
Ein Schauer ging nieder, danach Regenbogenlicht. Heute, am 28.Juli, ist Martin Walser gestorben. 96 wurde der Schriftsteller vom Bodensee. (24.3. 1927 – 28.7.2023). Ich fand, dass er und seine Romane mit hohem Alter immer toller wurden. Verschroben philosophisch oder gaga, luzide frei und irre. Zwei meiner letzten Texte aus der Berliner Zeitung/ Frankfurter Rundschau dazu. Zuerst der über Basil Schlupp, der sich als „Dekorateur des Nichts“ bezeichnet.
Jetzt ist der fliehende Gaul mit ihm durchgegangen: Basil Schlupp hat sich verknallt. Bei einem Empfang des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue hat sich der berühmte deutsche Schriftsteller in eine große braungebrannte Blondine mit silbernem Lachen verguckt. Die Theologin Maja Schneilin, verheiratet mit dem Nobelpreisträger Korbinian, würdigt ihn jedoch keines Blickes, selbst als Schlupp sich mit dem nörglerischen Trinkspruch, das Leben sei zu kurz für deutsche Weine, bei der Präsidentengattin unmöglich macht.
Also schreibt er der Professorin mit der „spektakulären Nase“ Briefe, die sie zunächst auf eierschalfarbenem Bütten in einer „schönen, schmiegsamen, souveränen Handschrift“ beantwortet. Später, nachdem sich die platonische Affäre schon weit über die „Verrats-Lust“ (am jeweiligen Ehepartner), verschroben theologisch-literarische Diskurse und den Austausch von „Beischlaf-Statistiken“ hinaus gehoben hat, tut’s auch die Message im „Kasten“, gesendet von ihrem Smartphone.
Natürlich ist der berühmte Autor des Romans „Strandhafer“ niemand anders als Martin Walser selbst, der sich hier einmal mehr als Liebhaber jenseits des hormonellen Treibstaus erfindet. Die Angebetete wiederum verkörpert mit ihren theologischen Exkursen zu Karl Barth die Dialogpartnerin von Walsers innerem Monolog zu Barth, dessen Thesen zur „Voraussetzungslosigkeit“ (der Liebe, des Glaubens) ihn spätestens seit seiner Jenseitsnovelle und seinem letzten „Rechtfertigungsbuch“ umtreibt.
Doch wie sich der Verliebte hier bedingungslos zum Narren macht, ist wieder schlicht irre und hinreißend. Wie er sich – „blöd, gell“– haltlos ergibt in „die flammend aufschießende Illusion“, er könne die tägliche Last bei ihr loswerden, wie er in herrlichstem Walser’schem Worterfindungsschwall die „Entblößung-Automatik“, den „Geständnis-Wettbewerb“, die „Gewissens-Maschinerie“ anwirft, wie er sich der „Einbildungsherrschaft“, den „Lob-Fontänen“, „Zustimmungs-Orgien“, unterwirft, wie er sich in „Beschiedenheits-Ironien“ suhlt, die „Wortlosigkeits-Tage“ erträgt, wie er sich „selig geschlagen“ gibt angesichts dieses „Konkretissimums der Gnade“, – das ist so gaga, wie es nur die wahr- und wahnhaft Verliebten erleben.I
n dieser fast götzendienstartigen Feier der Irrationalität sind „Gründe für das, was geschah, immer billig“. Der „Nominierte“, der „Vorwurfsfreudige“, der „Ritter des Nichts“, der „Dir ganz und gar Gehörende“, der „von Dir Lebende“, der „Anempfinder“, schließlich der „Gelieferte“, wie er in zunehmender verstiegener Hingeblichkeit unterschreibt, greift nach dem Liebes-Wahnsinn, der seinem reifen Dasein schon auf Nimmerwiedersehen abhandengekommen schien, wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm.
Ebenso absehbar und trivial überfällt ihn natürlich die Verzweiflung, wenn Funkstille eintritt, sie nach zwei Wochen immer noch nicht geantwortet hat, und das absolute Ende der Beziehung so vorfühlbar ist wie ein plötzlicher Todeshauch auf der Seele.Diese Geschichte eines alternden Amour fou könnte ziemlich abgeschmackt klingen, wenn sie nicht mit dem ziseliert entgrenzten Walser’schen Sprachfuror und seiner unbändig vitalen Lust am „himmlischen und irdischen Buchstabieren der Lage“ durchwirkt wäre.
Und das weiß er, vielleicht sogar zu genau. „Dekorateure des Nichts“ nennt der Schriftsteller Basil Schlupp sich und die bald zur Wahrheitsgöttin Aletheia imaginierte Geliebte. Die Lüge ist ihm nämlich „eher ein linguistisches als ein moralisches Problem“. (Zum Erscheinen von „Das dreizehnte Kapitel“, FR 19.1.2019 )
Alle müssen sterben
Fromm ist er noch nicht geworden, aber spätestens mit seiner vor zwei Jahren erschienenen Novelle „Mein Jenseits“ setzt sich Martin Walser mit dem Tod und der Frage des Glaubens auseinander. Der darin als Ich-Erzähler auftretende Leiter eines Psychiatrischen Landeskrankenhauses am Bodensee philosophiert sich in einer immer irrer werdenden Litanei an den lieben Gott heran.
