Bielefeld

Ich habe ein bißchen mit mir gerungen. Schreibe ich jetzt auch mal etwas zu Bielefeld?
Gerade hat Arminia, der Drittligist, drei Erstligavereine hinter sich gelassen und das Halbfinale des DFB-Pokals erreicht. Das war offensichtlich mal wieder Grund genug für diverse Zeitungen, Blogs, etc., etwas zu dieser Stadt, die es doch gar nicht gibt (hahaha ha ha…), zu schreiben. Die besseren von ihnen haben sich nicht lange mit dieser unsäglichen Geschichte, die vor langer, sehr langer Zeit aufhörte, lustig zu sein, befasst, sondern eher mit provinzieller Durchschnittlichkeit. Immerhin.
Also: ich nun auch? Es ist schon alles geschrieben worden. Andererseits: würde ich hier nur schreiben wollen, was noch niemand vor mir schrieb, so könnte man auf dieser Seite nur noch vereinzelte Steppenläufer vorbeirollen sehen.

Direkt mal als erstes: Ich mag Bielefeld!

Ich mag Bielefeld wirklich und ich mochte es schon immer. Als Jugendliche haben mich die anderen wahnsinnig genervt, die immer davon sprachen, wie froh sie sind, wenn sie denn endlich Schule und Elternhaus und damit auch Bielefeld entfliehen könnten. Ab in eine richtige Großstadt, das wollten sie immer alle. Nach Köln oder Berlin, später dann auch Hamburg, Frankfurt, München. Oder „egal, Hauptsache Ruhrgebiet, da gibt es alles“. Oder wenigstens nach Münster, das ist zwar kleiner als Bielefeld, aber sooooo viel cooler.
Achja, so richtig habe ich nie verstanden, was sie glaubten, dort zu finden, was so viel besser sein sollte. Aber vielleicht war ich dafür auch schon zu provinziell. Ein Durchschnittsbürger, der mit dem zufrieden ist, was er hat.
Mag sein. Nach meinen später gemachten Erfahrungen tendiere ich aber eher dazu, dass die anderen einfach keine Ahnung hatten.

Gerade das, was Jugendliche in anderen Großstädten am tollsten fanden und vermutlich noch immer finden ist das Nachtleben. Szenekneipen. Konzerte. Parties. Woah! Und das alles in einer Stadt. Nicht so wie in Bielefeld, wo selbst nur so mittelmäßig viel los ist, man im Bestfall in eine der umliegenden Großdiscotheken, nicht selten aber ein bis anderthalb Stunden bis Hannover, Dortmund, Münster fahren muss. Puh. So lange Fahrwege. Lieber nach Berlin! Da gibt es alles in einer Stadt! Da sind die Wege viel kürzer! … Na, merkste was? Nicht? Dann schau dir jetzt mal die schon vor Lachen am Boden liegenden Berliner an. Kurze Wege am Arsch.

Ganz ehrlich: klar kann man in vielen Großstädten Stadtteile oder zumindest Viertel finden, in denen steppt der Bär Tag und Nacht. Ein bißchen so, wie es der Bielefelder Westen rund um den Siegfriedsplatz gerne mal gehabt hätte. Aber da muss man erstmal landen. Und dann auch noch bleiben wollen.

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass all diese Städte tolle Gegenden haben und das eine oder andere bieten können. Aber Bielefeld eben auch. Und an dieser Stelle möchte ich gar nicht auf die Uni eingehen oder den erfolgreichen Mittelstand, wie es schon so viele vor mir – zu Recht – getan haben. Sondern auf die kleinen Details. Auf das, was man vielleicht erst so richtig begreift, wenn man hier wirklich Fuß gefasst hat:

Bielefeld ist die perfekte Mischung aus Großstadt und Dorf. Es ist weitläufig, du kannst weit weg von der Innenstadt sein, wenn du möchtest. Es bietet eine gewisse Anonymität. Wenn dein Nachbar dich betrunken von einer Uniparty kommen sieht, wird er das nicht gleich deiner zwei Straßen weiter wohnenden Mutter erzählen, die er noch aus Schulzeiten kennt. Aber es ist irgendwie doch klein genug, dass du niemals auf eine Party gehen wirst, von der du glaubst, nur eine Person (im besten Fall den Gastgeber) zu kennen und dann wirklich nur eine dir bekannte Person treffen. Niemals. Jedenfalls nicht, wenn du nicht erst letzte Woche zugezogen bist.

