauf einigen, dass das Prinzip „Wir regieren nicht in die Familien hinein“ hier gelten sollte? Wenn man den Menschen nicht vorschreiben will, welches Auto sie fahren sollen, kann man sie dann bitte ebenso souverän entscheiden lassen, wie sie ihr Familienleben gestalten, die ökonomische und persönliche Ebene ausbalancieren und ihre Zeit gestalten?

Buch und Bier, das lob‘ ich mir

Bei der unvermeidlichen Frage, was Bücher und Bier miteinander zu tun haben, fällt mir als Schnittmenge spontan „Mönche/Klöster“ ein. Kaum ein historischer Roman kommt ohne bierbrauende und Folianten kopierende Mönche aus. Denn beides, die Schreib- und die Braukunst, waren Kernkompetenzen der Klöster.
Klosterbibliotheken wie die verwinkelte Bibliothek des Klosters Maria Laach, die ich mir übrigens auch sehr gut als Hogwarts-Bibliothek vorstellen könnte oder altehrwürdige Klosterbrauereien wie Andechs zeugen von der Bedeutung beider Handwerke.

Heutzutage steht beim Welttag des Buches die Leseförderung im Vordergrund. Die Stiftung Lesen gibt dazu seit Jahren mit mehreren Partnern das Büchlein Ich schenk dir eine Geschichte heraus und viele Buchhandlungen beteiligen sich an den Aktionen rund um den Welttag. Zum Beispiel mit Buchhandlungsrallyes, bei denen Schulklassen mit Fragebogen und Stift die örtliche Buchhandlung erkunden. Das Büchlein bekommen sie zum Abschluss als Klassenlektüre.

https://www.welttag-des-buches.de/fileadmin/user_upload/downloads/Fotos_Buchhandlung_Meerbusch/Welttag_des_Buches_064.JPG

Leider hat es sich in den letzten Jahren (in der Pandemie ging es nicht anders, es wurde dann oft beibehalten) etabliert, dass Lehrer:innen die Bücher nur noch abholen möchten, die Klassen den Besuch in der Buchhandlung aber ausfallen lassen. Das ist in mehrerer Hinsicht schade. Nicht nur, weil die Stiftung Lesen und die Buchhändler:innen viel Arbeit und Herzblut in die Vorbereitung der Aktionen stecken.
Viel wichtiger: So selbstverständlich, wissbegierig, aufgeschlossen und neugierig, wie Kinder der vierten und fünften Klassen die Buchhandlung als einen Ort sowohl des Wissens als auch der Fantasie für sich entdecken, passiert es danach lange Zeit nicht mehr.

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Ich möchte nicht die Lehrkräfte bezichtigen, keinen Bock zu haben auf eine wimmelige Klasse, die man im Blick haben muss, damit sie nicht den Laden demontiert. Ihr Alltag ist eng getaktet und stressig, viele Kinder und manche Eltern machen es ihnen auch nicht leichter.
Mit etwas Vorbereitung und der klaren Absprache: was leisten Buchhändlerinnen, wofür ist die begleitende Lehrkraft zuständig, sind die Besuche in der Buchhandlung für alle Beteiligten ein großer Gewinn.
Wenn man die Kinder vom Smartphone loseisen möchte, muss man ihnen einen alternativen Ort für ihre Fantasie und Kreativität bieten. Kinder, die lesen, besitzen eine breitere Vorstellungskraft. Sie stellen mehr Fragen, sie wollen die Welt, in der sie leben, mitgestalten.

Vielleicht sollten wir alle, denen das Lesen am Herzen liegt, in den kommenden Jahren viel mehr Augenmerk auf Eltern, Großeltern, Erzieher und Lehrerinnen legen. Ihnen diese uralte, aber doch so moderne – und unverzichtbare – Kulturtechnik nahebringen. (Denn viele Familien haben bereits das Vorlesen durch elektronische Alternativen ersetzt, was kurzsichtig auf verschiedenen Ebenen ist. Zum Beispiel fehlt gemeinsame „Quality Time“ beim gemeinschaftlichen Entdecken von witzigen Kleinigkeiten in spannenden und fantasieanregenden Bilderbüchern. Und Kinder brauchen auch lesende Vorbilder. Nicht zuletzt gilt: wer nicht gut lesen und Zusammenhänge erfassen kann, ist leichter manipulierbar.)
Jenseits von „Mädchenbüchern“ und „Jungsgeschichten“. Jenseits von Klischees wie „Mädchen lesen eher Romane, Jungs lieber Sachbücher“.

Aber auch jenseits von „Ich habe einen Enkel, der ist vier, aber seinem Alter weit voraus“. Denn merkwürdigerweise sind seit zwei, drei Jahren alle Kinder grundsätzlich hochbegabt. Kaum jemand betritt die Buchhandlung und sagt „Er/sie hat ein paar Probleme, die Konzentration aufrecht zu erhalten“ und das ist so schade wie unehrlich. Denn es hindert uns Buchhändlerinnen daran, die passende Auswahl an Tipps zu treffen, die jedem einzelnen Kind gerecht wird und die Lust am Lesen beflügelt statt sie im Ansatz zu ersticken.
Nach wie vor ist es auch teilweise ein Problem, dass die Wünsche der Kinder nicht ernstgenommen werden und statt des innig gewünschten Titels derjenige gekauft wird, der besser ins Weltbild der Schenkenden passt. Da ist mitunter Überzeugungsarbeit angebracht.

Der Welttag des Buches geht übrigens auf eine katalanische Tradition zurück. Da diese am selben Tag stattfand, der auch der Todestag gleich zweier wichtiger Literaten ist, Cervantes und Shakespeare, beschloss die UNESCO, die Feste zu feiern, wie sie fallen und rief 1995 diesen Tag ins Leben.

Beim Bier dagegen ist man sich weltweit nicht so einig, und so feiern am 23. April die deutschen Brauer den Jahrestag des Deutschen Reinheitsgebotes, während der International Beer Day stets am ersten Freitag im August gefeiert wird, und das seit 2007.
Ich persönlich freue mich besonders, dass laut dem Reinheitsgebot zwar Wasser, Hopfen und Gerste, aber kein Alkohol im Bier enthalten sein muss. Wobei meine Vorlieben genau genommen beim Weizenbier, gern mit Zitrone angereichert, liegen. Also doch „gepanscht“. Na ja, keiner ist perfekt.

Und zum Schluss gibt es noch eine spontane Buchempfehlung (unbezahlte Werbung) für alle, die Buch und Bier verbinden möchten:

Gebrauchsanweisung für Bier von Jaroslav Rudiš | PIPER

Ein Tag – ein Planet – eine Zukunft

Dass dieser Tag notwendig ist, können wir live erleben. Hier in Deutschland, in Europa und weltweit.
Unserem Bundeskanzler dürften die Ohren geklingelt haben, als Brasiliens Präsident Lula da Silva auf der Hannover Messe darüber sprach, wie in Brasilien, im tiefsten Regenwald, die Energiewende vorangetrieben wird. Ja, da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Brasilien ist nicht nur Copa Cabana und Carneval; Amazonas-Abholzung durch gierige Landräuber und indigene Völker, die um ihren Lebensraum kämpfen müssen; Belem und fehlendes deutsches Brot. (Kleine rhetorische Frage am Rande: Wie kann man ein Land besser kennenlernen als durch die Essgewohnheiten seiner Bewohner?)
Brasilien ist ein Land, in dem Tradition und Innovation nebeneinander existieren, Naturzerstörung und ihr Schutz praktiziert werden, ein frommer Katholizismus und die Mystik der Naturreligionen einander nicht ausschließen.
Ein ganz normales, widersprüchliches Land halt. So wie Deutschland auch.

Wenn unsere Wirtschaftsministerin mit dem Argument, dass wir heute sparen müssen, hohe Kosten – nicht nur für die Energieträger selbst, sondern für die gesamte Lebensumgebung der Menschen – in spätere Dekaden verlagert, dann ist das kein seriöses Vorgehen. Dann ist es der Ausverkauf der Zukunft unserer Kinder und Enkel. Dann ist es „Nach mir die Sintflut“ – und zwar sehenden Auges und wider besseres Wissen. Ob es mit ihrem Amtseid vereinbar ist? Zunächst muss sie sich diese Frage selbst beantworten, ehrlich und ausführlich.

Meine Stimme ist weg. (Schade, am Samstag ist Karaoke-Abend. Kathi und ich wollten ABBA-Songs performen. Wenn ich in den nächsten Jahren nicht auf Bonnie Tyler, Marianne Faithful oder Bruce Springsteen fixiert sein will, lasse ich das dieses Jahr lieber. Augenblicklich kommt eh nur heiße Luft, wenn ich reden will🙄) Mein Hals und die Bronchien sind entzündet. Das sind unter anderem Symptome, die mit meinem allergischen Asthma einhergehen und mich alle paar Jahre erwischen. Die Häufigkeit wächst, nicht nur, weil ich älter und anfälliger werde, sondern weil die Allergene in der Luft zunehmen. Und die CO2-Belastung steigt ebenfalls an, was inzwischen deutlich messbar ist (siehe hier).

Also gut. Reden funktioniert nicht. Durch ein paar Tage heftigen und krampfartigen Husten ist mein Körper voller Schmerz und Muskelkater (echt jetzt: Hustenmuskelkater, kannste dir nicht ausdenken), ich sitze in eine Kuscheldecke eingewickelt am PC, weil Liegen mich noch mehr zum Husten reizt als Sitzen. Aktiv werden fällt also auch aus, zudem mein Hausarzt fragte, ob ich wüsste, was das Wort „Schonung“ bedeute. Ja, weiß ich. Mache ich nicht so gern, aber diese Woche ziehe ich es durch.
Aber mein Kopf, der mag sich partout nicht schonen. Die Gedanken laufen in einer Endlos-Spirale, wie ein Perpetuum Mobile.
Und diese innere Stimme schweigt nicht. Die lässt sich nicht zum Schweigen bringen.

Zurück zum Thema Earth Day: Auch, wenn ein allgemeines Ohnmachtsgefühl wie eine SMOG-Wolke über weiten Teilen der Gesellschaft liegt, ist doch jeder und jede einzelne von uns in kleinen Bereichen handlungsfähig.

Earth Day – die Idee | Earth Day Deutschland


Diesen kleinen Hebel, den ich selbst betätigen kann, gilt es zu finden, hier gilt es anzusetzen.
Ich werde mich jetzt ausgiebig mit energetischer Sanierung, am besten ohne den Altbaucharakter unseres Kottens zu zerstören, befassen.
Auch, wenn unsere Gas-Ministerin etwas anderes behauptet: je stärker in den nächsten Jahren die Preise für fossile Brennstoffe steigen – und das werden sie, desto schneller amortisiert sich eine Wärmepumpe.
Die Unterlagen, die ich auf der Bau-und Renovierungsmesse eingesammelt habe, liegen bisher nur auf meinem Schreibtisch. Es wird Zeit, sie zu nutzen.

Und ihr so? Wo sitzt euer persönlicher Hebel?
Bei einigen von euch kenne ich ihn, aber es gilt: Zeig, was du hast und kannst!
Sei eine Inspiration für andere, die noch nicht genau wissen, wie und wo sie ansetzen können.

Wo ich einmal schreiben möchte

Schreibübung während eines Webinars zu eben dieser Aufgabenstellung

Zwar nicht an der Küste, sondern auf Wangerooge, aber immerhin selbst aufgenommen.

Ich möchte gern einmal auf einem Leuchtturm an der Küste schreiben. Dafür würde ich sogar meine Höhenangst überwinden.
Ich bräuchte nur einen kleinen Schreibplatz und viel Zeit.

Wenn ich den Kopf zur Seite drehe, sehe ich das Land hinter dem Deich. Siele, Wiesen, weidende Kühe. Am Horizont eine kleine Ortschaft. Und weit dahinter, viele Kilometer entfernt, liegt mein Zuhause. Dort sind die Menschen, die mir am Herzen liegen, die auch mich lieben oder wenigstens mögen. Dort kenne ich die Gegend. Ich muss aber auch ausbrechen, aus der täglichen Routine, aus dem „auskennen“, aus der Bequemlichkeit und Heimeligkeit des Alltages, um meinen Horizont zu erweitern. Und wo sollte das besser möglich sein als hier?

Ich drehe den Kopf zur anderen Seite. Je nach Tide blicke ich auf die heranbrandenden Wellen der Nordsee oder auf die fremdartige, geriffelte Oberfläche des Wattenmeeres. Es erscheint mir immer wieder faszinierend, dass ich auf dem Meeresboden spazieren gehen und einen kleinen Teil des marinen Lebens entdecken kann, wenn mir danach ist.
Am Horizont ziehen Schiffe entlang, davor erahne ich die Küstenlinie einer Insel im Dunst.

Ich sitze am Schnittpunkt der Elemente. Um mich herum habe ich die ruhige und stetige Verlässlichkeit festen und fruchtbaren Erdbodens, aber auch die veränderliche, temperament- und verheißungsvolle Weite des Meeres mit ihren vielfältigen Schätzen und Gefahren.
Ich kann regelmäßig aufstehen, auf dem Rundgang um den Laternenraum schlendern und Ausschau halten, um die Gedanken wieder in Bewegung zu bringen.
Die jodhaltige und salzige Luft füllt meine Lungen, tief atme ich den würzigen Duft ein. Ich spüre den Wind, der mal spielerisch leicht und zärtlich meine Haut streichelt, mal kräftig reißend und herausfordernd mit meinen Haaren spielt.

Ich fühle die Wärme der Sonnenstrahlen, das Britzeln von Hagelkörnern, die unterschiedlichen Intensitäten des Regens auf meinen Armen und im Gesicht.
An der Küste, so heißt es, finden alle Jahreszeiten an einem Tag statt.
Und als ob das alles nicht genug ist, höre ich den Möwen zu, die sich im Flug gegenseitig ihre erbeuteten Leckerbissen streitig machen.
In der Ferne ertönt ein sonores Schiffshorn.
Was mag dieses Schiff transportieren? Container? Stück- oder Massengut? Menschen und Autos? Noch mehr Menschen inklusive einer schwimmenden Stadt samt allen möglichen Freizeitvergnügen, für die man normalerweise kein Meer braucht?

Langsam wird mir kühl. Und so betrete ich nach einem letzten tiefen Atemzug wieder den Lampenraum. Kaffeeduft umhüllt mich warm und gemütlich, wie eine kuschelige Decke. Neben der Kanne steht ein Teller mit aromatischen, süßen Zimtschnecken und zwei knackigen, roten, säuerlichen Äpfeln. Hmmm! Was für eine Komposition. Ich mag alles daran.

Na, dazu fällt mir doch bestimmt sofort eine Szene ein …

Kostenverlagerung in die Zukunft

Denken Sie zum Beispiel an das teurere Elektroauto im Vergleich zu einem günstigeren Pkw mit Verbrennungsmotor. Oder an ein teureres, aber optimal gedämmtes Haus mit einer CO₂-neutralen Heizungsanlage im Vergleich zu einem günstigeren, aber schlechter gedämmten Haus, das mit fossilen Brennstoffen geheizt wird. Die Differenz zwischen der teureren, aber klimafreundlicheren Investition und der günstigeren, konventionellen Investition entspricht vereinfacht gesagt den sogenannten Mehrinvestitionen.
[ … ] 
Aber selbst die Mehrinvestitionen überzeichnen die Kosten der Transformation tendenziell. Denn die teureren, klimaneutralen Investitionen führen über ihren Nutzungszeitraum teilweise zu Einsparungen. Dies ist mein zweiter Faktor. Denken Sie hier zum Beispiel an die Energieeinsparungen eines optimal gedämmten Hauses. Oder daran, dass weniger fossile Energieträger verbraucht werden. Diese zusätzlichen Einsparungen sind deutlich schwieriger zu beziffern als die notwendigen Investitionen. Daher kann ich ihnen hier keine genaue Zahl präsentieren. Aber in der Tendenz sollten sie die Kosten der Transformation über die Zeit reduzieren.

Wenn die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft möglichst weltweit zügig angegangen wird, kann sie auch dazu beitragen, die Auswirkungen des Klimawandels global zumindest abzumildern. Es gäbe dann beispielsweise relativ gesehen weniger und weniger starke Überflutungen. Und dies führt im Vergleich zu einem Szenario ohne Klimawende ebenfalls zu Einsparungen und reduziert die Nettokosten der Transformation weiter.

Wenn der Klimawandel zumindest abgemildert würde, dann dürften auch die Kosten zur Vermeidung von Klimaschäden geringer ausfallen. Zum Beispiel müssten Überflutungsdämme dann nicht ganz so stark ausgebaut werden. Zudem möchte ich betonen, dass die Nettokosten der Transformation hin zu Klimaneutralität noch breiter aufgefasst werden könnten: Die Kosten steigen, wenn Teile der Produktion ins Ausland verlagert werden. Sie sinken, wenn Unternehmen mit neuen, klimafreundlichen Technologien stärker wachsen können. Und ebenfalls in meiner Rechnung nicht enthalten sind Schäden wie ein Verlust der Biodiversität oder der Artenvielfalt. 

Quelle:Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft – volkswirtschaftliche Kosten, Chancen für die Kreditwirtschaft und geldpolitische Implikationen | Deutsche Bundesbank

Dieser Ausschnitt einer Rede stammt nicht von Luisa Neubauer, Maja Göpel oder Claudia Kemfert, sondern von Prof. Dr. Joachim Nagel, seines Zeichens Volkswirt und Präsident der Deutschen Bundesbank. Am 25. April 2024, fast auf den Tag genau vor zwei Jahren, hielt er die Rede bei den Münsteraner Bankentagen.
Mit Sicherheit nicht aus Altruismus, sondern weil Transformation im volkswirtschaftlichen Denken etwas ganz Normales ist, was ständig stattfindet, sogar stattfinden muss, damit eine Volkswirtschaft nicht stehenbleibt oder gar schrumpft.

Ein prominentes Beispiel: Die deutsche Solarbranche, Musterschüler der Jahre 2000er Jahre, wurde vor die Wand gefahren, nicht zuletzt mit staatlicher Unterstützung an der falschen Stelle:

Beide Screenshots: Studie zum Niedergang: Deutsche Solarbranche vor der Sonnenfinsternis

In Deutschland verschiebt seit Jahrzehnten jede einzelne Regierung notwendige, aber teure und damit unbequeme Maßnahmen, die das Land zukünftig fit und resilient aufstellen sollen. Man will ja schließlich wiedergewählt werden und die ominöse Masse namens „der Wähler“ entscheidet nicht zukunftsorientiert, sondern am aktuellen Geldbeutel entlang. „Später“ ist eine imaginäre Größe, die wir uns nur schwer vorstellen können. Für Einzelpersonen nachvollziehbar, für ein Land ist allerdings ein absolutes MUSS, sie im Blick zu haben.

Später, das ist vor allem die Zeit in der Zukunft, in der unsere Kinder und Enkel für unser Zögern bezahlen müssen.
Aber Zukunft ist nicht statisch oder fern. Sie beginnt jederzeit, sobald ein Tag, eine Stunde, eine Minute oder Sekunde – eine Gelegenheit – vergangen ist.
Schon wir müssen für Versäumnisse und zu zögerliche Politik früherer Zeiten bezahlen. Wir könnten mit der Nutzung erneuerbarer Energien viel weiter sein, E-Mobilität könnte flächendeckend nicht nur möglich, sondern üblich sein, wenn nicht immer wieder in den letzten 30, 40 Jahren nach hinten, auf die historischen Erfolge deutscher Ingenieurskunst verwiesen worden wäre. Und auf die angebliche Alternativlosigkeit dieser Errungenschaften.
Wann sind viele Deutsche eigentlich so hasenfüßig geworden? Warum ruht man sich auf Spitzentechnologie des frühen 20. Jahrhunderts aus und bremst die Innovationskraft und -lust der nachwachsenden Generationen so lange, bis diese selbst nicht mehr an ihre Erfindungen und Entwicklungen glauben?

„If you can dream it, you can do it“

Die Energie hinter diesem Satz, der Walt Disney zugeschrieben wird, aber vermutlich überhaupt nicht von ihm persönlich stammt, sorgte dafür, dass Science Fiction wie von Jules Verne und anderen Autoren des 19. Jahrhunderts Realität wurde.

Heute hören wir von politischem Spitzenpersonal „Wir müssen ins Tun kommen“. Aber „wir“ lassen uns immer wieder bremsen: Durch bürokratische Hürden, überbordende Genehmigungsverfahren, Brandschutzvorschriften …
Alles im Grunde genommen wichtige und richtige Maßnahmen, die aber so hoch bewertet werden, dass sie lähmen statt anzuleiten. Und dann tun wir wieder: Nichts. Oder viel zu wenig, viel zu halbherzig, viel zu verzagt.
Weil es nun mal nicht möglich ist, es allen Betroffenen stets gleichermaßen hübsch und schön und zustimmungsfähig zu gestalten.
Weil die Worte Kompromiss und Debatte samt den Vorgängen und Aushandlungsprozessen inzwischen so negativ besetzt sind, dass sich niemand dieser demokratisch so üblichen wie notwendigen Handlungsweise unterziehen will. Nicht die Regierung, nicht die Bevölkerung, nicht die Arbeitgeber und nicht die Arbeitnehmer. Ich weiß, das gilt nicht für alle, aber doch für eine genügende Anzahl, damit wir nicht mehr so recht vom Fleck kommen.
Wer heute auf der Stelle stehen bleibt, ist morgen schon von gestern!

Was wir heute in puncto Energie(un)sicherheit nach den oben genannten Fehlentscheidungen der Jahre 2011/12 zu spüren bekommen, werden wir in den nächsten Jahren noch in vielen weiteren Feldern schmerzlich erfahren:
Im Gesundheitswesen, bei der sozialen Absicherung von Krankheit und Alter, in der Bildung.
Und wenn nicht schnellstens alle demokratisch gesinnten Menschen von konservativ über liberal bis progressiv gemeinsam an einem Strang ziehen, durch den Verlust unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Das bedeutet dann, um es mit der Kostenfrage aus der Überschrift zu benennen, die ultimative Bankrotterklärung.

Wollen wir das wirklich sehenden Auges riskieren? Oder bekommt unser Land doch noch den Hintern hoch? Können – und wollen – wir beweisen, dass wir alle zusammen mehr schaffen, als wir uns zutrauen?
Wenn schon unsere Politiker teilweise nicht dazu in der Lage zu sein scheinen, sollten wir, die Wählenden, der Souverän, ihnen vormachen, wie es besser geht.
Mit souveränem (selbstsicherem) Handeln.

If WE can dream it, WE can do it.

An den unbekannten Fan …

… in North Bergen, New Jersey.

Die letzten 30 Tage

Um mit einem bedeutungsgewaltigen Heine-Zitat zu beginnen:
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …
409 verschiedene Artikel wurden in den letzten 30 Tagen aufgerufen. In bester „Raupe-Nimmersatt“-Manier liest sich jemand aus North Bergen im US-Bundesstaat New Jersey akribisch durch meinen Blog. (Gefolgt von Mountain View, Hongkong und Singapur. Echt jetzt?) In aller Ruhe, keine massenhaften Abfragen innerhalb kürzester Zeit.
Sollte ich misstrauisch sein? Werde ich überprüft? Gelte ich als Störenfried oder werde ich einfach langsam übernervös? Und warum eigentlich, ich halte mich schließlich an alle Regeln und Gesetze, kein Grund zur Sorge.
Sitzt in North Bergen irgendeine Institution, die Blogger stalkt? Gemessen an der Zahl der Zugriffe ist die SPAM-Rate bei Jetpack vergleichsweise niedrig🤔.

In welchen Zeiten lebe ich, dass ich das Gefühl habe, paranoid zu werden?
Ich blogge über Bücher, über Ausflüge, über Episoden meines Lebens, über die Lust an Differenzierung und Perspektivwechsel.
Keine Systemumsturzphantasien. Kein Revoluzzertum. Nicht mal schnöde Gewaltaufrufe (okay, das ist jetzt sarkastisch, sorry, die Lage gibt es einfach her).

Und so beschließe ich, es könnte ja auch etwas ganz anderes dahinterstecken. Eine ehemalige Mitschülerin oder ein Auswanderer aus Porta Westfalica hat mich entdeckt😁. Wink👋 doch mal oder schreib📝 mir.
Klar ist die Wahrscheinlichkeit nicht riesig. Aber andere biegen sich die Realität in ganz anderen Themenbereichen zurecht, da kann ich das doch auch mal ausprobieren, so ansatzweise und auf weltpolitisch belanglosen Gebiet.

Wie dem auch sei, liebe Grüße über den großen Teich und in die zentraleuropäische Bloggergemeinde. Habt ein schönes Frühlingswochenende.

Partei ergreifen

Muss jetzt sein. Seit ein paar Tagen bin ich offiziell nicht nur Oma gegen Rechts, sondern Mitglied einer demokratischen Partei. Erstmal werde ich mich langsam herantasten, dann zusehen, wo ich Ideen einbringen kann.
Parteimitglied sein heißt übrigens nicht, alles abzunicken, selbst wenn es mir gegen den Strich geht. Es heißt, sich in Diskussionen und Entscheidungsprozesse mit Argumenten und -ganz wichtig – mit Respekt einzubringen. Ideen zum Leben erwecken.
Aber auch: sich gegen Konzepte stellen, die sich vom Grundgesetz, der Basis unserer Demokratie und ihrer Werte, verabschieden oder beides zu einer verzerrten Karikatur degradieren wollen .

Oberste Maxime: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Jedes Menschen. Mann, Frau und alles dazwischen. Weiß, Schwarz, blond oder dunkelhaarig. Und was es sonst noch so an Teints gibt. Olympionike oder gehandicapt. Arm oder reich. Jung oder Alt. Biodeutsch oder zugezogen.
Und sogar für AfD-Wähler gilt das. – Ich wusste, die Sache hat einen Haken.

Niemand hat gesagt, dass Demokratie einfach ist, aber meine Generation ist aufgewachsen mit dem Gefühl, dass sie selbstverständlich und eben – einfach vorhanden ist. Seit einigen Jahren erleben wir: wenn man etwas als selbstverständlich ansieht, verliert man das Bewusstsein für den Wert, für die Errungenschaften, sogar für das respektvolle miteinander Ringen um gute Lösungen für die Herausforderungen der Zeit.
Trotzdem kann ich mich nicht genau so verhalten wie diejenigen, die mit den Mitteln der demokratischen Institutionen eben diese abschaffen wollen. Auch dann nicht, wenn es mir schwer fällt.
Standhaft in der Sache, zugewandt zu den Menschen. Wege suchen statt Gründe (es nicht zu versuchen).

Mal sehen, wie es gelingt.

Amore al Limone

Wenn es draußen wärmer wird, wachsen sowohl das Fernweh als auch der Appetit auf frische, mediterrane Küche. Der Wunsch nach dem Lebensgefühl des Dolce Vita, Unbeschwertheit und gemeinsamen Abenden auf der Terrasse.

Wer es nicht abwarten kann, ist mit diesem Buch reich beschenkt. Wunderschöne und inspirierende Food- und Landschaftsfotografie, abwechslungsreiche Geschichten und göttliche Rezepte verwöhnen Augen, Gefühle und Geschmacksnerven. Schon von außen besticht das Buch durch ein edles, an Büttenpapier erinnerndes, geprägtes Cover.
Ob süß oder salzig, Antipasti, Hauptgerichte, Desserts oder Gebäck, für jeden Geschmack ist das Passende dabei. Die Fotos machen Lust, den Tisch ebenso appetitanregend zu decken, die Rezepte nachzukochen und Familie, Freunde und Nachbarn einzuladen.
Die übriggebliebenen Reste der Zitrusfrüchte werden übrigens ganz nebenher und selbstverständlich im Haushalt zum Putzen, für einen frischen Duft und ähnliches weiterverwendet, auch dafür liefert die Autorin den einen oder anderen praktischen Tipp.

Meine Empfehlung: Nicht ganz billig, aber seinen Preis wert. Auch als außergewöhnliches Geschenk zu Hochzeiten, Geburtstagen oder anderen Anlässen.

Bibliographische Angaben: Letitia Clark, Amore al Limone; ZS – Edel Verlagsgruppe, ISBN 978-3-96584-595-4; 34,- €

Überarbeitungsmodus

Was sich auf dem Blog so leicht wegschreibt, klingt in einem Buchmanuskript gleich viel anders. Bloggen ist teilweise, jedenfalls bei den Montagsmotzen, verschriftlichtes Mundwerk. Im Buch muss ich versuchen, ein wenig mehr „richtiges“ Schriftdeutsch zu verwenden, ohne den Ärger, den Schwung und die Energie rauszunehmen. Deswegen klappt das auch nicht so schnell, wie ich es gern hätte.

Manches Mal überlege ich minutenlang, an welcher Stelle ich Wortwiederholungen streichen kann und wo sie unverzichtbar sind, um die Botschaft so zu transportieren, wie ich sie zum jeweiligen Zeitpunkt gemeint habe.
Ganze Absätze stehen mitunter zur Disposition. Weil ich selbst merke, dass die rhetorischen Pferde mit mir durchgegangen sind. Oder weil ich mich frage, was zum Teufel ich vor zwei Jahren genau ausdrücken wollte.
Und manchmal auch, weil sich meine eigene Einstellung seit dem ursprünglichen Blogbeitrag geändert hat, zu einem kleinen Detail oder zum ganzen Thema. Das ist nicht schlecht oder schlimm, zeigt es mir doch, dass ich neue Informationen kenne, die mich weitergebracht haben. Oder auch, dass es Ereignisse gibt, die mich zur Neubewertung veranlasst haben.

In solchen Fällen brüte ich dann auch schon mal längere Zeit darüber, ob ich dem Thema und mir selbst gerechter werde, wenn ich einen Beitrag aus dem Manuskript entferne oder lieber eine einordnende Nachbemerkung dazu schreibe.
Ich stelle fest, den Status „Hobby“ habe ich bereits hinter mir, das nächste Level „Debütantin“ ist zwar noch nicht erreicht, aber liegt in Sichtweite, zumindest mit dem Fernglas. Arbeit ist es jedenfalls, kein Spleen.
Und ab und zu wundere ich mich über meine eigenen verworrenen oder verwirrenden Denkprozesse.

Insgesamt ist es immer mal wieder erstaunlich, welche Themen sich durch die Zeit ziehen. Und auf welche Art. An einigen Stellen denke ich „Ach Mensch. Siehste, geht doch!“ Und an anderen umgekehrt: „Siehste! Ist doch nicht so einfach wie du dachtest. Ach Menno.“
Ob die Ampel oder Schwarz/Rot am Ruder steht, macht in vielen Bereichen relativ wenig Unterschied. Weil Deutschland keine Insel ist, weil unser Denken, aber vor allem das Entscheiden und Wirtschaften in weiten Teilen abhängt von dem, was rund um uns herum passiert. Spätestens die Lieferkettenstörungen pfuschen im wahrsten Sinn des Wortes ins Handwerk.

