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Widersprüchliche Bilder: Die Marathon-Aufnahmen, die mit Gazas Hungersnot-Narrativ kollidieren

20. Mai 2026

David Katz, HonestReporting, 11. Mai 2026

Jahrelang wurde dem internationalen Publikum gesagt der Gazastreifen stehe am Rand einer Hungersnot. Bilder abgemagerter Kinder, leerer Kochtöpfe, überfüllter Schlangen vor Hilfsstellen und Warnungen vor „Massenverhungern“ dominierten Schlagzeilen, NGO‑Kampagnen, Fernsehberichte und die Feeds der sozialen Medien gleichermaßen. Die Folgerung war unmissverständlich: Der Gazastreifen erleidet nicht nur Härten, sondern steht kurz vor dem physischen Zusammenbruch.

Nun kommen die Aufnahmen vom Marathon.

Tausende Palästinenser, die entlang der Küste Gazas laufen. Organisierte Menschenmengen. Drohnenaufnahmen. Veranstaltungsvermarktung. Ordner. Öffentliches Feiern. Anhaltende körperliche Anstrengung. Fast zur selben Zeit fand in Bethlehem ein weiterer Marathon statt, stark beworben über viele derselben Aktivisten- und Medienkanäle, die routinemäßig Behauptungen über eine humanitäre Katastrophe verstärken.

Der Widerspruch ist schwer zu übersehen.

Nicht, weil es im Gazastreifen kein Leid gibt. Das gibt es eindeutig. Aber weil zwei konkurrierende visuelle Erzählungen plötzlich in Echtzeit aufeinanderprallten, ohne dass irgendein Versuch unternommen wurde, sie miteinander in Einklang zu bringen.

Das Timing

Das Timing ist von Bedeutung.

Am 7. Mai verbreiteten Aktivisten, NGOs, Medien und Accounts in sozialen Medien erneut Behauptungen über sich verschärfende Hungersnotbedingungen im Gazastreifen. Der Sprachgebrauch war vertraut: „großer Hunger“, „künstlich herbeigeführtes Verhungern“, „Unterernährung“, sogar „Völkermord“. Die Bildsprache konzentrierte sich stark auf ausgemergelte Kinder, leere Essensbehälter, verzweifelte Zivilisten und chaotische Szenen der Hilfsgüterverteilung.

Innerhalb von ungefähr vierundzwanzig Stunden tauchten Aufnahmen von mehr als 2.000 Palästinensern auf, die am 10. Palestine International Marathon in Gaza teilnahmen.

Der Kontrast war auffällig.

Die Teilnehmer wirkten energiegeladen und körperlich leistungsfähig. Große Menschenmengen versammelten sich offen. Langstreckenläufer bewegten sich in koordinierten Wellen entlang der Küstenstraße. Die Atmosphäre erinnerte weit mehr an eine bürgerliche Feier als an eine Bevölkerung im sichtbaren körperlichen Zusammenbruch.

Dieser Kontrast ist die eigentliche Geschichte.

Die visuelle Spaltung

Moderne Medienkonsumenten werden selten dazu ermutigt, konkurrierende Bilder nebeneinander zu betrachten. Ein Satz von Bildern wird als humanitäre Katastrophe eingeordnet. Ein anderer wird als kulturelle Resilienz oder als Berichterstattung mit menschlichem Interesse dargestellt. Jeder darf unabhängig voneinander existieren und erfüllt einen anderen emotionalen Zweck.

Die Hungersnot-Bilder erzeugen Dringlichkeit. Die Marathon-Bilder erzeugen Bewunderung. Selten wird das Publikum eingeladen beide direkt miteinander zu vergleichen.

Reuters beschrieb das Rennen im Gazastreifen zum Beispiel als „einen seltenen Moment von Gemeinschaft und Normalität“ und erinnerte die Leser gleichzeitig daran, dass die Läufer durch Straßen liefen, die noch vom Konflikt gezeichnet waren. Die Darstellung erfüllte zwei Funktionen gleichzeitig: Sie bewahrte den Hintergrund der Zerstörung und präsentierte die Läufer zugleich als Symbole von Ausdauer, Widerstandskraft und gemeinschaftlicher Vitalität.

