* 19.12.1951 ✝️07.07.2025

* 19.12.1951 ✝️07.07.2025


„Hallo Lilli. Anke ist mit Dieters Buch durch. Sie sagt es liest sich sehr gut und gefällig. Sie hat es fast in einem Rutsch durchgelesen. Das kannst du ihm sagen.“
Jürgen


Candy und Salomé und JB

Lieber Diether,
wie Du siehst, findet das Kultbuch auch im fernen Texas begeisterte Leser. Wie freuen uns immer wieder, an Schreibmans Alltag in der Heimat teilzunehmen, und dieses schöne Buch bringt Licht und Farbe in düstere Zeiten, und immer wieder Erinnerungen an die Zeit, als noch alle Zeit vor uns lag. Auf bald in Neuenburg!
Herzlich,
Jürgen
Dr. Jürgen Streeck
Prof. of Communication Studies,
The University of Texas at Austin

Hallo, ich bin die Lilli. Schreibman liegt noch auf der Intensivstation. Bitte nicht anrufen, höchstens schriftliche Kommentare.
Was die jeweilige Situationsänderung betrifft halte ich Euch hier auf dem Laufenden.
Liebe Grüße von uns beiden 🧡
Schreibman ist mein liebster Blogger. Sein Kultbuch 3 ist eine Sammlung von ausgewählten Einträgen des Autors aus den Monaten Januar 2024 bis März 2025, die er als Dietrich Urich-Kayser veröffentlichte…
Das 120 Seiten umfassende Buch bringt seine Erlebniswelt in Einklang mit seinen Gedanken und hin und wieder auch mit dessen Gefühlen.
An manchen Tagen wirft er einen mal nachdenklichen, mal schelmischen Blick auf Kleinigkeiten, die sowohl ihn selbst als auch seine Generation geprägt haben.
An anderen Tagen werden Alltagserlebnisse mit sprachlicher Finesse vom Autor hörbar, fühlbar, erlebbar gemacht. Der Leser findet am Ende eines Blogeintrags, eines Tages, nicht die ultimative Wahrheit oder Weisheit, sondern vielmehr spiegeln sich die eigenen Gedanken wieder.
Sprachlich fein, in ruhigen Tempo, lässt er mich teilhaben. Bringt mich zum Nachdenken oder Lächeln. Vielen Dank dafür.

… ein schönes Wochenende!




Gestern suchte ich das andere Paar Strümpfe. Ja, richtig gelesen. Das andere Paar. Ich habe nämlich nur zwei Paar von diesen Pilotenstrümpfen, die mir der Arzt verschrieben hat. Das eine der beiden Paare war plötzlich nicht mehr zu finden. Weder in der Wäsche, noch an meinen Füssen, noch in der früheren und jetzt leeren Sockenschublade. Alles weggeworfen, samt Reisestrümpfe?

Plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich ja in der untersten grossen Lade des Bücherschranks eine kleine und neue Unterabteilung für Accessoirs eingerichtet hatte. Von aussen natürlich unsichtbar, denn wer versteckt schon Socken im Bücherschrank? Ich.
Zwei Tage zuvor hatte ich noch eine andere Abteilung gegründet, die sich auf drei Stand- und Liegeorte erstreckte. Die Abteilung Stifte. Diese umfasst eine Vielzahl von Stiften von sich angesammelt zusammengekauft habenden Schreibgeräten, mit denen ich Handschrift übe oder die ich einfach mag, weil ich Stifte, Füller, Kulis und Füllfederhalter einfach schön finde. Apropos: Gelstifte mag ich sogar besonders, ohne wirklich welche zu haben, mit denen ich auch schreiben könnte.

Das sollte vielleicht die Eröffnung einer dritten Abteilung erfordern, die dann die beiden bisherigen Teilabteilungen zu einer einzigen Hauptabteilung mit den Unterabteilungen Füllfederhalter, Gelschreiber und Bleistifte zusammenfasst. Wobei die Bleistifte vielleicht noch in normale und Druckbleistifte zu unterteilen wären. Da muss ich aber nochmal drüber nachdenken.