Ich werde also weiter überarbeiten und nebenbei überlegen, ob ich nochmal die Suche nach einer Agentur starte oder den Weg ins Self Publishing wähle. Für letzteres brauche ich finanzielle Ressourcen, denn eine Veröffentlichung ohne anständiges Lektorat kommt nicht in Frage, dagegen sprechen meine eigenen Qualitätsansprüche. Beim vermuteten Umfang des Buches muss ich mit ungefähr 1.500 € rechnen.
Inzwischen habe ich mir sogar Gedanken über Crowd Funding gemacht, schrecke aber noch davor zurück. Bei der Entscheidungsfindung hilft es mir, mich mit dem entsprechenden Blogbeitrag der Autorinnen-WG zu beschäftigen. Bislang gibt es nur den Kaffee-Button auf der Startseite meines Blogs. Und bisher gab es genau eine Person, die diesen Button nutzte.
Dieter wird dafür eine eigene Widmung im Buch bekommen, die ist schon geschrieben. Auch wenn ich nicht weiß, ob er die liest, dort, wo er jetzt hoffentlich von seiner Wolke herunterschaut.
Kommt Zeit, kommt Rat.

„Dark Romance“

Ein paar grundsätzliche Überlegungen, auch vor dem Hintergrund der aktuellen (und leider bereits wieder abebbenden) Debatte um sexuellen Missbrauch, sei es physisch, psychisch oder digital.
Als Vorbemerkung und in diesem konkreten Fall auch als Triggerwarnung.

Vorweg: Ich konnte weder den Hype um „50 Shades of Grey“ und erst recht nicht um all das, was danach in dieser Richtung folgt(e), nachvollziehen.
Bis heute kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass eine so große Anzahl an Frauen tatsächlich aus eigenem Antrieb auf Schläge, BDSM oder andere Praktiken steht, die mit körperlichen oder seelischen Schmerzen und Unterwerfung verbunden sind.
Möglicherweise hat es etwas mit Ereignissen zu tun, die bereits ungefähr 37 Jahre zurückliegen, die mir nicht gutgetan haben und die ich fälschlicherweise als „abgearbeitet“ eingeordnet hatte, ehe sie mich in diesem Frühjahr wieder einholten.

Ich lese also keine Bücher, die in diesem Bereich einzuordnen sind. Und auch das folgende habe ich mehr überflogen als intensiv gelesen. Reichte vollkommen. Dabei hatte ich bei Netgalley sorgfältig nachgeschaut, was ich mir zumuten würde. Vom Autorenduo Piper Rayne hatte ich bereits zwei Bücher gelesen, die zwar spicy und etwas frech, aber durchaus auch für Frauen Ü30 lesbar sind, weil die Protagonisten durchweg mitten im Leben und nicht am Beginn ihres Erwachsenendaseins stehen.
Die Nacht, die dem Lesen folgte, war keine gute. Und doch war es richtig, dass ich den Versuch gestartet habe.

Vor einigen Monaten habe ich eine junge Frau gefragt, was die Faszination an diesen Büchern ausmacht. Die Antwort hat mich verblüfft: „Weil sie dann sehen, es kann noch schlimmer kommen als in ihrem realen Leben.“
Die Verblüffung notierte ich in meinem Langzeitgedächtnis unter „Aha“ ein und vergaß sie für einige Zeit wieder.
Seit März 2026 kreist der Satz aber wieder in meiner täglichen Denkschleife. Zusammen übrigens mit den vermuteten Dunkelziffern, was den Komplex „sexuelle Übergriffe und die Zahlen derer, die tatsächlich angezeigt werden“ angeht.

Nun gut, ich lese auch keine Horrorromane und weiß natürlich, dass nicht aus allen LeserInnen solcher Bücher Serienkiller werden. Ebenso natürlich gehe ich davon aus, dass nicht jede Leserin von Dark Romance eigene Erfahrungen mit toxischen Beziehungen hat.
Ich gehe allerdings sehr wohl davon aus, dass vor allem – aber nicht nur – junge Frauen einen Hang zu romantischen Vorstellungen davon haben, durch die Liebe der „richtigen“ Frau könne ein „Bad Boy“ (was für eine Untertreibung für „misogynes Ar***loch“) zu einem geläuterten „Prince Charming“ mutieren.
Und ich habe eine gewaltige Abscheu davor, mit Buchempfehlungen dieses Bild zu befeuern. Ganz davon abgesehen, dass vor dem „Happy End“ eine ordentliche Portion an toxischem Verhalten und oftmals sehr expliziten, harten Sexszenen zu bewältigen sind.
Meiner Meinung nach gibt dieses Genre den Vertretern von Incel-„Kultur“ und Manosphere argumentativ Auftrieb: „Du willst es doch auch, also nehme ich es mir. Und es macht mich an, wenn du dich wehrst oder schreist.“

Nach der Lektüre schrieb ich folgendes, und zwar nicht als Info für den Verlag, sondern als normale Rezension:


Normalerweise informiere ich nur die Verlage, wenn ich keine ordentliche Empfehlung für einen Titel abgeben kann, aber ich mache heute eine Ausnahme. Aus Gründen.
Der missbräuchliche Umgang mit Frauen ist zurzeit in aller Munde, was durchweg zu begrüßen ist. Aufgrund lange zurückliegender eigener Erfahrungen mit einer sehr problematischen Beziehung, die meinen Bedürfnissen keinen Raum bot, sehe ich diese Art Literatur, die sich „Dark Romance“ nennt – was bitte ist daran romantisch? – sehr kritisch und mache einen großen Bogen.
Nun kann man schlecht mitreden, wenn man etwas überhaupt nicht kennt, deswegen wählte ich mehr oder weniger willkürlich diesen Titel aus. Und meine Rezension bezieht sich so auch vor allem auf diesen Titel, aber bezieht grundsätzliche Überlegungen zum Genre ein.
Die Autorinnen schreiben im Nachwort: „Wir lieben diese Geschichte … wir wollten eine starke Heldin …“ usw.
Und ja, Mira ist eine starke junge Frau, die sich in einer rückständigen, patriarchalen Welt behaupten will. Und irgendwie schafft sie es am Ende mit vielen Blessuren. Das ist aber auch schon fast das Einzige, was ich als Pluspunkt sehe (und was den mindestens einen Stern rechtfertigt, den ich vergeben MUSS).
Nicht, weil ich prüde bin. Sondern weil ich nicht die einzige Frau (und nicht einmal die am heftigsten betroffene) bin, die die Erfahrung machen musste, dass sich Typen nicht ändern, weil eine junge Frau sie mit ihrer Liebe dazu bringt.
Weil ich die Mädchen sehe, die vor unseren Bücherregalen in diese Bücher reinlesen. Mädchen, die oft erst 14 Jahre alt sind und mit einer vollkommen verqueren Vorstellung von Sexualität und Intimität, aber auch der höchstpersönlichen Intimsphäre konfrontiert werden.

Haltet mich jetzt meinetwegen alle für rückständig, ich finde das höchst problematisch. Vor allem, seit ich in den letzten Wochen am eigenen Leib erlebe, dass Wunden auch nach 35 Jahren noch Wunden sind, dass sie noch gären, schmerzen und sogar nach langer Zeit Vertrauen kosten. Dass sie selbst spätere, gelingende Beziehungen auf harte Proben stellen können. Als Autorin, als Verlag, als Händler sind wir Teil einer Gesellschaft, die dringend besser aufeinander aufpassen muss. Wir tragen Verantwortung , die über ein „Aber die wollen das lesen, also bieten wir es ihnen“ hinausgeht.


Buchhandlungen sind im Allgemeinen nicht wie früher die Videotheken, sie haben keine „Ü18“-Abteilung. Und die Zeiten, in denen Titel mit der berühmt-berüchtigten Meldenummer 60: indiziert, führen wir nicht versehen wurden, weil sie sittlichen Ansprüchen nicht entsprachen (heute betrifft es nur noch Bücher, die gegen die Verfassung verstoßen oder explizit zu Gewalt aufrufen), sind vorbei.
Inzwischen versehen Verlage aber ihre Titel, die in einer eigenartigen Melange von Dark Romance, Dark Fantasy und New Adult sowieso schon schwierig in der Einordnung für ein bestimmtes Regal sind, mit Stickern „Empfohlen ab 18 Jahren“. Es sind aber nur Empfehlungen, keine verbindlichen Vorgaben.
Wir können natürlich den Ausweis an der Kasse verlangen, bekommen aber im Zweifelsfall Ärger mit den Eltern, die ihre Töchter bevormundet sehen, also lassen wir das und geben lieber unsere eigene Einschätzung ab. Nicht selten werden wir für unsere altmodische Meinung belächelt.
Wir können uns entscheiden, diese Bücher nicht ans Lager zu nehmen. Mit der Konsequenz, dass wir erwachsenen Frauen die Wahl abnehmen und sie zu den großen Filialisten und Online-Händlern schicken, die nicht nachfragen, nicht beraten, nicht einordnen.

Man kann Menschen nicht jede Erfahrung ersparen. Aber ist es so unverständlich, wenn man aus eigener bitterer Erfahrung jungen Frauen gewisse Situationen einfach nicht wünscht?
Ich frage mich heute, wie sich mein Leben weiter abgespielt hätte, wenn meine erste Beziehung diejenige gewesen wäre, die sich so unglücklich (mir fehlen immer noch die passenden Worte) für mich entwickelt hat.
Ich finde, es ist ein Unterschied, ob ein Kind erst in die Kerzenflamme fasst, um zu spüren „Feuer ist heiß“ oder ob es um Missachtung der Menschenwürde und der Persönlichkeitsrechte von Frauen – und auch, wenn es absolut gesehen seltener vorkommt: von Männern – geht.

Und nun frage ich mich, ob es gerecht ist, dass ich euch einen solchen Beitrag an einem Sonntag zumute. Vielleicht ist es aber auch gerade an einem Sonntag möglich, sich ohne die Ablenkungen des Alltages ein paar differenzierende Gedanken zu dem Thema zu machen.
Und wenn ihr Dark Romance gern und mit Genuss lesen wollt und könnt: Glückwunsch. Ich will euch das nicht madig machen, ich möchte einfach darauf aufmerksam machen, dass es auch durchaus problematisch sein kann, sich dieser Literaturgattung und ihrem Sog, der durchaus entstehen kann, hinzugeben.

Die Sternwarte von Kirkby

Ein Roman aus der Reihe Highland Happiness

Jetzt habe ich doch vor lauter unerfreulichen Themen in der letzten Zeit glatt den EVT des neuen Kirkby-Wohlfühlromans verpasst.
Dabei hat meine Lieblings-Charlotte (Ihre neueste Identität als C. Tarnowski wirft aber auch verheißungsvolle Schatten voraus, das kann ich schon verraten. Mehr dazu im Mai…) sich mal wieder selbst übertroffen mit ihren Innovationen für das kleine, immer noch leider nur fiktive schottische Dorf.

Flora, die Wollladen-Inhaberin, staunt nicht schlecht, als sich der Windkraft-Ingenieur Leo, der Kirkby in Sachen Energiewende beraten soll, als alter Bekannter entpuppt. Während sie sich noch Gedanken macht, ob es ein Wink oder ein schlechter Scherz des Schicksals ist, staunt sie sogar noch mehr, als sie bei einem Waldspaziergang ein altes Observatorium entdeckt, das bereits so lange in Vergessenheit geraten ist, dass sich buchstäblich niemand im Dorf erinnern kann.
Und so nehmen unterschiedliche Ereignisse ihren Lauf:
Shona von der Destillerie ist die erste, die sich auf eine neue, innovative Art der Windenergiegewinnung einlässt: ein Cluster-Windrad soll es sein.
[Kleiner Einschub meinerseits: ja, diese Technologie gibt es tatsächlich, ich habe nach etwas ausführlicher Suche im Netz Infos dazu gefunden, vor allem in Norwegen und Japan wird an diesen Windkraftanlagen geforscht, die aus vielen Mini-Windrädern bestehen, die zu einer großen Anlage zusammengefasst werden und durch ihre Bauart viel mehr Wind (richtungsunabhängig) catchen können als herkömmliche Anlagen. Lesen bildet. Auch das Lesen von Unterhaltungsliteratur.
Nimm das, Denis Scheck!]

Allerdings wäre Charlotte nicht Charlotte und Kirkby nicht Kirkby, wenn es nicht, sagen wir mal, etwas … speziell … würde😂.
Denn die Windanlage, die Shona in exponierter Lage hingestellt bekommt, entfacht durch ihre Bauart eine rege bis empörte Diskussion und überregionale Pressepräsenz. Mehr sei nicht verraten, nur so viel: Ich möchte so ein Teil un-be-dingt mal in Echt sehen🤣.
Währenddessen finden Bürgermeister Collum, Flora und Leo heraus, wem die Sternwarte gehört und Collum verfällt sofort in umtriebiges Planen.
Alle diese Vorkommnisse führen bei Shonas Vater Marlin zu mächtig schlechter Laune und Widerstand…

Es hat mir mal wieder sehr viel Spaß gemacht, eine kleine Auszeit in dem Highland-Örtchen zu machen, das mir zunehmend wie ein gallisches Dorf vorkommt: Man fetzt sich, man verträgt sich wieder, man ist stur und verbohrt oder innovativ und experimentell, aber immer wird am Ende ein großes Fest gefeiert und alle sind zufrieden. Herrlich. So soll das!

Bibliographische Angaben: Charlotte McGregor, Die Sternwarte von Kirkby; Verlag Autorinnen-WG, ISBN 978-3-91084-329-5; 14,99 €

PS: Wenn ich schon mit Magen-Darm, Tee und Wärmflasche zu Hause sitze, statt auf der Flensburger Förde herumzuschippern oder Annies Hotdogs mit Blick auf die Ochseninseln zu genießen, kann ich wenigstens produktiv sein.
Und Parteiprogramme zu lesen, wie ich es mir heute früh vorgenommen hatte (nach dem Motto:“Schlecht geht es mir sowieso schon, da kommt es auf ein bisschen auch nicht mehr an.“) war mir denn doch zu dröge. Davon wird mir je nach Partei nicht nur schlecht, sondern ist ein erprobtes Universalmittel, egal ob ich Blutdruck bekommen oder einschlafen will.

Der amerikanische Albtraum

Titelbild auf Netgalley

Nach Rieke Havertz der zweite US-Korrespondent in diesem Jahr, der um die USA trauert. Und wie auch beim erstgenannten Buch gefällt es mir sehr gut, dass die Diskrepanz zwischen Bevölkerung und Regierung, die zumindest in Teilen sehr ausgeprägt ist, Platz findet.
Klaus Brinkbäumer glorifiziert nicht das „verloren gegangene“ Amerika, das wir aus Spielfilmen jeglicher Art zu kennen meinen, er verschweigt nicht, dass die USA in jeder Epoche Enormes geleistet, aber auch ziemlich viel falsch gemacht haben, dass vor allem amerikanische Binneninteressen seit jeher die Leitlinie sind und die restliche Welt erst mit Abstand hinterherhinkt.
Immer wieder vergewissert er sich, dass seine Diagnosen und Erkenntnisse nicht nur dem Blick des Europäers auf die USA entspringen, der von außen auf das Land blickt, sondern dass sie gedeckt werden von us-amerikanischen und kanadischen Analysten, von inländischen Journalistenkollegen und „ganz normalen“ Bürgern.
Aus seinem Buch spricht Liebe zu einem ambivalenten Land, Sehnsucht nach Normalität, Enttäuschung und auch Hoffnung, dass es sich auch wieder zum Besseren wenden kann.

Meine Meinung: Lesenswert.

Bibliographische Angaben: Klaus Brinkbäumer, Der amerikanische Albtraum; S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-397733-2; 24,- €

Die Offenbarung nach Barbie

Ja, ich bin mal wieder Spätzünderin. Aber besser spät als nie, würde ich sagen. Ich hatte bis gestern Abend doch tatsächlich noch nie den Barbie-Film gesehen.

Julia sei dank hat sich das geändert, wir haben einen gemütlichen Mutter-Tochter-Filmabend mit der augenkrebsfördernden, aber spaßig-absurden pink-bunten Spielzeugwelt verbracht. Ich fühlte mich in Zeiten zurückkatapultiert, in denen ich vor den Schaufenstern des Mindener Vedes-Fachgeschäftes mit leuchtenden Augen vor den damals noch relativ sparsamen Accessoires der Firma Mattel stand.
Überhaupt nicht mit den vielen Ausstattungsgegenständen vergleichbar, die seitdem dazukamen und im Film liebevoll auf Lebensgröße gewachsen sind.

Margot Robbie und Ryan Gosling als pinkfarbene Puppen-Ikonen, deren Existenz die Welt in Barbie-Liebhaber und Barbie-Hasser zu spalten scheint. Sicher, die Art, wie Barbiepuppen mit ihren Proportionen daherkommen, die eine Frau aus Fleisch und Blut schon aus anatomischen Gründen kaum erreichen kann (es gab meines Wissens nach mal Untersuchungen dazu) ist arg sexistisch. Gleichzeitig ist sie aber auch ziemlich asexuell. Und Ken erst recht. (Im Film sagt eine Barbie ironisch „Ich wüsste zu gern mal, was für eine Plastikbeule unter seiner Jeans steckt“. Autsch!)
Andererseits kann Barbie einfach alles sein, was sie oder ihre Besitzerin sich wünscht. Und sie muss nicht gegen ein real existierendes Patriarchat kämpfen, denn mehr als Randfiguren sind die Kens nicht. (Schönen Gruß an alle Männer, die sich von der Manosphere angezogen fühlen: so wie im Film die Kens dargestellt werden, seht ihr uns Frauen im realen Leben: Schmückendes Beiwerk, stets zu Diensten, aber nicht sonderlich helle. Nicht schön, so reduziert zu werden, oder?)

Aber neben den gut gelaunten, etwas schlichten, stereotypen, weißen, blonden und den jeweiligen Körperidealen entsprechenden Hauptcharakteren glänzt eine andere Frau:
America Ferrera ist für mich die eigentliche Heldin der Komödie mit dem bittersüßen, wahren Kern.

Die Bildqualität des Ausschnitts ist miserabel. Vermutlich zum x-ten mal irgendwo abgefilmt. Aber der Text ist gut hörbar. Und wenn sie euch zu schnell spricht, schaltet die Geschwindigkeit runter, um ganz genau zuhören zu können.
Die ungehaltene Rede einer ungehaltenen Frau. Female Rage in Perfektion.
Offensichtlich ist es nicht das erste Mal, dass diese Schauspielerin in einer Rolle glänzt, die das weibliche Selbstverständnis – nein, das ist falsch: das von vielen Männern gern gesehene weibliche Rollenverständnis – ad absurdum führt.
Siehe die Auszeichnung , die sie genau dafür erhält.
Nicht nur in den USA dürfte das manchen Vertretern der Parteien, die einmal konservativ genannt wurden, aber inzwischen nur noch Karikaturen einer bewahrenden Geisteshaltung darstellen, nicht gefallen.

Vielleicht mag es sein, dass ich, wie oft in den letzten Wochen, etwas auf Krawall gebürstet bin.

Bestimmt ist es so, dass ich in manchen Dingen zurzeit sehr dünnhäutig bin.

Nicht nur wegen der mehr oder weniger offenen Lügenbezichtigung und Verachtungskommentare, die Frauen in den sozialen Medien entgegenschlagen, die sich zum Thema Missbrauch in jedweder Form äußern.

Nicht nur wegen der allzu oft (leider auch von Frauen) vorgebrachten Vorwürfe, die in den Chorus des „Selbst schuld, warum geht sie auch so [hier beliebiges Argument einsetzen, vom Outfit über das Makeup bis hin zum Bewegungsmuster oder sogar zur Argumentation!] in die Öffentlichkeit“ einstimmen.

Und ganz sicher ärgere ich mich über die sogenannte Literaturkritik des Hausherrn der Sendung „Druckfrisch“ vom 29. März, als er gleich drei Sachbücher von Frauen in die Tonne schmiss.
Dass er mit weiblichen Sichtweisen so seine Probleme hat, ist nicht neu:

Denis Scheck – Wikipedia

Vermutlich braucht man einen gewissen Standesdünkel sowie gute Portionen Arroganz, Überheblichkeit und übersteigerte Selbstgewissheit, um sich so lange wie Scheck an der Spitze einer (meiner Meinung nach in vielen Punkten) überbewerteten Branche zu halten.
Sowohl Ildíko von Kürthy, Sophie Passmann als auch Melanie Pignitter befassen sich mit real existierenden Problemen, die Frauen oftmals aufgrund männlicher Dominanz und Denkherrschaft jahre- bis jahrzehntelang beschäftigen. Probleme, die sie nicht in diesem Ausmaß hätten, wenn sie nicht damit aufgewachsen wären, Ansprüche zu erfüllen, die zwar häufig von Frauen (die auch schon so aufwuchsen) an sie herangetragen wurden, die aber auf männlichen Idealen einer Frau beruhen. Wie sie auszusehen hat, wie sie sich zu geben hat, zu kleiden, zu bewegen, zu äußern …
Kurz gesagt: Zwischen Heilige und Hure ist der Grat oftmals hauchfein.

Da ist es nur eine winzig kleine Genugtuung, dass auch der neueste Erguss von Peter Hahnes „Kolumnen“ den Weg im hohen Bogen in die Tonne schaffte. Vor allem wegen der Begründung: Es fehle ihm zunehmend an Biss.
Und nicht etwa, weil der jammernde und gestrigkeitsverliebte, salbadernde Duktus, der überall nur den Niedergang des christlichen Abendlandes wittert, einfach unerträglich wird, je öfter er aufgekocht wird.
So. Das war jetzt MEIN Verriss. Aus vollem Herzen. Nur, weil jemand aus meiner Nachbarstadt stammt, muss ich nicht sein Fan sein.
Und ich frage mich einmal mehr, warum ältere Herrn, die in ihren frühen Jahren durchaus eine relativ feinsinnige konservative Haltung samt valider Argumente vertraten, mit ihrem Spätwerk häufig auf unerträgliche Weise offenbaren, dass sie mit der Veränderung der Welt nicht mehr klarkommen und sich öffentlich dem Selbstmitleid ergeben.

Bleibt am Ende noch zu erwähnen, dass ich die letzte Nacht nach langer Zeit einmal wieder fest und ohne erinnerte wirre Träume geschlafen habe.
Offensichtlich brauchte ich den Film genau jetzt. Und damit ist es auch vollkommen in Ordnung, zwei Jahre Verspätung zu haben.

Städtebau mal anders

Im Zuge meiner Recherchen zu dem breiten und äußerst interessanten Themenbereich Wohnen/Gemeinschaft/neu nutzen statt neu bauen habe ich bei Instagram diesen Beitrag gefunden:

Auf Instagram gefunden

Die restlichen Slides fasse ich mal kurz zusammen:
Seit den 1960er Jahren erforschte der Architekt Jan Gehl systematisch das Verhalten von Menschen in den Städten, weil er überzeugt war, dass Städte nicht für Autos, sondern für Menschen gemacht sein sollten.
Anhand seiner Erkenntnisse baute er Stadtviertel, die den Fahrrad- und Fußverkehr in den Mittelpunkt stellen. Mit beheizbaren Radwegen, grüner Welle für Radverkehr, mit Freizeit- und Sportmöglichkeiten innerhalb der Quartiere und anderen Maßnahmen, die das Leben bewegungsreicher, geselliger und insgesamt angenehmer gestalten.

Am PC habe ich leider nichts näheres genau darüber finden können, aber etwas ähnliches:

Ramboll: Stadt der Zukunft – mutiger Ansatz für Wandel – Ramboll

In Minden wollte man übrigens auch ein klitzekleines Stadtstückchen mit einer Klimasiedlung bebauen. Nach langen Jahren Planung, vielen Einwänden von Einwohnern rund um das neu zu bauende Gebiet und etlichem Behördenheckmeck wurde es eingestampft. Weil bei uns immer wieder die Bedenkenträger und die Nostalgiker (das war der freundlichste Ausdruck, der mir dafür eingefallen ist) siegen. Weil der Mut zur Innovation, zum Neuen fehlt.

Intelligente Stadtgestaltung. Seufz! Und mutige Menschen:

Ich wünsche mir diesen Mut auf Neues und auf gemeinsame Konzepte auch hier bei uns. Kann mir doch niemand sagen, dass wir so etwas nicht schaffen können. Wir müssen nur wollen.

93.000 €

[Eine kleine Presseschau nach nachrichtenarmen (genauer gesagt eher nachrichtenkonsumarmen) Ostertagen. Und weil ich am Ostermontag nicht motzen wollte, hole ich es am heutigen Dienstag nach.]

93.000 € also. Plus/minus ein paar Zerquetschte. Und das mal vier. Das sind dann roundabout 372.000 €. Pro (politischer) Gemeinde. Davon gibt es nämlich zurzeit 10.747 in Deutschland. Hoch verschuldet sind die allermeisten davon, einige löbliche Ausnahmen bestätigen die Regel und nehmen sich in vielerlei Hinsicht wie gallische Dörfer aus. Nicht zuletzt dadurch, dass sich viele dieser Ausnahmen durch Verwaltungen und Lokalpolitik auszeichnen, die konsequent am eigenen Bedürfnis entlanghandeln, nicht an Berliner Wünschen.

Natürlich besser als nichts. Aber so richtig reißen können die teils bis über die verwaltungstechnischen Ohren verschuldeten Kommunen damit auch nichts. Jedenfalls nicht den ÖPNV revolutionieren, so dass auch alle was davon haben. Oder die Schulen und Schwimmbäder auf den energetisch wünschenswerten Stand bringen. Oder was sonst noch so anliegt.

Immerhin scheint mir das noch der Vorschlag gegen klamme Kassen zu sein, der am meisten für die breite Mehrheit der Menschen im Land bringen kann.
Denn Deutschland diskutiert über Energiepreise. Nirgends schielen die Konzerne in der beginnenden Ölkrise so gnadenlos in die Portemonnaies der Verbraucher wie hierzulande.

Sparmaßnahmen: Energieagentur fordert Tempolimit und Homeoffice gegen Ölkrise

An wen hat die internationale Energie-Agentur wohl gedacht, als sie den Konjunktiv verwendete? An das europäische Land, in dem es aus unerfindlichen Gründen unmöglich ist, ein Tempolimit auch nur ernsthaft in Erwägung zu ziehen, und fast noch unmöglicher, eine Übergewinnsteuer einzuführen oder den Konzernen auf anderem Weg einen Deckel für ihre Gier zu verpassen?

Diese Maßnahmen gegen hohe Spritpreise werden diskutiert | tagesschau.de


Ausgerechnet an der Stelle, an der ein Rückgriff auf 50 Jahre alte Maßnahmen (autofreie Sonntage, alternierende Fahrtage, je nach Kennzeichen) sinnvoll erscheint, wird er ausgeschlossen.
Und seit dem ersten April kennen die Preise an den Zapfsäulen offenbar nur noch eine Richtung: Aufwärts. Was im Übrigen zu erwarten war.
(Nur mal so nebenbei: Die Staus auf den Autobahnen lagen „nur“ am Osterreiseverkehr. Nirgends liegen Misthaufen auf den Kreuzungen. Kein Minister wird blockiert. Hm …)

Da spart man doch lieber kleinteilig am anderen Ende:

Familienministerin will kürzen: Kinder sollen weniger kosten | taz.de

Vorweg: es ist nicht alles schlecht an den geplanten Maßnahmen. Oder muss es zumindest nicht sein, je nach Ausgestaltung der Angebote.
Auf Qualifikation achten, Bildung ganzheitlich denken, generationengerechte Politik, Beteiligung auf allen Ebenen ermöglichen, Fokus auf junge Leute.
Das hatte Frau Prien im Mai 2025 in Aussicht gestellt. Klingt gut, nicht wahr?

DBJR lobt Haltung von Ministerin Prien zu Jugendbeteiligung | Jugendhilfeportal

Der Bundesjugendring freute sich auf erfolgreiche Zusammenarbeit, verwies auf das bereits 2023 in Zusammenarbeit mit dem Ministerium erarbeitete Impulspapier.
Dummerweise war das noch in der Ampel zustande gekommen und wahrscheinlich schon allein deshalb für die aktuelle Regierung durchgefallen.

DBJR lobt Haltung von Ministerin Prien zu Jugendbeteiligung | Jugendhilfeportal

So spart man nun also lieber bei fallgerechter Schulbegleitung (die eben in vielen Fällen eine 1:1-Betreuung voraussetzt) und Inklusionsleistungen. Für betroffene Familien bedeutet das finanzielle Einbußen, weil weniger Betreuungszeiten und Therapieeinheiten eben auch weniger Berufstätigkeit für Eltern (meist die Mütter, die sowieso schon Teilzeit arbeiten) notwendig machen. Es bedeutet aber vor allem weniger Teilhabe der unterstützungsbedürftigen Kinder, zum Beispiel bei Ausflügen und kreativen Aktionen, es bedeutet, dass Geschwisterkinder noch weiter mit ihren eigenen Bedürfnissen zurückstecken müssen, also in der Konsequenz mehr Hamsterrad und weniger Resilienz bei allen Familienangehörigen.

Was mich lange Zeit hilflos und traurig, aber zunehmend echt wütend zurücklässt: Immer wieder wird bei den Menschen Einsparpotenzial gesucht und gefunden, die in irgendeiner Weise am Anschlag ihrer Möglichkeiten stehen. Denn die verwenden alle ihre Energie, um den Alltag irgendwie zu wuppen. Sie haben keine einflussreichen Lobbyverbände (wie die Autofahrer), denn dafür fehlt Zeit, Geld und jede andere erdenkliche Ressource.
Und so rechnet man halt damit, dass kein nennenswerter Protest erfolgt.

Ich habe so dermaßen die Schnauze voll!

Ostersonntag, zwiespältig

Übrigens: Frauen waren zuerst am leeren Grab.

Sie sollten den Jüngern von der Auferstehung erzählen.

Fun Fact: die haben es nicht geglaubt.

Keine Pointe.

Ja, es kann durchaus sein, dass ich immer noch durch den Wind bin.

Frieden

Ostern. Friedensmärsche. Sehnsucht nach echtem, umfassenden Frieden.
Ich kann es nachvollziehen, ich verspüre diese Sehnsucht ja auch.
Aber wie schafft man Frieden in dieser friedlosen Welt?
Mit Abrüstung oder Aufrüstung? Mit strotzenden Waffenarsenalen oder leeren Händen und weißen Tüchern?
Vor allem, wenn es doch immer wieder Akteure gibt, die ganz offensichtlich keinen Frieden wollen. Denen es vollkommen egal ist, ob sie Leid über andere Staaten oder über eigene Soldaten bringen. Die weder vor erhobenen Händen noch vor militärischen Gegenschlägen Respekt haben. Die einfach nur ihre Macht demonstrieren wollen, koste es, was es wolle.

Sehr sehens- und bedenkenswert ist die Dokuserie

SO GEHT FRIEDEN! – 2teilige Doku-Serie – auslandsjournal

Neben der Erziehung der Kinder zu friedliebenden Erwachsenen, dem Trainieren von Konfliktlösungsstrategien und der selbstverständlichen Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen braucht es klare Regeln für die Mächtigen der Welt. Regeln, für deren Einhaltung ganz normale Menschen Rechenschaft fordern. Notfalls sich in den Weg stellen. Es braucht eine Gegenbewegung zur Ausbeutung von menschlichen und ökologischen Ressourcen, eine Einhegung der großen Konzerne.

