Die Bemühungen Israel zur Rettung der Menschheit zu vernichten
Samuel J. Hyde, 7. Juni 2026
Jesus ist Palästinenser. Das Verb ist offenbart alles. In der Theologie beschreibt ist im Allgemeinen nicht etwas oder jemanden; es erklärt ewige Existenz und den Weg zur Erlösung. „Dies ist mein Leib“, „Ich bin der Weg.“
Zu sagen, Jesus ist Palästinenser, bedeutet daher nicht nur, dass eine Behauptung über die Identität einer historischen Figur aufgestellt wird. Es ist auch nicht in erster Linie der Versuch die Juden aus ihrer eigenen Geschichte herauszuschreiben, obwohl dies sicherlich eines seiner dominanten Grundmuster ist. Das Projekt ist weit ehrgeiziger und weit gefährlicher. Es versucht, die Bedeutung der Erlösung an sich innerhalb der Idee der palästinensischen Sache neu zu verorten.
Aus diesem Grund hat es wenig Sinn mit Aktivisten im Westen darüber zu streiten, ob Jesus ein Jude war, der in Judäa unter römischer Besatzung geboren wurde. Dass sie das wissen, es leugnen oder einfach als irrelevant betrachten, ist genau der Punkt. Das Problem ist etwas Tiefergehendes als historische Unwissenheit; es ist der Versuch, aus einer zeitgenössischen politischen Sache eine theologische Kategorie zu machen, Palästina von einem Ort und einem Volk zu einem erlösenden Prinzip zu erheben, durch das die biblische Geschichte selbst nun gelesen werden muss.
Ich möchte auf zwei bestimmte Werke hinweisen, die genau dieses Bestreben offenbaren – Werke, deren Lektüre ich mir als Säkularer und Jude gewissermaßen selbst auferlegt habe und die ich – zu meinem großen Unglück – vor Kurzem abgeschlossen habe. Ganz gleich, wie man zur Religion steht: Ich ermutige meine Leser, es mir gleichzutun. Es wird eine Offenbarung sein!
Bevor ich fortfahre, lohnt es sich zu fragen, was die Aufgabe eines Theologen eigentlich ist. Die Berufung des Theologen besteht natürlich nicht darin, Gott nach dem Bild einer politischen Sache neu zu formen. Sie besteht darin, sich mit Offenbarung auseinanderzusetzen, die Integrität einer religiösen Tradition zu bewahren und die Beziehung zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen zu erhellen. Theologie kann zur Politik sprechen, aber sie hört auf, Theologie zu sein, wenn Offenbarung lediglich ein Mittel für Ideologie wird. Seit Jahrhunderten versuchen Theologen zu verstehen, wie ewige Wahrheiten auf zeitliche Angelegenheiten einwirken. Sie versuchen nicht, das Ewige den politischen Forderungen des politischen Moments zu unterwerfen.
Das erste Werk stammt von Mitri Raheb, einem palästinensisch-christlichen Theologen, der uns in seinem Buch Decolonizing Palestine: The Land, the People, the Bible [Palästina entkolonisieren: Das Land, das Volk, die Bibel] von 2023 dieses Projekt anbietet. Raheb lädt Christen im Westen ein die Bibel nicht als das jüdische Ursprungsbuch zu sehen, das dem Christentum vorausging, sondern als eine Waffe, die von „zionistischen Kolonisatoren gegen indigene Palästinenser“ geschmiedet wurde.
Es ist schwer zu übersehen, dass Raheb mehr Zeit damit verbracht hat die Lehren Edward Saids zu verinnerlichen als die Schriften. Für ihn ist „die traditionelle Lesart der Bibel“ ein klassisches Beispiel für „Orientalismus“. In Bezug auf seine Zielsetzung ist er deutlich: „Dieses Buch ist ein erster Versuch die Siedlerkolonialtheorie in einen Dialog mit palästinensischer Theologie zu bringen.“
Was auch immer „palästinensische Theologie“ heißen soll, entzieht sich jedem Verständnis. Klar ist, dass die betreffende Theologie die Verwandlung der grundlegenden Texte des Judentums und des Christentums in Instrumente eines zeitgenössischen Anliegens verlangt, die auf die Vernichtung des jüdischen Staates abzielt.