Das Ergebnis war eine sorgfältig austarierte emotionale Komposition, in der Verwüstung und Normalität bequem nebeneinander existierten, ohne jemals wirklich gemeinsam betrachtet zu werden.

Aber der Vergleich ist wichtig.

Denn visuelle Berichterstattung wird ebenso sehr durch das geprägt, was aus dem Bild ausgeschlossen wird, wie durch das, was darin enthalten ist.

Das Ausdauer‑Problem

Menschen, die unter schwerer Unterernährung leiden, nehmen normalerweise nicht an Massen-Ausdauerveranstaltungen teil. Das ist keine politische Aussage. Es ist eine physiologische.

Nichts davon bedeutet, dass niemand im Gazastreifen Hunger hat. Es bedeutet nicht, dass Härten erfunden sind oder dass Zivilisten nicht unter Kriegsbedingungen leiden. Aber es wirft berechtigte Fragen nach Ausmaß, Stimmigkeit und redaktionellem Framing auf.

Wenn internationale Zuschauer wiederholt Bilder sehen, die einen allgemeinen körperlichen Zusammenbruch der Bevölkerung des Gazastreifens suggerieren, dann erschweren Aufnahmen von Tausenden, die an organisierten Langstreckenläufen teilnehmen, zwangsläufig dieses Narrativ.

Besonders, wenn beide Bildwelten nahezu gleichzeitig im Umlauf sind.

Narrativsteuerung

Das Problem geht weit über einen einzelnen Marathon hinaus.

Die Aufnahmen zeigen, wie stark der Gazastreifen visuell für den internationalen Konsum kuratiert wird. Bestimmte Bilder werden aggressiv hervorgehoben. Andere erhalten minimale Aufmerksamkeit. Manche werden zu prägenden Symbolen. Andere gelten als isolierte Ausnahmen ohne weitergehende Bedeutung.

Ein ausgemergeltes Kind wird zum Sinnbild des Gazastreifens. Ein Marathonläufer nicht.

Eine Schlange an der Hilfsausgabe gilt als Beweis für gesellschaftlichen Zusammenbruch. Tausende Menschen, die an einer körperlich anspruchsvollen öffentlichen Veranstaltung teilnehmen, werden als kulturelle Randerscheinung abgetan.

Redaktionelle Gewichtung formt die öffentliche Wahrnehmung lange bevor Zuschauer die Möglichkeit haben Ereignisse selbstständig zu interpretieren.

Der Marathon in Bethlehem fügte dieser Dynamik eine weitere Ebene hinzu. Hier wurde sportliche Bildsprache zu einem offenen politischen Gleichnis. Die BBC stellte die Läufer als Menschen dar, die „Barrieren überwinden“ und positionierte Israels Sicherheitsbarriere wiederholt als sowohl wörtliches als auch symbolisches Hindernis, das palästinensische Identität und Ausdauer prägt.

Der Marathon war nicht mehr bloße sportliche Teilnahme. Er wurde zu narrativer Infrastruktur.

Selbst die Kamerapositionen verstärkten diese Darstellung, indem sie die Barriere häufig so ins Bild setzten, dass sie visuell untrennbar mit den Läufern verbunden blieb.

Das Ökosystem Medien

Was das besonders auffällig macht, ist, dass viele derselben Institutionen beide Narrative gleichzeitig verbreiteten.

Innerhalb desselben Medien-Ökosystems:

  • nahmen Warnungen vor einer Hungersnot zu
     
  • kursierten weltweit Bilder des Verhungerns
     
  • veröffentlichten NGOs Notfallmeldungen
     
  • verstärkten Aktivisten Behauptungen über Zusammenbruch

Und dann:

  • tauchten Marathonaufnahmen auf
     
  • wurde feiernde öffentliche Veranstaltungen beworben
     
  • wurden körperlich robuste Menschenmengen offen sichtbar

Doch fast niemand hielt inne, um zu fragen, ob diese Bilder ein schlüssiges Bild der Realität zeigten.

