Die Natur hat so ihre Eigenarten: Sie schützt unsere Psyche, indem wir traumatische Ereignisse verdrängen können. Dies gilt aber meist nur für Täter und Dabeistehende, nicht für die Opfer. Bei ihnen schafft es die menschliche Natur nicht, ein Trauma von Terror und Gewalt durch Verdrängen und Vergessen zu bewältigen.
Ähnlich gilt dies für kollektives Trauma: Durch Vergessen und Verdrängen geht eine Gesellschaft in den Alltag zurück, stolpert durch die Welt und ist erstaunt, wie ab und an die Vergangenheit wieder auftaucht. Die Natur hat noch eine weitere Eigenart: Sie deckt Spuren solch traumatischer Orte mit ihrem Pflanzenkleid zu und verwandelt sie zuweilen in kleine Paradiese – wie bei Langenstein im Harzvorland.
Wir wanderten am vergangenen Sonntag auf einem Feldweg zwischen zwei mit Kiefern bewachsenen Höhenzügen. Der Duft von Holunder, der Anblick tief grüner Getreidefelder, das Summen von Hummeln und Insekten in der Luft und der rote Klatschmohn dazwischen als intensiver Farbtupfer, es fehlte nur noch die Musik aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, und wir hätten uns wie in einem Film gefühlt.
Wer aber durch die Zeit reisen könnte, wäre im Sommer 1944 exakt auf diesem Feldweg an ausgemerkelten Gestalten vorbei gelaufen, die auf dem Weg vom Lager in den Zwiebergen zur Sklavenarbeit in Tunneln unter den Thekenbergen waren und dabei Gesundheit und zu Tausenden auch ihr Leben verloren.
Es ist der Kontrast zwischen anrührender landschaftlicher Schönheit und der Erinnerung an Gewaltherrschaft und Terror der Nazis, der die Wanderung zu einer Übung in Vergangenheitsbewältigung macht. Der Augenschein der Landschaft kämpft mit dem kognitiven Teil des Gehirns, der die Schilder am Waldrand entziffert. Das Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge lag versteckt hinter den Höhenzügen aus Sandstein. Die ehemalige Aufsichtsbaracke am Zugang ist heute ein Dokumentationszentrum. Die jetzige Gedenkstätte wurde noch zu DDR-Zeiten eingerichtet und ist sogar die erste ihrer Art in Deutschland.
Lagenstein-Zwieberge war ein Außenlager des KZ Buchenwald, ein Arbeits- und Straflager für Gefangene aus ganz Europa. Heute liegt die Gedenkstätte zwischen Fichtenwald und einer Wiese, die einst die Wohnbaracken und eine Hinrichtungsstätte beherbergten, erneut ein kaum zu fassender Kontrast zwischen lieblicher Natur und unbeschreibbarer Grausamkeit. Wären nicht die Hinweistafeln, der Besucher würde vielleicht sein Pausenbrot auspacken und die Landschaft genießen.
Dieser Ort des Naziterrors liegt in Fußweite zu einem Städtchen, welches eine einzige Idylle ist. Mit Kopfstein gepflasterte Straßen, frühere Höhlenwohnungen im Sandstein – eine Rarität in Deutschland – und sogar ein Barockschloss mit einem baumbestandenen Park.
Wer wohnte zur Nazizeit hier? Heute ist das Schloss Heimstätte für behinderte Jugendliche, die bei unserem Besuch von engagierten Sozialarbeitern liebevoll betreut wurden. Was wäre damals aus ihnen geworden?
Solche Gedanken kamen mir unwillkürlich. Was hätte ich mitbekommen, wäre ich 1944 Bürger Langensteins gewesen. Hätte ich weggeschaut? Hätte ich ein „Jobangebot“ im Lager angenommen? Was machten die Bauern der Umgebung, die wohl im Spätsommer die Ernte auf den Feldern einfuhren? Halfen sie Gefangenen bei der Flucht unter Einsatz ihres eigenen Lebens? Oder versorgten sie zumindest mit Lebensmitteln? Oder schmuggelten ihre Briefe aus dem Lager? Oder dokumentierten die Verbrechen für später? Oder redeten sich ein, das habe wohl alles seine Richtigkeit, der „Staat“ habe halt seine Regeln`? Und überhaupt, es war Krieg und die Bombergeschwader flogen Richtung Magdeburg oder Berlin über den Vorharz hinweg. Stellen sich die heutigen Bürger bei Wahlen solche Fragen?
Für ein Städtchen wie Langenstein muss es eine Herausforderung sein, mit der Geschichte des Lagers in seiner Nachbarschaft umzugehen. Und im Alltag wird nicht täglich Vergangenheit zu bewältigen sein. Wer aber gegen Vergessen angeht, schafft es, sich aus dem Trauma zu befreien und sich selbstbewusst heutigen Aufgaben zu stellen. Wir könnten dann alle von den Langensteinern lernen. Das Engagement des Landes Sachsen-Anhalt und der Stadt Halberstadt zum Erhalt der Gedenkstätte sind jedenfalls ermutigende Zeichen.
Mir gingen viele Fragen durch den Kopf, als wir den Hohlweg am Rand der Thekenberge erreichten. Der Erddamm war kein Produkt der Erosion, sondern von Menschen gemacht: Schutt aus dem Tunnelsystem, in dem Kriegsindustrien versteckt werden sollten.
Ein Rest des Tunnelsystems ist ebenfalls als Dokumentationsraum genutzt, war aber wegen der Pandemie geschlossen.
Auf dem Rückweg zum Parkplatz kam uns am helllichten Nachmittag ein zerzaußter Fuchs entgegen. „Der läuft ab und zu hier herum“, sagte ein Radfahrer im Vorbeifahren. Er schien hungrig zu sein und fürchtete sich nicht vor Menschen, so als wolle er sagen: „Keine Angst Leute. Aus der Vergangenheit könnt Ihr lernen!“




























































Im niedersächsischen Wolfenbüttel wirkte Gotthold Ephraim Lessing in den letzten zehn Jahren seines Lebens als Bibliothekar. In seiner Dienstwohnung zwischen Schloss und der Herzog-August-Bibliothek, schrieb er das Ideendrama 

















































Wir stolpern immer wieder über unsere Geschichte. Diesmal ganz unscheinbar in der kleinen katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul in Heiningen (Landkreis Wolfenbüttel). Unser Pfarrbrief zu Ostern 2020 hatte uns darauf hingewesen. An diesem sonnigen Karsamstag sind wir hingefahren.