„Es ist an der Zeit, diese Theologie zu entkolonisieren, die dem indigenen palästinensischen Volk sein Land, seinen Lebensunterhalt und seine Wurzeln raubt“, schreibt er. Seiner Darstellung nach sind die Juden nicht länger die Erben der Schrift, sondern Usurpatoren, die sich als ihre Hüter ausgeben. Die Bibel selbst: das Buch der Propheten, das Testament des Bundes und das Lied des jüdischen Weges durch Phasen von Exil und Rückkehr, wird als palästinensisches Erbe erklärt, „gestohlen von einem Volk“ [den Juden], „das es niemals wirklich besessen hat“.
Raheb nimmt seine Leser mit auf eine Reise, in der das jüdische Volk rückwirkend aus seiner eigenen Geschichte vertrieben wird. Aus den Nachkommen der Propheten werden „fremde Eindringlinge“ gemacht, jede jüdische Kontinuität im Land wird als Illusion behandelt oder schlimmer noch als „zionistische Propaganda“; und die Bibel selbst „ist Teil des palästinensischen Erbes“, das „man gegen uns [Palästinenser] wendet, um jüdische Vorherrschaft zu verankern“.
Man sollte annehmen, dass ein christlicher Theologe sich zuerst mit der jüdischen Schrift auseinandersetzt oder zumindest mit der christlichen Tradition, die sie geerbt hat. Aber in dieser Lesart taucht Moses hauptsächlich durch islamische Quellen auf. Raheb will nicht Moses, den hebräischen Gesetzgeber; er will Moses, den palästinensischen Revolutionär, losgelöst von der hartnäckigen Beständigkeit des jüdischen Volks.
In seinem ersten Kapitel geht es um Bethlehem; es trägt den charmanten Titel „The Little Town… A Big Ghetto“ [eine kleine Stadt – ein großes Ghetto]. Man ist versucht, den Theologen an die Grundlagen zu erinnern: Bethlehem leitet sich vom hebräischen בית לחם (Beit Lechem) ab, „Haus des Brotes“.
Doch die Symbolik im Titel ist bewusst gewählt und entspricht seinem Inhalt und seiner beabsichtigten Botschaft. Israel ist das neue nationalsozialistische Deutschland. Die Nakba entspricht dem Holocaust. Die Palästinenser sind daher die neuen Juden und die Juden selbst sind in Wirklichkeit nur Europäer und somit die Kolonisatoren des Geburtsortes des Messias. Christen wird gesagt, dass sie, wenn sie die Bibel so lesen, wie sie seit Jahrtausenden gelesen wurde, „mitschuldig an der Unterdrückung der Palästinenser“ sind.
Das ist nicht nur ein Argument zu Geschichte, es ist ein klarer Versuch das Christentum selbst in den Dienst Palästinas zu stellen. Jüdische „Auserwähltheit“ wird als „Herrenmenschentum“ dekonstruiert und der Bund zwischen Gott und den Juden wird als „kolonialer Vertrag“ behandelt.
Die Arroganz zeigt sich vielleicht am deutlichsten in seiner Methodik. Der Zweck des Buches besteht nie darin, die Heilige Schrift zu verstehen; in dieser Hinsicht ist es alles andere als die Arbeit eines Theologen. Der Zweck besteht darin die Überzeugung zu internationalisieren, dass Erlösung über Palästina verläuft. Man muss fragen, welcher Mensch statt mit Demut vor dem Text zu beginnen, mit der Überzeugung anfängt, dass der Text selbst sich seiner Politik beugen muss.
Das zweite Werk ist Christ in the Rubble: Faith, the Bible, and the Genocide in Gaza [Christus im in den Trümmern: Glaube, die Bibel und der Völkermord im Gazastreifen] von Munther Isaac, einem palästinensischen Pastor, der sich gegen das wendet, was er das „unkritische Bekenntnis der Mainstream-Christen zum modernen Staat Israel“ nennt.
Sein Ziel ist im Wesentlichen dasselbe wie das von Raheb. Christen, argumentiert er, müssen erkennen, dass „die Unterstützung für das Völkermord-Projekt des Zionismus ein Versagen darstellt, eine wirklich christliche theologische Kritik auf Kolonialismus, Rassismus und Imperium anzuwenden“. Ein weiterer Siedler-Kolonialist, der sich als Mann Gottes ausgibt.
Doch Isaac treibt die Anklage gegen die Westler weiter als Raheb. Christen in den Vereinigten Staaten und Europa werden aufgerufen, „Buße zu tun“ für „ihre Mitschuld an der Vernichtung des palästinensischen Volkes“. Und wie soll man Buße tun? „Durch die Befreiung des historischen Palästina“.
Das Vorwort des Buches stammt von Willie James Jennings, einem amerikanischen Theologen, dessen Arbeit sich auf „Befreiungstheologien, kulturelle Identitäten und theologische Anthropologie“ konzentriert. Jennings hat die renommierte Andrew W. Mellon Professur für Systematische Theologie und Africana Studies an der Yale Divinity School inne.
