First One Through, 31. Mai 2026
Der Tempelberg ist die heiligste Stätte des Judentums.
Seit fast zweitausend Jahren schließen Juden ihre Gebete mit der Hoffnung ab, nach Jerusalem zurückzukehren und das wiederaufzubauen, was dort einst stand. Es ist der Ort des Ersten und des Zweiten Tempels. Die jüdische Sehnsucht nach Jerusalem ist fest in die täglichen Gebete, Feiertage, Hochzeiten und Trauerrituale verwoben.
Dennoch haben wichtige internationale Gremien Resolutionen verabschiedet, in denen die Stätte vorwiegend unter ihren muslimischen Bezeichnungen genannt wird, während ihre zentrale Bedeutung für die jüdische Geschichte heruntergespielt oder unerwähnt gelassen wird. Man stelle sich eine Resolution vor, die den Vatikan behandelt, ohne das Christentum zu erwähnen; oder Mekka, ohne auf den Islam einzugehen. Die Absurdität läge auf der Hand.
Die Problematik geht über die sprachliche Ebene hinaus.

Die internationale Gemeinschaft unterstützt ein Protokoll, nach dem Muslime auf dem Tempelberg frei beten dürfen, während Juden am heiligsten Ort des Judentums im Gebet eingeschränkt werden. Das Ergebnis ist außergewöhnlich: Der einzige jüdische Staat der Welt soll eine Politik durchsetzen, nach der Juden an ihrem heiligsten Ort ein grundlegendes Menschenrecht zugunsten der Angehörigen einer anderen Religion nicht ausüben dürfen.
Der Tempelberg ist nicht nur eine religiöse Stätte. Er steht im Zentrum einer größeren Frage: Hat das jüdische Volk Anspruch auf dieselben Rechte, die jedem anderen Volk zustehen?
Weltweit feiern internationale Institutionen, wenn indigene Völker sich wieder mit angestammten Ländern verbinden, alte Sprachen wiederbeleben, heilige Stätten schützen und kulturelle Traditionen bewahren. Nur im Fall des jüdischen Volkes wird die Rückkehr an den Ort, an dem seine Zivilisation, seine Sprache, seine Religion und seine nationale Identität entstanden, zu einer Form von „Kolonialismus“.
Internationale Institutionen bezeichnen den Tempelberg und das jüdische Viertel routinemäßig als Teil des „besetzten Palästinenser-Gebiets“. Doch genau dort entstand die jüdische Zivilisation, dort standen die antiken Tempel und dort lebten jüdische Gemeinschaften über Jahrhunderte.
Jordaniens Eroberung Ostjerusalems im Jahr 1948 führte zur Vertreibung seiner jüdischen Bevölkerung und zur Verweigerung jüdischen Zugangs zur Klagemauer, zum Tempelberg und zum jüdischen Viertel für neunzehn Jahre. Es gewährte Bewohnern die Staatsbürgerschaft, solange sie nicht jüdisch waren. Die UNO schien das zu mögen. Die internationale Diskussion über die Altstadt von Jerusalem beginnt nach der Vertreibung der Juden, als wäre ihre Abwesenheit der natürliche Zustand und ihre Rückkehr die Störung.
Dasselbe Muster zeigt sich bei Diskussionen über Territorium.
Die Grüne Linie war nie als dauerhafte Grenze gedacht. In den Waffenstillstandsabkommen von 1949 wurde ausdrücklich festgehalten, dass es sich bei der Linie nicht um eine politische Grenze handelt und sie künftigen Verhandlungen nicht vorgreifen würde. Sie war eine militärische Waffenstillstandslinie, die nach einem Krieg gezogen worden war.
Doch Jahrzehnte später behandeln weite Teile des Völkerrechts diese so, als handele es sich um eine heilige Grenze, deren Überschreitung gewöhnliche Juden zu internationalen Kriminellen macht.
Ein Jude, der jenseits dieser Linie umzieht, wird zum „Siedler“. Ein Araber, der in dasselbe Gebäude zieht, wird es nicht. Die Geografie ist identisch. Es ist die Identität des Bewohners, die sich ändert.
Internationale Institutionen lehnen häufig Veränderungen des „demografischen Charakters“ Ostjerusalems ab. Aber demografischer Charakter im Verhältnis zu welchem Datum?
Die Antwort ist faktisch 1949, das Jahr nach Jordaniens Eroberung Ostjerusalems und der Vertreibung eines jeden Juden aus dem jüdischen Viertel und den umliegenden Gebieten. Warum sollte die demografische Grundlage für Gerechtigkeit der Moment unmittelbar nach der ethnischen Säuberung der Juden sein?
Warum nicht 1980? Warum nicht 2000? Warum nicht heute?
Menschen ziehen um. Städte entwickeln sich. Viertel verändern sich.
Die einzige Möglichkeit, eine bestimmte demografische Momentaufnahme für immer zu bewahren, besteht darin zu entscheiden, dass eine bestimmte Bevölkerung an der Rückkehr gehindert werden muss.
Und In Jerusalem besteht diese Bevölkerung ausd en Juden.
Dann ist da die Frage der Flüchtlinge.
Dasselbe internationale System, das sich dagegen ausspricht, dass Juden in Viertel jenseits der Grünen Linie ziehen, unterstützt häufig Forderungen, dass Millionen palästinensischer Flüchtlinge und Nachkommen sich innerhalb Israels ansiedeln dürfen.
Bewegung in die eine Richtung wird als Recht beschrieben. Bewegung in die andere Richtung wird als Verletzung des Völkerrechts beschrieben.
Die Asymmetrie ist unmöglich zu übersehen.
Jedes Zeitalter entwickelt sein eigenes Vokabular für Antisemitismus. Im mittelalterlichen Europa sprach er oft die Sprache der Theologie. Im neunzehnten Jahrhundert sprach er die Sprache der Rasse. Heute spricht er zunehmend die Sprache des Völkerrechts.
Weltweit feiern internationale Institutionen, wenn indigene Völker angestammte Länder zurückgewinnen, alte Sprachen wiederbeleben, heilige Stätten schützen und kulturelle Traditionen erneuern.
Juden haben all dies getan.
Sie kehrten in das Land zurück, in dem ihre Zivilisation geboren wurde. Sie belebten Hebräisch von einer Gebetssprache zu einer Alltagssprache wieder. Sie stellten jüdische Souveränität über die Stadt wieder her, die seit drei Jahrtausenden im Zentrum jüdischen Lebens steht. Sie errichteten Gemeinschaften an vielen ihrer ältesten heiligen Stätten neu.
Doch nur im Fall des jüdischen Volkes wird diese Geschichte zu einer Geschichte des Kolonialismus statt der Rückkehr gemacht.