Mehr Miteinander.
Mehr Akzeptanz, dass Menschen selbst dann unterschiedliche Ansichten, Erfahrungen, Vorlieben und Wünsche für ihren persönlichen Bereich haben, wenn sie im Großen und Ganzen für ähnliche Werte einstehen.
Und mehr Gnade mit unseren Fehlern und Unzulänglichkeiten. Die Einsicht, dass niemand perfekt ist, weder in seiner Sicht auf die Welt und ihre Entwicklung noch in den Maßnahmen, die er oder sie bereit ist, ein zubringen.
Das muss auch gar nicht sein.
Wenn alle erstmal das an Einsatz bringen, was sie sich zumuten, dann sehen sie, was möglich ist. Dann steckt diese Horizonterweiterung an, dann steigert sich Mut und Einsatz. Wir sind anscheinend so gepolt, dass wir konkrete Ergebnisse sehen müssen, ehe wir uns überzeugen lassen.

Viele kleine Dinge, die ins Rollen kommen, können die Welt verändern. Nicht nur zum Schlechten, sondern auch zum Besseren.
Und die notorischen Meckerer, die müssen übertönt werden.

Ich schreibe, also bin ich – weiterhin, nur anders

Mein Schreiben wird sich neu fokussieren.
Heute habe ich einen Teil meiner Schreiberei und des Gestaltens abgegeben.
Mit dem Absenden der Druckdatei und dem Abspeichern der verwendeten Dateien in einer Datensicherung beende ich meine achtjährige Tätigkeit für den Gemeindebrief meiner Kirchengemeinde.

Es hat mir Spaß gemacht, mich in das DTP-Programm MS Publisher einzufuchsen und ich habe begeistert ausprobiert, was damit alles möglich ist. Ich habe mit sehr vielen unterschiedlichen Leuten gesprochen und geschrieben, mir mehr oder weniger geduldig angehört, was man am Gemeindebrief noch verbessern kann und wo in der neuesten Ausgabe mal wieder der Fehlerteufel am Werk war. Ich habe mir angewöhnt, darauf wahlweise eloquent zu antworten mit „Wenn es dich stört, kannst du gern mitmachen und dich einbringen“ oder etwas frech mit „Wer Fehler findet, darf sie behalten“ und mitunter auch aufkeimenden Ärger (manchmal auch den über mich selbst) weggeatmet.

In der Funktion als Redaktions“leitung“ habe ich den Verantwortlichen, sowohl haupt- als auch ehrenamtlichen Mitarbeitenden, zu einer öffentlichen Sichtbarkeit schwarz auf weiß (ist halt unbestechlicher als ein Gespräch) – und häufig auch kunterbunt mit vielen Fotos – verholfen. Ich habe Abbrüche, Trennungen, Neuanfänge, eine Pandemie, ungewöhnliche Aktionen und vieles mehr begleitet.

Unvergessen wird mir unsere Osteraktion 2020 bleiben, als zu Beginn der Pandemie die Kirchen am höchsten kirchlichen Fest geschlossen bleiben mussten. Für eine solche Situation hatte niemand ein Blaupause, aber die Pfarrer wurden von Anfragen der Gemeindemitglieder bombardiert, die sich ein Ostern ohne Gottesdienst nicht vorstellen konnten. Wir schrieben kurzerhand und in Windeseile eine Osterausgabe als „Gemeindeblatt“ und vervielfältigten die entstandenen vier Seiten auf dem Drucker im Gemeindebüro, die in schriftlicher Form von Gründonnerstag über Karfreitag, Ostersonntag bis zum Montag alle Texte beinhaltete, die normalerweise in den Gottesdiensten Platz fanden. Wir gaben Tipps für Osteraktionen und Bastelarbeiten mit Kindern. Und etliche Kinder, Jugendliche und Erwachsene machten sich mit bunter Straßenkreide „bewaffnet“ auf den Weg, um Gehsteige und Plätze im öffentlichen Raum mit Osterbotschaften zu bemalen.

Obwohl in der Zeit der Pandemie viel Gewohntes und Liebgewonnenes nicht möglich war, gab es viele Mut machende, kreative, zuversichtliche und sogar auf eine neue Art gemeinschaftsstiftende Aktionen, ehe die große Müdigkeit und Resignation, auch mit dem Ukrainekrieg und anderen Konfliktsituationen verbunden, die Welt und ihre Resilienzfähgkeit lähmten. Auch das hielt Einzug in die Gemeinde und ihre seelsorgliche Arbeit.

Missen möchte ich die acht Jahre nicht. Sie waren phasenweise arbeitsreich, formten ein tolles Team (rein weiblich besetzt) mit allen unterschiedlichen Begabungen, die wir mitbrachten und entfalteten – und sie haben mir neue und lehrreiche Erfahrungen geschenkt.
Nun ist es für mich an der Zeit, andere Begebenheiten, Meinungen, Erfahrungen und auch ermutigende Erlebnisse zu verschriftlichen. Meine eigenen Ideen, Themen und Inspirationen noch stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Zu lernen, mein Studium zum Abschluss zu bringen und daran zu arbeiten, dass mich das Erlernte auf einen Weg führt, den ich bereits neugierig erkunde, aber unbedingt in voller Länge auskosten will.
Tschüss, Gemeindebrief.

Lesetagebuch und aktuelle Parallelen

Immer noch „Cum/EX“:

Im Jahr 2007 hat das Bundesfinanzministerium versucht, Cum/Ex-Betrug mit einem Gesetz zu unterbinden. Wie wir heute wissen, hat das nicht funktioniert. Will man wissen, warum, dann muss man sich die Umtriebe rund um dieses Gesetz genauer anschauen: Erstens fällt auf, dass die Gesetzesvorlage direkt vom Bankenverband stammte, einer mächtigen Lobbyorganisation. Zweitens fällt auf, dass die Vorlage des Bankenverbandes nahezu wörtlich, bis auf das letzte Komma, in das Gesetz übernommen wurde. Erstaunlicherweise. Das ist in etwa so, als würde man einer Autoschieberbande die Aufgabe übertragen, ein neues System für Sicherheitsschlösser zu entwickeln. Drittens fällt auf, dass das alles geschah, obwohl kritische Stimmen aus den eigenen Reihen der Finanzverwaltung darauf hinwiesen, dass diese Vorlage den Betrügern in die Hände spiele. Diese Stimmen wurden ignoriert, behielten aber recht: Nachdem dieses Gesetz verabschiedet worden war, nahm der Cum/Ex-Betrug erst richtig Fahrt auf. Denn der Gesetzentwurf enthielt zwar Regelungen für Leerverkäufer mit inländischen Depotbanken, richtete sich aber nicht an Leerverkäufer, die eine im Ausland ansässige Depotbank nutzten – mit dem Effekt, dass genau darüber fortan die Cum/Ex-Betrügereien abgewickelt wurden.

aus: Kapitel 4 „Ein Gesetz – null Effekt“

Ich weiß nicht, ob es euch ebenso geht, aber ich habe augenblicklich ständig die Werbung der Gelben Seiten als Dauerschleife im Hinterkopf. „Vielleicht hätte man jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt.“
Wobei: in den Ministerien gibt es ja nicht nur die Ministerinnen und Minister selbst, sondern auch Staatssekretäre, Beamte, Sachbearbeiter …
Das sind diejenigen, die wirklich vom Fach sind, sich also in der Materie durchaus zuhause fühlen sollten. Was muss dort für eine Arbeitsatmosphäre herrschen, wenn Lobbyeinfluss mehr bewirkt als fachliche Expertise, seriöse Risikoabwägung und solide Arbeit? Ich mag es mir kaum vorstellen.

Und ich kann auch nicht umhin, Parallelen zur aktuellen Lage der deutschen Politik zu ziehen. Gerade in puncto Energieversorgung habe ich ernsthafte Zweifel, dass wir gut beraten werden.
Förderungen und Einspeisevergütungen bei Investitionen von Privatleuten für eine breit aufgestellte Energiewende: streichen statt verstetigen. Statt den ÖPNV energisch zu fördern wie zum Beispiel in GB diskutiert man höhere Pendlerpauschalen. Statt Übergewinnsteuer für gierige Mineralölkonzerne: nur ein Preisanstieg an den Tankstellen pro Tag. Und alle, die in Grenznähe wohnen, besuchen öfter mal die jeweiligen Nachbarländer.
Einmal tanken, eine Ladung Lakritz (NL und DK), bei Touren nach Frankreich auch gern mal Entenpastete😉, oder tschechisches Lagerbier aus Böhmen, bitte.
Und die feuchten Träume der Luftverkehrslobby von der Senkung der Ticketsteuer, die seit dem letzten Herbst bestehen, dürften auch durchgewinkt werden, allen Mahnungen der EU und auch allen Marktgesetzen zum Trotz.

Homeoffice, Tempolimits, weniger Flüge: EU-Kommission ruft zum Energiesparen auf
Meine neue Challenge: bei jeder Fahrt mit dem Auto den Verbrauch vom Vortag unterbieten

Von anderen Bereichen will ich heute gar nicht erst schreiben. Es ermüdet, es frustriert. Und trotzdem hat es seinen ganz eigenen Reiz (die Faszination des Grauens?), sich durch das Buch zu arbeiten, zu lesen, was alles hätte besser laufen können, wie vieles sich leider nicht zum Besseren gewendet hat, egal wer die Regierung stellt.
Und wie viel in unserem Land besser laufen könnte, wenn es nicht eine kleine, aber abgehobene elitäre Geld-Kaste gäbe, denen „Gemeinwohl“ am Allerwertesten vorbei geht und die den Rest des Landes, seine Politikerinnen und Politiker, aber auch die Wirtschaft und die BürgerInnen am Nasenring durch die Manege führt.
Ich komme aber auch zu dem Schluss, dass wir alle mehr oder weniger faul sind. Nicht in dem Sinne, den die Herren Merz und Linnemann meinen, sondern wir sind in mancher Hinsicht zu bequem, uns selbst einzubringen, etwas zum Gemeinwohl beizusteuern, aber auch energisch genug einzufordern, dass Handlungsdruck entsteht.
Was wiederum kein Wunder ist, denn in einer Atmosphäre, in der jeder zusieht, wenigstens bei seinem Status Quo zu bleiben, nicht noch mehr abzurutschen in ein unberechenbares Prekariat, muckt man nicht auf. Nur Politikverdrossenheit, Müdigkeit und Resignation breiten sich aus wie ein Algenteppich.

Diese ganzen Gedanken führen mich allerdings auch nicht wirklich aus meiner Ratlosigkeit heraus. Ich weiß nur: In eine ungewisse Zukunft aufbrechen, mit Mitteln von gestern, vorgestern und aus der Mottenkiste der Geschichte kann nicht der richtige Weg sein.

Inflationär grassierende Floskulitis

Dazu noch ein energisches „Mit mir als Kanzler ist [ … ] nicht zu machen!“ und die unsägliche Frage nach den Töchtern der Republik, die aber nicht zu radikal sein dürfen, sonst wird ihnen das Taschengeld Fördergeld gestrichen.
Vielleicht ja auch, weil es mit den Milliarden doch nicht so geklappt hat, wie es beinahe trumpesk angekündigt wurde?

Sehr viele schöne Milliarden – die schönsten Milliarden, die wir jemals (nicht) eingespart haben. Obwohl, nein, das will ich dem Herrn Linnemann denn doch nicht so in den Mund legen. Da liegen Welten zwischen. Die Verlockung ist angesichts des Klanges in meinen Ohren aber doch da. Egal.

Sommer, Herbst und Winter der Reformen haben wir bereits hinter uns, nun hat der Frühling angefangen. Mir schwant 🎶“Januar, Februar, März, April, die Jahresuhr steht niemals still …“🎵. Danke für den Ohrwurm, liebe Regierung. Immerhin, im Südwesten bleibt der Amtssitz des MP (voraussichtlich) weiterhin grün, auch wenn die dortige CDU „100 % CDU“ als Voraussetzung für den Eintritt in die Regierung fordert. Oder eine paritätische Teilung der Amtszeit. Aber nicht auf Hochdeutsch. Auch egal – obwohl … 🤔
Im zweiten südlichen Bundesland gibt es ein Hauptstadtbeben, der neue OB ist schwul, damit kann man ja noch leben, er ist jung, das gibt sich im Lauf der Jahre von selbst, aber dann ist er auch noch GRÜN🤢(Sorry, das war das einzige grüne Emoji)!
Nein! Doch! Ooooh!
Bestimmt gibt es auf dem Viktualienmarkt demnächst nur noch vegane Weißwurscht, der Maggus muss mit dem Lastenrad zum Landtag radeln (dann macht er nur noch Home Office) oder die Öffis nehmen.
Ob er über diesen Alpträumen vielleicht noch selbst zum schnellen Brüter wird?

Angesichts wegschwimmender Felle greift auch die SPD gaaanz tief in den Floskelvorrat. Gut, dass sich in den vielen Jahren ihrer Existenz so viele davon angesammelt haben. Aber zunächst Frühjahrsputz: «Die SPD muss die Fenster weit aufmachen, um Sauerstoff reinzulassen. Der Mief muss raus.» Ja, Hubertus, da stimme ich zu. «Sie muss sich öffnen und nicht nur um sich selbst kreisen. Dafür braucht es Führung und Haltung.» Auch das stimmt, aber das wusstet ihr doch vorher, oder?

Reformagenda: SPD versammelt sich hinter angeschlagener Spitze | DIE ZEIT

Und nun?

Liebe Regierung,

Ihr seid unsere Leistungsträger, ihr müsst jetzt dringend mal ins Machen kommen. Schluss mit dem Lifestyle, eine Stunde mehr am Tag hat noch keinem geschadet. Und keine Denkverbote, bitte. Auch nicht in puncto Nachhaltigkeit. Davon werdet ihr nicht automatisch zu Klimaterroristen. Hightech-Verbrenner allein generieren kein Wirtschaftswachstum, seid etwas technologieoffener, vor allem wenn es um real existierende Antriebe geht.
Baut die Bürokratie ab, dort wo es sinnvoll ist, brecht verkrustete Strukturen auf, sendet ein Signal der Geschlossenheit. Über die Steuern denkt noch mal ganz scharf nach, auch im Sinne einer robusten Mehrheit, die nicht zu den Superreichen gehört.
Wenn ihr Law and Order mit der vollen Härte des Gesetzes auch bei Steuerhinterziehung ansetzt, ist übrigens genügend Geld vorhanden, Herr Linnemann. Da muss man keine Milliarden herbeifantasieren.
Ja, ihr habt schon etwas auf den Weg gebracht, aber da geht noch mehr. Zeigt uns eure Leistungsbereitschaft! Ihr müsst jetzt liefern!
Immerhin können wir doch dankbar sein, in Deutschland zu wohnen, nicht in Brasilien (sorry, war nicht meine Aussage) oder an anderen Orten, in denen es kein anständiges deutsches Brot gibt.

Am Ende des Tages möchte ich wirklich nicht aufwachen, einen Bundeskanzler Weidel haben (gegen Gendergaga, tschaka!) und jeden Tag Schnitzel essen müssen.
Wobei das vermutlich noch das geringste Problem wäre …

Viele Grüße

Annuschka

PS: Ich kann nicht für alle Einwohner:innen Deutschlands sprechen. Aber ich bin definitiv dabei, wenn ich merke, dass ihr euch anstrengt und Leistungsbereitschaft zeigt. Obwohl ich eine linksgrün versiffte (Wusstet ihr übrigens, dass dieses „versiffte“ mutmaßlich einer Naziparole entstammt, die eine Geschlechtskrankheit implementiert?) Oma gegen Rechts bin.

Klar werden

Zeit, dass die Gespenster weichen

Samstag früh, ich liege noch im Bett. Genieße es, ganz langsam aus dem Reich der surrealen Träume in den konkret vor mir liegenden Morgen aufzutauchen. Warm eingekuschelt (Zu warm? Mal testen, wie es sich anfühlt, die Decke von den Schultern gleiten zu lassen.) lausche ich dem Regen, der draußen vor dem geöffneten Fenster gleichmäßig rauschend fällt. Ab und zu fährt ein Auto die Straße entlang, zischend die Nässe vom Asphalt verdrängend.
Die Kühle des feuchten Windhauches, der mit dem Westwind ins Schlafzimmer weht, bildet einen belebenden Kontrast zwischen den beiden Welten, der inneren, die mich noch nicht ganz entlässt, und der äußeren, in die ich mich heute nur ganz langsam und behutsam einsinken lassen möchte.

Wann habe ich zuletzt einen so bewussten Aufwachprozess erlebt?
Eine Zeit für mich, in der ich mich ganz in Ruhe auf den neuen Tag einließ?
Mir eine ganze Stunde dafür gegönnt, mich von wirren Traumgebilden zu verabschieden und zu lösen, während ich mich für den neuen Tag – ja, was eigentlich – wappne? Stähle? Klingt irgendwie kriegerisch und nach Verteidigungstaktik. Wenn ich ehrlich mit mir bin, befinde ich mich in einem solchen Modus.
Es ist kompliziert. Die sich zuspitzenden politischen und gesellschaftlichen Beben der letzten Jahre betrafen mich oft eher mittelbar und ließen mich auch Betroffenheit fühlen. Aber irgendwie auf einer fast schon abstrakten Ebene.

Jedenfalls empfinde ich das im Nachhinein so, seit Anfang März, seit zunächst mein berufliches Selbstverständnis, meine Ziele und meine Arbeit, fast schon meine Buchhändlerinnenehre, sich angegriffen fühlt. Nicht nur fühlt, sondern ist. Seit ich eine ganz leichte Ahnung davon bekomme, wie es aussehen kann, wenn aus Autorität Autoritarismus werden könnte.
Klingt das dramatisch? Überspitzt? Weiß ich nicht, mir fehlt die Erfahrung damit.
Ich arbeite nicht einfach nur in einer Branche, die Bücherverbote und Bücherverbrennungen ebenso in ihrer Historie verankert hat wie Kunstschaffende, denen das Wort verboten und schließlich auf unfassbar brutale Weise oft auch das Leben genommen wurde. Dieser Beruf, der für mich auch Berufung ist, ist in mein gesamtes Leben eingesickert.
Worte, Sätze, Bücher und die Verbindung zu anderen Büchermenschen gehören zu mir, sind in mir drin, machen mich, meine Persönlichkeit, mein Wesen, meine Haltung aus.

Und dann dieses andere Thema, das mich anfasst, aufwühlt, Erinnerungen weckt. Mich in Zeiten zurück katapultiert, in denen ich mich benutzt fühlte.
Ich hatte keine Ahnung, wie sehr das alles noch in mir schlummert, fast wie ein Vulkan, der lange schlief und nun auszubrechen droht.
Ob es daran liegt, dass ich lange Jahre brauchte, um überhaupt die Dimension zu kapieren (und noch länger, um sprachfähig zu werden), was es bedeutet, über Monate hinweg eine Beziehung weiterzuführen, von der man ahnt, dass sie nicht guttut. Die zwar nicht von körperlicher Gewalt geprägt ist, aber von einer Art gefühlsmäßiger Gefangennahme, von Manipulation, von der unterschwelligen Drohkulisse „Wenn du mich verlässt, dann …“ Das „dann“ reichte bereits. Das mochte ich mir nicht ausmalen. Ich war jung und idealistisch. Und scheinbar unfassbar naiv und unbedarft.
(Und hier gründet auch mein Unbehagen einer Young-Adult-Literatur gegenüber, die in vielen Fällen toxische Beziehungen romantisiert und den Traum junger Frauen, mit ihrer Liebe einen Bad Boy zu einem handsome Lover wandeln zu können.)

Meine Tochter würde jetzt sagen „Dein Gehirn war zu der Zeit noch nicht erwachsen.“ Vermutlich hat sie recht. „Sein“ Gehirn war auch noch nicht erwachsen. Keine Entschuldigung, sondern Tatsache. Ich hoffe, er hat irgendwann eine gleichberechtigte Partnerin gefunden.
Vielleicht ist der Prozess, in dem ich mich befinde, notwendig. Hoffentlich wird eine breite Debatte um das Themengebiet Gewalt gegen Frauen in allen Dimensionen, nicht nur körperlich zu mehr Achtsamkeit und Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Kontext führen. Zu der klaren Haltung, dass sie nicht toleriert wird, von niemandem. Träumen darf ich doch wohl. Mehr wage ich aktuell leider nicht, die Wahlumfragen ebenso wie die Kommentarspalten offenbaren anderes.

Übrigens geht es nicht darum, den „perfekten Mann“ zu fordern. Denn es gibt auch nicht die „perfekte Frau“. Es geht darum, dass Frauen endlich derselbe Respekt entgegengebracht wird, den Männer ganz selbstverständlich für sich einfordern.

Und wie nenne ich das nun, was ich heute früh tue? Bereite ich mich mental auf den Tag vor? Bin ich einfach nur neugierig auf das, was vor mir liegt? Zumindest ist es das, was ich gern sein möchte. Also los!

Ich stehe auf, lasse Kalle raus, koche Kaffee. Blicke aus dem Fenster in den nassen Frühlingsmorgen, auf das fröhliche Gelb von Forsythien und Narzissen, auf die grünen Knospen der Büsche und Sträucher, auf die rosafarbenen Blüten der Zierquitte.
Ich setze mich ins Büro und schreibe:

„Klar werden …“

Das Jahr der Schmetterlinge

Wenn ihr euch beeilt und noch ein wenig Literatur über Schmetterlinge besorgt, könnt ihr es nachmachen. Oder einfach das Buch lesen.

Lea Korsgaard ist eine dänische Journalistin. Seit 2017 formte sich eine Idee in ihren Gedanken, nahm mal mehr, mal weniger Raum ein. Es kam und ging die Pandemie, ohne dass ihre Pläne konkret wurden. Es gab den Angriff Russlands auf die Ukraine. Andere Themen wurden wichtig. Aber es gab auch einen Neujahrsmorgen, an dem sie begann, eine Dringlichkeit zu fühlen, einen Jahresbeginn, an dem sie den Leuten in ihrem Umfeld von dem Vorhaben erzählte – und es so schließlich Form annahm. (So setzt man sich selbst unter Druck, endlich in die Puschen zu kommen😊)

Das Ergebnis lese ich hier und jetzt.
Was als „fixe Idee“ begann, schubweise über mehrere Jahre Einzug ins Leben der Autorin hielt, entpuppte – wie passend – sich bei seiner Umsetzung als eine Reise in „unbekannte Weiten“, sogar ohne dafür ihr Heimatland, unseren Planeten oder gar unsere Galaxis verlassen zu müssen.

Was mich besonders fasziniert, sind immer wieder die mäandernden Gedanken, die von der konkreten Beschäftigung, nämlich dem Lernen über Schmetterlinge und ihre Entwicklungsstadien, in die Umwelt und menschengemachte Umgebung ausstrahlen. Wir halten die Natur und ihre Abläufe meist für selbstverständlich. Wir fragen nicht nach dem „Warum“ und noch weniger nach den Mechanismen, die fein austariert für ein „Funktionieren“ sorgen.
Wir halten uns für unglaublich schlau, für die Könige der Welt, für die ultimativen Checker. Und sind doch in so vielen elementaren Bereichen des Lebens einfach nur ignorant.

Dabei kann eine Frage, die wir uns irgendwann ganz beiläufig stellen, die dann aber immer mehr Raum in unserem Kopf, im Herzen und in unserem Leben einnimmt, so großartige Ergebnisse liefern. Wenn wir ihr diesen Raum zugestehen, wenn wir verstehen wollen, führt sie uns zu ehrfürchtigem Staunen, zu Erkenntnis, Verständnis und schließlich zur Demut.
Demut gegenüber den Zusammenhängen von belebter und unbelebter Natur zu unseren konkreten Lebensbedingungen. Demut in Form eines bewussten und wertschätzenden Umgangs mit dem, was unsere Existenz erst möglich macht.

Das Buch ist spannend und abwechslungsreich geschrieben, die Autorin gibt abwechselnd Einblicke in die Ereignisse und Gedanken, die sie bewegt haben, in Abschnitte ihres Lebens und ihrer persönlichen Voraussetzungen, in die konkrete Suche und die weiterführenden naturphilosophischen Erkenntnisse, die sie gewinnt.
Sie zählt Beispiele auf von Menschen, die auf unterschiedliche Art von Schmetterlingen fasziniert waren und sind. Sie überlegt, wie wir Menschen mit dem uns umgebenden Lebensraum umgehen. Sie sinniert über das laufende Massensterben, über unsere Hilflosigkeit, mit der wir ihm gegenüberstehen. Zum größten Teil, weil es meist relativ unbeobachtet im Hintergrund abläuft, wir die Dimensionen überhaupt nicht begreifen.
Es sterben sogar Arten aus, die wir bisher nicht einmal kennengelernt haben.

Während ich den Satz schreibe, verspüre ich Trauer. Trauer über den Verlust von Leben, das ich nie sehen und erfahren durfte. Und es kommt mir so unsinnig vor, über welche Art von Verlusten wir teilweise jammern, Verluste von menschengemachten Dingen. Verluste, die für das gesamte planetare Miteinander sogar eine konkrete Unterstützung und Entlastung bedeuten.

Es mag eine fixe Idee gewesen sein. Es wurde so viel mehr daraus.
Ich wünsche mir, dass wesentlich mehr Menschen solche Ideen haben, hartnäckig verfolgen und darüber berichten. Man schützt nur, was man kennt. Zum Beispiel einen Buckelwal in der Lübecker Bucht. Er ist sichtbar.
Im Gegensatz zu den ungezählten Walen, Delfinen und Robben, die sich in Fischernetzen verfangen und elendiglich ertrinken. Im Gegensatz zu den Faultieren, Amphibien, Fledermäusen und anderen Arten, die durch das Abholzen von südamerikanischen Regenwäldern ihre Lebensräume verlieren.
Im Gegensatz zu den Korallenbänken, die wegen zu hoher Wassertemperaturen und im Wasser gelöster Kohlensäure für uns unsichtbar sterben.

Dieses Buch hat mir mehr vor Augen geführt als nur Schmetterlinge. Dafür danke ich der Autorin sehr.

Bibliographische Angaben: Lea Korsgaard, Das Jahr der Schmetterlinge; Ullstein Verlag, ISBN 978-3-8649-3380-6; 22,99 €

Ohne Worte

Aber voller verstörender Gefühle. Seit ich in der letzten Woche diesen Beitrag schrieb, rotiert es in meinem Kopf. Jetzt schon sechs Tage lang. Die Kommentare, die viele andere Frauen bereits einstecken mussten, nachdem sie über eigene Erfahrungen oder ihre Solidarität mit jeder Frau, die Gewalt, physisch, mental, analog oder digital erfährt, berichteten, hallen nach.
Eine meiner Töchter beschrieb es so: „Man will nicht hingucken. Man strengt sich so an. Und dann tut man es doch. Man kann sich dem nicht entziehen.“

Es strengt an, die Gedanken kreisen. Und jeden Tag passiert etwas, das noch „einen draufsetzt“. Zum Beispiel die Aktuelle Stunde des Bundestages gestern.
Die unsägliche Aussage des Bundeskanzlers in seiner Befragung vor dieser aktuellen Stunde wird übrigens noch getoppt von dem Redebeitrag von zwei AfD-Abgeordneten.

Heute früh ging mir unter anderem durch den Kopf:

Ich kann mir keine Frau vorstellen, die nach dem Übergriff (ich führe bewusst nicht eine bestimmte Art der Übergriffigkeit aus, das ist eine sehr individuelle Wahrnehmung) eines migrantischen Mannes (und klar, die gibt es auch, dieses Verhalten ist nicht einer bestimmten Ethnie zuzuordnen) sagen würde:
„Ach Mensch, wenn das jetzt wenigstens ein Deutscher gewesen wäre, dann würde ich mich nicht halb so missbraucht fühlen.“

Es ist nicht die Nationalität, die Hautfarbe, die Religionszugehörigkeit, eine Behinderung oder irgendein anderes Merkmal, das zum Missbrauch führt. Es ist eine bewusste Entscheidung, die Rechte auf Selbstbestimmung von Frauen zu missachten. Es ist der unbedingte Wille, diese Frau, dieses Mädchen jetzt einem perversen eigenen Machtgefühl zu unterwerfen.

Ich selbst habe mich zweimal in meinem Leben missbraucht und benutzt gefühlt. Einmal von einem Ex-Freund, der mich weit über ein Jahr in einer Art mentaler Hörigkeit hielt (ich musste das erstmal erkennen, das war schon schwierig genug – und bis heute bekomme ich Beklemmungen, wenn ich daran zurückdenke, inklusive der Scham, dass ich darauf reinfallen konnte, obwohl ich einigermaßen intelligent bin) und nach meiner Flucht daraus meine Familie und mich gestalkt hat.
Diese Episode in meinem Leben kennen nur wenige Menschen, ich wollte es nie in der Öffentlichkeit thematisieren. Jetzt scheint mir kein Weg mehr daran vorbeizuführen. Ich hoffe, es hilft mir – und anderen Frauen.

Beim zweiten Mal ein paar Jahre später war es ein Kunde der Buchhandlung, in der ich damals arbeitete, der mich partout heiraten wollte, der mich mit Anträgen bombardierte und für den ein Ehemann und zwei kleine Kinder vernachlässigbare Kollateralschäden waren. Ich versteckte mich im Büro, meine Kollegin holte die Kinder von Kindergarten und Schule ab, damit er mich in der Stadt nicht aufspüren konnte, selbst unsere Azubi machte die Augen auf und warnte mich, wenn er die Straße entlang kam.

Mir ist nicht das Schlimmste passiert, was einer Frau passieren kann. Aber es reicht, um zu leiden. Solche Erlebnisse prägen. Sie haben Auswirkungen auf die spätere Partnerschaft, erfordern beim Partner viel Verständnis für spontane Gefühlsausbrüche oder plötzliche Zurückweisung. Sie haben auch Auswirkungen auf das Verhalten als Mutter, die immer nur die Hoffnung hegen kann, die eigenen Töchter mögen bitte nicht irgendwann ähnliches erleben.

Dass ich heute, in dieser Woche wieder so angefasst, ohnmächtig, unfassbar wütend bin und irgendwie neben mir stehe, zeigt mir, dass trotz einer wunderbaren Familie jegliche Art von Gewalt über lange Zeiten Spuren hinterlässt. Vermutlich eine Form von

LEBENSLÄNGLICH.

Die KI kann mich mal

Beruflich beschäftige ich mich mit dem Thema konkret für unsere Veranstaltung „Leipziger Allerlei“ (unsere persönlichen Lieblingsbücher des Frühlings, nach der Leipziger Buchmesse präsentiert) in der Buchhandlung am kommenden Freitag, wo ich unter anderem dieses Buch vorstellen werde.

Der provokante Titel ist herrlich vielsagend. Er implementiert ebenso die Bemühungen einzelner, sich kritisch mit Informationen auseinanderzusetzen, die „das Internet“ liefert, das allgemeine Desinteresse daran, in welchen Tools, die wir schon lange und selbstverständlich nutzen, welcher Anteil an KI drinsteckt oder auch die schlichte Verweigerung von allem, was das Themengebiet umfasst, sei es aus Ignoranz oder Angst.

