
Die USA Today berichtete in der laufenden Woche, die Unterhosen-Theorie von Ex-Notenbankchef Alan Greenspan beweise, dass es um die Konjunktur in Amerika fabelhaft steht. Das ist genauso irreführend wie eine Schlagzeile in der WELT, die uns weißmachen will, dass die US-Wirtschaft »von Rekord zu Rekord« eilt, während die Beteiligung der erwerbsfähigen Amerikaner auf den tiefsten Stand seit Jahrzehnten fällt und feste Jobs immer öfter durch miserabel bezahlte temporäre Beschäftigungen ersetzt werden – auch hierzulande.
Die Zeitung USA Today erinnert an die Theorie von Alan Greenspan – dem Pionier des billigen Geldes und des monetären Dschihad – wonach die Verkäufe von Herren-Unterwäsche in guten Zeiten stabil bis glänzend sind. So meldet »Hanes«, eine der führenden Marken in der Welt der Herren-Unterhosen, zweistellige Zuwächse bei Umsatz und Gewinn im dritten Quartal.
Dass es außer dem Wetter und der Jahreszeit triftige Gründe dafür gibt, warum sich Menschen in allen Teilen der Welt dieser Tage wärmer anziehen als sonst, das wird im Mainstream-Blätterwald entweder vernachlässigt, verzerrt, oder gar nicht berichtet. So wie die wahren Gründe dafür, dass immer mehr Wähler in Europa zu Parteien außerhalb des Mainstreams überlaufen.
Die werden dann als rechtsradikal, populistisch, verwirrt oder verblendet beschrieben. Als unbedeutend oder irrelevant kann man sie ja nicht mehr abtun, wenn zum Beispiel die spanische Protestpartei Podemos ihren Vorsprung gegenüber traditionellen Parteien ausbaut und jetzt mit knapp über 28 Prozent der Stimmen in Umfragen vor der Regierungspartei von Premier Rajoy liegt.
Oder die Front National, deren Führungsfigur Marine Le Pen laut den jüngsten Umfragen heute gewinnen könnte, wenn Präsidentenwahl wäre. Oder die AfD, die in einen Landtag nach dem anderen einzieht. Statt den Hintergrund ihres Aufstiegs mehr zu beleuchten, halten sich große Zeitungen fast ausschließlich mit internen Kämpfen der Partei auf.
Hier findet ein Aufschrei statt, bei dem die Leitmedien lieber den Schallpegel messen, anstatt den Hintergrund auszuleuchten.
Die Menschen laufen daher nicht nur den Mainstream-Parteien davon, sondern auch den Leitmedien, die zunehmend an ihnen und ihren Fragen vorbeischreiben, Unterhosen statt Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten beleuchten und ihnen beim Konflikt in der Ukraine vormachen, Putin sei der alleinige Aggressor und der Westen werde attackiert und eingekreist.
Ich habe als Korrespondent des Handelsblatts sechs Jahre lang in China eine Gesellschaft kennengelernt, die von einer immensen Vertrauenskrise heimgesucht wird, in der es keine Institutionen zwischen der Familie und dem Staat gibt, die Individuen und Firmen schützen und dem Recht zum Durchbruch verhelfen könnten.
Das Resultat ist eine Gesellschaft, deren Mitglieder außerhalb der vier privaten Wände kaum jemandem über den Weg trauen. Wir sind auf dem Weg dorthin, wenn das Vertrauen in unsere Institutionen – von Parteien, über die Regierung, bis hin zu Gewerkschaften, Medien und das Gerichtswesen – weiter implodiert.
Immer mehr Menschen haben jedoch das Gefühl, sie werden ausgequetscht, ignoriert, vieler Optionen beraubt und an die Wand gefahren – zum Beispiel von Notenbanken, die sie mit Mini-Zinsen schleichend enteignen.
Oder von Parteien, die einen korrupten Ex-Premier aus Luxemburg zum EU-Kommissions-Präsidenten küren, der für ein machthungriges und zentralisiertes Bürokraten-Europa steht, das immer weniger Menschen wollen, und der mit Hunderten von Firmen Ministeuern ausgehandelt hat, während der Fiskus quer durch den Kontinent Jagd auf private Steuerzahler macht und immer mehr die Daumenschrauben anzieht.
