Die flüchtigen Kreide-Ornamente, welche die Frauen zum Tagesanbruch vor den Hauseingängen auf den Boden zeichnen, haben geometrische, labyrinthische oder florale Muster, ihre Bedeutungen sind vergessen oder egal, aber du weisst das, Schönheit braucht keinen Sinn.

Die Hunde schlafen noch. Der Bügler putzt sich die Zähne und geht ein paar Schritte vor seinem Laden auf und ab. Am städtischen Container stehen Hausfrauen, Mägde, Alte, Krumme und Kerle mit Mopeds an, um Metallkaraffen und Plastikbehälter mit aufbereitetem Trinkwasser zu füllen, das dort zwischen 6 und 8 aus einem Hahn fließt. Die Nachbarin malt mit weißem Farbpuder einen Kolam vor ihre Türschwellen. Sie hat den Boden mit einem Reisigbesen gefegt und mit einem Eimer Wasser den Staub weggespült. Die Hunde strecken sich den ersten Sonnenstrahlen entgegen, dann dösen sie weiter. Sie haben die halbe Nacht lang im dorfweiten Jaul- und Kläffkonzert von wohl Hunderten anderen Strassenhunden mitgebellt. Unter einem gelb blühenden Trompetenbaum hebt die alte Frau im Hof die Arme zum Sonnengruß. Hinter der ausgebleichten Wellblechverkleidung liest der Bügler auf seinem Arbeitstisch die Tageszeitung, im Kohlebecken liegt weißgraue Asche, später wird er sein eisernes Bügeleisen daraus mit Glutstückchen beheizen. Im Kerala-Teestand gegenüber dem Shiva-Tempel presst der dünne junge Teeboy von der fernen Küste des arabischen Meeres Orangen aus. Er serviert den randvollen Plastikkelch mit Papierstrohhalm im aufgeschäumten Saft formvollendet und mit einem mühsam artikulierten „Orangejuice!“. Das ist nach „tea-a“ sein drittes englisches Wort. Für einen Moment blitzt ein Leuchten in seinen kuhäugigen Blick. Wenn ihn die Verlorenheit übermannt, spielt er muslimische Musik oder Gebetsgesänge laut über sein Handy ab, gegen die dröhnenden Mantras aus den Lautsprechern des Tempels hat er keine Chance. Manchmall singt er leise vor sich hin. Zum Neumond wird der Eingang des Shiva-Tempels mit einem goldgerüschten Baldachin drapiert. Darüber bilden Hunderte von bunt flimmernden Leuchtdioden an einem Gerüst aus Bambusstreben ein Bild Shivas bei seinem „cosmic dance“ mit pinkzuckenden Lotosblüten und fontänenspeienden blauen Elefanten zu seinen Füßen. Im Sri Sai Rai Guesthouse neben dem Tempeleingang sind die schmiedeeisernen Gitter an Fenstern und Tür verstaubt und hochgezogen, das Bordell mit nur einer Bediensteten hat seit langem geschlossen, der Zuhälter, der mit Mundschutz und im weißen Hemd den Eingang hütete, ist verschwunden. Eine Kuh mümmelt sich durch einen Haufen frischer Blumenkohlblätter, die der Gehilfe vom Gemüseladen auf die Straße gekippt hat. In der Clinic von Dr Anathi huscht eine Patientin hinter den brokatenen Vorhang, die Metallbänke im offenen Warteraum sind leer. 500 Rupien kostet die Konsultation. In der Apotheke gegenüber gibt es die Medikamente ohne Schachteln abgezählt in Blisterverpackungen, alles „übern Ladentisch“: da brauchst du Rezept, wieviele willst du, zehn? Die Tabletten werden in grauen, aus alten Rechenbuchseiten zusammengeklebten Tütchen gereicht. Der Guru auf seinem Betonsack sitzt das grelle Mittagslicht in einer Nische unter einer Treppe aus. Ein Mann mit hochgeschlagenem Lungi schiebt sein klappriges Fahrrad, am Lenker hängen große Einkaufstaschen voll Windrädchen in Zellophanverpackungen. Der