Wenn du allerdings erst letzte Woche zugezogen bist, wirst du eventuell denken „ich werde hier niemals jemanden kennenlernen“. Richtig. Wir, die wir hier schon eine Weile wohnen, wir brauchen keine neuen Freunde. Und da wir keine neuen Freunde brauchen, gibt es auch keinen Grund, mit Fremden mehr als nötig zu reden. Jaaaa, wir sind nicht das, was man auf den ersten Blick als offen und liebenswert bezeichnet. Aber warte es nur ab! Wenn wir uns öfter zufällig treffen, immer wieder ein paar Worte wechseln, hier und da Gemeinsamkeiten entdecken, dann wird es passieren und du wirst Bielefelder Freunde haben. Und dann kannst du dir eigentlich schon einen Friedhofsplatz in der Gegend aussuchen. Nicht, weil du ihn bald brauchen wirst, sondern weil du ihn nirgendwo anders mehr brauchen wirst. Du hast nämlich gerade Freunde für’s Leben gefunden – wenn du dich nicht ganz blöd anstellst. Das ist der Vorteil an einer Stadt, in der eben alles nicht so schnelllebig ist: die Menschen ziehen nicht so viel umher, Freundschaften brauchen zwar, bis sie entstehen, aber dann bleiben sie. Und wir sind recht ehrlich, was das angeht. Ein bißchen wie der Gegenentwurf zum „Hiiiiiii, how are youuuu“-Amerikaner. Vielleicht nehmen wir es deswegen Menschen auch ein bißchen übel, die uns wieder den Rücken kehren und in eine andere Stadt ziehen…

Es gibt nur eine Sorte Menschen, die uns liebend gerne den Rücken kehren darf. Das sind Nazis. Obwohl Bielefeld nicht gerade ultra links ist – CDU und SPD wechseln sich regelmäßig im Bürgermeisteramt ab – so wurden hier doch recht erfolgreich alle Nazizusammenrottungen vertrieben. Klar gibt es einzelne, aber die passen schon auf, dass sie nicht so schnell als eben solche erkannt werden. Und es werden auch mal Nazidemos veranstaltet, die Teilnehmer müssen aber immer mit dem Zug anreisen und je nach Lust und Laune der Polizei kann dann auch am Bahnhof direkt schon wieder Schluss sen. Das macht mehr aus, als man auf den ersten Blick denkt. Die Atmosphäre ist einfach irgendwie entspannter.

Achja, ich mag mein entspanntes Bielefeld. Nicht zu viel Wirbel, aber immer mal was los und für jeden was dabei.

Für Menschen mit Behinderung übrigens auch. Für die gibt es direkt einen eigenen Stadtteil. Mehr oder weniger jedenfalls. Auch das gehört vermutlich zu den Dingen, die viele wissen, aber deren Auswirkung man nur versteht, wenn man es erlebt. Menschen mit Behinderungen gehören zum Bielefelder Stadtbild dazu (umso erstaunlicher übrigens der noch immer bestehende Mangel an Barrierefreiheit an vielen Stellen, aber das ist ein anderes Thema), das betrifft geistige wie körperliche Behinderungen. Und ob es nun jemand ist, der sich über jede einfahrende U-Bahn freut wie andere über einen Lottogewinn oder ein falscher Polizist, der den Verkehr regelt – wir wissen, dass uns das amüsieren darf und wir diese Menschen doch respektvoll zu behandeln haben. Gut, seien wir ehrlich, nicht alle wissen das, aber wohl doch mehr als anderswo. Und ich glaube, das führt zu einer allgemeineren Offenheit gegenüber Anderem. Auch nicht bei allen, siehe CDU-Wahlergebnisse, aber bei vielen, siehe Nazivertreibung.

Ich jedenfalls sehe in Bielefeld einen wunderbaren Ort zum Leben, zum Arbeiten, zum Freundefinden und Kinderaufziehen. Alles in allem: Ich glaub‘ hier bleib‘ ich. Und wenn es mal etwas anderes sein soll, na dann kann ich doch immer noch einen Städtekurztrip machen. Nach Köln oder Berlin, Hamburg, Frankfurt, München, Münster… oder neuerdings Leipzig. Aber wegziehen? Was würden meine Freunde sagen?! Und was mache ich mit der Friedhofsreservierung?!

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