[ … ]Fakt ist: Kaum eine Technologie polarisiert so sehr wie künstliche Intelligenz. Die einen feiern sie als Heilsbringer, die anderen fürchten sie als Untergangsmaschine. Völlig verständlich: Zum ersten Mal in der Geschichte stehen wir einer technischen Entwicklung gegenüber, die nicht nur Befehle entgegennimmt, sondern darauf auch antworten kann – und das oft besser, als wir erwartet hätten. Diese Verunsicherung ist mehr als nur eine Frage der Etikette: Wir erleben gerade einen Technologiesprung, der nicht nur unsere Arbeitsweise verändert, sondern auch unser Verständnis von Kommunikation, Kreativität und sogar Menschlichkeit herausfordert.
Seit ChatGPT unsere Vorstellung von KI komplett auf den Kopf gestellt hat, überschlagen sich die Nachrichten: „KI bringt Massenarbeitslosigkeit“1 verkündet eine Schlagzeile, „Produktivität steigt dank KI“2 jubelt die nächste. „ChatGPT erzeugt Fake News“3 warnt eine dritte, während gleichzeitig irgendwo ein KI-Musical uraufgeführt wird4 und Bill Gates erklärt, welche drei Jobs vor KI auf jeden Fall sicher sind.5
Wer sich dem Thema ohne viel Vorwissen nähern möchte, steht daher schnell vor einem Problem: Entweder alles glauben, was über KI so erzählt wird – oder sich lieber gleich in die ablehnende Skepsis flüchten. Dabei gäbe es so viel über KI zu erzählen, das nichts mit hysterischem Geschrei von Hype oder Weltuntergang zu tun hat. Denn in Wahrheit ist die KI weder die Lösung aller Probleme noch der Beginn unseres Untergangs, sondern einfach ein Werkzeug: faszinierend, mächtig und zuweilen frustrierend – fast genauso wie eine IKEA-Aufbauanleitung, die plötzlich gelernt hat zu sprechen. Eine kurze Anfrage reicht, und schon können Sie sich Gedichte schreiben lassen, erhalten Antworten auf komplexe Fragen und erschaffen Bilder ganz ohne Pinsel und Staffelei.

Aus der Einleitung

Fakt ist auch: wir verwenden nicht erst dann eine KI, wenn wir uns mit ChatGPT höchst eloquent über irgendwelche Fragen „unterhalten“, die uns beschäftigen. Oder, wie ich letztens, bildliche Darstellungen aus der Offenbarung des Johannes erstellen wollen. Das ist meine private Neugier, die mich anregt, wenigstens in Grundzügen verstehen zu wollen, was da abläuft. Auch wenn es mich gruselt, wie viel Rechenleistung und Ressourcen für diese Spielereien draufgeht.

Wir verwenden KI, sogenannte schwache KI, wenn wir bei Amazon lesen „Menschen, die sich für dieses Buch interessierten, kauften auch [ … ] (hier beliebigen Gegenstand, zum Beispiel Gartenschlauch, Wandersocken, Proteinpulver, Vibrator … einsetzen)“. Oder unser Navigationsgerät uns einen Stau und die möglichen Umleitungen anzeigt. KI entsorgt im Hintergrund unseres Mailprogrammes geräuschlos den größten Anteil der dubiosen Erbschaften irgendwelcher exotischer „Kronprinzen“, Viagrawerbung und Phishingmails.
KI macht uns Vorschläge, durch welche Songs wir unsere Lieblingsplaylists ergänzen könnten. KI sorgt dafür, dass wir personalisierte Werbung zwischen zwei Youtube-Videos sehen.

Und wer hatte nicht schon mal das diffuse Gefühl, unser Handy höre uns ab, weil nach dem Telefongespräch mit einer Freundin genau die Werbung bei Instagram angezeigt wurde, die unseren nächsten Konsumwunsch voraussieht? (Spoiler: Das passiert durch Social Graphing, nicht weil unser Handy uns aktiv bespitzelt und dabei anscheinend detailliertere Informationen bekommt als der Verfassungsschutz über Buchhandlungen. Der musste jetzt sein, sorry😈)
Nichtsdestotrotz werden unsere Kontakte ebenso ausgewertet wie die Anzahl der Katzenvideos oder Fun Facts-Folgen oder die Zungenbrecher von Bodo Wartke, die wir so gern hören. (Service-Info, leider aus aktuellem Anlass: auch andere, zwielichtige bis missbräuchliche Websites und Videos landen nicht im digitalen Nirwana …)

Kurzum: Es gibt vieles, was wir über KI und ihre Anwendung wissen. Oder zu wissen glauben. Oder gar nicht wissen wollen. Und überhaupt, kann dieses Zeug nicht wieder in die Kiste der Pandora zurück gestopft werden?
Nein. Kann es nicht. Es sei denn, man zieht der gesamten Welt den Stromstecker. Und selbst dann …, ich bin skeptisch.

KI ist also etwas, womit man sich zumindest in Grundzügen durchaus beschäftigen sollte, selbst wenn man nicht beabsichtigt, den Kühlschrank mit eigener Kreditkarte auszustatten und ihm den Einkauf von Lebensmitteln zu übertragen.
Sie ist ein Werkzeug. Ein faszinierendes, hilfreiches, aber auch gefährliches und missbräuchlich verwendbares Werkzeug.
Wie eine Kreissäge auch. Prima, um damit Europaletten zu Brennholz zu schneiden, Dachlatten und Paneele abzulängen und anderes. Aber in den Händen eines Hannibal Lecter … – das führe ich nicht detailliert aus. Hab‘ keine Lust auf virtuelle Blutbäder. Und Thriller sind auch nicht so meins.

Sie kann auch höchst manipulativ wirken und ist durch die ihr zugrundeliegenden Algorithmen höchst anfällig für Falschinformationen, also für Bullshit, den sie dann aber sehr überzeugend als Tatsachen verkauft.
Programmierer sagen lakonisch: Shit in, Shit out. Logisch, oder?
Oder kann sich irgendjemand den amtierenden PotUS ernsthaft als Papst-Verschnitt vorstellen? Hat irgendein Dulli, sei er prominent oder nicht, ernsthaft geglaubt, Collien Fernandes habe ausgerechnet mit ihm Cyber-S*x haben wollen? (An jede KI, die das hier auswertet: Das ist meine laut Artikel 5 GG gesetzlich garantierte Meinungsfreiheit😁.)

Wer also auf der Suche nach ausgewogenen, sachlichen, aber dabei unterhaltsam und humorvoll rübergebrachten Informationen ist, sich mit Chancen, Risiken und der Faszination (manchmal auch des Grauens) der Materie vertraut machen möchte, wer seine Neugier in Theorie und Praxis befriedigen möchte, wer im Umgang mit KI sicherer und wacher werden möchte, ist bei diesem Buch gut aufgehoben.

Barbara Oberrauter-Zabransky – Kremayr & Scheriau

Bibliographische Angaben: Barbara Oberrauter-Zabransky, Die KI kann mich mal; Verlag Kremayr & Scheriau, ISBN 978-3-218-01497-7; 25,- €

Als kleines Schmankerl obendrauf: Wenn ihr bei Instagram unterwegs seid, schaut mal bei @alkemartens vorbei. Die Rostocker Informatik-Professorin erklärt KI-Themen ebenfalls sehr humorvoll und allgemeinverständlich.
Von ihr habe ich die Info über das „Social Graphing“, was zu einem Aha-Effekt führte. Es braucht weder Verschwörungserzählungen noch das Raunen über geheime Eliten, um die (digitale) Welt zu verstehen😉.

Lobbyarbeit

Aus meinem Lesetagebuch zum Buch „Cum/Ex, Milliarden und Moral“ und Gedanken, die mir beim Lesen und Reflektieren in den Sinn kommen

Es gibt mit Sicherheit erbaulichere Lektüre zum Frühstück, aber ich mag mit meinen Überlegungen zum Buch nicht allein sein, also lese ich jeden Tag nach dem Frühstück einen Abschnitt vor, damit ich mit Edgar darüber reden kann.

Die ursprüngliche Idee von Lobbyarbeit ist eigentlich ganz unschuldig: Steht beispielsweise eine Entscheidung über eine Gesetzesänderung an, dann können sich Politik und Verwaltung mit Lobbyisten, also Vertretern der betreffenden Branche, austauschen und so deren Expertise und Praxisperspektive für die Entscheidungsfindung nutzen. Hierbei geht es um einen ehrlichen Austausch. Der ist rechtsstaatlich und demokratisch.
In Schieflage gerät dieses System bei Intransparenz und/oder einem starken Ungleichgewicht in der Interessenvertretung. Wenn die Öffentlichkeit nicht mehr nachvollziehen kann, wie und von wem politische Entscheidungsträgerinnen beeinflusst werden, oder wenn die Interessen von einigen wenigen mächtigen Unternehmen viel stärker vertreten sind als die der Zivilgesellschaft. Dann entsteht ein Schaden für unser Gemeinwohl und für die Demokratie.
Seit drei Jahren gibt es in Deutschland ein Lobbyregister, in das sich die Lobby-Akteure eintragen müssen. Das ist ein echter Fortschritt, weil nun endlich mehr Licht in das Dunkel der Finanzlobby fällt. Finanzwende nutzt das Register jährlich, um zu schauen, was Neues über die Finanzlobby aus dem Register gelernt werden kann.
Aber auch Finanzwende war überrascht, als sie 2023 zum ersten Mal analysierte: Unter den Top-Lobbyistinnen ist die Finanzlobby am stärksten. Nicht die Autolobby, nicht die Pharmalobby, sondern die Finanzlobby. Und das Ergebnis bestätigte sich seither jedes Jahr. Mittlerweile seit drei Jahren steht die Finanzbranche an der Spitze. Unter den Top-100-Einträgen sind zehn von der Finanzlobby – mehr als von jeder anderen Branche.
Allein diese Top-10-Akteure der Finanzlobby gaben im Jahr 2024 fast 40 Millionen Euro für Lobbyarbeit aus, mehr als die größten Akteure der Auto- und Chemielobby zusammen. 442 Lobbyistinnen haben im vergangenen Jahr in Berlin allein für diese zehn Finanzakteure – also die Spitze des Eisbergs – Prozesse und Gesetze im Sinne der Finanzbranche beeinflusst.
Rechnet man diese Zahl auf die Mitglieder des Finanzausschusses des Bundestags um, dann kommen auf jedes Mitglied fast zehn Lobbyistinnen, die sich an jeder Stelle des Gesetzgebungsprozesses intensiv einschalten können. […]
Die Finanzlobby kennt vielfältige Wege, ihren Interessen Gehör zu verschaffen[12]. Und auch hier gibt es eine gefährliche Schieflage.
Zivilgesellschaftliche Organisationen, die die Interessen der Bürger*innen vertreten, können da schlicht nicht mithalten. Sie verfügen nicht über eine vergleichbare Anzahl gut bezahlter Mitarbeiter, geschweige denn ähnlich hoher Lobby-Budgets.
Die Bürgerbewegung Finanzwende konnte zum Beispiel 2024 nicht einmal 140 000 Euro in Lobby-Aktivitäten investieren.
Allein der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft gibt im Vergleich jedes Jahr über 15 Millionen Euro für Lobbyarbeit im politischen Berlin aus. […] Dieses Ungleichgewicht an Kräften, Budget und politischen Netzwerken führt dazu, dass die profitgeleiteten Einzelinteressen der Finanzbranche viel öfter Gehör finden als gemeinwohlorientierte Perspektiven.

4. Kapitel: Lobbyarbeit zahlt sich aus, 1. Absatz

An dieser Stelle stutzte ich.
„… wenn die Interessen von einigen wenigen mächtigen Unternehmen viel stärker vertreten sind als die der Zivilgesellschaft. Dann entsteht ein Schaden für unser Gemeinwohl und für die Demokratie.“ und „Zivilgesellschaftliche Organisationen, die die Interessen der Bürger*innen vertreten, können da schlicht nicht mithalten. Sie verfügen nicht über eine vergleichbare Anzahl gut bezahlter Mitarbeiter, geschweige denn ähnlich hoher Lobby-Budgets.“ waren die Sätze, die mich aufschreckten.

Da war doch was!

Beide Screenshots aus dem Artikel:
Demokratie: Karin Prien will Demokratieprojekten Geld streichen – DER SPIEGEL

So, so. „Das Verhältnis von Mitteleinsatz und Ergebnis stimmt nicht.“
Ob das irgendwie mit mangelnder Lobby zusammenhängt?
Mit zivilgesellschaftlichem und häufig ehrenamtlichem Engagement – statt auf Wirtschaftsmacht zurückgreifen zu können?
Mit knappen Ressourcen, ob personell oder finanziell?
Und werden möglicherweise die „Programmziele nicht oder nicht nachhaltig erreicht“, weil es unglaublich gut finanzierte und breit aufgestellte Politik- und Wirtschaftsakteure gibt, die genau das erfolgreich torpedieren, was bürgerschaftliches Engagement und Demokratieförderung erreichen wollen und sollen?

Nur mal so als kleiner Denkansatz am Montagmorgen. Eine Lektüre erweitert den Horizont auch dann, wenn sie sich primär mit einem kleinen Ausschnitt der Rechtsprechung beschäftigt, der auf den ersten Blick recht isoliert ist und wenig mit dem alltäglichen Leben zu tun hat. Auf den zweiten Blick betrifft dieser spezielle Bereich der Wirtschaftskriminalität ebenso sehr das Funktionieren der gesamten Demokratie – und auch deren Dysfunktionen, die zum großen Teil daher stammen, dass eine kleine Finanzelite meint, dem Gemeinwohl hohe Summen entziehen zu dürfen. Einfach, weil sie es können. Und finden, dass es ihnen zusteht. Sie sind ja schließlich die auch von der Politik vielbeschworenen Leistungsträger. Und die meinen das vollkommen ironiefrei. Ich nicht.
In diesem Buch finden sich viele Aspekte, die reformbedürftig sind oder gleich in den Altkleidersack der Bürokratie gehören.

Die bibliographischen Angaben findet ihr im oben verlinkten Beitrag.

Nicht schon wieder …

So ähnlich ging es mir durch den Kopf, als ich las, was höchstwahrscheinlich – und in diesem Fall öffentlich geworden – ein Mann seiner Ehefrau angetan hat. Der Frau, die mit ihm beruflich zusammengearbeitet hat, durch dick und dünn ging, die seine Tochter ausgetragen, geboren und erzogen hat.

So vieles stürmt auf mich ein. Medial erfolgt ein Aufschrei, quer durch alle nur denkbaren sozialen Medien, durch die überregionale Tagespresse, sogar in den Nachrichtensendungen. Weil beide Personen des öffentlichen Lebens sind.
Während alle offiziellen Presseorgane stets die Unschuldsvermutung in den Vordergrund stellen (presserechtlich geboten, damit sie überhaupt berichten können), erreicht Collien Fernandes zweierlei: Eine ungeheure Solidaritätswelle, vorwiegend von Frauen, aber auch von einigen Männern.
Und der leider erwartbare Spott und die anscheinend immer noch unvermeidbaren Behauptungen, sie habe es wohl nötig, sich ein wenig in den Vordergrund zu spielen und überhaupt stehe seine Karriere jetzt vor dem Abgrund. Übrigens von vielen Männern und einigen Frauen.

Nicht alle Männer

Nein. Natürlich und zum Glück (Warum schreibe ich das? Es sollte keine Glückssache, sondern Selbstverständlichkeit sein, dass Männer sich im Griff haben!) nicht alle Männer.
Es ist sachlich richtig, aber trotzdem unerträglich für Frauen, das immer wieder zu lesen und zu hören. Denn es hilft den Betroffenen überhaupt nicht.
Und jeder Mann, der drei Frauen diese Binse erzählt, kann hoffentlich auch bis drei zählen: Denn mindestens jede dritte Frau wird ab ihrer frühen Jugend mit handfesten sexistischen, übergriffigen und missbräuchlichen Aussagen, Gesten, Berührungen oder noch üblerem konfrontiert. Anzügliche Witze sind dabei noch das geringste Übel.
Pograbscher und Busenstreifer, natürlich stets „versehentlich“, der begehrliche Blick ins Dekolleté, unangenehmes Auf-die-Pelle-rücken, antanzen, blöde Anmachsprüche, stalken, aus jedem NEIN! ein „du willst es doch auch“ interpretieren …
Ich wurde noch in einer Zeit sozialisiert, in der uns signalisiert wurde, wir müssten so etwas großzügig übersehen oder überhören, Männer seien halt so.
Je älter ich werde, desto mehr lerne ich von jüngeren Frauen, die sich das nicht gefallen lassen wollen.
Und falls jemand fragt: Das hat auch nichts mit politischer Korrektheit oder Wokeness und schon gar nichts mit linksgrün versifft zu tun, es geht schlicht und ergreifend um Anstand und Menschenwürde.

Ob es nun im religiösen Umfeld des strengen Islam ist, innerhalb fundamentalchristlicher Gemeinden, die „die Frau sei dem Manne untertan“ glauben, in einer toxischen Manosphere, in Incelgruppen oder bei Anhängern angeblicher germanischer Sitten ist, ich verstehe eines überhaupt nicht:

Warum meinen viele Männer, sich mit „Trieben“, „Instinkten“ oder sogar „Fetischen“ herausreden zu können? Sind sie am Ende vielleicht gar keine vernunftbegabten Wesen, sondern Tiere, Bestien sogar? Die es nicht schaffen, sich mit Fähigkeiten wie Selbstbeherrschung oder Disziplin zu zügeln und ihren Dödel oder ihre Phantasien im Zaum zu halten?
Was sonst als Machtgeilheit soll es sein, wenn man sich mit Gewalt, Drogenunterstützung oder der Zuhilfenahme von Deepfakes nimmt, was man nicht im Konsens bekommt?

Und warum zum Henker lassen andere Männer es ihnen in falsch verstandener Solidarität als Ausrede durchgehen? Fehlt es denen an Rückgrat und Selbstachtung?

Es wird sich nichts ändern, solange nur Frauen auf die Barrikaden gehen und für ihre Rechte kämpfen.
Es wird sich nichts ändern, solange Frauen, die Übergriffe anzeigen, sich fragen lassen müssen, „was sie anhatten“ oder ob sie „missverständliche Signale“ ausgesendet hätten.
Es wird sich nichts ändern, solange teure Promi-Anwälte ihr Fähnchen nach dem Wind richten und zunächst vor Fernsehpublikum verständnisvoll von „Opferschutz“ faseln und andererseits (mutmaßliche) Täter medienwirksam vertreten.
Es wird sich nichts ändern, solange „irgendwas bleibt immer hängen“ vor allem die Frauen trifft.
Die wenigsten sind so stark wie Gisèle Pelicot, Caroline Darian und Collien Fernandes, ihr Martyrium und den Missbrauch ihres intimsten Lebensbereiches in die Öffentlichkeit zu stellen. Die allermeisten leiden leise und – lebenslang. Oder sie beenden ihr Leid, wie Virginia Guiffré, eines der jüngsten Opfer im Epstein-Fall durch Selbstmord.

Bitte, liebe Männer: macht die Frauen nicht noch dadurch klein, dass ihr reflexhaft sagt „Aber nicht alle Männer.“ oder „Aber es hat auch schon Fälle gegeben, wo die Frauen gelogen haben.“
Beides stimmt. Die meisten Männer sind anständig. Und es gibt auch Frauen, die bösartig und verlogen sind. Aber darum geht es hierbei gerade nicht.

Für jeden Täter, egal bei welchem Vergehen, gilt immer zunächst die Unschuldsvermutung.
Leider gilt aber immer noch nicht, jedenfalls nicht in Deutschland, dass jedes Opfer ernst genommen und als glaubhaft eingestuft wird.

Wir waren schon mal weiter:

Das gesellschaftliche Klima verschiebt sich in den letzten Jahren zunehmend und rasant zuungunsten von Frauen und ihren Rechten. Nicht nur durch Männer, die aus anderen Kulturkreisen stammen, wie einschlägig interessierte Kreise uns immer wieder erzählen. Sondern erschreckend häufig durch „biodeutsche“ Männer aller Gesellschaftsschichten, deren fragiles Selbstwertgefühl offenbar durch die Erniedrigung anderer Menschen aufgepeppt wird.

Wort des Tages: Gemeinsam

gemeinsam ▶ Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft ▶ Duden

Die gemeinsame Wohnung aller, die in unserem Land leben, ist die Bundesrepublik Deutschland. Unser Lebensraum, aber auch seine rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Organisation. Die Wohnung ist in Zimmer (Bundesländer), Aufbewahrungsmöbel (Landkreise) und innerhalb dieser in Schubladen (politische Gemeinden) unterteilt. Und in den Schubladen befinden sich, teils ordentlich in Kästchen sortiert, teils in buntem Chaos, lauter Kleinteile. Die Kästchen sind Schulen, Institutionen, Firmen und das bunte Chaos sind wir.
Wir alle haben (oder sollten es zumindest) gemeinsame Interessen. Zum Beispiel, dass niemand mit dem Abrissbagger anrückt und die Wohnung einreißt. Oder das kein Entrümpelungsunternehmen beauftragt wird, die Möbel und Schubladen auszuräumen.
Wir alle gehören auch zu den Grundstücks- und Wohnungseigentümern, zum Beispiel über unsere Steuer- und Gebührenzahlungen.
Das ist stark vereinfacht, aber auf einer Ebene („Erklär’s mir, als wäre ich 5“) recht anschaulich. Und es verdeutlicht unser hoffentlich vorhandenes Interesse, die gemeinsame Wohnung zweckmäßig bis gemütlich einzurichten, regelmäßig zu renovieren und energetisch auf dem aktuellen Stand zu halten.

Schwieriger wird es, innerhalb der rund 83 Millionen Einrichtungsgegenstände und Kleinteile den größten gemeinsamen Teiler und das kleinste gemeinsame Vielfache zu finden.
Denn Mathe war noch nie mein Ding, jedenfalls, wenn es über kaufmännisches Rechnen hinaus geht.
Mal überlegen: Wir alle haben den berechtigten Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe und ein auskömmliches Leben. Ist das nun ein gemeinsamer Teiler oder ein Vielfaches? Verwirrend.
Ich glaube, das lasse ich einstweilen beiseite, aber mich würde eure Meinung dazu interessieren.

Jedenfalls will ich darauf hinaus: Gemeinsam an etwas arbeiten. Zum Beispiel an unserem Land.
Da gibt es doch ein Fremdwort, ein … Dings, äh, ach ja:

Kooperation einfach erklärt | Definition, Beispiele, Infos

Jetzt wird es wirklich tricky.
Es gibt eine politische Richtung, die nennt sich konservativ, also bewahrend. Vor allem Werte sollen bewahrt werden. Gern Werte, die sich aus der Antike herleiten oder aus dem Wertekanon des „christlichen Abendlandes“.
In der Antike wurde fast alles ausdiskutiert. Das war sicher oft mühselig und langwierig, ich gehe davon aus, dass die Geschichtsschreiber so basale Dinge wie Essen, Schlafen und Körperhygiene großzügig ausgeklammert haben.
Und einen Pferdefuß hatte die damalige Demokratie auch. Denn sie bestand leider nur aus einem kleinen, elitären Teil der Bevölkerung, nämlich Männer und da auch nur die aus der oberen Gesellschaftsklasse.
Ich habe den leisen Verdacht, manch ein (nicht jeder!) heutiger „Demokrat“ hält die Renaissance solcher Zustände für erstrebenswert. Wie komme ich nur darauf?

Und Jesus, der Namensgeber der Christen, steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Der hat doch glatt so etwas wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gefordert. Oder gemahnt: „Was ihr einem der geringsten meiner Brüder (das generische Maskulinum war schon erfunden) tut, das tut ihr mir“.
Zu viel Sozialethik. Wie soll man denn dabei vermögend genug werden, um sich vor Gemeinschaftsleistungen drücken zu können? Es gibt also auch Konservative (nicht alle!), die diesen Namenspatron ihrer Partei mehr oder weniger verschämt verleugnen wie dereinst Petrus vor dem Hahnenschrei.

Nochmal zum Ausgangspunkt zurück. Gemeinsam. Reimt sich auf Einsam und ist doch in den allermeisten Fällen viel erfolgversprechender als letzteres.

Viele Hände, schnelles Ende. (Gegenargument: Viele Köche verderben den Brei.)
Zusammen ist man weniger allein (Buch von Anna Gavalda)
Einer für alle, alle für Einen! (A. Dumas, Die drei Musketiere)

Für die Gesellschaftsform beim Zusammenarbeiten gibt es auch ein Fachwort:

Kooperative – Schreibung, Definition, Bedeutung, Synonyme, Beispiele | DWDS

Aber das klingt doch sehr nach real existierendem Sozialismus, oder? Dabei gab es solche Modelle nicht nur in der „alten Bundesrepublik“, also vor 1989, sondern es existieren bis heute erfolgreiche Beispiele:
Früher: KOOP-Läden, an denen jeder Bürger, jede Bürgerin Anteile halten konnte.
Genossenschaftliches Wohnen ist in abgespeckter Form bis heute im sozialen Wohnungssektor unverzichtbar.
Volksbanken. Raiffeisen-Verbünde. Bürger-Solaranlagen. Dorfläden.
Und manches mehr.

Pin auf Sprüche

Auch, wenn ich solche Sprüche meist hart am Kitsch empfinde:
Das gilt auch für ganze Gesellschaften. Und Parteien, jedenfalls, wenn sie glaubhaft für eine gemeinsame Wohnung plädieren wollen.

Ach ja, einen hab‘ ich noch, für alle, die meinen, die Fehler früherer Regierungen rechtfertigten heutiges Nichtstun:

Zitate über Veränderung: Diese 20 Sprüche machen Mut

„Ach, das ist so was wie …“

„…Thalia.“ Diesen Satz hörte ich vor ein paar Wochen von einer älteren Dame, die ihren Rollator energisch in die Buchhandlung schob. Im Schlepptau (nicht nur metaphorisch, so sah es aus) hatte sie ihren Ehemann, der hinter ihr her schlurfte. Es war Samstag, der Wochentag, an dem vermehrt Rehagäste aus Bad Eilsen in Bückeburg schauen und shoppen gehen.
Ich stand hinter der Kasse, übernahm soeben eine Online-Bestellung in die Warenwirtschaft, und zählte innerlich bis drei.

Dann erhob ich Kopf und Stimme und erklärte freundlich, aber bestimmt:
„Da muss ich Ihnen scharf (Nomen est Omen😉) widersprechen. Wir sind eine unabhängige Buchhandlung und kuratieren unser Angebot selbst. Sie finden bei uns einen liebevoll und überlegt ausgewählten Mix aus sehr verschiedenen Büchern, nicht nur aus den großen Verlagshäusern, sondern auch aus kleinen Verlagen, von regionalen Autorinnen und Autoren, die wir auch mit Veranstaltungen fördern.“

Die Dame ruderte zurück. „Entschuldigung, ich meinte damit: Eine Buchhandlung. Bei uns zu Hause gibt es nur Thalia.“
Auch ich entschärfte meine Aussage im Gespräch: „Ich weiß, dass es in vielen Orten so ist. Und es ist ja auch besser als gar keine Buchhandlung vor Ort. Aber wir reagieren aus Gründen inzwischen dünnhäutig bei dieserlei Vergleichen. Denn Thalia bietet fast jeder unabhängigen Buchhandlung in einigermaßen ertragreicher Lage an, unter das Dach ihres ‚Partnermodells‘ zu schlüpfen. Und dann ist es großenteils vorbei mit der kulturellen Selbstbestimmung.“

Soweit die kleine Anekdote. Heute beginnt die Buchmesse in Leipzig. Vermutlich samt einer breiten Diskussion um die gesellschaftliche und kulturelle Wichtigkeit, Existenznöte und -sicherung samt der Förderung unabhängiger, inhabergeführter Buchhandlungen.
Den Grund (Ralph Ruthe nannte ihn bei Fun Facts „Großes W und kleiner Eimer“) kennen vermutlich inzwischen alle mehr oder weniger gut. Und obwohl es eine Nachrichtenbinse ist, dass jede schlechte Nachricht eine gute Nachricht ist (die Buchhandlung „Rote Straße“ hat den BKM als Mitarbeiter des Monats bezeichnet, weil sie sich vor Kundschaft, auch online, nicht retten können), hätten sich nicht nur die drei Buchhandlungen, die vom Buchhandlungspreis ausgeschlossen wurden, einen positiveren Grund für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit unserer kleinen, übersichtlichen Branche gewünscht.

Zum Beispiel über unsere Leistungsfähigkeit und -bereitschaft. Unser Engagement, unbekannten Verlagen und Autorinnen zu Sichtbarkeit zu verhelfen. Die Leseförderungen vom Welttag des Buches über Lesetütenaktionen bis hin zu Kinderbuchmessen. Über Lesezirkel, Buchvorstellungen und Nischenlesungen bis hin zu Silent Reading Clubs oder literarischen Krimidinners oder Escape Rooms. Aber erwähnen muss ich auch, dass mit unternehmerischer Freiheit auch wirtschaftliche Unsicherheit einhergeht. Diese wird unter anderem durch den Buchhandlungspreis gewürdigt.

Es sollte nicht sein. Nicht mit einem BKM, der sich zwar rühmt, sowohl schriftstellerisch als auch verlegerisch tätig gewesen zu sein, aber in seiner Weltsicht offensichtlich so gefangen ist, dass er die Debatte mit anderen Sichtweisen scheut.

Seid nicht wie unser BKM. Besucht Buchhandlungen, wann immer ihr könnt. Gerne unabhängige, die kein Leuchtschild einer großen Kette am Eingang haben. Lasst euch beraten, auch zu Büchern, die eure Komfortzone überschreiten. Stöbert, lest Klappentexte, lasst euch überraschen. Entdeckt Namen und Themen, die euch bisher unbekannt waren. Bleibt neugierig und aufgeschlossen.

Es lohnt sich – nicht nur für die Buchhandlungen. Sondern vor allem für euch.

Denn Lesen gefährdet die Dummheit😉

Ich neige mein Haupt in Demut

Quelle: Pixabay

Und zwar vor der geballten Wirtschaftskompetenz der Kanzlerpartei.
Ja, das ist Ironie. Oder eher schon Sarkasmus.
Vielleicht bin ich auch nur kurz davor, in einen tiefen, erschöpften (Dornröschen-?)Schlaf zu fallen, weil mich das Gebaren einfach so ermüdet.

Nach der Wahl in Baden Württemberg, die den C-Parteien entglitten ist, steht in Rheinland-Pfalz der nächste Urnengang bevor.
Im SZ-Podcast Auf den Punkt erläutert der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, wie sich die CDU (aber auch die SPD) in ihrer Kommunikation und ihren Forderungen bereits Wochen zuvor selbst entzaubert hat. Er mahnt unter anderem an, dass es angezeigt wäre, nicht so viel heiße Luft in den Kommunikationsraum zu reden, die sich nicht in konkrete Maßnahmen umsetzen lässt.
Und nun schwadroniert der bayerische Foodblogger mal wieder von „hocheffizienten Verbrennern„.
Vielleicht hat die Forschungsministerin Doro Bär ja genügend Sachkenntnis, Kompetenz und vor allem Geduld, ihm den zweiten Satz der Thermodynamik und damit die Gesetze der Physik zu erklären. Ganz davon abgesehen, dass diese existieren, könnte man auch erwarten, dass die exzellente bayerische Ingenieurskunst der dort ansässigen Automobilhersteller deren Grenzen mit Sicherheit schon über Gebühr ausgeweitet hätte, wenn das denn funktionieren würde (ich kann hier gar nicht genug Konjunktive einbauen).