Wind wird sie spätee mit all dem anderen glitzernden Plastikabfall über den weiten Sandstrand wehen. Große Schildkröten, so alt wie ich, liegen in verschiedenen Stadien der Verwesung am Meeresrand. Wurden sie von unserem Müll erstickt? Unter Wasser, in den Schleppnetzen der größeren Fischerboote, so erzählen die Ortskundigen, können sie nicht länger als eine halbe Stunde überleben, manchmal begraben die Fischer sie. Ein handvoll Frauen in Neonwesten leeren die Mülleimer auf einem Pick-up der Stadtverwaltung und sortieren ihn dabei in verschiedene Säcke. Essensreste werden für die Kühe, Hunde und Katzen an Ecken und am Wegrand hingeleert. Die Krähe holt sich ihren Reis vom Pfosten der Gartenpforte. Eine Ziege mit fünf Jungen schlendert zwischen Menschen, Autos und Mopeds hindurch und findet in Schutthaufen noch etwas zum grasen. Obwohl es jedes Jahr DutzendeTote durch Hundeattacken gibt, sind sie wie alle Lebewesen geschützt, niemnd darf ihnen etwas zu Leide tun. Als vor kurzem ein Hund ein Neugeborenes in einer Klinik von Delhi zerfleischte – eine Schwester hatte aus Versehn ein Fenster offen gelassen – wurde erneut bestätigt, dass Menschenrechte nicht über Tierrechten stehen. Ein Mann spült im Rinnstein ein paar Becher aus und schrubbt einen verbeulten Metalltopf mit Stahlwolle und etwas Seife blank. Bei Nellai Hardware sind Rollen mit neongrünem Maschendraht eingetroffen. Ich sitze mit einem Glas Milchtee im Schatten einer Ladenmarkise auf dem Rinnstein. Der mit Goldbordüren verzierte weiße Lungi eines Manns mit gllänzenden Speckrölchen duftet nach frisch gewaschenen Laken. In der Bude an der Ecke zum Krishna-Tempel rührt der Betreiber einen großen Topf mit siedenden roten Zwiebeln und Koriander um, seine Frau bepudert flachgeklopfte dreieckige Teigstücke mit Mehl, auf engstem Raum auf dem Boden kauert eine erstaunlich bewegliche alte Frau, die Mutter?, und schält mit bloßer Hand eine große Schüssel gerade gekochter Kartoffeln, frische Samosa in einer halbem Stunde, vielleicht. Auf einem Moped fahren drei junge Männer vorbei, jeweils mit einer grünen, schwarzen und orangefarbenen Haartolle. Ein Herr mit ergrauten Koteletten und Bartstoppeln trägt eine leicht welke Jasmingirlande im künstlichen Zopfhaar, zwischen dem Oberteil seines saphirgrünen Saris und einer Hautfalte lugt ein weißer Bh hervor, er schabt die Krümel vom Gebäckblech in seine Hand und erhält seinen Tee umsonst. Hijras, Transvestiten, Männer in Frauenkleidern, Frauen in Männerkörpern, sie betteln nicht, sie fordern Almosen ein mit rauen Stimmen und Armreifengeklirre, fast überall bekommen sie was, sie zeigen keine Dankbarkeit, nicht die Beschenkten, der Gebende ist der Gesegnete, du weißt das alles. Im Restaurant desinfiziert sich ein Tourist mit einem Gel die Hände gegen die undichtbaren Gefahren des subtropischen Klimas. Ein Biertrinker in einem Treppenaufgang salutiert vor einem Gecko auf den Marmorplatten vor einer Kuchentheke. In der German Bakery bäckt der immer gutgelaunte nepalesische Betreiber Zimtschnecken und Zitronenkuchen. Zwei Affen überqueren in majestätischer Ignoranz des motorisierten Verkehrs die Straße. Am Strand zieht ein Traktor mit einer Seilwindedie ankommenden Fischerboote auf den Sand. Die Fischer lassen die hellblauen, fast leeren Schleppnetze durch ihre Hände