Es folgte keine ernsthafte redaktionelle Aufarbeitung. Keine institutionelle Stimme zeigte Interesse daran den Widerspruch aufzulösen. Stattdessen verschwand die Widersprüchlichkeit einfach in der Aufsplitterung des modernen Medienkonsums.

Diese Aufsplitterung ist genau der Punkt.

Schlussfolgerung

Bilder werden heute einzeln konsumiert, nicht im Vergleich. Zuschauer nehmen isolierte emotionale Momente auf, nicht schlüssige Narrative. Widersprüche bestehen fort, weil Betrachter selten dazu ermutigt werden, lange genug innezuhalten, um konkurrierende Aufnahmen nebeneinander zu legen.

Die Marathonaufnahmen widerlegen das Leid im Gazastreifen nicht. Darum ging es nie.

Was sie offenlegen, ist die selektive Art, in der der Gazastreifen dem internationalen Publikum präsentiert wird – und wie unvereinbare visuelle Narrative oft ohne jede Prüfung nebeneinander kursieren dürfen.

An einem Tag sehen Zuschauer Bilder, die weit verbreitetes Verhungern und körperlichen Zusammenbruch suggerieren. Am nächsten Tag erscheinen tausende Menschen, die an organisierten Ausdauerveranstaltungen teilnehmen, die Kondition, Koordination, Mobilität und öffentliche Infrastruktur erfordern.

Beide Realitäten können nicht dasselbe redaktionelle Gewicht tragen, ohne offensichtliche Fragen aufzuwerfen.

Die aufschlussreichere Frage ist vielleicht die, warum so wenige Menschen in den Medien bereit erscheinen, sie zu stellen.

Hass auf dem Spielfeld: Antisemitismus im Sport

24. September 2020

Gideon Ben-Zvi, HonestReporting, 23. August 2020

Sport ist ein großer Einiger, schafft Gelegenheiten für Kontakte von Menschen aus einer breiten Vielzahl von Hintergründen. Doch obwohl das relativ wenig berichtet wird, erfahren jüdische Sportler in der großen Welt des Sports Antisemitismus und in einigen Fällen grassiert dieser.

Von München in die muslimische Welt

Antisemitismus wird zwar heiß diskutiert, besonders weil er die erhitzte Debatte um das Wesen und die Politik des Staates Israel verbindet, aber er ist auch im Sport ein Phänomen. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist der von Palästinensern geführte Terroranschlag auf die Olympischen Spiele in München 1972, bei dem 11 israelische Athleten getötet wurden. Seitdem hat sich Antisemitismus im Sport verbreitet, weil reiche Länder mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung im Nahen Osten und Asien begonnen haben internationale Veranstaltungen auszurichten.

Zu den Beispielen der Schikane gegen israelische Sportler gehören:

  • 2019: Die Regierung von Malaysia verweigerte der israelischen Para-Schwimmmannschaft Visa, wodurch ihre Teilnahme an den Weltmeisterschaften in Japan diesen Sommer verhindert wurde.
  • 2019: Der iranische Judo-Weltmeister Seed Mollai verlor absichtlich einen Kampf gegen den niedriger gesetzten Ruslan Mussajew aus Kasachstan, um einen Kampf gegen den israelischen Judoka Sagi Muki zu vermeiden.
  • 2018: Die Anwesenheit der israelischen Mannschaft bei einem Jugend-Handballturnier in Doha löste Forderungen aus, die Qataris sollten ihre Kinder aus dem Turnier nehmen. Allgemeiner nutzen große Teile der Bevölkerung die sozialen Medien, um sich von der Teilnahme Israels an vielen internationalen Wettkämpfen in Qatar zu distanzieren.