Ein weiteres Steckenpferd sind Mini-AKWs. Nicht nur bei Herrn Söder, sondern auch in Brüssel bei Frau von der Leyen.
Kurz gesagt: eine spannende Technologie, aber noch nicht mal so richtig in den Kinderschuhen angekommen. Eher noch ein Fötus.
Die Zeitfenster, die zur Verwirklichung von den in wissenschaftlichen Kenntnissen teilmöblierten Fans avisiert werden, sind erstens höchstwahrscheinlich nicht erreichbar und zweitens reichen sie zur eventuellen Rettung der Klimaziele nicht aus (möglicher Slogan: „Mehr vages wagen!“)
Vor allem: Die Entsorgungsfrage ist nach wie vor ungelöst.
Bisher gammelt ein großer Teil des bisherigen Atommülls in der Asse als tickende Zeitbombe vor sich hin. Und wohin sollen wir dann mit dem neuen Strahleschrott? Denn Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.

Small Modular Reactors (SMR): Kernkraftwerke im Kleinformat | GRS gGmbH

Unsere Ex-Kanzlerin dürfte bei so viel physikalischem Dilettantismus die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und kann vermutlich vor lauter Frust demnächst die komplette Uckermark mit Kartoffelsuppe versorgen.

Der nächste Aufreger: Sowohl das Kölner IW als auch das Münchener ifo-Institut bescheinigen der Bundesregierung, dass die Mittel des Sondervermögens im Jahr 2025 zu großen Teilen zweckentfremdet wurden, um Haushaltslöcher zu stopfen. Das Finanzministerium weist die Anschuldigungen zurück.
Wer hat nun recht? Wie sollen wir Bürger das beurteilen? Baut man so Vertrauen auf, wenn mit Zahlen wie mit Äpfeln jongliert wird und nichts wirklich transparent ist?

(4) Schuldentopf Infrastruktur: Verheerende Forscher-Bilanz | Nachrichten Aktuell – Mindener Tageblatt

Der massenweise kulturpolitisches Porzellan zerschlagende BKM, der sich nun auch noch mit der Nationalbibliothek anlegt und dabei sogar geltende Gesetze missachtet (denn die zweifache Pflichtabgabe wird über ein Bundesgesetz geregelt) verkommt schon fast zur Randnotiz, was ich aus beruflicher Sicht bedauerlich finde.
Für das mehr oder weniger offene Paktieren von EVP-Mitgliedern (auch wenn es nur einige sein sollten, ist das dennoch mehr als bedenklich) mit den rechten Rändern habe ich kaum noch Energie übrig. Dabei müsste ich doch genau an dieser Stelle laut protestieren! Doch das lähmende Gefühl der Ohnmacht (da war doch noch was, ich schulde euch eine Buchrezension) macht sich breit und dann zucke ich die Schultern und denke: „Ob ich nun laut werde oder nicht, das macht auch keinen Unterschied.“
Doch was, wenn ich mit dieser Resignation nicht allein bin und genau solche müden Reaktionen scharf einkalkuliert sind?*

*Dass ich nicht allein mit diesen Gefühlen bin, habe ich am Montagabend in der Buchhandlung im Gespräch mit einer Kundin erfahren, die einen sehr niedergeschlagenen Eindruck ob der Entwicklungen machte.
Wir sind also mindestens zu zweit.

„Der Zug endet hier“

Ist das eine Drohung oder ein Versprechen? In einer Nacht von Sonntag auf Montag, grob gegen zwei Uhr morgens, 110 Kilometer von Zuhause entfernt, zähle ich es eher zur ersten Kategorie. Und so kommt es in Zeiten hoher Spritpreise zu der etwas skurrilen Situation, dass eine dreiköpfige Familie aus dem nordöstlichsten Zipfel Westfalens in einem Kölner Stadtteil Pizza isst.

Beim Pizzaessen kann die Familie auf der anderen Straßenseite beobachten, wie sich die gefühlt kilometerlange Menschenschlange, die vom Palladium an einem Ende der Schanzenstraße diese entlang, um die Kurve, vor der internationalen Filmschule mindestens bis hin zur Firma Brainpool (also ca. 600 Meter Fußweg) auf dem Bürgersteig geduldig wartend erstreckt (weiter reicht der Blickwinkel nicht), ab 18:30 Uhr stückchenweise weiterschiebt.
Ein Familienmitglied schafft ungefähr die Hälfte der wagenradgroßen Pizza, ehe es sich dort drüben auf der anderen Straßenseite einreiht in die inzwischen deutlich kürzer werdende Warteschlange. Die im Übrigen fast zu 100% aus jungen Frauen besteht. Und nein, sie warten nicht auf Harry Styles oder so, sondern auf eine junge amerikanische Singer-Songwriterin.

Die beiden anderen Familienmitglieder nehmen sich Zeit, sich durch ihre Pizzen zu futtern wie die kleine Raupe Nimmersatt. Und da es „Mini-Dolci im Glas“ gibt, passt als I-Tüpfelchen auch noch ein wenig Panna Cotta obendrauf.
Anschließend beginnt das Warten. Auf dem Parkplatz (Museen oder Ausstellungen haben leider tendenziell nicht an Sonntagabenden geöffnet, jedenfalls nicht in Köln-Mülheim) vertreiben sie sich die Zeit mit Häkeln, Schläfchen und Musikhören.

Denn was wäre die Alternative? Für das konzertliebende Familienmitglied hieße die Alternative: Mitten in der Nacht zwei Stunden Aufenthalt in Hamm/Westf., aka „Der Zug endet hier“, „Der Zug wird hier geteilt“ oder auch „Bitte beachten Sie die umgekehrte Wagenreihung“.
Hamm in Westfalen ist für viele, die auf der Ost-West-Achse im Bahnverkehr unterwegs sind, eine Art Endgegner. Hier werden die Weichen gestellt, im wahrsten Sinn des Wortes. Wehe, man sitzt im hinteren Teil eines ICE, wenn der mal wieder verkehrt herum zusammengebastelt wurde. Dann wird aus der geplanten Fahrt nach Amsterdam mal fix ein Trip nach Paris. Oder man landet in Hamburg statt in Berlin. (Das würde die Autorin dieses Beitrages auch jederzeit vorziehen, sorry an alle Berliner Mitlesenden, aber Hamburg ist nun mal … Hamburg.)
Entweder in Hamm oder Minden treffen die Fanclubs gegnerischer Erst- und Zweitligafußballclubs an Samstagabenden aufeinander.
Und in der Nacht von Sonntag auf Montag ist hier die Bahnfahrwelt metaphorisch mit Brettern vernagelt.
Als letzte Möglichkeit einer Art von Safe Space für strandende Reisende:
Es gibt ein Bahnhofsklo.
Für Menschen, die jetzt ein Fragezeichen in den Augen haben: Sollten finstere Gestalten jeglicher Ausprägung im Bahnhof herumlungern, kann man (oder eher frau) sich während der erzwungenen Wartezeit dort in einer Kabine einschließen. Klingt echt komfortabel, oder?
Die Bahnhofsmission ist vor Ort und hat Öffnungszeiten am Vormittag.
Da diese Institution maßgeblich von der Spendenbereitschaft der Bahnreisenden und sonstiger Privatpersonen sowie vom ehrenamtlichen Engagement mitfühlender Bürger:innen in den Städten abhängt, kann man es nicht verübeln, dass die Zeiten, in denen Reisende stranden, nicht mit denen übereinstimmen, in denen dort Haupt- und Ehrenamtliche der karitativen Einrichtungen ihren Dienst versehen.
Sie kommt deswegen auf die imaginäre Liste der unterstützungswürdigen Spendenzwecke.

Der eigentliche Frust entsteht allerdings nicht durch die unkonventionelle Abendgestaltung oder den bei einem wünschenswert umfangreichen ÖP(N)V-Konzept unnötigen „Ausflug“.
Sondern durch die Tatsache, dass in einem hochentwickelten Land, das (noch?) einen vorderen Platz in der Liste der großen Industrienationen einnimmt, auf Kante genähte Deutschlandtakte geplant und horrende Gelder in prestigeträchtige Projekte der Verkehrsinfrastruktur gesteckt werden, deren Fertigstellungen auf den Sankt-Nimmerleinstag immer wieder verschoben werden, immer noch die „Provinz“ von den Metropolen abgehängt ist und dass umweltfreundliche und nachhaltige Mobilität zwischen den Regionen die Bedürfnisse ganzer Bevölkerungsgruppen nicht abdeckt.
Die Länge des Satzes korreliert mit der Höhe meines Blutdrucks.

Statt an allen Ecken und Enden bei den Maßnahmen zugunsten breiter Bevölkerungsschichten zu kürzen, den Menschen Arbeitsunwillen, Krank“feierei“ und anderes „Fehlverhalten“ vorzuwerfen, könnte in eben diese Menschen und ihre berechtigten Interessen investiert werden.
Auch für diejenigen, die es sich weder zeitlich noch finanziell leisten können, mal kurz alle Pläne umzuschmeißen und zum Pizzaessen samt Konzertbesuch über 200 Kilometer (und anschließend wieder zurück) zu fahren.
Vielleicht klappt es dann auch besser mit der Zustimmung dieser Leute.
Statt nur von denen, die sogar zum Austernschlürfen nach Biarritz oder zum Shopping nach New York fliegen. Die über Pizza in Köln nur müde lächeln.

Höchst verwegener Gedanke, ich weiß.
(Aber immerhin: die Anstiftung zur Rebellion von Seiten des Kängurus scheint ansteckend zu sein😂.)
Noch ein Gedanke, noch verwegener: Könnte es eventuell sein, dass der aktuellen Regierung wenig bis gar nichts an der gesellschaftlichen Teilhabe aller Bürger:innen und an bezahlbarer und nachhaltiger Mobilität liegt? Aber nein, dieser Gedanke grenzt mit Sicherheit an Schwurbelei. Oder …?

Nachdenkenswertes zum Nachhören:
„Mann am Steuer“ – Verkehrspolitik in Deutschland bisher vor allem „Männersache“

Frühjahrsmüdigkeit

Kalle hat’s gut, er kann schlafen, so viel er will …

Für mich vollkommen ungewöhnlich: seit zwei Wochen habe ich morgens Probleme mit dem Wachwerden (als Ausgleich finde ich nachts nicht in einen guten Schlaf🙄). Ich komme einfach nicht aus dem Bett, weil meine Augen immer wieder zufallen, ich die Energie zum Aufrichten erst mühsam aus allen Körperteilen zusammen sammeln muss, hier ein bisschen, dort ein wenig. Die muss zunächst ins Gehirn zur Willensbildungszentrale, danach weiter in die Muskeln zum ausführenden Organ geschickt werden.
Dabei habe ich letztens erst von einer Studie gehört, nach der das Phänomen der Frühjahrsmüdigkeit eher eine Art self fulfilling prophecy, eine selbsterfüllende Prophezeiung, auch Nocebo-Effekt genannt, ist.
Wir erwarten, im Frühling müde zu sein, also sind wir es. Ich bin aber zu müde, um einen Nachweis der Studie zu suchen, also „Googel doch mal selbst, dann siehst du schon“. Wobei beim Niederschreiben dieser Worte, die mich regelmäßig auf die Palme bringen, gleich der Blutdruck steigt. Ein willkommener Energiekick?

Oder ist die blödsinnige Formel Ausdruck, dass ich langsam beginne, vor den eigentlichen Problemen zu flüchten, die mich in diese müde Phase gebracht haben?
Dieser Satz, der so wunderbar verdeutlicht, dass viele Leute immer noch nicht kapiert haben, dass „das Internet“ nicht funktioniert wie eine Tageszeitung: es steht für jeden dasselbe drin.
Sondern dass es eher davon abhängt, welche Art von Tageszeitung ich lese, was mir angezeigt wird. Lese ich eher Springerpresse, das regionale Käseblättchen, eine der überregionalen, wahlweise konservativ oder liberal geprägten Tageszeitungen oder besorge ich mir einmal in der Woche die große deutsche Wochenzeitung, die so umfangreich ist, dass man sie kaum innerhalb einer Woche schafft? Bevorzuge ich Hochglanznachrichtenmagazine samt der „Welt der Reichen und Schönen“oder reicht mir eine eher trockene monochrom auf labberigem Basispapier gedruckte Version, die aber meinen unmittelbaren Lebensbereich informativ abdeckt?

Ich schreibe mich warm. Die Gedanken geraten inzwischen ebenso in Wallung wie der Blutdruck. (Ist das eigentlich kontraproduktiv, wenn ich morgens um 6 Uhr Blutdrucksenker schlucke und eine gute Stunde später Tiraden verfasse?)
Aber mir geht auch durch den Kopf, dass ich nicht allein bin mit den widerstreitenden Gefühlen und Gedanken. Ich höre es von allen Seiten.

Aber nicht nur den Part mit der Müdigkeit, sondern auch den mit der Widerständigkeit. „The Land of the Free“ wird immer unfreier und für Besucher unattraktiver, weil unsicherer (zu viel ‚un‚ für meinen Geschmack), der nicht enden wollende Krieg in der Ukraine, Nahost in allen Facetten als Pulverfass und nun auch noch immer mehr Kulturkampf im eigenen Land.
Was mich ermüdet, schenkt mir paradoxerweise gleichzeitig Energie.
Ambiguitätstoleranz, so wichtig. Die Fähigkeit, die Gleichzeitigkeit von widersprüchlichen Zuständen nicht nur auszuhalten, sondern auf dieser Welle zu surfen. Wir arbeiten mit dem, was wir vorfinden und versuchen, etwas konstruktives daraus zu erschaffen.
Wenn dir das Leben Zitronen gibt, dann lass sie nicht vergammeln.
Ob du Team Limonade bist oder lieber Tequila trinkst, schei*egal, Hauptsache du bleibst nicht im Nichtstun gefangen.
Demokratie kommt uns mitunter auch vor wie ein Berg Zitronen. Wir sehen sie, wir tun das Naheliegende: beißen hinein – und verziehen den Mund. Schmeckt sauer bis bitter? Dann brauchen wir kreative und vielfältige  Zubereitungsarten, keine Biotonne. (By the way: Biotonnen sind braun. Ich glaube, ich bin da etwas Großem auf der Spur🧐)

Ups! Wie bin ich denn jetzt von Frühjahrsmüdigkeit hier angekommen? Anscheinend bin ich nicht so müde, wie ich dachte. Zitrone gibt mit ihrem säuerlichen Geschmack und vor allem mit dem frischen Duft auch ungeahnte Energiekicks, kurbelt den Kreislauf und den Stoffwechsel an.

Ich bin wach. Und jetzt gehe ich den Frühstückstisch decken.
Einen erfolgreichen Samstag.
(Blick nach draußen: Fenster putzen wäre heute gut. Dabei soll es ja bedeckt sein, ohne Sonne. Bücher an die Leute bringen funktioniert aber auch prächtig, wenn es regnet oder zumindest kein Ausflugswetter ist😊)

„Vielen lieben Dank“

Ich höre die Hörversion des neuen Buches von Marc-Uwe Kling und mir drängt sich ein Verdacht auf:
Könnte es eventuell sein, dass ein kommunistisches und extrem systemkritisches Känguru aus Ost-Berlin daran mitschuldig ist, dass unsere Familie nicht nur grün-, sondern seit einiger Zeit links-grün-versifft ist?

Fast ein Jahrzehnt ist es her, dass wir in der Stadtbücherei eine Hörbuch-Version nach der anderen der Känguru-Chroniken, des Känguru-Manifests und der Känguru-Offenbarung ausliehen. (Die Apokryphen gab es damals noch nicht). Die Hörbücher begleiteten uns auf die Fahrt in den Urlaub und zu einer zweitägigen Fahrt nach Sendenhorst zur Rheumaklinik. Sie waren (und sind) Kult, sehr zum Kummer meines Göttergatten, dem vor allem die jämmelige Känguru-Stimme Kopfkratzen bereitet.
Relativ zu Beginn der Rebellion gibt es einen Rückblick auf die Chroniken, den Beginn des ersten Bandes, aus der Sicht des Kleinkünstlers. Und an der Stelle, wo das Känguru „Vielen lieben Dank“ sagt, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Diese Dankesformel nutzt ein Familienmitglied sehr gern.
Ein Familienmitglied, das eben diese Hörbücher fast auswendig gelernt hat, weil es erstens begeistert davon war und zweitens ein enorm gutes Merkvermögen besitzt.

Und wenn ihr jetzt denkt:
WtF, jetzt basht sie ihre eigene Familie, was hat die denn gesoffen?
(Jedenfalls keinen Lack …)

Natürlich ist es Unsinn, hier auf eine Kausalität (Ursache>>>Wirkung) zu schließen, wo höchstwahrscheinlich Korrelation (Wechselwirkung, zwei unterschiedliche Ereignisse/Zustände stehen in Beziehung und verstärken sich gegenseitig) im Spiel ist. In diesem Sinne bitte ich bei besagtem Familienmitglied vielmals und ehrlich um Entschuldigung.

Der Unterschied zwischen beiden Phänomenen kann aktuell nicht genügend erklärt werden, denn irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass gerade Menschen, die einem erzkonservativen bis reaktionären Spektrum angehören, mit der Unterscheidung verdammt große Probleme haben.
Oder wie erklärt man sonst schlüssig, weshalb die CDU sich in BaWü aufführt wie King Kong, mitsamt Brustgetrommel und Mackergehabe?

Screenshot: Netzfund
Aussage: Leider zeitlos, hätt’ste dir das so gedacht, Kurt?

Und leider, leider wird die gesamte Scheindebatte mal wieder über die Köpfe von Frauen hinweg auf deren Rücken ausgetragen.
Ein allseits präsenter Philosoph (nein, ich schreibe ihn nicht in Gänsefüßchen, immerhin hat er seinen Beruf gelernt, auch wenn er seither offensichtlich viel vergessen und wenig Neues dazugelernt hat) maßt sich an, die real existierenden Sexismus-Erfahrungen nicht nur einer konkreten Schülerin, sondern vieler Tausend (im Lauf der Generationen eher Millionen) Mädchen und Frauen mit dem Attribut „aufgebauscht“ quasi als überzogene Empfindlichkeit abzubürsten.
Frauenversteher? Eher nicht.
Eine ganze Parteiführung debattiert darüber, ob ebenso real existierende, verstörende Videodokumente samt giftigen Aussagen weniger schlimm seien, als diese öffentlich zugänglichen Aufnahmen in Erinnerung zu rufen.
Und damit eines klar ist: Ich spreche Herrn Hagel nicht ab, sich seit diesem Moment vor acht Jahren persönlich weiterentwickelt zu haben und seine damaligen Aussagen zu reflektieren. Ob mit oder ohne die Hilfe seiner Ehefrau. Immerhin hatte er den Anstand, seinen Rücktritt anzubieten.
Aber sein Wahlkampfteam und seine PR-Abteilung haben definitiv aufs falsche Pferd gesetzt: auf die Hoffnung, man könne „olle Kamellen“ unter den Teppich kehren. Während sein politischer Kontrahent seine eigenen alten Skandale offen aufgearbeitet hat. Was aber mehrere Jahre Zeit gekostet hat. Zeit, welche die CDU einfach nicht hat, wenn sie nicht über kurz oder lang das Schicksal der SPD teilen will.
Ironischerweise befürchte ich, dass sie durch ihr Irrlichtern am rechten Rand diesen Prozess eher beschleunigt als ausbremst.

Über die höchst eigenwillige Interpretation des Unwortes „Schmutzkampagne“ will ich gar nicht erst schreiben.
Nur soviel: Vorgestern las ich einen treffenden Kommentar.

Ist nach dieser Definition dann auch an einem Mord nicht der Täter schuld, sondern derjenige, der später die Leiche findet?

Ich schließe mich doch lieber Känguru und Kleinkünstler an, jedenfalls auf der mir möglichen Ebene

»Ich rebelliere!«, ruft das Känguru, als es in die Küche kommt.

»Aha«, sage ich. »Wogegen rebellierst du denn?«

»Gegen die Zustände.«

»Verständlich«, sage ich. »Löblich geradezu.«

»Rebellierst du mit?«, fragt das Känguru.

»Wenn ich darf.«

»Falsche Antwort. Wer rebelliert, fragt nicht, ob er darf.«

»Guter Punkt.«

»Also rebellierst du mit?«

»Sehr gerne.«

»Hervorragend«, sagt das Känguru. »Dann sind wir schon zu zweit.«

Bibliographische Angaben: Marc-Uwe Kling, Die Känguru-Rebellion; Hörbuch Hamburg; ISBN 978-3-8449-4454-9; sozialistische 12,95 € für sechseinhalb Stunden Hörgenuss

Neugierig geworden

Anne Brorhilker über „Cum/Ex, Milliarden und Moral. Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt“ – Table of Content – der Sachbuch-Podcast

Seit ich vor einigen Jahren zum Sachbuch-Nerd mutiert bin, ist es mitunter frustrierend, dass viel mehr lesenswerte Bücher zu gesellschaftlichen, politischen, ökologischen oder historischen Themen erscheinen als ich bewältigen kann.
Denn neben dem reinen Vorgang des Lesens ist ja auch die Verarbeitung der vielen Informationen in den Büchern essenziell, die Abwägung von Inhalten: Wie glaubhaft ist das, was ich lese, deckt es sich mit meinem Erfahrungshintergrund? Oder erfahre ich grundlegend Neues, das ich erstmal für mich selbst klarkriegen muss, ehe ich anderen überzeugend davon erzählen kann? Welche Agenda haben die Autoren?
Faktenchecks gehören für mich ebenfalls dazu: Wie umfangreich ist das Quellenverzeichnis? Und ist es einseitig gewichtet oder gibt es in den Quellen unterschiedliche Sichtweisen und Beurteilungen, die in den Text Einzug finden?

Kleine Anekdote am Rand:
Als ich in die neuen Lernhefte meines Fernstudiums schaute, die den Bereich Sachbuch abdecken und im letzten Heft auf die Publikationsformen eingehen, musste ich herzhaft lachen. Da steht:

Screenshot aus dem Vorwort des Lernheftes

Sachbücher und Ratgeber liefern seriöse Informationen. So soll es sein, definitiv. Und Selfpublishing bringt ebenso sicher auch viele Vorteile mit sich, ich selbst überlege ja auch in der Richtung. Aber – ihr habt sicher schon geahnt, dass es ein großes Aber gibt:
Nicht nur, aber unter anderem Selfpublishing sorgt neben vielen kreativen und nachdenklichen Denk-Ansätzen auch dafür, dass (vor allem seit der Pandemie) immer mehr Absolventen der diversen Youtube-Akademien ihre selbst angeeignete Expertise zum Impfen, zur politischen Lage der Welt, zur Spaghettimonstertheologie, zum großangelegten, von „globalistischen Eliten angefachten Bevölkerungsaustausch“, zu Prepperfachwissen bis hin zu Genetik und Evolutionsbiologie in die weite Welt der Bücher teilweise sehr überzeugend versprühen.
Das gilt es immer im Hinterkopf zu haben, wenn es um die Seriosität geht.

Zurück zum eigentlichen Thema:
Ich brauche ein sinnvolles Tool, um mich im Sachbuchmarkt zu orientieren, um in konzentrierter Form einen Überblick zu bekommen und gleichzeitig Hintergrundinfos und Verkaufsargumente zu sammeln.
Der oben genannte Sachbuchpodcast ist da sehr hilfreich. Der Host, Christof Blome, ist Sachbuchlektor und hat einen guten Überblick über die Themen, die das Zeug zu großer Nachfrage haben. Er lädt Autor:innen, Verlagsleute, Journalist:innen und andere Menschen ein, die sich mit ihren Themen wirklich gut auskennen und es nicht nur vorgeben.

Die neueste Folge mit Anne Brorhilker hat mich jedenfalls total angefixt.
Ich habe das Buch noch nicht in Gänze gelesen, aber da es seit vielen Wochen vollkommen zu Recht auf der Bestsellerliste steht, immer mal wieder Blicke hineingeworfen.
Im Podcast erzählt die ehemalige Staatsanwältin sehr persönlich und eindrücklich vom Alltag in deutschen Behörden, Verwaltungen, Steuerkanzleien und Firmen. Von Klassismus, Sexismus und anderen -Ismen, von Standesdünkeln und Überheblichkeit auf der Seite der großen Wirtschaftsplayer und der Hilflosigkeit und historisch gewachsenen Unorganisiertheit staatlicher Institutionen andererseits.
Auch hier ein großes Aber: Sie erzählt das nicht in einem lamentierenden Ton, sondern berichtet sachlich.
Weil ihre Absicht ist, Durchschnittsbürgern wie dir und mir Mut zu machen: Mut, dass wir nicht hilflos sind, dass wir uns einmischen können, dass wir Dinge ins Rollen bringen können, wenn wir nicht stumm daneben stehen und die Schultern zucken. Sondern wenn wir unsere Machtinstrumente nutzen: Petitionen, Eingaben bei unseren Abgeordneten, Nachfragen usw.
Indem wir Bescheid wissen über die Art und Weise, wie Lobbyisten versuchen, uns mit Wortungetümen und Floskel-Blabla einzuschüchtern und uns weismachen, das sei ja alles viel zu hoch und unverständlich für den ganz normalen Deutschen.

Ich stelle mir die Frage: Wollen wir nicht als mündige Bürger angesehen werden? Sollten wir dann nicht mal anfangen, uns mit den Themen vertraut zu machen, mit den Märchen darüber, warum dem deutschen Staat mehr oder weniger achselzuckend so viele Steuergelder entgehen, während uns erzählt wird, wir seien alle mehr oder weniger Sozialschmarotzer?

Hat jemand Lust, sich anzuschließen und dieses Buch zu lesen, um anschließend mitzureden, darüber zu diskutieren, Multiplikator zu werden?

Zitat Anne Brorhilker (S. 14):
Hätte ich mir das selbst zugetraut, wenn man mich zu Beginn meiner Tätigkeit bei der Staatsanwaltschaft Köln gefragt hätte? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber während meiner Zeit dort und insbesondere dank der Erfahrungen mit den Cum/Ex-Ermittlungen kann ich heute sagen, dass meistens viel mehr möglich ist, als man selbst glaubt.
[ … ]
Dieses Buch ist vielmehr eine Ermutigung, sich von Widerständen nicht einschüchtern und lähmen zu lassen, sondern sich einzumischen und für wichtige Ziele einzustehen.“

Bibliographische Angaben: Anne Brorhilker/Traudl Bünger, Cum/Ex, Milliarden und Moral; Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-21911-3,; 24,- €

Trauerspiel, zweiter Akt

Buchhandlungspreis: BKM bläst Preisverleihung ab

Als gestern Mittag die Eilmeldung im Börsenblatt erschien, war ich kein bisschen verwundert. Hatte ich doch kurz zuvor gelesen, dass ein Essener Buchhändler seinen Preis zurückgewiesen und einen offenen Brief ans BKM verfasst hatte. Und dass sich die 115 Buchhandlungen solidarisch zusammengetan haben, um den drei „Aussortierten“ die Preisgelder aus eigenen Mitteln zu ersetzen. Dass sie gar die sogenannte „Feierstunde“ (später mehr) zu einer kreativen Aktion nutzen wollten.

Buchhandlungspreis: BKM bläst Preisverleihung ab

Mal überlegen. Um 17 Uhr, eine Stunde vor Schließung der Messe, sollte die Preisverleihung beginnen. 115 Buchhandlungen, 60 Minuten. Eine halbe Minute pro Buchhandlung, die restlichen zweieinhalb Minuten für Sektempfang und kollegialen Austausch?
Wahrhaft würdig und angemessen, mit Sicherheit. 😠
Wir sind ja Kummer und relative Missachtung der Politik gewohnt im Buchhandel, aber so etwas gab es noch nie.

Kann man so machen. Ist aber maximal katastrophal für Wertschätzung, Diskurs und Außenwirkung. Und das gilt sowohl für den Rahmen der Fließband-„Feierstunde“ (bisher waren es festliche Abendveranstaltungen, aber man muss ja sparen) als auch für die Hopplahopp-Absage.

Der Hanser-Verlag lud daraufhin alle 118 ursprünglich nominierten Buchhandlungen zu einer Messe-Party ein. Am selben Abend wie die gecancelte Preisverleihung.
Derweil der Börsenverein den Buchhandlungen rät, die Preise nicht zu boykottieren, sondern entgegenzunehmen. Nicht aus Opportunität und mangelnder Solidarität. Es ist so traurig wie pragmatisch:
Weil die Befürchtung besteht, eine Verweigerung könne einen (willkommenen?) Anlass bieten, den erst seit 15 Jahren vergebenen Buchhandlungspreis – ursprünglich eingeführt, um die engagierte Arbeit inhabergeführter, konzernunabhängiger Buchhandlungen quer durchs Land für Leseförderung und eine lebendige, vielfältige Kultur- und Wissensvermittlung zu würdigen – einzustellen, wegzusparen sowie unbequeme Preisträger vom Hals zu halten.

Ob dieses Trauerspiel noch einen dritten Akt haben wird und wie er aussehen mag?
Ich hätte da ein paar Ideen. Als kleiner Spoiler: in der klassischen griechischen Tragödie gibt es kurz vor Schluss etwas, das sich Katharsis (Reinigung, Sühne) nennt …

Ich habe da mal eine Frage …

… an Jens Spahn.
Der brachte die Idee auf, das Ministerpräsidentenamt in BW könne ja angesichts der Patt-Situation bei den Landtagssitzen geteilt werden. Zweieinhalb Jahre Grüne, zweieinhalb Jahre CDU.
Ganz davon abgesehen, dass sich auch in diesem Fall beide Parteien im Vorfeld zwingend über die grundsätzliche Ausrichtung der Landespolitik einig sein müssen (sonst gibt es ja nur noch Kuddelmuddel, wenn mitten in der Legislaturperiode alles anders gemacht wird), was hält denn sein Chef von dieser Lifestyle-Teilzeit-Lösung?

Die eigentlich maßgebliche Frage lautet aber:
Angenommen, das Ergebnis wäre ebenso knapp, aber andersherum.
Herr Spahn, wären Sie in diesem Fall auch so überzeugt davon?
Würden Sie gar über Ihren Schatten springen und den Grünen ein solches Modell anbieten, weil die einen ebensolchen Anspruch auf das Amt hätten?
Oder würden Sie mit Klauen und Zähnen Ihren halben Prozentpunkt verteidigen als heilsbringenden kleinen Unterschied?

Oh, Shit. Das war jetzt deutlich mehr als eine Frage. Aber mit dem Zählen und Rechnen haben Sie es ja auch nicht so. Puh. Glück gehabt?