Wo sind die Perspektiven, wenn man eine wirtschaftliche Dauerkrise erlebt und den Institutionen nicht mehr trauen kann? – Und wenn gegen die wirtschaftliche Dauerkrise außer Geldpumpen kaum etwas unternommen wird? Neben sozialer Spaltung, Vertrauenskrise, schleichender Enteignung und erodierenden Arbeitsmärkten, in denen Billigjobs regieren, sehen wir auch unsere finanzielle Zuversicht schwinden.
Bei jungen Menschen ist die Arbeitslosigkeit in Europa doppelt so hoch wie am Arbeitsmarkt insgesamt. Und das seit Jahren. Und ohne anhaltenden Aufschrei.
Das Berufsleben beginnt für Millionen von Menschen mit einem verheerenden Fehlstart. Doch statt täglich darüber zu berichten – und zu beklagen, dass eine ganze Generation weggeworfen wird – berichten Zeitungen über die Konjunktur bei Unterwäsche. Wir sind in Europa eine Gesellschaft geworden, in der man bis 30 keinen festen Arbeitsplatz bekommt – oft genug auch danach nicht – und ab 40 keine Hypothek mehr, um ein Haus zu bauen oder eine Wohnung zu kaufen.
Die Daily Mail hat das in dieser Woche thematisiert. Demnach werden immer mehr Kreditanträge von Bankkunden abgelehnt, die Ende 30 oder Anfang 40 sind, weil bei dem herrschenden Kreditregime viele von ihnen bis ins Rentenalter tilgen müssten. Und das ist den Banken zu unsicher.
Die Geldmanager reden sich damit heraus, dass sie strengere Kapitalvorschriften hätten. Diese Zügel wurden ihnen nach der Finanzkrise von 2008 angelegt, nachdem sie die gesamte Welt in ein Spielkasino verwandelt hatten und von den Steuerzahlern – gegen deren Willen – gerettet wurden.
Jetzt »belohnen« sie uns mit strengerer Kreditvergabe in den wenigen Jahren, die zwischen Arbeitslosigkeit nach dem Studium und dem Aufbau einer Familie liegen. Wer sich durch diese Mühle nicht erfolgreich hindurchmogelt, wird dann eben später per Negativzins, höhere Steuern (aber nicht für Firmen), erodierende Aussichten auf eine Festanstellung und die steigende Wahrscheinlichkeit, auch mit 70 Jahren noch irgendwie Geld verdienen zu müssen, zermürbt.
Wundert sich da noch jemand, dass Proteste zunehmen, die Wut gegen die Leitmedien, die Institutionen und die politische Kaste wächst? Bei jüngeren Protesten wie der PEGIDA-Bewegung in Dresden, Demonstrationen gegen Flüchtlingsheime, und auch den Protesten in dieser Woche in Ferguson, wurden Journalisten der großen Medien attackiert.
Das ist falsch und darf nicht sein, wir brauchen diesen Berufsstand für die Demokratie. Aber dass solche Wut aufkeimt, lässt sich nachvollziehen.
Die Gründe für diese Polarisierung und Wut sind bekannt: Die schleichende Zerstörung der Mittelschicht, die Entwertung von Geld und Ersparnissen, horrende Steuer-Ungerechtigkeit, fehlende Strategien gegen die europäische Dauerkrise, wachsende Flüchtlingszahlen und Überfremdung, der enorme Einfluss von Firmen und Banken auf die Volksvertreter, hohe Preise für Nahrung und Energie dank grassierender Spekulation sowie die eskalierende Geldschwemme, die uns immer höhere Rechnungen beschert.
Eine ehrliche Versteuerung auch für Firmen könnte in einigen Ländern auf einen Schlag die Defizite in den laufenden Budgets eliminieren. Das hat uns der Ökonom Thomas Piketty vorgerechnet.
Doch selbst diesem angesehenen Wissenschaftler blies wegen seiner unangenehmen Thesen über die klaffenden Einkommens- und Vermögensscheren eisiger Wind des Establishments ins Gesicht. Statt die Ursachen für seinen Befund zu erforschen, wurden die Zahlen, die er präsentierte, angezweifelt.
So lange es bei ideologisch motivierten Hinrichtungen, manipulierten Nachrichten und korrupten Eliten bleibt, sieht es kaum nach Besserung aus. Jean-Claude Juncker in Brüssel abzusetzen, wäre zum Beispiel ein glaubwürdiger Anfang.
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