Um noch mal auf die Gelstifte zurückzukommen: Ich weiss ja gar nicht, wozu die überhaupt gut sein sollen. Was es mit ihnen Besonderes auf sich hat. Die sollen ja angeblich ganz toll sein zum Schreiben und zum Zeichnen. Wobei Zweiteres für mich schon mal gar nicht in Frage kommt. Und ich weiss auch nicht, ob man die waagerecht oder senkrecht lagern muss und wie man sie nachfüllt. Braucht man warmes Wasser, um sie schreibfähig zu machen? Ich lese da die unmöglichsten Sachen.
Aber ich werde schon noch dahinterkommen.
500 Kilometer hin, zwei Stunden Besuch bei uns, mit morgens hier vom Hof gekauften Spargeln und Erdbeeren. Nach nettem Geplauder und Beisammensein Heimfahrt 500 Kilometer zurück nach Belgien: Das war heute das Programm meiner beiden Zwillingstöchter Candy & Salome. Sie haben es sogar geschafft mir ziemlich lange zuzuhören, was selbst für Lilli erstaunlich war. Wir waren ganz locker und alle gut drauf. Vor ihrer Abfahrt haben wir gegenseitig noch ein paar verabredete Mitbringsel getauscht (Sachen, die es im anderen Land nicht gibt wie zum Beispiel belgischer Klosterkäse und deutsche Pfanni Knödel) und Grüsse mit auf den Weg gegeben. Das alles bei schönstem Sonnenschein. Ein richtig schöner Tag ist das heute.

Zwar hatte ich am Morgen noch einige Attacken, von denen meine Töchter aber nichts mitgekriegt haben. Ich will einfach nicht so viel über Krankheiten reden. Lieber erzähle ich Anekdoten, die vor allem mit Literatur zu tun haben. Ich habe da ja einige Kontakte gehabt und gestern meinte Lilli noch zu mir, ich solle den Traum vom Bestsellerautor vergessen, ich hätte auch einfach so und immer noch Freude am schreiben, ohne damit Geld verdienen zu müssen, und ich hätte dann ja auch einige Kontakte mit anderen Autoren und Bloggern. Meine Töchter bekamen so manche Anekdote zum ersten Mal zu hören. Und nicht schon dreimal. Manche waren auch für Lilli neu.
Oder für mich. Wenn sie mir erst beim Niederschreiben wieder einfallen.