Für Jennings ist es Isaac’s gelungen, den Lesern vor Augen zu führen, dass die Bibel selbst zu kaum mehr als einem kolonialen Instrument geworden ist – zu einer „rassischen Vision der [jüdischen] Volkszugehörigkeit, verwoben mit verzerrten jüdischen und christlichen Praktiken der Lektüre heiliger Texte, der Geschichtsdeutung und der Entwicklung von Visionen für die Gestaltung von Lebensräumen“.
Beachten Sie das Muster. Das jüdische Volk wird nicht nur anhand der Texte kritisiert. Es wird in die Quelle der Textverfälschung selbst verwandelt. Jüdische Selbstbestimmung ist Herrenmenschentum, jüdische Volkstum ist rassische Vorherrschaft und jüdisches Gedächtnis ist koloniale Mythologie.
Im gesamten Buch bezeichnet Isaac Israel als eine Art extra ecclesiam (von extra ecclesiam nulla salus — außerhalb der Kirche gibt es keine Erlösung). Und in einer solchen Geschichte muss es immer einen Schurken unter sub iudicio (im Gerichtsverfahren) geben — jemanden, der nicht nur auf der falschen Seite der Geschichte steht, sondern auf der falschen Seite der Erlösung.
Mit seinem Versuch, Unterstützung für Palästina in ein moralisches Absolutum zu verwandeln, legt er dar, dass alles, was „seine Befreiung“ behindert — also Israel — zum Wohl der Menschheit verschwinden muss.
Ich habe Jahre damit verbracht, revolutionäre Manifeste zu lesen, die zerstörerischsten der Moderne, von Sayyid Qutbs Milestones [Meilensteine] bis zu Frantz Fanons The Wretched of the Earth [Die Verdammten dieser Erde], von Maos revolutionären Fantasien bis zu den Ba’ath-Katechismen der arabischen Welt. Jedes besaß seine eigene eigentümliche Arroganz, indem es sich einbildete, die Geschichte könne durch die Kraft einer erlösenden Idee neu gestaltet werden. Doch die Anmaßung, die sich in den Werken von Raheb und Isaac findet, übersteigt die zerstörerische Natur selbst dieser Projekte. Diese beiden Männer versuchen, anders als der Revolutionär, der versucht, die Geschichte hin zu einem finalen Bogen zu biegen, die Ewigkeit zugunsten ihrer Sache zu verbiegen. Und damit sind sie bereit, die Gründungsgeschichten von Völkern dem Erdboden gleichzumachen.
Hier geschehen drei Dinge gleichzeitig: die Neuchreibung der Bibel mit dem Ziel der Auslöschung der Juden; die Unterordnung der eigenen Gründungsgeschichte des Westens unter die Forderungen Palästinas; und die Ausstellung eines moralischen Freibriefs für Antizionisten, ein Land — und vermutlich sein Volk — zum Wohl der Menschheit zu vernichten. In der Wirkung sind beide Werke „theologische“ Spiegel der politischen Parole „From the river to the sea“. Darin gibt es keinen Raum für jüdische Existenz — weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart, noch in der Zukunft.
Nun ist offensichtlich, warum Juden das wichtig nehmen sollten. Aber was ist mit allen anderen? Was bedeutet es für die nichtjüdische Welt, diesen theologischen Exorzismus zu akzeptieren? Palästina in der Weise zu akzeptieren, wie diese Autoren es fordern, bedeutet nicht nur eine Position zum Nahen Osten einzunehmen. Es bedeutet, an einer tieferen zivilisatorischen Kapitulation teilzunehmen. Es bedeutet zu akzeptieren, dass es eine ganze Generation gibt, die nicht mehr glaubt, dass ihr eigenes Erbe es wert ist verteidigt, bewahrt oder auch nur mit Dankbarkeit betrachtet zu werden. Und dass der einzige verbleibende Weg durch die Negierung des Zionisten führt.
Die Logik ist letztlich nihilistisch, da sie darauf abzielt Völkern, Traditionen und Zivilisationen ihre Legitimität zu entziehen, bis nichts mehr übrig bleibt außer dem leeren Versprechen, dass Palästina die Menschheit von kolonialer Sünde befreien werde und dass die wahre Form moralischen Fortschritts in der Auslöschung eines ganzen Staates liege. Die Juden werden letztlich nicht die letzten Opfer dieser antizionistischen Krankheit sein.
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