Verirrung und Verfall

 

Nirgends strapaziert sich der Mensch so sehr, wie bei der Jagd nach Erholung, deklamierte dereinst Laurence Sterne. Wie recht er damit hatte, erweist sich beim Blick auf den Protagonisten in Thomas Manns Novelle ‚Der Tod in Venedig‘, welcher einen Kurztrip auf den venezianischen Lido zum Anlass nimmt, unfreiwillig aus dem Leben zu scheiden.

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Abghoul

Zum Gedenken

Bei Dame von Welt und von JR war heute zu lesen, dass Abghoul letzte Woche gestorben ist.

Liebe Güte, was für eine traurige Nachricht. Abghoul war einer der außergewöhnlichsten und liebenswertesten Schreiber, den ich -leider nur aus dem Netz- kannte.

Ich erinnere mich, dass er mal schrieb, sein Rabe Travis wäre ganz aus dem Häuschen gewesen. Bei den Raben wird nun Trauer getragen, das Beitragsbild beweist das. Und nicht nur dort. Er fehlt.

Für Abghoul. gttp.

Diander

Geronimo 1 reloaded

Eine Romanze in 5 Kapiteln und 99 Bildern

Weihnachtszeit, Handklöppelzeit, Punschzeit. Statt second-hand-Klassiker-reading hatten die Weinbeeren einst eine first-hand-Eigenkreation – einen in liebevoller Kleinstarbeit zusammenfabulierten und bebilderten instant classic, Papier reihum, gebastelt.

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Fear and Loathing in Roulettenburg

Hoch her geht es in der deutschen Provinz! Ein russischer General ist mit seiner Entourage in dem kleinen Kurort Roulettenburg eingefallen und lebt mit den Seinigen auf großem Fuß. Aber alles ist nicht Gold, was gleißt: Hier, wo sich der paneuropäische Adel und das zu Einfluss gekommene Bürgertum die Klinke in die Hand geben, wo man bei Spaziergängen im Kurpark sieht und gesehen wird und wo gute Manieren die wahren Gefühle ausstechen, dreht sich im Grunde alles um die Jetons, die im örtlichen Kasino ausgegeben werden.

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Wenn einer eine Reise tut…

a

n einem lauen Altweiberspätsommertag – die Sonne bescheint die letzten wehenden Spinnfäden der diesjährigen Spinnen – sitzen die Weinbeeren zusammen bei einem Gläschen Bowle. Mit den Spinnen spinnen sie über ein Büchlein, das viele kennen oder – ohne es gelesen zu haben – dem Sinne nach zu kennen glauben: Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff.

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Das Haus des Nikolaus in gerade

Heute wird anständig gefeiert. Lange genug habe ich lamentiert über unbenutzbare Dosenöffner, Kartoffelschäler, Korkenzieher, Hebel auf der falschen Seite, verspannte Gelenke wegen ständiger Fehlhaltung, linke kleine Finger, die das eben Geschriebene und sich selbst zeitgleich verschmierten. Und nicht nur ich jammere, andere auch.

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Tütititi

 

Über die Jahrhunderte bevölkerten unzählige Vöglein die Lyrik, sie zwitscherten, tirilierten, naschten, plapperten, lieferten mit ihrem Gesang die Inspiration zu Gedichten. Sollten fleißige Statistiker durchforsten, welche Begriffe in poetischen Texten am häufigsten vorkommen, wette ich einen Meisenknödel darauf, dass neben Rosen, Mädchen, Maid, Luft, Wind auch Vögel ganz weit vorne dabei sind. Weiterlesen

Green light

Gib mir die Hand, ich bau‘ dir ein Schloss aus Sand. Der Stoff, aus dem die Träume sind, war schon immer für eine Erzählung gut, und Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald ist hierfür ein, wenn nicht das Paradebeispiel. Wir schreiben den Frühsommer 1922 und der Erzähler des Romans, Nick Carraway, zieht aus dem piefigen Midwest nach New York, um dort mit den großen Jungs zu spielen.