Bruria Bigman, Sprecherin des israelischen Olympischen Komitees gibt an: „Israelische Athleten haben unter etlichen Fällen von Diskriminierung und Ausgrenzung gelitten. Das Israelische Olympische Komitee verurteilt diesen Trend, der der Internationalen Olympischen Charta widerspricht.“

Leider beschränkt sich dieser Versuch israelische Sportler zu boykottieren nicht auf den Nahen Osten.

Nicht nur in der muslimischen Welt, nicht nur gegen Israelis

Antisemitismus im Sport ist ein weltweites Phänomen. Zu den jüngsten Beispielen gehören:

  • Ein bekannter Sportkommentator in Griechenland beschuldigte den amerikanisch-israelischen Trainer David Blatt wegen der umstrittene Niederlage seiner Athener Mannschaft zu lügen, weil er jüdisches Blut hat.
  • Der ehemalige Basketballspieler Cody Decker sagte, Antisemitismus „grassiert überall im Sport“. In einem aktuellen Interview beschrieb Decker mehrere Vorfälle aus seiner Karriere, bei denen er herausgepickt wurde, weil er Jude ist und von Fans und Mannschaftsmitgliedern mit judenfeindlichen Beleidigungen bedacht wurde.
  • 2011 verklagte Jason Bailey, ein amerikanischer Eishockey-Profi, die Anaheim Ducks aus der NHL; er sagte aus, dass die Trainer des angegliederten Teams hätten ihn antijüdischen Schikanen ausgesetzt.

Bekannter sind Beispiele, in die europäische Fußballfans verwickelt sind. Ein Bericht des britischen Parlaments mit dem Titel „Antisemitismus im europäischen Fußball: Wunde im schönen Spiel“ kam zu dem Schluss, dass Hooligans in einer Reihe von Ländern wiederholt antisemitische Gesten, darunter den Nazigruß und hasserfüllte Parolen gegen Juden verwendet haben.

Kann Hass aus dem Sport vertrieben werden?

Auf einer Konferenz zu Antisemitismus im Sport im Jahr 2019 stimmten mehrere Experten überein, dass Hassreden hauptsächlich über das Internet in den Mainstream eingebracht wird. Insbesondere das Aufkommen der sozialen Medien ist eine Wende gewesen. Vor kurzem haben Berichte Licht darauf geworfen, wie Verschwörungstheorien, Rassismus, Fanatismus und Antisemitismus sich auf Online-Plattformen gezeigt haben. Zum Beispiel können in einige Fällen Dutzende Millionen Menschen mit einem einzigen Tweet erreicht werden.

Nach Angaben der Anti-Defamation League hat es in den letzten Monaten eine beträchtliche Zunahme antisemitischer Posts in sozialen Medien gegeben. Aus diesem Grund gibt es einen wachsenden Chor, der fordert, dass die Technologiegiganten eine klare Definition dessen annehmen, was Antisemitismus ist und verhindern, dass solche Inhalte verbreitet werden.

Tibi Galis, Executive Director des Auschwitz Institute for Peace and Reconsiliation hat gewarnt, dass Massengräuel mit einfachen Dingen wie Hassreden bei Sportveranstaltungen beginnen.

„Sport ist oft der erste Ort, an dem wir Erscheinungsformen gefährlichen Redens hören“, sagte er. „Die Frage lautet: ‚Wie können wir das sportliche Umfeld zu einem besseren machen?‘“ Zum Glück haben sich Sportstars gegen Vorurteile geäußert. Das Fehlen massiver Empörung in Reaktion auf aktuelle Vorfälle antisemitischer Tweets und Postings von Prominenten aus Sport und Unterhaltung ist sehr beunruhigend.

Der erste Schritt Antisemitismus anzupacken – im Sport und andernorts – besteht eindeutig darin ihn zu benennen. Nur dann kann er effektiv bekämpft werden. Aus diesem Grund sollten die Social Media-Giganten erwägen eine robustere Antisemitismus-Definition anzunehmen und ihre Politik für Hassreden energisch aufrecht zu erhalten.

Bis dahin werden die Antisemiten weiter punkten.


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