(M)eine Entpuppung

Wie der Feminismus durch Bücher und Musik Einzug in mein Leben fand

Ich habe mich lange Zeit nicht als Feministin eingeordnet, da ich wenig Einschränkungen wahrnahm in meiner ganz persönlichen Entwicklung.  Das hat sich grundlegend gewandelt.

Die Rolle(n), die historisch betrachtet von der männlichen Hälfte der Bevölkerung und der großenteils männlichen Machtelite den Frauen zugestanden wurden – und teilweise immer noch werden – bewegte sich lange Zeit im Kosmos „Küche, Kinder, Kirche“. Und die Tendenzen wieder hin zu diesen fragwürdigen „Werten“ verstärken sich leider in den letzten Jahren von konservativer Seite her wieder immens.

Im Gegensatz zu einer feministischen Haltung war mir ein anderer wichtiger Baustein in meinem Dasein dagegen schon sehr früh klar:

Ein Leben ohne Bücher ist möglich, aber sinnlos.

Das frechste Buch mit einer selbstbewussten Hauptdarstellerin, das ich als Kind besaß, war „Die rote Zora“. Dummerweise wusste ich mit diesem Mädel überhaupt nichts anzufangen. Erst später wurde mir klar, weshalb. Der Klassenkampf von Zora und ihrer Bande gegen die Oberschichtschüler fand nicht nur in den 1930er Jahren statt, sondern auch noch in Kroatien, was für mich im Jahr 1976 ungefähr so weit weg war wie der Mond. Und ebenso wenig wie über diesen wusste ich auch von dem Land, das zur Zeit des kalten Krieges zu Jugoslawien gehörte.
Ich nehme mal an, das Buch wurde mir von meiner viel älteren Cousine geschenkt, die Ende der 1960er ihr Studium begonnen hatte und vermutlich von der Studentenbewegung 1968 inspiriert war. 

Meine Tante (ihre Mutter), von der ich relativ viele Bücher überlassen bekam, versorgte mich dagegen mit Marie Louise Fischer und Utta Danella.
Diese Bücher sorgten teilweise für meine Aufklärung und viel Verwirrung, denn für Mädchen im Alter von 10-12 Jahren war diese Lektüre nicht unbedingt erste Wahl. Im Gegenteil, ich erfuhr zu viele intime Details, die ich noch gar nicht wissen wollte oder einordnen konnte.

Das freche und anarchische, autark lebende Vorbild, das ich mir sehnlichst wünschte, fand irgendwie nie den Weg auf meinen Geburtstagsgabentisch: Pippi Langstrumpf. Ich glaube, ich muss nicht extra erwähnen, dass ich in den Sommerferien auf jeden Regentag hoffte, denn dann durfte ich das ZDF-Ferienprogramm schauen, wo Pippis Abenteuer als Filme gezeigt wurden.

Girls just wanna have fun vs. Holding out for a Hero

Als Jugendliche liebte ich Tanz- und Musikfilme, gern mit jungen Frauen, die ihren Weg fanden. Sängerinnen wie Madonna oder Cyndi Lauper mit ihren unorthodoxen Outfits und Reibeisenstimme Bonnie Tyler waren mir näher als Alice Schwarzer, mit deren Art ich nie etwas anfangen konnte. Auf valide Argumente konnte ich die Antipathie damals nicht bauen, aber einerseits empfand ich ihr Auftreten als ebenso abstoßend wie das vieler, vor allem mächtiger Männer und andererseits hatte ich einen total anderen Erfahrungshintergrund.
Meine Mutter war berufstätig, im Gegensatz zu den Müttern vieler Freundinnen, deswegen hielt ich unsere Familie für sehr emanzipiert.

„Lila schützt vor Schwangerschaft“, diese „Emanzenweisheit“ schrieben wir stolz auf unsere Schlampermäppchen. Deren Respektlosigkeit wurde mir und vielen anderen erst Jahre später bewusst. Das Vorurteil dahinter: Emanzen sind so hässlich, die will eh kein anständiger Mann haben.
Die etwas älteren Jungs und auch erwachsene Männer bezeichneten Frauenrechtlerinnen abfällig als „Kampflesben“ oder etwas altmodischer als „Blaustrümpfe“.

Wahrscheinlich war ich trotz Gymnasialbildung ein wenig naiv, ich konnte mir da einfach keinen Reim drauf machen.

Schon bevor ich meine unvermeidliche Ausbildung im Buchhandel begann, noch zu meiner Grundschulzeit, gründete der Rowohlt Verlag die Reihe
Rowohlt Neue Frau, wo Alice Walkers „Die Farbe Lila“ und jede Menge andere wichtige Literatur von Frauen für Frauen erschien.

Meine erste Abteilung im Ausbildungsbetrieb war der Taschenbuchladen, wo ständig „Der Tod des Märchenprinzen“, „Suche impotenten Mann fürs Leben“ oder „Windeln, Wut und wilde Träume“ durch meine Hände ging. Neben Büchern von Georgette Heyer oder Anais Nin.
Unvergessen: „Der einzige Weg, Oliven zu essen“ von Lonnie Barbach. Sehr aufschlussreich.
Die intellektuelleren Kundinnen lasen eher Simone de Beauvoir oder Christine Brückners „Wenn du geredet hättest, Desdemona“.

Unser erster Sortimenter ließ in diesem Betätigungsfeld den durchweg weiblichen Azubis meist freie Hand, denn ich habe bis heute den Verdacht, für ihn war das alles ein ähnliches Gedöns wie später für den SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder die Frauenpolitik.

Miss Merkel oder Eine Frage der Chemie?

Der Buchmarkt boomt seit einiger Zeit schon in dem Bereich, in dem es um die Rezeption zeitgeschichtlicher Ereignisse (also grob die letzten 100 Jahre) geht. Vor allem dort, wo es um die Rolle der Frauen geht, um den Platz, den Männer ihnen gewährten, sowie die Pfründe, die Adlige, Bürgerliche oder Klerikale – allesamt männlich – gegen weiblichen Einfluss verteidigten.

Rezeptionen über Wissenschaftlerinnen wie Marie Curie oder Ada Lovelace (die übrigens die weltweit erste Programmiererin war, lange bevor Bill Gates und andere Tech Bros geboren wurden), über Politikerinnen  wie Sanna Marin oder Jacinda Ardern, Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker oder Patti Smith finden in der Sachliteratur ebenso wie im belletristischen Bereich viele Leserinnen.
Auch wenn es sich insgesamt zu einem sehr großen Teil um Unterhaltungsliteratur oder Cozy Crime handelt, finde ich die Bezeichnung Frauenliteratur für dieses Genre inzwischen despektierlich.

Warum sollte nicht in gut verdaulicher Form auf Missstände aufmerksam gemacht werden, die viele Frauen am eigenen Leibe erlebt haben? Warum sollten wir nicht nachdenken, ob es eigentlich jemals richtig war, auf die Expertise einer halben Bevölkerung zu verzichten und oftmals lieber weniger qualifizierte Männer in herausgehobene Positionen zu hieven als gut ausgebildete Frauen auch nur in Betracht zu ziehen?

Nicht jede Frau – und übrigens auch nicht jeder Mann – möchte ins Reich der intellektuell mehr oder weniger herausfordernden Sach- und Fachliteratur einsteigen, um sich Gedanken über gesellschaftliche Probleme zu machen. „Großen Gesellschaftsromanen“ wird auch hier (und vornehmlich männlich geprägt) mehr zugetraut als vermeintlicher Alltagskost. – Im übertragenen Sinn wird man aber von dieser Alltagskost an den meisten Tagen satt, nicht vom Gourmetmenü, das man sich selten gönnt.
Also sollten manche Männer, wie ein allseits bekannter deutscher Buchkritiker, bitte dringend verbal abrüsten und öfter mal einen Perspektivwechsel wagen, finde ich. Andersherum wird es schließlich als selbstverständlich angesehen, dass wir Frauen uns mit der männlichen Perspektive auseinandersetzen.

Im Übrigen ist es genau das, womit seit Jahrtausenden Erfahrungen, Wissen und die großen Erzählungen der Menschheit weitergegeben werden: Geschichten, die durch ihre Eindringlichkeit und Mitnahme der Zuhörer unseren kollektiven Erfahrungsschatz und die Grundlage der Geschichtsschreibung bilden. Und in vielen Kulturen der Welt sind die Frauen die Hüterinnen der Geschichte in Geschichten. Ihnen obliegt es, den Kindern und Jugendlichen die Weisheiten des kollektiven Wissens zu vermitteln. Sie tragen damit eine große Verantwortung.

Mindestens für kommende Generationen, für meine Töchter und ihre Freundinnen, streite ich für eine Welt mit mehr Gerechtigkeit, weniger Geschlechterkampf und weniger Macht von Männern über die Lebenswege von Frauen.
Doch auch für meine Schwiegersöhne und meinen Enkel wünsche ich mir eine Welt, in der sich niemand für seinen oder ihren Lebensentwurf rechtfertigen muss.

Denn das Modell, das zurzeit sehr offensiv als Ideal eines Familienlebens von rechtsaußen propagiert wird, schränkt nicht nur die Frauen, sondern auch Männer ein. Und Menschen, die in dieses Bild nicht passen, sowieso. Sie werden überhaupt nicht mitgedacht, weil nicht sein kann, was angeblich nicht sein darf.

Die Sichtweise von Männern, die sich in der sogenannten Manosphere oder in Incel-Netzwerken sammeln samt ihren toxischen Vorstellungen davon, wie sie Frauen als Bedürfnisbefriedigungsobjekte benutzen, tut ihr Übriges.  Es gibt mir Energie, von Frauen wie Gisèle Pelicot zu lesen, die mit Tapferkeit und Würde gegen missbräuchliche Männer ankämpft oder ihrer Tochter Caroline Darian, die sich gleich mit ganzen Strukturen anlegt.  

Wir alle, Männer wie Frauen, wurden und werden von Konventionen geprägt, die uns in der Erziehung mitgegeben wurden. Bewusst oder unbewusst. Selbst dann, wenn wir uns davon abzugrenzen versuchen, können wir nicht immer ausweichen und andere, neue Wege beschreiten, mangels Gelegenheit oder auch wegen fehlender Vorbilder.

Untrennbar mit diesen Überlegungen verbunden ist für mich übrigens auch die Frage nach individueller und institutioneller Schuld, nach Verantwortungsübernahme, nach dem Bedenken der Konsequenzen für nachfolgende Generationen.
Verantwortung bedeutet dabei nicht, sich in vergangener Schuld zu suhlen und zu kasteien, sondern vor allem, Geschehenes zu reflektieren und dafür zu sorgen, dass es sich nicht wiederholt.
Immer dann, wenn Ideologie so verherrlicht wird wie es in den unterschiedlichen autoritären und totalitären Regimes überall auf der Welt geschah und geschieht, geht es auf Kosten der Menschlichkeit. Dabei ist es ziemlich egal, ob die Ideologie religiös, biologostisch oder ökonomisch begründet wird.
Und leider müssen wir zurzeit in mächtigen Kreisen (auch in Demokratien) beobachten, dass Feminismus verteufelt wird, dass Frauen auf ihre Fuckability und ihre Gebärfähigkeit reduziert werden – und dass neues Leben nur so lange wertvoll ist, wie es sich im Mutterleib befindet. Während eine toxische Männlichkeit gefeiert wird, die sich zum Richter über wertes und unwertes Leben aufschwingt, die junge Männer zu Kanonenfutter macht, migrantische Menschen überall auf der Welt zu Ungeziefer erklärt und Eindeutigkeit fordert, wo Ambiguitätstoleranz gefordert ist.

Ist es kompliziert? – Ja.
Bin ich innerlich zerrissen? – Unbedingt.
Bin ich also heute Feministin? – Ja. Unbedingt.

Als Reverenz an die Vergangenheit, um sie besser zu verstehen und den vielen Frauen von Ada Lovelace über Marie Curie bis hin zu Mileva Marić Ehre zu erweisen.
Als Mahnung für die Gegenwart, Errungenschaften nicht aufs Spiel zu setzen, sich dem Erstarken reaktionärer Kräfte entgegen zu stellen.
Und für die Vision einer inklusiven Zukunft, die alle Menschen mit ihren Schwächen und ihren Stärken, ihren Ängsten und ihren Hoffnungen, ihren Einschränkungen und ihren Möglichkeiten angemessen beteiligt.  

Weil die gesamte Gesellschaft davon profitiert, wenn Frauen auf andere Frauen achten und sie supporten. Weil sie daran wächst, wenn Frauen – und Männer – den nur vermeintlich typisch weiblichen Charakterzügen wie Empathie und Wertschätzung zur Durchsetzung verhelfen.

Ja, auch Männer können Feministen sein, ohne dabei ihre Männlichkeit zu verlieren. Weil Feminismus nicht „Kampf gegen Männer“ bedeutet.

Weil Feminismus bedeutet, alle Menschen und ihre Bedürfnisse zu sehen.

Dieses ist mein Beitrag zur Wortdusche am Weltfrauentag.
Drei Wochen habe ich an dem Text geschrieben.
Ich habe gewütet und meine Wut wieder eingefangen.
Ich bin verzweifelt und habe aus dem Zweifel neue Kraft gewonnen.
Ich habe getrauert und der Trauer erst Raum gegeben und sie dann ein Stück weit überwunden. Nicht komplett, aber genug, um schreib- und redefähig zu sein.
Ich habe gehadert und um Zuversicht gerungen.

Habe mit meinen widersprüchlichen Gedanken jongliert.
Ich habe geschrieben, gelöscht und neu geschrieben.
Dieser Beitrag ist eine Momentaufnahme. Ich danke euch fürs Lesen.

Ich glaube, es ist gut, dass ich mich selbst beim Lesen nicht sehe, es kommt mir merkwürdig vor.
Vorn im Publikum meine „Fanbase“😂

Nachtrag:
»FRAUEN, DIE NICHTS FORDERN, WERDEN BEIM WORT GENOMMEN – SIE BEKOMMEN NICHTS.«
Mit diesen Worten von Simone de Beauvoir stellte mich Lou gestern vor. Danke auch dir, Lou, für diese Zuordnung.

Im Nebel

Zeit zum Auswintern (auch persönlich)

Jachthafen Sonwik, Blick über die Innenförde auf die Flensburger Werft. Himmlische Ruhe.

Benebelt (von den vielen Gedanken und Eindrücken in meinem Kopf) liege ich im Bett und lausche. Die Kirchturmuhr schlägt. Sieben Uhr. Morgens.
Vögel zwitschern den Frühling herbei. Was soll’s, an Schlaf ist sowieso nicht mehr zu denken. Wie die vergangenen Wochen schon.
Ich hatte gestern Abend die Hoffnung, in dieser Nacht tief und traumlos schlafen zu können. Aufgestanden um vier (!) Uhr morgens. Um kurz nach Fünf losgefahren. Ungefähr 400 Kilometer hinter dem Lenkrad verbracht, für mich eine außergewöhnliche Leistung innerhalb eines Tages.
Mit Bekannten sind wir nach Gelting Mole gefahren, um die Sterntaler aus ihrem Winterquartier nach Flensburg zu bringen.
Die Männer auf dem Seeweg, wir Frauen wollten den Tag nutzen, um die Gegend zu erkunden. Auf der Außenförde dichter Nebel, die dänische Seite war nicht sichtbar. Später erzählte Edgar, er habe nach der Plotter-App auf dem Handy navigieren müssen, damit sie jeweils die nächste Tonne ansteuern konnten, denn die Nebelsuppe war dick und an Bord funktionierte noch überhaupt nichts (außer dem Motor). Das Boot lag im Wasser und der Mast war gestellt, aber: weder waren die Segel eingezogen noch die Elektronik angeschlossen. Das kommt alles noch.

Ich habe doch glatt vergessen, alles kurz und klein zu fotografieren. Bis auf diese Eindrücke im NSG.
Weil: erstens Nebel, zweitens intensive Gespräche und drittens Gedankenlosigkeit. Nun gut. Außer Nebel und noch im Winterschlaf befindlichen, trockenem Gestrüpp der Hecken auf der Halbinsel Holnis gab es ehrlich gesagt nicht viel, das eine Fotodokumentation reizvoll gemacht hätte. Vielleicht den kleinen Dorfplatz samt Teich und Sitzgruppe, an dem wir unser mitgebrachtes Mini-Picknick verzehrten.
Oder die wunderschönen Häuser an der Steilküste von Holnis, die nach einer längeren Zeit im Dornröschenschlaf zurzeit renoviert werden (es tut sich also doch was in Deutschland😂) und vermutlich demnächst einer touristischen Nutzung entgegensehen.

In Steinbergkirchen haben wir ein norddeutsches Kaufhaus geentert und in nostalgischen Gefühlen geschwelgt (Echt jetzt: Kaufhaus. Wie früher. So richtig mit Klamotten und Haushaltswaren, Drogerieabteilung und touristischem Dekodedöns. Allwetterjacken, Gummistiefel, Sandspielzeug und Kescher in trauter Eintracht mit Sanddornhautcreme und -likör.) Und haben unsere Familien mit T-Shirts für den Sommer eingedeckt.
Auf Holnis wollte ich unbedingt von der anderen Seite des ehemaligen (vor der Sturmflut 2023) Rundweges aus sehen, wo ich im Herbst nicht weitergekommen war.
Vor der Steilküste ist Schluss. Der ehemals zum Strand hinunterführende Pattweg ist gesperrt, mit Zaun und allem. Und das wird er vermutlich auch die nächsten Jahre bleiben, mindestens bis die am Steilhang und am Strand umgefallenen Bäume vermodert sind. Oder die nächste Sturmflut (hoffentlich nicht) auch noch den Zaun abknabbert. Denn Holnis ist Naturschutzgebiet, es wird in den Lauf der Natur nicht eingegriffen.
Gut so. Touristisches Jammern ist fehl am Platze, wir sind dort die Eindringlinge, nicht die Elemente.
Immerhin konnten wir die Sterntaler beobachten, wie sie die „Schwiegermutter“ (eine Untiefentonne vor der Landspitze von Holnis) umrundete und Kurs auf die Innenförde mit den Ochseninseln nahm.

Weiter ging die Fahrt, zu Wasser und zu Land, in Richtung Marina Sonwik.
Wir kamen eher an als die Sterntaler und konnten uns vorab erkundigen, in welche Box die Männer das Boot bringen sollten. Es folgte eine kurze Inspektion des Hafens: Mist, die Sanitärgebäude öffnen leider erst Mitte April zum offiziellen Saisonstart, auch wenn überall an den Stegen Bootseigner zu beobachten waren, die ihre Schiffe auswinterten.

Und dann kamen sie auch schon:

Auch wenn es optisch wie „auslaufen“ aussieht, es ging im Rückwärtsgang in die Gasse und dann in die Box. Spiegelglatte See, also absolute Windstille, erleichterten das „Einparken“ erheblich. Zack, drin. So finde selbst ich Hafenmanöver akzeptabel (die sind sonst mein Endgegner, ich kriege immer einen halben Nervenzusammenbruch.)
Immerhin beim Italiener im Hafenbürogebäude bestand dann auch die Möglichkeit, einen Toilettenbesuch mit dem Nachtanken von Kaffee zu verbinden. Win-win-Situation.
Als krönenden Abschluss kutschierte ich meine Auto-Crew dann noch nach Flensburg rein, zur Museumswerft, wo es die weltbesten Fischbrötchen gibt. Große, leckere Fischportionen in stets frischgebackenen, warmen und knusperkrossen Riesenbrötchen🤤.
Übrigens alles andere als „Fast Food“, denn dort stehen ständig lange Schlangen hungriger Einheimischer und Touristen, um nordisch gelassen zu warten, bis sie an der Reihe sind. Nur mir ging gestern kurzfristig die Ruhe flöten, als die Leute vor uns meinten, sie hätten vermutlich die letzten Brötchen ergattert. Da musste ich doch kurz kundtun, dass wir extra aus Porta Westfalica angereist sind, um genau dort Fischbrötchen zu essen. Aber auch die mindestens weiteren zwanzig Leute, die sich noch nach uns angestellt hatten, gingen nicht leer aus. Danke, Jungs!

Nach einem langen Tag voller sehr unterschiedlicher Impressionen schlurfte ich schließlich um halb Elf ins Bett. Ich hatte oben erwähnte Hoffnung.
Doch die vielen Inputs des langen Tages, das komplexe und verstörende Weltgeschehen, politisches Hickhack und gesellschaftlicher, von „oben“ aufgezwungener Kulturkampf im Inneren des Landes und nicht zuletzt gesundheitliche Herausforderungen innerhalb der Familie ließen mich auch diese Nacht mehr in einem halbsedierten Dämmerzustand mit wilden Traumfantasien verbringen als in erholsamer Ruhe.

Durch das Aufschreiben kommt jetzt aber wenigstens etwas Struktur ins Chaos. Kalle liegt in sein Schicksal ergeben („Frühstück ist heute später, mein Junge“) neben mir im Büro, die Waschmaschine und der Geschirrspüler laufen schon, Mann und ‚Kind‘ schlafen noch. Und ich bereite mich mental auf den heutigen Nachmittag in der Wortdusche vor und bekomme langsam doch ein zartes Hüngerchen.
Also tschüss, einen schönen Sonntag (auch wenn es schon wieder neblig ist) euch allen.
Und übrigens: Einen erfolgreichen Weltfrauentag!

Klingt nach ’nem Plan, oder?

Deutscher Buchhandlungspreis

Danke für eure vielen wunderbaren ablenkenden Filmzitate.
Ich habe mich wieder zurechtgeschüttelt. Nun kann ich artikulieren, was gestern noch wie ein riesiger Berg Krautsalat durch mein Hirn waberte.
Grund für den schwer verdaulichen Wirrwarr ist der
Deutsche Buchhandlungspreis.
Wobei, das stimmt so nicht. Grund ist unser Kulturstaatsminister.
Der Reihe nach.

Screenshot: Website des Deutschen Buchhandlungspreises

Also: nicht der Preis an sich, den gibt es schon seit 2015, er blüht eher im Verborgenen der Branche recht bescheiden vor sich hin. Viele inhabergeführte Buchhandlungen wurden in der Vergangenheit ausgezeichnet, für Leseförderungsmaßnahmen (Welttag des Buches, Lesetüten, Zusammenarbeit mit Schulen, Kinderbuchmessen …), für die Förderung regionaler Literaturangebote, Lesungen, Podiumsdiskussionen, Vorstellung lokaler Autoren jenseits des literarischen Mainstreams, für die Schaffung von lebendigen Begegnungsorten in kleineren Städten abseits der kulturell breiter aufgestellten Metropolen und vieles mehr.

Der Preis ist für die einzelnen Preisträger nicht hoch dotiert wie man es von Filmpreisen gewohnt ist, in anderen Branchen als dem Buchhandel würde man vermutlich müde lächeln. Aber er geht in die Breite, es wird ein Spektrum an kleineren Läden quer durchs Land gefördert, für die auch Preisgelder unterhalb von fünfstelligen Summen bedeutend sind, um weiterhin mit ihrer Arbeit Impulse in die Gesellschaft zu setzen.
Vielleicht habt ihr in der Buchhandlung eures Vertrauens (sofern es eine inhabergeführte, konzernunabhängige Buchhandlung ist) schon einmal das Logo mit einer Jahreszahl versehen entdeckt, dann gehört sie zu denen, die bereits die Ehre der Auszeichnung hatten.

Nach dem Regierungswechsel 2025 wehte im Kulturstaatsministerium ein Wind of Change, der zunächst den Anschein hatte, jegliche Aktivitäten in Richtung Literatur weggefegt zu haben.
Denn: mehrere Monate lang tat sich nichts. Das Bewerbungsportal lag verwaist zu einer Jahreszeit, in der die Buchhandlungen jahrelang die digitalen Bleistifte und sämtliche Kennzahlen bereithielten, um ihre Bewerbung abzuschicken. Man munkelte, 2025 werde es wohl nichts mit der noch jungen Tradition.
Erst Anfang September gab es schließlich ein kurzes Zeitfenster, in dem man eine Bewerbung abgeben konnte.
Auch die Hofbuchhandlung bewarb sich, kam aber (leider oder vielleicht auch: zum Glück?) nicht in die engere Auswahl der 115 Nominierten der Republik.

115? Moment mal. Seit gestern, seit dem 4. März 2026 ist bekannt, dass die unabhängige, aus Branchenkennern bestehende Fachjury ursprünglich
118 Buchhandlungen nominiert hatte.
Drei Buchhandlungen wurden vom BKM (Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien) aussortiert. Und zwar offensichtlich, nachdem (vermutlich, denn wie will man sonst filtern?) alle Nominierten vom Bundesamt für Verfassungsschutz überprüft wurden. Heimlich, still und leise, ohne dass es den Betroffenen mitgeteilt wurde, ohne dass sie Möglichkeit zur Stellungnahme bekamen. Ohne dass sie wissen, was genau ihnen an „Verfassungsfeindlichkeit“ vorgeworfen wird.

Quelle: Kritik an Kulturstaatsminister Weimer nach Vorgehen gegen Buchhandlungen

Drei Buchhandlungen, die politisch dem linken Spektrum angehören, aber bei denen die Kulturstaatsministerinnen Monika Grütters und Claudia Roth in vergangenen Jahren ihr Engagement – siehe oben – bescheinigten.

Ich verlinke euch hier eine Liste von frei zugänglichen Presseberichten, die sich mit diesem bisher undenkbaren, mit der Kunst- und Meinungsfreiheit keinesfalls konform gehenden Vorfall befassen.
Und ich bitte euch eindringlich: Lest die Artikel. Wenn ihr die Möglichkeit habt, macht Lokalpolitiker auf den Vorgang aufmerksam. Besucht eure lokalen Buchhandlungen und kauft dort eure Bücher, denn auch ihre Arbeit steht bei konsequenter Weiterführung einer solchen „Kulturpolitik“ auf dem Spiel. Lasst nicht zu, dass „missliebige“ Literatur und ihre Fürsprecher wieder aus der Öffentlichkeit verbannt werden. Das hatten wir schon mal und es ist nicht gut ausgegangen.

Deutscher Buchhandlungspreis: Wolfram Weimer schließt drei linke Buchhandlungen von Preis aus | DIE ZEIT

Im Börsenblatt des deutschen Buchhandels finden sich folgende Beiträge:

BKM hat Juryvotum in drei Fällen widersprochen

Börsenvereinsvorsteher: „Äußerst fragwürdig“

„Wir sind höchst irritiert und beunruhigt“

Die Zerstörung eines Preises (Kommentar von Rainer Moritz)

Die drei ausgeschlossenen Buchhandlungen wollen klagen

118 minus 3: Reaktionen aus der Buchbranche

Bei der Gelegenheit: Mir geht es nicht um klassische politische Zuschreibungen wie links oder rechts (im Sinne von konservativ). Wenn die ausgeschlossenen Buchhandlungen ein klassisch literarisches, konservatives (auch gern als „bürgerlich“ bezeichnetes) Programm vertreten würden, hätte ich genau so reagiert.
Natürlich: Es gibt Literatur, die ich als problematisch empfinde, die von Verlagen und Versandhändlern am äußersten Rande der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vertrieben wird, und das sage ich ich den Kunden dann auch. Es gibt sogar einen Verlag, von dem wir nichts bestellen, weil wir danach so lange mit unerwünschter Werbung bombardiert werden, bis wir mit dem Anwalt drohen.
Aber: wir Buchhandlungen sind privatwirtschaftliche Betriebe. Wir haben Handelsfreiheit und wir haben Hausrecht. Wir handeln nach den Werten der freiheitlich- demokratischen Grundordnung und nach Handelsrecht.
Wir sind keine übergeordnete, staatliche Institution, die gehalten ist, die gesamte kulturelle Vielfalt des Landes zu würdigen. Und wir legen unsere Gründe transparent dar, statt heimlich und undurchsichtig zu handeln.

Es ist in den letzten Wochen und Monaten teilweise extrem herausfordernd, auch nur ansatzweise zuversichtlich zu bleiben. Phasenweise bin ich unglaublich müde, sorge mich um die Zukunft, mache mir Gedanken, in welche Welt unsere Kinder und Enkel hineinwachsen.
Aber genau diese Ängste und Sorgen geben mir auch immer wieder Kraft, weiterzumachen, mir den Mund fusselig zu reden und die Finger wund zu schreiben.
Was, wenn nicht ein differenzierendes Gegenreden und Handeln kann Zuversicht und Hoffnung geben?
Wer, wenn nicht wir, die durchschnittlichen Menschen des Landes, soll Einspruch erheben, wenn zivilisatorische und demokratische Errungenschaften torpediert, geschleift und persifliert werden?

Nicht mit einem Rückfall in dunkelste Zeiten und niederste Instinkte, sondern mit dem Eintreten für Mitgefühl, Rücksicht, Perspektivwechsel und ein gelingendes Miteinander der Menschen.

Geschüttelt, nicht gerührt

So fühle ich mich nach ein paar Nachrichten und Ereignissen gestern.
Deswegen ist mir heute nach etwas Eskapismus zumute.  Mit möglichst wenig Ernsthaftigkeit.

Ich starte also eine kleine Umfrage: Was sind eure Lieblings-Filmzitate?
Damit euch das Antworten leichter fällt, lege ich meiner derzeitigen Stimmung entsprechend vor:

Yippie-ya-Yeah, Schweinebacke. (Stirb langsam)

Das ist doch kein Messer. DAS ist ein Messer! (Crocodile Dundee)

Von jetzt an seid ihr nur noch ein Ablenkungsmanöver, damit die Leute vergessen, was die wahren Probleme sind. (Tribute von Panem)

Wissen Sie, was Wahrheit ist? Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es nicht die Wahrheit. (Die Wiege der Sonne)

Na, wer kennt sie und jetzt seid ihr dran!

In diesem Sinne: möge die Macht mit euch sein!

Wortdusche

*Werbung, teilweise in eigener Sache und komplett uneigennützig*😉

Im Kulturzentrum Alte Polizei in Stadthagen findet am internationalen Frauentag die Wortdusche statt. An diesem denkwürdigen Tag darf ich zum ersten Mal dabei sein und einen neuen, zum Tag passenden Text vortragen.
Lou Kindermann („Kein Wort über die Kaninchen“, habe ich hier vorgestellt) moderiert und liest auch selbst, sie hat mich gefragt, ob ich lesen möchte und ob ich noch eine Frau kenne, die gern teilnehmen würde.
Ja und ja, war meine Antwort. Und so liest auch unsere älteste Tochter Julia an diesem Nachmittag. Ihre Beiträge gehen eher in Richtung Poetry, während ich einen Essay beisteuern werde.
Auf Lous Beitrag bin ich auch schon sehr gespannt, die Vierte im Bunde kenne ich noch nicht und lasse mich gern überraschen.

Die Vorfreude steigt, ich muss mich ein wenig bremsen, um meinen Text nicht noch dreimal umzuschreiben, und auch ein klitzekleines bisschen Aufregung macht sich breit.
Ich bin öffentliches Reden gewöhnt, das mache ich in der Buchhandlung, im Gottesdienst und ich habe auch schon früher für Jugendgottesdienste Predigten geschrieben und gehalten.
Aber irgendwie ist es doch ein neuer, ungewohnter Schritt und auch eine gewisse Selbstoffenbarung.

