Der Goldene Brief zu Hannover

Ich habe gelesen, nein, ich habe es mir nicht ausgedacht, wie es Schiffbrüchigen einst erging, die an Englands Küsten strandeten. Weil sie oft in fremden Zungen sprachen, was in den Ohren der Küstenbewohner wie wirres Zeug klang, hat man die ausländischen Schiffsbrüchigen vorsichtshalber in Irrenanstalten gesperrt. Für wirres Zeug hat man am Hof des englischen Königs Georg II. vermutlich auch die fremden Schriftzeichen gehalten, mit denen ein gut Halbmeter langes, 8,5 Zentimeter hohes und 0,2 Millimeter dünnes Goldblech graviert ist. Den seit seiner Entdeckung im Jahr 2007 sogenannten Goldenen Brief hatte der birmanischen König Alaungphaya im Jahr 1756 von seinen Schreibern aufsetzen lassen und nach London gesandt, wo er aus Gründen erst 1758 eintraf. Er wurde als Kuriosum abgetan, inhaltlich nicht wahrgenommen und nicht beantwortet, sondern zur sicheren Verwahrung an die Königliche Bibliothek Hannover gesandt, der Heimatstadt Georgs II., wo er falsch beschrieben archiviert wurde und gut 250 Jahre in Vergessenheit geriet. Heute wird der Brief in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek (GWLB) aufbewahrt und gehört seit 2015 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Georg II. muss zwar ein Haudrauf gewesen sein, der seine Truppen noch persönlich in die Schlacht führte. Doch er förderte auch die Wissenschaft, indem er 1732/34 die Georg-August-Universität Göttingen gründete. Die näheren Umstände, warum er den Goldenen Brief nicht zu würdigen wusste, können vielleicht Historiker erhellen. Mir scheint er formal zu sehr von der im 18. Jahrhundert üblichen Briefgestaltung abzuweichen. Die übertrieben wertige Form, das goldene Band ist noch an den Enden mit Rubinen verziert, zeigt einen Mangel an Etikette. Man vermisst die vornehme Zurückhaltung. Der jedes vernünftige Maß überschreitende Brief wirkt wie der aggressive Versuch einer Gesprächerzwingung durch einen Wilden. Vorsorglich entschuldige ich mich für meine Einschätzung schon mal bei der Republik der Union Myanmar.

Vom Goldenen Brief habe ich letzten Samstag auf einer Geburtstagsfeier erfahren (danke, Wolfgang!), als die Rede auf die GWLB kam, die ja als Landesbibliothek von Niedersachsen auch die Pflichtexemplare meiner inzwischen acht Bücher aufbewahrt. Weil ich in der bislang wenig von mir geliebten neuen Heimatstadt in letzter Zeit immer mal wieder Neues entdecke, trage ich quasi eine Schuld ab. Demnächst im Teestübchen: Die Verbindung der Universalsprache Esperanto zu Neutral-Moresnet und Hannover.

Teestübchen Briefaktion (3) – Post von unterwegs

Als mein Freund Jeremias Coster noch lebte, der berüchtigte Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der RWTH Aachen, war eindeutig mehr Magie in meiner Welt. Unter anderem pflegte ich eine symbiotische Beziehung zu meiner Zimmerpalme Josie, unter deren Einfluss ich manch hübschen Text verfasst habe. Josie und ich, wir haben uns ein wenig entfremdet. Morgen werde ich sie umtopfen, was sich hoffentlich positiv auf unser Verhältnis auswirken wird. Das nur am Rande.

Einmal verirrte ich mich im Internet auf die Seite des Berliner Instituts für Pataphysik und stieß dort auf die schillernde Nachricht: “Herr Zettelmann ist auf Forschungsreise.“ Daran musste ich denken, als vor einigen Wochen eine neue Besucherin im Teestübchen auftauchte, nämlich „Frauhemingistunterwegs.“ Von unterwegs, vermutlich aus dem bundesweit bekannten Touristenort Briefzentrum, sandte Frauhemingistunterwegs mir ebenfalls einen von ihr gestalteten Brief.

Wir sehen in der Bleistiftzeichnung zentral eine Papier- oder Pergamentrolle, die an den Rändern einige Risse aufweist. Oben dreht sich das Blatt ein, an der Unterseite ist es justiert mit einem Tintenfass. Eine quer in die Bildmitte ragende echte Schreibfeder hat gerade einen Klecks in die Anschrift gemacht und zwar hinter die Postleitzahl. Aus der Ypsilonschlaufe von „Ley“ erwächst ein keckes, hoffnungsfrohes Blümelein, wie hübsch! Das auslautende R von Hannover tropft.

Bemerkenswert an der Darstellung von Schreibgerät und Beschreibstoff ist die Ikonographie. Schriftrolle, Tintenfass und klecksende Schreibfeder gehören nun wirklich längst vergangenen Jahrhunderten an, und trotzdem weiß vermutlich jedes Kind unseres Kulturkreises, was mit der Darstellung gemeint ist. Derlei bildhafte Vorstellungen halten sich länger als die Dinge selbst. Auch in der Sprache finden sich hartnäckige Spuren. Einmal hält der Federhalter keine Gänsefeder, sondern eine aus Metall, auch engl. pen ist gebildet aus lat. penna, die Feder. Demnach Pennäler und unsere Penne für Schule. Der Briefbogen (!) heißt im Niederländischen vel, worin wir unser deutsches Fell, besser: Pelle = Haut erkennen. Gemeint ist Pergament.

Rechts der Pergamentrolle ist auf dem Kuvert eine gekorkte Glasflasche zu sehen, vermutlich eine Flaschenpost, deren Inhalt die sauber platzierte Briefmarke ist, prima in die Gestaltung integriert, vom verschmierten Poststempel leider ein wenig versaut. Am linken Bildrand sehen wir eine Brieftaube und einen eiligen Postreiter auf einem Pferd im Galopp. Das ließ mich denken an eine in meiner Kindheit beliebte Frechheit, auf einen Briefumschlag zu schreiben: „Briefträger lauf, [die oder der] wartet drauf!

Schon die Adresse zeigt eine sauber aus der Lateinischen Ausgangschrift entwickelte Erwachsenenschrift, die kaum Verschleifungen aufweist. Das setzt sich im zweiseitigen Brief fort, dessen Veröffentlichung Frauhemingistunterwegs erlaubt hat. Wenn ich als Lehrer ein Klassenarbeits- oder Klausurheft aufschlug und ich fand eine derartig saubere Handschrift vor, dann war mir das Lesen wie eine erqickliche Wanderung durch einen hellen Buchenhain.


Ich werde in der Anrede konventionell gesiezt; als der Ältere schlage ich das Du vor.

Liebe Andrea, vielen Dank für die Einsendung!