gleiten, Krähen warten auf Beifang. junge Paare schauen zusammen aufs Handy. Im Wellenschaum sitzen rotverbrannte Männer und lächeln verklärt. Das Meer verwandelt uns in glückliche Kinder. Eine feuchte Schnauze an meinen Händen weckt mich aus meinen Träumen. Spüren Hunde den Tod? Es heißt sie riechen Krankheiten, Angst, Stress und den Mangel an Glück. Drei räudige Strandstreuner lagern um mich herum. Ein Stämmiger mit schmuddelig-weißem Felll, das ihn wie ein struppiges Schaf aussehen lässt, steht am Wellensaum. Er heult gottserbämlich den Mond an, der noch lange im ätherischen Himmelblau verborgen bleibt. Aus seiner Brust hängt ein faustgroßes Geschwulst in nässendem Brombeerrot. Er verrenkt seine geschundene. Glieder, um das offene Krebsgeschwür zu lecken und sich den räudigen Pelz zu kratzen. Ein Schwarz-weiß-Gescheckter mit kurzen Beinen hechelt und unter den Rippen pocht rasend sein Herz. Der Dritte, ein hübscher, strohiger Senfgelber, hat ein lahmends Hinterbein, er gräbt sich eine Kuhle nur knapp einen Meter entfernt von mir in den Sand, ich habe nichts zu essen und will die drei verlausten Stranköter auch nicht anfassen. Doch kaum bin ich wieder im besänftigenden Wellenrauschen abgedriftet, spüre ich die leichre Berührung eines pulsierenden Körpers an meinem untergeschlagen Bein, fast unmerklich sind alle drei Hunde an mich herangerobbt. Fühlen sie sich sicher in meiner Nähe oder bieten sie mir Schutz und Trost an? Plötzlich springt der hinkende Gelbe auf und rennt überraschend flink Richtung Dorf, der gescheckte Kurzatmige stürzt hechelnd hinterher, aus der Ferne rast eine wilde Meute kläffender Angreifer auf uns zu, durchtrainierte Geschosse, drahtige Windhinde, Kampfmaschinen, Staubfahnen schwenkend im Gegenlicht, Djanjaweed, apokalyptische Reiter, sie jagen das jaulenden Schaf in die Wellen, attackieren die zwei anderen, Sandfontänen verdecken die Sicht, aber die Verteidiger des Randzonenreviers schlagen sich tapfer, wie aus dem Nichts gekommen, so ist der Spuk wieder vorüber, die Gefährten ziehen sich nunmehr hütehundstolz zu mir zurück. Der hinkende Gebe fletscht seine Zähne, knurrt den röchelnden Schwarzweißen etwas auf Distanz, das Schmerzenstier schüttelt sich das Salzwasser aus dem räudigen Pelz. Sie haben mich aufgenommen in ihre Gemeinschaft der Lahmen, Heulenden und Kurzatmigen, ich gehöre zu ihnen, nun habe drei neue Freunde. Der vom Brombeerkrebszerfressene Weiße jault wieder das wolkenlose Himmelsblau an, ich werde ihn nicht mehr sehen. Der Wind frischt auf, er weht aus Nordost, jahrhundertelang hat er die Segelschiffe der Händler von den Küsten der goldenen Pagoden in Birma und Sulawesi über den bengalischen Golf in die heimatlichen Häfen von Kalkutta bis Tamil Nadu gebracht. Ein grauhaariger Mann im karierten Lungi fängt Würmer im Sand, er sammelt sie in einer zur Hälfte abgeschnittenen Plastikflasche, die er an einem Bändel über der Schulter trägt. Jugendliche üben Kampfsport. Eine Kuh mit blauen Hörnern spaziert am Meer entlang. Um den Hals trägt sie eine Kette aus Kaurimuscheln.











































































































































































































































































