Pusteblumen.

»Vielleicht«, sage ich, »müssen die Worte auf dem Papier erst verblüht sein, ehe man sie losschicken kann.« M. beobachtet aus dem Augenwinkel, wie der Affe dem Kind auf die Schaukel hilft. Sie trinkt den Crémant aus und blättert weiter im Manuskript. Dann seufzt sie und sagt: »Man nimmt gewöhnlich alles so hin, was passiert, aber im Nachhinein ist es doch ganz und gar unbegreiflich. Mit den Jahren wächst das Unmögliche des Lebens, dass man kaum anders kann, als darüber zu schreiben. Aber muss es gleich ein Roman sein?« Das Kind schaukelt mittlerweile bis in die Wolken, M. geht und zügelt den Affen.

Je weiter das Term fortschreitet, desto roher wird alles. Die Studenten verwildern, die Fellows haben es eilig, sich beim Dinner zu betrinken. Früh einsetzende Dunkelheit bedrängt das Gemüt. Die Bäume sind gelb, als sei ihnen übel. Die kurzen Tage fliegen dahin, ohne dass etwas geschieht. Essay folgt auf Essay, Meeting auf Meeting. Paul wird zum Bursar gewählt. Er hat keine einzige Seite für sein großes Buch geschrieben. – Ich streiche die Passage durch und stopfe die losen Blätter zurück in die Tasche. Der Wind treibt den Himmel blau und weiß durcheinander, Flecken von Licht wandern über die Hügel. Der Affe hat einen ganzen Strauß Pusteblumen gesammelt: wir pusten, bis ein Schwarm von Schirmen durch die Luft wirbelt.

Das Kind schiebt den Kinderwagen, der Affe macht Kopfstand darin. M. bekommt einen Anruf und verwünscht sogleich das Seminar. Bananeneis will das Kind. Als ich bezahle, rutschen die Papiere aus der Tasche, ich hasche hinterher, die weißgesprenkelte Gasse hoch. Passanten helfen die Blätter einsammeln. Ein paar sind vielleicht für immer verloren. Oder es ist niemals etwas verloren, es ist nur anderswo, jenseits allem, was sich greifen lässt. Wie L. und C., seitdem sie alle Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat haben fahren lassen, in alle Winde verweht sind; auch Perkeos Dachkammer steht leer und flirrt von Sonnenstäubchen in einer Stille, die um den ganzen Horizont schreit.

Rektifizierung (»Aufzeichnungen aus Elfenbein«).

Paul soll Louises PhD betreuen; ihre Arbeit soll kurz vor dem Abschluss stehen, was bekanntlich der fatalste Zustand ist. Dem ursprünglichen Supervisor, Dr Crowley, ist der Kontakt zu allen Studenten kürzlich untersagt worden, des ausufernden Federballspiels wegen. Louise promoviert mit einem Stipendium des Colleges in Medieval Studies. Sie erforscht die Sprache im Ancrene Riwle, dem Handbuch für Einsiedlerinnen, die sich in einer Zelle in der Kirchenwand einmauern ließen, um dort ihr frommes und erfülltes Leben hinter sich zu bringen zu verbringen. Das Manuskript MS 402, in dem die einsiedlerischen Gedanken festgehalten sind, gehört zum Bestand des Colleges.

Louise breitet die bereits fertigen vorhandenen Kapitel vor sich aus und beginnt souverän ohne Punkt und Komma zu referieren. Paul versenkt ungefragt eine Scheibe Zitrone in ihrem Tee, er versteht kein Wort, aber alles leuchtet ihm ein. Kurz zögert er, sich zu verlieben, mit dem ihm eigenen Fatalismus hat er es bald schon hingenommen. Ihre Blicke kreuzen sich unvermeidlich. Als das Schlusskapitel in groben Zügen besprochen ist, begleitet Paul sie wie ein Idiot zur Tür und fragt, ob sie sich nicht abends im Eagle auf einen Drink treffen wollen, um das, wie er es tatsächlich nennt, faszinierende Thema zu vertiefen. Louise sagt, ihr Zimmer liege eh über dem Pub, in Bene’t Court.

Die Ausführungen der noch folgenden Studenten nimmt Paul mit an Wahnsinn grenzendem Gleichmut hin. Er rührt Milch in den Tee und versinkt in den Wolken, die langsam aufsteigen. In manchen Studenten erkennt er sich selbst wieder und kann ihnen den größten Unsinn verzeihen, andere sind wie fremde akademische Tiere, die über etwas reden, was außerhalb aller Lebenswelt liegt oder ganz und gar gleichgültig ist. Wissenschaft ohne Verzweiflung ist unredlich, denkt er. Louise ist verzweifelt, das spürt Paul, und das macht sie für ihn endgültig unwiderstehlich. Wenn Philologie nicht wild ist, rettet sie nicht, gibt er dem letzten Studenten mit, einem wahren animal legens, als er ihn sanft aus der Tür schiebt.

Exposition.

»Full Term, Rückkehr: Durch die Tore der Colleges schieben sich Karawanen von Studenten, mit den Eltern im Schlepptau; Matratze, Taschen, Zimmerpflanzen und Nudelpakete auf Leiterwagen verstaut, die über die Cobbles rumpeln. Paul sitzt auf der niedrigen Mauer vor King’s und versucht ein paar Sunny Spells zu erhaschen; er hält sein Gesicht in einen kleinen Fleck Sonne, in der rechten Hand hält er das Sandwich, das schon zu zerfallen droht, mit der linken Hand wehrt er eine Ente ab, die nach Krümeln schnappt.

Gegenüber steigt eine Studentin aus dem Bus, setzt sich auf den Koffer und zündet eine Zigarette an. Nach den ersten Zügen mit zusammengekniffenen Augen sieht sie sich um und findet Paul. Sie lächelt ihn an, streicht sich die blaue Strähne aus dem Gesicht. Paul erwidert das Lächeln, da schnappt ihm die Ente das Sandwich aus der Hand. Tomaten- und Gurkenscheiben schwimmen in der Pfütze, die Ente watschelt zufrieden davon. Clara lacht und hebt die Hände zum Himmel. So fängt alles an, graue Wolken, leuchtende Augen.«

Als ich die Szene aus dem ersten Kapitel vorgelesen habe, nickt Professor B. bedächtig, L. haut auf den Tisch. Jetta bringt eine Flasche Dornfelder aufs Haus. Schön und gut, sagt L., aber wenn ich jemandem mein Tagebuch, und um viel mehr handele es sich ja nicht, zumuten müsse, meine Art, mir die Dinge vom Leib zu halten, könne ich mich ruhig weiter von der Wirklichkeit entfernen. »Aber die Krähen, wo sind die Krähen, Paul?«, fragt Professor B. – Die Krähen, sie ziehen ihre Kreise, und mit jeder Kehre kommen sie näher.