Ich wäre ja (inzwischen) schon zufrieden …

… wenn es manche Mitglieder unserer Bundesregierung (aber auch andere Menschen, die öffentlich eine von Experten bereits widerlegte Meinung hartnäckig vertreten) einfach mal schaffen würden, ebenso öffentlich zu sagen:
„Ja, sorry, da habe ich mich vorher nicht richtig informiert.“ Oder „Leider habe ich vergessen, alle Argumente für und gegen das Vorhaben konsequent zu Ende zu denken.“ Meinetwegen auch „Ah, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Danke für den Einwand, ich werde ihn berücksichtigen.“

Ich wäre auch zufrieden …

… wenn in Talkshows echte Diskussionen stattfänden. So richtig mit Pro und Contra austauschen, einander zuhören, dem Gegenüber einen Punkt zu gönnen statt in Kleinkindmanier auf der eigenen Meinung zu beharren. Um jeden Preis.

Damit meine ich übrigens keineswegs, dass alle Menschen mit Einfluss nabelo* (dumm) oder detscho* (bekloppt) sind. Es gibt jede Menge vernünftige, selbstkritische, nachdenkliche und gönnende Frauen und Männer. Aber die werden natürlich nicht so stark wahrgenommen.
Und da die lauten Unverbesserlichen oft als Vorbild genommen werden statt die ruhigen Vertreter, müssen wir uns nicht wundern, dass dieses Verhalten auf Jugendliche, Kinder, überhaupt auf die Gesellschaft abfärbt.

Ich sach‘ ja nur. Und nun halte ich auch wieder den Jabbel* (Mund).

*Mindener Buttjersprache. Klingt doch alles gleich viel netter, oder?

Von Mogelpackungen und Worthülsen

Der sogenannte „Habeck’sche Heizungshammer“ (hierzu später etwas unter dem Stichwort IDEOLOGIE), das Gebäudeenergiegesetz (GEG) wird umgemodelt zum Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG).
Beim Scrabble, Glücksrad oder Galgenmännchen-Spiel hat man damit gute Karten bzw. viele Punkte, beim Heizen vermutlich eher weniger. Jedenfalls nach allem, was ich bisher herausfinden konnte.
Es sei denn, wir heizen demnächst alle mit der heißen Luft, die manche Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion in den letzten Tagen produziert haben.

Was ist es überhaupt, was geändert werden soll, was ist eigentlich schon bekannt und wo soll die Heiz-Reise hingehen?

Zunächst schaue ich auf die Website des Bundeswirtschaftsministeriums.
Und habe Fragen, viele Fragen. Mehr Fragen als Antworten.

Aha. Ich dachte zwar, die Heizungsinstallateurbranche hätte letztes Jahr schon sehr viel Energie (haha🙄) in das Lösen des Investitionsstaus investiert. Die vielen Anträge für die Förderung des Wärmepumpeneinbaus hätten die finanziellen Kapazitäten bereits im Frühjahr 2025 überfordert. Und das Handwerk würde meiner bescheidenen Meinung nach vor allem dadurch gestärkt, dass es sich auf Maßgaben verlassen kann, die sich nicht ständig mit der Regierung ändern.
Aber was weiß ich denn schon von solchen Dingen.

Weiter im Text:

https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Expose/Energie/gebaeudemodernisierungsgesetz.html

Mir fällt auf, dass unsere aktuelle Bundesregierung, vor allem der konservative Teil, regelrecht verliebt💖 in Worthülsen ist, die dann wie Cannelloni oder die einstmals beliebten „Schlotfeger“-Waffelrollen beliebig mit süßem, scharfem oder substanzlosem Inhalt gefüllt werden.
Technologieoffen steht hierbei unbestritten an der Spitze, aber auch hocheffizient, resilient, hybrid und vernünftig liegen hoch in den Rängen.
Allen diesen Wörtern gemein ist ihre universelle Verwendbarkeit als „Schweizer Taschenmesser“ für rhetorisch eingeschränkt fantasievolle Kabinettsmitglieder und Abgeordnete. Sehr beliebt deswegen, weil sich jede und jeder Einzelne von uns darunter etwas vorstellen kann – nur leider nicht alle dasselbe.

Im Klartext: Diese sogenannten Eckpunkte beinhalten wenig bis gar nichts konkretes. Dafür eine Menge bedrucktes Internet. Nicht nur Papier ist geduldig.
„Schafft Sicherheit und Vertrauen“. Bei wem?
Bei eingefleischten Unionswählern und den großen Wohnungskonzernen, nehme ich an. Die letzteren sind übrigens auch noch so ein Thema, bei dem ich eine Gaumenkitzelfeder einsetzen könnte.

Was habe ich unter „grünem“ Öl zu verstehen?

Altes Frittenfett von Meckes und Co?
Antworten finde ich unter anderem auf dem Blog eines hessischen Mineralölvertriebes.

https://www.langlitz-mineraloel.de/blog/was-ist-gruenes-heizoel/

Ja, mir ist bewusst, dass dieser Betrieb den Handel mit Öl als Geschäftsmodell hat. Ich habe die Informationen bewusst trotzdem genutzt. Denn die jeweils letzten Sätze in den Antworten lassen mich aufhorchen. Ganz nebenbei wird im Abklang auf die Pferdefüße hingewiesen.
Alte Anlagen müssen auf eine moderne Brennwerttechnik umgerüstet werden, der Kaufpreis ist höher als für herkömmliches Mineralöl.
Ganz so aus dem Handgelenk geschüttelt wie im Plan des Wirtschaftsministeriums ist es also doch nicht. Aber:
„Wer als Eigentümer seinen Beitrag zur Energiewende in Deutschland leisten möchte, wird dies jedoch in Kauf nehmen.“
Einerseits ist das richtig, doch wer die Energiewende unterstützt, wird auch an anderer Stelle investieren, und zwar nachhaltiger als durch periodisch wiederkehrende Ölbestellungen.
Andererseits werden zum großen Teil diejenigen, denen das alles egal ist, sowieso nicht zahlen müssen, denn das müssen in Vermietungsobjekten die Mieter. Ob sie es finanziell stemmen können oder nicht.

„Grünes“ Gas

Erstens: Mir kommt in den Sinn, dass wir vor der Umstellung von L-Gas auf H-Gas letztes Jahr einen Heizungsbauer kommen lassen mussten, der uns bestätigte, dass unsere Gasbrennwertheizung aus dem Jahr 2017 ohne größeren Umbau dafür geeignet ist. Ein paar Monate später kam dann jemand von den Stadtwerken, las den Zähler ab, stellte in der Heizung einen Schalter um oder so und die Umstellung war erledigt. Uns kostete das nichts, aber irgendwer muss die beauftragten Heizungsbauer und die Mitarbeiter aller möglichen Gasversorger ja bezahlen.
Wie sieht es denn mit der Energiedichte aus, wenn ab 2029 stufenweise immer mehr „grünes“ Gas beigemischt wird? Muss das dann wieder überprüft werden? Gegebenenfalls Komponenten ausgetauscht? Ist das dann die Planungssicherheit für das Handwerk?
Vielleicht kann ich bei der Firma Buderus, einem großen Hersteller von Gasheizgeräten, ein wenig herausfinden. Es ist schon etwas zwiespältig, aber dort finde ich tatsächlich auf relativ kurzem Suchweg ein paar Informationen.

https://www.buderus.de/de/gasheizung/gruenes-gas

Unter anderem lassen mich die Phrasen „speziell dafür gezüchteten Energiepflanzen“ und „aus Wasser und regenerativem Strom gewonnener“ stutzen. Moment, die Landwirte sollen …? Ah, das wird kompliziert, das denke ich später mal durch. Und: Regenerativer Strom, da war doch auch was. Plant da nicht das Ministerium, die Voraussetzungen für Wind- und Solarstrom deutlich zu beschneiden? Woher kommt denn dann der regenerative Strom?
Ich bin dafür bestimmt zu blöd, und außerdem bin ich eine Frau. Zwar eine belesene und vielseitig interessierte, aber bestimmt existiert irgendwo ein CDU-Mann, der mir das so erklären kann, dass ich es verstehe. Oder?

Ah ja. Auf den Herrn komme ich später noch zurück. Sorry, ziemlich viele „Späters“ heute.

https://www.buderus.de/de/gasheizung/gruenes-gas

Ich fasse mal zusammen:
– Die Kosten sind höher als für herkömmliches Gas.
– Um das Label zu erlangen, reicht eine Kompensationsleistung (CO2-Zertifikat oder Investition in Klimaschutz) aus, denn es gibt keinen festen Standard. So kann also normales Erdgas ein (angeblich in Deutschland sehr „strenges“) Biogas-Siegel bekommen.
Die Nachteile bekommen übrigens auch hier deutlich weniger Platz eingeräumt als die Vorteile.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Und sonst?

Mal überlegen. da wären vor allem

Die Installateure. Da finde ich ein uneinheitliches Bild. Wer sich in den jahren 2024/25 intensiv mit dem Thema Wärmepumpe beschäftigt, Mitarbeiter geschult und Komponenten eingekauft hat, schwankt zwischen Muffensausen und dem Gefühl, vereimert worden zu sein.
Wer abgewartet hat, feixt vielleicht, aber vermutlich nicht lange. Denn Hauseigentümer, die „als Eigentümer ihren Beitrag zur Energiewende in Deutschland leisten möchten“, ihren Kindern und Enkeln einigermaßen saubere Umwelt hinterlassen möchten und dazu noch rechnen können, werden wahrscheinlich doch früher oder später über die Wärmepumpe nachdenken.

Die Landwirtschaft.  Bisher habe ich häufig darüber gelesen, dass Landwirte keine Genehmigungen bekamen, wenn sie bestehende Biogasanlagen erweitern oder gar neue bauen wollten, weil in der Region die genehmigungsfähigen Kapazitäten ausgeschöpft waren, die Anlagen nur in „angemessener“ Entfernung von Ortschaften errichtet werden durften oder ähnliches. Jede Biogasanlage, die nicht mit Abfällen (aus Kompostierung), verdorbenem/unbrauchbaren Getreide oder Gülle betrieben wird, ist auf den Anbau von Energiepflanzen angewiesen. Ob Biogas oder „grünes“ Öl, für den Anbau werden wertvolle Flächen benötigt, die dann der Produktion von Lebensmitteln nicht mehr zur Verfügung stehen.
Um zu berechnen, ob und wie sich das auf unsere Ernährungssituation auswirkt, dafür bräuchte ich Rohdaten, Gehirnkapazitäten und Erfahrung, aber ich bin mir echt unsicher, ob diese Rechnung aufgehen kann.

Alles in allem fehlen mir an allen Ecken und Kanten Informationen und verlässliche Daten, um das Thema zu beurteilen. Bauchschmerzen habe ich jedenfalls und wenig Vertrauen in die Leitung des Ministeriums und die untergeordneten Ebenen.
Aber was mir wirklich und ultimativ die Hutschnur platzen lässt, ist

Der kommunikative und politische Umgang

mit Robert Habeck, den GRÜNEN im Allgemeinen und auch mit den potentiellen, aber eben auch potentiell vergrätzten Wählern.

Ein besonders „nettes“ Beispiel ist hier noch einmal der Herr Müller, der uns weiter oben den neuen Gesetzentwurf mit vielen schönen Bildern erklären wollte. Ob seine Ansprache an Kommentatoren bildgemäß oder rhetorisch grottiger ist, da kann ich mich noch nicht so recht entscheiden.

Screenshot bei Threads

Im Duktus staatsmännischer, aber in der Sache ebenso unvollständig bis sachlich falsch liegt der allseits beliebte Maskeneinkäufer Jens Spahn mit seinem mantraartig vorgetragenen „Der Heizungskeller wird wieder zur Privatsache“:

Lesenswert:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/eckpunkte-gebaeudemodernisierungsgesetz-einigung-100.html

Ich kann mir nicht helfen: Der Fisch stinkt irgendwie doch vom Kopf.
Ob es etwas helfen könnte, wenn ich meine Fragen mal an Leute (wie Claudia Kemfert oder Volker Quaschnig) stelle, die sich beruflich seit langem mit diesen Themen beschäftigen?

Ach Leute, ich glaube, heute komme ich hier nicht weiter. Und die Klärung der Ideologie-Frage vertage ich lieber, sonst sprengt es den Rahmen endgültig.

Wie auch immer, ich bin gespannt auf weitere Entwicklungen, auf wortreiche Erklärungen und auch darauf, ob die Forschungen von Wissenschaftlern aller möglichen Fachrichtungen, die Erfahrungswerte aus den Branchen des Handwerks und die Befürchtungen von Verbänden der Wohlfahrtspflege in die Planungen einfließen werden. Oder ob die Regierung meint, sie habe genügend eigene Expertise, um ein rundum sorgfältiges, den unterschiedlichen Ansprüchen genügendes Gesetz zu planen.

Bis dahin wünsche ich euch
Eine gelingende und hoffentlich sonnige Woche.

Hier, ich auch🙋‍♀️: Alt genug

Es ist schon witzig, wenn ich den Wikipedia-Eintrag der Autorin anschaue.
Da heißt es:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ildik%C3%B3_von_K%C3%BCrthy

Ich schmunzele. Und habe sofort eine Ahnung davon, warum ich mich bei ihrem neuen Buch so angesprochen, so mitgedacht fühle.
Denn mein Geburtstag ist, tadaaa! Der 20. Januar 1968. Surprise, surprise!
Nicht nur das: Mein Mann hat an der RWTH studiert – inklusive Vorlesungen bei Vater Kürthy – und ich bin Buchhändlerin.
Zufälle gibt es …

Ich habe ausgehalten und durchgehalten, ich habe gekämpft und verloren, ich habe gekämpft und gewonnen, und oft genug habe ich nicht gekämpft, sondern sofort aufgegeben. Ich war mutig und verzweifelt, ich habe wieder und wieder verloren, aber ich bin immer noch da.
Ich bin immer noch da. Mal heiter verschrumpelnd, mal verzagt reifend, wacker welkend und endlich alt genug. Endlich alt genug für dieses Buch, das sich in diesem Moment vor mir auftut wie ein noch unbegangener Weg. Schritt für Schritt, Wort für Wort. Eine Reise ohne Landkarte, ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.
Dieses Buch wird voller Bekenntnisse und voller Erkenntnisse sein. Dieses Buch liegt mir schon jetzt so sehr am Herzen, obwohl es noch nicht einmal geschrieben ist.
Alt genug.

Jetzt, wo ich den Abschnitt des Vorwortes noch einmal lese, reibe ich mir verwundert die Augen.
Warum habe ich das beim ersten Lesen nicht bemerkt? Genau an dieser Stelle stehe ich auch, na ja, jedenfalls fast.
Denn ich habe bisher noch keinen einzigen Roman veröffentlicht und die breite Öffentlichkeit ahnt nichts von meiner Existenz. Ich saß noch nie in einer Talkshow, habe noch nie Key Notes auf Kongressen gehalten, mich nicht bei Germanys next Top Model beworben.
Aber mein erstes Buchprojekt liegt mir ebenso am Herzen wie sie das mit diesem Titel beschreibt, den ich vor mir liegen habe.
Ich war schon häufig Spätzünderin.

Und trotzdem fühle ich diese Sätze, als seien es meine eigenen. Denn auch ich kenne die Höhenflüge, die Falltiefen, den Zweifel und die Euphorie. Das Richtig-machen-wollen. Ich kenne das Aushalten ebenso wie das Ausflippen.
Herzhaft lachen musste ich beim roten Lippenstift. Da ist sie mir einen großen Schritt voraus. Die Jahrzehnte voller Lipgloss in zartrosa Tönen habe ich auch, nein – noch nicht hinter mir. Abgesehen von meiner rebellischen Jugendepisode, als ich lila Make up-Produkte für mich entdeckt hatte.
Aber immerhin habe ich mir letztens einen cremigen (ich mag cremige Konsistenzen) roten Lippenstift gekauft.
Ich bin schließlich eine Oma gegen Rechts.
Und doch: ich fremdele noch damit. Zweimal habe ich ihn bisher aufgetragen, mich kritisch im Spiegel betrachtet und die Farbe wieder mit viel Allzweckcreme entfernt. Wer ist diese Frau, die mir so plakativ entgegenblickt?
Meine Tochter, mit ihren 19 Jahren deutlich schminkerfahrener als ich, riet mir, zunächst einen Lipliner zu erwerben, der sei unkomplizierter aufzutragen (war das ihre höfliche Umschreibung für „der läuft nicht so gnadenlos in die kleinen Fältchen rund um die Lippen aus“?)

Egal, zurück zum Buch. Ildikó von Kürthy rollt ihr bisheriges Leben aus. Schonungslos und offen schreibt sie über Ängste, depressive Phasen, Einschränkungen – und Wechseljahre. Und ihre Taktiken, aus der Problemvermeidung im Laufe der Jahre Problemüberwindungen zu machen. Sie breitet intime Details zur (nicht mehr Qual der) Wahl der Unterwäsche aus, ohne dabei allerdings anzüglich oder schlüpfrig zu werden. Eher befreiend.
Ich gestehe, zwischenzeitlich überkamen mich Anwandlungen von „Warum erzählt sie das? Ist das Fishing for compliments?“
Dann wieder dachte ich: „Natürlich muss sie solche Dinge schreiben. Diese ganzen Themen kennen fast alle Frauen, ob sie nun bekannt sind oder nicht. Und warum sollte eine Frau nicht darüber schreiben? Wenn Torsten Sträter oder Kurt Krömer über ihre Depressionen, problematische Beziehungen zu Suchtmitteln oder ein paar überflüssige Kilos auf der Waage schreiben, findet man es mutig, wenn es eine Frau schreibt, peinlich? Es ist für alle Menschen so mutig wie notwendig, ehrlich zu sein!“

Interessant und spannend ist das Setting für diese Lebensabschnittsbeichte. Ein Kunstgriff, der die inneren und äußeren Schichten, die öffentliche und die private Ildikó, verbindet. Aber was das ist, verrate ich nicht, schließlich sollt ihr ja auch noch was zu tun haben😉.

Mein Fazit: Ich gehe davon aus, dass dieses Buch nicht bei allen Lesenden auf Gegenliebe stoßen wird. Muss es ja auch nicht.
Es wird Menschen geben, die das Buch feiern, es wird auch welche geben, die sagen: „Das will ich gar nicht alles wissen.“
Für mich persönlich war es das richtige Buch zur richtigen Zeit. Es beschäftigt sich mit all den Themen, die auch mir auf meinem Stolpern durch das Leben immer wieder begegnet sind, es dient mir zur Vergewisserung: Ich stehe mit meinen Gedanken und Erkenntnissen nicht allein da.
Ich habe auch keine verkorkste Wahrnehmung!
Auch wenn es zurzeit mal wieder in Politik, Wirtschaft und Publizistik viele Männer (ja, sorry, es ist leider so) gibt, die in bester Mansplaining-Methode uns Frauen erklären wollen, dass wir mimosig oder schutzbedürftig sind. Und wenn wir das nicht sind, sind wir unweiblich oder wissen nicht, wo unser Platz ist.

Bin ich vielleicht ein kleines bisschen auf Krawall gebürstet?
Einfache Antwort: Ja. In erster Linie, weil ich heute früh schon wieder zu viel Bullshit gelesen habe, den irgendwelche „Konservativen“ uns aufschwatzen wollen (mehr dazu beim nächsten Montagsmotz) und auch, weil ich gerade an einem Beitrag für eine Veranstaltung zum Weltfrauentag schreibe.

Bibliographische Angaben: Ildikó von Kürthy, Alt genug; Ullstein Verlag, ISBN 978-3-550-20412-8; 22,99 €

Ildikó von Kürthy schreibt auf ihre Weise und mit ihrem persönlichen Erfahrungshintergrund. Demnächst stelle ich für die jüngere Zielgruppe das Buch Unshame von Louisa Dellert vor.

Gedankengewusel

Freitagabendgedankenknäuel

Und sonst?
Eine hartnäckige Erkältung und ein juckender bis schmerzhafter Hautausschlag rund um die Augen, der sich auch nicht von allein verpieselt, nerven mich und verderben mir das lange Wochenende.

Ich gönne mir ein Leseexemplar (lasst euch überraschen), eine warme Decke, Tee und Sessel. Aber erst nach dem Einkaufen, das muss zunächst noch sein.

Und dann werde ich mich auch noch mit meinem Manuskript beschäftigen, mit den Anmerkungen des Lektors und mit der Berechnung, wie ich mir ein Lektorat leisten kann (es bringt tatsächlich etwas, es tut nicht nur dem Manuskript, sondern auch mir selbst gut, Fragen gestellt zu bekommen).

Gleichzeitig zweifele ich an mir, an meinen Fähigkeiten, einfache Impulse mit komplexen Fragestellungen in Beziehung zu setzen.
Und wenn der Text lektoriert ist, habe ich schließlich immer noch keinen Verlag. Vielleicht wird mir der kommende Donnerstag weiterhelfen, da gibt es ein Webinar mit dem Dienstleister Books on Demand zum Thema Selfpublishing.

Alles gut. Jammern auf hohem Niveau.

Deutschland liest ein Buch

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat ein Buch ausgewählt, von dem er überzeugt ist, dass es taugt, ganz Lese-Deutschland in seinen Bann zu ziehen.

Rachel Khongs Real Americans ist aus mehreren Gründen ein solcher Titel:
Es ist ein sehr aktuelles Thema, nicht nur, aber besonders in den USA.
Ab wann werden Migranten zu Staatsbürgern? Was passiert, wenn nicht nur verschiedene Kulturen, sondern auch unterschiedliche Gesellschaftsschichten und Lebensentwürfe aufeinanderprallen und verschmelzen?
Was hat es für Folgen, für die Betroffenen wie für die Gesellschaft?

Außerdem wird Rachel Khong von Mai bis Juli eine literarische Gastprofessur in Leipzig erhalten und darüber hinaus eine ausgedehnte Lesereise durch Deutschland unternehmen.

Über das Buch:

New York City, Silvester 1999. Lily Chen ist 22, Tochter chinesischer Einwanderer und unbezahlte Praktikantin in einem hippen Medienunternehmen. Als sie Matthew trifft – charmant, privilegiert, Erbe eines Pharmaimperiums –, verliebt sie sich. Zwei Welten prallen aufeinander. Und doch scheint alles möglich.

21 Jahre später lebt Lilys Sohn Nick mit ihr auf einer abgelegenen Insel. Er spürt: Etwas fehlt. Als er nach seinem Vater sucht, stößt er auf Geheimnisse, die alles verändern – nicht nur für ihn.

Ich habe das digitale Leseexemplar von Netgalley bekommen und mit dem Lesen gerade erst begonnen. Deswegen kann ich noch nicht viel dazu berichten.
Ich freue mich aber, wenn sich einige von euch anstecken lassen und neugierig auf das Buch sind.
Wäre es nicht wunderbar, wenn wir alle ein gemeinsames Thema hätten, das einerseits nicht von der nationalen und internationalen Tagespolitik bestimmt ist, sich aber trotzdem mit einem gesellschaftlich relevanten Thema auseinandersetzt?

Hier sind die bibliographischen Daten:
Rachel Khong, Real Americans;
geb. Ausgabe: Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00572-1; 24,- €
eBook:
ISBN 978-3-462-31198-3; 19,99 €
(gern über Genialokal bei der lokalen Buchhandlung bestellen😉)
Hörbuch:
Argon Hörbuch, ISBN 978-3-7324-8771-4; 29,95 €

Viel Spaß!

Früher …

… war angeblich alles besser.

Ich weiß es nicht.

Ich glaube es auch nicht.

Früher …

… waren wir vor allem jünger.

Wir waren ignorant gegenüber den Problemen der damaligen „Erwachsenen“.

Wir hatten unsere eigenen Themen, für die wir radikal wurden.

Wir hatten andere Prioritäten als heute.

Früher …

… war es vielleicht einfach unkomplizierter, kompliziert zu sein.

Heute …

… geht einfach alles den Bach runter.

Wirklich alles?

Oder nur das Gefühl, „nicht mehr alles sagen zu dürfen“, was auch vor 50 Jahren schon manches Mal besser ungesagt geblieben wäre?

Heute …

… sind wir in dem Alter, das damals unsere Eltern hatten. Mit allen Vor-, aber auch Nachteilen.

Wir schauen ignorant auf die Probleme der Jungen.

Wir wollen den Überblick behalten, das erfordert weniger Entscheidungsfreude, als Prioritäten zu setzen.

Heute …

… sind die vielen neuen („woken“) Denkmuster viel zu kompliziert.

Willkommen in der Welt unserer Vorfahren.
Denen ging es nämlich ähnlich mit uns.

Nur mal so in die Gegend gedacht, während ich aus 255 Normseiten die herauspicke, die ich meinem Lektor schicken will.
Die Gedanken fahren Karussell.
Ob ich das gerade will oder etwas anderes zu tun habe, ist ihnen ziemlich egal.

Und die nächste Fahrt geht rrrückwärts …

Presseschau des Grauens

https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/trump-usa-epa-klimaschutz-100.html

Tschüss, Wissenschaft. Tschüss, Zukunft. Nach ihm die Sintflut. Hauptsache, die „alten“ Industrien machen ihren Reibach. Die Lobbyboys und Heulbojen, denen die wirtschaftlichen Erfolge fossiler Energien und automobilzentrierter Konzerne feuchte Träume ermöglichen, scheren sich einen Dreck um die Auswirkungen ihrer Gier. Monetäre Gewinnmaximierung wird als selbstverständlicher Anspruch eingefordert, die unvermeidbare Quittung wird sozialisiert und in die Lebensphase unserer Kinder und Enkel verschoben.

https://www.tagesschau.de/wissen/klima/un-umwelt-bericht-100.html

Ja, na und? Wenn wir etwas machen, dann aber richtig konsequent. Man lebt schließlich nur einmal, lass es krachen!

https://www.tagesschau.de/wissen/klima/un-umwelt-bericht-100.html

Eben. What’s the problem? Wer den Kopf tief im Sumpf, im Geldspeicher oder in irgendwelchen dunklen Körperteilen alter, mächtiger Männer stecken hat, sieht es natürlich nicht. Und kaufmännisch rechnen, so richtig mit Zins und Zinseszins, ist auch nicht jedermanns Sache.
Vielleicht sollte man das Wort „Milchmädchenrechnung“ in „Präsidentenrechnung“ oder „Staatenlenkerrechnung“ umbenennen. Nur mal so als Anregung.

https://www.tagesschau.de/wissen/klima/un-umwelt-bericht-100.html

Aber jemand, der heute (sorry, ich weiß, es gibt viele Ü70-Männer, die nicht so kurzsichtig sind) zielstrebig auf seinen 80. Geburtstag zusteuert, denkt sich möglicherweise: „Ach, wer weiß, ob ich das Jahr 2050 überhaupt erlebe. Aber zumindest 2070 ist doch eher unwahrscheinlich. Und dann hätte ich ja gar nichts mehr davon. So what?“
Obwohl, sicher bin ich mir auch dabei nicht. Immerhin gibt es ja diesen Longevity-Trend. (Ehrlich gesagt frage ich mich immer wieder, warum zum Kuckuck sich in der derzeitigen Situation überhaupt jemand auf der Welt wünscht, methusalem-alt zu werden🤔)
Wirklich weh tut aber die Erkenntnis, dass überall auf der Welt ähnliche Sichtweisen wieder auf dem Vormarsch sind, Deutschland und Europa inklusive. Wie soll sich unser Kontinent denn da als eine kraftvolle Alternative zu den Altmännerblöcken in West und Ost etablieren?

Puh. Danke für’s dranbleiben. Ich bin erstmal meinen Frust losgeworden. Nö, Frust reicht nicht als Bezeichnung. Im Augenblick ist es eher Female Rage.

Gestern bei Instagram gefunden

Ich werde auch wieder zur Ruhe kommen. Ganz bestimmt.

Ressourcenverbrauch und Datenfutter

Garniert mit einer guten Portion Desinformation

Eigentlich ganz nett, oder?
Und trotzdem etwas zweidimensional.

So sieht mich ChatGPT, wenn ich den Chatbot bitte, eine lustige, sympathische und clevere Karikatur meiner Person zu erstellen.
Ich werde gebeten, ein Selfie hochzuladen und ein paar Angaben zu mir zu ergänzen. Beruf und Hobbys zum Beispiel.
Tja, was verrate ich dem Datensammler über mich? Auf keinen Fall mehr, als sowieso schon öffentlich bekannt ist. Von Experten wird geraten, nur das zu „erzählen“, was man auch in einem persönlichen Gespräch einem Fremden an der Bushaltestelle mitteilen würde. (Und vermutlich hat jeder von uns schon Menschen erlebt, die Zufallsbekanntschaften in solchen Situationen ihr halbes Leben beichten …🙄)
Also, alles, was oben in dem KI-generierten Bild sichtbar ist, habt ihr auf die eine oder andere Weise schon hier gelesen, da ist nichts Neues dabei.
Schon ulkig, dass die Kirche da oben schön ordentlich auf dem höchsten Bord des Bücherregals thront. Was soll das denn bedeuten? Bedeutet es überhaupt etwas oder war dort einfach noch Platz?
Natürlich steht auf meinem Schreibtisch alles Mögliche und selbst die Nähmaschine hätte theoretisch noch ein Eckchen übrig, aber diese merkwürdige Kombi aus Campingkocher und Induktionsplatte, also nö.
Die gibt es bei mir definitiv nicht.

Zusammen mit meinen Menschensohn-Spielereien vom Wochenenden habe ich virtuell einige Kannen Kaffee gekocht, das könnte für ein durchschnittliches Beerdigungs-Kaffeetrinken reichen. Oder für eine Fahrt nach Minden im E-Auto, so Pi mal Daumen.
Die KI-Modelle, egal welches, verbrauchen viel Energie. Je umfangreicher die Prompts sind, je länger die „Unterhaltungen“ dauern, desto mehr. Und zwar exponentiell mehr, denn jede Anfrage bei den Dingern wird wieder komplett neu analysiert und bewertet (nachgelesen bei Heise). Nicht wie im persönlichen Gespräch, wo wir mit unseren menschlichen Bordmitteln aka Gedächtnis auf die Infos von vor 10 Minuten oder unsere lange Bekanntschaft mit dem Gegenüber zurückgreifen.
Das klingt in meinem Fall jetzt nicht nach wahnsinnig viel, was ich oben überschlagen habe, aber ich bin bei weitem nicht die Einzige, die spielerisch die Welt der KI zu entdecken versucht. Und das läppert sich.
Einfach nur so, ohne irgendeine tiefere Notwendigkeit Dinge und Sachverhalte erkunden, das entspricht der menschlichen Neugier. Sollte es zumindest.

Muss ich also dankbar sein, dass es noch Gebiete gibt, in denen Menschen entdecken und lernen wollen, wo sie es anscheinend zum großen Teil in vielen Fragen des Lebens aufgegeben haben, sich selbst zu informieren und auf vorgesetzte Konserven zurückgreifen?
Was man selbst ausprobiert, gibt Einblicke und Verständnis in die Mechanismen oder auch Algorithmen, die uns Ergebnisse präsentieren.
Also: einerseits ja.