Hauptseminar Prof. Dr. Richard Brinkmann WS 1975/76
SOZIOLOGISCHE ASPEKTE DER LITERATURWISSENSCHAFT
Seminararbeit
Dieter Petter
‚Privates‘ und ‚Öffentliches‘
in der ‚Insel Felsenburg‘
Im Wintersemester 1975/76 studierte ich in Tübingen und nahm an Seminaren mit den Professoren Walter Jens und Richard Brinkmann teil. Bei Letzterem schrieb ich eine Arbeit für ein Hauptseminar unter dem Titel „Privates und Öffentliches in der ‚Insel Felsenburg’“ von Johann Gottfried Schnabel. Ein langweiliger Roman aus dem Jahr 1731, der damals mit Robinson Crusoe verglichen wurde. Sowas würde heute kein Mensch mehr lesen! Mich interessierte auch nur die Thematik, und das tut sie auch noch heute. Speziell Literatur als Schnittpunkt zwischen Privatem und Öffentlichem.
1
Die Handlungen und Verhaltensweisen der Felsenburger sollen daraufhin untersucht werden, wieweit sie privater und wieweit sie öffentlicher Natur sind.
Dazu ist zunächst grundsätzlich zu sagen: auf der Insel Felsenburg entsteht eine Öffentlichkeit in dem Moment als die vier Protagonisten der Erzählung auf ihr stranden.
Der ambivalente Charakter aller Aktivität auf der Insel besteht jedoch darin, daß Öffentlichkeit sich nicht außerhalb der Familie, dem Inbegriff des Privaten also, abspielt, Privatheit und Öffentlichkeit also kongruent sind. Jede private Verhaltensweise ist im Gründungsstadium der felsenburgischen Gemeinschaft eine öffentliche, öffentlich aber nicht außerhalb der Familie, denn außer der Familie gibt es nicht: keinen Staat, keine Institutionen, keinen Handel.
2
Der Widerspruch, der zwischen Privatheit und Öffentlichkeit besteht, wird in der „Insel Felsenburg“ nur scheinbar dadurch gelöst, daß ihre korrelative Beziehung aufgehoben und das eine mit dem anderen deckungsgleich geworden ist. Daß der Widerspruch auch im antibürgerlichen Paradies fortbesteht, wird an jenen Verhaltensweisen zu exemplifizieren sein, die die bürgerlichen gar nicht negieren, sondern schlicht reproduzieren.
3
Aber die felsenburgische Gesellschaft war auch gar nicht gedacht als Alternative zur bürgerlichen, Dieter Kimpel schreibt, sie sei „weniger eine utopische Gesellschaftsform oder eine bürgerliche Staatsutopie als vielmehr die bürgerlich empfindsame Bewußtseinsstruktur selber, wie sie im pietistischen Bereich tatsächlich längs von sich Zeugnis abgelegt hatte.“(1). Die „Insel Felsenburg“ also als „die ‚figura‘ der empfindsam räsonierenden Vernunft“(2). Auch Horst Brunner interpretiert in diesem Sinne: „Zur ‚Geste‘ der Empfindsamkeit gehört es, sich aus der leidigen Zeitwirklichkeit heraus zu sehen und sich in der ‚kleinen‘, privaten Einsamkeit das kleine, private Glück der Liebe und Freundschaft zu erträumen.“(3). Zwar spricht er auch vom „Entwurf einer Gegenwelt aus bürgerlich-pietistischem Geist“(4), wobei mir aber die Betonung keinesfalls auf dem Begriff ‚Gegenwelt‘ zu liegen scheint. In diesem Sinne muß auch die Behauptung von der „versteckt sozial-revolutionären Tendenz“ des Romans eingeschränkt werden.(5). Man kann wohl von einer kritischen Tendenz sprechen angesichts der Tatsache, daß in den Lebensläufen der Felsenburger das alte Europa als total verkommen dargestellt wird. Aber der Lösungsvorschlag, die Flucht, ist weder sozial-revolutionär noch ist es eine Lösung. Nicht umsonst gelangen die ersten Bewohner lediglich per Zufall auf die Insel – die Lösung ist also nicht die konsequente Folge von Arbeit, sonder erst ihr Anfang – und nicht umsonst beginnen die Felsenburger sich sofort bewußt zu isolieren: ihr Modell ist nicht übertragbar. Genauer: wenn es sich öffnet, verliert es seinen Charakter. So kann man denn mit Brüggemann konstatieren: „Das Wesen dieser idealen Gemeinschaft beruht doch nicht auf Einrichtungen, sondern auf einem neuen Menschen, einem Menschen von einer veränderten seelischen Haltung, wie er in Europa sich noch nicht durchzusetzen vermochte.“(6).
Keine Lust zum Weiterlesen? Oder im Gegenteil schon jetzt der Gedanke: „Ich will unbedingt den ganzen Text lesen oder jedenfalls schon mal runterladen für später?“ Dann einfach hier klicken.
https://drive.google.com/file/d/1OGFS7BRTdp0-01_lz6OIgJSmbpsmV6Wm/view?usp=sharing
4
Natürlich ist dieser ’neue Mensch‘ so neu nicht. Er muß wohl verstanden werden als Überhöhung des Bildes vom Menschen, der nur im trauten Kreis der Familie sein wahres Menschsein entfalten kann. Die Reproduktion der Struktur der bürgerlichen Familie auf der Insel muß im Zusammenhang gesehen werden mit den Funktionen, die ihr zugeteilt werden. „Sie scheint freiwillig und von freien Einzelnen begründet und ohne Zwang aufrechterhalten zu werden; sie scheint auf der dauerhaften Liebesgemeinschaft der beiden Gatten zu beruhen; sie scheint jene zweckfreie Entfaltung aller Fähigkeiten zu gewähren, die die gebildete Persönlichkeit auszeichnet. Die drei Momente der Freiwilligkeit, der Liebesgemeinschaft und der Bildung schließen sich zu einem Begriff der Humanität zusammen, die der Mehrheit als solcher innewohnen soll und wahrhaft ihre absolute Stellung erst ausmacht.