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Abgewichst revisited

Das kleine Büchlein The Poetical Works of Alexander Pope, erschienen 1927 bei MacMillan and Co., Ltd. in London, wird mit einem Vorwort von Sir Adolphus William Ward eingeleitet. Der erste Halbsatz dieser sogenannten ‚Introductory Memoir‘ lautet wie folgt: „Very wonderful is the vitality of names…“, frei übersetzt etwa: „Wie wunderbar ist die Lebendigkeit der Namen…“ Weiterlesen

All, all are sleeping on the hill (Midwest I)

“The sins of the Midwest: flatness, emptiness, a necessary acceptance of the familiar. Where is the romance in being buried alive? In growing old?” (Stewart O’Nan, Songs for the Missing)

 

Wer seine Mitte nicht verliert, der dauert, sagt man. Weiterlesen

Von Löchern und Diridari

Ein gewisser Peter Panther, auch bekannt unter dem Alias Kurt Tucholsky, schrieb einst eine denkwürdige Abhandlung über ein und mehrere Löcher. Um die folgende Geschichte und deren Einordnung im philosophischen und sonstigen Kontext besser verstehen zu können, hier noch einmal zur Vergegenwärtigung Panthers Originaltext:

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.

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Mysterium, ewiglich

k black hat ein Problem. Als Reisender in einer Winternacht gelangt er in ein verschneites Dorf am Fuß eines Schlossbergs. Die Geschicke der Dorfbewohner werden vom Schloss aus bestimmt und verwaltet, jeder ihre Schritte wird offenbar beobachtet. Nach einer Aufenthaltsgenehmigung an diesem Ort gefragt, gibt K. an, als Landvermesser vom Schloss angefordert worden zu sein. In der Folge entspinnt sich ein episches Gefecht zwischen den Schlossern und K., in dem dieser sich einen legitimen Platz in der Dorfgemeinschaft zu erstreiten versucht.

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Hin und zurück, wild, wild eye

Wenn ich an meinen 30. Geburtstag zurückdenke, wird Georg Christoph Lichtenberg mit seiner Sentenz, wonach vergangener Schmerz in der Erinnerung angenehm wird, Lügen gestraft. Ich erinnere mich – als wäre es gestern gewesen (vorauseilend: höhö)- an einen melancholischen Tag, an dem ich über das vermeintliche Ende der Jugend seufzte, der Zweier war unwiederbringlich dahin und mit ihm – zumindest in der Vorstellung – der Freifahrtschein für juvenilen Leichtsinn. Natürlich Käse, Leichtsinn im guten, leichten Sinne kann einen immer wieder überfallen, aber jener Geburtstag bleibt auf ewig unangenehm in Erinnerung.

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Rückkehr zu den Menschenfressern

VulkanGeorg Christoph Lichtenberg hat einmal eine Formel aufgestellt, die das Überwiegen des Vergnügens über den Schmerz beweisen sollte. Demnach sei vergangener Schmerz in der Erinnerung angenehm, vergangenes Vergnügen natürlich ebenfalls, das gegenwärtige Vergnügen erst recht, das künftige sei aber bereits angenehm in der Vorstellung; dem gegenüber stehe nur gegenwärtiger und künftiger Schmerz – klarer Sieg nach Punkten für das Vergnügen oder: „Ein merkliches Übergewicht von Seiten des Vergnügens in der Welt.“ Max Rychner, der große Zürcher Essayist, bemerkt dazu trocken: “Die Rechnung ginge so glatt auf, wie sie hier steht, wenn die Menschenseele ein Messapparat wäre.“ Weiterlesen

Rheinsberg – „Generationsweise vom Blatt geliebt“

„Und ich rufe Natur! Natur!“, entfuhr es dem jungbegeisterten Goethe in seiner Rede Zum Schäkespears Tag, und es ist ein seitdem nicht verklungener Aufruf zum Ausbruch geworden, ein Urschrei, der die Ketten der sich um uns windenden Zivilisation sprengen soll. Zurück zum Urtümlichen, Regellosen! Einen klitzekleinen Wurmfortsatz dieses Strebens nach dem unverstellten Menschsein beschreibt Kurt Tucholsky in seinem Büchlein „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“. Treibmittel des Konventionsbruchs ist in diesem Fall die Liebe, ganz so, wie es sich für ein Werk der Weltliteratur ziemt.

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