Andererseits nutzen wir gern die kostenlosen Versionen und Tools, ohne uns anzumelden, denn wir sind ja Füchse und geben unsere Daten nicht preis. Denkste!
Wir bezahlen auf jeden Fall. Indem wir, je nach Suchmaschine, die großen Firmen im Silicon Valley mit unseren Daten, Anfragen, Vorlieben und unserem Surfverhalten füttern. Indem wir immer durchsichtiger, immer auffindbarer und immer durchschaubarer für Werbung und andere Formen der Monetarisierung werden. Indem wir mit immer mehr vom selben Inhalt geflutet werden, uns eine bunte Vielfalt an Sichtweisen, Lebensmodellen und Denkarten immer stärker vorenthalten, unser Blick kanalisiert und verengt wird, werden wir manipulierbarer.

Nutzen wir KI-Modelle, um uns über bestimmte Themen zu informieren, zum Beispiel Hintergrundinfos zu sammeln, wenn wir einen Text, eine Erörterung zu einem komplexen Sachverhalt schreiben wollen, dann ist noch auf einer anderen Ebene Vorsicht geboten:
Die Datencrawler sammeln im Netz alles, was nur irgendwie zugänglich ist.
Sie bewerten aber nicht die Qualität und den Tatsachengehalt, sondern sie gewichten quantitativ. Was oft nachgefragt und noch häufiger behauptet wird, wird als „Wahrheit“ angesehen. (So hieß es in den letzten Tagen in der Presse, dass Chatbots inzwischen häufiger Informationen aus dem Online-Lexikon von Elon Musk nutzen als von Wikipedia. Bedenklich, finde ich.)
Viele Autoren schließen inzwischen im Impressum ihrer Werke eine Nutzung durch KI-Trainingsmodelle aus. Erstens kann man sich aber nicht darauf verlassen, dass diese Anweisungen befolgt werden, zweitens macht es diese Selektion, wenn sie denn beachtet wird, wahrscheinlicher, dass weniger gut recherchierte bis komplett falsche Informationen für die Antworten herangezogen werden.
Im Grunde genommen ist es eine Fortsetzung der analogen Mechanismen, dass Kriminelle, Betrüger und Hochstapler in ihrer Methodik den Ermittlungsbehörden immer einen Schritt voraus sind.

Deswegen sollten wir uns dieser Problematik bei der Nutzung von Chatbots oder anderen KI-Modellen immer bewusst sein. Infos immer gegenchecken.
Und zur Erstellung von Karikaturen doch lieber einen Straßenkünstler fragen.
Denn ein weiterer wichtiger Bereich, über den man nachdenken muss, ist die berufliche Existenz von Menschen.

Einige Verlage haben begonnen, examinierte und bewährte ÜbersetzerInnen zu Redakteuren zu degradieren, indem sie Romane und Sachbücher durch KI übersetzen lassen. Ein guter Übersetzer zeichnet sich aber nicht nur dadurch aus, dass er oder sie den Text grammatikalisch und orthografisch exakt in eine andere Sprache überträgt, sondern vor allem dadurch, den Stil und Tonfall des Originals zu transportieren. Ironie, Metaphern, Übertreibungen etc., die dafür sorgen, dass wir Lieblingsautoren haben, können von KI nicht so zuverlässig und persönlich erkannt werden wie von einer Übersetzerin, die sich mit einer Autorin schon lange beschäftigt.
Wenn Übersetzer also zukünftig nur noch eingesetzt werden, um KI-Übersetzungen zu redigieren, dann verlieren sie einen guten Teil ihres Einkommens (Redakteure bekommen pro Normseite weniger als Übersetzer) bei gleichzeitig mehr Arbeit, um die groben Schnitzer der KI auszubügeln.
Es verlieren aber auch die LeserInnen, denn die Untertöne, der persönliche Touch, das individuelle Leseerlebnis, all das geht verloren. Letztlich verlieren damit auch die Verlage selbst, nämlich LeserInnen und Reputation.

Ähnlich sieht es bei den Illustratoren aus. Gerade bei dem großen amerikanischen Gemischtwarenladen (aber auch auf Homepages von Selbstverlagen) findet man Bilderbücher, die KI-generiert sind. Übrigens nicht selten zu sensiblen Themen wie Identitätsfindung, Gefühlsregulierung und so weiter.
Die Illustrationen packen Eltern und Kinder auf den ersten Blick.
Schaue ich wieder auf meine Karikatur oben, dann vermute ich, dass die manga-artig großen, weit aufgerissenen Augen einen ordentlichen Anteil daran haben. Das Kindchenschema wirkt. Auf den zweiten Blick wirken die Illustrationen sehr häufig uninspiriert, flach in Form und Inhalt.
Verglichen mit den Illustrationen von Katrin Engelking, Sven Nordqvist und vielen anderen hervorragenden Illustratoren (aber auch Ralph Ruthe oder Uli Stein im Karikaturenbereich) fehlt sämtliches Leben. Die liebevollen, den Betrachter begeisternden Kleinigkeiten und Details in der Darstellung, die oft erst zum Schmunzeln und dann zum Nachdenken führen, gibt es nicht.
Keine KI der Welt kann menschliche und empathische Kreativität kopieren oder gar ersetzen.
Und wenn ein Kinderbuch dann noch einen Text transportiert, der verkürzt ausgedrückt nichts weiter besagt als „Kind, du bist traurig? Aber das musst du doch nicht…“, dann wird hier keine Entwicklung, keine Auseinandersetzung, keine Bewältigungsstrategie aufgezeigt.
Die Botschaft besagt dann nur, dass man Gefühle wegdrücken soll, um anderen Menschen möglichst wenig Arbeit, aber viel Profit zu bescheren.
Das kann und darf nicht das erklärte Ziel von Kinderbüchern und von Literatur im Allgemeinen sein. Damit spielt man im Endeffekt nur den Weltvereinfachern in die Hände.

Mein ganz persönliches Fazit für uns Normalverbraucher von ChatGPT und Co.:
Spielen mit der KI, ja, in begrenztem Maß und mit Selbstdisziplin.
Nicht von ihr vereinnahmen lassen. Chancen und Risiken immer wieder abwägen. Im Zweifelsfall lieber auf menschliche Expertise vertrauen.
Und wieder selbst den Heizkörperthermostat bedienen oder in den Kühlschrank gucken (das lasse ich sowieso nicht irgendein seelen- und appetitloses Konstrukt übernehmen) . Auch diese kleinen, alltäglichen Service-Anfragen verbrauchen schon Energie und geben unsere Vorlieben preis.


Blick nach Ost und West

Ein Beitrag, zwei Buchempfehlungen

Sie haben so viel gewusst. Und so wenig getan. Wegsehen, beschwichtigen, verdrängen, das galt viel zu oft und viel zu lange im Verhältnis zu Putins Russland. Die Bestseller-Autoren Katja Gloger und Georg Mascolo beleuchten mit bisher geheim gehaltenen Akten und Aussagen entscheidender Zeitzeugen die Bruchpunkte deutscher Russlandpolitik. Sie legen weggesperrte Erkenntnisse über Putins KGB-Zeit in Dresden offen, führen in den Verhandlungssaal des historischen Nato-Gipfels von Bukarest, enthüllen, was Bundesregierungen so früh über Putins hybriden Krieg gegen Deutschland wussten. Sie zeigen, warum dies alles folgenlos blieb und – gegen alle aktenkundigen Warnungen – die verhängnisvolle und am Ende enorm teure Abhängigkeit von russischem Gas immer weiter anstieg.Ein Buch, das zu jener unverzichtbaren Aufklärung beiträgt, die bisher alle Bundesregierungen verweigert haben.

Das Versagen, über das Buch

Katja Gloger ist Osteuropahistorikerin, Journalistin, Autorin. Sie lebte als Korrespondentin viele Jahre in Moskau und gilt als exzellente Kennerin von Land und Leuten.
Georg Mascolo ist Investigativjournalist, war Spiegel-Chefredakteur und leitete die Recherchekooperation von NDR, WDR und süddeutscher Zeitung.
Beide sind Experten in ihren Gebieten, sie arbeiteten sich über Jahre bis Jahrzehnte in die jeweiligen Schwerpunkte ein und kennen daher viele Entwicklungen, die den meisten von uns gar nicht mehr wirklich in Erinnerung sind.
Es geht dem Autorenpaar primär nicht darum, anhand der Fehlentwicklungen, die sie im Buch beleuchten, ehemalige und aktuelle Entscheidungspersonen bloßzustellen (obwohl sich das nicht vermeiden lässt). Hauptanliegen ist es vor allem, anhand der Fehlentwicklungen, die sich oft aus dem Prinzip Hoffnung speisten und im Nachhinein neu bewertet gehören, für die Zukunft eine sinnvolle Einbeziehung der bisherigen Vorgehensweise zu nutzen.
„Viel öfter als Rechtfertigungen oder Verteidigungshaltung ist uns bei den Gesprächen jene bedrückende Frage begegnet, die auch uns zu dieser Recherche bewegte: Warum haben wir es nicht gesehen? Wollten wir es nicht sehen?“ Mit diesem Satz aus der Danksagung ist es wohl sehr prägnant auf den Punkt gebracht, weshalb es sich lohnt, das Buch zu lesen, denn nicht nur beim Umgang mit dem russischen Präsidenten und seinen Ambitionen sind diese beiden Fragen ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis. Auch beim Thema Rechtsextremismus und der damit verbundenen Partei werden viele Menschen, Politiker, Journalistinnen (wie zum Beispiel Frau Miosga) und auch wir, die „normalen Bürger“ in naher bis mittlerer Zukunft vor diesen Fragen stehen und uns verantworten müssen.

Bibliographische Angaben: Katja Gloger/Georg Mascolo, Das Versagen; Ullstein Verlag, ISBN 978-3-550-20427-2; 26,99 €

Ein großer Teil der Menschen in Deutschland wuchs auf in dem unerschütterlichen Glauben, dass Amerika „Der große Bruder“ oder wenigstens ein fester Freund an unserer Seite sei. Wir träumten von der Route 66 und von American Diners, hörten die Musik von Bruce Springsteen, wollten mit Blumen im Haar nach San Francisco, sahen Filme wie Top Gun oder Grease.
The Land of the Free hatte eine magische Anziehungskraft, ein Auslandsschuljahr im mittleren Westen auf einer Ranch war erstrebenswert, Christmas Shopping in New York oder gleich ein Studium, gern an einer Ivy League Universität. Deutsche Spieler begeistern in der NBA, der Super Bowl erfreut sich ungebrochener und wachsender Beliebtheit, wie vermutlich einige Leser:innen gähnend bestätigen können.

Aber das ist es auch schon. Holger Stark beleuchtet und analysiert in seinem Buch:
Die Zeiten, in denen US-Präsidenten gern gesehene und vielbejubelte Gäste in Berlin waren, vor allem Kennedy und Obama (die, ganz am Rande bemerkt, auch nicht nur reine Lichtgestalten waren/sind, sondern Menschen, die Fehler und Macken haben), sind vorbei. Erstmal zumindest.
Wenn man genauer hinschaut und sich die Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg ansieht, stellt man fest, dass Amerika keineswegs ein selbstloser Kumpel an der Seite Deutschlands oder Europas war. Eigene Interessen spielten immer die Hauptrolle. Noch expliziter: die Interessen der us-amerikanischen Wirtschaftselite, des Geldadels, der Banker und schließlich der Tech-Bros.
Immerhin gab es aber oberflächlich einen Konsens über eine wertebasierte Weltordnung. Mit Donald Trump und der MAGA-Bewegung wird dieser Konsens aufgekündigt, mit immer schnelleren Schritten. Ende offen.

Es ist nicht die Zeit, die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, ob und wie sich die US-Administration irgendwann „von selbst erledigt“. Deutschland und Europa müssen sich ihrer eigenen Verantwortung und auch ihrer Stärke bewusst werden, sie müssen aktiv für ihre Werte eintreten.
Erwachsen werden.

Bibliographische Angaben: Holger Stark, Das erwachsene Land; Propyläen Verlag, ISBN 978-3-549-11018-8; 26,- €

Beide Bücher lohnen sich. Ob ihr nun lieber in den Osten oder in den Westen schaut und schaudert oder ob ihr euch die volle Dröhnung antun wollt, sei euch überlassen.

KI-tschige Spielerei

Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.

Offb. 1, 12b-16, Lutherbibel 2017

Das war am 1. Februar der Predigttext bzw. ein Ausschnitt davon. Als er verlesen wurde, saß ich da und überlegte mir, wie ich mir diese Gestalt vorstellen wollte, schrecklich und schön zugleich, machtvoll, aber auch ein wenig wie aus einer Fieberphantasie von Hieromymus Bosch entsprungen.
Und ich fragte mich auch, wie ein solches Wesen von einer KI dargestellt würde.
Heute früh war es soweit, ich befragte den Bildgenerator Firefly 4 von Adobe.

Der Bogen auf dem linken Bild erinnert mich an den Torbogen zur Stadt Moria, ihr wisst schon, der mit dem Elbenspruch „Sprich: Freund und trete ein“. Die Farbgebung hätte auch Vincent van Gogh gutgeheißen, aber der Stil ist schon arg schwülstig. Auf dem rechten Bild fehlt nur noch Heimdall, der den weiß Gewandeten aus Asgard sonstwohin beamen soll. Kann sein, dass ich zu viele Filme bestimmter Genres gesehen habe🤷‍♀️.
Zudem sieht mir die Haltung der Beine anatomisch ziemlich ungesund aus.
Come on, KI, das kannst du besser.

Prompt unverändert, trotzdem neue Ergebnisse:

Also nee. Der guckt mir ein bisschen zu salbungsvoll. Und irgendwas stört mich (zumindest bei einem KI-Bild, bei real existierenden Menschen kann das durchaus vorkommen und ist dann eben so) an der Fingerverteilung. Scheint mir etwas unausgewogen.

Immer noch ein bisschen Gandalf-like, oder? Mit Anklängen an einen Brahma. Ein interkultureller Menschensohn. Und die Finger🧐!

Hm. Ok.
Links: Jason Momoa in 20 -30 Jahren in seiner Paraderolle: der Menschensohn als Held der neuesten Marvel-Verfilmung … Oder ist das Blasphemie?
Rechts: Das mit den Fingern muss Firefly echt noch besser lernen. Und ich kann mir nicht helfen, das Teil guckt zu viele Soaps. Diese Darstellung ist an Kitsch kaum zu überbieten!

Versuchen wir es mal mit einem etwas veränderten, verkürzten Prompt:
„sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht“
Ich will jetzt endlich das Schwert aus dem Mund kommen sehen! Dafür mache ich das hier ja schließlich!

Was für ein Mann! Entschlossener Gesichtsausdruck, lässige Handhaltung, er strahlt mit jeder Faser den coolen Leader aus. Und dieser göttlich definierte Sixpack! OMG (im wahrsten Sinn des Wortes😉)!
Och nö. Und fünf Standleuchter plus einer, der im Nichts an der Wand hängt. Bin ich zu detailverliebt?

Schlicht und ergreifend, elegant und androgyn erscheint mir dieser Menschensohn. So hätte ihn auch David Bowie dargestellt, schätze ich. Allerdings ohne das Überbein auf seiner rechten Hand. Und der hintere Fuß passt immer noch nicht so recht zum Knie desselben Beins. Oder Bein und Fuß gehen getrennte Wege. Auf die Idee bin ich bisher noch gar nicht gekommen, Allmacht auf diese ungewöhnliche Weise darzustellen.

Ups! Da war er beim Frisör, der aber aus Versehen auch noch die rechte Hand mit abgeschnitten hat. Und an der linken Hand einen Finger amputiert.
Bisschen männlicher als auf dem vorherigen sieht er schon aus, mit dem dunklen Bartschatten.
Aber die Sterne, mit denen er im Text jongliert, fehlen immer noch, ebenso wie das aus dem Mund ragende Schwert.
Für letzteres ist die KI vermutlich zu zart besaitet, oder es fehlt ihr schlicht an Phantasie. Und wenn ich beim Prompt einfach direkt nach dem Schwert ende?
Dann kann Firefly das Wort doch nicht überlesen.
Denkste:

Linkes Bild: Die Gesichtszüge sind eindeutig bei Marc Almond in seinen jüngeren Jahren geklaut. Der Rest ist Tempeltänzer:in.
Rechtes Bild: Diese Darstellung hätte auch Louis XIV erfreut …
Aber immer noch kein Schwert. Das entspricht mit Sicherheit nicht den Gemeinschaftsrichtlinien, falls Adobe welche hat.

Ach Glühwürmchen, weisste was? Du kannst mich mal. Nicht mal einfache Schwerter aus Mündern wachsen lassen kannst du. Da hatte der gute Hieronymus Bosch dir doch einiges voraus. Vielleicht brauchst du mal einen virtuellen Joint, um deine digitalen Synapsen anzuregen.
Manche Bilder sollte man wirklich nur in der eigenen Phantasie entstehen lassen, dann braucht man auch nicht so viel Zeit, um merkwürdige Darstellungen wieder aus dem Kopfkino zu bekommen.
Und ist es nicht auch viel aufregender, wenn ein Mysterium auch genau das bleibt: Mysteriös?
Keine KI der Welt kann mir den spannenden Augenblick vorwegnehmen, wenn ich dereinst vor der Dreieinigkeit stehen werde.

Und das ist auch gut und richtig so.

Noch was: Wenn ihr irgendwo ein KI-generiertes Bild vermutet, schaut auf die Finger. Das ist eine große Schwachstelle bei den meisten Anbietern.

Teilzeit-Klugschei*erin(nen)

https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_101112910/-lifestyle-teilzeit-antrag-der-cdu-connemann-gibt-nach.html

Nummer 1: Frau Connemann. Ihr ist eines gelungen: Sie ist in aller Munde. Weniger gelungen ist dagegen ihre nassforsch vorgetragene Forderung, bei der sie jetzt ein Stück zurückrudern musste. Denn sie klugschei*t über die Teilzeit. Wobei sie mit der grundsätzlichen Richtung vor allem bei den Herren Merz, Linnemann (der irgendwie gar nicht mehr so häufig öffentlich in Erscheinung tritt, vielleicht generalsekrekärt er jetzt nur noch Teilzeit) und Söder volle Zustimmung finden dürfte. Denn die sind ja ebenfalls der Meinung, die Bevölkerung des Landes arbeite zu wenig.

Ich möchte an dieser Stelle nicht einfach so draufschlagen, aber ich habe mir einige Fragen gestellt. Übrigens nicht nur in diesem Zusammenhang, aber dazu später.
Für den besseren Ein- und Durchblick ist hier zunächst einmal eine rechtliche Einschätzung:

https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/interview-lifestyle-teilzeit-cdu-arbeitsrecht-tarifvertraege

Das gesamte Interview ist über den Link lesbar. Es ist wohltuend sachlich und gibt den Sachverhalt (der längst nicht so eindeutig die Herrengarde und Frau C. bestätigt wie sie es rausgehauen haben) einwandfrei wieder.

In einem Podcast der Reihe Daily Quarks https://www1.wdr.de/mediathek/audio/daily-quarks/audio-teilzeit—gut-fuer-uns-aber-schlecht-fuer-die-gesellschaft-100.html
wurde ebenfalls genauer nachgeschaut, welche Auswirkungen Teilzeit auf die Produktivität hat und wie das Ganze bei der Abschaffung dieses Arbeitszeitmodells aussähe.
Hier wird unter anderem auf eine Studie verwiesen, die über das IW (Institut der deutschen Wirtschaft, im Gegensatz zum DIW, dem Herr Fratzscher vorsteht, ziemlich arbeitgebernah: im Vorstand sitzen lauter Arbeitgeber oder AG-Funktionäre) veranlasst wurde.

https://www.iwkoeln.de/studien/sibylle-stippler-franziska-arndt-philip-herzer-teilzeit-ist-ein-teil-der-loesung.html

Bitte einmal den letzten Satz des Screenshots auf der Zunge zergehen lassen …
Tja, die Drill Instruktoren aus der CDU müssen vermutlich nochmal neu überlegen.
Obwohl …

… und hier kommt die
Nummer 2: ins Spiel. ICH! Und ich oute mich sogleich, ich klugschei*ein Teilzeit, weil mir die restliche Zeit dazu einfach zu schade ist. Es beeinträchtigt meinen Lifestyle😉.
Ich frage mich (und hier kommt, was ich oben schon angedeutet hatte: nicht nur bei der angeblichen Faulheit unserer Bevölkerung, sondern auch bei etlichen anderen Vorstößen, bei denen Argumente und Schlagwörter aus dem Kabinett und seinem Umkreis durch fachspezifische Wissenschaftler widerlegt wurden, die sich ihr Berufsleben lang mit einem bestimmten Thema beschäftigen), warum hört man öffentlich niemals Antworten, Entschuldigungen, Eingeständnisse der Fehleinschätzungen?
Es wird schon mal mehr oder weniger beleidigt darauf verwiesen, dass man verkürzt wiedergegeben, nicht ordnungsgemäß zitiert oder absichtlich missverstanden worden sei.
Aber ein „Tut mir leid, da war ich ein wenig vorschnell mit meiner Einschätzung“, „Ich habe leider nur auf die eine Seite der Sache geschaut“ oder „Ups, ich kannte nicht die komplette Studienlage, jetzt würde ich das etwas differenzierter sehen“ habe ich noch von niemandem aus den Unionsparteien gehört.
Solche Eingeständnisse sind offensichtlich eher links und damit pfui.

Wenn die Fähigkeit und Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion, zur Fehlerkultur und zum Eingeständnis von unüberlegtem Reden und Handeln links ist (wie auch andere gesellschaftlich relevante Werte*, die scheinbar nicht mehr zum Selbstverständnis von Konservativen gehören und das halte ich für fast schon tragisch), dann bin ich sehr gern links. In Vollzeit!

*Da wären Solidarität, Mitgefühl, soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der natürlichen Ressourcen aka ‚Schöpfung‘ …

Wenn du Gott zum Lachen bringen willst,

… erzähl ihm von deinen Plänen. Das sagte einst Blaise Pascal.

Immerhin: die Decke wächst jeden Abend um eine Reihe.

Bis auf meinen kleinen Ausraster vom Montag war es hier ruhig in der letzten Zeit. Ich habe Urlaub und mein Plan war, Bäume und Büsche zu beschneiden (alles eingefroren und schneebedeckt🤨), den Keller zu entrümpeln (zwar nicht schneebedeckt, aber Eiskellerfeeling🥶, denn es ist ein über 200 Jahre alter Keller mit Lehmboden und Natursandsteinwänden und ich kann gar nicht so schnell räumen, wie ich zittere dort unten), Fenster zu putzen (da frieren mir die Hände samt Putzlappen an den Scheiben fest) und ähnliche Dinge. Wenigstens mit den Steuerunterlagen bin ich fast durch. Auch was wert.

Aber dafür habe ich am Manuskript für das Montagsmotz-Buch gearbeitet, meinen Lektor bei der Schule des Schreibens kontaktiert, mit der Stoffsammlung für ein neues Buchprojekt begonnen und einfach mal zwei Bücher gelesen, die nicht auf meinem SuB für Rezensionen lagen, sondern mir ein komplettes Abschalten im Kopf ermöglichten.

Die aktuelle Winterlage erfordert in einigen Bereichen Umdenken, auch jenseits meiner Urlaubspläne. Als am Montag Verdi streikte, fuhren bei uns die Busse, als gestern früh die dritte Glättewarnstufe ausgerufen war, stand alles still.
Einerseits verständlich, andererseits führen solche Entscheidungen dazu, dass sich bei unklaren, teils sauglatten Straßenverhältnissen vermehrt Eltern von Schulkindern und Arbeitnehmer, die sonst den ÖPNV nutzen, ins Auto begeben und die Lage im Berufsverkehr noch unübersichtlicher und gefährlicher machen. Liegt das nun daran, dass wir winterliche Verhältnisse über einen längeren Zeitraum nicht mehr gewohnt sind?

Die anhaltende Frostlage, an der Ostsee durch ausgeprägten Ostwind und Eisgang in den Häfen verstärkt, sorgt noch für anderweitige Planänderungen: Die eingewinterten Yachten liegen nach wie vor auf dem Trockenen. Mit Schnee bedeckt und dem Frost ausgesetzt können nicht mal notwendige Renovierungen und Schönheitsreparaturen ausgeführt werden, geschweige denn die Boote zu den Sommerliegeplätzen gebracht werden. Zum Glück ist die Sterntaler bisher erst ab Mai verchartert.

Wenn der Winter doch an manchen gepeinigten Orten auch solch eine bremsende Wirkung hätte. Aber in der Ukraine sieht es leider nicht nach Entspannung und Innehalten aus. Im Gegenteil, das Leiden der Menschen unter Kälte, Stromausfällen und allen anderen Kriegsfolgen scheint den Aggressor noch anzuspornen. Ich finde kein Wort, das angemessen beschreibt, wie widerlich ich das finde.
Auf der anderen Seite der Erdkugel wärmen sich in den Straßen des ebenfalls unter einer Kälteglocke liegenden mittleren Westens der USA die Menschen gegenseitig in ihren Protestmärschen.

Es wird Zeit für Frühling. Für Aufbruch zu neuen Ufern, für Zuversicht, für Wärme, vor allem zwischenmenschlich. Kälte hatten wir lange genug. Kälte, Empathielosigkeit und Machtgehabe.

Montagsmotz reloaded – XXL

Sorry, lang. Aber es musste raus!

Wie man augenblicklich in den Kommentarspalten reichlich hingewiesen wird, meist unter Verkehrsmeldungen und vorwiegend von nicht mehr taufrischen, breitbeinig auftretenden Männern mit ausgeprägter Meinungsstärke:
„Es ist Winter. Im Winter kann es kalt werden.“
Ja, kann es. Muss nicht, aber liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Und damit erschöpft sich auch schon die zweifelhafte Expertise, denn entgegen der im Langzeitgedächtnis zuverlässig abgespeicherten Bilder von Schneebergen und Schlittenfahrten gab es auch in dem oft glorifizierten Zeitalter namens Früher nicht jeden Winter Schnee von Dezember bis März. Dafür muss man nur einmal die Pressearchive bemühen, die vor der Blütezeit der angeblich „linksgrün versifften Meinungsmache“ sicher noch viel zuverlässiger war als heute. Der letzte Absatz kann Spuren von Ironie enthalten.

Im Oktober 2025 wurde über einen möglicherweise bevorstehenden langen und kalten Winter spekuliert. Ja, spekuliert, denn es wurde auch darauf hingewiesen, dass über einen so langen Zeitraum keine zuverlässigen Vorhersagen getroffen werden können. Die Abschwächung des Polarwirbels könne solche Auswirkungen haben, es sei aber insgesamt eher unwahrscheinlich, gaben Meteorologen zu Protokoll.
Nach dem ersten Monat Temperaturdecke häkeln kann ich bestätigen: Ja, es ist teilweise saukalt, vor allem nachts. Aber wir hatten im Januar auch bereits ziemlich frühlingshafte Temperaturen.

Je blauer, desto kälter, je grüner, desto wärmer. Gemessen jeweils 13 Uhr.
Ziemlich mittig im Januar ein „Fast schon Frühling“-Streifen


Bloß kann man diese zwischenzeitlichen zarten Wärmeanwandlungen schlecht einfrieren und bei Bedarf auftauen. Oder so ähnlich.
Nun muss ich doch noch einmal einen Blick zurück in den November werfen:

Laut Statista bezieht Deutschland das meiste LNG aus den USA.
Ich weiß ja nicht. Hatte da nicht irgend so ein Deal dafür gesorgt, dass Europa in den nächsten Jahren heftig am Rockzipfel eines unberechenbaren GröPaZ* hängt?
Quellen? Gern:
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/energiewende-zoll-deal-europa-usa-100.html
oder
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/eu-milliardenversprechen-100.html
Aber gut, dann werfen wir ihm also die Milliarden in den Rachen, immerhin landen die dann nicht im russischen Staatssäckel. Kann man so machen …

Nun kommt aber eine neue Schlagzeile:

Ja, gut. Terminals sind da. Dummerweise sind die Häfen der Ostsee wegen starkem Eisgang nur sehr eingeschränkt anfahrbar, während in Nordsee und Elbmündung mit niedrigen Wasserständen zu rechnen ist:

https://wasserstand-nordsee.bsh.de/wilhelmshaven_alter_vorhafen
Immerhin ist Wilhelmshaven zum Glück ein Tiefwasserhafen.

Unter Umständen könnte bei längerem Anhalten der Wetterlage eine kleine logistische Herausforderung entstehen. Was wäre das Leben ohne Herausforderungen? Laaangweilig!

Aber vielleicht ist das Heizen ja demnächst nur ein vergleichsweise kleines und zeitlich begrenztes Problem, weil nach dem Winter irgendwann unweigerlich auch wärmere Zeiten kommen. „Warm anziehen“ müssen sich die meisten Bürgerinnen und Bürger demnächst nach dem Willen des CDU-Wirtschaftsrates (der entgegen der Namensgebung keine der Partei angehörende Gruppierung , sondern ein Lobbyverband ist) in ganz anderer Hinsicht.

Ich habe Fragen.
Nur eine davon, für mehr habe ich aktuell nicht die Nerven:
Wer soll demnächst noch die Binnennachfrage und damit die Produktion ankurbeln, wenn die Menschen zum großen Teil ihr Geld zusammenhalten müssen, um zukünftig ihre Zahnbehandlungen, den immer höher werdenden Anteil der Pflegekosten, private Kinderbetreuung und den Notgroschen für eventuell länger andauernde Arbeitslosigkeit zusammenzuhalten? Sowie für alle anderen Belastungen, die man zwar denen zumuten kann, die sowieso schon nichts haben, aber keinesfalls den „Leistungsträgern“** in den höheren Einkommens- und Vermögensklassen?

Es gibt bestimmt einiges in den verschiedensten Haushaltsposten, was durchgeforstet gehört. Und ich gehe auch davon aus, dass im sozialen Sektor Verbesserungspotenzial steckt (Verbesserte Steuerung, vereinfachte Beantragung, effizienterer Mitteleinsatz, da ist die entsprechende Kommission ja auch schon dran).
Aber zurzeit sehe ich vor allem, dass unter der Führung unseres derzeitigen Kanzlers die Regierung das Solidaritätsprinzip, aber nicht nur in der Krankenversicherung, sondern in vielen seit der Gründung der Bundesrepublik (weitgehend von der CDU) solidarisch geprägten Lebensbereichen, langsam und qualvoll erwürgt.

Heute habe ich für diesen Montag eine mittelschwere bis tragische Impulskontrollstörung., In bester Gernot-Hassknecht-Manier würde ich am liebsten einfach nur

„Bullshit! Seid ihr komplett am Ar***?F*ckt euch!!“

brüllen. Ich weiß, eine Lösung ist das nicht. Aber es befreit wenigstens ein bisschen. Es gibt einfach Tage, an denen das Differenzieren echt schwerfällt.

*GröPaZ: Größter Präsident aller Zeiten (ob das der Typ in Moskau auch so sehen würde? Vielleicht kann man den Titel teilen… obwohl, damit haben die es ja auch nicht so wirklich.)
**Hm. Definiere das Wort und dessen Bedeutung. Nun ja …

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