“(7) Ob das alles nur so ’scheint‘ und sein ’soll‘, was Habermas hier über die bürgerliche Familie allgemein sagt, oder ob es nicht vielmehr tatsächlich so ist, soll für unsere Zwecke vorläufig dahingestellt sein. Soviel kann jedoch gesagt werden: intentional ist die felsenburgische Großfamilie die Verwirklichung dieser Ideale. Der entscheidende Ansatzpunkt für eine Interpretation im Sinne des gestellten Themas scheint mir nun in der Tatsache zu liegen, daß das Inselleben zwar die Fortführung von Familienleben an anderem Ort ist, dennoch sich aber als Staat versteht. – indem es ihn freilich zu überwinden trachtet. Die Gründung der Familie als Staatsersatz ist die vermeintliche Konsequenz aus der Erkenntnis, daß die Familie als Bestandteil des Staates vor diesem nicht sicher ist.
Wie konstituiert sich aber nun die felsenburgische Alternativfamilie?
5
„… denn weil wir hiesiges Orts keiner weltlichen Obrigkeit unterworffen sind … so können wir uns Gesetze nach eigenem Gefallen machen …“(8).
Mit dieser Erkenntnis ist die Situation der Siedler wohl treffend charakterisiert. Allein, der sie formuliert, ist Lemelie, der Vertreter des Bösen, der allen konstruktiven Bemühungen im Wege zu stehen scheint.
Da es drei Männer, aber nur eine Frau auf der Insel gibt, schlägt er unverblümt vor, die Frau zu vergesellschaften. Dergleichen „frevelhaffte und höchst-sündlichen Gedancken“(9) werden von den anderen einmütig verworfen. Damit steht von Anfang an fest, daß an der Ehe festgehalten werden soll, implizit also an der Familie. Es zeigt sich dann aber in der zweiten Generation, daß die Autonomie der Familie ihre Grenzen durch das Inzesttabu hat. Das Problem wird gelöst, indem Gatten und Gattinnen auf die Insel geholt werden, die aber nicht nur erst auf Eignung geprüft werden, sondern sich auch verpflichten müssen, auf ewig auf der Insel zu bleiben. Die Geschlossenheit der Familie wird zum höchsten Gut. In der bürgerlichen Gesellschaft war sie Asyl, jetzt wird sie zu ihrer eigenen Gesellschaft.
6
Wir können davon ausgehen, daß es eine Theorie, die die Beziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit abstrakt und gültig definiert, nicht gibt außer der des Marxismus. Diese besagt unter anderem, daß der Widerspruch zwischen Privatheit und Öffentlichkeit in der klassenlosen Gesellschaft aufgehoben werden muß und aufgehoben worden sein wird. Diese Theorie kann also nur als ihre eigene Fiktion rezipiert werden.
Sich als Marxist verstehend und an Marx anknüpfend, der schrieb, daß sich eine Republik, ein bürgerlicher Rechtsstaat dort herausbilden muß, „wo die Privatsphäre eine selbständige Existenz erlangt“(10), konstruiert nun Habermas den Beginn einer ‚bürgerlichen Öffentlichkeit‘ am Beginn des 18.Jahrhunderts, die sich als Nachfolgerin der ‚repräsentativen Öffentlichkeit‘ formierte.
Öffentlichkeit ist jedoch nur als repräsentative denkbar, so lange sie nicht anders denn als Gegensatz zur Privatheit verstanden werden kann, also Bestandteil des Staates und nicht er selbst ist.
Literatur als Schnittpunkt zwischen Privatem und Öffentlichem
Der Widerspruch zwischen Privatheit und Öffentlichkeit findet Entsprechung in der Tatsache, daß Literatur in privater Initiative entsteht und gelesen wird gleichwohl aber Bestandteil und Herstellung von Öffentlichkeit ist. Literatur ist immer ‚historisch objektiv‘, da ihr Entstehungsprozess – in welcher Form auch immer – von der historischen Situation bestimmt wird, ihre Produkte aber die Zeit bestimmen können.
Die „Insel Felsenburg“ kann verstanden werden als private Auflehnung gegen eine neu entstandene bürgerliche literarische Öffentlichkeit, der sie das Ideal einer weltabgewandten Privatheit entgegenstellt.
Gleichwohl ist der Roman aber selbst ein Teil jener räsonierenden Betriebsamkeit, gegen die er sich wendet, indem er sich zwangsläufig zu ihrem Objekt macht. Seine Wirkung braucht er deswegen nicht verfehlt zu haben. Aber an ihr kann man ihn schließlich nicht messen, zumindest nicht ausschließlich, wie das Mißverständnis jener zeigt, die nach der Lektüre sich aufmachten, die Insel zu suchen, um sich ebenfalls dort niederzulassen. Oder der Romanheld „Anton Reiser“, der nur verstand, daß die Felsenburger sich um eine zentrale Figur, Albert, gruppierten und der deswegen das einzig Erstrebenswerte darin sah, auch eine Art Albert zu sein.
Die Wirkung des Romans mag in der Zeit seiner größten Verbreitung vor allem darin gelegen haben, daß er, ähnlich wie sein Vorgänger „Robinson Crusoe“, ein neues und ein fremdes Stück Land beschreibt, das unbewohnt ist und allen privaten Sehnsüchten öffentlichen Zugang gewährt.
Jetzt eben noch den vollständigen Text runterladen und demnächst in aller Ruhe verinnerlichen.
https://drive.google.com/file/d/1OGFS7BRTdp0-01_lz6OIgJSmbpsmV6Wm/view?usp=sharing