Dieser verschrobene „alte Knabe“ ? exakt in Walsers Alter ? aber denkt nicht im Traum daran, in Würde abzutreten, den Platz (für den jüngeren Konkurrenten) zu räumen oder das Diesseits langsam loszulassen. Im Gegenteil, sein religiöses Herumschwadronieren ist eine trotzige Kampfansage an den Tod: „Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon.“
Während man hier noch das Zögern des Materialisten zu erkennen meint, die selbstironische Skepsis des Atheisten, ist es bereits ein handfester „Glaubensübermut“, der Percy, Krankenpfleger in jener Psychiatrieanstalt, erfüllt. Der „Muttersohn“, so auch der Titel dieses aus der Jenseits-Novelle hervorgegangenen Romans von 2011, ist nämlich schon eine geradezu jesushafte Lichtgestalt, die mit dadaistischen Predigten sogar bis ins Fernsehen kommt. Ob gläubig oder ungläubig – sterben müssen die Freunde des bodenseeischen Patientenkollektivs am Ende dieses wahnsinnig lustigen und irre raffinierten Romans dann aber doch alle. In „Muttersohn“, so Walser, geht es „um Glauben als eine menschliche Fähigkeit“. Religion ist ihm eine „Ausdrucksart wie andere“, wie Literatur, Kunst, Musik.
Es liegt nahe, Walsers literarische Auseinandersetzung mit dem Glauben mit seinem Alter in Zusammenhang zu sehen. „So, als sei ich jetzt halt so weit“, schreibt er selbst dazu in dem nun, rechtzeitig zu seinem 85. Geburtstag an diesem Sonnabend, erschienenen Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“. Darin aber rechtfertigt sich Walser nicht etwa für seine biografischen Volten vom DKP-Sympathisanten zum des Antisemitismus verdächtigten „geistigen Brandstifter“, vielmehr räsoniert er mit Blitzausflügen zu Augustinus, Calvin, Luther, Nietzsche und dem Theologen Karl Barth darüber, dass es in der Dialektik der permanenten Selbstverneinung keine Rechtfertigung mehr gibt. Er beneidet mal kurz die Gerechtfertigten um ihre ungebrochene Selbstgerechtigkeit – etwa den streitbaren Jean Ziegler oder den „vielerlei Problembedürfnisse befriedigende guten Menschen“ Gauck – um sie gleich darauf der moralisch wohlfeilen Rechthaberei zu überführen.
Walsers argumentativer Ausgangspunkt ist Kafka, über den er 1952 promoviert hat. Kafkas Josef K., der Prokurist einer großen Bank nebenbei, ist ihm die letzte literarische Figur, die am Mangel ihrer Lebensberechtigung zugrunde geht. Kafka, so Walser in seinen frei um die Ecken flottierenden Gedankenspielen, mache den „Gewissens-Stabhochsprung“ vor. Und so führt die „Gewissenserkundung“ dieses Sohnes einer strenggläubigen Katholikin über Dostojewski, Zarathustra und Karl Barth zur Religion der Sprache, zum „Sprachvorgang“ als ein „Tanz mit der Negation“.Von diesen aberwitzigen, fantastischen, abgründigen, überkomplexen und berserkerhaften Walser-Tänzen möchten wir noch ganz ganz viele erlesen dürfen. „Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.“
(„Über Rechtfertigung, eine Versuchung, Rowohlt 2012, FR 4.2.2012)


















Wieso lese ich eigentlich Bücher über Schmetterlinge, Katzen, Schafe und Fledermäuse?
Ja, da hat heut der geschätzte Exkollege Martin Oehlen vom Kölner Stadtanzeiger eine supernette Rezension meines winzigen Heftleins auf seinem ebenso nett zu empfehlenden Blog Buecheratlas veröffentlicht.


Das ist jetzt schon der zweite Tag, an dem ich nach dem Teekochen gleich wieder ins Bett ging. Draußen Bettflaschenwetter, das beim tatsächlichen Rausgehen am Spätnachmittag dann gar nicht so unwirtlich war wie gedacht. In den Stories von Annie Proulx aus den eisigen Weiten Wyomings aber erfrieren die Leute. Den alten Wildpferdefänger findet man verhungert an einem Felsblock gelehnt, der 17-jährie Archie, der so viele Cowboylieder singen kann, überlebt eine Lungenentzündung nicht, als ihn der Menschenschinder-Rancher in den Schneesumpf zum Pferdestehlen schickt. Seine minderjährige Frau Rose verreckt mutterseelenallein in ihrer abgelegenen Blockhütte nach einer Fehlgeburt, die noch in der selben Nacht von Kojoten ausgegraben und gefressen wird. In diesen Geschichten gibt es kein Happyend, keine der Stories der Amerikanerin tröstet mit dem, was die 80-Jährige in ihrer Rede zum Erhalt des National Book Awards vor zwei Tagen so wunderbar beschwor. (Was ich nur über fb gelinkt kriege: 


























