Wir stolpern immer wieder über unsere Geschichte. Diesmal ganz unscheinbar in der kleinen katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul in Heiningen (Landkreis Wolfenbüttel). Unser Pfarrbrief zu Ostern 2020 hatte uns darauf hingewesen. An diesem sonnigen Karsamstag sind wir hingefahren.
Man betritt die Kirche durch einen Seiteneingang, hinter dem Pfarrhaus. Schon von draußen sehen wir brennende Kerzen. Neben dem Altar ist eine Figurengruppe aufgebaut: Christus im Grab, umgeben von Engeln und Blumenschmuck. 
Das ist Tradition hier in Heiningen, an jedem Karsamstag kommen dazu Besucher in die kleine, aber trutzige „stilreine romanische Basilika“ aus dem 12. Jhdt.

So war es auch Karsamstag im Jahr 1943. Pfarrer Josef Müller, seit 1937 Pfarrer der Gemeinde St. Peter und Paul und ein erklärter Gegner des Naziregimes, hatte auch in diesem Kriegsjahr die Figurengruppe geschmückt. Es war das letzte Mal. Im Sommer 1943 übernahm er die Pfarrstelle in Groß-Düngen nahe Bad Salzdetfurth. Dort wurde ihm eine unbedachte Äußerung zum Verhängnis. Von der Gestapo in Hildesheim verhört lies man aber zunächst wieder frei. Im Mai 1944 wurde er auf Drängen der NSDAP-Ortsgruppe Groß-Düngen erneut verhaftet und nach Berlin überstellt.
Der Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler machte ihm den Prozess wegen Hochverrat und Zersetzung der Jugend. Das Urteil: Tod durch Schaffot. Am 11. September 1944 wurde Pfarrer Müller, damals 50 Jahre alt, im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. (Am Urteil in Berlin war im Übrigen auch ein Mann beteiligt, der später noch Richter in der Bundesrepublik wurde.)
Das Beispiel von Pfarrer Müller zeigt, wie gefährdet sich das Regime durch mutige Menschen überall im Land sah. Müller war kein Anarchist, keiner, der einer Untergrundorganisation angehörte oder parteipolitisch organisiert war. Er füllte einzig das von ihm gewählte Amt mit der Verantwortung aus, die ihm innewohnte. Das bis zur letzten Konsequenz.
Der Fall Müller zeigt wohl auch, dass ohne Denunziation und Kollaboration das Regime nicht so wirkungsvoll hätte sein können. Seine Gemeinde in Heiningen jedenfalls hatte ihn über die sechs Jahre dort nicht verraten.
In St. Peter und Paul gibt es eine Reliefserie an der südlichen Kirchenwand. Hier sind die Kreuzwegstationen dargestellt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Verrat und Todesurteil nicht nur vor zweitausend Jahren aktuell waren. Für seine Überzeugung zu sterben, diesen Todesmut zeigen nur wenige Menschen.
In der Kirche von Heiningen und oberhalb des Ortes an einer Gedenkstätte für getötete osteuropäische Zwangsarbeiter findet man Spuren einer Terrorherrschaft, der sich unser Land vor wenig mehr als 80 Jahren wissentlich ausgesetzt hat und deren Folgen noch heute das kollektive Bewusstsein prägen (oder wenigstens prägen sollten). Wir tragen jetzt alle Verantwortung, dass sich das nicht wiederholt.
Nachtrag am 21. März 2021:
Wir waren heute auf den Spuren Pfarrer Müllers in Groß Düngen. Dort fanden wir auch sein Grab und eine Gedenkecke in der Kirche seiner Pfarrerei.

Weitere Informationen:
zu St. Peter und Paul, Heiningen bei Wikipedia
Pfarrer Joseph Müller bei Wikipedia
Katholische Kirche und Zweiter Weltkrieg. ZEIT online 30.4.2020





